Kapitel 233: vidyākarmavibhāgaḥ
Wissen und Werk: zwei Wege und die Stufen des Selbst
Śuka fragt nach dem scheinbaren Widerspruch zwischen der Aufforderung zum Handeln und der zum Entsagen; Vyāsa unterscheidet den Weg des Werks und den des Wissens und legt die Stufen von Jīva, Kṣetrajña und Höchstem Selbst dar.
śuka uvāca; yad idaṃ vedavacanaṃ kuru karma tyajeti ca; kāṃ diśaṃ vidyayā yānti kāṃ ca gacchanti karmaṇā
Śuka sprach: „Dieses Vedawort ‚Tu das Werk!‘ und [ebenso] ‚Gib [es] auf!‘ – in welche Richtung gehen [die Wesen] durch Wissen, und in welche gehen sie durch das Werk?
Wort für Wort
śuka uvāca
Śuka sprach (3.Sg.Perf.)
yad idaṃ vedavacanaṃ
dieses Vedawort (Nom.Sg.n.)
kuru karma tyaja iti ca
„tu das Werk“ und „gib auf“ (Imp.2.Sg.)
kāṃ diśaṃ vidyayā yānti
in welche Richtung gehen sie durch Wissen (Akk./Instr./3.Pl.Präs.)
kāṃ ca gacchanti karmaṇā
und in welche gehen sie durch das Werk (Akk./3.Pl.Präs./Instr.)
Bhīṣma sprach: So angesprochen, antwortete der Sohn des Parāśara dem Sohn dies: „Diese beiden, aus Werk und aus Wissen bestehend, das Vergängliche und das Unvergängliche, werde ich erklären.“
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (3.Sg.Perf.)
ity uktaḥ pratyuvācedaṃ
so angesprochen antwortete er dies (Part.Pass./3.Sg.Perf.)
parāśarasutaḥ sutam
der Sohn des Parāśara dem Sohn (Nom./Akk.)
karmavidyāmayāv etau
diese beiden, aus Werk und Wissen bestehend (Nom.Du.m.)
vyākhyāsyāmi kṣarākṣarau
werde ich erklären, das Vergängliche und Unvergängliche (1.Sg.Fut./Akk.Du.)
yāṃ diśaṃ vidyayā yānti yāṃ ca gacchanti karmaṇā; śṛṇuṣvaikamanāḥ putra gahvaraṃ hy etad antaram
„Die Richtung, in die sie durch Wissen gehen, und die, in die sie durch das Werk gehen – höre das mit gesammeltem Geist, mein Sohn; denn dieser Unterschied ist schwer durchschaubar.“
Wort für Wort
yāṃ diśaṃ vidyayā yānti
die Richtung, in die sie durch Wissen gehen (Akk./Instr./3.Pl.Präs.)
yāṃ ca gacchanti karmaṇā
und in die sie durch das Werk gehen (3.Pl.Präs./Instr.)
śṛṇuṣva ekamanāḥ putra
höre einsgerichteten Geistes, Sohn (Imp.Med.2.Sg./Nom./Vok.)
gahvaraṃ hy etad antaram
denn schwer durchdringlich ist dieser Unterschied (Nom.Sg.n.)
asti dharma iti proktaṃ nāstīty atraiva yo vadet; tasya pakṣasya sadṛśam idaṃ mama bhaved atha
„‚Es gibt Dharma‘, so wird gesagt; wer eben hierbei ‚Es gibt [ihn] nicht‘ sagen würde – der Ansicht dessen ähnlich wäre dann dieses [Wort] von mir.“ [?]
Wort für Wort
asti dharma iti proktaṃ
„es gibt Dharma“, so gesagt (3.Sg.Präs./Part.Pass.)
nāsti ity atraiva yo vadet
„es gibt [ihn] nicht“ – wer eben hierbei sagen würde (Opt.3.Sg.)
tasya pakṣasya sadṛśam
der Ansicht dessen ähnlich (Gen./Nom.Sg.n.)
idaṃ mama bhaved atha
dies von mir wäre dann (Opt.3.Sg.)
Stelle dunkel; Bezug von „idam“ unsicher. Wortwörtliche Wiedergabe.
Es gibt hier zwei Pfade, in denen die Veden gegründet sind: der Dharma, dessen Kennzeichen das Hinwenden zum Tun (pravṛtti) ist, und in der Abkehr (nivṛtti) ist er [ebenfalls] wohl gelehrt.
