Kapitel 175: bhṛgubharadvājasaṃvāde sṛṣṭikramaḥ
Bhṛgus Belehrung des Bharadvāja über die Ordnung der Weltschöpfung und die Maße des Raumes
Eröffnung des Bhṛgu-Bharadvāja-Gesprächs: Yudhiṣṭhira fragt nach Schöpfung und Weltuntergang; Bhīṣma antwortet mit der Lehre Bhṛgus über die Entfaltung aus dem Unmanifesten (Mahat, Ahaṃkāra, Elemente, Lotos, Brahmā) und die Unermesslichkeit des Raumes.
yudhiṣṭhira uvāca; kutaḥ sṛṣṭam idaṃ viśvaṃ jagat sthāvarajaṅgamam; pralaye ca kam abhyeti tan me brūhi pitāmaha
Yudhiṣṭhira sprach: „Woher ist dieses Weltall erschaffen, die Welt mit dem Unbewegten und dem Bewegten? Und in wen geht sie im Weltuntergang ein? Das sage mir, Großvater.“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (3.Sg.Perf.)
kutaḥ sṛṣṭam idaṃ viśvaṃ
woher erschaffen dieses All (Abl.-Adv.; Part.Pass. Nom.Sg.n.)
jagat sthāvarajaṅgamam
die Welt, das Unbewegte und Bewegte enthaltend (Nom.Sg.n.; Kompositum)
pralaye ca kam abhyeti
und im Weltuntergang, zu wem geht es hin (Lok.; 3.Sg.Präs.)
kīdṛśo jīvatāṃ jīvaḥ kva vā gacchanti ye mṛtāḥ; paralokam imaṃ cāpi sarvaṃ śaṃsatu no bhavān
Wie beschaffen ist die Seele der Lebenden, und wohin gehen jene, die gestorben sind? Die jenseitige Welt und auch diese: das alles möge uns Euer Ehren erklären.
Wort für Wort
kīdṛśo jīvatāṃ jīvaḥ
wie beschaffen ist der Lebensträger der Lebenden (Nom.Sg.m.; Gen.Pl.)
kva vā gacchanti ye mṛtāḥ
oder wohin gehen, die gestorben sind (3.Pl.Präs.; Part.Pass.)
paralokam imaṃ cāpi
die jenseitige Welt und auch diese (Akk.Sg.m.)
sarvaṃ śaṃsatu no bhavān
alles möge uns erklären Euer Ehren (Imp.3.Sg.; Nom.Sg.)
bhṛgur uvāca; nārāyaṇābhidhānasya kūṭasthasyākṣarātmanaḥ; avyaktasyāprameyasya prakṛtoparatasya ca; evaṃbhūtaḥ sa vai devaḥ puruṣaṃ cāsṛjad dvidhā
Bhṛgu sprach: Der Nārāyaṇa genannte, unwandelbar Feststehende, dessen Wesen unvergänglich ist, der Unmanifeste, Unermessliche, der von der Urmaterie Abgewandte: als ein solcher erschuf jener Gott den Puruṣa [in] zwiefacher [Weise].
Wort für Wort
bhṛgur uvāca
Bhṛgu sprach (3.Sg.Perf.)
nārāyaṇābhidhānasya kūṭasthasyākṣarātmanaḥ
des Nārāyaṇa genannten, des Unwandelbaren, dessen Selbst unvergänglich ist (Gen.Sg.m.; Kompositum)
avyaktasyāprameyasya
des Unmanifesten, des Unermesslichen (Gen.Sg.m.)
prakṛtoparatasya ca
und des von der Urmaterie Abgelassenen (Gen.Sg.m.; Part.Pass.)
evaṃbhūtaḥ sa vai devaḥ
so beschaffen, jener Gott fürwahr (Nom.Sg.m.)
puruṣaṃ cāsṛjad dvidhā
und schuf den Puruṣa zweifach (Akk.Sg.m.; 3.Sg.Impf.; Adv.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; prakṛtoparatasya: Deutung als „von der Prakṛti abgewandt“ mit Unsicherheit, da prakṛta auch „gewöhnlich, vorliegend“ heißen kann.
