Kapitel 187: adhyātmakathanam
Die Lehre vom Adhyātma: Elemente, Sinne, Vernunft und die drei Zustände
Auf Yudhiṣṭhiras Frage nach dem Adhyātma legt Bhīṣma die Entfaltung der fünf Elemente, die Zuordnung der Sinne, die Rolle von Denkorgan, Vernunft und Feldkenner sowie die drei Zustände Sattva, Rajas und Tamas dar; der zweite Teil führt dies zur Lehre vom Verhältnis der Eigenschaften zum Selbst und zur Befreiung weiter.
yudhiṣṭhira uvāca; adhyātmaṃ nāma yad idaṃ puruṣasyeha cintyate; yad adhyātmaṃ yataś caitat tan me brūhi pitāmaha
Yudhiṣṭhira sprach: „Dieses sogenannte Adhyātma, das hier vom Menschen erwogen wird – was ist dieses Adhyātma, und woher [stammt] es? Das sage mir, Großvater.“
kutaḥ sṛṣṭam idaṃ viśvaṃ jagat sthāvarajaṅgamam; pralaye ca kam abhyeti tan me vaktum ihārhasi
„Woher ist dieses All erschaffen worden, die Welt des Unbeweglichen und des Beweglichen? Und in wen geht sie bei der Auflösung ein? Das mögest du mir hier sagen.“
Wort für Wort
kutaḥ sṛṣṭam idaṃ viśvaṃ
woher erschaffen dieses All (Part. Pass./Nom. n.)
jagat sthāvarajaṅgamam
die Welt, Unbewegliches und Bewegliches (Kompositum)
pralaye ca
und bei der Auflösung (Lok.)
kam abhyeti
in wen geht sie ein (3.Sg.Präs.)
tan me vaktum ihārhasi
das mir zu sagen bist du hier imstande/würdig (Inf., 2.Sg.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).
yaj jñātvā puruṣo loke prītiṃ saukhyaṃ ca vindati; phalalābhaś ca sadyaḥ syāt sarvabhūtahitaṃ ca tat
Wenn der Mensch dies erkannt hat, findet er in der Welt Freude und Wohlbefinden, und der Lohn stellt sich sogleich ein; und es ist allen Wesen förderlich.
Wort für Wort
yaj jñātvā puruṣo loke
wenn dies erkannt [habend] der Mensch in der Welt (Abs.)
O König, dieses Selbst, das makellos ist, ist so, [von Finsternis] umhüllt, bestehend; in ihm scheint es stets auf, wie der Mond im Dunkel. Wer das erkennt, dessen Übel ist vernichtet; er wird tauglich zum Brahman-Werden. Denn wie die Finsternis an den Wesen, die von der Eihülle umgeben sind, ihre Grenze hat [so hat auch dies seine Grenze].
Wort für Wort
ātmānam amalaṃ rājann
das Selbst, makellos, o König (Akk./Vok.)
āvṛtyaivaṃ vyavasthitam
umhüllt, so bestehend (Abs./Part.)
tasmin prakāśate nityaṃ
in ihm leuchtet es stets auf (Lok./3.Sg.)
tamaḥ somo yathaiva tat
[in] Finsternis wie der Mond, so dies (Nom.)
tad vidvān naṣṭapāpmaiṣa
dies wissend, dessen Übel vernichtet, dieser (Nom.)
brahmabhūyāya kalpate
wird tauglich zum Brahman-Sein (Dat./3.Sg.)
aṇḍāvaraṇabhūtānāṃ paryantaṃ hi yathā tamaḥ
denn wie die Finsternis für die eihüllen-gewordenen [Wesen] die Grenze ist
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; Text und Bezug der Bilder unsicher, Wiedergabe der letzten Zeile [?].
