Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 291: kṣarākṣaravicāraḥ Das Vergängliche und das Unvergängliche: Vasiṣṭhas Belehrung des Janaka

Yudhiṣṭhira fragt nach dem Unterschied von kṣara und akṣara; Bhīṣma antwortet mit dem alten Gespräch zwischen Vasiṣṭha und Karāla Janaka, das mit der Sāṃkhya-artigen Schöpfungslehre und den 24 Tattvas beginnt.

yudhiṣṭhira uvāca; kiṃ tad akṣaram ity uktaṃ yasmān nāvartate punaḥ; kiṃ ca tat kṣaram ity uktaṃ yasmād āvartate punaḥ

Yudhiṣṭhira sprach: „Was ist das, was ‚unvergänglich‘ genannt wird, von dem aus man nicht wieder zurückkehrt? Und was ist das, was ‚vergänglich‘ genannt wird, von dem aus man wieder zurückkehrt?“

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf. 3.Sg.)
kiṃ tad akṣaram ity uktaṃ
was ist jenes, das ‚unvergänglich‘ genannt wird (Nom.; Part. Perf. Pass. n.)
yasmān nāvartate punaḥ
von dem man nicht wieder zurückkehrt (Abl.; 3.Sg. Med. Präs. mit Negation)
kiṃ ca tat kṣaram ity uktaṃ
und was ist jenes, das ‚vergänglich‘ genannt wird (Nom.; Part. Perf. Pass.)
yasmād āvartate punaḥ
von dem aus man wieder zurückkehrt (Abl.; 3.Sg. Med. Präs.)

akṣarakṣarayor vyaktim icchāmy ariniṣūdana; upalabdhuṃ mahābāho tattvena kurunandana

Ich möchte den Unterschied [wörtlich: die Offenbarung] von Unvergänglichem und Vergänglichem verstehen, Bezwinger der Feinde; ich möchte es der Wahrheit gemäß erfassen, Starkarmiger, Freude der Kurus.

Wort für Wort
akṣarakṣarayor vyaktim
von Unvergänglichem und Vergänglichem die Klärung (Gen. Du. / Akk. Sg. f.)
icchāmy ariniṣūdana
ich wünsche, Feindevernichter (1.Sg. Präs. / Vok.)
upalabdhuṃ mahābāho
zu erfassen, Starkarmiger (Inf. / Vok.)
tattvena kurunandana
der Wahrheit gemäß, Freude der Kurus (Instr. Sg. n. adv. / Vok.)

tvaṃ hi jñānanidhir viprair ucyase vedapāragaiḥ; ṛṣibhiś ca mahābhāgair yatibhiś ca mahātmabhiḥ

Denn du wirst von den Brahmanen, die die Veden bis zum Ende gemeistert haben, ein Schatz des Wissens genannt, ebenso von den hochherrlichen Sehern und den großgesinnten Asketen.

Wort für Wort
tvaṃ hi jñānanidhir
denn du [bist] ein Schatz des Wissens (Nom. Sg. m., Tatpuruṣa)
viprair ucyase
wirst von Brahmanen genannt (Instr. Pl. / 2.Sg. Pass. Präs.)
vedapāragaiḥ
von den Veda-Durchdringern (Instr. Pl. m.)
ṛṣibhiś ca mahābhāgaiḥ
und von den hochherrlichen Sehern (Instr. Pl.)
yatibhiś ca mahātmabhiḥ
und von den großgesinnten Asketen (Instr. Pl.)

śeṣam alpaṃ dinānāṃ te dakṣiṇāyanabhāskare; āvṛtte bhagavaty arke gantāsi paramāṃ gatim

Wenig ist dir an Tagen übrig, solange die Sonne im Südlauf steht; sobald die erhabene Sonne sich gewendet hat, wirst du zum höchsten Ziel gehen.

Wort für Wort
śeṣam alpaṃ dinānāṃ te
Rest ist gering an Tagen für dich (Nom. n. / Gen. Pl. / Gen. Sg.)
dakṣiṇāyanabhāskare
während die Sonne im Südlauf ist (Lok. abs., Bahuvrīhi)
āvṛtte bhagavaty arke
wenn die erhabene Sonne sich gewendet hat (Lok. abs., Part. Perf. Pass.)
gantāsi paramāṃ gatim
du wirst gehen zum höchsten Ziel (2.Sg. peri. Fut. / Akk. f.)

tvayi pratigate śreyaḥ kutaḥ śroṣyāmahe vayam; kuruvaṃśapradīpas tvaṃ jñānadravyeṇa dīpyase

Wenn du fortgegangen bist, von wem sollen wir dann das Heilsame hören? Du, die Leuchte der Kuru-Sippe, strahlst durch den Reichtum des Wissens.

Wort für Wort
tvayi pratigate
wenn du fortgegangen bist (Lok. abs., Part. Perf. Pass.)
śreyaḥ kutaḥ śroṣyāmahe vayam
das Heilsame, von wo sollen wir hören, wir (Akk. n. / Adv. / 1.Pl. Fut. Med. / Nom.)
kuruvaṃśapradīpas tvaṃ
du, Leuchte der Kuru-Sippe (Nom. Sg. m.)
jñānadravyeṇa dīpyase
durch den Reichtum des Wissens leuchtest du (Instr. Sg. / 2.Sg. Präs. Med.)

tad etac chrotum icchāmi tvattaḥ kurukulodvaha; na tṛpyāmīha rājendra śṛṇvann amṛtam īdṛśam

Darum möchte ich dies von dir hören, du Träger der Kuru-Familie; ich werde nicht satt, hier, König der Könige, während ich ein solches Unsterblichkeitsnektar-Wort höre.