Bhṛgu sprach: Nārāyaṇa, die Gestalt der Welt, das innere Selbst, der Ewige, der Feststehende, Unvergängliche, Unmanifeste, Makellose, Alldurchdringende, der Herr, ewig jenseits der Urmaterie und selbst für die Sinne nicht erfassbar: er, der Herr, wollte erschaffen und schuf aus einem Tausendstel [seiner selbst] den Puruṣa.
Wort für Wort
bhṛgur uvāca
Bhṛgu sprach
nārāyaṇo jaganmūrtir antarātmā sanātanaḥ
Nārāyaṇa, Gestalt der Welt, inneres Selbst, ewig (Nom.Sg.m.)
mānaso nāma vikhyātaḥ śrutapūrvo maharṣibhiḥ; anādinidhano devas tathābhedyo 'jarāmaraḥ
[Er wird] der „Geistige“ genannt, von den großen Sehern von alters her gehört: ein Gott ohne Anfang und Ende, ebenso unzerspaltbar, unalternd und unsterblich.
Wort für Wort
mānaso nāma vikhyātaḥ
der „Geistige“ mit Namen berühmt (Nom.Sg.m.; Part.Pass.)
śrutapūrvo maharṣibhiḥ
früher gehört von den großen Sehern (Part.Pass.; Instr.Pl.)
anādinidhano devaḥ
ohne Anfang und Ende, der Gott (Bahuvrīhi Nom.Sg.m.)
tathābhedyo 'jarāmaraḥ
ebenso unzerspaltbar, ohne Alter und Tod (Gerundiv; Bahuvrīhi)
Der Große erschuf den Ich-Macher (Ahaṃkāra), und auch jener Erhabene dann [...].
Wort für Wort
mahān sasarjāhaṃkāram
der Große erschuf den Ich-Macher (Nom.Sg.; 3.Sg.Perf.; Akk.Sg.m.)
sa cāpi bhagavān atha
und auch er, der Erhabene, dann (Nom.Sg.m.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers; syntaktisch unvollständig, der Satz setzt sich in der folgenden Zeile fort (ākāśam …).
Darauf wurde vom Selbstentstandenen ein leuchtender, göttlicher Lotos erschaffen; aus diesem Lotos entstand Brahmā, aus den Veden bestehend, ein Schatz.
Wort für Wort
tatas tejomayaṃ divyaṃ padmam
darauf ein aus Glanz bestehender, göttlicher Lotos (Akk./Nom.Sg.n.)
sṛṣṭaṃ svayaṃbhuvā
erschaffen vom Selbstentstandenen (Part.Pass.; Instr.Sg.m.)
tasmāt padmāt samabhavat
aus diesem Lotos entstand (Abl.; 3.Sg.Impf.)
brahmā vedamayo nidhiḥ
Brahmā, aus Veden bestehend, ein Schatz (Nom.Sg.m.)
nabhaś cordhvaṃ śiras tasya kṣitiḥ pādau diśo bhujau; durvijñeyo hy anantatvāt siddhair api na saṃśayaḥ
Der Himmel ist sein Haupt oben, die Erde seine Füße, die Himmelsrichtungen seine Arme. Er ist wegen seiner Unendlichkeit schwer zu erkennen, selbst für Vollendete, daran ist kein Zweifel.
Wort für Wort
nabhaś cordhvaṃ śiras tasya
und der Himmel oben ist sein Haupt (Nom.Sg.n.; Adv.)
kṣitiḥ pādau diśo bhujau
die Erde die Füße, die Himmelsrichtungen die Arme (Nom.Sg.f.; Nom.Du.; Nom.Pl.f.; Nom.Du.)
durvijñeyo hy anantatvāt
schwer erkennbar wegen Unendlichkeit (Gerundiv Nom.Sg.m.; Abl.)
siddhair api na saṃśayaḥ
auch für Vollendete, kein Zweifel (Instr.Pl.; Nom.Sg.m.)
sa eva bhagavān viṣṇur ananta iti viśrutaḥ; sarvabhūtātmabhūtastho durvijñeyo 'kṛtātmabhiḥ
Er selbst ist der Erhabene Viṣṇu, als der Unendliche (Ananta) berühmt, der in allen Wesen als [deren] Selbst weilt und von jenen, deren Selbst ungeschult ist, schwer zu erkennen.
