Kapitel 350: sūryāścaryakathanam
Die Wunder der Sonne und die geheimnisvolle zweite Sonnengestalt
Ein Brahmane befragt einen Nāga, der abwechselnd den einrädrigen Sonnenwagen zieht, nach Wundern der Sonne. Der Nāga schildert zahlreiche kosmische Wunder – Wind, Regen, Jahreszeiten, das Wesen des Sonnengottes – und erzählt zuletzt von einer rätselhaften, sonnengleichen Gestalt, die einst am Mittagshimmel erschien, sich Vivasvat näherte und mit ihm verschmolz.
Der Brahmane sprach: „Der Reihe nach gehst du, um jenen einrädrigen Wagen Vivasvats zu ziehen. Wenn du dort etwas Wunderbares gesehen hast, solltest du es erzählen.“
Wort für Wort
brāhmaṇa uvāca
der Brahmane sprach (Nom.Sg./3.Sg.Perf.)
vivasvataḥ ratham ekacakram
den einrädrigen Wagen Vivasvats (Gen.Sg./Akk.Sg.)
voḍhum gacchati paryayeṇa
um ihn zu ziehen, gehst du der Reihe nach (Inf./3.Sg.Präs. [ehrerb. für 2.Sg.]/Instr.Sg.)
bhavāṃs tam
du, jenen (Nom.Sg.Hon./Akk.Sg.)
āścaryabhūtaṃ yadi tatra kiṃ cid
wenn dort etwas Wunderbares (Akk.Sg./Konj./Adv./Indef.Pron.)
Von ihm bricht der Wind hervor und entfaltet sich, gewaltig, gestützt auf die Sonnenstrahlen, am Himmel, o Brahmane – was gibt es Wunderbareres als das?
Wort für Wort
yato vāyuḥ viniḥsṛtya
von dem der Wind hervorbrechend (Adv./Nom.Sg./Ger.)
sūryaraśmyāśritaḥ mahān
gestützt auf die Sonnenstrahlen, der gewaltige (Nom.Sg./Nom.Sg.)
vijṛmbhati ambare
entfaltet sich am Himmel (3.Sg.Präs./Lok.Sg.)
vipra
o Brahmane (Vok.Sg.)
kim āścaryataraṃ tataḥ
was ist wunderbarer als das? (Pron./Komp.Adj./Adv.)
vibhajyatāṃ tu viprarṣe prajānāṃ hitakāmyayā; toyaṃ sṛjati varṣāsu kim āścaryam ataḥ param; yasya maṇḍalamadhyastho mahātmā paramatviṣā; dīptaḥ samīkṣate lokān kim āścaryam ataḥ param
Bedacht sei dies [?], o Weiser: Um der Wohlfahrt der Geschöpfe willen erschafft er in der Regenzeit Wasser – was gibt es Wunderbareres als das? Und der Großherzige, der inmitten seiner Scheibe steht, blickt, leuchtend von höchstem Glanz, auf die Welten – was gibt es Wunderbareres als das?
Wort für Wort
vibhajyatāṃ tu viprarṣe
bedacht sei dies [?], o Weiser (3.Sg.Pass.Imp./Partikel/Vok.Sg.)
prajānāṃ hitakāmyayā
aus Wunsch nach dem Wohl der Geschöpfe (Gen.Pl./Instr.Sg.)
toyaṃ sṛjati varṣāsu
er erschafft Wasser während der Regenzeiten (Akk.Sg./3.Sg.Präs./Lok.Pl.)
kim āścaryam ataḥ param
was ist wunderbarer als das? (Pron./Nom.Sg./Adv./Adj.)
yasya maṇḍalamadhyasthaḥ
in dessen Scheibenmitte stehend (Gen.Sg./Nom.Sg.)
mahātmā paramatviṣā
der Großherzige, von höchstem Glanz (Nom.Sg./Instr.Sg.)
dīptaḥ samīkṣate lokān
leuchtend blickt er auf die Welten (Nom.Sg.Ptz./3.Sg.Präs./Akk.Pl.)
kim āścaryam ataḥ param
was ist wunderbarer als das? (Pron./Nom.Sg./Adv./Adj.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). 'vibhajyatāṃ tu' ist unsicher, möglicherweise verderbt überliefert; sinngemäß mit '[?]' markiert.
[Die Wolken] mit Krügen, die vom Bogen Śakras, dem Regenbogen, gezeichnet sind – er, mit wasserbauchigen Krügen [Anm.: Vers fragmentarisch überliefert, Satz ohne Verb und ohne klaren Abschluss].
Wort für Wort
śakracāpāṅkitaghaṭaiḥ
mit Krügen, die vom Bogen Śakras (Regenbogen) gezeichnet sind (Instr.Pl.)
yaḥ sa
er, der (Nom.Sg./Nom.Sg.)
vārighaṭodaraiḥ
mit wasserbauchigen Krügen (Instr.Pl.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Fragmentarisch überlieferte Zusatzzeile ohne vollständige Satzstruktur; Bezug (vermutlich auf Regenwolken) bleibt unsicher.
Der Strahl [des Sonnengottes], mit Namen Śukra, der dunkle, wird zur Wolke am Himmel; er erschafft Wasser während der Regenzeit – was gibt es Wunderbareres als das?