Wort für Wort
tad etac chrotum icchāmi
dies eben möchte ich hören (Akk. n. / Inf. / 1.Sg. Präs.)
tvattaḥ kurukulodvaha
von dir, Träger des Kuru-Geschlechts (Abl. / Vok.)
na tṛpyāmīha
ich werde nicht satt hier (1.Sg. Präs. Pass.-Med. / Adv.)
rājendra śṛṇvann
Herr der Könige, indem ich höre (Vok. / Part. Präs. Nom. m.)
amṛtam īdṛśam
solches Nektar/Unsterbliches (Akk. Sg. n.)

bhīṣma uvāca; atra te vartayiṣye 'ham itihāsaṃ purātanam; vasiṣṭhasya ca saṃvādaṃ karālajanakasya ca

Bhīṣma sprach: „Hierzu will ich dir eine uralte Erzählung berichten: das Gespräch zwischen Vasiṣṭha und Karāla Janaka.“

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf. 3.Sg.)
atra te vartayiṣye 'haṃ
hierzu will ich dir erzählen (Adv. / Dat. / 1.Sg. Kaus. Fut. / Nom.)
itihāsaṃ purātanam
eine uralte Erzählung (Akk. Sg. m.)
vasiṣṭhasya ca saṃvādaṃ
und Vasiṣṭhas Gespräch (Gen. / Akk. Sg. m.)
karālajanakasya ca
und [das] des Karāla Janaka (Gen. Sg. m.)

vasiṣṭhaṃ śreṣṭham āsīnam ṛṣīṇāṃ bhāskaradyutim; papraccha janako rājā jñānaṃ naiḥśreyasaṃ param

Als Vasiṣṭha dasaß, der Beste der Seher, sonnengleich an Glanz, fragte ihn König Janaka nach dem höchsten Wissen vom Heil.

Wort für Wort
vasiṣṭhaṃ śreṣṭham āsīnam
Vasiṣṭha, den Besten, sitzend (Akk. Sg. m. / Part. Präs. Med.)
ṛṣīṇāṃ bhāskaradyutim
unter den Sehern, sonnengleich strahlend (Gen. Pl. / Akk. Sg. m.)
papraccha janako rājā
fragte König Janaka (Perf. 3.Sg. / Nom. / Nom.)
jñānaṃ naiḥśreyasaṃ param
nach dem höchsten Wissen, das zum Heil führt (Akk. Sg. n.)

param adhyātmakuśalam adhyātmagatiniścayam; maitrāvaruṇim āsīnam abhivādya kṛtāñjaliḥ

Er befragte den im Ātman-Wissen Bewanderten, der des Weges zum Ātman gewiss war, den Sohn von Mitra und Varuṇa, der dasaß, nachdem er sich mit gefalteten Händen vor ihm verneigt hatte.

Wort für Wort
param adhyātmakuśalam
den überaus im Höchsten Selbst Kundigen (Akk. Sg. m., Tatpuruṣa)
adhyātmagatiniścayam
der über den Weg des Selbst Gewissheit hat (Akk. Sg. m., Bahuvrīhi)
maitrāvaruṇim āsīnam
den Sohn von Mitra-Varuṇa, sitzend (Akk. Sg. m. / Part.)
abhivādya kṛtāñjaliḥ
nachdem er gegrüßt hatte, mit gefalteten Händen (Abs. / Nom. Sg. m.)

Die Konstruktion mit papraccha (V. 10) zieht sich über V. 8-10; das Subjekt ist Janaka.

svakṣaraṃ praśritaṃ vākyaṃ madhuraṃ cāpy anulbaṇam; papraccharṣivaraṃ rājā karālajanakaḥ purā

In früherer Zeit fragte König Karāla Janaka den besten der Seher mit wohlgeformten, ehrerbietigen, süßen und nicht derben Worten.

Wort für Wort
svakṣaraṃ praśritaṃ vākyaṃ
wohllautendes, bescheidenes Wort (Akk. Sg. n.)
madhuraṃ cāpy anulbaṇam
und süß, und nicht grob (Akk. Sg. n.)
papraccharṣivaraṃ
fragte den besten der Seher (Perf. 3.Sg. / Akk. Sg. m.)
rājā karālajanakaḥ purā
König Karāla Janaka, einst (Nom. Sg. m. / Adv.)

bhagavañ śrotum icchāmi paraṃ brahma sanātanam; yasmān na punarāvṛttim āpnuvanti manīṣiṇaḥ

„Erhabener, ich möchte vom ewigen höchsten Brahman hören, von dem aus die Weisen keine Wiederkehr mehr erlangen.

Wort für Wort
bhagavañ śrotum icchāmi
Erhabener, ich möchte hören (Vok. / Inf. / 1.Sg.)
paraṃ brahma sanātanam
das höchste, ewige Brahman (Akk. Sg. n.)
yasmān na punarāvṛttim
von dem aus keine Wiederkehr (Abl. / Akk. Sg. f.)
āpnuvanti manīṣiṇaḥ
erlangen die Weisen (3.Pl. Präs. / Nom. Pl.)

yac ca tat kṣaram ity uktaṃ yatredaṃ kṣarate jagat; yac cākṣaram iti proktaṃ śivaṃ kṣemyam anāmayam

Und was jenes ist, das ‚vergänglich‘ heißt, worin diese Welt vergeht, und was ‚unvergänglich‘ genannt wird: das Heilvolle, Sichere, Leidfreie.“

Wort für Wort
yac ca tat kṣaram ity uktaṃ
und was jenes ‚vergänglich‘ genannt ist (Nom. n. / Part. Perf. Pass.)
yatredaṃ kṣarate jagat
worin diese Welt vergeht (Lok. Adv. / 3.Sg. Präs. / Nom. n.)
yac cākṣaram iti proktaṃ
und was ‚unvergänglich‘ genannt wird (Nom. n. / Part. Perf. Pass.)
śivaṃ kṣemyam anāmayam
das Heilvolle, Sichere, Gesunde/Leidfreie (Nom. n.)

