Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 270: vṛtragītā-prastāvaḥ Yudhiṣṭhiras Frage nach Befreiung und Vṛtras Gleichmut im Verlust der Herrschaft

Yudhiṣṭhira klagt über das Leid des Daseins und fragt nach dem Ende der Wiedergeburt; Bhīṣma antwortet mit der alten Erzählung von Vṛtra, der nach dem Verlust seiner Herrschaft mit Uśanas (Śukra) spricht.

yudhiṣṭhira uvāca; dhanyā dhanyā iti janāḥ sarve 'smān pravadanty uta; na duḥkhitataraḥ kaś cit pumān asmābhir asti ha

Yudhiṣṭhira sprach: „Glückselig, glückselig!“ – so sagen alle Leute von uns; doch es gibt gewiss keinen leidvolleren Mann als uns.

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
dhanyā dhanyā iti janāḥ sarve
„Glückselig, glückselig!“ – so [sagen] alle Leute (Nom.Pl.)
'smān pravadanty uta
über uns sprechen sie (3.Pl.Präs.) fürwahr
na duḥkhitataraḥ kaś cit pumān
kein leidvollerer Mann (Nom.Sg., Komparativ)
asmābhir asti ha
als wir (Instr.Pl.) es gibt (3.Sg.Präs.) gewiss

lokasaṃbhāvitair duḥkhaṃ yat prāptaṃ kurusattama; prāpya jātiṃ manuṣyeṣu devair api pitāmaha

Das Leid, das wir, von den Welten und sogar von den Göttern hochgeachtet, erfahren haben, o Bester der Kurus, nachdem wir die Geburt unter den Menschen erlangt haben, o Großvater.

Wort für Wort
lokasaṃbhāvitair
von den Welten/Menschen hochgeachtet (Instr.Pl.)
duḥkhaṃ yat prāptaṃ
das Leid, das erlangt wurde (Akk./Part.Pass.)
kurusattama
o Bester der Kurus (Vok.)
prāpya jātiṃ manuṣyeṣu
nachdem [wir] Geburt unter Menschen erlangt haben (Abs./Akk./Lok.Pl.)
devair api pitāmaha
auch von den Göttern (Instr.Pl.), o Großvater (Vok.)

Konstruktion locker: devair api gehört wohl zu lokasaṃbhāvitaiḥ (auch von Göttern geachtet).

kadā vayaṃ kariṣyāmaḥ saṃnyāsaṃ duḥkhasaṃjñakam; duḥkham etac charīrāṇāṃ dhāraṇaṃ kurusattama

Wann werden wir die als „Leid“ bezeichnete Entsagung vollziehen? Dieses Tragen von Körpern, o Bester der Kurus, ist Leid.

Wort für Wort
kadā vayaṃ kariṣyāmaḥ
wann werden wir vollziehen (1.Pl.Fut.)
saṃnyāsaṃ duḥkhasaṃjñakam
die Entsagung, „Leid“ genannt (Akk.Sg.)
duḥkham etac charīrāṇām
Leid [ist] dies (Nom.Sg.n.), der Körper (Gen.Pl.)
dhāraṇaṃ kurusattama
das Tragen (Nom.Sg.), o Bester der Kurus (Vok.)

vimuktāḥ saptadaśabhir hetubhūtaiś ca pañcabhiḥ; indriyārthair guṇaiś caiva aṣṭābhiḥ prapitāmaha

Befreit von den siebzehn und den fünf ursächlichen [Elementen], von den Sinnesobjekten und den acht Eigenschaften, o Urgroßvater,

Wort für Wort
vimuktāḥ
befreit (Nom.Pl.Part.Pass.)
saptadaśabhir
von siebzehn (Instr.Pl.)
hetubhūtaiś ca pañcabhiḥ
und von fünf ursächlichen (Instr.Pl.)
indriyārthair guṇaiś caiva
von den Sinnesobjekten und Eigenschaften (Instr.Pl.)
aṣṭābhiḥ prapitāmaha
von acht (Instr.Pl.), o Urgroßvater (Vok.)

