Kapitel 306: yājñavalkya-viśvāvasu-saṃvādaḥ
Yājñavalkyas Belehrung des Gandharva Viśvāvasu über Unmanifestes, Puruṣa und das Fünfundzwanzigste
Yājñavalkya berichtet dem König von Mithilā, wie er vom Sonnengott die Yajus-Sprüche erhielt, das Śatapatha verfasste und dann vom Gandharva Viśvāvasu mit fünfundzwanzig Fragen geprüft wurde; es folgt die Sāṃkhya-Belehrung über Prakṛti, Puruṣa und das Sechsundzwanzigste.
yājñavalkya uvāca; avyaktasthaṃ paraṃ yat tat pṛṣṭas te 'haṃ narādhipa; paraṃ guhyam imaṃ praśnaṃ śṛṇuṣvāvahito nṛpa
Yājñavalkya sprach: „Das Höhere, das im Unmanifesten steht – danach wurde ich von dir gefragt, Herrscher der Menschen. Höre, Herrscher, aufmerksam diese höchst geheime Frage.“
Wort für Wort
yājñavalkya uvāca
Yājñavalkya sprach (Perf. 3.Sg.)
avyaktasthaṃ paraṃ yat tat
das Höhere, das im Unmanifesten steht, jenes (Akk. Sg. n./Kompositum mit Lok.-Bestandteil)
pṛṣṭas te 'haṃ narādhipa
ich wurde von dir gefragt, Herrscher der Menschen (Part. Pass. Nom.; Instr. te; Vok.)
paraṃ guhyam imaṃ praśnam
diese höchst geheime Frage (Akk. Sg. m.)
śṛṇuṣva avahitaḥ nṛpa
höre aufmerksam, König (Imp. Med. 2.Sg.; Part. Nom.; Vok.)
varaṃ vṛṇīṣva viprarṣe yad iṣṭaṃ te sudurlabham; tat te dāsyāmi prītātmā matprasādo hi durlabhaḥ
„Wähle eine Gabe, Brahmanen-Seher, was dir erwünscht und sehr schwer zu erlangen ist; das will ich dir geben, mit erfreutem Herzen, denn meine Gunst ist schwer zu erlangen.“
Wort für Wort
varaṃ vṛṇīṣva viprarṣe
wähle eine Gabe, Brahmanen-Seher (Imp. Med. 2.Sg.; Vok.)
yad iṣṭaṃ te sudurlabham
was dir erwünscht, sehr schwer zu erlangen ist (Part. Pass. Nom.; Dat./Gen. te; Adj.)
tat te dāsyāmi
das werde ich dir geben (Fut. 1.Sg.)
prītātmā
mit erfreutem Herzen (Bahuvrīhi Nom. Sg. m.)
matprasādaḥ hi durlabhaḥ
denn meine Gunst ist schwer zu erlangen (Nom. Sg. m.)
Da verneigte ich mich mit dem Haupt und sprach zum Besten der Glühenden: „Die Yajus-Sprüche sind mir nicht zugänglich [wörtlich: nicht in Gebrauch genommen]; ich wünsche sie schnell zu kennen.“
Wort für Wort
tataḥ praṇamya śirasā
da, nachdem ich mich verneigt hatte mit dem Haupt (Abs.; Instr.)
mayā uktaḥ
von mir wurde gesprochen (Part. Pass.)
tapatāṃ varaḥ
zum Besten der Glühenden (Gen. Pl.; Nom./Akk. Sg. m.)
yajūṃṣi na upayuktāni
die Yajus-Sprüche sind nicht angewandt/zu eigen (Part. Pass. Nom. Pl. n.)
kṣipram icchāmi veditum
schnell wünsche ich zu wissen (Adv.; Präs. 1.Sg.; Inf.)
„nopayuktāni“ (‚nicht verwendet/angeeignet‘): Sinn ‚mir nicht zu eigen‘.
vaiśaṃpāyananāmāsau mātulo me mahāmuniḥ; mucyatāṃ yad adhītaṃ te matta ity eva so 'bravīt; tenāmarṣeṇa tapto 'haṃ mātulasya mahātmanaḥ
Vaiśaṃpāyana mit Namen, mein Onkel mütterlicherseits, der große Weise, sagte: „Es werde von dir aufgegeben, was du von mir gelernt hast.“ Durch diesen Unmut über den hochgesinnten Onkel war ich erhitzt.
es werde freigegeben, was von dir gelernt wurde (Imp. Pass.; Part. Pass.)
mattaḥ iti eva saḥ abravīt
von mir [her] – so sprach er (Abl.; Impf. 3.Sg.)
tena amarṣeṇa taptaḥ aham
durch diesen Unmut erhitzt ich (Instr.; Part. Pass. Nom.)
mātulasya mahātmanaḥ
des hochgesinnten Onkels (Gen.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage. „mucyatām“ (‚werde freigegeben/abgelegt‘): der Onkel verlangt die Herausgabe des Gelernten.
śītībhūtaṃ ca māṃ dṛṣṭvā bhagavān āha bhāskaraḥ; pratiṣṭhāsyati te vedaḥ sottaraḥ sakhilo dvija
Und als der erhabene Bhāskara mich abgekühlt sah, sagte er: „Fest gegründet wird dein Veda sein, samt Uttara[-Teil] und samt Khila[-Anhang], Zweimalgeborener.“
Wort für Wort
śītībhūtaṃ ca māṃ dṛṣṭvā
und mich abgekühlt gesehen habend (Abs.)
bhagavān āha bhāskaraḥ
sprach der erhabene Bhāskara
pratiṣṭhāsyati te vedaḥ
fest gegründet sein wird dein Veda (Fut. 3.Sg.)
sottaraḥ sakhilaḥ dvija
samt Uttara-Teil, samt Khila-Teil, Zweimalgeborener (Bahuvrīhi; Vok.)
„sottaraḥ sakhilaḥ“: mit Schlussteil und Ergänzungsteil (Khila).
prāpsyase ca yad iṣṭaṃ tat sāṃkhyayogepsitaṃ padam; etāvad uktvā bhagavān astam evābhyavartata
„Und du wirst erlangen, was erwünscht ist: jenen Standort, der von Sāṃkhya und Yoga erstrebt wird.“ Nachdem er nur so viel gesagt hatte, wandte sich der Erhabene dem Untergang zu.