vasiṣṭha uvāca; śrūyatāṃ pṛthivīpāla kṣaratīdaṃ yathā jagat; yan na kṣarati pūrveṇa yāvat kālena cāpy atha

Vasiṣṭha sprach: „Höre, Schützer der Erde, wie diese Welt vergeht, und [höre], was nicht vergeht, in früherer Zeit und wie lange.“

Wort für Wort
vasiṣṭha uvāca
Vasiṣṭha sprach (Perf. 3.Sg.)
śrūyatāṃ pṛthivīpāla
es werde gehört, Erdenhüter (Imp. Pass. 3.Sg. / Vok.)
kṣaratīdaṃ yathā jagat
wie diese Welt vergeht (3.Sg. Präs. / Nom. n. / Adv. / Nom. n.)
yan na kṣarati pūrveṇa
was nicht vergeht, früher (Nom. n. / 3.Sg. mit Negation / Instr. Sg. n. adv.)
yāvat kālena cāpy atha
und wie lange die Zeit [währt], sodann (Adv. / Instr. Sg. m.)

Sinn der zweiten Vershälfte unsicher; Wiedergabe wörtlich.

yugaṃ dvādaśasāhasraṃ kalpaṃ viddhi caturguṇam; daśakalpaśatāvṛttaṃ tad ahar brāhmam ucyate; rātriś caitāvatī rājan yasyānte pratibudhyate

Wisse: Ein Yuga sind zwölftausend [Jahre], ein Kalpa das Vierfache davon; wenn es tausendfach wiederholt ist, nennt man das den Tag Brahmās; und ebenso lang ist die Nacht, König, an deren Ende er erwacht.

Wort für Wort
yugaṃ dvādaśasāhasraṃ
ein Yuga von zwölftausend [Jahren] (Nom./Akk. n.)
kalpaṃ viddhi caturguṇam
einen Kalpa wisse als vierfach (Akk. m. / Imp. 2.Sg. / Akk. m.)
daśakalpaśatāvṛttaṃ
tausendmal wiederholt (Nom. n., Komp.)
tad ahar brāhmam ucyate
das heißt der Tag Brahmās (Nom. n. / 3.Sg. Pass.)
rātriś caitāvatī rājan
und die Nacht [ist] ebenso lang, König (Nom. f. / Vok.)
yasyānte pratibudhyate
an deren Ende er erwacht (Gen. f. / Lok. / 3.Sg. Präs. Med.)

Die Maßangaben (Kalpa als Vierfaches von zwölftausend, ohne Nennung der Einheit) sind wörtlich wiedergegeben.

sṛjaty anantakarmāṇaṃ mahāntaṃ bhūtam agrajam; mūrtimantam amūrtātmā viśvaṃ śaṃbhuḥ svayaṃbhuvaḥ; aṇimā laghimā prāptir īśānaṃ jyotir avyayam

Der Gestaltlose erschafft das große, erstgeborene Wesen von unendlichem Wirken, gestalthaft, das All [?]; Śaṃbhu, des Selbstentstandenen [?]; [er ist] Feinheit, Leichtigkeit, Erreichen, der Herr, das unvergängliche Licht.

Wort für Wort
sṛjaty anantakarmāṇaṃ
erschafft den von unendlichem Wirken (3.Sg. Präs. / Akk. Sg. m.)
mahāntaṃ bhūtam agrajam
das große Wesen, erstgeboren (Akk. Sg. n.)
mūrtimantam amūrtātmā
den Gestalthaften, [er,] dessen Wesen gestaltlos ist (Akk. Sg. m. / Nom. Sg. m.)
viśvaṃ śaṃbhuḥ svayaṃbhuvaḥ
das All, Śaṃbhu, des Selbstentstandenen (Akk. / Nom. / Gen.) [?]
aṇimā laghimā prāptir
Feinheit, Leichtigkeit, Erreichen (Nom. f.)
īśānaṃ jyotir avyayam
der Herr, unvergängliches Licht (Akk. m. / Akk. n.)

Die Syntax der Mittelzeile ist im überlieferten Text unklar; die Wiedergabe ist vorsichtig.

sarvataḥpāṇipādāntaṃ sarvatokṣiśiromukham; sarvataḥśrutimal loke sarvam āvṛtya tiṣṭhati

Bis an alle Enden mit Händen und Füßen, überall mit Augen, Köpfen und Mündern, überall mit Gehör in der Welt: alles umhüllend steht er da.

Wort für Wort
sarvataḥpāṇipādāntaṃ
überall bis zu Händen und Füßen reichend (Akk. Sg. m.)
sarvatokṣiśiromukham
überall mit Augen, Köpfen, Mündern (Akk. Sg. m.)
sarvataḥśrutimal loke
überall mit Gehör in der Welt (Akk. m. / Lok. m.)
sarvam āvṛtya tiṣṭhati
alles umhüllend steht er (Akk. n. / Abs. / 3.Sg. Präs.)

hiraṇyagarbho bhagavān eṣa buddhir iti smṛtaḥ; mahān iti ca yogeṣu viriñca iti cāpy uta

Dieser Erhabene ist Hiraṇyagarbha; er wird ‚Buddhi‘ genannt, in den Yoga-Lehren ‚der Große‘ und auch Viriñca.

Wort für Wort
hiraṇyagarbho bhagavān
Hiraṇyagarbha, der Erhabene (Nom. Sg. m.)
eṣa buddhir iti smṛtaḥ
dieser wird ‚Buddhi‘ genannt (Nom. / Nom. f. / Part. Perf. Pass.)
mahān iti ca yogeṣu
und ‚der Große‘ in den Yoga-Lehren (Nom. / Lok. Pl.)
viriñca iti cāpy uta
und auch ‚Viriñca‘ (Nom.)

sāṃkhye ca paṭhyate śāstre nāmabhir bahudhātmakaḥ; vicitrarūpo viśvātmā ekākṣara iti smṛtaḥ

Und in der Sāṃkhya-Lehre wird er mit vielen Namen gelesen, vielgestaltig; der bunt Gestaltete, das Selbst des Alls, wird ‚der Eine Unvergängliche‘ genannt.

