Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 109: mātāpitṛgurupūjā Die Verehrung von Mutter, Vater und Lehrer als höchster Dharma

Yudhiṣṭhira fragt nach dem gewichtigsten unter den Dharmas; Bhīṣma nennt die Verehrung von Mutter, Vater und Lehrer, setzt sie den drei Welten, Veden und Opferfeuern gleich und betont den Vorrang des Lehrers sowie die Schwere der Sünde gegen sie.

yudhiṣṭhira uvāca; mahān ayaṃ dharmapatho bahuśākhaś ca bhārata; kiṃ svid eveha dharmāṇām anuṣṭheyatamaṃ matam

Yudhiṣṭhira sprach: „Groß ist dieser Pfad des Dharma und vielverzweigt, Bhārata; was gilt hier unter den Dharmas als das am meisten Auszuführende?“

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Nom.; 3.Sg.Perf.)
mahān ayaṃ dharmapatho
groß ist dieser Pfad des Dharma (Nom.Sg.m.; Kompositum)
bahuśākhaś ca bhārata
und vielverzweigt, Bhārata (Nom./Vok.)
kiṃ svid eva iha
was wohl hier (Interrogativ, Partikeln)
dharmāṇām anuṣṭheyatamaṃ matam
unter den Dharmas das am meisten Auszuführende, gilt (Gen.Pl./Superl. Gerundiv/Part.Pass.)

kiṃ kāryaṃ sarvadharmāṇāṃ garīyo bhavato matam; yathāyaṃ puruṣo dharmam iha ca pretya cāpnuyāt

„Was ist zu tun, was gilt dir als das Gewichtigste unter allen Dharmas, sodass dieser Mensch hier und nach dem Tode Dharma erlangen möge?“

Wort für Wort
kiṃ kāryaṃ
was ist zu tun (Nom.n.; Gerundiv)
sarvadharmāṇāṃ garīyo
unter allen Dharmas das Gewichtigere/Gewichtigste (Gen.Pl./Kompar.)
bhavato matam
gilt dir/deine Ansicht (Gen.Sg./Part.Pass.)
yathāyaṃ puruṣo
sodass dieser Mensch (Konj./Nom.Sg.)
dharmam iha ca pretya ca āpnuyāt
Dharma hier und nach dem Tode erlangen möge (Akk.; Abs.; 3.Sg.Opt.)

bhīṣma uvāca; mātāpitror gurūṇāṃ ca pūjā bahumatā mama; atra yukto naro lokān yaśaś ca mahad aśnute

Bhīṣma sprach: „Die Verehrung von Mutter, Vater und Lehrern gilt mir als hochgeschätzt; wer hierauf verlegt ist, erlangt die Welten und großen Ruhm.“

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (3.Sg.Perf.)
mātāpitror gurūṇāṃ ca
von Mutter und Vater und der Lehrer (Gen.Du./Gen.Pl.)
pūjā bahumatā mama
die Verehrung ist hochgeschätzt bei mir (Nom.Sg.f./Gen.)
atra yukto naro
hierbei eingesetzt/hingegeben, der Mann (Lok./Part.Pass./Nom.)
lokān yaśaś ca mahad aśnute
Welten und großen Ruhm erlangt (Akk.Pl./Akk.Sg.n./3.Sg.Präs.Med.)

yad ete hy abhijānīyuḥ karma tāta supūjitāḥ; dharmyaṃ dharmaviruddhaṃ vā tat kartavyaṃ yudhiṣṭhira

„Was diese, wenn sie wohlverehrt sind, als Handlung gutheißen, mein Lieber, sei es dharmagemäß oder dem Dharma zuwider, das ist zu tun, Yudhiṣṭhira.“

Wort für Wort
yad ete hy abhijānīyuḥ
was diese ja gutheißen/anerkennen mögen (Rel./3.Pl.Opt.)
karma tāta supūjitāḥ
als Handlung, Lieber, wohlverehrt (Akk./Vok./Nom.Pl.m. Part.Pass.)
dharmyaṃ dharmaviruddhaṃ vā
dharmagemäß oder dharmawidrig (Akk.Sg.n.; Kompositum)
tat kartavyaṃ yudhiṣṭhira
das ist zu tun, Yudhiṣṭhira (Nom.n.; Gerundiv/Vok.)

