Kapitel 260: kapilasyūmaraśmisaṃvāda
Das Gespräch zwischen Kapila und der Kuh (Syūmaraśmi) über Vedaopfer und Entsagung
Auf Yudhiṣṭhiras Frage, ob Hausstand oder Entsagung höher stehe, erzählt Bhīṣma das Gespräch des Asketen Kapila mit dem in eine Kuh eingegangenen Seher Syūmaraśmi, der die Notwendigkeit des Opfers verteidigt.
yudhiṣṭhira uvāca; avirodhena bhūtānāṃ tyāgaḥ ṣāḍguṇyakārakaḥ; yaḥ syād ubhayabhāg dharmas tan me brūhi pitāmaha
Yudhiṣṭhira sprach: „Der Verzicht [auf das Gebundensein] an die Wesen, der ohne Widerstreit [gegen sie] geschieht und die Sechsheit [der Vorzüge] bewirkt [?] – welche Pflicht hat an beidem Anteil? Das sage mir, Großvater.“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.3.Sg.)
avirodhena bhūtānāṃ
ohne Widerstreit (Instr.) gegenüber den Wesen (Gen.Pl.)
tyāgaḥ ṣāḍguṇyakārakaḥ
Verzicht (Nom.), die Sechsheit [der Vorzüge] bewirkend (Kompositum)
yaḥ syād ubhayabhāg dharmaḥ
welche Pflicht (Nom.) an beidem teilhat (Opt.3.Sg. von as)
tan me brūhi pitāmaha
das sage mir (Imp.), Großvater (Vok.)
tyāga und ṣāḍguṇya sind hier knapp gesetzt; der Bezug der ‚Sechsheit‘ ist unsicher.
gārhasthyasya ca dharmasya tyāgadharmasya cobhayoḥ; adūrasaṃprasthitayoḥ kiṃ svic chreyaḥ pitāmaha
„Von der Hauspflicht und der Pflicht der Entsagung, beiden, die [einander] nicht fern [zum Ziel] aufbrechen [?] – was von beidem ist besser, Großvater?“
Wort für Wort
gārhasthyasya ca dharmasya
und der Pflicht des Hausvaterstandes (Gen.Sg.)
tyāgadharmasya ca ubhayoḥ
und der Pflicht der Entsagung (Gen.Sg.), beider (Gen.Du.)
adūrasaṃprasthitayoḥ
die nicht fern aufgebrochen sind / nah beieinander ausgehen (Gen.Du., Part.Perf.Pass.)
Sie, die [dazu] bestimmt war, sah damals Kapila, unverzagten Sinnes, in Klarheit [sattva] gegründet, dem Brauch ergeben, wissend, maßvoll in der Nahrung.
Wort für Wort
tāṃ niyuktām
sie (Akk.f.), eingesetzt/bestimmt (Part.Perf.Pass.Akk.f.)
Er, zur höchsten, auf das Endziel gerichteten, von überallher furchtlosen Einsicht gelangt, sagte einmal: „Ich erinnere mich: locker [ist] die Wahrheit [der] Veden“ [?].
Wort für Wort
sa buddhim uttamāṃ prāptaḥ
er, zu höchster Einsicht (Akk.) gelangt (Part.Perf.Pass.)
naiṣṭhikīm akutobhayām
auf das Endziel gerichtet (Akk.f.), von nirgendwo Furcht kennend (Akk.f.)
smarāmi śithilaṃ satyam
ich erinnere mich (1.Sg.Präs.), locker (Akk.n.), Wahrheit (Akk.n.)
vedāḥ iti abravīt sakṛt
‚die Veden‘, so sprach er (Impf.3.Sg.), einmal
Die Satzgliederung von smarāmi śithilaṃ satyaṃ vedā ity ist unklar; mehrere Lesarten möglich.
Der Seher Syūmaraśmi trat in jene Kuh ein und sprach den Asketen an: „He! Wenn die Veden als Pflicht gelten – wodurch gelten dann die anderen [Pflichten]?“
Wort für Wort
tāṃ gām ṛṣiḥ syūmaraśmiḥ
in diese Kuh (Akk.), der Seher (Nom.) Syūmaraśmi
praviśya yatim abravīt
eingetreten (Abs.), den Asketen (Akk.) sprach er an (Impf.)
haṃho vedāḥ yadi matāḥ dharmāḥ
he! die Veden (Nom.), wenn sie als Pflichten (Nom.) gelten (Part.Perf.Pass.)
kena apare matāḥ
wodurch (Instr.) [gelten] andere (Nom.Pl.) als solche
tapasvino dhṛtimataḥ śrutivijñānacakṣuṣaḥ; sarvam ārṣaṃ hi manyante vyāhṛtaṃ viditātmanaḥ
„Die Asketen, standhaft, mit dem Auge der Überlieferung und Erkenntnis, die den Selbst Erkennenden – sie halten alles vom Seher Verkündete [für maßgeblich].“
Wort für Wort
tapasvinaḥ dhṛtimataḥ
die Asketen (Nom.Pl.), standhaften (Nom.Pl.)