sa teṣāṃ guṇasaṃghātaḥ śarīre bharatarṣabha; satataṃ pravilīyante guṇās te prabhavanti ca; yad vinā naiva śṛṇute na paśyati na dīpyate; yad adhīnaṃ yatas tasmād adhyātmam iti kathyate; jñānaṃ tad ekarūpākhyaṃ nānāprajñānvitaṃ tadā; na te vācānurūpaṃ syād yayā[thā] rā[ra]savivarjitam; ākāśāt khalu yājyeṣu bhavanti sumahāguṇāḥ; iti tanmayam evaitat sarvaṃ sthāvarajaṅgamam; pralaye ca tam abhyeti tasmād utsṛjyate punaḥ; mahābhūteṣu bhūtātmā sṛṣṭvā saṃharate punaḥ
Diese Ansammlung ihrer Eigenschaften im Körper, o Stier der Bharata, löst sich beständig auf, und jene Eigenschaften entstehen [wieder]. Ohne das, was nicht hört, nicht sieht, nicht glänzt; das, wovon [es] abhängt, woher [es stammt]: deshalb heißt es Adhyātma. Erkenntnis, ‚einförmig‘ genannt, [ist] dann mit vielfältiger Einsicht verbunden; sie wäre nicht der Rede entsprechend, [da sie] ohne Geschmack ist [?]. Aus dem Raum entstehen bei den Opfergaben die sehr großen Eigenschaften. So besteht dies alles daraus, das Unbewegliche und Bewegliche; bei der Auflösung geht es in ihn ein, deshalb wird es wieder entlassen. In die großen Elemente entlässt das Wesen-Selbst [die Wesen] und zieht sie wieder ein.
Wort für Wort
sa teṣāṃ guṇasaṃghātaḥ śarīre
diese Ansammlung ihrer Eigenschaften im Körper
bharatarṣabha
Stier der Bharata (Vok.)
satataṃ pravilīyante guṇās te prabhavanti ca
beständig lösen sich auf; jene Eigenschaften entstehen
yad vinā naiva śṛṇute na paśyati na dīpyate
ohne das man nicht hört, nicht sieht, nicht glänzt
yad adhīnaṃ yatas tasmād adhyātmam iti kathyate
wovon abhängig, woher: darum ‚Adhyātma‘ genannt
jñānaṃ tad ekarūpākhyaṃ nānāprajñānvitaṃ tadā
Erkenntnis ‚einförmig‘ genannt, dann mit vielfacher Einsicht verbunden
na te vācānurūpaṃ syād yathā rasavivarjitam
nicht der Rede gemäß wäre sie, geschmacklos [?]
ākāśāt khalu yājyeṣu bhavanti sumahāguṇāḥ
aus dem Raum bei Opfergaben entstehen sehr große Eigenschaften
iti tanmayam evaitat sarvaṃ sthāvarajaṅgamam
so besteht dies alles daraus, Unbewegliches und Bewegliches
pralaye ca tam abhyeti tasmād utsṛjyate punaḥ
bei der Auflösung geht es in ihn ein, daher wieder entlassen
mahābhūteṣu bhūtātmā sṛṣṭvā saṃharate punaḥ
in die großen Elemente, das Wesen-Selbst, erschafft und zieht wieder ein
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage mit Textverderbnis (Lesart yayā[thā] rā[ra]savivarjitam); Sinn mehrerer Zeilen unsicher.
Laut, Gehör und die Körperöffnungen: diese Dreiheit ist aus dem Raum geboren; vom Wind [kommen] Haut, Tastgefühl und Bewegung sowie die Rede: diese Vierheit.
ghreyaṃ ghrāṇaṃ śarīraṃ ca te tu bhūmiguṇās trayaḥ; mahābhūtāni pañcaiva ṣaṣṭhaṃ tu mana ucyate
Riechbares, Nase und Körper: diese drei sind die Eigenschaften der Erde. Die großen Elemente sind nur fünf; als sechstes aber wird das Denkorgan [manas] genannt.
Die Sinne und das Denkorgan sind seine Erkenntnismittel, o Bhārata; als siebtes, sagt man, die Vernunft [buddhi], als achter wiederum der Feldkenner [kṣetrajña].
cicchaktyādhiṣṭhitā buddhiś cetanety abhiviśrutā; cetanānantaro jīvas tad āvetti ca lakṣyate; notsṛjan visṛjaṃś caiva śarīraṃ dṛśyate yadā; tasmiṃś cetopalabdhiḥ syāt tamo vācchādayaty uta
Die Vernunft, von der Kraft des Bewusstseins beherrscht, ist als ‚Bewusstsein‘ [cetanā] bekannt; nach dem Bewusstsein kommt der Jīva; man erkennt, dass er es wahrnimmt. Wenn man ihn den Körper weder verlassen noch entlassen sieht, dann soll in ihm Wahrnehmung des Geistes sein; oder die Finsternis verhüllt [ihn] wohl.