Satz setzt sich in Vers 5 fort; die Zählungen (17, 5, 8) nicht näher aufgelöst.

na gacchanti punarbhāvaṃ munayaḥ saṃśitavratāḥ; kadā vayaṃ bhaviṣyāmo rājyaṃ hitvā paraṃtapa

gehen die Weisen mit strengen Gelübden nicht in die Wiederkehr [des Daseins] ein. Wann werden wir [so] sein, die Herrschaft aufgebend, o Bezwinger der Feinde?

Wort für Wort
na gacchanti punarbhāvaṃ
sie gehen nicht in Wiedergeburt (3.Pl.Präs./Akk.)
munayaḥ saṃśitavratāḥ
die Weisen mit strengen Gelübden (Nom.Pl.)
kadā vayaṃ bhaviṣyāmo
wann werden wir sein (1.Pl.Fut.)
rājyaṃ hitvā
die Herrschaft aufgegeben habend (Abs.)
paraṃtapa
o Feindebezwinger (Vok.)

bhīṣma uvāca; nāsty anantaṃ mahārāja sarvaṃ saṃkhyānagocaram; punarbhāvo 'pi saṃkhyāto nāsti kiṃ cid ihācalam

Bhīṣma sprach: Nichts ist unendlich, o Großkönig; alles liegt im Bereich der Zählung. Auch die Wiederkehr [des Daseins] ist gezählt [= begrenzt]; nichts hier ist unwandelbar.

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
nāsty anantaṃ mahārāja
nichts ist unendlich (3.Sg.), o Großkönig (Vok.)
sarvaṃ saṃkhyānagocaram
alles im Bereich der Zählung (Nom.Sg.n.)
punarbhāvo 'pi saṃkhyāto
auch die Wiederkehr ist gezählt (Nom.Sg./Part.Pass.)
nāsti kiṃ cid ihācalam
nichts gibt es hier Unbewegliches (Nom.Sg.n.)

na cāpi gamyate rājan naiṣa doṣaḥ prasaṅgataḥ; udyogād eva dharmajña kālenaiva gamiṣyatha

Und man gelangt [dorthin] auch nicht [einfach so], o König; dies ist kein Fehler aus [bloßer] Verstrickung [?]. Allein durch Anstrengung, o Kenner des Dharma, werdet ihr mit der Zeit dorthin gelangen.

Wort für Wort
na cāpi gamyate rājan
und nicht wird gegangen (Pass.3.Sg.), o König (Vok.)
naiṣa doṣaḥ prasaṅgataḥ
dies [ist] kein Fehler aus Verstrickung (Nom./Abl.-Adv.) [?]
udyogād eva
allein durch Anstrengung (Abl.)
dharmajña
o Kenner des Dharma (Vok.)
kālenaiva gamiṣyatha
allein mit der Zeit werdet ihr gehen/gelangen (2.Pl.Fut.)

Erste Vershälfte syntaktisch unsicher (prasaṅgataḥ).

īśo 'yaṃ satataṃ dehī nṛpate puṇyapāpayoḥ; tata eva samutthena tamasā rudhyate 'pi ca

Herr über Verdienst und Schuld ist dieser Verkörperte stets, o Fürst; doch gerade daher wird er auch durch das entstandene Dunkel [Tamas] gehemmt.

