Kapitel 265: pāpadharmamokṣanirvedakathanam
Wie einer zum Übeltäter wird, zum Dharma findet, Überdruss fasst und Erlösung erlangt
Yudhiṣṭhira fragt nach dem Ursprung von Übel, Dharma, Weltüberdruss und Erlösung; Bhīṣma schildert die Kette von Sinneswunsch, Leidenschaft, Gier und Verblendung, dann den umgekehrten Weg über den Dharma zum Überdruss und zur Erlösung.
Yudhiṣṭhira sprach: „Wie wird einer zum Übeltäter, oder wie übt er den Dharma? Wodurch fasst er Überdruss [an der Welt], oder wodurch gelangt er zur Erlösung?“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Nom.Sg., 3.Sg.Perf.)
kathaṃ bhavati pāpātmā
wie wird er ein Übelgesinnter (Adv.; 3.Sg.Präs.; Nom.Sg.)
kathaṃ dharmaṃ karoti vā
oder wie übt er den Dharma (Adv.; Akk.Sg.; 3.Sg.Präs.)
kena nirvedam ādatte
wodurch fasst er Überdruss (Instr.Sg.; Akk.Sg.; 3.Sg.Präs. Med.)
mokṣaṃ vā kena gacchati
oder wodurch geht er zur Erlösung (Akk.Sg.; Instr.Sg.; 3.Sg.Präs.)
bhīṣma uvāca; viditāḥ sarvadharmās te sthityartham anupṛcchasi; śṛṇu mokṣaṃ sanirvedaṃ pāpaṃ dharmaṃ ca mūlataḥ
Bhīṣma sprach: „Alle Dharmas sind dir [wohl] bekannt; du fragst [nur] um der Festigung willen. So höre von der Wurzel her die Erlösung samt dem Überdruss, das Übel und den Dharma.“
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Nom.Sg., 3.Sg.Perf.)
viditāḥ sarvadharmās te
bekannt sind alle Dharmas dir (Part.Perf.Pass. Nom.Pl.; Nom.Pl.; Gen./Dat.Sg.)
sthityartham anupṛcchasi
um der Festigung willen fragst du (Akk.Sg. Adv.; 2.Sg.Präs.)
śṛṇu mokṣaṃ sanirvedaṃ
höre die Erlösung samt Überdruss (Imp.2.Sg.; Akk.Sg.; Akk.Sg. Kompositum)
pāpaṃ dharmaṃ ca mūlataḥ
das Übel und den Dharma von der Wurzel her (Akk.Sg.; Akk.Sg.; Ablativ-Adv.)
Um der Erkenntnis der fünf [Sinnesobjekte] willen entsteht zuerst der Wunsch; hat er diese erlangt, so entsteht Begehren oder Abneigung, Stier der Bharatas.
Wort für Wort
vijñānārthaṃ hi pañcānām
denn um der Erkenntnis willen der fünf (Adv.-Kompositum; Part.; Gen.Pl.)
icchā pūrvaṃ pravartate
der Wunsch zuerst tritt ein (Nom.Sg.f.; Adv.; 3.Sg.Präs. Med.)
prāpya tāñ jāyate kāmo
diese erlangt habend, entsteht Begehren (Absolutiv; Akk.Pl.; 3.Sg.Präs.; Nom.Sg.)
dveṣo vā bharatarṣabha
oder Abneigung, Stier der Bharatas (Nom.Sg.; Part.; Vok.Sg.)
„die fünf“: gemeint sind die fünf Sinnesobjekte (Ton, Berührung, Form, Geschmack, Geruch), vgl. Vers 17.
lobhamohābhibhūtasya rāgadveṣānvitasya ca; na dharme jāyate buddhir vyājād dharmaṃ karoti ca
Wer von Gier und Verblendung überwältigt und mit Leidenschaft und Hass behaftet ist, in dem entsteht keine Einsicht im Dharma; aus Vorwand [oder Trug] übt er Dharma.