Wort für Wort
cicchaktyādhiṣṭhitā buddhiḥ
von der Bewusstseinskraft beherrscht die Vernunft
cetanety abhiviśrutā
‚Bewusstsein‘, so berühmt (Part.)
cetanānantaro jīvaḥ
nach dem Bewusstsein der Jīva
tad āvetti ca lakṣyate
er nimmt es wahr, wird erkannt
notsṛjan visṛjaṃś caiva śarīraṃ dṛśyate yadā
wenn er, weder verlassend noch entlassend, als Körper gesehen wird [?]
tasmiṃś cetopalabdhiḥ syāt tamo vācchādayaty uta
in ihm sei geistige Wahrnehmung; oder Finsternis verhüllt
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; die letzten beiden Zeilen syntaktisch unklar, Wiedergabe unsicher [?].
Die Vernunft wird von den Eigenschaften geleitet; und auch die Sinne werden von der Vernunft geleitet; alle, das Denkorgan als sechstes: wo die Vernunft fehlt, woher [sollen] Eigenschaften [kommen]?
Wort für Wort
guṇān nenīyate buddhiḥ
von den Eigenschaften wird die Vernunft geleitet (Pass.)
buddhir evendriyāṇy api
die Vernunft eben auch die Sinne
manaḥṣaṣṭhāni sarvāṇi
alle mit dem Denkorgan als sechstem (Komp.)
buddhyabhāve kuto guṇāḥ
bei Fehlen der Vernunft woher Eigenschaften (Lok.)
Lesart nenīyate (Intensiv-Passiv) mit unsicherer Bedeutung; Wiedergabe [?].
Denn die Wohnstätten der Vernunft, fünffach, jeweils für besondere Gegenstände, – [nämlich] die fünf Sinne, wie man sagt: diese bewohnt der Unsichtbare.
Wort für Wort
adhiṣṭhānāni buddher hi
die Grundlagen der Vernunft nämlich (Nom. Pl./Gen.)
Diese [Vernunft], deren Wesen die Zustände sind, überschreitet diese drei Zustände nicht; wie das Meer der Herr der Flüsse ist [und] die große Küste als Wogenreiches [nicht überschreitet].
Wort für Wort
seyaṃ bhāvātmikā
diese, die zustandshaft ist (Nom. f.)
bhāvāṃs trīn etān nātivartate
diese drei Zustände überschreitet sie nicht
saritāṃ sāgaro bhartā
der Ozean ist der Herr der Flüsse (Gen. Pl.)
mahāvelām ivormimān
wie die große Küste [der] wogenreiche [nicht überschreitet] [?]
Der Vergleich ist elliptisch; Ergänzung in der Übersetzung ist sinngemäß [?].
Klarheit, Vernunft, Finsternis-Zustand: sie entfaltet sich durch die Verbindung mit Freude.
Wort für Wort
sattvaṃ buddhis tamobhāvaḥ
Klarheit, Vernunft, Finsternis-Zustand
prītiyogāt pravartate
durch Verbindung mit Freude regt es sich (Abl./3.Sg.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile, syntaktisch knapp und wohl verderbt; Wiedergabe [?].
Die Berührung des Wohlseins ist die Eigenschaft der Klarheit, die Berührung des Leids die Eigenschaft der Leidenschaft; mit der Eigenschaft der Finsternis verbunden sind beide [von Wohl und Leid] dem praktischen Leben nicht dienlich.
Wort für Wort
sukhasparśaḥ sattvaguṇaḥ
Berührung des Wohls [ist] Eigenschaft der Klarheit
duḥkhasparśo rajoguṇaḥ
Berührung des Leids [ist] Eigenschaft der Leidenschaft
tamoguṇena saṃyuktau
mit der Finsternis-Eigenschaft verbunden (Instr./Nom. Du.)
bhavato 'vyāvahārikau
beide werden ungeeignet für den Alltag (3.Du.)
Sinn von avyāvahārikau (‚für den Verkehr/Alltag untauglich‘) und Bezug von saṃyuktau unsicher [?].
atha yad duḥkhasaṃyuktam atuṣṭikaram ātmanaḥ; pravṛttaṃ raja ity eva tann asaṃrabhya cintayet
Was aber mit Leid verbunden ist und dem Selbst keine Zufriedenheit bringt – „Es ist Rajas, das sich regt“, so soll man es, ohne sich zu erregen, bedenken.
