Kapitel 270: vṛtragītā-prastāvaḥ
Yudhiṣṭhiras Frage nach Befreiung und Vṛtras Gleichmut im Verlust der Herrschaft
Yudhiṣṭhira klagt über das Leid des Daseins und fragt nach dem Ende der Wiedergeburt; Bhīṣma antwortet mit der alten Erzählung von Vṛtra, der nach dem Verlust seiner Herrschaft mit Uśanas (Śukra) spricht.
Das Leid, das wir, von den Welten und sogar von den Göttern hochgeachtet, erfahren haben, o Bester der Kurus, nachdem wir die Geburt unter den Menschen erlangt haben, o Großvater.
Wort für Wort
lokasaṃbhāvitair
von den Welten/Menschen hochgeachtet (Instr.Pl.)
duḥkhaṃ yat prāptaṃ
das Leid, das erlangt wurde (Akk./Part.Pass.)
kurusattama
o Bester der Kurus (Vok.)
prāpya jātiṃ manuṣyeṣu
nachdem [wir] Geburt unter Menschen erlangt haben (Abs./Akk./Lok.Pl.)
devair api pitāmaha
auch von den Göttern (Instr.Pl.), o Großvater (Vok.)
Konstruktion locker: devair api gehört wohl zu lokasaṃbhāvitaiḥ (auch von Göttern geachtet).
gehen die Weisen mit strengen Gelübden nicht in die Wiederkehr [des Daseins] ein. Wann werden wir [so] sein, die Herrschaft aufgebend, o Bezwinger der Feinde?
Bhīṣma sprach: Nichts ist unendlich, o Großkönig; alles liegt im Bereich der Zählung. Auch die Wiederkehr [des Daseins] ist gezählt [= begrenzt]; nichts hier ist unwandelbar.
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
nāsty anantaṃ mahārāja
nichts ist unendlich (3.Sg.), o Großkönig (Vok.)
sarvaṃ saṃkhyānagocaram
alles im Bereich der Zählung (Nom.Sg.n.)
punarbhāvo 'pi saṃkhyāto
auch die Wiederkehr ist gezählt (Nom.Sg./Part.Pass.)
na cāpi gamyate rājan naiṣa doṣaḥ prasaṅgataḥ; udyogād eva dharmajña kālenaiva gamiṣyatha
Und man gelangt [dorthin] auch nicht [einfach so], o König; dies ist kein Fehler aus [bloßer] Verstrickung [?]. Allein durch Anstrengung, o Kenner des Dharma, werdet ihr mit der Zeit dorthin gelangen.
Wort für Wort
na cāpi gamyate rājan
und nicht wird gegangen (Pass.3.Sg.), o König (Vok.)
naiṣa doṣaḥ prasaṅgataḥ
dies [ist] kein Fehler aus Verstrickung (Nom./Abl.-Adv.) [?]
udyogād eva
allein durch Anstrengung (Abl.)
dharmajña
o Kenner des Dharma (Vok.)
kālenaiva gamiṣyatha
allein mit der Zeit werdet ihr gehen/gelangen (2.Pl.Fut.)
Erste Vershälfte syntaktisch unsicher (prasaṅgataḥ).
Wie der [mit] Kollyrium durchsetzte Wind, oder auch Realgar-Staub, [in etwas] eindringend, dessen Farbe annimmt und gesehen wird, indem er die Himmelsrichtungen färbt,
Wort für Wort
yathāñjanamayo vāyuḥ
wie der aus Kollyrium bestehende/mit Kollyrium versetzte Wind (Nom.Sg.)
punar mānaḥśilaṃ rajaḥ
oder auch Realgar-Staub (Nom.Sg.n.)
anupraviśya
eingedrungen (Abs.)
tadvarṇo dṛśyate
dessen Farbe habend wird er gesehen (Nom.Sg./Pass.3.Sg.)
rañjayan diśaḥ
die Himmelsrichtungen färbend (Part.Präs./Akk.Pl.)
so wird der Verkörperte, durch die Früchte der Taten gefärbt und vom Dunkel umhüllt, [selbst] farblos, eine Farbe annehmend, in den Körpern umhergewirbelt.
Wort für Wort
tathā karmaphalair dehī
so der Verkörperte durch die Früchte der Taten (Instr.Pl.)
ayatnasādhyaṃ munayo vadanti; ye cāpi muktās ta upāsitavyāḥ; tvayā ca lokena ca sāmareṇa; tasmān na śāmyanti maharṣisaṃghāḥ
Ohne Mühe erreichbar, sagen die Weisen [?]; und die Befreiten, die sind zu verehren, von dir und von der Welt samt den Göttern; deshalb kommen die Scharen der großen Seher nicht zur Ruhe.