Wort für Wort
lobhamohābhibhūtasya
des von Gier und Verblendung Überwältigten (Gen.Sg. Kompositum)
rāgadveṣānvitasya ca
und des mit Leidenschaft und Hass Behafteten (Gen.Sg. Kompositum; Part.)
na dharme jāyate buddhir
nicht im Dharma entsteht Einsicht (Neg.; Lok.Sg.; 3.Sg.Präs.; Nom.Sg.)
vyājād dharmaṃ karoti ca
aus Vorwand den Dharma übt er (Abl.Sg.; Akk.Sg.; 3.Sg.Präs.; Part.)
Er gibt eine [scheinbar] der Regel gemäße, nach Vorschrift zurechtgelegte Antwort; dreifach wächst ihm der aus Leidenschaft und Verblendung geborene Adharma.
Wort für Wort
uttaraṃ nyāyasaṃbaddhaṃ
eine Antwort, an die Regel gebunden (Akk.Sg.; Akk.Sg. Kompositum)
bravīti vidhiyojitam
sagt er, nach Vorschrift angefügt (3.Sg.Präs.; Part.Perf.Pass. Akk.Sg. Kompositum)
adharmas trividhas tasya
Adharma, dreifach, ihm (Nom.Sg.; Nom.Sg.; Gen.Sg.)
vardhate rāgamohajaḥ
wächst, aus Leidenschaft und Verblendung geboren (3.Sg.Präs. Med.; Nom.Sg. Kompositum)
„dreifach“ wohl: in Gedanken, Wort und Tat (vgl. Vers 10).
[bei denen], die im Dharma stehen, Kaunteya, und in allen Genusshandlungen [?].
Wort für Wort
dharme sthitānāṃ kaunteya
der im Dharma Stehenden, Sohn der Kuntī (Lok.Sg.; Part. Gen.Pl.; Vok.Sg.)
sarvabhogakriyāsu ca
und in allen Genusshandlungen (Lok.Pl. Kompositum; Part.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile, nur in einem Teil der Handschriften; syntaktisch lose, Bezug unklar.
prajñācakṣur yadā kāme doṣam evānupaśyati; virajyate tadā kāmān na ca dharmaṃ vimuñcati
Wenn er mit dem Auge der Einsicht im Begehren nur Fehler sieht, dann wird er den Begierden gegenüber gleichgültig und lässt doch den Dharma nicht fahren.
Wort für Wort
prajñācakṣur yadā kāme
das Auge der Einsicht [habend], wenn im Begehren (Nom.Sg. Kompositum; Konj.; Lok.Sg.)
doṣam evānupaśyati
nur den Fehler sieht (Akk.Sg.; Part.; 3.Sg.Präs.)
virajyate tadā kāmān
wird er gleichgültig dann gegenüber Begierden (3.Sg.Präs. Pass./Med.; Adv.; Abl.Pl.)
na ca dharmaṃ vimuñcati
und nicht den Dharma lässt er los (Neg.; Part.; Akk.Sg.; 3.Sg.Präs.)
sarvatyāge ca yatate dṛṣṭvā lokaṃ kṣayātmakam; tato mokṣāya yatate nānupāyād upāyataḥ
Er müht sich um vollständiges Aufgeben, da er die Welt als vergänglich erkannt hat; dann müht er sich um Erlösung, nicht durch ein Nicht-Mittel, sondern durch das [richtige] Mittel.
Wort für Wort
sarvatyāge ca yatate
und um das Aufgeben von allem müht er sich (Lok.Sg. Kompositum; Part.; 3.Sg.Präs. Med.)
dṛṣṭvā lokaṃ kṣayātmakam
gesehen habend die Welt, vergänglich (Absolutiv; Akk.Sg.; Akk.Sg. Kompositum)
tato mokṣāya yatate
dann um Erlösung müht er sich (Adv.; Dat.Sg.; 3.Sg.Präs. Med.)
nānupāyād upāyataḥ
nicht durch Nicht-Mittel, sondern durch Mittel (Neg.; Abl.Sg.; Abl.-Adv.)