Kapitel 213: damapraśaṃsā
Lob der Selbstbeherrschung: ihre Kennzeichen und ihre Früchte
Auf Yudhiṣṭhiras Frage nach dem Weg zu Glück und Furchtlosigkeit antwortet Bhīṣma mit einem Preis der Selbstbeherrschung (dama). Er zählt die Merkmale des Beherrschten auf und stellt sie dem Weg der Schlechtgesinnten gegenüber.
bhīṣma uvāca; damam eva praśaṃsanti vṛddhāḥ śrutisamādhayaḥ; sarveṣām eva varṇānāṃ brāhmaṇasya viśeṣataḥ
Bhīṣma sprach: „Die Selbstbeherrschung allein preisen die Alten, die in der Schrift Gesammelten, [als Ideal] für alle Stände, besonders aber für den Brahmanen.“
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.3.Sg.)
damam eva praśaṃsanti
die Selbstbeherrschung allein preisen sie (Akk.Sg./3.Pl.Präs.)
vṛddhāḥ śrutisamādhayaḥ
die Alten, deren Sammlung in der Schrift liegt (Nom.Pl./Bahuvrīhi)
sarveṣām eva varṇānām
für alle Stände (Gen.Pl.)
brāhmaṇasya viśeṣataḥ
des Brahmanen besonders (Gen.Sg./Adv.)
Für „śrutisamādhayaḥ“ ist die Deutung als Bahuvrīhi („deren Sammlung/Festigung in der Śruti liegt“) gewählt; andere Auflösung denkbar.
Die Selbstbeherrschung mehrt die Glut [Tatkraft]; die Selbstbeherrschung wird ein Reinigungsmittel genannt. Der Beherrschte, frei von Übel und furchtlos, erlangt als Mensch Großes.
Wort für Wort
damas tejo vardhayati
Selbstbeherrschung mehrt die Glut (Nom./Akk./3.Sg.Kaus.)
pavitraṃ dama ucyate
ein Reinigungsmittel wird die Selbstbeherrschung genannt (Nom.N./3.Sg.Pass.)
tejo damena dhriyate na tat tīkṣṇo 'dhigacchati; amitrāṃś ca bahūn nityaṃ pṛthag ātmani paśyati
Die Glut wird durch Selbstbeherrschung gehalten; der Hitzige erlangt sie nicht. Und viele Feinde sieht er stets gesondert in sich selbst.
Wort für Wort
tejo damena dhriyate
die Glut wird durch Selbstbeherrschung gehalten (Nom./Instr./3.Sg.Pass.)
na tat tīkṣṇo 'dhigacchati
der Scharfe/Hitzige erlangt sie nicht (Akk.N./Nom./3.Sg.Präs.)
amitrāṃś ca bahūn nityaṃ
und viele Feinde stets (Akk.Pl./Adv.)
pṛthag ātmani paśyati
gesondert in sich sieht er (Adv./Lok./3.Sg.Präs.)
Zweiter Halbvers: „pṛthag ātmani“ sinngemäß: der Unbeherrschte erkennt viele Feinde als von ihm getrennt in seinem eigenen Selbst [?]; Sinn nicht ganz eindeutig.
dharmaḥ saṃrakṣyate tais tu yatas te dharmasetavaḥ
Von ihnen wird der Dharma bewahrt, denn sie sind die Dämme des Dharma.
Wort für Wort
dharmaḥ saṃrakṣyate
der Dharma wird bewahrt (Nom./3.Sg.Pass.)
tais tu
von diesen aber (Instr.Pl.)
yatas te
weil sie (Adv./Nom.Pl.)
dharmasetavaḥ
Dämme des Dharma (Nom.Pl./Tatpuruṣa)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers der kritischen Ausgabe (nur in Teilen der Überlieferung).
akrodha ārjavaṃ nityaṃ nātivādo na mānitā; gurupūjānasūyā ca dayā bhūteṣv apaiśunam
Zornlosigkeit, Aufrichtigkeit stets, kein Übermaß an Reden, keine Einbildung, Verehrung der Lehrer, Neidlosigkeit, Mitgefühl mit den Wesen, Nicht-Verleumdung,
Wort für Wort
akrodha ārjavaṃ nityam
Zornlosigkeit, Geradheit, stets (Nom./Nom./Adv.)
nātivādo na mānitā
kein Übermaß an Reden, keine Selbstgefälligkeit (Nom./Nom.)
gurupūjānasūyā ca
Verehrung der Lehrer und Neidlosigkeit (Nom./Nom.)