śrutivijñānacakṣuṣaḥ
mit dem Auge der Überlieferung und Erkenntnis (Nom.Pl.)
sarvam ārṣaṃ hi manyante
alles vom Seher Stammende (Akk.), fürwahr, halten sie [dafür] (3.Pl.Med.)
vyāhṛtaṃ viditātmanaḥ
Verkündetes (Part.Akk.), die das Selbst erkannt haben (Nom.Pl.)
Kapila sprach: „Ich schmähe die Veden nicht und will [sie] niemals herabsetzen; die Werke der [einzelnen] Lebensstände sind verschieden, aber auf ein Ziel gerichtet – so haben wir gehört.“
Wort für Wort
kapilaḥ uvāca
Kapila sprach (Perf.3.Sg.)
na ahaṃ vedān vinindāmi
nicht ich die Veden (Akk.Pl.) schmähe (1.Sg.Präs.)
na vivakṣāmi karhi cit
ich will nicht sprechen [gegen] (Desid.), jemals
pṛthag āśramiṇāṃ karmāṇi
verschieden (Adv.), der Angehörigen der Lebensstände (Gen.Pl.) Werke (Nom.Pl.)
ekārthāni iti naḥ śrutam
auf ein Ziel gerichtet (Nom.n.Pl.), so von uns gehört
„Wenn man so alle Ziele erkannt hat, soll man [Werke] beginnen – das ist das Vedische; ‚man soll nicht beginnen‘ – so wird anderswo die auf das Endziel gerichtete Śruti gehört.“
Wort für Wort
evaṃ viditvā sarvārthān
so erkannt habend (Abs.), alle Ziele (Akk.Pl.)
ārabhet iti vaidikam
man soll beginnen (Opt.3.Sg.), so [ist] das Vedische
na ārabhet iti ca anyatra
‚man soll nicht beginnen‘, so auch anderswo
naiṣṭhikī śrūyate śrutiḥ
die auf das Endziel gerichtete (Nom.f.) wird gehört (3.Sg.Pass.), Śruti (Nom.)
„Denn im Nichtbeginnen wäre Fehlerlosigkeit; im Beginnen ist das Fehlerfreie das Höchste. Bei einer so beschaffenen Lehre ist das Stärkere und Schwächere schwer zu erkennen.“
Wort für Wort
anārambhe hi adoṣaḥ syāt
im Nichtbeginnen (Lok.), fürwahr, Fehlerlosigkeit (Nom.) wäre (Opt.)
ārambhe adoṣaḥ uttamaḥ
im Beginnen, Fehlerlosigkeit (Nom.), höchste (Nom.)
evaṃ sthitasya śāstrasya
so beschaffener (Gen.) Lehre (Gen.)
durvijñeyaṃ balābalam
schwer zu erkennen (Nom.n.), Stärke und Schwäche (Nom.n.)
yady atra kiṃ cit pratyakṣam ahiṃsāyāḥ paraṃ matam; ṛte tv āgamaśāstrebhyo brūhi tad yadi paśyasi
„Wenn hier etwas Augenscheinliches ist, das die Gewaltlosigkeit als höchste Lehre [erweist] – abgesehen von den überlieferten Lehrschriften –, dann sage es, falls du es siehst.“
Wort für Wort
yadi atra kiṃ cit pratyakṣam
wenn hier irgendetwas Augenscheinliches (Nom.n.)
ahiṃsāyāḥ param matam
für die Gewaltlosigkeit (Gen.) als höchste (Nom.n.) Ansicht (Part.Perf.Pass.)