Wort für Wort
śukro nāma asitaḥ pādaḥ
der Strahl mit Namen Śukra, der dunkle (Nom.Sg./Adv./Nom.Sg./Nom.Sg.)
yasya vāridharaḥ ambare
von dem eine Wolke am Himmel [entsteht] (Gen.Sg./Nom.Sg./Lok.Sg.)
toyaṃ sṛjati varṣāsu
er erschafft Wasser während der Regenzeiten (Akk.Sg./3.Sg.Präs./Lok.Pl.)
kim āścaryam ataḥ param
was ist wunderbarer als das? (Pron./Nom.Sg./Adv./Adj.)
In dessen besonderen Glanzgestalten das Selbst ewig gegründet ist, von dem der Same [allen Seins stammt] und durch den diese Erde mit allem Beweglichen und Unbeweglichen getragen wird.
Wort für Wort
yasya tejoviśeṣeṣu
in dessen besonderen Glanzformen (Gen.Sg./Lok.Pl.)
nityam ātmā pratiṣṭhitaḥ
ewig ist das Selbst gegründet (Adv./Nom.Sg./Nom.Sg.Ptz.)
yato bījaṃ
von dem der Same [stammt] (Adv./Nom.Sg.)
mahī ceyaṃ dhāryate
und diese Erde wird getragen (Nom.Sg./Partikel+Pron./3.Sg.Präs.Pass.)
sacarācaram
mit dem Beweglichen und Unbeweglichen (Nom.Sg.Adj., attr. zu mahī)
Der Gott, aus Zauberformeln gebildet, ohne Anfang, dessen Wesen die Zeit ist, der Schatz der Gluten – der Feldkenner [das Selbst] dessen, was aus der Welt besteht – was gibt es Wunderbareres als das?
Wort für Wort
devo mantramayaḥ anādiḥ
der Gott, aus Zauberformeln gebildet, ohne Anfang (Nom.Sg./Nom.Sg./Nom.Sg.)
kālātmā tejasāṃ nidhiḥ
dessen Wesen die Zeit ist, der Schatz der Gluten (Nom.Sg./Gen.Pl./Nom.Sg.)
jaganmayasya kṣetrajñaḥ
der Feldkenner dessen, was aus der Welt besteht (Gen.Sg./Nom.Sg.)
kim āścaryataraṃ tataḥ
was ist wunderbarer als das? (Pron./Komp.Adj./Adv.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).
Wie eine ins Feuer gegossene Opferspende durchdrang das Licht [den Raum] mit glühenden Strahlen; in unbeschreiblicher Gestalt erschien er wie eine zweite Sonne.
Wort für Wort
hutāhutiḥ iva jyotiḥ
wie eine dargebrachte Opferspende war das Licht (Nom.Sg./Adv./Nom.Sg.)
vyāpya tejomarīcibhiḥ
durchdringend mit glühenden Strahlen (Ger./Instr.Pl.)
anirdeśyena rūpeṇa
in unbeschreiblicher Gestalt (Instr.Sg./Instr.Sg.)
tato bhittvaiva gaganaṃ praviṣṭo ravimaṇḍalam; ekībhūtaṃ ca tat tejaḥ kṣaṇenādityatāṃ gatam
Darauf durchbrach er den Himmel und trat sogleich in die Sonnenscheibe ein; und jener Glanz, eins geworden [mit der Sonne], nahm im selben Augenblick die Gestalt der Sonne an.
Wort für Wort
tato bhittvā eva gaganaṃ
darauf, den Himmel durchbrechend (Adv./Ger./Partikel/Akk.Sg.)
praviṣṭaḥ ravimaṇḍalam
trat in die Sonnenscheibe ein (Nom.Sg.Ptz.Perf./Akk.Sg.)
ekībhūtaṃ ca tat tejaḥ
und jener Glanz, eins geworden (Nom.Sg.Ptz.Perf./Partikel/Nom.Sg./Nom.Sg.)
kṣaṇena ādityatāṃ gatam
nahm im Augenblick die Sonnenhaftigkeit an (Instr.Sg./Akk.Sg./Nom.Sg.Ptz.Perf.)
tatra naḥ saṃśayo jātas tayos tejaḥsamāgame; anayoḥ ko bhavet sūryo rathastho yo 'yam āgataḥ
Da entstand bei uns ein Zweifel, als sich ihre beiden Glanzgestalten vereinten: Wer von den beiden wäre die Sonne – der ursprünglich im Wagen Sitzende, oder dieser, der neu gekommen ist?
Wort für Wort
tatra naḥ saṃśayaḥ jātaḥ
da entstand bei uns ein Zweifel (Adv./Gen.Pl./Nom.Sg./Nom.Sg.Ptz.Perf.)
tayos tejaḥsamāgame
als sich ihre beiden Glanzgestalten vereinten (Gen.Du./Lok.Sg.)
anayoḥ ko bhavet sūryo
wer von den beiden wäre die Sonne (Gen.Du./Nom.Sg./3.Sg.Opt./Nom.Sg.)
rathastho
der im Wagen Sitzende (Nom.Sg.)
yo 'yam āgataḥ
oder dieser, der gekommen ist (Nom.Sg./Nom.Sg./Nom.Sg.Ptz.Perf.)