Kapitel 65: kṣatradharmaprāśastya
Indra und Māndhātā: Vorrang der Kṣatriya-Pflicht und Pflichten der Randvölker
Indra erläutert dem König Māndhātā den Vorrang der Königs- und Kṣatriya-Pflicht und die Pflichten der Dasyus/Mleccha-Völker; Bhīṣma schließt mit einer Ermahnung an Yudhiṣṭhira.
Indra sprach: „Die Kṣatriya-Pflicht, von solcher Kraft und mit allen Pflichten ausgestattet, ist unter allen Pflichten die beste. Sie ist von euch, den edlen Löwen der Welt, zu schützen; bei ihrem Verkehrtwerden träte Vernichtung der Geschöpfe ein.“
Wort für Wort
indra uvāca
Indra sprach (Perf.)
evaṃvīryaḥ sarvadharmopapannaḥ
von solcher Kraft, mit allen Pflichten ausgestattet (Nom.Sg.m.)
kṣātraḥ śreṣṭhaḥ sarvadharmeṣu dharmaḥ
die Kṣatriya-Pflicht ist die beste unter allen Pflichten (Nom.Sg.m./Lok.Pl.)
pālyo yuṣmābhir lokasiṃhair udārair
ist von euch zu schützen, [ihr] edlen Löwen der Welt (Gerundiv/Instr.Pl.)
viparyaye syād abhāvaḥ prajānām
bei der Verkehrung wäre Untergang der Geschöpfe (Lok.Sg./Opt.3.Sg./Gen.Pl.)
Der König soll die Läuterung [Pflege] der Erde, die Verbindung mit der Königsweihe, das Nicht-Bettelleben und den Schutz der Geschöpfe kennen, ebenso das Mitgefühl mit allen Wesen und die Hingabe des Körpers im Kampf als höchste Pflicht.
Wort für Wort
bhuvaḥ saṃskāram
die Läuterung/Bereitung der Erde (Akk.Sg.; Gen.Sg.)
rājasaṃskārayogam
die Verbindung mit der Königsweihe (Akk.Sg., Kompositum)
abhaikṣacaryāṃ pālanaṃ ca prajānām
das Nicht-Bettelleben und den Schutz der Geschöpfe (Akk.Sg./Gen.Pl.)
vidyād rājā sarvabhūtānukampām
der König soll kennen das Mitgefühl mit allen Wesen (Opt.3.Sg./Nom./Akk.Sg.)
dehatyāgaṃ cāhave dharmam agryam
und die Hingabe des Körpers im Kampf als höchste Pflicht (Akk.Sg./Lok.Sg.)
bhuvaḥ saṃskāram: wörtlich Zurichtung/Läuterung der Erde; Sinn unsicher.
tyāgaṃ śreṣṭhaṃ munayo vai vadanti; sarvaśreṣṭho yaḥ śarīraṃ tyajeta; nityaṃ tyaktaṃ rājadharmeṣu sarvaṃ; pratyakṣaṃ te bhūmipālāḥ sadaite
Verzicht nennen die Weisen das Höchste; der ist der Beste von allen, der den Körper hingibt. In den Königspflichten ist stets alles aufgegeben; vor Augen sind dir diese Erdenhüter immer. [?]
Wort für Wort
tyāgaṃ śreṣṭhaṃ munayo vai vadanti
Verzicht [ist] das Höchste, sagen die Weisen (Akk.Sg./Nom.Pl./3.Pl.Präs.)
sarvaśreṣṭho yaḥ śarīraṃ tyajeta
der Beste von allen, der den Körper hingeben würde (Nom.Sg./Opt.3.Sg.)
nityaṃ tyaktaṃ rājadharmeṣu sarvam
stets ist in den Königspflichten alles aufgegeben (Part.Pass./Lok.Pl.)
pratyakṣaṃ te bhūmipālāḥ sadaite
vor Augen sind dir diese Erdenhüter stets (Nom.Pl.)
Durch Vielgelehrtheit oder Dienst am Lehrer oder durch das Niederwerfen des Gegners [?] – so nennen sie es. Der Kṣatriya soll stets als Brahmacārin die Pflicht üben und allein den Lebensstand einhalten, der Pflicht zugetan.
Wort für Wort
bahuśrutyā guruśuśrūṣayā vā
durch Vielgelehrtheit oder Dienst am Lehrer (Instr.Sg.)
parasya vā saṃhananād vadanti
oder durch das Bezwingen/Zusammenschlagen des anderen, sagen sie (Abl.Sg./3.Pl.)
nityaṃ dharmaṃ kṣatriyo brahmacārī
stets [übe] die Pflicht der Kṣatriya als Brahmacārin (Akk./Nom.Sg.)
cared eko hy āśramaṃ dharmakāmaḥ
er soll allein den Lebensstand üben, pflichtliebend (Opt.3.Sg./Nom.Sg.)
sāmānyārthe vyavahāre pravṛtte; priyāpriye varjayann eva yatnāt; cāturvarṇyasthāpanāt pālanāc ca; tais tair yogair niyamair aurasaiś ca
Wenn ein Verkehr um gemeinsamen Zweck in Gang gekommen ist, soll er, Liebes und Unliebes sorgsam meidend, durch die Einrichtung der vier Stände und durch Schutz, durch jene verschiedenen Mittel und Regeln und durch die eigenen [?] ...