Wort für Wort
sāṃkhye ca paṭhyate śāstre
und im Sāṃkhya-Lehrbuch wird gelehrt (Lok. n. / 3.Sg. Pass. / Lok. n.)
nāmabhir bahudhātmakaḥ
mit Namen, vielfältig in seinem Wesen (Instr. Pl. / Nom. Sg. m.)
vicitrarūpo viśvātmā
von bunter Gestalt, Selbst des Alls (Nom. Sg. m.)
ekākṣara iti smṛtaḥ
‚einsilbig/eins-unvergänglich‘ genannt (Nom. / Part. Perf. Pass.)

ekākṣara kann auch ‚die eine Silbe‘ (Oṃ) heißen; hier im Zusammenhang mit akṣara ‚unvergänglich‘ gewählt.

vṛtaṃ naikātmakaṃ yena kṛtsnaṃ trailokyam ātmanā; tathaiva bahurūpatvād viśvarūpa iti smṛtaḥ

Durch den das gesamte Dreiweltensystem mit seinem Selbst umhüllt ist, das [doch] nicht [nur] eines Wesens ist; ebenso wird er wegen seiner Vielgestaltigkeit ‚der Allgestaltige‘ genannt.

Wort für Wort
vṛtaṃ naikātmakaṃ yena
umhüllt, nicht einwesenhaft, durch den (Part. Perf. Pass. n. / Nom. n. / Instr. m.)
kṛtsnaṃ trailokyam ātmanā
das ganze Dreiweltenall durch sein Selbst (Nom. n. / Instr. m.)
tathaiva bahurūpatvād
ebenso wegen der Vielgestaltigkeit (Adv. / Abl. n.)
viśvarūpa iti smṛtaḥ
‚Allgestaltiger‘ genannt (Nom. / Part. Perf. Pass.)

eṣa vai vikriyāpannaḥ sṛjaty ātmānam ātmanā; ahaṃkāraṃ mahātejāḥ prajāpatim ahaṃkṛtam

Dieser, der eine Wandlung erfahren hat, erschafft durch sich selbst sich selbst: den Ich-Macher [Ahaṃkāra], den sehr Glänzenden, den Herrn der Geschöpfe, der als Ich-Bewusstsein [Ahaṃkṛta] gebildet ist.

Wort für Wort
eṣa vai vikriyāpannaḥ
dieser fürwahr, in Wandlung geraten (Nom. / Part. Perf. Nom. m.)
sṛjaty ātmānam ātmanā
erschafft sich selbst durch sich (3.Sg. Präs. / Akk. / Instr.)
ahaṃkāraṃ mahātejāḥ
den Ahaṃkāra, den sehr Glänzenden (Akk. Sg. m. / Nom. m.)
prajāpatim ahaṃkṛtam
den Prajāpati, ichgebildet (Akk. Sg. m. / Part. Perf. Pass.)

avyaktād vyaktam utpannaṃ vidyāsargaṃ vadanti tam; mahāntaṃ cāpy ahaṃkāram avidyāsargam eva ca

Aus dem Unentfalteten ist das Entfaltete entstanden; das nennt man die Schöpfung des Wissens [vidyā]; und den Großen und den Ahaṃkāra [nennt man] die Schöpfung des Nichtwissens [avidyā].

Wort für Wort
avyaktād vyaktam utpannaṃ
aus dem Unentfalteten [ist] das Entfaltete entstanden (Abl. / Nom. n. / Part. Perf. Pass.)
vidyāsargaṃ vadanti tam
‚Schöpfung des Wissens‘ nennen sie das (Akk. m. / 3.Pl. Präs. / Akk.)
mahāntaṃ cāpy ahaṃkāram
und den Großen und den Ahaṃkāra (Akk. Sg. m.)
avidyāsargam eva ca
als Schöpfung des Nichtwissens (Akk. m.)

avidhiś ca vidhiś caiva samutpannau tathaikataḥ; vidyāvidyeti vikhyāte śrutiśāstrārthacintakaiḥ

Ordnung-Losigkeit und Ordnung sind ebenso zugleich aus einer Wurzel entstanden; als Wissen und Nichtwissen sind sie berühmt bei denen, die über den Sinn von Offenbarung und Lehrbüchern nachdenken.

Wort für Wort
avidhiś ca vidhiś caiva
Nicht-Ordnung und Ordnung (Nom. m.)
samutpannau tathaikataḥ
beide entstanden, ebenso aus einem [Ursprung] (Part. Perf. Pass. Du. / Adv.)
vidyāvidyeti vikhyāte
als ‚Wissen‘ und ‚Nichtwissen‘ berühmt (Nom. Du. f. / Part. Perf. Pass. Du.)
śrutiśāstrārthacintakaiḥ
von den Überlegern des Sinns von Śruti und Śāstra (Instr. Pl. m.)

avidhi/vidhi: Bedeutung im Zusammenhang unsicher (‚Nicht-Ordnung/Ordnung‘ bzw. ‚Nichtregel/Regel‘).

bhūtasargam ahaṃkārāt tṛtīyaṃ viddhi pārthiva; ahaṃkāreṣu bhūteṣu caturthaṃ viddhi vaikṛtam

Als dritte [Schöpfung] wisse, Herrscher der Erde, die Schöpfung der Elementarwesen aus dem Ahaṃkāra; als vierte wisse die Abwandlung in den Wesen, die aus dem Ahaṃkāra [hervorgegangen] sind.