na tair anabhyanujñāto dharmam anyaṃ prakalpayet; yam ete 'bhyanujānīyuḥ sa dharma iti niścayaḥ

„Ohne ihre Erlaubnis soll man keinen anderen Dharma ersinnen; was diese billigen, das ist Dharma – das ist die feste Gewissheit.“

Wort für Wort
na tair anabhyanujñāto
nicht von ihnen ohne Zustimmung (Instr.Pl./Nom.Sg.m. Part.Pass. mit a-)
dharmam anyaṃ prakalpayet
einen anderen Dharma ersinnen soll man (Akk./3.Sg.Opt.Kaus.)
yam ete 'bhyanujānīyuḥ
was diese billigen mögen (Rel.Akk./3.Pl.Opt.)
sa dharma iti niścayaḥ
das ist Dharma, so die Gewissheit (Nom./Nom.Sg.m.)

eta eva trayo lokā eta evāśramās trayaḥ; eta eva trayo vedā eta eva trayo 'gnayaḥ

Diese allein sind die drei Welten, diese allein die drei Lebensstufen, diese allein die drei Veden, diese allein die drei Feuer.

Wort für Wort
eta eva trayo lokā
diese allein [sind] die drei Welten (Nom.Pl.m.)
eta eva āśramās trayaḥ
diese allein die drei Lebensstufen (Nom.Pl.)
eta eva trayo vedā
diese allein die drei Veden (Nom.Pl.)
eta eva trayo 'gnayaḥ
diese allein die drei Feuer (Nom.Pl.m.)

pitā hy agnir gārhapatyo mātāgnir dakṣiṇaḥ smṛtaḥ; gurur āhavanīyas tu sāgnitretā garīyasī

Der Vater ist das Gārhapatya-Feuer, die Mutter gilt als das südliche Feuer (Dakṣiṇa); der Lehrer aber ist das Āhavanīya; diese Feuerdreiheit ist die gewichtigste.

Wort für Wort
pitā hy agnir gārhapatyo
der Vater ist ja das Gārhapatya-Feuer (Nom.Sg.m.)
mātā agnir dakṣiṇaḥ smṛtaḥ
die Mutter [gilt als] das südliche Feuer, überliefert (Nom.f./Part.Pass.)
gurur āhavanīyas tu
der Lehrer aber [ist] das Āhavanīya (Nom.Sg.m.)
sā agnitretā garīyasī
diese Feuerdreiheit ist gewichtiger (Nom.Sg.f.; Kompar. f.)

sāgnitretā garīyasī: „sā agnitretā“ (diese Feuerdreiheit) gelesen; der Komparativ garīyasī steht wörtlich für „gewichtiger“.

triṣv apramādyann eteṣu trīṃl lokān avajeṣyasi; pitṛvṛttyā tv imaṃ lokaṃ mātṛvṛttyā tathāparam; brahmalokaṃ guror vṛttyā nityam eva cariṣyasi

Wenn du bei diesen dreien nicht nachlässig bist, wirst du die drei Welten gewinnen: durch das Verhalten gegenüber dem Vater diese Welt, durch das Verhalten gegenüber der Mutter die jenseitige, die Brahma-Welt aber wirst du durch das Verhalten gegenüber dem Lehrer stets [erreichen] [?].

Wort für Wort
triṣv apramādyann eteṣu
bei diesen dreien nicht nachlässig seiend (Lok.Pl./Part.Präs.)
trīṃl lokān avajeṣyasi
die drei Welten wirst du gewinnen (Akk.Pl./2.Sg.Fut.)
pitṛvṛttyā tv imaṃ lokaṃ
durch das Verhalten gegen den Vater aber diese Welt (Instr.Sg.f./Akk.)
mātṛvṛttyā tathāparam
durch das Verhalten gegen die Mutter ebenso die andere (Instr.Sg.f./Akk.)
brahmalokaṃ guror vṛttyā
die Brahma-Welt durch das Verhalten gegen den Lehrer (Akk./Gen.Sg./Instr.)
nityam eva cariṣyasi
stets wirst du [sie] durchwandern (Adv./2.Sg.Fut.)