Wort für Wort
īśo 'yaṃ satataṃ dehī
Herr [ist] dieser stets Verkörperte (Nom.Sg.)
nṛpate
o Fürst (Vok.)
puṇyapāpayoḥ
über Verdienst und Schuld (Gen.Du.)
tata eva samutthena
gerade daher entstandenem (Instr.Sg.)
tamasā rudhyate 'pi ca
durch Dunkel (Instr.) wird er auch gehemmt (Pass.3.Sg.)

yathāñjanamayo vāyuḥ punar mānaḥśilaṃ rajaḥ; anupraviśya tadvarṇo dṛśyate rañjayan diśaḥ

Wie der [mit] Kollyrium durchsetzte Wind, oder auch Realgar-Staub, [in etwas] eindringend, dessen Farbe annimmt und gesehen wird, indem er die Himmelsrichtungen färbt,

Wort für Wort
yathāñjanamayo vāyuḥ
wie der aus Kollyrium bestehende/mit Kollyrium versetzte Wind (Nom.Sg.)
punar mānaḥśilaṃ rajaḥ
oder auch Realgar-Staub (Nom.Sg.n.)
anupraviśya
eingedrungen (Abs.)
tadvarṇo dṛśyate
dessen Farbe habend wird er gesehen (Nom.Sg./Pass.3.Sg.)
rañjayan diśaḥ
die Himmelsrichtungen färbend (Part.Präs./Akk.Pl.)

tathā karmaphalair dehī rañjitas tamasāvṛtaḥ; vivarṇo varṇam āśritya deheṣu parivartate

so wird der Verkörperte, durch die Früchte der Taten gefärbt und vom Dunkel umhüllt, [selbst] farblos, eine Farbe annehmend, in den Körpern umhergewirbelt.

Wort für Wort
tathā karmaphalair dehī
so der Verkörperte durch die Früchte der Taten (Instr.Pl.)
rañjitas tamasāvṛtaḥ
gefärbt, vom Dunkel umhüllt (Nom.Sg.Part.Pass.)
vivarṇo
farblos (Nom.Sg.)
varṇam āśritya
eine Farbe angenommen habend (Abs.)
deheṣu parivartate
in den Körpern kreist er (Lok.Pl./3.Sg.Präs.)

jñānena hi yadā jantur ajñānaprabhavaṃ tamaḥ; vyapohati tadā brahma prakāśeta sanātanam

Denn wenn das Lebewesen durch Erkenntnis das aus Unwissen entstandene Dunkel vertreibt, dann leuchtet das ewige Brahman auf.

Wort für Wort
jñānena hi yadā jantur
denn wenn durch Erkenntnis das Lebewesen (Instr./Nom.)
ajñānaprabhavaṃ tamaḥ
das aus Unwissen entstandene Dunkel (Akk.Sg.)
vyapohati tadā
vertreibt (3.Sg.Präs.), dann
brahma prakāśeta
das Brahman möge/wird aufleuchten (3.Sg.Opt.)
sanātanam
ewig (Nom.Sg.n.)

ayatnasādhyaṃ munayo vadanti; ye cāpi muktās ta upāsitavyāḥ; tvayā ca lokena ca sāmareṇa; tasmān na śāmyanti maharṣisaṃghāḥ

Ohne Mühe erreichbar, sagen die Weisen [?]; und die Befreiten, die sind zu verehren, von dir und von der Welt samt den Göttern; deshalb kommen die Scharen der großen Seher nicht zur Ruhe.

Wort für Wort
ayatnasādhyaṃ
ohne Anstrengung zu erreichen (Nom./Akk.Sg.n.) [?]
munayo vadanti
die Weisen sagen (3.Pl.Präs.)
ye cāpi muktās
und die, welche befreit sind (Nom.Pl.)
ta upāsitavyāḥ
die sind zu verehren (Gerundiv Nom.Pl.)
tvayā ca lokena ca sāmareṇa
von dir und von der Welt samt den Göttern (Instr.)
tasmān na śāmyanti maharṣisaṃghāḥ
deshalb kommen nicht zur Ruhe die Scharen der Großseher (3.Pl.Präs./Nom.Pl.)

