Kapitel 95: vāmadevagītā: ayuddhavijayaḥ
Vāmadevas Lehre: Sieg ohne Kampf, feste Wurzel des Königs, rechtes Verhalten
Der Weise Vāmadeva belehrt einen König: Der Sieg ohne Krieg ist der beste, Eroberung setzt ein festes Fundament (zufriedenes Volk, Heer und Minister) voraus, und der König soll Zorn zügeln und sich edel verhalten. Bhīṣma schließt mit der Anwendung auf Yudhiṣṭhira. Die Zusatzpassagen behandeln die fünf Mittel (upāya) im Umgang mit Feinden und Unruhestiftern.
Vāmadeva sprach: Ohne Kampf allein soll der Herr der Erde den Sieg mehren; einen minderwertigen Sieg nennt man den, der durch Kampf [errungen wird], o Herr der Menschen.
Wort für Wort
vāmadeva uvāca
Vāmadeva sprach (Perf.)
ayuddhena eva vijayaṃ
durch Nicht-Kampf allein den Sieg (Instr./Akk. Sg.)
vardhayed vasudhādhipaḥ
soll mehren der Herr der Erde (3.Sg.Opt.Kaus./Nom.)
jaghanyam āhur vijayaṃ
als minderwertig bezeichnen sie den Sieg (Akk./3.Pl.Perf.)
yo yuddhena narādhipa
der [Sieg], der durch Kampf [kommt], o Herr der Menschen (Instr./Vok.)
yasya sphīto janapadaḥ saṃpannaḥ priyarājakaḥ; saṃtuṣṭapuṣṭasacivo dṛḍhamūlaḥ sa pārthivaḥ
Dessen Land blühend und wohlhabend ist, dessen Volk dem König zugetan ist, dessen Minister zufrieden und wohlgenährt sind: dieser Herrscher hat eine feste Wurzel.
Wort für Wort
yasya sphīto janapadaḥ
dessen blühendes Land (Gen./Nom. Sg.)
saṃpannaḥ
wohlhabend, gedeihend (Part. Pass., Nom.)
priyarājakaḥ
den König liebend/einen geliebten König habend (Nom., Bahuvrīhi)
saṃtuṣṭapuṣṭasacivo
mit zufriedenen, wohlgenährten Ministern (Nom., Bahuvrīhi)
dṛḍhamūlaḥ sa pārthivaḥ
fest gewurzelt ist dieser Fürst (Nom.)
priyarājakaḥ: wörtlich „der einen lieben König hat“, d. h. das Volk liebt seinen König.
daṇḍo hi balavān yatra tatra sāma prayujyate; pradānaṃ sāmapūrvaṃ ca bhedamūlaṃ praśasyate; trayāṇāṃ viphalaṃ karma yadā paśyeta bhūmipaḥ; randhraṃ jñātvā tato daṇḍaṃ prayuñjītāvicārayan; abhibhūto yadā śatruḥ śatrubhir balavattaraiḥ; upekṣā tatra kartavyā vadhyatāṃ balināṃ balam; durbalo hi mahīpālo yadā bhavati bhārata; upekṣā tatra kartavyā caturṇām avirodhinī; upāyaḥ pañcamaḥ so 'pi sarveṣāṃ balavattaraḥ; bhārgaveṇa ca gītānāṃ ślokānāṃ kausalādhipa; vijñāya tattvaṃ tattvajña tattvatas tat kariṣyasi; yadi rakṣaḥ piśācena hanyate yatra kutra cit; upekṣā tatra kartavyā vadhyatāṃ balināṃ baliḥ; durbalo hi mahīpālaḥ śatrūṇāṃ śatrum uddharet; pādalagnaṃ karasthena kaṇṭakenaiva kaṇṭakam; śaṭhānāṃ sacivānāṃ ca mlecchānāṃ ca mahīpate; eṣa ukta upāyānām upekṣā balavattamā; aśmanā nāśayel lohaṃ lohenāśmānam eva ca; bilvānīvāparair bilvair mlecchān mlecchaiḥ prasādayet; dāsānāṃ ca pradṛptānām etad eveha kārayet; caṇḍālamlecchajātīnāṃ daṇḍena ca nivāraṇam; śaṭhānāṃ durvinītaiś ca pūrvam uktaṃ samācaret; anyāḥ śaṭhāś ca sacivās tathā kubrāhmaṇādayaḥ; upāyaiḥ pañcabhiḥ sādhyāś caturvargavirodhinaḥ
Wo die Streitmacht stark ist, dort wird Versöhnung angewandt; und eine Gabe, der Versöhnung vorangeht, sowie Spaltung als Wurzel [?] wird gepriesen. Wenn der Fürst sieht, dass das Wirken der drei erfolglos ist, dann soll er, die Schwachstelle erkannt habend, ohne Zögern Gewalt anwenden. Wenn ein Feind von stärkeren Feinden bedrängt ist, soll dort Nichtbeachtung geübt werden; die Kraft der Starken möge [sich] aufreiben [?]