brahmalokaṃ … cariṣyasi: cariṣyasi mit Akkusativ als „durchwandern, erreichen“ aufgefasst.

samyag eteṣu vartasva triṣu lokeṣu bhārata; yaśaḥ prāpsyasi bhadraṃ te dharmaṃ ca sumahāphalam

„Verhalte dich recht gegenüber diesen dreien in den drei Welten, Bhārata; du wirst Ruhm erlangen, Heil dir, und Dharma von sehr großer Frucht.“

Wort für Wort
samyag eteṣu vartasva
recht verhalte dich bei diesen (Adv./Lok.Pl./2.Sg.Imp.Med.)
triṣu lokeṣu bhārata
in den drei Welten, Bhārata (Lok.Pl./Vok.)
yaśaḥ prāpsyasi
Ruhm wirst du erlangen (Akk./2.Sg.Fut.)
bhadraṃ te
Heil dir (Nom.n./Dat.)
dharmaṃ ca sumahāphalam
und Dharma von sehr großer Frucht (Akk.; Kompositum)

naitān atiśayej jātu nātyaśnīyān na dūṣayet; nityaṃ paricarec caiva tad vai sukṛtam uttamam; kīrtiṃ puṇyaṃ yaśo lokān prāpsyase ca janādhipa

„Man soll diese niemals übertreffen, nicht mehr essen als sie und sie nicht schmähen; stets soll man ihnen dienen, das ist wahrlich das höchste gute Werk; Ruhm, Verdienst, Ansehen und Welten wirst du erlangen, Herrscher der Menschen.“

Wort für Wort
na etān atiśayet jātu
diese soll man niemals übertreffen (Akk.Pl./3.Sg.Opt./Adv.)
na atyaśnīyān
nicht übermäßig essen soll man (3.Sg.Opt.)
na dūṣayet
nicht schmähen soll man (3.Sg.Opt.Kaus.)
nityaṃ paricaret ca eva
und stets soll man bedienen (Adv./3.Sg.Opt.)
tad vai sukṛtam uttamam
das ist wahrlich das höchste gute Werk (Nom.Sg.n.)
kīrtiṃ puṇyaṃ yaśo lokān
Ruhm, Verdienst, Ansehen, Welten (Akk.)
prāpsyase ca janādhipa
und wirst erlangen, Herrscher der Menschen (2.Sg.Fut.Med./Vok.)

nātyaśnīyān: auch „nicht vor ihnen zu viel essen“ möglich.

sarve tasyādṛtā lokā yasyaite traya ādṛtāḥ; anādṛtās tu yasyaite sarvās tasyāphalāḥ kriyāḥ

Alle Welten sind von dem geehrt, von dem diese drei geehrt sind; wem diese aber ungeehrt sind, dessen Handlungen sind alle fruchtlos.

Wort für Wort
sarve tasya ādṛtā lokā
alle Welten sind von ihm geehrt (Nom.Pl./Gen./Part.Pass.)
yasya ete traya ādṛtāḥ
dessen diese drei geehrt sind (Gen.Rel./Nom.Pl.)
anādṛtās tu yasya ete
ungeehrt aber wessen diese (Nom.Pl.m.)
sarvās tasya aphalāḥ kriyāḥ
alle seine Handlungen sind fruchtlos (Nom.Pl.f.)

naivāyaṃ na paro lokas tasya caiva paraṃtapa; amānitā nityam eva yasyaite guravas trayaḥ

Weder diese noch die jenseitige Welt gehört ihm, Bezwinger der Feinde, bei wem diese drei Lehrer beständig ungeehrt bleiben.