Vers textlich/syntaktisch unsicher; Bezug von ayatnasādhyam und Zusammenhang mit udyogāt (V. 7) unklar.

asminn arthe purā gītaṃ śṛṇuṣvaikamanā nṛpa; yathā daityena vṛtreṇa bhraṣṭaiśvaryeṇa ceṣṭitam

Zu diesem Gegenstand wurde einst ein Lied gesungen; höre es mit gesammeltem Sinn, o König: wie der Daitya Vṛtra, der die Herrschaft verloren hatte, sich verhielt.

Wort für Wort
asminn arthe purā gītaṃ
zu diesem Gegenstand wurde einst gesungen (Lok./Part.Pass.)
śṛṇuṣvaikamanā nṛpa
höre einsinnig (Imp.Med./Nom.), o König (Vok.)
yathā daityena vṛtreṇa
wie vom Daitya Vṛtra (Instr.)
bhraṣṭaiśvaryeṇa
dem die Herrschaft verloren gegangen war (Instr.)
ceṣṭitam
[es] verfahren wurde/Verhalten (Part.Pass.n.)

nirjitenāsahāyena hṛtarājyena bhārata; aśocatā śatrumadhye buddhim āsthāya kevalām

[Als er] besiegt, ohne Helfer, seines Reiches beraubt, o Bhārata, inmitten der Feinde nicht trauerte, sich auf reine Einsicht stützend.

Wort für Wort
nirjitenāsahāyena
von dem Besiegten, Helferlosen (Instr.Sg.)
hṛtarājyena bhārata
von dem, dessen Reich geraubt war (Instr.), o Bhārata (Vok.)
aśocatā
nicht trauernd (Instr.Sg.Part.Präs.)
śatrumadhye
inmitten der Feinde (Lok.)
buddhim āsthāya kevalām
sich auf die reine Einsicht stützend (Abs./Akk.Sg.f.)

bhraṣṭaiśvaryaṃ purā vṛtram uśanā vākyam abravīt; kaccit parājitasyādya na vyathā te 'sti dānava

Zu dem einst der Herrschaft verlustig gegangenen Vṛtra sprach Uśanas das Wort: „Ist dir, Dānava, heute nach der Niederlage etwa kein Kummer?“

Wort für Wort
bhraṣṭaiśvaryaṃ purā vṛtram
zu dem einst der Herrschaft verlustigen Vṛtra (Akk.)
uśanā vākyam abravīt
Uśanas sprach das Wort (Nom./Impf.3.Sg.)
kaccit parājitasyādya
etwa dir, dem heute Besiegten (Gen.Sg.)
na vyathā te 'sti
nicht Kummer bei dir ist (3.Sg.Präs./Gen.)
dānava
o Dānava (Vok.)

vṛtra uvāca; satyena tapasā caiva viditvā saṃkṣayaṃ hy aham; na śocāmi na hṛṣyāmi bhūtānām āgatiṃ gatim

Vṛtra sprach: Weil ich durch Wahrheit und Askese den Untergang erkannt habe, trauere ich nicht und freue mich nicht über das Kommen und Gehen der Wesen.

Wort für Wort
vṛtra uvāca
Vṛtra sprach (Perf.)
satyena tapasā caiva
durch Wahrheit und Askese (Instr.)
viditvā saṃkṣayaṃ hy aham
den Untergang erkannt habend, ich (Abs./Akk./Nom.)
na śocāmi na hṛṣyāmi
ich trauere nicht, ich freue mich nicht (1.Sg.Präs.)
bhūtānām āgatiṃ gatim
der Wesen Kommen und Gehen (Gen.Pl./Akk.Sg.)

kālasaṃcoditā jīvā majjanti narake 'vaśāḥ; paridṛṣṭāni sarvāṇi divyāny āhur manīṣiṇaḥ

Von der Zeit getrieben versinken die Lebewesen hilflos in der Hölle; alles Göttliche sei überschaut, sagen die Weisen [?].