Wort für Wort
prāpsyase ca yad iṣṭaṃ tat
und du wirst erlangen, was erwünscht ist (Fut. Med. 2.Sg.)
sāṃkhyayogepsitaṃ padam
den von Sāṃkhya und Yoga erstrebten Standort (Kompositum; Akk. Sg. n.)
etāvat uktvā
so viel gesagt habend (Abs.)
bhagavān astam eva abhyavartata
der Erhabene wandte sich zum Untergang hin (Impf. Med. 3.Sg.)
Ebenso wurde auch das Purāṇa von Romaharṣaṇa aufgenommen.
Wort für Wort
upadhāritaṃ tathā vā api
aufgenommen ebenso auch (Part. Pass.)
purāṇaṃ romaharṣaṇāt
das Purāṇa von Romaharṣaṇa (Abl.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; Variante zur vorhergehenden Zeile (Romaharṣaṇa = Lomaharṣa).
Um den Śatapatha-Veda zu schaffen – einen ohnegleichen –, wurde er auch von mir ins Werk gesetzt [?]; und wie der Weg gewünscht war, so wurde er ausgeführt.
Wort für Wort
kartuṃ śatapatham vedam
um den Śatapatha-Veda zu schaffen (Inf.; Akk.)
apūrvaṃ kāritaṃ ca me
ohnegleichen, und veranlasst von mir [?] (Adj.; Part. Kaus.)
Da stellte Viśvāvasu, König, kundig der Vedānta-Erkenntnis, vierundzwanzig Fragen über den Veda, Herrscher, und fragte als fünfundzwanzigste Frage nach der Ānvīkṣikī.
Wissbares und Nicht-Wissbares, ebenso, König, Unbewegliches und Bewegliches, Ohnegleichen [bzw. Ursprungsloses] und Unvergängliches, Vergängliches – dies war die unübertreffliche Frage.
Wort für Wort
vedya avedyam tathā rājan
Wissbares, Nicht-Wissbares, ebenso, König (Nom.; Vok.)
acalaṃ calam eva ca
Unbewegliches und Bewegliches (Nom. n.)
apūrvam akṣayam
Ohnegleichen [?], Unvergängliches (Nom. n.)
kṣayyam etat
Vergängliches; dies (Nom. n.)
praśnam anuttamam
die unübertreffliche Frage (Akk. Sg. m.)
„apūrvam“ (‚ohnegleichen/ohne Vorausgehendes‘) unsicher im Sinn.
„Als vierte, Tiger unter den Königen, gilt diese Wissenschaft, die auf das Jenseits gerichtet ist; sie wurde von mir dir dargelegt und ist auf das Fünfundzwanzigste gegründet.“
Wort für Wort
caturthī rājaśārdūla
die vierte, Tiger unter den Königen (Nom. Sg. f.; Vok.)
vidyā eṣā sāṃparāyikī
diese Wissenschaft, auf das Jenseits bezogen (Nom. Sg. f.)
udīritā mayā tubhyam
dargelegt von mir dir (Part. Pass.; Instr.; Dat.)
pañcaviṃśe adhi dhiṣṭhitā
auf dem Fünfundzwanzigsten gegründet (Lok.; Part. Pass.)
viśvāviśveti yad idaṃ gandharvendrānupṛcchasi; viśvāvyaktaṃ paraṃ vidyād bhūtabhavyabhayaṃkaram
„Was du da mit ‚viśva – aviśva‘ erfragst, Fürst der Gandharven: Das ‚viśva‘-Nichtmanifeste wisse als das Höchste, das für Gewesenes und Künftiges furchterregend ist [?].“
Wort für Wort
viśva-aviśva iti yad idam gandharvendra anupṛcchasi
‚Viśva – aviśva‘, was du da, Gandharven-Fürst, erfragst (Zitat; Vok.; 2.Sg.Präs.)
viśva-avyaktam param vidyāt
das ‚viśva‘-Nichtmanifeste als das Höchste wisse man (Akk.; Opt.)
bhūta-bhavya-bhayaṃkaram
für Gewesenes und Künftiges furchterregend (Akk. Sg. n.)
Verderbte bzw. dunkle Stelle; ‚viśva‘ ist hier Schlagwort der Fragenreihe (vgl. 306.028).
Dreigunig [ist das Viśva], weil es Wirker der Guṇas ist; das Aviśva aber ist das Ungeteilte [niṣkala]. Ebenso [gilt] das Ross (aśva) [?], und ebenso wird das Paar [mithuna] wahrgenommen.
Wort für Wort
triguṇam guṇa-kartṛtvāt
dreigunig, wegen des Guṇa-Wirkens (Nom. n.; Abl.)
aviśvaḥ niṣkalaḥ tathā
das Aviśva, das Ungeteilte, ebenso (Nom.)
aśvaḥ tathā eva mithunam
das Ross [?], ebenso das Paar (Nom.)
evam eva anudṛśyate
so eben wird es gesehen (3.Sg.Pass.)
Bezug von aśva und mithuna dunkel; in der Fragenreihe stehen aśva (‚Ross‘) und mitra/varuṇa als Paare.
jñānaṃ tu prakṛtiṃ prāhur jñeyaṃ niṣkalam eva ca; ajñaś ca jñaś ca puruṣas tasmān niṣkala ucyate
Wissen [jñāna] nennen sie die Prakṛti, das Wißbare [jñeya] aber das Ungeteilte; und der Nichtwissende und der Wissende [ist] der Puruṣa, darum heißt er der Ungeteilte.
Wort für Wort
jñānam tu prakṛtim prāhuḥ
Wissen aber als Prakṛti nennen sie (Akk.)
jñeyam niṣkalam eva ca
das Wißbare [als] das Ungeteilte (Akk. n.)
ajñaḥ ca jñaḥ ca puruṣaḥ
der Nichtwissende und der Wissende [ist] der Puruṣa (Nom.)
tasmāt niṣkalaḥ ucyate
deshalb wird er ‚ungeteilt‘ genannt (Abl.; 3.Sg.Pass.)