Wort für Wort
na eva ayaṃ na paro lokas
weder diese noch die andere Welt (Nom.Sg.m.)
tasya ca eva
und ihm [gehört] (Gen.)
paraṃtapa
Bezwinger der Feinde (Vok.)
amānitā nityam eva
Ungeehrtheit beständig (Nom.Sg.f./Adv.)
yasya ete guravas trayaḥ
bei wem diese drei Lehrer (Gen.Rel./Nom.Pl.)

amānitā ist Abstraktum („Ungeehrtheit“); wörtlich: „bei wem Nichtehrung dieser drei Lehrer beständig [besteht]“.

na cāsmin na pare loke yaśas tasya prakāśate; na cānyad api kalyāṇaṃ pāratraṃ samudāhṛtam

Weder in dieser noch in der jenseitigen Welt leuchtet sein Ruhm auf; auch kein anderes Heil, das als jenseitig verkündet wird, [gibt es für ihn].

Wort für Wort
na ca asmin na pare loke
weder in dieser noch in der anderen Welt (Lok.Sg.)
yaśas tasya prakāśate
sein Ruhm leuchtet auf (Nom.Sg.n./3.Sg.Präs.Med.)
na ca anyad api kalyāṇaṃ
auch kein anderes Heil (Nom.Sg.n.)
pāratraṃ samudāhṛtam
als jenseitig verkündet (Nom.n./Part.Pass.)

tebhya eva tu tat sarvaṃ kṛtyayā visṛjāmy aham; tad āsīn me śataguṇaṃ sahasraguṇam eva ca; tasmān me saṃprakāśante trayo lokā yudhiṣṭhira

„Ihnen allein entlasse ich all das durch [meinen] Dienst zurück [?]; das wurde mir hundertfach und tausendfach; darum leuchten mir die drei Welten auf, Yudhiṣṭhira.“

Wort für Wort
tebhya eva tu tat sarvaṃ
ihnen allein aber all das (Abl./Dat.Pl./Akk.)
kṛtyayā visṛjāmy aham
durch Dienst/Tat entlasse ich (Instr.Sg.f./1.Sg.Präs.)
tad āsīn me śataguṇaṃ
das wurde mir hundertfach (3.Sg.Impf./Dat./Gen.)
sahasraguṇam eva ca
und tausendfach (Nom.Sg.n.)
tasmān me saṃprakāśante
darum leuchten mir auf (Abl./3.Pl.Präs.Med.)
trayo lokā yudhiṣṭhira
die drei Welten, Yudhiṣṭhira (Nom.Pl./Vok.)

visṛjāmi kṛtyayā: Sinn unsicher („durch Pflichterfüllung/Dienst zurückgeben, entrichten“).

daśaiva tu sadācāryaḥ śrotriyān atiricyate; daśācāryān upādhyāya upādhyāyān pitā daśa

Ein guter Lehrer (Ācārya) übertrifft nur zehn Śrotriyas; zehn Ācāryas [übertrifft] ein Upādhyāya; zehn Upādhyāyas der Vater.

Wort für Wort
daśa eva tu sadācāryaḥ
zehn nur aber ein guter Lehrer (Nom.Sg.m.)
śrotriyān atiricyate
Śrotriyas übertrifft (Akk.Pl./3.Sg.Präs.Pass./Med.)
daśa ācāryān upādhyāya
zehn Ācāryas der Upādhyāya (Akk.Pl./Nom.Sg.)
upādhyāyān pitā daśa
zehn Upādhyāyas der Vater (Akk.Pl./Nom.Sg.)

pitṝn daśa tu mātaikā sarvāṃ vā pṛthivīm api; gurutvenābhibhavati nāsti mātṛsamo guruḥ; gurur garīyān pitṛto mātṛtaś ceti me matiḥ

Zehn Väter aber übertrifft die Mutter allein, ja die ganze Erde, an Gewicht; es gibt keinen Lehrer, der der Mutter gleichkäme; der Lehrer ist gewichtiger als Vater und Mutter, das ist meine Ansicht.

