Kapitel 240: buddhimanaḥ-indriya-kṣetrajñavibhāgaḥ
Einsicht, Geist, Sinne und die Unterscheidung des Selbst von den Guṇas
Vyāsa erläutert seinem Sohn das Verhältnis von Geist, Einsicht und Sinnen; das erkennende Selbst (kṣetrajña) haftet nicht an den Guṇas, ist aber mit Sattva stets verbunden, wie der Fisch mit dem Wasser.
Vyāsa sprach: „Der Geist bringt den Gemütszustand hervor, die Einsicht ist entschlossen [bestimmend]; das Herz kennt Liebes und Unliebes; dreifach ist der Antrieb zum Handeln.“
Wort für Wort
vyāsa uvāca
Vyāsa sprach (Nom.; 3.Sg.Perf.)
manaḥ prasṛjate bhāvam
der Geist bringt den Zustand hervor (Nom.; 3.Sg.Med.; Akk.)
buddhir adhyavasāyinī
die Einsicht ist entschlossen/bestimmend (Nom.Fem.)
hṛdayaṃ priyāpriye veda
das Herz kennt Liebes und Unliebes (Nom.; Akk.Du.; 3.Sg.Perf. mit Präsensbed.)
trividhā karmacodanā
dreifach [ist] der Antrieb zum Handeln (Nom.Fem.; Kompositum)
indriyebhyaḥ parā hy arthā arthebhyaḥ paramaṃ manaḥ; manasas tu parā buddhir buddher ātmā paro mataḥ
Höher als die Sinne sind die Gegenstände, höher als die Gegenstände ist der Geist; höher als der Geist aber ist die Einsicht, höher als die Einsicht gilt das Selbst.
Wort für Wort
indriyebhyaḥ parā hy arthāḥ
höher als die Sinne sind ja die Gegenstände (Abl.Pl.; Nom.Pl.)
arthebhyaḥ paramaṃ manaḥ
höher als die Gegenstände [ist] der Geist (Abl.Pl.; Nom.Sg.)
manasas tu parā buddhiḥ
höher aber als der Geist [ist] die Einsicht (Abl.Sg.; Nom.)
buddher ātmā paro mataḥ
höher als die Einsicht gilt das Selbst (Abl.; Nom.; PPP)
Sehend wird sie zum Sehsinn, schmeckend würde sie zum Geschmackssinn, riechend wird sie zum Geruchssinn: die Einsicht wandelt sich in verschiedener Weise.
Wort für Wort
paśyantī bhavate dṛṣṭī
sehend wird sie zum Sehen (Part.Fem.; 3.Sg.Med.; Nom.)
rasatī rasanaṃ bhavet
schmeckend würde sie zum Geschmackssinn (Part.Fem.; Nom.; 3.Sg.Opt.)
jighratī bhavati ghrāṇam
riechend wird sie zum Geruchssinn (Part.Fem.; 3.Sg.; Nom.)
buddhir vikriyate pṛthak
die Einsicht wird verschieden abgewandelt (Nom.; 3.Sg.Pass.; Adv.)
Diese, deren Wesen Zustand ist, überschreitet diese drei Zustände, wie der wellenreiche Ozean, der Herr der Flüsse, die große Uferlinie [überschreitet].
Wort für Wort
seyaṃ bhāvātmikā
diese [Einsicht], deren Wesen der Zustand ist (Nom.Fem.)
bhāvāṃs trīn etān
diese drei Zustände (Akk.Pl.)
ativartate
überschreitet (3.Sg.Präs.)
saritāṃ sāgaro bhartā
der Ozean, der Herr der Flüsse (Gen.Pl.; Nom.; Nom.)
mahāvelām ivormimān
wie der wellenreiche [Ozean] die große Uferlinie/Flutgrenze (Akk.; Part.; Nom.)