‚Sūrya‘ [Sonne] heißt das Nichtmanifeste, ‚Atisūrya‘ aber das Ungeteilte; Nichtwissen [avidyā] ist als Prakṛti zu erkennen, Wissen [vidyā] wird Puruṣa genannt.
Wort für Wort
sūryam avyaktam iti uktam
‚Sūrya‘ [ist] das Nichtmanifeste, so gesagt (Nom. n.; Part.Pass.)
atisūryaḥ tu niṣkalam
‚Atisūrya‘ aber [ist] das Ungeteilte (Nom.)
avidyā prakṛtiḥ jñeyā
Nichtwissen ist als Prakṛti zu erkennen (Nom. f.; Gerundiv)
vidyā puruṣaḥ ucyate
Wissen wird ‚Puruṣa‘ genannt (3.Sg.Pass.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).
Die ‚Sūryā‘ wisse als Prakṛti; der ‚Asūryā‘ [?] gilt als der Ungeteilte; als ‚Wissen‘ erkenne den Puruṣa; das Nichtwissen [ist] die andere/höhere [?] Prakṛti.
Wort für Wort
sūryām ca prakṛtim vidyāt
und die Sūryā wisse als Prakṛti (Akk. f.; Opt.)
asūryā niṣphalaḥ smṛtaḥ
Asūryā [?] als Fruchtloser/Ungeteilter geltend (Nom.; Part.Pass.)
vidyā iti puruṣam vidyāt
als ‚Wissen‘ erkenne den Puruṣa (Akk.; Opt.)
avidyā prakṛtiḥ parā
Nichtwissen [ist] die Prakṛti, die andere/höhere [?] (Nom. f.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Formen sūryā/asūryā grammatisch unklar (fem. gegenüber maskulinem niṣphala); parā zweideutig (‚andere‘/‚höchste‘).
calāṃ tu prakṛtiṃ prāhuḥ kāraṇaṃ kṣepasargayoḥ; akṣepasargayoḥkartā niścalaḥ puruṣaḥ smṛtaḥ
Die Bewegte [calā] nennen sie die Prakṛti, die Ursache von Ausströmen [kṣepa] und Schöpfung; der Unbewegte gilt als der Puruṣa, [als] Wirker bei Nicht-Ausströmen und Schöpfung [?].
Wort für Wort
calām tu prakṛtim prāhuḥ
die Bewegte aber nennen sie Prakṛti (Akk. f.; 3.Pl.Perf.)
kāraṇam kṣepa-sargayoḥ
Ursache von Ausstoßen und Schöpfung (Nom. n.; Gen. Du.)
akṣepa-sargayoḥ kartā
bei Nicht-Ausstoßen und Schöpfung Wirker [?] (Gen. Du.; Nom. Agens)
niścalaḥ puruṣaḥ smṛtaḥ
der Unbewegte gilt als Puruṣa (Nom.; Part.Pass.)
Text akṣepasargayoḥkartā vermutlich verderbt (erwartet: a-kartā ‚Nicht-Wirker‘); wörtlich übersetzt.
Beide sind ungeboren und ohne Nachkommenschaft, und beide auch unvergänglich; beide ungeboren und ewig nennen sie diejenigen, die Gewissheit über den Weg des Adhyātma haben.
Wort für Wort
ajau ubhau aprajau ca
beide ungeboren und zeugungslos (Nom. Du.)
akṣayau ca api ubhau api
und beide auch unvergänglich (Nom. Du.)
ajau nityau ubhau prāhuḥ
beide ungeboren, ewig nennen sie (Akk. Du.; 3.Pl.Perf.)
adhyātma-gati-niścayāḥ
die Gewissheit über den Weg des Adhyātma haben (Nom. Pl.)
akṣayatvāt prajanane ajam atrāhur avyayam; akṣayaṃ puruṣaṃ prāhuḥ kṣayo hy asya na vidyate
Wegen der Unvergänglichkeit nennen sie hier im Zeugungsvorgang das Ungeborene unversiegbar [?]; den Puruṣa nennen sie unvergänglich, denn für ihn gibt es keinen Schwund.
Wort für Wort
akṣayatvāt prajanane
wegen der Unvergänglichkeit, im Zeugen (Abl.; Lok.)
ajam atra āhuḥ avyayam
das Ungeborene hier nennen sie unwandelbar (Akk.; 3.Pl.Perf.)
akṣayam puruṣam prāhuḥ
den Puruṣa nennen sie unvergänglich (Akk.)
kṣayaḥ hi asya na vidyate
denn Schwund existiert für ihn nicht (Nom.; 3.Sg.Pass.)
Wegen des Schwindens der Guṇas [gilt] die Prakṛti [als vergänglich], wegen des Wirkens [nennen] die Weisen [sie] unvergänglich [?]. Dies ist dir die Ānvīkṣikī-Wissenschaft, die vierte, die aufs Jenseits gerichtete.
Wort für Wort
guṇa-kṣayatvāt prakṛtiḥ
wegen der Vergänglichkeit der Guṇas [gilt] die Prakṛti (Abl.; Nom.)
kartṛtvāt akṣayam budhāḥ
wegen des Wirkens unvergänglich [?], die Weisen (Abl.; Akk.; Nom. Pl.)
eṣā te ānvīkṣikī vidyā
dies ist dir die Ānvīkṣikī-Wissenschaft (Nom. f.; Dat./Gen.)
caturthī sāṃparāyikī
die vierte, die aufs Jenseits bezogene (Nom. f.)
Satzbau der ersten Vershälfte elliptisch; Verb (‚nennen‘) zu ergänzen.
Nachdem man den Reichtum mit Wissen verbunden gemacht hat, im beständigen Werk durch Handeln [?]: Alle Veden, Viśvāvasu, gelten als die Sicht, die auf das Eine gerichtet ist.