Wort für Wort
kālasaṃcoditā jīvā
von der Zeit angetriebene Lebewesen (Nom.Pl.)
majjanti narake 'vaśāḥ
sie versinken in der Hölle, hilflos (3.Pl.Präs./Lok./Nom.Pl.)
paridṛṣṭāni sarvāṇi
alles ist überschaut (Nom.Pl.n. Part.Pass.)
divyāny āhur manīṣiṇaḥ
Göttliches, sagen (3.Pl.Perf.) die Weisen (Nom.Pl.)

Zweite Vershälfte in der Bedeutung unsicher.

kṣapayitvā tu taṃ kālaṃ gaṇitaṃ kālacoditāḥ; sāvaśeṣeṇa kālena saṃbhavanti punaḥ punaḥ

Haben sie aber jene bemessene Zeit aufgezehrt, von der Zeit getrieben, so entstehen sie mit der übrigen Zeit immer wieder aufs Neue.

Wort für Wort
kṣapayitvā tu taṃ kālaṃ
nachdem sie aber jene Zeit aufgezehrt haben (Abs./Akk.)
gaṇitaṃ kālacoditāḥ
die bemessene, von der Zeit getrieben (Akk./Nom.Pl.)
sāvaśeṣeṇa kālena
mit Zeit, die einen Rest hat (Instr.)
saṃbhavanti punaḥ punaḥ
sie entstehen (3.Pl.Präs.) immer wieder

tiryagyonisahasrāṇi gatvā narakam eva ca; nirgacchanty avaśā jīvāḥ kālabandhanabandhanāḥ

Tausende von Tierschößen durchlaufen und auch die Hölle, kommen die Lebewesen hilflos hervor, gebunden durch die Fesseln der Zeit.

Wort für Wort
tiryagyonisahasrāṇi gatvā
Tausende Tierschöße durchlaufen habend (Akk.Pl./Abs.)
narakam eva ca
und auch die Hölle (Akk.)
nirgacchanty avaśā jīvāḥ
kommen heraus hilflos die Lebewesen (3.Pl.Präs./Nom.Pl.)
kālabandhanabandhanāḥ
durch die Fesseln der Zeit gebunden (Nom.Pl.)

evaṃ saṃsaramāṇāni jīvāny aham adṛṣṭavān; yathā karma tathā lābha iti śāstranidarśanam

So umherwandernde Lebewesen habe ich gesehen: „Wie die Tat, so der Gewinn“ – das ist der Hinweis der Lehre.

Wort für Wort
evaṃ saṃsaramāṇāni
so umherwandernde (Akk.Pl.n.Part.Präs.)
jīvāny aham adṛṣṭavān
Lebewesen habe ich gesehen (Akk./Nom./Perf.Part.)
yathā karma tathā lābha
wie die Tat, so der Gewinn (Nom.Sg.)
iti śāstranidarśanam
so [lautet] der Hinweis der Lehre (Nom.Sg.n.)

tiryag gacchanti narakaṃ mānuṣyaṃ daivam eva ca; sukhaduḥkhe priyadveṣye caritvā pūrvam eva ca

Sie gehen als Tier, in die Hölle, ins Menschliche und ins Göttliche, nachdem sie zuvor Glück und Leid, Liebes und Verhasstes erlebt haben.

Wort für Wort
tiryag gacchanti narakaṃ
als Tier gehen sie, in die Hölle (Adv./3.Pl./Akk.)
mānuṣyaṃ daivam eva ca
ins Menschliche und ins Göttliche (Akk.Sg.n.)
sukhaduḥkhe
Glück und Leid (Akk.Du.)
priyadveṣye
Liebes und Verhasstes (Akk.Du.)
caritvā pūrvam eva ca
erlebt/durchlaufen habend, zuvor (Abs./Adv.)

kṛtāntavidhisaṃyuktaṃ sarvalokaḥ prapadyate; gataṃ gacchanti cādhvānaṃ sarvabhūtāni sarvadā

Der Ordnung des Endes [kṛtānta] unterworfen, gelangt die ganze Welt dorthin; den schon gegangenen Weg gehen alle Wesen immerdar.