Wort für Wort
bhūtasargam ahaṃkārāt
die Schöpfung der Elemente/Wesen aus dem Ahaṃkāra (Akk. m. / Abl. m.)
tṛtīyaṃ viddhi pārthiva
als dritte wisse, Fürst (Akk. / Imp. 2.Sg. / Vok.)
ahaṃkāreṣu bhūteṣu
in den Ahaṃkāra-Wesen (Lok. Pl.)
caturthaṃ viddhi vaikṛtam
als vierte wisse die Abwandlung (Akk. / Imp. / Akk. n.)

vāyur jyotir athākāśam āpo 'tha pṛthivī tathā; śabdaḥ sparśaś ca rūpaṃ ca raso gandhas tathaiva ca

Wind, Licht [Feuer], ferner Raum, Wasser und ebenso Erde; Klang, Berührung, Gestalt, Geschmack und ebenso Geruch.

Wort für Wort
vāyur jyotir athākāśam
Wind, Feuer/Licht, sodann Äther (Nom. m./n.)
āpo 'tha pṛthivī tathā
Wasser, sodann Erde ebenso (Nom. f. Pl. / Nom. f.)
śabdaḥ sparśaś ca rūpaṃ ca
Klang und Berührung und Gestalt (Nom.)
raso gandhas tathaiva ca
Geschmack und ebenso Geruch (Nom. m.)

evaṃ yugapad utpannaṃ daśavargam asaṃśayam; pañcamaṃ viddhi rājendra bhautikaṃ sargam arthavat

So ist zugleich, ohne Zweifel, die Zehnergruppe entstanden; als fünfte, König der Könige, wisse die sinnvolle Schöpfung des Elementaren.

Wort für Wort
evaṃ yugapad utpannaṃ
so zugleich entstanden (Adv. / Adv. / Part. Perf. Pass. n.)
daśavargam asaṃśayam
die Zehnergruppe, zweifellos (Nom. n. / Adv.)
pañcamaṃ viddhi rājendra
als fünfte wisse, Herr der Könige (Akk. / Imp. / Vok.)
bhautikaṃ sargam arthavat
die elementare Schöpfung, sinnvoll (Akk. m. / Akk. m.)

śrotraṃ tvak cakṣuṣī jihvā ghrāṇam eva ca pañcamam; vāk ca hastau ca pādau ca pāyur meḍhraṃ tathaiva ca

Ohr, Haut, Augen, Zunge und als fünftes die Nase; Stimme, Hände und Füße, der After und ebenso das Zeugungsglied.

Wort für Wort
śrotraṃ tvak cakṣuṣī
Ohr, Haut, die beiden Augen (Nom.)
jihvā ghrāṇam eva ca pañcamam
Zunge und Nase als fünftes (Nom.; pañcamam Nom.n.)
vāk ca hastau ca
Stimme und die beiden Hände (Nom.)
pādau ca pāyur
die beiden Füße und der After (Nom.)
meḍhraṃ tathaiva ca
das Zeugungsglied ebenso (Nom.)

buddhīndriyāṇi caitāni tathā karmendriyāṇi ca; saṃbhūtānīha yugapan manasā saha pārthiva

Dies sind die Erkenntnisorgane und ebenso die Handlungsorgane; sie sind hier zugleich zusammen mit dem Denkorgan entstanden, o Fürst.

Wort für Wort
buddhīndriyāṇi ca etāni
und diese Erkenntnisorgane (Nom.Pl.n.)
tathā karmendriyāṇi ca
und ebenso die Handlungsorgane (Nom.Pl.n.)
saṃbhūtāni iha
entstanden hier (Part.Perf.Pass., Nom.Pl.n.)
yugapat manasā saha
gleichzeitig zusammen mit dem Denkorgan (Adv./Instr.)
pārthiva
o Fürst (Vok.)

eṣā tattvacaturviṃśā sarvākṛtiṣu vartate; yāṃ jñātvā nābhiśocanti brāhmaṇās tattvadarśinaḥ

Dies ist die vierundzwanzigste Wirklichkeit [tattva], die in allen Gestalten besteht; wer sie erkannt hat, den grämen die Brahmanen, die die Wirklichkeit schauen, nicht mehr.

Wort für Wort
eṣā tattvacaturviṃśā
diese vierundzwanzigste Wirklichkeit (Nom.Sg.f., Kompositum)
sarvākṛtiṣu vartate
besteht in allen Gestalten (Lok.Pl.; 3.Sg.Präs.Med.)
yāṃ jñātvā
nachdem man sie erkannt hat (Akk.Sg.f.; Abs.)
na abhiśocanti
trauern nicht (3.Pl.Präs.)
brāhmaṇās tattvadarśinaḥ
die Brahmanen, die die Wirklichkeit schauen (Nom.Pl.)

nābhiśocanti: wörtlich „sie grämen sich nicht darüber“; Sinn: sie trauern nicht.

etad dehaṃ samākhyātaṃ trailokye sarvadehiṣu; veditavyaṃ naraśreṣṭha sadevanaradānave

Dies ist als der Körper bezeichnet worden bei allen Körperträgern in den drei Welten; es ist zu wissen, o Bester der Männer, mitsamt Göttern, Menschen und Dānavas,

Wort für Wort
etad dehaṃ samākhyātaṃ
dies ist als Körper bezeichnet (Nom.Sg.n.; Part.Perf.Pass.)
trailokye sarvadehiṣu
in den drei Welten bei allen Körperträgern (Lok.)
veditavyaṃ
ist zu wissen (Gerundiv)
naraśreṣṭha
o Bester der Männer (Vok.)
sadevanaradānave
mitsamt Göttern, Menschen, Dānavas (Lok., Kompositum)

sayakṣabhūtagandharve sakiṃnaramahorage; sacāraṇapiśāce vai sadevarṣiniśācare

mitsamt Yakṣas, Geistern und Gandharvas, mitsamt Kiṃnaras und großen Schlangen, mitsamt Cāraṇas und Piśācas, mitsamt göttlichen Sehern und Nachtwandlern [Rākṣasas],