. Wenn ein Erdenhüter schwach ist, Bhārata, soll dort Nichtbeachtung geübt werden, die mit den vier [anderen Mitteln] nicht im Widerspruch steht; das fünfte Mittel, auch dieses, ist stärker als alle. Und die Strophen, die von Bhārgava gesungen wurden, o Herr der Kosaler: wenn du deren Wahrheit erkannt hast, Kenner der Wahrheit, wirst du sie der Wahrheit gemäß ausführen. Wenn ein Rākṣasa von einem Piśāca irgendwo erschlagen wird, soll dort Nichtbeachtung geübt werden; erschlagen werde die Opfergabe [?] der Starken. Ein schwacher Erdenhüter soll den Feind der Feinde ausreißen, wie man einen im Fuß haftenden Dorn mit einem in der Hand [gehaltenen] Dorn [entfernt]. Bei Tückischen, bei Ministern und bei Mlecchas, o Herr der Erde, ist unter den Mitteln dies gesagt: die Nichtbeachtung ist die stärkste. Mit Stein soll man Eisen zerstören und mit Eisen den Stein; wie Bilva-Früchte durch andere Bilva-Früchte, soll man Mlecchas durch Mlecchas beschwichtigen. Und bei übermütigen Sklaven lasse man eben dies hier tun; und bei den Geburtsgruppen der Caṇḍālas und Mlecchas [gelte] Abwehr mit Gewalt; bei Tückischen und Schlechtgezogenen verfahre man, wie zuvor gesagt. Andere Tückische und Minister, ebenso schlechte Brahmanen und dergleichen, die den vier Lebenszielen [oder: vier Gruppen] widerstreben, sind mit den fünf Mitteln zu bezwingen.
Wort für Wort
daṇḍo hi balavān yatra
wo die Streitmacht stark ist (Nom./Rel.Adv.)
tatra sāma prayujyate
dort wird Versöhnung angewandt (3.Sg.Pass.)
pradānaṃ sāmapūrvaṃ ca
und eine Gabe, der Versöhnung vorausgeht (Nom.)
bhedamūlaṃ praśasyate
Spaltung als Wurzel [?] wird gepriesen (3.Sg.Pass.)
trayāṇāṃ viphalaṃ karma
das Wirken der drei [ist] erfolglos (Gen.Pl./Nom.)
yadā paśyeta bhūmipaḥ
wenn der Fürst sieht (3.Sg.Opt.)
randhraṃ jñātvā tato daṇḍaṃ
die Schwachstelle erkannt habend, dann Gewalt (Abs./Akk.)
prayuñjītāvicārayan
soll er anwenden ohne Zögern (3.Sg.Opt./Part.Präs.)
abhibhūto yadā śatruḥ
wenn der Feind bedrängt ist (Part.Pass./Nom.)
śatrubhir balavattaraiḥ
von stärkeren Feinden (Instr.Pl.)
upekṣā tatra kartavyā
Nichtbeachtung ist dort zu üben (Nom.Fem./Gerundiv)
vadhyatāṃ balināṃ balam
aufgerieben werde die Kraft der Starken [?] (3.Sg.Imp.Pass./Gen.Pl./Nom.)
durbalo hi mahīpālo yadā bhavati bhārata
wenn der Erdenhüter schwach ist, Bhārata (Nom./3.Sg.Präs./Vok.)
upekṣā tatra kartavyā caturṇām avirodhinī
Nichtbeachtung dort, mit den vieren nicht im Widerspruch (Gen.Pl./Nom.Fem.)
upāyaḥ pañcamaḥ so 'pi
das fünfte Mittel, auch dieses (Nom.)
sarveṣāṃ balavattaraḥ
stärker als alle (Gen.Pl./Nom.)
bhārgaveṇa ca gītānāṃ ślokānāṃ
und der von Bhārgava gesungenen Strophen (Instr./Part.Pass. Gen.Pl.)
kausalādhipa
o Herr der Kosaler (Vok.)
vijñāya tattvaṃ tattvajña
die Wahrheit erkannt habend, o Wahrheitskenner (Abs./Akk./Vok.)
tattvatas tat kariṣyasi
der Wahrheit gemäß wirst du das tun (Abl.-Adv./2.Sg.Fut.)
yadi rakṣaḥ piśācena hanyate
wenn ein Rakṣas von einem Piśāca erschlagen wird (Instr./3.Sg.Pass.)
yatra kutra cit
irgendwo (Adv.)
upekṣā tatra kartavyā
Nichtbeachtung ist dort zu üben (Nom.Fem./Gerundiv)
vadhyatāṃ balināṃ baliḥ
erschlagen werde der Starken Opfergabe/Tribut [?] (3.Sg.Imp.Pass./Gen.Pl./Nom.)
durbalo hi mahīpālaḥ śatrūṇāṃ śatrum uddharet
ein schwacher Erdenhüter soll den Feind der Feinde ausreißen (Nom./Gen.Pl./Akk./3.Sg.Opt.)
pādalagnaṃ karasthena kaṇṭakenaiva kaṇṭakam
den im Fuß haftenden Dorn mit einem in der Hand befindlichen Dorn (Akk./Instr.)