Wort für Wort
atha yad duḥkhasaṃyuktam
was aber mit Leid verbunden ist (Nom./Akk. n.)
atuṣṭikaram ātmanaḥ
keine Zufriedenheit bewirkend für das Selbst (Kompositum; Gen.)
pravṛttaṃ rajaḥ iti eva
in Gang gekommen, Rajas, so eben (Part.Perf.Pass.; Nom.)
tat asaṃrabhya cintayet
das, ohne sich zu erregen, bedenke man (Abs.; 3.Sg.Opt.)
dūragaṃ bahudhāgāmi prārthanāsaṃśayātmakam; manaḥ suniyataṃ yasya sa sukhī pretya ceha ca
Der Geist, der weit umherschweift, vielfach dahingeht und dessen Wesen Wünschen und Zweifeln ist – wessen Geist wohlgezügelt ist, der ist glücklich, im Jenseits und hier.
Wort für Wort
dūragam bahudhāgāmi
weitgehend, vielfach gehend (Nom.Sg.n.)
prārthanāsaṃśayātmakam
aus Wünschen und Zweifeln bestehend (Kompositum, Nom.)
manaḥ suniyatam yasya
der Geist, wohlgezügelt, wessen (Nom.; Part.Perf.Pass.; Gen.)
indriyais tu pradīpārthaṃ kurute buddhisaptamaiḥ; nirviceṣṭair ajānadbhiḥ paramātmā pradīpavat
Mit den Sinnen, die den Verstand als siebtes haben, bewirkt er die Erhellung; diese sind regungslos und nicht erkennend; das höchste Selbst gleicht einer Lampe.
Wort für Wort
indriyaiḥ tu pradīpārtham
mit den Sinnen aber zum Zweck der Erleuchtung (Instr.Pl.; Adv.)
kurute buddhisaptamaiḥ
bewirkt er, mit dem Verstand als siebtem (3.Sg.Präs.Med.; Instr.Pl.)
nirviceṣṭaiḥ ajānadbhiḥ
mit den regungslosen, nicht wissenden (Instr.Pl.)
paramātmā pradīpavat
das höchste Selbst gleich einer Lampe (Nom.Sg.; Adv.)
Die durch die Vollendung ihrer Eigennatur vollkommenen Guṇas bringt er stets hervor; wie die Spinne als Schöpferin [ihre Fäden], so sind die Guṇas fadengleich zu verstehen.
Wort für Wort
svabhāvasiddhyā saṃsiddhān
durch Vollendung der Eigennatur Vollendete (Instr.; Akk.Pl.)
saḥ nityam sṛjate guṇān
er bringt stets hervor die Guṇas (3.Sg.Präs.Med.)
ūrṇanābhiḥ yathā sraṣṭā
wie eine Spinne als Schöpferin (Nom.Sg.; Nom.Sg.)
vijñeyāḥ tantuvat guṇāḥ
zu verstehen sind fadengleich die Guṇas (Gerundiv Nom.Pl.; Adv.)
itīmaṃ hṛdayagranthiṃ buddhibhedamayaṃ dṛḍham; vimucya sukham āsīta na śocec chinnasaṃśayaḥ
Diesen Knoten des Herzens, aus Zerspaltungen der Einsicht bestehend und fest, hat man so gelöst; man soll glücklich dasitzen und nicht trauern, wenn der Zweifel zerschnitten ist.
Wort für Wort
iti imam hṛdayagranthim
so diesen Herzensknoten (Akk.Sg.)
buddhibhedamayam dṛḍham
aus Zerspaltungen der Einsicht bestehend, fest (Akk.Sg.)
vimucya sukham āsīta
losgelöst habend, glücklich sitze man (Abs.; 3.Sg.Opt.Med.)
na śocet chinnasaṃśayaḥ
man soll nicht trauern, mit zerschnittenem Zweifel (3.Sg.Opt.; Nom.)
Hat der Mensch dieses ganze Kommen und Gehen der Wesen erkannt und betrachtet er es dann allmählich mit dem Verstand, so erlangt er von da an den höchsten Frieden.
Wort für Wort
etām buddhvā naraḥ sarvām
diese erkannt habend, der Mensch, ganze (Akk.Sg.f.; Abs.)
bhūtānām āgatim gatim
der Wesen Kommen und Gehen (Gen.Pl.; Akk.Sg.f.)
avekṣya ca śanaiḥ buddhyā
und betrachtet habend allmählich mit dem Verstand (Abs.; Adv.; Instr.)
labhate śam param tataḥ
erlangt Frieden, höchsten, danach (3.Sg.Präs.Med.; Akk.; Adv.)