Wort für Wort
pitṝn daśa tu mātā ekā
zehn Väter aber [übertrifft] die Mutter allein (Akk.Pl./Nom.Sg.f.)
sarvāṃ vā pṛthivīm api
oder sogar die ganze Erde (Akk.Sg.f.)
gurutvena abhibhavati
an Gewicht übertrifft sie (Instr.Sg.n./3.Sg.Präs.)
na asti mātṛsamo guruḥ
es gibt keinen der Mutter gleichen Lehrer (Nom.Sg.m.)
gurur garīyān pitṛto mātṛtaś ca
der Lehrer ist gewichtiger als Vater und Mutter (Nom./Kompar./Abl.)
iti me matiḥ
so ist meine Ansicht (Nom.Sg.f.)

ubhau hi mātāpitarau janmani vyupayujyataḥ; śarīram etau sṛjataḥ pitā mātā ca bhārata; ācāryaśiṣṭā yā jātiḥ sā divyā sājarāmarā

Beide, Mutter und Vater, sind nur bei der Geburt von Nutzen; den Körper erschaffen diese beiden, Vater und Mutter, Bhārata; die vom Ācārya unterwiesene Geburt aber ist göttlich, alterslos und unsterblich.

Wort für Wort
ubhau hi mātāpitarau
beide ja, Mutter und Vater (Nom.Du.)
janmani vyupayujyataḥ
bei der Geburt sind nützlich (Lok./3.Du.Pass.)
śarīram etau sṛjataḥ
den Körper erschaffen diese beiden (Akk./Nom.Du./3.Du.Präs.)
pitā mātā ca bhārata
Vater und Mutter, Bhārata (Nom./Vok.)
ācāryaśiṣṭā yā jātiḥ
die vom Ācārya unterwiesene Geburt (Nom.Sg.f./Part.Pass.)
sā divyā sājarāmarā
die ist göttlich, alterslos, unsterblich (Nom.Sg.f.)

avadhyā hi sadā mātā pitā cāpy apakāriṇau; na saṃduṣyati tat kṛtvā na ca te dūṣayanti tam; dharmāya yatamānānāṃ vidur devāḥ saharṣibhiḥ

Mutter und Vater sind stets unantastbar, auch wenn beide Schaden zufügen; man wird dadurch nicht schuldig, wenn man [es so trägt], und sie beschuldigen ihn nicht; für die, die sich um Dharma bemühen, wissen es die Götter samt den Ṛṣis [?].

Wort für Wort
avadhyā hi sadā mātā
unantastbar ja stets die Mutter (Nom.Sg.f.)
pitā ca api apakāriṇau
und der Vater, auch wenn beide Schaden tun (Nom./Nom.Du.)
na saṃduṣyati tat kṛtvā
er wird nicht schuldig, nachdem er das getan (3.Sg.Präs./Abs.)
na ca te dūṣayanti tam
und sie beschuldigen ihn nicht (3.Pl.Präs.Kaus./Akk.)
dharmāya yatamānānāṃ
für die, die sich um Dharma bemühen (Dat./Gen.Pl.Part.Präs.Med.)
vidur devāḥ saharṣibhiḥ
wissen die Götter mit den Ṛṣis (3.Pl.Perf./Nom./Instr.)

Zweiter und dritter Pāda syntaktisch knapp; Bezug von „tat kṛtvā“ und dem Objekt von „vidur“ unsicher.

ya āvṛṇoty avitathena karṇāv; ṛtaṃ bruvann amṛtaṃ saṃprayacchan; taṃ vai manye pitaraṃ mātaraṃ ca; tasmai na druhyet kṛtam asya jānan

Wer die Ohren mit Unfehlbarem erfüllt, Wahrheit sprechend, Unsterbliches gebend – den halte ich für Vater und Mutter; gegen ihn soll man nicht feindlich sein, wenn man weiß, was er [für einen] getan hat.

Wort für Wort
ya āvṛṇoty avitathena karṇāv
wer die beiden Ohren mit Unfehlbarem bedeckt/erfüllt (Rel./3.Sg.Präs./Instr./Akk.Du.)
ṛtaṃ bruvann amṛtaṃ saṃprayacchan
Wahrheit sprechend, Unsterbliches schenkend (Akk./Part.Präs.)
taṃ vai manye pitaraṃ mātaraṃ ca
den halte ich wahrlich für Vater und Mutter (Akk./1.Sg.Präs.Med.)
tasmai na druhyet
gegen ihn soll man nicht feindlich sein (Dat./3.Sg.Opt.)
kṛtam asya jānan
sein Getanes/Werk wissend (Akk.Sg.n./Gen./Part.Präs.)

