Kapitel 109: mātāpitṛgurupūjā
Die Verehrung von Mutter, Vater und Lehrer als höchster Dharma
Yudhiṣṭhira fragt nach dem gewichtigsten unter den Dharmas; Bhīṣma nennt die Verehrung von Mutter, Vater und Lehrer, setzt sie den drei Welten, Veden und Opferfeuern gleich und betont den Vorrang des Lehrers sowie die Schwere der Sünde gegen sie.
pitā hy agnir gārhapatyo mātāgnir dakṣiṇaḥ smṛtaḥ; gurur āhavanīyas tu sāgnitretā garīyasī
Der Vater ist das Gārhapatya-Feuer, die Mutter gilt als das südliche Feuer (Dakṣiṇa); der Lehrer aber ist das Āhavanīya; diese Feuerdreiheit ist die gewichtigste.
Wort für Wort
pitā hy agnir gārhapatyo
der Vater ist ja das Gārhapatya-Feuer (Nom.Sg.m.)
mātā agnir dakṣiṇaḥ smṛtaḥ
die Mutter [gilt als] das südliche Feuer, überliefert (Nom.f./Part.Pass.)
gurur āhavanīyas tu
der Lehrer aber [ist] das Āhavanīya (Nom.Sg.m.)
sā agnitretā garīyasī
diese Feuerdreiheit ist gewichtiger (Nom.Sg.f.; Kompar. f.)
sāgnitretā garīyasī: „sā agnitretā“ (diese Feuerdreiheit) gelesen; der Komparativ garīyasī steht wörtlich für „gewichtiger“.
triṣv apramādyann eteṣu trīṃl lokān avajeṣyasi; pitṛvṛttyā tv imaṃ lokaṃ mātṛvṛttyā tathāparam; brahmalokaṃ guror vṛttyā nityam eva cariṣyasi
Wenn du bei diesen dreien nicht nachlässig bist, wirst du die drei Welten gewinnen: durch das Verhalten gegenüber dem Vater diese Welt, durch das Verhalten gegenüber der Mutter die jenseitige, die Brahma-Welt aber wirst du durch das Verhalten gegenüber dem Lehrer stets [erreichen] [?].
Wort für Wort
triṣv apramādyann eteṣu
bei diesen dreien nicht nachlässig seiend (Lok.Pl./Part.Präs.)
trīṃl lokān avajeṣyasi
die drei Welten wirst du gewinnen (Akk.Pl./2.Sg.Fut.)
pitṛvṛttyā tv imaṃ lokaṃ
durch das Verhalten gegen den Vater aber diese Welt (Instr.Sg.f./Akk.)
mātṛvṛttyā tathāparam
durch das Verhalten gegen die Mutter ebenso die andere (Instr.Sg.f./Akk.)
brahmalokaṃ guror vṛttyā
die Brahma-Welt durch das Verhalten gegen den Lehrer (Akk./Gen.Sg./Instr.)
nityam eva cariṣyasi
stets wirst du [sie] durchwandern (Adv./2.Sg.Fut.)
brahmalokaṃ … cariṣyasi: cariṣyasi mit Akkusativ als „durchwandern, erreichen“ aufgefasst.
naitān atiśayej jātu nātyaśnīyān na dūṣayet; nityaṃ paricarec caiva tad vai sukṛtam uttamam; kīrtiṃ puṇyaṃ yaśo lokān prāpsyase ca janādhipa
„Man soll diese niemals übertreffen, nicht mehr essen als sie und sie nicht schmähen; stets soll man ihnen dienen, das ist wahrlich das höchste gute Werk; Ruhm, Verdienst, Ansehen und Welten wirst du erlangen, Herrscher der Menschen.“
Wort für Wort
na etān atiśayet jātu
diese soll man niemals übertreffen (Akk.Pl./3.Sg.Opt./Adv.)
na atyaśnīyān
nicht übermäßig essen soll man (3.Sg.Opt.)
na dūṣayet
nicht schmähen soll man (3.Sg.Opt.Kaus.)
nityaṃ paricaret ca eva
und stets soll man bedienen (Adv./3.Sg.Opt.)