Wort für Wort
vidyā-upetam dhanam kṛtvā
den Reichtum mit Wissen verbunden gemacht habend (Akk.; Abs.)
karmaṇā nitya-karmaṇi
durch Werk im beständigen Werk [?] (Instr.; Lok.)
ekānta-darśanāḥ vedāḥ sarve
auf das Eine hin schauend [sind] alle Veden (Nom. Pl.)
jāyante ca mriyante ca yasminn ete yataś cyutāḥ; vedārthaṃ ye na jānanti vedyaṃ gandharvasattama
[Die,] in denen diese geboren werden und sterben und aus denen sie herabgefallen sind, die den Sinn der Veden, das Wißbare, nicht kennen, Bester der Gandharven [...].
Wort für Wort
jāyante ca mriyante ca
sie werden geboren und sterben (3.Pl.Präs.Med./Pass.)
yasmin ete yataḥ cyutāḥ
in dem diese, woraus [sie] herabgefallen sind (Lok.; Part.Perf.Pass.)
veda-artham ye na jānanti
die den Sinn der Veden nicht kennen (Akk.; 3.Pl.Präs.)
vedyam gandharva-sattama
das Wißbare, Bester der Gandharven (Akk.; Vok.)
Satz bleibt unvollständig (Nachsatz fehlt bzw. folgt in 306.048).
sāṅgopāṅgān api yadi pañca vedān adhīyate; vedavedyaṃ na jānīte vedabhāravaho hi saḥ
Auch wenn man die fünf Veden samt Gliedern und Nebengliedern studiert, das durch den Veda zu Wissende aber nicht kennt, ist er nur ein Träger der Last des Veda.
Wort für Wort
sa-aṅga-upāṅgān api yadi
samt Gliedern und Nebengliedern, sogar wenn
pañca vedān adhīyate
die fünf Veden er studiert (Akk. Pl.; 3.Sg.Präs.Med.)
veda-vedyam na jānīte
das durch den Veda Wißbare kennt er nicht (Akk.; 3.Sg.Präs.Med.)
tathā vedyam avedyaṃ ca vedavidyo na vindati; sa kevalaṃ mūḍhamatir jñānabhāravahaḥ smṛtaḥ
Ebenso findet der, der bloß Veda-Wissen hat, das Wißbare und das Unwißbare nicht; er gilt als ein Mensch von törichtem Sinn, nur ein Träger der Last des Wissens.
Wort für Wort
tathā vedyam avedyam ca
ebenso das Wißbare und das Unwißbare
veda-vidyaḥ na vindati
der Veda-Gelehrte findet nicht (Nom.; 3.Sg.Präs.)
saḥ kevalam mūḍha-matiḥ
er, allein, von törichtem Sinn (Nom.)
jñāna-bhāra-vahaḥ smṛtaḥ
als Träger der Wissenslast geltend (Nom.; Part.Pass.)
Nachdem er unaufhörlich Geburt und Tod bedacht hat, diese [Veda-]Dreiheit verlassen hat und hier das Vergängliche aufgegeben hat, hat er sich auf das unvergängliche Dharma gestützt.
Wort für Wort
ajasram janma-nidhanam
unaufhörlich Geburt und Tod (Adv.; Akk.)
cintayitvā trayīm imām
bedacht habend, diese Dreiheit (Abs.; Akk. f.)
parityajya kṣayam iha
verlassen habend, das Vergängliche hier (Abs.; Akk.)
akṣayam dharmam āsthitaḥ
das unvergängliche Dharma hat er bezogen (Akk.; Part.Perf.)
trayī vermutlich die dreifache Veda-Lehre (Ṛg-, Yajur-, Sāmaveda).
anyaś ca śaśvad avyaktas tathānyaḥ pañcaviṃśakaḥ; tasya dvāv anupaśyeta tam ekam iti sādhavaḥ
Ein anderer ist der ewig Nichtmanifeste, und ein anderer wieder der Fünfundzwanzigste; die beiden soll er schauen, jenen [als] einen einzigen – so [sagen] die Guten [?].
Wort für Wort
anyaḥ ca śaśvat avyaktaḥ
ein anderer [ist] der ewig Nichtmanifeste (Nom.)
tathā anyaḥ pañcaviṃśakaḥ
und ebenso ein anderer der Fünfundzwanzigste (Nom.)
tasya dvau anupaśyeta
von ihm/ihnen beide soll er schauen (Gen.; Akk. Du.; Opt.)
tenaitan nābhijānanti pañcaviṃśakam acyutam; janmamṛtyubhayād yogāḥ sāṃkhyāś ca paramaiṣiṇaḥ
Darum erkennen weder die Yogins noch die Sāṃkhyas, die das Höchste erstreben, aus Furcht vor Geburt und Tod diesen unerschütterlichen Fünfundzwanzigsten [als das Letzte].
Wort für Wort
tena etat na abhijānanti
darum erkennen sie dies nicht (Instr.; 3.Pl.Präs.)
pañcaviṃśakam acyutam
den unerschütterlichen Fünfundzwanzigsten (Akk.)
janma-mṛtyu-bhayāt yogāḥ
aus Furcht vor Geburt und Tod die Yogins (Abl.; Nom. Pl.)
sāṃkhyāḥ ca parama-eṣiṇaḥ
und die Sāṃkhyas, das Höchste Erstrebende (Nom. Pl.)
yājñavalkya uvāca; kṛtsnadhāriṇam eva tvāṃ manye gandharvasattama; jijñāsasi ca māṃ rājaṃs tan nibodha yathāśrutam
Yājñavalkya sprach: Ich halte dich für einen, der alles [Gehörte] festhält, Bester der Gandharven; und da du mich, König, befragen willst, so vernimm es, wie es überliefert ist.
Wort für Wort
yājñavalkyaḥ uvāca
Yājñavalkya sprach
kṛtsna-dhāriṇam eva tvām manye
dich als alles Festhaltenden halte ich (Akk.; 1.Sg.Präs.Med.)
gandharva-sattama
Bester der Gandharven (Vok.)
jijñāsasi ca mām rājan
und du willst mich erforschen, König (2.Sg.Desid.; Vok.)
paśyaṃs tathaivāpaśyaṃś ca paśyaty anyas tathānagha; ṣaḍviṃśaḥ pañcaviṃśaṃ ca caturviṃśaṃ ca paśyati; na tu paśyati paśyaṃs tu yaś cainam anupaśyati
Sehend und auch nicht sehend – ein anderer sieht, Makelloser: Der Sechsundzwanzigste sieht den Fünfundzwanzigsten und den Vierundzwanzigsten; nicht aber sieht der Sehende [ihn], der ihn [doch] anschaut [?].