Ergänzung von „überschreitet“ im Vergleich; velā auch „Flutgrenze“ [?].
yadā prārthayate kiṃ cit tadā bhavati sā manaḥ; adhiṣṭhānāni vai buddhyā pṛthag etāni saṃsmaret; indriyāṇy eva medhyāni vijetavyāni kṛtsnaśaḥ
Wenn sie etwas erstrebt, dann wird sie zum Geist; die Standorte [der Sinne] soll man mit der Einsicht einzeln bedenken; die Sinne, die reinen/opferfähigen, sind allesamt zu bezwingen.
Wort für Wort
yadā prārthayate kiṃ cit
wenn sie etwas erstrebt (3.Sg.Med.; Pron.)
tadā bhavati sā manaḥ
dann wird sie zum Geist (3.Sg.; Nom.Fem.; Nom.)
adhiṣṭhānāni vai buddhyā
die Standorte fürwahr mit der Einsicht (Akk.Pl.; Instr.)
pṛthag etāni saṃsmaret
einzeln soll man diese bedenken (Adv.; Akk.Pl.; 3.Sg.Opt.)
indriyāṇy eva medhyāni
die Sinne, die reinen/opferfähigen (Nom.Pl.; Adj.)
sarvāṇy evānupūrvyeṇa yad yan nānuvidhīyate; avibhāgagatā buddhir bhāve manasi vartate; pravartamānaṃ tu rajaḥ sattvam apy anuvartate
Alle der Reihe nach – was immer nicht [mehr] befolgt wird; die ungeteilte Einsicht besteht im Zustand des Geistes; das sich regende Rajas aber – auch Sattva folgt ihm nach.
Wort für Wort
sarvāṇy evānupūrvyeṇa
alle [Sinne?] der Reihe nach (Nom./Akk.Pl.; Instr.)
yad yan nānuvidhīyate
was immer nicht befolgt wird (Pron.; 3.Sg.Pass.)
avibhāgagatā buddhiḥ
die ungeteilt gewordene Einsicht (Nom.Fem.)
bhāve manasi vartate
besteht im Zustand des Geistes (Lok.; Lok.; 3.Sg.)
pravartamānaṃ tu rajaḥ
das sich regende Rajas aber (Part.Med.; Nom.)
sattvam apy anuvartate
auch Sattva folgt [ihm] nach (Nom.; 3.Sg.)
Syntax des Verses unsicher; Wiedergabe [?] tastend.
Zur Erhellung soll der Mensch [handeln] mit den Sinnen, die der Einsicht nächststehen, die sich je nach Fügung frei bewegen, gleichmütig, wie es sich ergibt.
Wort für Wort
pradīpārthaṃ naraḥ kuryād
zur Erhellung soll der Mensch tun (Adv.; Nom.; 3.Sg.Opt.)
indriyair buddhisattamaiḥ
mit den der Einsicht besten/nächsten Sinnen (Instr.Pl.)
niścaradbhir yathāyogam
die sich bewegen, gemäß Fügung (Instr.Pl.Part.; Adv.)
na hy ātmā śakyate draṣṭum indriyaiḥ kāmagocaraiḥ; pravartamānair anaye durdharair akṛtātmabhiḥ
Denn das Selbst kann nicht durch die Sinne gesehen werden, deren Weide die Begierde ist, die sich zum Unrechten hin regen, schwer zu bändigen bei denen, deren Selbst ungeschult ist.
Wort für Wort
na hy ātmā śakyate draṣṭum
denn das Selbst kann nicht gesehen werden (Nom.; 3.Sg.Pass.; Inf.)
indriyaiḥ kāmagocaraiḥ
durch die Sinne mit Begierde als Weidegrund (Instr.Pl.)
pravartamānair anaye
die sich regen zum Unrecht/Unheil (Part.Instr.Pl.; Lok.)
durdharair akṛtātmabhiḥ
schwer zu bändigen, bei Ungeschulten (Instr.Pl.; Instr.Pl.)
teṣāṃ tu manasā raśmīn yadā samyaṅ niyacchati; tadā prakāśate hy ātmā ghaṭe dīpa iva jvalan; sarveṣām eva bhūtānāṃ tamasy apagate yathā
Wenn man aber deren Zügel durch den Geist recht zügelt, dann leuchtet das Selbst auf wie eine im Krug brennende Lampe; [so ist es,] wie wenn bei allen Wesen die Finsternis gewichen ist.