Wort für Wort
sa eva bhagavān viṣṇuḥ
er selbst ist der Erhabene, Viṣṇu (Nom.Sg.m.)
ananta iti viśrutaḥ
als „unendlich“ berühmt (Nom.Sg.m.)
sarvabhūtātmabhūtasthaḥ
in allen Wesen als [ihr] Selbst weilend (Nom.Sg.m.; Kompositum)
durvijñeyo 'kṛtātmabhiḥ
schwer erkennbar für die Ungeschulten (Gerundiv; Instr.Pl.m.)
Bharadvāja sprach: Was sind hierbei die Maße des Himmelsraums, der Himmelsrichtungen, der Erdoberfläche und des Windes? Zerschneide mir den Zweifel sachgemäß.
Wort für Wort
bharadvāja uvāca
Bharadvāja sprach
gaganasya diśāṃ caiva
des Himmelsraums und der Himmelsrichtungen (Gen.Sg.n.; Gen.Pl.f.)
bhūtalasyānilasya ca
der Erdoberfläche und des Windes (Gen.Sg.n./m.)
kāny atra parimāṇāni
welche sind hier die Maße (Nom.Pl.n.)
saṃśayaṃ chindhi me 'rthataḥ
den Zweifel zerschneide mir der Sache nach (Imp.2.Sg.; Akk.; Dat./Gen.; Adv.)
Bhṛgu sprach: Dieser Raum ist unendlich, von Vollendeten und Cāraṇas besucht, lieblich, mit mannigfachen Wohnstätten erfüllt; sein Ende ist nicht zu erreichen.
Wort für Wort
bhṛgur uvāca
Bhṛgu sprach
anantam etad ākāśam
unendlich dieser Raum (Nom.Sg.n.)
siddhacāraṇasevitam
von Siddhas und Cāraṇas aufgesucht (Part.Pass. Nom.Sg.n.)
ramyaṃ nānāśrayākīrṇam
lieblich, mit vielerlei Wohnstätten angefüllt (Nom.Sg.n.)
yasyānto nādhigamyate
dessen Ende nicht erreicht wird (Gen.; Nom.Sg.m.; Pass.Präs.)
ūrdhvaṃ gater adhastāt tu candrādityau na dṛśyataḥ; tatra devāḥ svayaṃ dīptā bhāsvarāś cāgnivarcasaḥ
Oberhalb des Gehenden sind unten Mond und Sonne nicht zu sehen; dort [sind] Götter, selbstleuchtend, strahlend, feuerglänzend.
Wort für Wort
ūrdhvaṃ gater adhastāt tu
oberhalb des Ganges, unten aber (Adv.; Gen.Sg.f.; Adv.)
candrādityau na dṛśyataḥ
Mond und Sonne werden nicht gesehen (Nom.Du.; 3.Du.Pass.)
tatra devāḥ svayaṃ dīptāḥ
dort die Götter, von selbst leuchtend (Nom.Pl.m.; Part.Pass.)
bhāsvarāś cāgnivarcasaḥ
strahlend und feuerglänzend (Nom.Pl.m.)
ūrdhvaṃ gater adhastāt tu: Sinn unsicher; wörtlich „oberhalb des Ganges (Laufs), aber unten“, wohl: oberhalb der Bahn von Sonne und Mond sind sie unten nicht mehr sichtbar [?].
te cāpy antaṃ na paśyanti nabhasaḥ prathitaujasaḥ; durgamatvād anantatvād iti me viddhi mānada
Auch sie sehen das Ende des Himmels nicht, deren Kraft berühmt ist, wegen der Unzugänglichkeit und der Unendlichkeit; so wisse es, Ehrer [der Anderen].