vidyāṃ śrutvā ye guruṃ nādriyante; pratyāsannaṃ manasā karmaṇā vā

Die, welche nach dem Hören von Wissen den Lehrer nicht achten, der ihnen nahesteht, in Gedanken oder in der Tat,

Wort für Wort
vidyāṃ śrutvā
Wissen gehört habend (Akk.Sg.f./Abs.)
ye guruṃ na ādriyante
die den Lehrer nicht achten (Rel.Nom.Pl./Akk./3.Pl.Präs.Med.)
pratyāsannaṃ manasā
den nahen, mit dem Geist (Akk.Sg.m. Part.Pass./Instr.)
karmaṇā vā
oder durch Tat (Instr./Part.)

Satz setzt sich in den folgenden Einheiten fort.

teṣāṃ pāpaṃ bhrūṇahatyāviśiṣṭaṃ; na cāsya tad brahmaphalaṃ dadāti

Deren Sünde ist schlimmer als Embryonenmord; und diesem [Schüler] gibt jenes [Wissen] nicht die Frucht des Brahman.

Wort für Wort
teṣāṃ pāpaṃ
deren Sünde (Gen.Pl./Nom.Sg.n.)
bhrūṇahatyāviśiṣṭaṃ
ausgezeichnet/übertreffend den Embryonenmord (Nom.Sg.n.; Kompositum)
na ca asya tad
und nicht diesem jenes (Dat./Gen./Nom.n.)
brahmaphalaṃ dadāti
Frucht des Brahman gibt (Akk.Sg.n./3.Sg.Präs.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage. Subjekt von dadāti unklar; hier das Wissen (vidyā) ergänzt. bhrūṇahatyā: Tötung eines Embryos, auch als Tötung eines gelehrten Brahmanen verstanden.

yathaiva te gurubhir bhāvanīyās; tathā teṣāṃ guravo 'py arcanīyāḥ

So wie diese [Lehrer] von ihren Lehrern zu achten sind, so sind auch deren Lehrer von ihnen zu ehren.

Wort für Wort
yathā eva te gurubhir
so wie diese von ihren Lehrern (Nom.Pl./Instr.Pl.)
bhāvanīyās
zu achten/zu pflegen sind (Nom.Pl.m.; Gerundiv)
tathā teṣāṃ guravo 'pi
so auch deren Lehrer (Gen.Pl./Nom.Pl.)
arcanīyāḥ
zu ehren sind (Nom.Pl.m.; Gerundiv)

tasmāt pūjayitavyāś ca saṃvibhajyāś ca yatnataḥ; guravo 'rcayitavyāś ca purāṇaṃ dharmam icchatā

Darum sind die Lehrer mit Bemühung zu verehren, mit [ihnen] zu teilen und zu ehren von dem, der den alten Dharma wünscht.

Wort für Wort
tasmāt pūjayitavyāś ca
darum sind zu verehren (Abl./Gerundiv Nom.Pl.)
saṃvibhajyāś ca yatnataḥ
und zu beteiligen/mit ihnen zu teilen, mit Sorgfalt (Gerundiv/Adv.)
guravo 'rcayitavyāś ca
die Lehrer und zu ehren (Nom.Pl./Gerundiv)
purāṇaṃ dharmam icchatā
von dem, der den alten Dharma wünscht (Akk./Instr.Sg.m. Part.Präs.)

yena prītāś ca pitaras tena prītaḥ pitāmahaḥ; prīṇāti mātaraṃ yena pṛthivī tena pūjitā

Womit man die Väter erfreut, damit ist der Großvater erfreut; womit man die Mutter erfreut, damit ist die Erde geehrt.