Wort für Wort
sayakṣabhūtagandharve
mitsamt Yakṣas, Geistern, Gandharvas (Lok.)
sakiṃnaramahorage
mitsamt Kiṃnaras und großen Schlangen (Lok.)
sacāraṇapiśāce vai
mitsamt Cāraṇas und Piśācas fürwahr (Lok.)
sadevarṣiniśācare
mitsamt göttlichen Sehern und Nachtwandlern (Lok.)

sadaṃśakīṭamaśake sapūtikṛmimūṣake; śuni śvapāke vaiṇeye sacaṇḍāle sapulkase

mitsamt Bremsen, Würmern und Mücken, mitsamt faulenden Maden und Mäusen, beim Hund, beim Śvapāka, beim Vaiṇeya, mitsamt Caṇḍāla und Pulkasa,

Wort für Wort
sadaṃśakīṭamaśake
mitsamt Bremsen, Insekten, Mücken (Lok.)
sapūtikṛmimūṣake
mitsamt faulenden Würmern und Mäusen (Lok.)
śuni śvapāke
beim Hund, beim Hundeköcher (Lok.)
vaiṇeye
beim Vaiṇeya [?] (Lok.)
sacaṇḍāle sapulkase
mitsamt Caṇḍāla und Pulkasa (Lok.)

Vaiṇeya: nach der Lesart als Volks-/Kastenbezeichnung aufgefasst [?].

hastyaśvakharaśārdūle savṛkṣe gavi caiva ha

bei Elefant, Pferd, Esel und Tiger, mitsamt dem Baum und der Kuh,

Wort für Wort
hastyaśvakharaśārdūle
bei Elefant, Pferd, Esel, Tiger (Lok., Kompositum)
savṛkṣe
mitsamt dem Baum (Lok.)
gavi caiva ha
und bei der Kuh fürwahr (Lok.)

sahastyaśve saśārdūle saṛkṣagavi caiva hi

mitsamt Elefant und Pferd, mitsamt Tiger, mitsamt Bär und Kuh ebenso fürwahr,

Wort für Wort
sahastyaśve
mitsamt Elefant und Pferd (Lok.)
saśārdūle
mitsamt Tiger (Lok.)
saṛkṣagavi
mitsamt Bär und Kuh (Lok.)
caiva hi
und ebenso fürwahr (Partikeln)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften); saṛkṣa- ist Lesart für sarkṣa-.

yac ca mūrtimayaṃ kiṃ cit sarvatraitan nidarśanam

und was immer es sonst an Gestalthaftem gibt: überall gilt dieses Beispiel.

Wort für Wort
yac ca mūrtimayaṃ kiṃ cit
und was immer aus Gestalt Bestehendes (Nom.Sg.n.)
sarvatra
überall (Adv.)
etan nidarśanam
dies ist das Beispiel (Nom.Sg.n.)

jale bhuvi tathākāśe nānyatreti viniścayaḥ; sthānaṃ dehavatām asti ity evam anuśuśruma

Im Wasser, auf der Erde und ebenso im Luftraum, nirgendwo anders: so ist die Feststellung. Einen Standort haben die Körperträger [nur dort], so haben wir überliefert gehört.

Wort für Wort
jale bhuvi tathākāśe
im Wasser, auf der Erde und im Luftraum (Lok.)
na anyatra iti viniścayaḥ
nirgendwo anders, so die Feststellung (Adv.; Nom.Sg.m.)
sthānaṃ dehavatām asti
einen Standort haben die Körperträger (Nom.; Gen.Pl.; 3.Sg.Präs.)
ity evam anuśuśruma
so haben wir gehört (1.Pl.Perf.)

kṛtsnam etāvatas tāta kṣarate vyaktasaṃjñakam; ahany ahani bhūtātmā tataḥ kṣara iti smṛtaḥ

All dies, mein Lieber, so weit es reicht, fließt dahin [vergeht], was „das Offenbare“ heißt; Tag für Tag [ist es] das Wesen der Wesen; daher gilt es als „das Vergängliche“ [kṣara].

Wort für Wort
kṛtsnam etāvatas tāta
das Ganze, so weit es reicht, mein Lieber (Nom.Sg.n.; Abl./Vok.)
kṣarate vyaktasaṃjñakam
vergeht, das als Offenbares Benannte (3.Sg.Präs.; Nom.n.)
ahany ahani
Tag für Tag (Lok.)
bhūtātmā
Selbst der Wesen [?] (Nom.Sg.m.)
tataḥ kṣara iti smṛtaḥ
daher „vergänglich“ genannt (Adv.; Part.Perf.Pass.)

bhūtātmā: als „Selbst/Wesen der Wesen“ gedeutet; Bezug unsicher [?].

etad akṣaram ity uktaṃ kṣaratīdaṃ yathā jagat; jagan mohātmakaṃ prāhur avyaktaṃ vyaktasaṃjñakam

Dies wird „das Unvergängliche“ [akṣara] genannt, [obwohl] diese Welt vergeht; die Welt, deren Wesen Verblendung ist, nennen sie das Nichtoffenbare, das den Namen „Offenbares“ trägt.

Wort für Wort
etad akṣaram ity uktaṃ
dies wird „unvergänglich“ genannt (Nom.Sg.n.; Part.Perf.Pass.)
kṣarati idaṃ yathā jagat
wie diese Welt vergeht (3.Sg.Präs.; Nom.Sg.n.)
jagan mohātmakaṃ
die Welt, verblendungsartig (Nom.Sg.n.)
prāhur avyaktaṃ
sie nennen das Nichtoffenbare (3.Pl.Perf.; Akk.)
vyaktasaṃjñakam
das Offenbares genannt wird (Akk.Sg.n.)