Wort für Wort
paśyan tathā eva apaśyan ca
sehend und ebenso nicht sehend (Part.Präs.)
paśyati anyaḥ tathā anagha
es sieht ein anderer, so, Makelloser (3.Sg.Präs.; Vok.)
ṣaḍviṃśaḥ pañcaviṃśam ca
der Sechsundzwanzigste den Fünfundzwanzigsten und
caturviṃśam ca paśyati
den Vierundzwanzigsten sieht er (Akk.; 3.Sg.Präs.)
na tu paśyati paśyan tu
nicht aber sieht der Sehende (3.Sg.Präs.; Part.Präs.)
yaḥ ca enam anupaśyati
und wer ihn anschaut (Nom.; Akk.; 3.Sg.Präs.)
Zweite Vershälfte dunkel; Bezug von enam unsicher.
Der Fünfundzwanzigste denkt: „Es gibt keinen anderen, der höher wäre als ich.“ Der Vierundzwanzigste ist für die Menschen, die das Wissen schauen, nicht unfaßbar.
Wort für Wort
pañcaviṃśaḥ abhimanyeta
der Fünfundzwanzigste meint (Nom.; Opt./3.Sg.Med.)
na anyaḥ asti paramaḥ mama
kein anderer ist höher als ich (Nom.; 3.Sg.; Abl.-Sinn)
matsyevodakam anveti pravartati pravartanāt; yathaiva budhyate matsyas tathaiṣo 'py anubudhyate; sasnehaḥ sahavāsāc ca sābhimānaś ca nityaśaḥ
Wie ein Fisch dem Wasser folgt und sich aus [dessen] Antrieb regt [?], – so wie der Fisch erkennt, so erkennt auch dieser; voller Zuneigung durch das Zusammenleben und stets voll Ichbewusstsein.
Wort für Wort
matsyā iva udakam anveti
wie ein Fisch dem Wasser folgt (Nom.; Akk.; 3.Sg.Präs.)
pravartati pravartanāt
er regt sich aus Antrieb [?] (3.Sg.Präs.; Abl.)
yathā eva budhyate matsyaḥ
wie eben der Fisch erkennt (3.Sg.Präs.Med.)
tathā eṣaḥ api anubudhyate
so erkennt auch dieser nach (3.Sg.Präs.Med.)
sa-snehaḥ saha-vāsāt ca
voll Zuneigung durch das Zusammenleben (Nom.; Abl.)
Deshalb freuen sie sich nicht an diesem unvergänglichen Fünfundzwanzigsten; aus Furcht vor Geburt und Tod, Kāśyapa, erblicken die Yogins und die Sāṃkhyas, die Reinen, die ihm Ergebenen, den Sechsundzwanzigsten.
Wort für Wort
tena etat na abhinandanti
deshalb freuen sie sich daran nicht (Instr./3.Pl.Präs.)
pañcaviṃśakam acyutam
den unvergänglichen Fünfundzwanzigsten (Akk.)
janmamṛtyubhayāt bhītāḥ
aus Furcht vor Geburt und Tod erschrocken (Abl./Part.Nom.Pl.)
yogāḥ sāṃkhyāḥ ca kāśyapa
Yogins und Sāṃkhyas, Kāśyapa (Nom.Pl./Vok.)
ṣaḍviṃśam anupaśyanti
den Sechsundzwanzigsten erblicken sie (Akk./3.Pl.)
evam apratibuddhaś ca budhyamānaś ca te 'nagha; buddhaś cokto yathātattvaṃ mayā śrutinidarśanāt
So, Sündloser, ist von mir, dem Nichterwachten, dem Erwachenden und dem Erwachten, der Wahrheit gemäß gesprochen worden, nach dem Zeugnis der Śruti.
Wort für Wort
evam apratibuddhaḥ ca budhyamānaḥ ca
so der Nichterwachte und der Erwachende (Nom.)
te anagha
dir/deiner, Sündloser (Vok.)
buddhaḥ ca uktaḥ
und der Erwachte ist genannt (Part.Nom.)
yathātattvam
der Wahrheit gemäß (Adv.)
mayā śrutinidarśanāt
von mir, nach dem Zeugnis der Śruti (Instr./Abl.)
Konstruktion der ersten Vershälfte unsicher [?]; möglicherweise ist von den drei Zuständen (unerwacht/erwachend/erwacht) als Gegenständen der Darlegung die Rede.
paśyāpaśyaṃ yo 'nupaśyet kṣemaṃ tattvaṃ ca kāśyapa; kevalākevalaṃ cādyaṃ pañcaviṃśāt paraṃ ca yat
Wer das Sehen und das Nichtsehen, das Heil und die Wahrheit, Kāśyapa, erblickt, das Alleinige und Nichtalleinige, das Ursprüngliche und das, was jenseits des Fünfundzwanzigsten ist [Anm.: Satz bleibt unvollständig; Fortsetzung in den folgenden Versen].
Wort für Wort
paśya apaśyam
das Sehen, das Nichtsehen (Akk.)
yaḥ anupaśyet
wer erblicken möge (Opt.3.Sg.)
kṣemaṃ tattvaṃ ca kāśyapa
das Heil und die Wahrheit, Kāśyapa (Akk./Vok.)
kevalākevalaṃ ca ādyam
das Alleinige und Nichtalleinige und Ursprüngliche (Akk.)
pañcaviṃśāt param ca yat
und was jenseits des Fünfundzwanzigsten ist (Abl.)