Wort für Wort
te cāpy antaṃ na paśyanti
auch sie sehen das Ende nicht (3.Pl.Präs.)
nabhasaḥ prathitaujasaḥ
des Himmels, mit weithin bekannter Kraft (Gen.Sg.n.; Nom.Pl.m.)
durgamatvād anantatvāt
wegen Unzugänglichkeit, wegen Unendlichkeit (Abl.Sg.n.)
Auch die Weisen lehren es in vielfachen Lehrbüchern: Wie das Maß in den drei Welten und im Meer festgelegt ist, [so] – wer könnte das Maß dessen angeben, der unsichtbar und unerreichbar ist?
Wort für Wort
paṭhanti caiva munayaḥ
und es sagen auf die Weisen (3.Pl.Präs.; Nom.Pl.m.)
śāstreṣu vividheṣu ca
in Lehrschriften und zwar mannigfachen (Lok.Pl.n.)
trailokye sāgare caiva
in den drei Welten und im Meer (Lok.Sg.n./m.)
pramāṇaṃ vihitaṃ yathā
das Maß festgesetzt, wie (Nom.Sg.n.; Part.Pass.)
adṛśyāya tv agamyāya
für den Unsichtbaren, den Unzugänglichen (Dat.Sg.m.)
kaḥ pramāṇam udāharet
wer würde das Maß angeben (Nom.Sg.; Opt.3.Sg.)
adṛśyāya … agamyāya im Dativ: „für/hinsichtlich des Unsichtbaren“; Konstruktion locker.
Wenn der Weg der Siddhas und Götter begrenzt ist, dann ist der Name „Ananta“ (der Unendliche) für den Unendlichen als ein übertragener [Name] bekannt, entsprechend dem Namen des großen Geistigen.
Wort für Wort
siddhānāṃ devatānāṃ ca
der Vollendeten und der Götter (Gen.Pl.)
yadā parimitā gatiḥ
wenn begrenzt der Weg (Adv.; Nom.Sg.f.; Part.Pass.)
tadā gauṇam anantasya
dann übertragen für den Unendlichen (Adv.; Nom.Sg.n.; Gen.Sg.m.)
nāmānanteti viśrutam
der Name „Ananta“ bekannt (Nom.Sg.n.)
nāmadheyānurūpasya mānasasya mahātmanaḥ
des dem Namen entsprechenden Geistigen, des Großgesinnten (Gen.Sg.m.)
gauṇa: „sekundär, übertragen“ (nicht wörtlich); der Bezug des Genitivs im dritten Pāda ist locker [?].
bharadvāja uvāca; puṣkarād yadi saṃbhūto jyeṣṭhaṃ bhavati puṣkaram; brahmāṇaṃ pūrvajaṃ cāha bhavān saṃdeha eva me
Bharadvāja sprach: Wenn aus dem Lotos [Brahmā] entstanden ist, dann ist der Lotos der Ältere. Du sagst aber, Brahmā sei früher geboren; daher habe ich einen Zweifel.
Wort für Wort
bharadvāja uvāca
Bharadvāja sprach
puṣkarād yadi saṃbhūtaḥ
wenn aus dem Lotos entstanden (Abl.; Part.Pass.)
jyeṣṭhaṃ bhavati puṣkaram
dann ist der Lotos der Ältere (3.Sg.Präs.)
brahmāṇaṃ pūrvajaṃ cāha
und Brahmā als früher geboren sagst du (Akk.Sg.m.; 3.Sg.Perf.)
bhavān saṃdeha eva me
Euer Ehren, Zweifel gerade mir (Nom.Sg.; Nom.Sg.m.; Dat./Gen.)
cāha („er sagte“) steht 3.Sg.; bhavān als Subjekt, daher „du sagst“ (höfliche Anrede).