Wort für Wort
kṛtāntavidhisaṃyuktaṃ
mit der Ordnung des Endes/Schicksals verbunden (Akk.Sg.n.)
sarvalokaḥ prapadyate
die ganze Welt gelangt hin (Nom.Sg./3.Sg.Präs.Med.)
gataṃ gacchanti cādhvānaṃ
und den gegangenen Weg gehen sie (Akk./3.Pl.Präs.)
sarvabhūtāni sarvadā
alle Wesen (Nom.Pl.) allezeit

bhīṣma uvāca; kālasaṃkhyānasaṃkhyātaṃ sṛṣṭisthitiparāyaṇam; taṃ bhāṣamāṇaṃ bhagavān uśanā pratyabhāṣata; bhīmān duṣṭapralāpāṃs tvaṃ tāta kasmāt prabhāṣase

Bhīṣma sprach: Zu ihm, der [so] sprach – Rede, nach der Zeitberechnung gezählt und auf Schöpfung und Bestand gerichtet [?] –, entgegnete der Erhabene Uśanas: „Warum, mein Lieber, sprichst du furchtbare, verkehrte Reden?“

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
kālasaṃkhyānasaṃkhyātaṃ
nach der Zeitberechnung gezählt (Akk.Sg.n.)
sṛṣṭisthitiparāyaṇam
auf Schöpfung und Bestand ausgerichtet (Akk.Sg.n.)
taṃ bhāṣamāṇaṃ bhagavān uśanā pratyabhāṣata
zu ihm, dem Sprechenden, sagte der Erhabene Uśanas entgegen (Akk./Nom./Impf.Med.)
bhīmān duṣṭapralāpāṃs
furchtbare, üble Reden (Akk.Pl.)
tvaṃ tāta kasmāt prabhāṣase
du, mein Lieber, warum sprichst du (2.Sg.Präs.)

Bezug der beiden ersten Attribute (Akk.Sg.n.) auf ‚Rede‘ ist erschlossen.

vṛtra uvāca; pratyakṣam etad bhavatas tathānyeṣāṃ manīṣiṇām; mayā yaj jayalubdhena purā taptaṃ mahat tapaḥ

Vṛtra sprach: Vor Augen liegt dies dir und den anderen Weisen: das große Tapas, das ich einst, siegesgierig, geübt habe.

Wort für Wort
vṛtra uvāca
Vṛtra sprach (Perf.)
pratyakṣam etad bhavatas
offenbar ist dies bei dir (Nom.Sg.n./Gen.)
tathānyeṣāṃ manīṣiṇām
und bei den anderen Weisen (Gen.Pl.)
mayā yaj jayalubdhena purā
von mir, was, siegesgierig, einst (Instr.)
taptaṃ mahat tapaḥ
geübt wurde das große Tapas (Part.Pass./Nom.)

gandhān ādāya bhūtānāṃ rasāṃś ca vividhān api; avardhaṃ trīn samākramya lokān vai svena tejasā

Nachdem ich die Düfte der Wesen und mannigfache Säfte genommen hatte, wuchs ich, die drei Welten überschreitend, durch meine eigene Glut.

Wort für Wort
gandhān ādāya bhūtānāṃ
die Düfte der Wesen genommen habend (Akk.Pl./Abs./Gen.)
rasāṃś ca vividhān api
und auch mannigfache Säfte (Akk.Pl.)
avardhaṃ
ich wuchs (Impf.1.Sg.)
trīn samākramya lokān
drei Welten überschreitend (Akk.Pl./Abs.)
vai svena tejasā
fürwahr durch eigene Glut (Instr.)

jvālāmālāparikṣipto vaihāyasacaras tathā; ajeyaḥ sarvabhūtānām āsaṃ nityam apetabhīḥ

Von einem Flammenkranz umgeben und im Luftraum wandelnd, war ich stets furchtlos und für alle Wesen unbesiegbar.