Wort für Wort
teṣāṃ tu manasā raśmīn
deren Zügel aber durch den Geist (Gen.Pl.; Instr.; Akk.Pl.)
yadā samyaṅ niyacchati
wenn man recht zügelt (Adv.; 3.Sg.)
tadā prakāśate hy ātmā
dann leuchtet das Selbst auf (3.Sg.Med.; Nom.)
ghaṭe dīpa iva jvalan
wie eine Lampe im Krug brennend (Lok.; Nom.; Part.)
sarveṣām eva bhūtānāṃ
bei allen Wesen (Gen.Pl.)
tamasy apagate yathā
wie wenn die Finsternis gewichen ist (Lok.abs.; Part.)
Letzte Zeile syntaktisch locker angeschlossen [?].
evam eva kṛtaprajño na doṣair viṣayāṃś caran; asajjamānaḥ sarveṣu na kathaṃ cana lipyate
Ebenso haftet der, dessen Erkenntnis bereitet ist, nicht an Fehlern, obwohl er unter den Sinnesobjekten wandelt; an allen nicht haftend, wird er auf keine Weise befleckt.
Wort für Wort
evam eva kṛtaprajño
ebenso der, dessen Erkenntnis vollendet ist (Adv.; Nom.)
na doṣair
nicht durch Fehler (Instr.Pl.)
viṣayāṃś caran
unter den Sinnesobjekten wandelnd (Akk.Pl.; Part.)
Wer das früher getane Werk aufgegeben hat, dessen Freude stets im Selbst liegt, der zum Selbst aller Wesen geworden ist, an den Wegen der Guṇas nicht haftend –
Wort für Wort
tyaktvā pūrvakṛtaṃ karma
aufgegeben habend das früher getane Werk (Abs.; Akk.)
ratir yasya sadātmani
dessen Freude stets im Selbst (Nom.; Gen.; Lok.)
sarvabhūtātmabhūtasya
des zum Selbst aller Wesen Gewordenen (Gen.)
guṇamārgeṣv asajjataḥ
an den Guṇa-Wegen nicht Haftenden (Lok.Pl.; Gen.Part.)
Satz bricht syntaktisch ab bzw. setzt sich in 21 fort [?].
Er ist der Überschauer der Guṇas und zugleich [ihr] Schöpfer, der Wirklichkeit gemäß; diesen Unterschied zwischen Sattva und Kṣetrajña, beiden fein, wisse.
Wort für Wort
paridraṣṭā guṇānāṃ sa
er, der Überschauer der Guṇas (Nom.; Gen.Pl.)
sraṣṭā caiva yathātatham
und auch Schöpfer, der Wirklichkeit gemäß (Nom.; Adv.)
sattvakṣetrajñayor etad
zwischen Sattva und Kṣetrajña dies (Gen./Lok.Du.)
antaraṃ viddhi sūkṣmayoḥ
den Unterschied wisse, [beider] fein (Akk.; 2.Sg.Imp.; Gen.Du.)
yathā matsyo 'dbhir anyaḥ san saṃprayuktau tathaiva tau; maśakodumbarau cāpi saṃprayuktau yathā saha
Wie der Fisch, vom Wasser verschieden seiend, [dennoch] mit ihm verbunden ist, so die beiden; und wie Mücke und Udumbara-Feige zusammen verbunden sind.
Wort für Wort
yathā matsyo ’dbhir anyaḥ san
wie der Fisch, vom Wasser verschieden seiend (Nom.; Instr.Pl.; Nom.; Part.)