Wort für Wort
yena prītāś ca pitaras
wodurch erfreut die Väter (Instr.Rel./Nom.Pl.m. Part.Pass.)
tena prītaḥ pitāmahaḥ
dadurch ist erfreut der Großvater (Instr./Nom.Sg.)
prīṇāti mātaraṃ yena
erfreut man die Mutter wodurch (3.Sg.Präs./Akk./Instr.)
pṛthivī tena pūjitā
die Erde ist dadurch geehrt (Nom.Sg.f.)

yena prīṇāty upādhyāyaṃ tena syād brahma pūjitam; mātṛtaḥ pitṛtaś caiva tasmāt pūjyatamo guruḥ; ṛṣayaś ca hi devāś ca prīyante pitṛbhiḥ saha

Womit man den Upādhyāya erfreut, damit sei das Brahman geehrt; darum ist der Lehrer verehrungswürdiger als Mutter und Vater; und Ṛṣis und Götter freuen sich zusammen mit den Vätern.

Wort für Wort
yena prīṇāty upādhyāyaṃ
wodurch man den Upādhyāya erfreut (Instr./3.Sg.Präs./Akk.)
tena syād brahma pūjitam
dadurch sei das Brahman geehrt (3.Sg.Opt./Nom.n./Part.Pass.)
mātṛtaḥ pitṛtaś caiva
als Mutter und als Vater (Abl.-Adv.)
tasmāt pūjyatamo guruḥ
darum ist der Lehrer am verehrungswürdigsten (Abl./Superl.)
ṛṣayaś ca hi devāś ca
Ṛṣis und Götter (Nom.Pl.)
prīyante pitṛbhiḥ saha
freuen sich zusammen mit den Vätern (3.Pl.Präs.Pass./Med./Instr.)

pūjyamāneṣu guruṣu tasmāt pūjyatamo guruḥ

Wenn die Lehrer verehrt werden, darum ist der Lehrer am verehrungswürdigsten.

Wort für Wort
pūjyamāneṣu guruṣu
wenn die Lehrer verehrt werden (Lok.Abs.Pl.)
tasmāt pūjyatamo guruḥ
darum ist der Lehrer am verehrungswürdigsten (Abl./Superl./Nom.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage, verkürzt und syntaktisch knapp.

na kena cana vṛttena hy avajñeyo gurur bhavet; na ca mātā na ca pitā tādṛśo yādṛśo guruḥ

Durch keinerlei Verhalten darf der Lehrer missachtet werden; weder Mutter noch Vater sind von der Art, wie der Lehrer es ist.

Wort für Wort
na kena cana vṛttena
durch keinerlei Verhalten (Instr.Sg.n.)
hy avajñeyo gurur bhavet
darf missachtet werden der Lehrer (Gerundiv/Nom./3.Sg.Opt.)
na ca mātā na ca pitā
weder Mutter noch Vater (Nom.Sg.)
tādṛśo yādṛśo guruḥ
von der Art wie der Lehrer ist (Nom.Sg.m.)

na te 'vamānam arhanti na ca te dūṣayanti tam; gurūṇām eva satkāraṃ vidur devāḥ saharṣibhiḥ

Sie verdienen keine Geringschätzung, und sie beschuldigen ihn nicht; die Götter samt den Ṛṣis kennen [nur] die Ehrung der Lehrer.

Wort für Wort
na te 'vamānam arhanti
sie verdienen keine Geringschätzung (Nom.Pl./Akk.Sg./3.Pl.Präs.)
na ca te dūṣayanti tam
und sie beschuldigen ihn nicht (3.Pl.Präs.Kaus./Akk.)
gurūṇām eva satkāraṃ
nur die Ehrung der Lehrer (Gen.Pl./Akk.Sg.m.)
vidur devāḥ saharṣibhiḥ
kennen die Götter samt den Ṛṣis (3.Pl.Perf./Nom.Pl./Instr.)

upādhyāyaṃ pitaraṃ mātaraṃ ca; ye 'bhidruhyanti manasā karmaṇā vā; teṣāṃ pāpaṃ bhrūṇahatyāviśiṣṭaṃ; tasmān nānyaḥ pāpakṛd asti loke

Die, die Lehrer, Vater und Mutter in Gedanken oder in der Tat anfeinden – deren Sünde ist schlimmer als Embryonenmord; darum gibt es in der Welt keinen anderen Sünder [der schlimmer wäre].