dayā bhūteṣv apaiśunam
Mitgefühl mit den Wesen, Nicht-Verleumdung (Nom./Lok.Pl./Nom.N.)
avairakṛt sūpacāraḥ samo nindāpraśaṃsayoḥ; suvṛttaḥ śīlasaṃpannaḥ prasannātmātmavān budhaḥ; prāpya loke ca satkāraṃ svargaṃ vai pretya gacchati
Er stiftet keine Feindschaft, ist gut im Umgang, gleichmütig gegenüber Tadel und Lob, von gutem Wandel, reich an Charakter, von heiterem Gemüt, selbstbeherrscht und weise. Hat er in der Welt Ehrung erlangt, so geht er nach dem Tod gewiss in den Himmel.
Wort für Wort
avairakṛt sūpacāraḥ
keine Feindschaft stiftend, gut im Umgang (Nom.Sg.)
[Er erlangt,] was für alle Wesen schwer zugänglich ist, und freut sich, glücklich geworden.
Wort für Wort
durgamaṃ sarvabhūtānām
schwer zugänglich für alle Wesen (Akk.N./Gen.Pl.)
prāpya yan modate sukhī
nachdem er erlangt, worüber er sich freut, glücklich (Abs./Rel./3.Sg.Präs.Med./Nom.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers der kritischen Ausgabe; der Bezug ist elliptisch, die Wiedergabe [?] wortnah.
na hṛṣyati mahaty arthe vyasane ca na śocati; sa vai parimitaprajñaḥ sa dānto dvija ucyate
Wer sich bei großem Gewinn nicht freut und im Unglück nicht trauert, der hat wahrlich ein wohlbemessenes Urteil; der wird ein Beherrschter, ein Zweimalgeborener, genannt.
Wort für Wort
na hṛṣyati mahaty arthe
er freut sich nicht bei großem Gewinn (3.Sg.Präs./Lok.)
vyasane ca na śocati
und im Unglück trauert er nicht (Lok./3.Sg.Präs.)
sa vai parimitaprajñaḥ
der hat wahrlich ein wohlbemessenes Urteil (Nom./Bahuvrīhi)
sa dānto dvija ucyate
der wird ein Beherrschter, ein Zweimalgeborener genannt (Nom./Nom./3.Sg.Pass.)
„parimitaprajñaḥ“: „von begrenztem/gemäßigtem Verstand“ oder „mit maßvoller Einsicht“; hier die wohlwollende Lesart gewählt [?].
Neidlosigkeit, Nachsicht, Ruhe, Zufriedenheit, freundliches Reden, Wahrhaftigkeit, Freigebigkeit, Mühelosigkeit: das ist nicht der Weg der Schlechtgesinnten.
Wort für Wort
anasūyā kṣamā śāntiḥ
Neidlosigkeit, Nachsicht, Ruhe (Nom.)
saṃtoṣaḥ priyavāditā
Zufriedenheit, liebes Reden (Nom.)
satyaṃ dānam anāyāsaḥ
Wahrheit, Geben, Nicht-Anstrengung (Nom.)
naiṣa mārgo durātmanām
das ist nicht der Weg der Schlechtgesinnten (Nom./Gen.Pl.)
Begierde und Zorn in seine Gewalt gebracht, als Brahmacārin mit bezwungenen Sinnen, im furchtbaren Askesefeuer sich anstrengend, als Brahmane mit scharf gehaltenem Gelübde, soll der Selbstbeherrschte die Welten durchwandern, die rechte Zeit erwartend, wie einer ohne Gefahr.
Wort für Wort
kāmakrodhau vaśe kṛtvā
Begierde und Zorn in die Gewalt gebracht (Akk.Du./Lok./Abs.)
brahmacārī jitendriyaḥ
Brahmacārin, dessen Sinne bezwungen sind (Nom./Bahuvrīhi)
vikramya ghore tapasi
sich anstrengend in furchtbarer Askese (Abs./Lok.)
brāhmaṇaḥ saṃśitavrataḥ
der Brahmane mit scharfem Gelübde (Nom./Bahuvrīhi)
kālākāṅkṣī carel lokān
die Zeit erwartend soll er die Welten durchwandern (Nom./Opt.3.Sg./Akk.Pl.)
nirapāya ivātmavān
wie gefahrlos, der Selbstbeherrschte (Adv./Nom.)
Der Schluss „nirapāya iva“ ist knapp; sinngemäß „gleichsam ohne Gefahr“ bzw. „unversehrt“ [?].