ṛte tu āgamaśāstrebhyaḥ
außer aber aus den Überlieferungslehrschriften (Abl.Pl.)
syūmaraśmir uvāca; svargakāmo yajeteti satataṃ śrūyate śrutiḥ; phalaṃ prakalpya pūrvaṃ hi tato yajñaḥ pratāyate
Syūmaraśmi sprach: „‚Wer den Himmel wünscht, soll opfern‘ – so hört man beständig die Śruti; nachdem man zuvor die Frucht bestimmt hat, wird danach das Opfer ausgebreitet.“
Wort für Wort
syūmaraśmiḥ uvāca
Syūmaraśmi sprach (Perf.3.Sg.)
svargakāmaḥ yajeta iti
den Himmel Wünschender (Nom.), soll opfern (Opt.Med.), so
satataṃ śrūyate śrutiḥ
beständig wird gehört (Pass.), Śruti (Nom.)
phalaṃ prakalpya pūrvam hi
die Frucht (Akk.) bestimmt habend (Abs.), zuvor, fürwahr
tataḥ yajñaḥ pratāyate
danach das Opfer (Nom.) wird ausgebreitet (3.Sg.Pass.)
„Rind, Ziege, Mensch, Schaf, Pferd, Maultier und Esel – diese werden von den Guten als die sieben zahmen Tiere bezeichnet. Löwen, Tiger, Eber, Büffel, Elefanten, ferner ‚mahiṣī‘ [?] und Affen – so gelten die sieben wilden.“
Wort für Wort
gaurajo manujo meṣaḥ
Rind, Ziege, Mensch, Schaf (Nom.)
aśvāśvataragardabhāḥ
Pferd, Maultier, Esel (Nom.Pl.)
ete grāmyāḥ samākhyātāḥ
diese, zahme (Nom.Pl.), bezeichnet (Part.Perf.Pass.)
paśavaḥ sapta sādhubhiḥ
Tiere (Nom.Pl.), sieben, von den Guten (Instr.Pl.)
siṃhāḥ vyāghrāḥ varāhāḥ ca
Löwen, Tiger, Eber (Nom.Pl.)
mahiṣāḥ vāraṇāḥ tathā
Büffel, Elefanten, ebenso
mahiṣī vānarāḥ ca eva
mahiṣī [?] und Affen (Nom.Pl.)
sapta āraṇyāḥ tathā smṛtāḥ
sieben wilde (Nom.Pl.), so überliefert (Part.Perf.Pass.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage (nur in einem Teil der Handschriften). ‚gaurajo‘ ist wohl gauḥ + ajaḥ; ‚mahiṣī‘ neben ‚mahiṣāḥ‘ auffällig, evtl. verderbt.
„Kräuter, Tiere, Bäume, Schlingpflanzen, Schmelzbutter, Milch, saure Milch, Opfergabe, Erde, Himmelsrichtungen, Glaube und Zeit – dies sind die zwölf.“
ṛco yajūṃṣi sāmāni yajamānaś ca ṣoḍaśaḥ; agnir jñeyo gṛhapatiḥ sa saptadaśa ucyate; aṅgāny etāni yajñasya yajño mūlam iti śrutiḥ
„Ṛc, Yajus und Sāman, und der Opferherr als sechzehnter; Agni ist als Hausherr zu erkennen – er wird der siebzehnte genannt. Dies sind die Glieder des Opfers; das Opfer ist die Wurzel, so die Śruti.“
Wort für Wort
ṛcaḥ yajūṃṣi sāmāni
Ṛc-Verse, Yajus-Sprüche, Sāman-Gesänge (Nom.Pl.)
yajamānaḥ ca ṣoḍaśaḥ
und der Opferherr, sechzehnter (Nom.)
agniḥ jñeyaḥ gṛhapatiḥ
Agni (Nom.), zu erkennen (Gerundiv), Hausherr (Nom.)
ājyena payasā dadhnā śakṛtāmikṣayā tvacā; vālaiḥ śṛṅgeṇa pādena saṃbhavaty eva gaur makham; evaṃ pratyekaśaḥ sarvaṃ yad yad asya vidhīyate
„Mit Schmelzbutter, Milch, saurer Milch, Mist, Käsemilch, Haut, Haaren, Horn und Huf kommt die Kuh [als] Opfer zustande; so auch einzeln alles, was ihr jeweils vorgeschrieben wird.“
Wort für Wort
ājyena payasā dadhnā
mit Schmelzbutter, Milch, saurer Milch (Instr.)