Wort für Wort
dvāv imāv atha panthānau
diese zwei Pfade nun (Nom.Du.m.)
yatra vedāḥ pratiṣṭhitāḥ
in denen die Veden gegründet sind (Nom.Pl./Part.Pass.)
pravṛttilakṣaṇo dharmaḥ
der Dharma mit dem Kennzeichen des Hinwendens (Bahuvrīhi, Nom.Sg.)
karmaṇā badhyate jantur vidyayā tu pramucyate; tasmāt karma na kurvanti yatayaḥ pāradarśinaḥ
Durch das Werk wird das Lebewesen gebunden, durch Wissen aber wird es befreit. Darum verrichten die Asketen, die zum jenseitigen Ufer schauen, kein Werk.
Wort für Wort
karmaṇā badhyate jantuḥ
durch das Werk wird das Lebewesen gebunden (Instr./3.Sg.Pass./Nom.)
vidyayā tu pramucyate
durch Wissen aber wird es befreit (Instr./3.Sg.Pass.)
tasmāt karma na kurvanti
darum tun sie kein Werk (Abl./3.Pl.Präs.)
yatayaḥ pāradarśinaḥ
die Asketen, die das jenseitige Ufer schauen (Nom.Pl.)
Durch das Werk wird man nach dem Tode geboren, verkörpert, aus Sechzehn bestehend; durch Wissen aber wird man beständig [wieder]geboren als Unvergänglicher, dessen Wesen unvergänglich ist.
Wort für Wort
karmaṇā jāyate pretya
durch das Werk wird man geboren nach dem Tod (Instr./3.Sg.Med./Gerundium)
mūrtimān ṣoḍaśātmakaḥ
verkörpert, aus sechzehn bestehend (Nom.Sg.m.)
vidyayā jāyate nityam
durch Wissen wird man geboren, beständig (Instr./3.Sg./Adv.)
avyayo hy avyayātmakaḥ
denn unvergänglich, von unvergänglichem Wesen (Nom.Sg.m.)
„jāyate“ bei vidyā: Sinn eher „erscheint/wird (als solcher)“; wörtlich belassen.
ye tu buddhiṃ parāṃ prāptā dharmanaipuṇyadarśinaḥ; na te karma praśaṃsanti kūpaṃ nadyāṃ pibann iva
Die aber, die höchste Einsicht erlangt haben und die Geschicklichkeit im Dharma erblicken, preisen das Werk nicht – wie einer, der aus einem Brunnen trinkt, [obwohl] ein Fluss [da ist].
Wort für Wort
ye tu buddhiṃ parāṃ prāptāḥ
die aber höchste Einsicht erlangt haben (Nom.Pl./Akk./Part.Pass.)
dharmanaipuṇyadarśinaḥ
die Geschicklichkeit im Dharma sehen (Nom.Pl.)
na te karma praśaṃsanti
sie preisen das Werk nicht (3.Pl.Präs.)
kūpaṃ nadyāṃ pibann iva
wie einer, der einen Brunnen [statt] im Fluss trinkt (Akk./Lok./Part.Präs.)
Bild: Brunnenwasser trinken, obwohl ein Fluss zur Hand ist.
dvaṃdvair yatra na bādhyante mānasena ca karmaṇā; samāḥ sarvatra maitrāś ca sarvabhūtahite ratāḥ
wo sie von den Gegensatzpaaren nicht bedrängt werden, weder im Denken noch im Tun, überall gleichmütig, freundlich, am Wohl aller Wesen sich erfreuend.
Wort für Wort
dvaṃdvair yatra na bādhyante
wo sie von den Gegensatzpaaren nicht bedrängt werden (Instr.Pl./3.Pl.Pass.)
mānasena ca karmaṇā
und nicht durch geistiges Werk [Anm.] (Instr.Sg.)
samāḥ sarvatra maitrāś ca
überall gleich und freundlich (Nom.Pl.)
sarvabhūtahite ratāḥ
am Wohl aller Wesen sich erfreuend (Lok./Nom.Pl.)
„mānasena ca karmaṇā“: sinngemäß „weder durch geistiges noch (körperliches) Handeln“; ein zweites „na“ ist zu ergänzen.
Ein anderer Puruṣa besteht aus Wissen, ein weiterer aus Werk, mein Lieber. Erkenne den Mond bei Neumond (darśa), in einer feinen Teilmond-Sichel (kalā) stehend.
Wort für Wort
vidyāmayo 'nyaḥ puruṣaḥ
aus Wissen bestehend ein anderer Puruṣa (Nom.Sg.m.)
tāta karmamayo 'paraḥ
mein Lieber, aus Werk bestehend ein weiterer (Vok./Nom.Sg.m.)
viddhi candramasaṃ darśe
erkenne den Mond bei Neumond (Imp.2.Sg./Akk./Lok.)