Viśvāvasu sprach: „Wahr und heilsam ist dies, was du gesagt hast, o Herr, richtig, heilbringend, göttlich-ursprünglich, so wie es ist; Heil und Unvergänglichkeit sei dir stets, durch Erkenntnis, du stets Erkenntnisbegabter; Verehrung dir.“
Wort für Wort
viśvāvasuḥ uvāca
Viśvāvasu sprach (Perf.3.Sg.)
tathyaṃ śubhaṃ ca etat uktaṃ tvayā bhoḥ
wahr und heilsam ist dies von dir gesagt, o Herr (Part./Instr./Vok.)
samyak kṣemyaṃ devatādyaṃ yathāvat
richtig, heilbringend, göttlich-ursprünglich, wie es ist (Adv./Akk.)
svasti akṣayaṃ bhavataḥ ca astu nityam
Heil und Unvergänglichkeit sei dir stets (Imp.3.Sg.)
buddhyā sadā buddhiyuktam
durch Einsicht, stets erkenntnisbegabt (Instr./Akk.)
yājñavalkya uvāca; evam uktvā saṃprayāto divaṃ sa; vibhrājan vai śrīmatā darśanena; tuṣṭaś ca tuṣṭyā parayābhinandya; pradakṣiṇaṃ mama kṛtvā mahātmā
Yājñavalkya sprach: „Nachdem er so gesprochen hatte, zog er zum Himmel empor, strahlend durch einen herrlichen Anblick, und zufrieden, mich in höchster Zufriedenheit begrüßend, nachdem der Hochgesinnte mich rechts umschritten hatte.“
Wort für Wort
yājñavalkyaḥ uvāca
Yājñavalkya sprach (Perf.3.Sg.)
evam uktvā saṃprayātaḥ divaṃ sa
so gesprochen habend, zog er zum Himmel (Abs./Part./Akk.)
vibhrājan vai śrīmatā darśanena
strahlend durch herrlichen Anblick (Part./Instr.)
tuṣṭaḥ ca tuṣṭyā parayā abhinandya
zufrieden und mit höchster Zufriedenheit begrüßend (Part./Instr./Abs.)
pradakṣiṇaṃ mama kṛtvā mahātmā
rechts umschreitend um mich, der Hochgesinnte (Abs./Nom.)
brahmādīnāṃ khecarāṇāṃ kṣitau ca; ye cādhastāt saṃvasante narendra; tatraiva tad darśanaṃ darśayan vai; samyak kṣemyaṃ ye pathaṃ saṃśritā vai
Von Brahmā und den anderen, den Himmelsfahrern, und denen auf Erden, und welche unten wohnen, o Herr der Menschen — eben dort zeigte er jenen Anblick, richtig, heilbringend, [denen,] die den Pfad beschritten haben [?].
Wort für Wort
brahmādīnāṃ khecarāṇāṃ kṣitau ca
von Brahmā und den anderen, den Himmelsfahrern, und auf Erden (Gen.Pl./Lok.)
ye ca adhastāt saṃvasante narendra
und welche unten wohnen, o Fürst (3.Pl.Präs./Vok.)
tatra eva tat darśanaṃ darśayan vai
eben dort jenen Anblick zeigend (Part.)
samyak kṣemyaṃ
richtig, heilbringend (Adv./Akk.)
ye pathaṃ saṃśritāḥ vai
die den Pfad beschritten haben (Nom.Pl./Part.)
Syntax der Strophe lückenhaft; Zuordnung von „brahmādīnām“ unsicher.
Alle Sāṃkhyas, die am Sāṃkhya-Dharma Freude haben, ebenso die Yogins, die am Yoga-Dharma Freude haben, und welche anderen Menschen noch Befreiung wünschen — für sie ist dies die Sicht, die durch Wissen geschaut wird.
Wort für Wort
sāṃkhyāḥ sarve sāṃkhyadharme ratāḥ ca
alle Sāṃkhyas, am Sāṃkhya-Dharma erfreut (Nom.Pl./Lok.)
tadvat yogāḥ yogadharme ratāḥ ca
ebenso die Yogins, am Yoga-Dharma erfreut (Nom.Pl.)
ye ca api anye mokṣakāmāḥ manuṣyāḥ
und welche anderen befreiungswilligen Menschen (Nom.Pl.)
teṣām etat darśanaṃ jñānadṛṣṭam
für sie ist dies die durch Wissen erschaute Sicht (Gen.Pl./Nom.)
Aus Wissen entsteht den Menschen Befreiung; ohne Wissen nicht, so sagen sie, o Herr der Menschen. Darum ist das Wissen der Wahrheit gemäß zu suchen, wodurch man sich selbst aus Geburt und Tod befreien kann.
Wort für Wort
jñānāt mokṣaḥ jāyate pūruṣāṇām
aus Wissen entsteht Befreiung den Menschen (Abl./3.Sg.Präs.Med./Gen.Pl.)
na asti ajñānāt evam āhuḥ narendra
nicht ist [sie] aus Unwissen, so sagen sie, o Fürst (Perf.3.Pl./Vok.)
tasmāt jñānaṃ tattvataḥ anveṣitavyam
darum ist das Wissen der Wahrheit nach zu suchen (Gerundiv)
yena ātmānaṃ mokṣayet janmamṛtyoḥ
wodurch man sich aus Geburt und Tod befreien möge (Opt.Kaus./Abl.)
prāpya jñānaṃ brāhmaṇāt kṣatriyād vā; vaiśyāc chūdrād api nīcād abhīkṣṇam; śraddhātavyaṃ śraddadhānena nityaṃ; na śraddhinaṃ janmamṛtyū viśetām
Hat man Wissen von einem Brāhmaṇa oder Kṣatriya erlangt, oder von einem Vaiśya, ja selbst von einem niedrigen Śūdra, so ist ihm immer wieder und stets mit Vertrauen zu glauben; den Gläubigen betreten Geburt und Tod nicht.
Wort für Wort
prāpya jñānaṃ brāhmaṇāt kṣatriyāt vā
Wissen erlangt habend von einem Brāhmaṇa oder Kṣatriya (Abs./Abl.)
vaiśyāt śūdrāt api nīcāt abhīkṣṇam
von einem Vaiśya, selbst von einem niedrigen Śūdra, wiederholt (Abl./Adv.)
śraddhātavyaṃ śraddadhānena nityam
ist zu vertrauen vom Vertrauenden stets (Gerundiv/Instr.)
na śraddhinaṃ janmamṛtyū viśetām
den Gläubigen mögen Geburt und Tod nicht betreten (Opt.Du.)