Text paradox: etad akṣaram (Prakṛti/Avyakta) vs. kṣarati idaṃ jagat; wörtlich aufgefasst.

mahāṃś caivāgrajo nityam etat kṣaranidarśanam; kathitaṃ te mahārāja yasmān nāvartate punaḥ

Und das Große [Mahat], das Erstgeborene, ist stets dieses Beispiel für das Vergängliche; es ist dir erzählt, großer König, [ebenso das,] woher man nicht wiederkehrt.

Wort für Wort
mahāṃś ca agrajo nityam
und das Große, der Erstgeborene, stets (Nom.Sg.m.; Adv.)
etat kṣaranidarśanam
dies ist Beispiel für das Vergängliche (Nom.Sg.n.)
kathitaṃ te
erzählt ist dir (Part.Perf.Pass.; Dat./Gen.)
mahārāja
großer König (Vok.)
yasmān na āvartate punaḥ
woher man nicht wiederkehrt (Abl.; 3.Sg.Präs.; Adv.)

yasmān nāvartate punaḥ: Satzbau elliptisch, Bezug auf das Unvergängliche [?].

pañcaviṃśatimo viṣṇur nistattvas tattvasaṃjñakaḥ; tattvasaṃśrayaṇād etat tattvam āhur manīṣiṇaḥ

Der Fünfundzwanzigste ist Viṣṇu, ohne Wirklichkeiten [nistattva], doch „Wirklichkeit“ genannt; weil er Zuflucht der Wirklichkeiten ist, nennen die Weisen dies die Wirklichkeit.

Wort für Wort
pañcaviṃśatimo viṣṇur
der Fünfundzwanzigste, Viṣṇu (Nom.Sg.m.)
nistattvas
ohne Wirklichkeiten (Nom.Sg.m., Kompositum)
tattvasaṃjñakaḥ
„Wirklichkeit“ genannt (Nom.Sg.m.)
tattvasaṃśrayaṇād etat
weil er Zuflucht der Wirklichkeiten ist, dies (Abl.; Akk.n.)
tattvam āhur manīṣiṇaḥ
Wirklichkeit nennen die Weisen (3.Pl.Perf.; Nom.Pl.)

yad amūrty asṛjad vyaktaṃ tat tan mūrty adhitiṣṭhati; caturviṃśatimo vyakto hy amūrtaḥ pañcaviṃśakaḥ

Was Gestaltloses das Offenbare hervorgebracht hat, das waltet über der Gestalt. Der Vierundzwanzigste ist offenbar, der Fünfundzwanzigste aber gestaltlos.

Wort für Wort
yad amūrty asṛjad vyaktaṃ
was gestaltlos das Offenbare erschuf (Nom.n.; Aor.3.Sg.; Akk.)
tat tan mūrty adhitiṣṭhati
das waltet über der Gestalt (Nom.; Akk.; 3.Sg.Präs.)
caturviṃśatimo vyakto
der Vierundzwanzigste ist offenbar (Nom.Sg.m.)
hy amūrtaḥ pañcaviṃśakaḥ
denn gestaltlos der Fünfundzwanzigste (Nom.Sg.m.)

sa eva hṛdi sarvāsu mūrtiṣv ātiṣṭhate ''tmavān; cetayaṃś cetano nityaḥ sarvamūrtir amūrtimān

Eben er wohnt im Herzen in allen Gestalten, selbstbegabt; er ist erkennend, der Erkennende, ewig, hat alle Gestalten und ist doch gestaltlos.

Wort für Wort
sa eva hṛdi
eben er im Herzen (Nom.; Lok.)
sarvāsu mūrtiṣu
in allen Gestalten (Lok.Pl.f.)
ātiṣṭhate ātmavān
wohnt darin, selbstbegabt (3.Sg.Präs.Med.; Nom.)
cetayan cetano nityaḥ
erkennend, der Erkennende, ewig (Part.Präs.; Nom.)
sarvamūrtir amūrtimān
alle Gestalten habend, gestaltlos (Nom.Sg.m.)

sargapralayadharmiṇyā asargapralayātmakaḥ; gocare vartate nityaṃ nirguṇo guṇasaṃjñakaḥ

Für die Prakṛti, deren Wesen Schöpfung und Auflösung ist, ist er selbst ohne Schöpfung und Auflösung; er weilt stets im Erfahrungsbereich, ohne Eigenschaften, doch „eigenschaftshaft“ genannt.

Wort für Wort
sargapralayadharmiṇyā
für die, die Schöpfung und Auflösung zum Wesen hat (Dat./Gen.Sg.f.) [?]
asargapralayātmakaḥ
ohne Schöpfung und Auflösung (Nom.Sg.m.)
gocare vartate nityaṃ
weilt stets im Bereich (Lok.; 3.Sg.Präs.)
nirguṇo
eigenschaftslos (Nom.Sg.m.)
guṇasaṃjñakaḥ
„Guṇa-haft“ genannt (Nom.Sg.m.)

sargapralayadharmiṇyā asarga…: Deutung mit Prakṛti als Bezug [?].

evam eṣa mahān ātmā sargapralayakovidaḥ; vikurvāṇaḥ prakṛtimān abhimanyaty abuddhimān

So verblendet sich dieses große Selbst, das in Schöpfung und Auflösung kundig ist, indem es sich wandelt, der Prakṛti zugehörig, und hält [sich für etwas] in seiner Unverständigkeit.

Wort für Wort
evam eṣa mahān ātmā
so dieses große Selbst (Nom.Sg.m.)
sargapralayakovidaḥ
in Schöpfung und Auflösung kundig (Nom.Sg.m.)
vikurvāṇaḥ
sich wandelnd (Part.Präs.Med.)
prakṛtimān
die Prakṛti besitzend (Nom.Sg.m.)
abhimanyaty abuddhimān
bildet sich ein, unverständig (3.Sg.Präs.; Nom.)

abhimanyati: „sich einbilden, für sich halten“; Objekt ergänzt [?].

tamaḥsattvarajoyuktas tāsu tāsv iha yoniṣu; līyate 'pratibuddhatvād abuddhajanasevanāt

Mit Finsternis, Reinheit [sattva] und Leidenschaft verbunden, geht es hier in diese und jene Mutterschöße ein, aus Unerwachtheit, durch den Umgang mit unerwachten Menschen.