śaṭhānāṃ sacivānāṃ ca mlecchānāṃ ca mahīpate
bei Tückischen, Ministern und Mlecchas, o Erdenherr (Gen.Pl./Vok.)
eṣa ukta upāyānām upekṣā balavattamā
dies ist gesagt: unter den Mitteln ist die Nichtbeachtung die stärkste (Perf.Pass./Gen.Pl./Nom.)
aśmanā nāśayel lohaṃ lohena aśmānam eva ca
mit Stein soll man Eisen zerstören und mit Eisen den Stein (Instr./3.Sg.Opt.Kaus./Akk.)
bilvāni iva aparair bilvair
wie Bilva-Früchte durch andere Bilva-Früchte (Akk.Pl./Instr.Pl.)
mlecchān mlecchaiḥ prasādayet
Mlecchas durch Mlecchas soll man beschwichtigen (Akk./Instr./3.Sg.Opt.Kaus.)
dāsānāṃ ca pradṛptānām etad eva iha kārayet
und bei übermütigen Sklaven lasse man eben dies hier tun (Gen.Pl./3.Sg.Opt.Kaus.)
caṇḍālamlecchajātīnāṃ daṇḍena ca nivāraṇam
und bei Caṇḍāla- und Mleccha-Gruppen Abwehr durch Gewalt (Gen.Pl./Instr./Nom.)
śaṭhānāṃ durvinītaiś ca pūrvam uktaṃ samācaret
bei Tückischen und Schlechtgezogenen verfahre man wie zuvor gesagt (3.Sg.Opt.)
anyāḥ śaṭhāś ca sacivās tathā kubrāhmaṇādayaḥ
andere Tückische und Minister, ebenso schlechte Brahmanen usw. (Nom.Pl.)
upāyaiḥ pañcabhiḥ sādhyāś caturvargavirodhinaḥ
durch fünf Mittel sind zu bezwingen, die den Vierergruppen Widerstrebenden (Instr.Pl./Gerundiv/Nom.Pl.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage (Sternstelle). Die fünf Mittel: sāma, dāna, bheda, daṇḍa und als fünftes upekṣā. Unsicher: „bhedamūlaṃ“, „vadhyatāṃ balināṃ balam/baliḥ“ (Text möglicherweise verderbt); caturvarga kann die vier Lebensziele oder die vier Stände meinen.
rāṣṭrakarmakarā hy ete rāṣṭrasya ca virodhinaḥ; durvinītā vinītāś ca sarve sādhyāḥ prayatnataḥ; caṇḍālamlecchajātyāś ca pāṣaṇḍāś ca vikarmiṇaḥ; balinaś cāśramāś caiva tathā gāyakanartakāḥ
Diese sind Ausführer der Reichsaufgaben und zugleich Widersacher des Reiches; Unerzogene und Erzogene, alle sind mit Anstrengung zu bezwingen. Caṇḍāla- und Mleccha-Geburten, Pāṣaṇḍas und Übeltäter, Mächtige, [Angehörige der] Lebensstadien [?] sowie Sänger und Tänzer.
Wort für Wort
rāṣṭrakarmakarā hy ete
denn diese sind Ausführer der Reichsaufgaben (Nom.Pl.)
rāṣṭrasya ca virodhinaḥ
und Widersacher des Reiches (Gen./Nom.Pl.)
durvinītā vinītāś ca
Unerzogene und Erzogene (Nom.Pl.)
sarve sādhyāḥ prayatnataḥ
alle sind zu bezwingen mit Anstrengung (Gerundiv/Abl.-Adv.)
caṇḍālamlecchajātyāś ca
und Caṇḍāla- und Mleccha-Geburten (Nom.Pl.)
pāṣaṇḍāś ca vikarmiṇaḥ
und Pāṣaṇḍas, Übeltäter (Nom.Pl.)
balinaś ca āśramāś ca eva
und Mächtige und Lebensstadien [?] (Nom.Pl.)
tathā gāyakanartakāḥ
ebenso Sänger und Tänzer (Nom.Pl.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; die Aufzählung (balinaḥ, āśramāḥ) ist unsicher.