Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 23: gārhasthyadharma-kṣatriyadharmopadeśaḥ Vyāsas Mahnung an Yudhiṣṭhira: Hausherrenpflicht und Königspflicht des Strafstabs

Vyāsa (Dvaipāyana) stützt Arjunas Rede und weist Yudhiṣṭhira vom Waldleben auf den Hausherrenstand und die Königspflicht; er hebt das Führen des Strafstabs als vorzüglichste Kṣatriya-Tätigkeit hervor.

vaiśaṃpāyana uvāca; evam uktas tu kaunteyo guḍākeśena bhārata; novāca kiṃ cit kauravyas tato dvaipāyano 'bravīt

Vaiśaṃpāyana sprach: Als Kaunteya so von Guḍākeśa angesprochen worden war, o Bhārata, sagte der Kauravya nichts. Da sprach Dvaipāyana:

Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca
Vaiśaṃpāyana sprach (Nom.; Perf. 3.Sg.)
evam uktas tu kaunteyo
so angesprochen aber Kaunteya (Part. Pass. Nom.)
guḍākeśena bhārata
von Guḍākeśa (Instr.), o Bhārata (Vok.)
novāca kiṃ cit kauravyaḥ
sagte nichts, der Kauravya (Perf. 3.Sg./Nom.)
tato dvaipāyano 'bravīt
da sprach Dvaipāyana (Impf. 3.Sg.)

bībhatsor vacanaṃ samyak satyam etad yudhiṣṭhira; śāstradṛṣṭaḥ paro dharmaḥ smṛto gārhasthya āśramaḥ

Die Rede des Bībhatsu ist richtig, Yudhiṣṭhira, und wahr. Die höchste Pflicht, wie sie die Lehrtexte zeigen, ist überliefert als die Lebensstufe des Hausherrn.

Wort für Wort
bībhatsor vacanaṃ
Rede des Bībhatsu (Gen./Nom.-Akk. n.)
samyak satyam etad
richtig, wahr ist dies (Nom. n.)
yudhiṣṭhira
o Yudhiṣṭhira (Vok.)
śāstradṛṣṭaḥ paro dharmaḥ
in den Lehrtexten gesehen [als] höchste Pflicht (Nom.)
smṛto gārhasthya āśramaḥ
überliefert [ist] die Hausherrn-Lebensstufe (Part. Pass./Nom.)

svadharmaṃ cara dharmajña yathāśāstraṃ yathāvidhi; na hi gārhasthyam utsṛjya tavāraṇyaṃ vidhīyate

Übe deine Eigenpflicht aus, Kenner der Pflicht, den Lehrtexten und der Vorschrift gemäß. Denn wenn du den Hausherrenstand aufgibst, ist für dich [das Leben im] Wald nicht vorgesehen.

Wort für Wort
svadharmaṃ cara
übe die Eigenpflicht (Akk./Imp. 2.Sg.)
dharmajña
o Pflichtkundiger (Vok.)
yathāśāstraṃ yathāvidhi
gemäß den Lehrtexten, gemäß der Vorschrift (Adv.)
na hi gārhasthyam utsṛjya
denn nicht, nachdem [man] den Hausherrenstand aufgegeben hat (Abs.)
tavāraṇyaṃ vidhīyate
für dich [ist] der Wald vorgeschrieben (Dat./Gen. tava, Nom. n., Pass. 3.Sg.)

Der Text lautet na hi ... vidhīyate: „ist nicht vorgeschrieben“; die Deutung „nach Aufgabe des Hausherrenstandes“ ist wörtlich.

gṛhasthaṃ hi sadā devāḥ pitara ṛṣayas tathā; bhṛtyāś caivopajīvanti tān bhajasva mahīpate

Vom Hausherrn leben nämlich stets die Götter, die Ahnen und ebenso die Seher sowie die Abhängigen. Diesen diene, o Herr der Erde.