tad vai sukṛtam uttamam
das ist wahrlich das höchste gute Werk (Nom.Sg.n.)
kīrtiṃ puṇyaṃ yaśo lokān
Ruhm, Verdienst, Ansehen, Welten (Akk.)
prāpsyase ca janādhipa
und wirst erlangen, Herrscher der Menschen (2.Sg.Fut.Med./Vok.)
nātyaśnīyān: auch „nicht vor ihnen zu viel essen“ möglich.
tebhya eva tu tat sarvaṃ kṛtyayā visṛjāmy aham; tad āsīn me śataguṇaṃ sahasraguṇam eva ca; tasmān me saṃprakāśante trayo lokā yudhiṣṭhira
„Ihnen allein entlasse ich all das durch [meinen] Dienst zurück [?]; das wurde mir hundertfach und tausendfach; darum leuchten mir die drei Welten auf, Yudhiṣṭhira.“
Wort für Wort
tebhya eva tu tat sarvaṃ
ihnen allein aber all das (Abl./Dat.Pl./Akk.)
kṛtyayā visṛjāmy aham
durch Dienst/Tat entlasse ich (Instr.Sg.f./1.Sg.Präs.)
tad āsīn me śataguṇaṃ
das wurde mir hundertfach (3.Sg.Impf./Dat./Gen.)
sahasraguṇam eva ca
und tausendfach (Nom.Sg.n.)
tasmān me saṃprakāśante
darum leuchten mir auf (Abl./3.Pl.Präs.Med.)
trayo lokā yudhiṣṭhira
die drei Welten, Yudhiṣṭhira (Nom.Pl./Vok.)
visṛjāmi kṛtyayā: Sinn unsicher („durch Pflichterfüllung/Dienst zurückgeben, entrichten“).
pitṝn daśa tu mātaikā sarvāṃ vā pṛthivīm api; gurutvenābhibhavati nāsti mātṛsamo guruḥ; gurur garīyān pitṛto mātṛtaś ceti me matiḥ
Zehn Väter aber übertrifft die Mutter allein, ja die ganze Erde, an Gewicht; es gibt keinen Lehrer, der der Mutter gleichkäme; der Lehrer ist gewichtiger als Vater und Mutter, das ist meine Ansicht.
Wort für Wort
pitṝn daśa tu mātā ekā
zehn Väter aber [übertrifft] die Mutter allein (Akk.Pl./Nom.Sg.f.)
sarvāṃ vā pṛthivīm api
oder sogar die ganze Erde (Akk.Sg.f.)
gurutvena abhibhavati
an Gewicht übertrifft sie (Instr.Sg.n./3.Sg.Präs.)
na asti mātṛsamo guruḥ
es gibt keinen der Mutter gleichen Lehrer (Nom.Sg.m.)
gurur garīyān pitṛto mātṛtaś ca
der Lehrer ist gewichtiger als Vater und Mutter (Nom./Kompar./Abl.)
ubhau hi mātāpitarau janmani vyupayujyataḥ; śarīram etau sṛjataḥ pitā mātā ca bhārata; ācāryaśiṣṭā yā jātiḥ sā divyā sājarāmarā
Beide, Mutter und Vater, sind nur bei der Geburt von Nutzen; den Körper erschaffen diese beiden, Vater und Mutter, Bhārata; die vom Ācārya unterwiesene Geburt aber ist göttlich, alterslos und unsterblich.
Wort für Wort
ubhau hi mātāpitarau
beide ja, Mutter und Vater (Nom.Du.)
janmani vyupayujyataḥ
bei der Geburt sind nützlich (Lok./3.Du.Pass.)
śarīram etau sṛjataḥ
den Körper erschaffen diese beiden (Akk./Nom.Du./3.Du.Präs.)
pitā mātā ca bhārata
Vater und Mutter, Bhārata (Nom./Vok.)