Wem der Trivarga bekannt ist, wer das Licht voran hat, der wird befreit – er, der mit dem Geist forschend, gesammelt, die Wahrheit schauend und ohne Verlangen ist.
Wort für Wort
trivargaḥ yasya viditaḥ
dessen Dreiheit bekannt ist (Nom.Sg.; Gen.; Part.Perf.Pass.)
prāgjyotiḥ saḥ vimucyate
Licht voran [?], der wird befreit (Nom.; 3.Sg.Pass.)
anviṣya manasā yuktaḥ
forschend, mit dem Geist gesammelt (Abs.; Instr.; Nom.)
tattvadarśī nirutsukaḥ
die Wahrheit schauend, ohne Verlangen (Nom.Sg.)
[?] „trivarga“ vermutlich die drei Guṇas (oder dharma/artha/kāma); „prāgjyotis“ unsicher („dessen Licht voran ist“).
na cātmā śakyate draṣṭum indriyeṣu vibhāgaśaḥ; tatra tatra visṛṣṭeṣu durjayeṣv akṛtātmabhiḥ
Und das Selbst kann nicht in den Sinnen einzeln gesehen werden, wenn diese hier und dort losgelassen sind, schwer zu bezwingen für die, deren Selbst ungebildet ist.
Wort für Wort
na ca ātmā śakyate draṣṭum
und das Selbst kann nicht gesehen werden (Nom.; 3.Sg.Pass.; Inf.)
indriyeṣu vibhāgaśaḥ
in den Sinnen einzeln (Lok.Pl.; Adv.)
tatra tatra visṛṣṭeṣu
wenn sie hier und dort losgelassen sind (Lok. abs.)
durjayeṣu akṛtātmabhiḥ
schwer besiegbar für Ungebildete (Lok.; Instr.Pl.)
pratigṛhya ca nihnoti hy anyathā ca pradṛśyate; na sarpati ca yaṃ prāhuḥ sarvatra pratihanyate; dhūmena cāprasanno 'gnir yathārkaṃ na pravartayet; dhiṣṇyādhipe prasanne tu sthitim etāṃ nirīkṣate; atidūrāc ca sūkṣmatvāt prasthānaṃ na prakāśate; prapadya tac chrutāhvāni cinmayaṃ svīkṛtaṃ vinā
Nachdem er angenommen hat, leugnet er doch, und er erscheint anders; und wer, wie man sagt, nicht vorwärtskommt, wird überall zurückgeschlagen. Und wie ein durch Rauch getrübtes Feuer die Sonne nicht in Gang setzen würde, [so ...] – wenn aber der Herr der Stätte klar/gnädig ist, schaut man diese Verfassung. Und wegen zu großer Ferne und Feinheit wird das Aufbrechen nicht offenbar; nachdem man [...] die „Gehörten“ Genannten [?], das aus Bewusstsein Bestehende, ohne Angeeignetes [?].
Wort für Wort
pratigṛhya ca nihnoti hi anyathā ca pradṛśyate
nachdem er angenommen, leugnet er, und anders erscheint er (Abs.; 3.Sg.Präs.Med.; 3.Sg.Pass.)
na sarpati ca yam prāhuḥ sarvatra pratihanyate
der nicht vorankommt, den man nennt, überall wird er zurückgeschlagen (3.Sg.Präs.; 3.Pl.Perf.; 3.Sg.Pass.)
dhūmena ca aprasannaḥ agniḥ yathā arkam na pravartayet
und durch Rauch getrübt das Feuer, wie die Sonne nicht in Gang setzen würde (Instr.; Nom.; Akk.; 3.Sg.Opt.Kaus.) [?]
dhiṣṇyādhipe prasanne tu
wenn der Herr des Sitzes aber klar/gnädig ist (Lok. abs.)
sthitim etām nirīkṣate
diesen Zustand schaut man (Akk.Sg.f.; 3.Sg.Präs.Med.)
atidūrāt ca sūkṣmatvāt prasthānam na prakāśate
und wegen zu großer Ferne, Feinheit wird das Aufbrechen nicht offenbar (Abl.; Nom.; 3.Sg.Präs.Med.)
prapadya tat śrutāhvāni cinmayam svīkṛtam vinā
nachdem man ... die „Gehörten“ Genannten, das Bewusstseinsartige, ohne Angeeignetes [?] (Abs.; Akk.; Adv.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). [Anm.: Zusatzpassage; Text stark verderbt, insbesondere die letzten beiden Pādas (prapadya tac chrutāhvāni …); Wiedergabe unsicher.]
na bhavati viduṣāṃ tato bhayaṃ; yad aviduṣāṃ sumahad bhayaṃ bhavet; na hi gatir adhikāsti kasya cit; sati hi guṇe pravadanty atulyatām
Für die Wissenden entsteht daraus keine Furcht, die für die Unwissenden sehr groß sein mag; denn es gibt für niemanden ein höheres Ziel; ist doch eine Eigenschaft vorhanden, so spricht man von Ungleichheit.