Wort für Wort
gṛhasthaṃ hi sadā devāḥ
vom Hausherrn ja stets die Götter (Akk./Nom. Pl.)
pitara ṛṣayas tathā
die Ahnen, die Seher ebenso (Nom. Pl.)
bhṛtyāś caivopajīvanti
und auch die Diener leben [davon] (Nom. Pl./3.Pl. Präs.)
tān bhajasva
diese verehre/versorge (Akk. Pl./Imp. Med. 2.Sg.)
mahīpate
o Herr der Erde (Vok.)

vayāṃsi paśavaś caiva bhūtāni ca mahīpate; gṛhasthair eva dhāryante tasmāj jyeṣṭhāśramo gṛhī

Vögel, Vieh und [alle anderen] Wesen, o Herr der Erde, werden allein von Hausherren erhalten. Darum ist der Hausherr [Angehöriger] der ältesten [= vornehmsten] Lebensstufe.

Wort für Wort
vayāṃsi paśavaś caiva
Vögel und Vieh auch (Nom. Pl.)
bhūtāni ca mahīpate
und [andere] Wesen, o Herr der Erde (Nom. Pl./Vok.)
gṛhasthair eva dhāryante
allein von Hausherren werden getragen/erhalten (Instr. Pl./Pass. 3.Pl.)
tasmāj jyeṣṭhāśramo gṛhī
darum ist der Hausherr [Mann] der ältesten Lebensstufe (Abl./Nom.)

so 'yaṃ caturṇām eteṣām āśramāṇāṃ durācaraḥ; taṃ carāvimanāḥ pārtha duścaraṃ durbalendriyaiḥ

Diese [Stufe] ist unter diesen vier Lebensstufen schwer zu üben. Übe sie unverzagt, Pārtha; sie ist schwer zu üben für die mit schwachen Sinnen.

Wort für Wort
so 'yaṃ caturṇām eteṣām
diese [Stufe] unter diesen vieren (Nom./Gen. Pl.)
āśramāṇāṃ durācaraḥ
der Lebensstufen [ist] schwer zu üben (Gen. Pl./Nom.)
taṃ carāvimanāḥ pārtha
diese übe unverzagt, Pārtha (Akk./Imp. 2.Sg./Nom./Vok.)
duścaraṃ durbalendriyaiḥ
schwer zu üben für [Leute] mit schwachen Sinnen (Nom. n./Instr. Pl.)

Instr. durbalendriyaiḥ als Agens-Instrumental beim Gerundiv gefasst („von den ... schwer zu üben“).

vedajñānaṃ ca te kṛtsnaṃ tapaś ca caritaṃ mahat; pitṛpaitāmahe rājye dhuram udvoḍhum arhasi

Dein Veda-Wissen ist vollständig, und große Askese ist geübt worden. Du bist imstande, in der von Vater und Großvater ererbten Herrschaft die Last zu tragen.

Wort für Wort
vedajñānaṃ ca te kṛtsnaṃ
und dein Veda-Wissen [ist] vollständig (Nom. n./Gen./Dat.)
tapaś ca caritaṃ mahat
und Askese ist geübt, große (Nom. n./Part. Pass.)
pitṛpaitāmahe rājye
in der väterlichen und großväterlichen Herrschaft (Lok.)
dhuram udvoḍhum arhasi
die Deichsel/Last zu tragen bist du imstande/geeignet (Akk./Inf./2.Sg. Präs.)

tapo yajñas tathā vidyā bhaikṣam indriyanigrahaḥ; dhyānam ekāntaśīlatvaṃ tuṣṭir dānaṃ ca śaktitaḥ

Askese, Opfer und ebenso Wissen, Bettelgang, Zügelung der Sinne, Meditation, Einsamkeit als Gewohnheit, Zufriedenheit und Geben nach Vermögen:

Wort für Wort
tapo yajñas tathā vidyā
Askese, Opfer, ebenso Wissen (Nom.)
bhaikṣam indriyanigrahaḥ
Almosenbettel, Zügelung der Sinne (Nom.)
dhyānam ekāntaśīlatvaṃ
Meditation, Neigung zur Einsamkeit (Nom. n.)
tuṣṭir dānaṃ ca śaktitaḥ
Zufriedenheit und Geben nach Kraft/Vermögen (Nom./Abl.-Adv.)

brāhmaṇānāṃ mahārāja ceṣṭāḥ saṃsiddhikārikāḥ; kṣatriyāṇāṃ ca vakṣyāmi tavāpi viditaṃ punaḥ

[das sind] Betätigungen der Brahmanen, o Großkönig, die zur Vollendung führen. Von denen der Kṣatriyas werde ich [nun] sprechen, [obwohl] es dir auch [schon] bekannt ist, noch einmal.

Wort für Wort
brāhmaṇānāṃ mahārāja
der Brahmanen, o Großkönig (Gen. Pl./Vok.)
ceṣṭāḥ saṃsiddhikārikāḥ
Betätigungen, vollendungbewirkende (Nom. Pl. f.)
kṣatriyāṇāṃ ca vakṣyāmi
und der Kṣatriyas werde ich sagen (Gen. Pl./Fut. 1.Sg.)
tavāpi viditaṃ punaḥ
auch dir bekannt, wiederum (Gen./Part. Pass./Adv.)

yajño vidyā samutthānam asaṃtoṣaḥ śriyaṃ prati; daṇḍadhāraṇam atyugraṃ prajānāṃ paripālanam

Opfer, Wissen, Tatkraft, Unzufriedenheit im Hinblick auf Wohlstand, das Führen des Strafstabs, [und zwar] sehr streng, Schutz der Untertanen,

Wort für Wort
yajño vidyā samutthānam
Opfer, Wissen, Aufraffen/Tatkraft (Nom.)
asaṃtoṣaḥ śriyaṃ prati
Unzufriedenheit hinsichtlich des Glanzes/Wohlstands (Nom./Akk.+Präp.)
daṇḍadhāraṇam atyugraṃ
Handhabung des Strafstabs, überaus streng (Nom. n.)
prajānāṃ paripālanam
Schutz der Geschöpfe/Untertanen (Gen. Pl./Nom. n.)

vedajñānaṃ tathā kṛtsnaṃ tapaḥ sucaritaṃ tathā; draviṇopārjanaṃ bhūri pātreṣu pratipādanam

ebenso vollständiges Veda-Wissen, gut geübte Askese, reichliches Erwerben von Vermögen und das Übergeben [davon] an Würdige.

Wort für Wort
vedajñānaṃ tathā kṛtsnaṃ
ebenso vollständiges Veda-Wissen (Nom. n.)
tapaḥ sucaritaṃ tathā
ebenso gut geübte Askese (Nom. n./Part. Pass.)
draviṇopārjanaṃ bhūri
Erwerb von Vermögen, reichlich (Nom. n.)
pātreṣu pratipādanam
Übergabe an Würdige/Gefäße (Lok. Pl./Nom. n.)

etāni rājñāṃ karmāṇi sukṛtāni viśāṃ pate; imaṃ lokam amuṃ lokaṃ sādhayantīti naḥ śrutam

Dies sind gut ausgeführte Werke der Könige, o Herr der Menschen; durch sie erlangen [sie] diese Welt und die jenseitige Welt: so haben wir gehört.

Wort für Wort
etāni rājñāṃ karmāṇi
dies sind Werke der Könige (Nom. Pl. n./Gen. Pl.)
sukṛtāni viśāṃ pate
gut getan, o Herr der Menschen (Nom. Pl./Vok.)
imaṃ lokam amuṃ lokaṃ
diese Welt, jene Welt (Akk.)
sādhayantīti naḥ śrutam
sie vollbringen/gewinnen, so [ist] uns gehört (3.Pl. Präs./Part. Pass.)

teṣāṃ jyāyas tu kaunteya daṇḍadhāraṇam ucyate; balaṃ hi kṣatriye nityaṃ bale daṇḍaḥ samāhitaḥ

Unter diesen aber, Kaunteya, wird das Führen des Strafstabs als das Vorzüglichere bezeichnet. Denn beim Kṣatriya ist Stärke stets [wesentlich], und in der Stärke ist der Strafstab enthalten.