Alle Stände sind Brāhmaṇas, aus Brahman geboren, alle sprechen stets Brahman; die Wahrheit, die Lehre verkünde ich mit der Einsicht des Brahman: dieses ganze All ist insgesamt Brahman.
Wort für Wort
sarve varṇāḥ brāhmaṇāḥ brahmajāḥ ca
alle Stände [sind] Brāhmaṇas und aus Brahman geboren (Nom.Pl.)
sarve nityaṃ vyāharante ca brahma
alle sprechen stets Brahman aus (3.Pl.Präs.Med.)
tattvaṃ śāstraṃ brahmabuddhyā bravīmi
Wahrheit, Lehre verkünde ich mit Brahman-Einsicht (1.Sg.Präs./Instr.)
sarvaṃ viśvaṃ brahma etat samastam
alles, das All, dies insgesamt [ist] Brahman (Nom.)
Aus dem Mund Brahmās sind die Brāhmaṇas hervorgegangen, aus den Armen die Kṣatriyas, aus dem Nabel die Vaiśyas, und aus den Füßen die Śūdras; alle Stände sind so zu verstehen, nicht anders.
Wort für Wort
brahmāsyataḥ brāhmaṇāḥ saṃprasūtāḥ
aus Brahmās Mund die Brāhmaṇas hervorgegangen (Abl.Adv./Part.Nom.Pl.)
bāhubhyāṃ vai kṣatriyāḥ saṃprasūtāḥ
aus den Armen die Kṣatriyas (Abl.Du.)
nābhyāṃ vaiśyāḥ
aus dem Nabel die Vaiśyas (Abl.Sg.)
pādataḥ ca api śūdrāḥ
und aus den Füßen die Śūdras (Abl.Adv.)
sarve varṇāḥ na anyathā veditavyāḥ
alle Stände sind nicht anders zu verstehen (Gerundiv)
Aus Unwissenheit suchen sie den Schoß des Handelns auf; wie sie jeweils, o König, in das Nichtsein eingehen, so fallen die Stände, wissenlos, aus furchtbarer Unwissenheit in das natürliche Netz der Schöße [?].
Wort für Wort
ajñānataḥ karmayoniṃ bhajante
aus Unwissenheit suchen sie den Schoß des Handelns auf (Abl.Adv./Akk./3.Pl.Med.)
tāṃ tāṃ rājan te yathā yānti abhāvam
jeweils diesen, o König, wie sie ins Nichtsein gehen (Vok./3.Pl.Präs.)
tathā varṇāḥ jñānahīnāḥ patanti
so fallen die Stände, wissenlos (Nom.Pl./3.Pl.)
ghorāt ajñānāt prākṛtaṃ yonijālam
aus furchtbarer Unwissenheit in das natürliche Schoßnetz (Abl./Akk.)
Darum ist Wissen von überall her zu suchen; ‚im Ganzen gegenwärtig‘ ist dies von mir dir gesagt; Brahmā stand, und der andere, der [dort] stand [?]; für ihn nennen die Besten der Zweimalgeborenen stets Befreiung.
Wort für Wort
tasmāt jñānaṃ sarvataḥ mārgitavyam
darum ist Wissen überall zu suchen (Gerundiv)
sarvatrastham ca etat uktaṃ mayā te
und dies, allgegenwärtig, ist von mir dir gesagt (Part./Instr.)
tasthau brahmā tasthivān ca aparaḥ yaḥ
Brahmā stand, und der andere, der stand (Perf./Part.)
tasmai nityaṃ mokṣam āhuḥ dvijendrāḥ
für ihn nennen stets Befreiung die Besten der Zweimalgeborenen (Dat./Perf.3.Pl.)
Zweite Vershälfte („tasthau brahmā tasthivāṃś cāparo yas“) dunkel; Übersetzung unsicher.
yat te pṛṣṭaṃ tan mayā copadiṣṭaṃ; yāthātathyaṃ tad viśoko bhavasva; rājan gacchasvaitadarthasya pāraṃ; samyak proktaṃ svasti te 'stv atra nityam
Was du gefragt hast, das ist von mir gelehrt worden, der Wahrheit gemäß; sei davon frei von Kummer. Gehe, o König, zum jenseitigen Ufer dieser Sache; recht gesagt: Heil sei dir hier stets.
Wort für Wort
yat te pṛṣṭaṃ tat mayā ca upadiṣṭam
was dir gefragt, das ist von mir gelehrt (Part.)
yāthātathyaṃ tat viśokaḥ bhavasva
der Wahrheit gemäß; dadurch kummerfrei werde (Imp.Med.)
rājan gacchasva etadarthasya pāram
o König, gehe zum anderen Ufer dieser Sache (Vok./Imp./Akk.)
samyak proktaṃ svasti te astu atra nityam
recht gesagt; Heil sei dir hier stets (Part./Imp.)
paśyanti yogāḥ sāṃkhyāś ca svaśāstrakṛtalakṣaṇāḥ; iṣṭāniṣṭaviyuktaṃ hi tasthau brahma parātparam; nityaṃ tam āhur vidvāṃsaḥ śucis tasmāc chucir bhava
Yogins und Sāṃkhyas sehen es, gekennzeichnet durch ihre eigenen Lehrbücher; vom Erwünschten und Unerwünschten gelöst weilt das Brahman, höher als das Höchste; ‚ewig‘ nennen es die Wissenden; darum werde rein.
Wort für Wort
paśyanti yogāḥ sāṃkhyāḥ ca
es sehen die Yogins und Sāṃkhyas (3.Pl.Präs./Nom.Pl.)
svaśāstrakṛtalakṣaṇāḥ
durch ihre eigenen Lehrbücher gekennzeichnet (Nom.Pl.)
iṣṭāniṣṭaviyuktaṃ hi tasthau brahma parātparam
vom Erwünschten und Unerwünschten gelöst weilte Brahman, höher als das Höchste (Part./Perf.)
yasyāvyaktaṃ na viditaṃ saguṇaṃ nirguṇaṃ punaḥ; tena tīrthāni yajñāś ca sevitavyāvipaścitā
Wer das Unmanifeste nicht kennt, mit Eigenschaften oder wiederum ohne Eigenschaften — von dem, dem Unwissenden, sind Pilgerstätten und Opfer zu pflegen.