ācāryaśiṣṭā yā jātiḥ
die vom Ācārya unterwiesene Geburt (Nom.Sg.f./Part.Pass.)
sā divyā sājarāmarā
die ist göttlich, alterslos, unsterblich (Nom.Sg.f.)
avadhyā hi sadā mātā pitā cāpy apakāriṇau; na saṃduṣyati tat kṛtvā na ca te dūṣayanti tam; dharmāya yatamānānāṃ vidur devāḥ saharṣibhiḥ
Mutter und Vater sind stets unantastbar, auch wenn beide Schaden zufügen; man wird dadurch nicht schuldig, wenn man [es so trägt], und sie beschuldigen ihn nicht; für die, die sich um Dharma bemühen, wissen es die Götter samt den Ṛṣis [?].
Wort für Wort
avadhyā hi sadā mātā
unantastbar ja stets die Mutter (Nom.Sg.f.)
pitā ca api apakāriṇau
und der Vater, auch wenn beide Schaden tun (Nom./Nom.Du.)
na saṃduṣyati tat kṛtvā
er wird nicht schuldig, nachdem er das getan (3.Sg.Präs./Abs.)
na ca te dūṣayanti tam
und sie beschuldigen ihn nicht (3.Pl.Präs.Kaus./Akk.)
dharmāya yatamānānāṃ
für die, die sich um Dharma bemühen (Dat./Gen.Pl.Part.Präs.Med.)
vidur devāḥ saharṣibhiḥ
wissen die Götter mit den Ṛṣis (3.Pl.Perf./Nom./Instr.)
Zweiter und dritter Pāda syntaktisch knapp; Bezug von „tat kṛtvā“ und dem Objekt von „vidur“ unsicher.
ya āvṛṇoty avitathena karṇāv; ṛtaṃ bruvann amṛtaṃ saṃprayacchan; taṃ vai manye pitaraṃ mātaraṃ ca; tasmai na druhyet kṛtam asya jānan
Wer die Ohren mit Unfehlbarem erfüllt, Wahrheit sprechend, Unsterbliches gebend – den halte ich für Vater und Mutter; gegen ihn soll man nicht feindlich sein, wenn man weiß, was er [für einen] getan hat.
Wort für Wort
ya āvṛṇoty avitathena karṇāv
wer die beiden Ohren mit Unfehlbarem bedeckt/erfüllt (Rel./3.Sg.Präs./Instr./Akk.Du.)
teṣāṃ pāpaṃ bhrūṇahatyāviśiṣṭaṃ; na cāsya tad brahmaphalaṃ dadāti
Deren Sünde ist schlimmer als Embryonenmord; und diesem [Schüler] gibt jenes [Wissen] nicht die Frucht des Brahman.
Wort für Wort
teṣāṃ pāpaṃ
deren Sünde (Gen.Pl./Nom.Sg.n.)
bhrūṇahatyāviśiṣṭaṃ
ausgezeichnet/übertreffend den Embryonenmord (Nom.Sg.n.; Kompositum)
na ca asya tad
und nicht diesem jenes (Dat./Gen./Nom.n.)
brahmaphalaṃ dadāti
Frucht des Brahman gibt (Akk.Sg.n./3.Sg.Präs.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage. Subjekt von dadāti unklar; hier das Wissen (vidyā) ergänzt. bhrūṇahatyā: Tötung eines Embryos, auch als Tötung eines gelehrten Brahmanen verstanden.
yena prīṇāty upādhyāyaṃ tena syād brahma pūjitam; mātṛtaḥ pitṛtaś caiva tasmāt pūjyatamo guruḥ; ṛṣayaś ca hi devāś ca prīyante pitṛbhiḥ saha
Womit man den Upādhyāya erfreut, damit sei das Brahman geehrt; darum ist der Lehrer verehrungswürdiger als Mutter und Vater; und Ṛṣis und Götter freuen sich zusammen mit den Vätern.
Wort für Wort
yena prīṇāty upādhyāyaṃ
wodurch man den Upādhyāya erfreut (Instr./3.Sg.Präs./Akk.)
tena syād brahma pūjitam
dadurch sei das Brahman geehrt (3.Sg.Opt./Nom.n./Part.Pass.)
mātṛtaḥ pitṛtaś caiva
als Mutter und als Vater (Abl.-Adv.)
tasmāt pūjyatamo guruḥ
darum ist der Lehrer am verehrungswürdigsten (Abl./Superl.)