Wort für Wort
jvālāmālāparikṣipto
von Flammenkranz umgeben (Nom.Sg.)
vaihāyasacaras tathā
und im Luftraum wandelnd (Nom.Sg.)
ajeyaḥ sarvabhūtānām
unbesiegbar für alle Wesen (Nom.Sg./Gen.Pl.)
āsaṃ nityam apetabhīḥ
war ich (Impf.1.Sg.) stets furchtlos (Nom.Sg.)

aiśvaryaṃ tapasā prāptaṃ bhraṣṭaṃ tac ca svakarmabhiḥ; dhṛtim āsthāya bhagavan na śocāmi tatas tv aham

Die durch Askese erlangte Herrschaft ist durch eigene Taten verloren gegangen; an Festigkeit haltend, Erhabener, trauere ich darum nicht.

Wort für Wort
aiśvaryaṃ tapasā prāptaṃ
Herrschaft, durch Askese erlangt (Nom.Sg.n./Instr.)
bhraṣṭaṃ tac ca svakarmabhiḥ
und diese verloren durch eigene Taten (Part.Pass./Instr.Pl.)
dhṛtim āsthāya bhagavan
Festigkeit angenommen habend, Erhabener (Abs./Vok.)
na śocāmi tatas tv aham
nicht trauere ich (1.Sg.Präs.) daher aber ich

yuyutsatā mahendreṇa purā sārdhaṃ mahātmanā; tato me bhagavān dṛṣṭo harir nārāyaṇaḥ prabhuḥ

Als ich einst mit dem kampfbereiten, hochgesinnten großen Indra [zusammentraf], da wurde von mir der Erhabene gesehen: Hari Nārāyaṇa, der Gebieter.

Wort für Wort
yuyutsatā mahendreṇa purā
mit dem kampfbereiten Mahendra einst (Instr.)
sārdhaṃ mahātmanā
zusammen mit dem Hochgesinnten (Adv./Instr.)
tato me bhagavān dṛṣṭo
da wurde von mir der Erhabene gesehen (Nom./Part.Pass.)
harir nārāyaṇaḥ prabhuḥ
Hari Nārāyaṇa, der Gebieter (Nom.)

Kasus in der ersten Vershälfte locker; Sinn: bei dem Kampf gegen Indra.

vaikuṇṭhaḥ puruṣo viṣṇuḥ śuklo 'nantaḥ sanātanaḥ; muñjakeśo hariśmaśruḥ sarvabhūtapitāmahaḥ

Vaikuṇṭha, der Puruṣa, Viṣṇu, der Weiße, der Unendliche, der Ewige, mit Muñja-Gras-Haar, mit grünem Bart, der Großvater aller Wesen.

Wort für Wort
vaikuṇṭhaḥ puruṣo viṣṇuḥ
Vaikuṇṭha, Puruṣa, Viṣṇu (Nom.)
śuklo 'nantaḥ sanātanaḥ
der Weiße, Unendliche, Ewige (Nom.)
muñjakeśo
mit Haar wie Muñja-Gras (Nom.Sg.)
hariśmaśruḥ
mit grünem/gelbbraunem Bart (Nom.Sg.)
sarvabhūtapitāmahaḥ
Großvater aller Wesen (Nom.Sg.)

nūnaṃ tu tasya tapasaḥ sāvaśeṣaṃ mamāsti vai; yad ahaṃ praṣṭum icchāmi bhavantaṃ karmaṇaḥ phalam

Gewiss ist von jener Askese noch ein Rest bei mir; darum möchte ich dich, Ehrwürdiger, nach der Frucht der Tat fragen.