Wort für Wort
upādhyāyaṃ pitaraṃ mātaraṃ ca
Lehrer, Vater und Mutter (Akk.Sg.)
ye 'bhidruhyanti
die anfeinden (Rel.Nom.Pl./3.Pl.Präs.)
manasā karmaṇā vā
mit dem Geist oder durch Tat (Instr.)
teṣāṃ pāpaṃ bhrūṇahatyāviśiṣṭaṃ
deren Sünde übertrifft den Embryonenmord (Gen.Pl./Nom.Sg.n.)
tasmān na anyaḥ pāpakṛd asti loke
darum gibt es keinen anderen Übeltäter in der Welt (Abl./Nom.Sg.m./Lok.)

bhṛto vṛddho yo na bibharti putraḥ; svayonijaḥ pitaraṃ mātaraṃ ca; tad vai pāpaṃ bhrūṇahatyāviśiṣṭaṃ; tasmān nānyaḥ pāpakṛd asti loke

Der Sohn, der [als] Genährter nicht den greisen Vater und die Mutter nährt, die ihm aus dem eigenen Schoß hervorgingen – das ist Sünde, die den Embryonenmord übertrifft; darum gibt es in der Welt keinen anderen Sünder [der schlimmer wäre].

Wort für Wort
bhṛto vṛddho yo na bibharti putraḥ
der Sohn, der als Genährter den Alten nicht nährt (Part.Pass./Nom./Rel./3.Sg.Präs./Nom.)
svayonijaḥ pitaraṃ mātaraṃ ca
aus dem eigenen Schoß geboren, Vater und Mutter (Nom./Akk.)
tad vai pāpaṃ bhrūṇahatyāviśiṣṭaṃ
das ist wahrlich Sünde, den Embryonenmord übertreffend (Nom.Sg.n.)
tasmān na anyaḥ pāpakṛd asti loke
darum gibt es keinen anderen Übeltäter in der Welt (Abl./Nom./Lok.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage. svayonijaḥ: hier als „aus deren eigenem Schoß geboren“ auf den Sohn bezogen; Bezug unsicher.

mitradruhaḥ kṛtaghnasya strīghnasya piśunasya ca; caturṇāṃ vayam eteṣāṃ niṣkṛtiṃ nānuśuśrumaḥ

Für den Freundesverräter, den Undankbaren, den Frauenmörder und den Verleumder – für diese vier haben wir keine Sühne gehört.

Wort für Wort
mitradruhaḥ kṛtaghnasya
des Freundesverräters, des Undankbaren (Gen.Sg.m.)
strīghnasya piśunasya ca
des Frauenmörders und des Verleumders (Gen.Sg.m.)
caturṇāṃ vayam eteṣāṃ
von diesen vieren wir (Gen.Pl./Nom.Pl.)
niṣkṛtiṃ na anuśuśrumaḥ
keine Sühne haben gehört (Akk.Sg.f./1.Pl.Perf.)

etat sarvam atideśena sṛṣṭaṃ; yat kartavyaṃ puruṣeṇeha loke; etac chreyo nānyad asmād viśiṣṭaṃ; sarvān dharmān anusṛtyaitad uktam

All dies ist in Kürze [?] dargelegt, was der Mensch in dieser Welt tun soll; dies ist das Beste, nichts anderes ist darüber hinaus ausgezeichnet; nach Erwägung aller Dharmas ist dies gesagt.

Wort für Wort
etat sarvam atideśena sṛṣṭaṃ
dies alles ist durch Verweis/in Kürze [?] hervorgebracht (Nom.Sg.n./Instr./Part.Pass.)
yat kartavyaṃ puruṣeṇa iha loke
was vom Menschen zu tun ist in dieser Welt (Rel./Gerundiv/Instr./Lok.)
etac chreyo na anyad
dies ist das Beste, nichts anderes (Nom.Sg.n.)
asmād viśiṣṭaṃ
ist darüber hinaus ausgezeichnet (Abl./Nom.Sg.n.)
sarvān dharmān anusṛtya
alle Dharmas erwogen habend (Akk.Pl./Abs.)
etad uktam
dies ist gesagt (Nom.Sg.n. Part.Pass.)

atideśena: unsicher, etwa „durch Verweisung, in Ausdehnung/in Kürze“.

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