śakṛtā āmikṣayā tvacā
mit Mist, Käsemilch, Haut (Instr.)
vālaiḥ śṛṅgeṇa pādena
mit Haaren, Horn, Fuß/Huf (Instr.)
sambhavati eva gauḥ makham
kommt zustande (3.Sg.Präs.), die Kuh (Nom.), [als] Opfer
evaṃ pratyekaśaḥ sarvam
so einzeln alles
yat yat asya vidhīyate
was immer ihr (Gen.) vorgeschrieben wird (3.Sg.Pass.)
na hinasti hy ārabhate nābhidruhyati kiṃ cana; yajño yaṣṭavya ity eva yo yajaty aphalepsayā
„Er verletzt nicht, er unternimmt [es], ohne jemandem irgendetwas anzutun: ‚Das Opfer ist zu opfern‘ – nur so opfert, wer ohne Fruchtverlangen opfert.“
Wort für Wort
na hinasti hi ārabhate
er verletzt nicht (3.Sg.Präs.), fürwahr, er beginnt (3.Sg.Med.)
na abhidruhyati kiṃ cana
er schädigt nicht (3.Sg.Präs.) irgendetwas
yajñaḥ yaṣṭavyaḥ iti eva
das Opfer (Nom.) ist zu opfern (Gerundiv), so nur
yaḥ yajati aphalepsayā
wer opfert (3.Sg.Präs.) ohne Fruchtverlangen (Instr.)
„Ich sehe die von den Sehern überlieferte Tradition, in der die Veden gegründet sind; die Wissenden erblicken sie durch das Nachschauen des Brāhmaṇa [?].“
Wort für Wort
āmnāyam ārṣaṃ paśyāmi
die Überlieferung (Akk.), seherische (Akk.), ich sehe (1.Sg.Präs.)
yasmin vedāḥ pratiṣṭhitāḥ
in der (Lok.) die Veden (Nom.) gegründet (Part.Perf.Pass.)
taṃ vidvāṃsaḥ anupaśyanti
sie (Akk.), die Wissenden (Nom.Pl.) erblicken (3.Pl.)
brāhmaṇasya anudarśanāt
durch das Nachschauen des Brahmanen/Brāhmaṇa (Gen.) (Abl.)
brāhmaṇasya kann den Brahmanen oder den Brāhmaṇa-Text meinen.
ṛco yajūṃṣi sāmāni stobhāś ca vidhicoditāḥ; yasminn etāni sarvāṇi bahir eva sa vai dvijaḥ
„Ṛc, Yajus, Sāman und Stobhas, vorschriftsgemäß angeordnet – bei wem all dies [nur] außerhalb [bleibt], der ist fürwahr ein [bloß äußerlich] Zweimalgeborener“ [?].
Wort für Wort
ṛcaḥ yajūṃṣi sāmāni
Ṛc-Verse, Yajus-Sprüche, Sāman-Gesänge (Nom.)
stobhāḥ ca vidhicoditāḥ
und Stobha-Silben (Nom.Pl.), durch Regel geboten (Part.Perf.Pass.)
yasmin etāni sarvāṇi
in/bei wem (Lok.) diese alle (Nom.n.Pl.)
bahiḥ eva sa vai dvijaḥ
draußen nur, er fürwahr, Zweimalgeborener (Nom.)
Der Sinn von ‚bahir eva‘ ist unsicher (äußerlich/ausgeschlossen).
agnyādheye yad bhavati yac ca some sute dvija; yac cetarair mahāyajñair veda tad bhagavān svataḥ
„Was beim Agnyādheya geschieht und was beim Somapressen, Zweigeborener, und was bei den anderen großen Opfern – das weiß der Verehrungswürdige aus sich selbst.“
Wort für Wort
agnyādheye yat bhavati
beim Feueranlegen (Lok.), was geschieht (3.Sg.Präs.)
yat ca some sute dvija
und was beim Soma (Lok.), gepresst (Part.Lok.), Zweigeborener (Vok.)
yat ca itaraiḥ mahāyajñaiḥ
und was durch/bei anderen großen Opfern (Instr.Pl.)
veda tat bhagavān svataḥ
weiß (Perf.3.Sg.) das, der Verehrungswürdige (Nom.), aus sich selbst
„Für die, die nicht opfern, gibt es weder diese Welt noch die jenseitige – das ist der Entschluss; und für die Kenner der Vedarede gilt beides dann als Maßstab“ [?].
Wort für Wort
na ayaṃ lokaḥ asti ayajñānām
nicht diese Welt (Nom.) ist für die Nichtopfernden (Gen.Pl.)
paraḥ ca iti viniścayaḥ
und die jenseitige, so der Entschluss (Nom.)
vedavādavidaḥ ca eva
und die Kenner der Vedarede (Nom.Pl.)
pramāṇam ubhayaṃ tadā
Maßstab (Nom.n.), beides (Nom.n.), dann
Letzter Pāda unsicher; Bezug von ubhayam (beide Welten oder beide Lehren) offen.