ṛṣayaś ca hi devāś ca
Ṛṣis und Götter (Nom.Pl.)
prīyante pitṛbhiḥ saha
freuen sich zusammen mit den Vätern (3.Pl.Präs.Pass./Med./Instr.)
upādhyāyaṃ pitaraṃ mātaraṃ ca; ye 'bhidruhyanti manasā karmaṇā vā; teṣāṃ pāpaṃ bhrūṇahatyāviśiṣṭaṃ; tasmān nānyaḥ pāpakṛd asti loke
Die, die Lehrer, Vater und Mutter in Gedanken oder in der Tat anfeinden – deren Sünde ist schlimmer als Embryonenmord; darum gibt es in der Welt keinen anderen Sünder [der schlimmer wäre].
Wort für Wort
upādhyāyaṃ pitaraṃ mātaraṃ ca
Lehrer, Vater und Mutter (Akk.Sg.)
ye 'bhidruhyanti
die anfeinden (Rel.Nom.Pl./3.Pl.Präs.)
manasā karmaṇā vā
mit dem Geist oder durch Tat (Instr.)
teṣāṃ pāpaṃ bhrūṇahatyāviśiṣṭaṃ
deren Sünde übertrifft den Embryonenmord (Gen.Pl./Nom.Sg.n.)
tasmān na anyaḥ pāpakṛd asti loke
darum gibt es keinen anderen Übeltäter in der Welt (Abl./Nom.Sg.m./Lok.)
bhṛto vṛddho yo na bibharti putraḥ; svayonijaḥ pitaraṃ mātaraṃ ca; tad vai pāpaṃ bhrūṇahatyāviśiṣṭaṃ; tasmān nānyaḥ pāpakṛd asti loke
Der Sohn, der [als] Genährter nicht den greisen Vater und die Mutter nährt, die ihm aus dem eigenen Schoß hervorgingen – das ist Sünde, die den Embryonenmord übertrifft; darum gibt es in der Welt keinen anderen Sünder [der schlimmer wäre].
Wort für Wort
bhṛto vṛddho yo na bibharti putraḥ
der Sohn, der als Genährter den Alten nicht nährt (Part.Pass./Nom./Rel./3.Sg.Präs./Nom.)
svayonijaḥ pitaraṃ mātaraṃ ca
aus dem eigenen Schoß geboren, Vater und Mutter (Nom./Akk.)
tad vai pāpaṃ bhrūṇahatyāviśiṣṭaṃ
das ist wahrlich Sünde, den Embryonenmord übertreffend (Nom.Sg.n.)
tasmān na anyaḥ pāpakṛd asti loke
darum gibt es keinen anderen Übeltäter in der Welt (Abl./Nom./Lok.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage. svayonijaḥ: hier als „aus deren eigenem Schoß geboren“ auf den Sohn bezogen; Bezug unsicher.
All dies ist in Kürze [?] dargelegt, was der Mensch in dieser Welt tun soll; dies ist das Beste, nichts anderes ist darüber hinaus ausgezeichnet; nach Erwägung aller Dharmas ist dies gesagt.
Wort für Wort
etat sarvam atideśena sṛṣṭaṃ
dies alles ist durch Verweis/in Kürze [?] hervorgebracht (Nom.Sg.n./Instr./Part.Pass.)
yat kartavyaṃ puruṣeṇa iha loke
was vom Menschen zu tun ist in dieser Welt (Rel./Gerundiv/Instr./Lok.)
etac chreyo na anyad
dies ist das Beste, nichts anderes (Nom.Sg.n.)
asmād viśiṣṭaṃ
ist darüber hinaus ausgezeichnet (Abl./Nom.Sg.n.)
sarvān dharmān anusṛtya
alle Dharmas erwogen habend (Akk.Pl./Abs.)
etad uktam
dies ist gesagt (Nom.Sg.n. Part.Pass.)
atideśena: unsicher, etwa „durch Verweisung, in Ausdehnung/in Kürze“.