Wort für Wort
ayatnasādhyaṃ
ohne Anstrengung zu erreichen (Nom./Akk.Sg.n.) [?]
munayo vadanti
die Weisen sagen (3.Pl.Präs.)
ye cāpi muktās
und die, welche befreit sind (Nom.Pl.)
ta upāsitavyāḥ
die sind zu verehren (Gerundiv Nom.Pl.)
tvayā ca lokena ca sāmareṇa
von dir und von der Welt samt den Göttern (Instr.)
tasmān na śāmyanti maharṣisaṃghāḥ
deshalb kommen nicht zur Ruhe die Scharen der Großseher (3.Pl.Präs./Nom.Pl.)
Vers textlich/syntaktisch unsicher; Bezug von ayatnasādhyam und Zusammenhang mit udyogāt (V. 7) unklar.
Zu diesem Gegenstand wurde einst ein Lied gesungen; höre es mit gesammeltem Sinn, o König: wie der Daitya Vṛtra, der die Herrschaft verloren hatte, sich verhielt.
Wort für Wort
asminn arthe purā gītaṃ
zu diesem Gegenstand wurde einst gesungen (Lok./Part.Pass.)
vṛtra uvāca; satyena tapasā caiva viditvā saṃkṣayaṃ hy aham; na śocāmi na hṛṣyāmi bhūtānām āgatiṃ gatim
Vṛtra sprach: Weil ich durch Wahrheit und Askese den Untergang erkannt habe, trauere ich nicht und freue mich nicht über das Kommen und Gehen der Wesen.
Wort für Wort
vṛtra uvāca
Vṛtra sprach (Perf.)
satyena tapasā caiva
durch Wahrheit und Askese (Instr.)
viditvā saṃkṣayaṃ hy aham
den Untergang erkannt habend, ich (Abs./Akk./Nom.)
na śocāmi na hṛṣyāmi
ich trauere nicht, ich freue mich nicht (1.Sg.Präs.)
Bhīṣma sprach: Zu ihm, der [so] sprach – Rede, nach der Zeitberechnung gezählt und auf Schöpfung und Bestand gerichtet [?] –, entgegnete der Erhabene Uśanas: „Warum, mein Lieber, sprichst du furchtbare, verkehrte Reden?“
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
kālasaṃkhyānasaṃkhyātaṃ
nach der Zeitberechnung gezählt (Akk.Sg.n.)
sṛṣṭisthitiparāyaṇam
auf Schöpfung und Bestand ausgerichtet (Akk.Sg.n.)
taṃ bhāṣamāṇaṃ bhagavān uśanā pratyabhāṣata
zu ihm, dem Sprechenden, sagte der Erhabene Uśanas entgegen (Akk./Nom./Impf.Med.)
bhīmān duṣṭapralāpāṃs
furchtbare, üble Reden (Akk.Pl.)
tvaṃ tāta kasmāt prabhāṣase
du, mein Lieber, warum sprichst du (2.Sg.Präs.)
Bezug der beiden ersten Attribute (Akk.Sg.n.) auf ‚Rede‘ ist erschlossen.
itīdam uktaḥ sa munis tadānīṃ; pratyāha yat tac chṛṇu rājasiṃha; mayocyamānaṃ puruṣarṣabha tvam; ananyacittaḥ saha sodarīyaiḥ
So angesprochen, antwortete damals jener Weise – das höre, Löwe unter den Königen, was von mir erzählt wird, Stier unter den Männern, mit ungeteiltem Sinn samt deinen leiblichen Brüdern.
Wort für Wort
itīdam uktaḥ sa munis tadānīṃ
so hierzu angesprochen jener Weise damals (Part.Pass./Nom.)
pratyāha yat tac chṛṇu
antwortete (Perf.3.Sg.), was – das höre (Imp.2.Sg.)
rājasiṃha
o Löwe unter Königen (Vok.)
mayocyamānaṃ puruṣarṣabha tvam
von mir Erzähltes, o Stier unter Männern, du (Part.Pass.Präs./Vok.)
ananyacittaḥ saha sodarīyaiḥ
mit ungeteiltem Sinn, samt Brüdern (Nom./Instr.Pl.)