Wort für Wort
teṣāṃ jyāyas tu kaunteya
unter diesen aber [ist] das Vorzüglichere, Kaunteya (Gen. Pl./Kompar. Nom. n./Vok.)
daṇḍadhāraṇam ucyate
das Führen des Strafstabs wird genannt (Nom. n./Pass. 3.Sg.)
balaṃ hi kṣatriye nityaṃ
denn Stärke [gehört] beim Kṣatriya stets [dazu] (Nom. n./Lok./Adv.)
bale daṇḍaḥ samāhitaḥ
in der Stärke ist der Strafstab gegründet (Lok./Nom./Part. Pass.)

etāś ceṣṭāḥ kṣatriyāṇāṃ rājan saṃsiddhikārikāḥ; api gāthām imāṃ cāpi bṛhaspatir abhāṣata

Dies sind die zur Vollendung führenden Betätigungen der Kṣatriyas, o König. Auch diese Strophe hat Bṛhaspati gesprochen:

Wort für Wort
etāś ceṣṭāḥ kṣatriyāṇāṃ
diese Betätigungen der Kṣatriyas (Nom. Pl. f./Gen. Pl.)
rājan saṃsiddhikārikāḥ
o König, vollendungbewirkende (Vok./Nom. Pl. f.)
api gāthām imāṃ cāpi
auch diese Strophe ebenfalls (Akk. f.)
bṛhaspatir abhāṣata
Bṛhaspati sprach (Nom./Impf. Med. 3.Sg.)

bhūmir etau nigirati sarpo bilaśayān iva; rājānaṃ cāviroddhāraṃ brāhmaṇaṃ cāpravāsinam

Die Erde verschlingt diese beiden, wie die Schlange die in Erdlöchern Liegenden: den König, der sich nicht widersetzt [oder: nicht kämpft], und den Brahmanen, der nicht in die Fremde zieht.

Wort für Wort
bhūmir etau nigirati
die Erde verschlingt diese beiden (Nom./Akk. Du./3.Sg. Präs.)
sarpo bilaśayān iva
wie die Schlange die in Höhlen Liegenden (Nom./Akk. Pl./Partikel)
rājānaṃ cāviroddhāraṃ
und den König, der nicht widersteht (Akk.)
brāhmaṇaṃ cāpravāsinam
und den Brahmanen, der nicht in der Fremde weilt/reist (Akk.)

aviroddhāraṃ: „nicht Widerstand leistend / nicht Feindschaft übend“ [?]; apravāsin: „nicht auf Reisen/in der Fremde befindlich“.

sudyumnaś cāpi rājarṣiḥ śrūyate daṇḍadhāraṇāt; prāptavān paramāṃ siddhiṃ dakṣaḥ prācetaso yathā

Auch Sudyumna, der Königsseher, wird durch das Führen des Strafstabs [als jemand] gehört, der höchste Vollendung erlangt hat, tüchtig wie Dakṣa, der Sohn des Pracetas.

Wort für Wort
sudyumnaś cāpi rājarṣiḥ
und auch Sudyumna, der Königsseher (Nom.)
śrūyate daṇḍadhāraṇāt
man hört von [ihm], durch das Führen des Strafstabs (Pass. 3.Sg./Abl.)
prāptavān paramāṃ siddhiṃ
erlangt habend höchste Vollendung (Part. Perf. Akt. Nom./Akk.)
dakṣaḥ prācetaso yathā
tüchtig, wie der Prācetasa [Dakṣa] (Nom./Adv.)

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