Kapitel 23: gārhasthyadharma-kṣatriyadharmopadeśaḥ
Vyāsas Mahnung an Yudhiṣṭhira: Hausherrenpflicht und Königspflicht des Strafstabs
Vyāsa (Dvaipāyana) stützt Arjunas Rede und weist Yudhiṣṭhira vom Waldleben auf den Hausherrenstand und die Königspflicht; er hebt das Führen des Strafstabs als vorzüglichste Kṣatriya-Tätigkeit hervor.
Die Rede des Bībhatsu ist richtig, Yudhiṣṭhira, und wahr. Die höchste Pflicht, wie sie die Lehrtexte zeigen, ist überliefert als die Lebensstufe des Hausherrn.
Wort für Wort
bībhatsor vacanaṃ
Rede des Bībhatsu (Gen./Nom.-Akk. n.)
samyak satyam etad
richtig, wahr ist dies (Nom. n.)
yudhiṣṭhira
o Yudhiṣṭhira (Vok.)
śāstradṛṣṭaḥ paro dharmaḥ
in den Lehrtexten gesehen [als] höchste Pflicht (Nom.)
smṛto gārhasthya āśramaḥ
überliefert [ist] die Hausherrn-Lebensstufe (Part. Pass./Nom.)
svadharmaṃ cara dharmajña yathāśāstraṃ yathāvidhi; na hi gārhasthyam utsṛjya tavāraṇyaṃ vidhīyate
Übe deine Eigenpflicht aus, Kenner der Pflicht, den Lehrtexten und der Vorschrift gemäß. Denn wenn du den Hausherrenstand aufgibst, ist für dich [das Leben im] Wald nicht vorgesehen.
Wort für Wort
svadharmaṃ cara
übe die Eigenpflicht (Akk./Imp. 2.Sg.)
dharmajña
o Pflichtkundiger (Vok.)
yathāśāstraṃ yathāvidhi
gemäß den Lehrtexten, gemäß der Vorschrift (Adv.)
na hi gārhasthyam utsṛjya
denn nicht, nachdem [man] den Hausherrenstand aufgegeben hat (Abs.)
tavāraṇyaṃ vidhīyate
für dich [ist] der Wald vorgeschrieben (Dat./Gen. tava, Nom. n., Pass. 3.Sg.)
Der Text lautet na hi ... vidhīyate: „ist nicht vorgeschrieben“; die Deutung „nach Aufgabe des Hausherrenstandes“ ist wörtlich.
vayāṃsi paśavaś caiva bhūtāni ca mahīpate; gṛhasthair eva dhāryante tasmāj jyeṣṭhāśramo gṛhī
Vögel, Vieh und [alle anderen] Wesen, o Herr der Erde, werden allein von Hausherren erhalten. Darum ist der Hausherr [Angehöriger] der ältesten [= vornehmsten] Lebensstufe.
Wort für Wort
vayāṃsi paśavaś caiva
Vögel und Vieh auch (Nom. Pl.)
bhūtāni ca mahīpate
und [andere] Wesen, o Herr der Erde (Nom. Pl./Vok.)
gṛhasthair eva dhāryante
allein von Hausherren werden getragen/erhalten (Instr. Pl./Pass. 3.Pl.)
tasmāj jyeṣṭhāśramo gṛhī
darum ist der Hausherr [Mann] der ältesten Lebensstufe (Abl./Nom.)
vedajñānaṃ ca te kṛtsnaṃ tapaś ca caritaṃ mahat; pitṛpaitāmahe rājye dhuram udvoḍhum arhasi
Dein Veda-Wissen ist vollständig, und große Askese ist geübt worden. Du bist imstande, in der von Vater und Großvater ererbten Herrschaft die Last zu tragen.
Wort für Wort
vedajñānaṃ ca te kṛtsnaṃ
und dein Veda-Wissen [ist] vollständig (Nom. n./Gen./Dat.)
tapaś ca caritaṃ mahat
und Askese ist geübt, große (Nom. n./Part. Pass.)
pitṛpaitāmahe rājye
in der väterlichen und großväterlichen Herrschaft (Lok.)
dhuram udvoḍhum arhasi
die Deichsel/Last zu tragen bist du imstande/geeignet (Akk./Inf./2.Sg. Präs.)
brāhmaṇānāṃ mahārāja ceṣṭāḥ saṃsiddhikārikāḥ; kṣatriyāṇāṃ ca vakṣyāmi tavāpi viditaṃ punaḥ
[das sind] Betätigungen der Brahmanen, o Großkönig, die zur Vollendung führen. Von denen der Kṣatriyas werde ich [nun] sprechen, [obwohl] es dir auch [schon] bekannt ist, noch einmal.
Wort für Wort
brāhmaṇānāṃ mahārāja
der Brahmanen, o Großkönig (Gen. Pl./Vok.)
ceṣṭāḥ saṃsiddhikārikāḥ
Betätigungen, vollendungbewirkende (Nom. Pl. f.)
kṣatriyāṇāṃ ca vakṣyāmi
und der Kṣatriyas werde ich sagen (Gen. Pl./Fut. 1.Sg.)
tavāpi viditaṃ punaḥ
auch dir bekannt, wiederum (Gen./Part. Pass./Adv.)
teṣāṃ jyāyas tu kaunteya daṇḍadhāraṇam ucyate; balaṃ hi kṣatriye nityaṃ bale daṇḍaḥ samāhitaḥ
Unter diesen aber, Kaunteya, wird das Führen des Strafstabs als das Vorzüglichere bezeichnet. Denn beim Kṣatriya ist Stärke stets [wesentlich], und in der Stärke ist der Strafstab enthalten.
Wort für Wort
teṣāṃ jyāyas tu kaunteya
unter diesen aber [ist] das Vorzüglichere, Kaunteya (Gen. Pl./Kompar. Nom. n./Vok.)
daṇḍadhāraṇam ucyate
das Führen des Strafstabs wird genannt (Nom. n./Pass. 3.Sg.)
balaṃ hi kṣatriye nityaṃ
denn Stärke [gehört] beim Kṣatriya stets [dazu] (Nom. n./Lok./Adv.)
bale daṇḍaḥ samāhitaḥ
in der Stärke ist der Strafstab gegründet (Lok./Nom./Part. Pass.)
Die Erde verschlingt diese beiden, wie die Schlange die in Erdlöchern Liegenden: den König, der sich nicht widersetzt [oder: nicht kämpft], und den Brahmanen, der nicht in die Fremde zieht.
Wort für Wort
bhūmir etau nigirati
die Erde verschlingt diese beiden (Nom./Akk. Du./3.Sg. Präs.)
sarpo bilaśayān iva
wie die Schlange die in Höhlen Liegenden (Nom./Akk. Pl./Partikel)
rājānaṃ cāviroddhāraṃ
und den König, der nicht widersteht (Akk.)
brāhmaṇaṃ cāpravāsinam
und den Brahmanen, der nicht in der Fremde weilt/reist (Akk.)
aviroddhāraṃ: „nicht Widerstand leistend / nicht Feindschaft übend“ [?]; apravāsin: „nicht auf Reisen/in der Fremde befindlich“.
Auch Sudyumna, der Königsseher, wird durch das Führen des Strafstabs [als jemand] gehört, der höchste Vollendung erlangt hat, tüchtig wie Dakṣa, der Sohn des Pracetas.
Wort für Wort
sudyumnaś cāpi rājarṣiḥ
und auch Sudyumna, der Königsseher (Nom.)
śrūyate daṇḍadhāraṇāt
man hört von [ihm], durch das Führen des Strafstabs (Pass. 3.Sg./Abl.)