Wort für Wort
nūnaṃ tu tasya tapasaḥ
gewiss aber von jener Askese (Gen.)
sāvaśeṣaṃ mamāsti vai
ein Rest ist bei mir vorhanden (Nom.Sg.n./3.Sg.)
yad ahaṃ praṣṭum icchāmi
weil ich fragen möchte (Inf./1.Sg.Präs.)
bhavantaṃ karmaṇaḥ phalam
dich, Ehrwürdiger (Akk.), nach der Frucht der Tat (Gen./Akk.)

aiśvaryaṃ vai mahad brahman kasmin varṇe pratiṣṭhitam; nivartate cāpi punaḥ katham aiśvaryam uttamam

Die große Herrschaft, o Brahmane – in welcher Farbe [varṇa] gründet sie? Und wie kehrt die höchste Herrschaft wieder um [hört sie auf]?

Wort für Wort
aiśvaryaṃ vai mahad brahman
die Herrschaft, die große, o Brahmane (Nom.Sg.n./Vok.)
kasmin varṇe pratiṣṭhitam
in welcher Farbe gegründet (Lok./Part.Pass.)
nivartate cāpi punaḥ
und sie kehrt wieder um (3.Sg.Präs.Med.)
katham aiśvaryam uttamam
wie [die] höchste Herrschaft (Nom.Sg.n.)

kasmād bhūtāni jīvanti pravartante 'tha vā punaḥ; kiṃ vā phalaṃ paraṃ prāpya jīvas tiṣṭhati śāśvataḥ

Woher leben die Wesen, oder wie treten sie ins Dasein? Oder welche höchste Frucht erlangend bleibt das Lebewesen ewig bestehen?

Wort für Wort
kasmād bhūtāni jīvanti
woher leben die Wesen (Abl./Nom.Pl./3.Pl.Präs.)
pravartante 'tha vā punaḥ
oder sie treten hervor (3.Pl.Präs.Med.) wieder
kiṃ vā phalaṃ paraṃ prāpya
oder welche höchste Frucht erlangt habend (Abs.)
jīvas tiṣṭhati śāśvataḥ
das Lebewesen bleibt bestehen, ewig (3.Sg.Präs./Nom.)

kena vā karmaṇā śakyam atha jñānena kena vā; brahmarṣe tat phalaṃ prāptuṃ tan me vyākhyātum arhasi

Durch welche Tat ist es möglich, oder durch welche Erkenntnis, o Brahmanenseher, jene Frucht zu erlangen? Das sollst du mir erklären.

Wort für Wort
kena vā karmaṇā śakyam
oder durch welche Tat ist es möglich (Instr./Nom.Sg.n.)
atha jñānena kena vā
oder durch welche Erkenntnis (Instr.)
brahmarṣe
o Brahmanenseher (Vok.)
tat phalaṃ prāptuṃ
jene Frucht zu erlangen (Akk./Inf.)
tan me vyākhyātum arhasi
das mir zu erklären vermagst/sollst du (Inf./2.Sg.Präs.)

itīdam uktaḥ sa munis tadānīṃ; pratyāha yat tac chṛṇu rājasiṃha; mayocyamānaṃ puruṣarṣabha tvam; ananyacittaḥ saha sodarīyaiḥ

So angesprochen, antwortete damals jener Weise – das höre, Löwe unter den Königen, was von mir erzählt wird, Stier unter den Männern, mit ungeteiltem Sinn samt deinen leiblichen Brüdern.

Wort für Wort
itīdam uktaḥ sa munis tadānīṃ
so hierzu angesprochen jener Weise damals (Part.Pass./Nom.)
pratyāha yat tac chṛṇu
antwortete (Perf.3.Sg.), was – das höre (Imp.2.Sg.)
rājasiṃha
o Löwe unter Königen (Vok.)
mayocyamānaṃ puruṣarṣabha tvam
von mir Erzähltes, o Stier unter Männern, du (Part.Pass.Präs./Vok.)
ananyacittaḥ saha sodarīyaiḥ
mit ungeteiltem Sinn, samt Brüdern (Nom./Instr.Pl.)

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