Wort für Wort
yasya avyaktaṃ na viditam
wem das Unmanifeste nicht bekannt ist (Gen./Part.)
saguṇaṃ nirguṇaṃ punaḥ
mit Eigenschaften, wiederum ohne Eigenschaften (Akk.)
Nicht durch Selbststudium, nicht durch Askesen oder Opfer, Freude der Kurus, erlangt man den Stand des Unmanifesten, [sondern erst,] nachdem man das Unmanifeste erkannt hat, o Herr der Erde.
Wort für Wort
na svādhyāyaiḥ tapobhiḥ vā
nicht durch Selbststudium oder Askesen (Instr.Pl.)
yajñaiḥ vā kurunandana
oder Opfer, Freude der Kurus (Instr./Vok.)
labhate avyaktasaṃsthānam
man erlangt den Stand des Unmanifesten (3.Sg.Präs.Med./Akk.)
jñātvā avyaktaṃ mahīpate
nachdem man das Unmanifeste erkannt, o Herr der Erde (Abs./Vok.)
ye tv avyaktāt paraṃ nityaṃ jānate śāstratatparāḥ; janmamṛtyuviyuktaṃ ca viyuktaṃ sad asac ca yat
Die aber, die, dem Śāstra ergeben, das Ewige jenseits des Unmanifesten erkennen, von Geburt und Tod getrennt und getrennt von dem, was Sein und Nichtsein ist [Anm.: Satz unvollständig, Fortsetzung in 113].
Wort für Wort
ye tu avyaktāt param nityam
die aber das Ewige jenseits des Unmanifesten (Nom.Pl./Abl./Akk.)
jānate śāstratatparāḥ
erkennen, dem Śāstra ergeben (3.Pl.Präs.Med./Nom.Pl.)
etan mayāptaṃ janakāt purastāt; tenāpi cāptaṃ nṛpa yājñavalkyāt; jñānaṃ viśiṣṭaṃ na tathā hi yajñā; jñānena durgaṃ tarate na yajñaiḥ
Dies habe ich früher von Janaka erlangt, und dieser, o König, von Yājñavalkya; ein vorzügliches Wissen, nicht so [wie] Opfer; durch Wissen überwindet man das Unwegsame, nicht durch Opfer.
Wort für Wort
etat mayā āptaṃ janakāt purastāt
dies wurde von mir erlangt von Janaka zuvor (Part./Abl.)
tena api ca āptaṃ nṛpa yājñavalkyāt
und auch von ihm erlangt, o König, von Yājñavalkya (Instr./Vok./Abl.)
jñānaṃ viśiṣṭaṃ na tathā hi yajñāḥ
Wissen [ist] vorzüglich, nicht so die Opfer (Nom.)
jñānena durgaṃ tarate na yajñaiḥ
durch Wissen überquert man das Unwegsame, nicht durch Opfer (Instr./Akk./3.Sg.)
Unwegsam sind Geburt und Tod, o König; Wohlstand [als Ziel] nennen die Wissenskundigen nicht; durch Opfer, Askesen, Zügelungen und Gelübde gelangen sie zum Himmel und fallen [wieder] auf die Erde.
Wort für Wort
durgaṃ janma nidhanaṃ ca api rājan
unwegsam sind Geburt und auch Tod, o König (Nom./Vok.)
na bhūtikaṃ jñānavidaḥ vadanti
Wohlstand nennen die Wissenskundigen nicht (Akk./3.Pl.Präs.)
yajñaiḥ tapobhiḥ niyamaiḥ vrataiḥ ca
durch Opfer, Askesen, Zügelungen und Gelübde (Instr.Pl.)
divaṃ samāsādya patanti bhūmau
zum Himmel gelangt, fallen sie auf die Erde (Abs./3.Pl./Lok.)
Darum verehre das Höchste, Große, Reine, Heilvolle, Befreiende, Fleckenlose, Läuternde; ein Kenner des Kṣetrajña, o Fürst, das Wissensopfer übend, wirst du in Wahrheit ein Seher werden.
Wort für Wort
tasmāt upāsasva param mahat śuci
darum verehre das Höchste, Große, Reine (Imp.Med./Akk.)
śivaṃ vimokṣaṃ vimalaṃ pavitram
das Heilvolle, die Befreiung, das Fleckenlose, das Läuternde (Akk.)
kṣetrajñavit pārthiva jñānayajñam
Kenner des Kṣetrajña, o Fürst, das Wissensopfer (Nom./Vok./Akk.)
upāsya vai tattvam ṛṣiḥ bhaviṣyasi
übend, wirst du in Wahrheit ein Seher werden (Abs./Fut.2.Sg.)
upaniṣadam upākarot tadā vai; janakanṛpasya purā hi yājñavalkyaḥ; yad upagaṇitaśāśvatāvyayaṃ tac; chubham amṛtatvam aśokam ṛcchatīti
Damals verfasste Yājñavalkya in der Vorzeit für den König Janaka eine Upaniṣad; das Ewige, Unvergängliche, das [darin] aufgezählt ist — dies erlangt man: das Heilvolle, Unsterblichkeit, Kummerlosigkeit.
Wort für Wort
upaniṣadam upākarot tadā vai
eine Upaniṣad verfasste er damals (Akk./Impf.)
janakanṛpasya purā hi yājñavalkyaḥ
für König Janaka einst Yājñavalkya (Gen./Nom.)
yat upagaṇitaśāśvatāvyayaṃ tat
was als Ewiges, Unvergängliches dargelegt ist, dies (Part./Akk.)
śubham amṛtatvam aśokam ṛcchati iti
das Heilvolle, Unsterblichkeit, Kummerlosigkeit erlangt man, so (3.Sg.Präs./Akk.)
Letzte Vershälfte syntaktisch knapp; „upagaṇita“ als ‚aufgezählt/dargelegt‘ gedeutet [?].