Wort für Wort
sāmānyārthe vyavahāre pravṛtte
wenn der Verkehr um gemeinsamen Zweck in Gang ist (Lok.abs.)
priyāpriye varjayann eva yatnāt
Liebes und Unliebes eben meidend mit Sorgfalt (Part.Präs./Abl.Sg.)
cāturvarṇyasthāpanāt pālanāc ca
durch Einrichtung der vier Stände und durch Schutz (Abl.Sg.)
tais tair yogair niyamair aurasaiś ca
durch jene und jene Mittel, Regeln und die eigenen (Instr.Pl.)
[Anm.: Vers ohne finites Verb; Satz setzt sich im nächsten Vers fort.] aurasaiḥ unsicher.
sarvodyogair āśramaṃ dharmam āhuḥ; kṣātraṃ jyeṣṭhaṃ sarvadharmopapannam; svaṃ svaṃ dharmaṃ ye na caranti varṇās; tāṃs tān dharmān ayathāvad vadanti
Durch alle Anstrengungen, so sagen sie, [gilt] der Lebensstand als Pflicht; die Kṣatriya-Pflicht ist die älteste, mit allen Pflichten ausgestattet. Die Stände, die ihre je eigene Pflicht nicht befolgen, deren Pflichten nennen sie nicht zutreffend [?].
Wort für Wort
sarvodyogair āśramaṃ dharmam āhuḥ
durch alle Anstrengungen [nennen] sie den Lebensstand Pflicht (Instr.Pl./Perf.3.Pl.)
kṣātraṃ jyeṣṭhaṃ sarvadharmopapannam
die Kṣatriya-Pflicht [ist] die älteste, mit allen Pflichten ausgestattet (Nom.Sg.n.)
svaṃ svaṃ dharmaṃ ye na caranti varṇās
die Stände, die ihre jeweils eigene Pflicht nicht üben (Akk.Sg./3.Pl.Präs./Nom.Pl.)
tāṃs tān dharmān ayathāvad vadanti
deren jeweilige Pflichten nennen sie unangemessen (Akk.Pl./3.Pl.)
Die in Regellosigkeit stets um Besitz zugrunde Gegangenen nennen sie zu Vieh gewordene Menschen; wie man [sie] aus Habgier zur [rechten] Leitung bringt – daher ist der Lebensstand, die Kṣatriya-Pflicht, das Bessere. [?]
Wort für Wort
nirmaryāde nityam arthe vinaṣṭān
in der Regellosigkeit, stets um Besitz zugrunde gegangen (Lok.Sg./Akk.Pl.m.)
āhus tān vai paśubhūtān manuṣyān
sie nennen jene zu Vieh gewordene Menschen (Perf.3.Pl./Akk.Pl.)
yathā nītiṃ gamayaty arthalobhāt
wie er [sie] aus Habgier zur Leitung/Klugheitslehre führt (Kaus.3.Sg./Abl.Sg.)
chreyāṃs tasmād āśramaḥ kṣatradharmaḥ
besser ist daher der Lebensstand, die Kṣatriya-Pflicht (Komp.Nom.Sg.)
Der Weg der Brahmanen, die die drei Veden kennen, und der Lebensstand, der für die Brahmanen genannt wurde – das nennen sie das höchste Werk des Brahmanen. Wer anderes tut, ist wie ein Śūdra mit der Waffe zu töten.
Wort für Wort
traividyānāṃ yā gatir brāhmaṇānām
der Weg der Brahmanen, die die drei Veden kennen (Gen.Pl./Nom.Sg.f.)
yaś caivokto 'thāśramo brāhmaṇānām
und der Lebensstand, der für Brahmanen genannt ist (Part.Pass./Gen.Pl.)
etat karma brāhmaṇasyāhur agryam
dies Werk nennen sie das höchste des Brahmanen (Perf.3.Pl./Akk.Sg.n.)
anyat kurvañ śūdravac chastravadhyaḥ
wer anderes tut, ist wie ein Śūdra durch die Waffe zu töten (Part.Präs./Gerundiv)
ete dharmāḥ sarvavarṇāś ca vīrair; utkraṣṭavyāḥ kṣatriyair eṣa dharmaḥ; tasmāj jyeṣṭhā rājadharmā na cānye; vīryajyeṣṭhā vīradharmā matā me
Diese Pflichten und alle Stände sind von den Helden, den Kṣatriyas, zu übertreffen; das ist die Pflicht. Daher sind die Königspflichten die ältesten und nicht andere; die Heldenpflichten, in der Tapferkeit vorrangig, gelten mir [als maßgeblich].