Der aus elf Wandlungen bestehende, aus einer Anhäufung von Teilen (kalā) Aufgebaute: als verkörpert erkenne ihn, mein Lieber, als den, dessen Wesen Eigenschaft des Werkes ist.
Wort für Wort
ekādaśavikārātmā
dessen Wesen aus elf Wandlungen besteht (Bahuvrīhi, Nom.Sg.)
kalāsaṃbhārasaṃbhṛtaḥ
aus einer Anhäufung von Teilen aufgebaut (Nom.Sg.m.)
mūrtimān iti taṃ viddhi
als verkörpert erkenne ihn (Imp.2.Sg.)
tāta karmaguṇātmakam
mein Lieber, mit dem Werk als Eigenschaft (Vok./Akk.Sg.m.)
Das Feuer, das in ihm beständig weilt, wie in einen Kochtopf hineingestellt – jenen erkenne als das Selbst, den ewigen, dessen Wesen durch Entsagung gewonnen wird [?].
Wort für Wort
tasmin yaḥ saṃsthito hy agniḥ
das Feuer, das in ihm weilt (Lok./Nom.Sg.m.)
nityaṃ sthālyām ivāhitaḥ
beständig wie in einen Kochtopf gelegt (Lok./Part.Pass.)
ātmānaṃ taṃ vijānīhi
jenen erkenne als Selbst (Akk./Imp.2.Sg.)
nityaṃ tyāgajitātmakam
den ewigen, dessen Wesen durch Entsagung gewonnen [?] (Akk.Sg.m.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers; „tyāgajitātmaka“ mehrdeutig (durch Entsagung errungen / besiegt).
Der Gott, der in ihm Zuflucht genommen hat wie ein Wassertropfen auf dem Lotos – den soll man als Kṣetrajña erkennen, den ewigen, durch Entsagung zu gewinnenden [?].
Wort für Wort
devo yaḥ saṃśritas tasmin
der Gott, der in ihm Zuflucht genommen hat (Nom./Part.Pass./Lok.)
abbindur iva puṣkare
wie ein Wassertropfen auf dem Lotos (Nom.Sg./Lok.)
kṣetrajñaṃ taṃ vijānīyāt
jenen soll man als Kṣetrajña erkennen (Akk./Opt.3.Sg.)
nityaṃ tyāgajitātmakam
den ewigen, dessen Wesen durch Entsagung gewonnen [?] (Akk.Sg.m.)
tamo rajaś ca sattvaṃ ca viddhi jīvaguṇān imān; jīvam ātmaguṇaṃ vidyād ātmānaṃ paramātmanaḥ
Finsternis (tamas), Leidenschaft (rajas) und Helligkeit (sattva): erkenne diese als die Eigenschaften des Jīva; den Jīva wisse als Eigenschaft des Selbst, das Selbst als [Eigenschaft] des Höchsten Selbst.
Wort für Wort
tamo rajaś ca sattvaṃ ca
Finsternis, Leidenschaft und Reinheit (Nom./Akk.Sg.n.)
viddhi jīvaguṇān imān
erkenne diese als Eigenschaften des Jīva (Imp.2.Sg./Akk.Pl.)
jīvam ātmaguṇaṃ vidyāt
den Jīva wisse als Eigenschaft des Selbst (Akk./Opt.3.Sg.)
ātmānaṃ paramātmanaḥ
das Selbst [als Eigenschaft] des Höchsten Selbst (Akk./Gen.)
sacetanaṃ jīvaguṇaṃ vadanti; sa ceṣṭate ceṣṭayate ca sarvam; tataḥ paraṃ kṣetravido vadanti; prāvartayad yo bhuvanāni sapta
Als mit Bewusstsein begabt bezeichnen sie die Eigenschaft des Jīva; er regt sich und setzt alles in Bewegung. Darüber hinaus, sagen die Kenner des Feldes, [ist der], der die sieben Welten in Gang gesetzt hat.
Wort für Wort
sacetanaṃ jīvaguṇaṃ vadanti
mit Bewusstsein begabt, sagen sie, ist die Eigenschaft des Jīva (Akk.Sg.m./3.Pl.Präs.)
sa ceṣṭate ceṣṭayate ca sarvam
er regt sich und setzt alles in Bewegung (3.Sg.Med./Kaus.)
tataḥ paraṃ kṣetravido vadanti
darüber hinaus, sagen die Feldkenner (Adv./Nom.Pl.)
prāvartayad yo bhuvanāni sapta
der die sieben Welten in Gang setzte (Impf.Kaus./Akk.Pl.)
Syntax der zweiten Halbzeile ergänzt: „[ist der], der …“.