Wort für Wort
tamaḥsattvarajoyuktas
mit Finsternis, Reinheit, Leidenschaft verbunden (Nom.Sg.m.)
tāsu tāsv iha yoniṣu
in diese und jene Schöße hier (Lok.Pl.f.)
līyate
geht ein (3.Sg.Präs.Pass.)
apratibuddhatvād
wegen Unerwachtheit (Abl.)
abuddhajanasevanāt
durch Umgang mit unerwachten Menschen (Abl.)

līyate: „geht auf/löst sich ein in“ (Passiv), hier: geht ein.

sahavāso nivāsātmā nānyo 'ham iti manyate; yo 'haṃ so 'ham iti hy uktvā guṇān anu nivartate

Mit dem Wohnsitz zusammenlebend, im Wesen wohnhaft, denkt es: „Ich bin kein anderer.“ Und mit den Worten „Der ich bin, der bin ich“ folgt es den Guṇas nach.

Wort für Wort
sahavāso nivāsātmā
mit ihm zusammenlebend, dessen Wesen der Wohnsitz ist (Nom.Sg.m.)
na anyo ham iti manyate
denkt: „ich bin kein anderer“ (3.Sg.Präs.Med.)
yo ham so ham iti
„der ich [bin], der bin ich“ (Nom.)
hi uktvā
denn gesagt habend (Abs.)
guṇān anu nivartate
folgt den Guṇas nach (Akk.; 3.Sg.Präs.)

tamasā tāmasān bhāvān vividhān pratipadyate; rajasā rājasāṃś caiva sāttvikān sattvasaṃśrayāt

Durch Finsternis gelangt es zu finsteren Zuständen verschiedener Art, durch Leidenschaft zu leidenschaftlichen, und zu reinen aus Anhänglichkeit an die Reinheit.

Wort für Wort
tamasā tāmasān bhāvān
durch Finsternis zu finsteren Zuständen (Instr.; Akk.Pl.)
vividhān pratipadyate
verschiedenartigen; gelangt (Akk.; 3.Sg.Präs.Med.)
rajasā rājasāṃś ca eva
durch Leidenschaft zu leidenschaftlichen (Instr.; Akk.Pl.)
sāttvikān sattvasaṃśrayāt
zu reinen, wegen Zuflucht zur Reinheit (Akk.; Abl.)

śuklalohitakṛṣṇāni rūpāṇy etāni trīṇi tu; sarvāṇy etāni rūpāṇi jānīhi prākṛtāni vai

Weiß, rot und schwarz: diese drei Erscheinungsformen; alle diese Formen wisse als zur Prakṛti gehörig.

Wort für Wort
śuklalohitakṛṣṇāni
weiß, rot, schwarz (Nom.Pl.n.)
rūpāṇy etāni trīṇi tu
Formen, diese drei aber (Nom.Pl.n.)
sarvāṇy etāni rūpāṇi
alle diese Formen (Akk.Pl.n.)
jānīhi prākṛtāni vai
wisse als prakṛti-zugehörig fürwahr (Imp.2.Sg.; Akk.Pl.n.)

tāmasā nirayaṃ yānti rājasā mānuṣāṃs tathā; sāttvikā devalokāya gacchanti sukhabhāginaḥ

Die Finsteren gehen in die Hölle, die Leidenschaftlichen ebenso zu den Menschen; die Reinen gehen zur Götterwelt, Anteil an Glück habend.

Wort für Wort
tāmasā nirayaṃ yānti
die Finsteren gehen in die Hölle (Nom.Pl.; Akk.; 3.Pl.Präs.)
rājasā mānuṣāṃs tathā
die Leidenschaftlichen zu Menschen ebenso (Nom.Pl.; Akk.Pl.)
sāttvikā devalokāya
die Reinen zur Götterwelt (Nom.Pl.; Dat.)
gacchanti sukhabhāginaḥ
gehen, am Glück teilhabend (3.Pl.Präs.; Nom.Pl.)

niṣkaivalyena pāpena tiryagyonim avāpnuyāt; puṇyapāpena mānuṣyaṃ puṇyenaikena devatāḥ

Durch nichts als Böses gelangt man in einen Tierschoß; durch Verdienst und Böses in ein Menschsein; durch Verdienst allein zu den Göttern.

Wort für Wort
niṣkaivalyena pāpena
durch ausschließliches Böses (Instr.)
tiryagyonim avāpnuyāt
in einen Tierschoß gelangte man (Akk.; Opt.3.Sg.)
puṇyapāpena mānuṣyaṃ
durch Verdienst und Böses ins Menschsein (Instr.; Akk.)
puṇyena ekena devatāḥ
durch Verdienst allein zu den Göttern (Instr.; Akk.Pl.)

evam avyaktaviṣayaṃ kṣaram āhur manīṣiṇaḥ; pañcaviṃśatimo yo 'yaṃ jñānād eva pravartate

So nennen die Weisen das Vergängliche als [das,] dessen Bereich das Nichtoffenbare ist; dieser Fünfundzwanzigste aber tritt allein durch Erkenntnis hervor.

Wort für Wort
evam avyaktaviṣayaṃ
so das, dessen Bereich das Nichtoffenbare ist (Akk.Sg.n.)
kṣaram āhur manīṣiṇaḥ
das Vergängliche nennen die Weisen (Akk.; 3.Pl.Perf.; Nom.Pl.)
pañcaviṃśatimo yo yaṃ
der dieser Fünfundzwanzigste (Nom.Sg.m.)
jñānād eva pravartate
allein aus Erkenntnis tritt hervor (Abl.; 3.Sg.Präs.Med.)

Zweiter Halbvers: Bezug von pravartate [?].

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