Wort für Wort
ete dharmāḥ sarvavarṇāś ca vīrair
diese Pflichten und alle Stände durch die Helden (Nom.Pl./Instr.Pl.)
utkraṣṭavyāḥ kṣatriyair eṣa dharmaḥ
sind von den Kṣatriyas zu übertreffen; dies ist die Pflicht (Gerundiv/Instr.Pl.)
tasmāj jyeṣṭhā rājadharmā na cānye
daher sind die Königspflichten die ältesten, nicht andere (Nom.Pl.)
vīryajyeṣṭhā vīradharmā matā me
die an Tapferkeit vorrangigen Heldenpflichten sind von mir gebilligt (Part.Pass.f./Gen.)
Zusammenhang von Vers 12 mit dem Vorangehenden locker; matā me nach Sinn ergänzt.
kathaṃ dharmaṃ careyus te sarve viṣayavāsinaḥ; madvidhaiś ca kathaṃ sthāpyāḥ sarve te dasyujīvinaḥ
wie sollen sie alle, die in [meinem] Reich wohnen, die Pflicht üben, und wie sollen von Leuten wie mir alle jene, die von Räuberei leben, eingesetzt werden?
Wort für Wort
kathaṃ dharmaṃ careyus te
wie sollten sie die Pflicht üben (Opt.3.Pl.)
sarve viṣayavāsinaḥ
alle, die im Gebiet wohnen (Nom.Pl.)
madvidhaiś ca kathaṃ sthāpyāḥ
und wie sind sie von Leuten wie mir einzusetzen (Instr.Pl./Gerundiv)
ahiṃsā satyam akrodho vṛttidāyānupālanam; bharaṇaṃ putradārāṇāṃ śaucam adroha eva ca
Gewaltlosigkeit, Wahrhaftigkeit, Zornlosigkeit, Bewahrung der gewährten Unterhaltsgaben, Unterhalt von Söhnen und Frauen, Reinheit und Nichtfeindseligkeit –
Indra sprach: „Ist die Strafgewalt zugrunde gegangen und die Königspflicht verworfen, so geraten die Wesen in Verwirrung durch die Schlechtigkeit des Königs, Herrscher.
Wort für Wort
indra uvāca
Indra sprach
vinaṣṭāyāṃ daṇḍanītau
wenn die Strafgewalt zugrunde gegangen ist (Lok.abs.)
rājadharme nirākṛte
die Königspflicht zurückgewiesen (Lok.abs.)
saṃpramuhyanti bhūtāni
werden die Wesen verwirrt (3.Pl.Präs./Nom.Pl.)
rājadaurātmyato nṛpa
durch des Königs Schlechtigkeit, König (Abl./Vok.)
pravṛttasya hi dharmasya buddhyā yaḥ smarate gatim; sa me mānyaś ca pūjyaś ca tatra kṣatraṃ pratiṣṭhitam
Wer aber den Lauf der in Gang befindlichen Pflicht mit dem Verstand im Gedächtnis hält, der ist mir achtenswert und verehrungswürdig; darin ist das Kṣatra gegründet.
Wort für Wort
pravṛttasya hi dharmasya
der in Gang befindlichen Pflicht (Gen.Sg.)
buddhyā yaḥ smarate gatim
wer mit Verstand den Lauf bedenkt (Instr.Sg./3.Sg.Präs.Med.)
sa me mānyaś ca pūjyaś ca
der ist mir achtenswert und verehrenswert (Gerundiv)
Bhīṣma sprach: „Nachdem der Erhabene so gesprochen hatte, ging der Herr, von den Marut-Scharen umgeben, Viṣṇu, in seine Wohnstätte, den unvergänglichen höchsten Ort.“
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach
evam uktvā sa bhagavān
nachdem er so gesprochen hatte, der Erhabene (Abs.)
marudgaṇavṛtaḥ prabhuḥ
von den Marut-Scharen umgeben, der Herr (Part.Pass.)
Wenn die Pflicht so in Gang gesetzt ist, in früherer Zeit gut geübt, Makelloser, wer könnte da das Kṣatra missachten, der Einsicht besitzt und viel gehört hat?
Wort für Wort
evaṃ pravartite dharme
wenn die Pflicht so in Gang gesetzt ist (Lok.abs.)
ādau pravartite cakre tathaivādiparāyaṇe; vartasva puruṣavyāghra saṃvijānāmi te 'nagha
Da das Rad am Anfang in Gang gesetzt wurde, und ebenso das auf den Anfang Gerichtete: verhalte dich [danach], Tiger unter den Männern; ich sehe [dich als solchen], Makelloser. [?]
Wort für Wort
ādau pravartite cakre
als das Rad am Anfang in Gang gesetzt war (Lok.abs.)
tathaivādiparāyaṇe
und ebenso auf den Anfang ausgerichtet (Lok.)
vartasva puruṣavyāghra
verhalte dich, Tiger unter den Männern (Imp.2.Sg.Med./Vok.)
saṃvijānāmi te 'nagha
ich verstehe/erkenne dich, Makelloser (1.Sg.Präs./Vok.)
te unsicher (Akk. ‚dich‘ oder Gen.); Vers sinngemäß.