Wort für Wort
na bhavati viduṣām tataḥ bhayam
nicht entsteht den Wissenden daraus Furcht (3.Sg.Präs.; Gen.Pl.; Abl.)
yat aviduṣām sumahat bhayam bhavet
die bei den Unwissenden sehr groß sein mag (Gen.Pl.; 3.Sg.Opt.)
na hi gatiḥ adhikā asti kasya cit
denn kein Ziel ist höher für irgendwen (Nom.Sg.f.; Gen.)
sati hi guṇe pravadanti atulyatām
wenn eine Eigenschaft besteht, sagt man Ungleichheit [?] (Lok. abs.; 3.Pl.Präs.; Akk.)
[?] Der letzte Pāda ist knapp: „atulyatā“ (Unvergleichlichkeit/Ungleichheit) ist auf das Vorhandensein einer Eigenschaft (guṇa) bezogen.
yat karoty anabhisaṃdhipūrvakaṃ; tac ca nirṇudati yat purā kṛtam; nāpriyaṃ tad ubhayaṃ kutaḥ priyaṃ; tasya taj janayatīha kurvataḥ
Was er ohne vorherige Absicht tut und was er früher getan hat, das tilgt er; beides ist nicht Unliebes – woher dann Liebes? Das erzeugt ihm hier, dem Handelnden, [nichts].
Wort für Wort
yat karoti anabhisaṃdhipūrvakam
was er tut ohne vorherige Absicht (3.Sg.Präs.; Adv.)
tat ca nirṇudati yat purā kṛtam
das tilgt er auch, was früher getan wurde (3.Sg.Präs.; Part.Perf.Pass.)
na apriyam tat ubhayam kutaḥ priyam
nicht Unliebes, das beides; woher Liebes (Nom.Sg.n.; Adv.)
tasya tat janayati iha kurvataḥ
ihm das erzeugt hier, dem Handelnden (Gen.; 3.Sg.Präs.Kaus.; Part.Präs.) [?]
[?] Der Halbvers „tasya taj janayatīha kurvataḥ“ ist verkürzt; das Objekt der Erzeugung ist ergänzungsbedürftig.
lokam āturam asūyate janas; tasya taj janayatīha sarvataḥ
Der Mensch nimmt an der leidenden Welt Anstoß; das erzeugt ihm hier von allen Seiten [Übel].
Wort für Wort
lokam āturam asūyate
die leidende Welt beneidet/tadelt (Akk.; 3.Sg.Präs.Denom.)
janaḥ
der Mensch (Nom.Sg.)
tasya tat janayati iha sarvataḥ
ihm das erzeugt hier überall (Gen.; 3.Sg.Präs.Kaus.; Adv.) [?]
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). [?] Zusatzzeile; „asūyate“ (Neid/Anstoß nehmen) und das fehlende Objekt von „janayati“ sind unsicher.
loka āturajanān virāviṇas; tat tad eva bahu paśya śocataḥ; tatra paśya kuśalān aśocato; ye vidus tad ubhayaṃ padaṃ sadā
Sieh in der Welt die leidenden, jammernden Menschen, die um dies und jenes viel trauern; sieh dabei die Kundigen, die nicht trauern, die jene beiden Stätten stets kennen.
Wort für Wort
loka āturajanān virāviṇaḥ
in der Welt leidende Menschen, jammernde (Akk.Pl.)
tat tat eva bahu paśya śocataḥ
um dies und jenes viel, sieh, die Trauernden (Imp.; Akk.Pl.)
tatra paśya kuśalān aśocataḥ
da sieh die Kundigen, nicht Trauernden (Akk.Pl.)
ye viduḥ tat ubhayam padam sadā
die jene beiden Stätten stets kennen (3.Pl.Perf.; Akk.Sg.n.)
[?] „loka“ ist wohl Lok. „loke“ (in der Welt); „padam ubhayam“ meint vermutlich die beiden Zustände (Trauer und Freisein davon).