Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 245: sūkṣmabhūtātmayogaḥ Das feinstoffliche Selbst, seine Wahrnehmung im Traum und der Yoga zum höchsten Brahman

Vyāsa belehrt über das vom Körper gelöste, feinstoffliche Selbst (bhūtātman), das nur die Yoga-Geübten schauen, über seine Erfahrungen im Traum und im Mutterleib sowie über den Yoga, der zum höchsten Brahman führt. Der Text ist stellenweise sehr knapp und verderbt.

vyāsa uvāca; śarīrād vipramuktaṃ hi sūkṣmabhūtaṃ śarīriṇam; karmabhiḥ paripaśyanti śāstroktaiḥ śāstracetasaḥ

Vyāsa sprach: Den vom Körper Befreiten, feinstofflich Gewordenen, den Verkörperten [d. h. das Selbst] erblicken die, deren Denken auf die Lehrschriften gerichtet ist, durch die in den Lehrschriften genannten Handlungen.

Wort für Wort
vyāsa uvāca
Vyāsa sprach (Nom.Sg.; 3.Sg.Perf.)
śarīrād vipramuktaṃ hi
vom Körper befreit, ja (Abl.Sg.; Akk.Sg.n. Part.Perf.Pass.)
sūkṣmabhūtaṃ śarīriṇam
feinstofflich geworden, den Verkörperten (Akk.Sg.m.)
karmabhiḥ paripaśyanti
durch Handlungen erblicken sie (Instr.Pl.; 3.Pl.Präs.)
śāstroktaiḥ śāstracetasaḥ
durch in den Śāstras Gesagte, die auf die Śāstras Gerichteten (Instr.Pl.; Nom.Pl.m.)

yathā marīcyaḥ sahitāś caranti; gacchanti tiṣṭhanti ca dṛśyamānāḥ; dehair vimuktā vicaranti lokāṃs; tathaiva sattvāny atimānuṣāṇi

Wie Lichtstrahlen vereint umherziehen, gehen und stehen und dabei sichtbar sind, so wandeln von den Körpern gelöste, übermenschliche Wesen durch die Welten.

Wort für Wort
yathā marīcyaḥ sahitāḥ caranti
wie Strahlen, vereint, ziehen umher (Nom.Pl.f.; 3.Pl.Präs.)
gacchanti tiṣṭhanti ca dṛśyamānāḥ
gehen und stehen, sichtbar seiend (3.Pl.Präs.; Part.Präs.Pass. Nom.Pl.)
dehair vimuktā vicaranti lokān
von Körpern befreit, wandeln durch die Welten (Instr.Pl.; Nom.Pl.; 3.Pl.Präs.; Akk.Pl.)
tathaiva sattvāny atimānuṣāṇi
ebenso Wesen, übermenschliche (Nom.Pl.n.)

pratirūpaṃ yathaivāpsu tāpaḥ sūryasya lakṣyate; sattvavāṃs tu tathā sattvaṃ pratirūpaṃ prapaśyati

Wie in den Wassern das Abbild der Glut der Sonne gesehen wird, so schaut der Sattvavolle das Wesen [sattva] als Abbild.

Wort für Wort
pratirūpaṃ yathaiva apsu
ein Abbild, wie eben in den Wassern (Nom.Sg.n.; Lok.Pl.)
tāpaḥ sūryasya lakṣyate
die Glut der Sonne wird wahrgenommen (Nom.Sg.m.; Gen.Sg.; 3.Sg.Präs.Pass.)
sattvavān tu tathā sattvam
der Sattvavolle aber ebenso das Wesen (Nom.Sg.m.; Akk.Sg.n.)
pratirūpaṃ prapaśyati
als Abbild schaut er (Akk.Sg.n.; 3.Sg.Präs.)

tāni sūkṣmāṇi sattvasthā vimuktāni śarīrataḥ; svena tattvena tattvajñāḥ paśyanti niyatendriyāḥ

Diese feinen, im Sattva ruhenden, vom Körper gelösten [Wesen] schauen die Kenner der Wahrheit mit gebändigten Sinnen durch ihr eigenes Wesen.

Wort für Wort
tāni sūkṣmāṇi sattvasthāḥ
diese feinen, im Sattva stehenden (Akk.Pl.n.; Akk.Pl.n./Nom.Pl.)
vimuktāni śarīrataḥ
gelöst vom Körper (Akk.Pl.n. Part.Perf.Pass.; Abl.-Adv.)
svena tattvena
durch das eigene Wesen (Instr.Sg.)
tattvajñāḥ paśyanti
die Wahrheitskenner schauen (Nom.Pl.m.; 3.Pl.Präs.)
niyatendriyāḥ
mit gebändigten Sinnen (Nom.Pl.m., Kompositum)

svapatāṃ jāgratāṃ caiva sarveṣām ātmacintitam; pradhānadvaidhayuktānāṃ jahatāṃ karmajaṃ rajaḥ

Bei Schlafenden und Wachenden, bei allen [gibt es] das im Selbst Gedachte [?]; [so auch bei denen], die mit der Zweiheit des Pradhāna verbunden sind und den aus Handlung geborenen Staub [rajas] ablegen.

Wort für Wort
svapatāṃ jāgratāṃ ca
bei Schlafenden und Wachenden (Gen.Pl.m.; Part.Präs.)
sarveṣām ātmacintitam
bei allen das im Selbst Gedachte (Gen.Pl.; Nom./Akk.Sg.n.)
pradhānadvaidhayuktānām
bei den mit der Zweiheit des Pradhāna Verbundenen (Gen.Pl.m., Kompositum)
jahatāṃ karmajaṃ rajaḥ
bei den Ablegenden den handlungsgeborenen Staub (Gen.Pl.m. Part.Präs.; Akk.Sg.n.)

Der Vers ist elliptisch (kein Verb); die Zuordnung von ātmacintitam und der Zweiheit des Pradhāna ist unsicher.

yathāhani tathā rātrau yathā rātrau tathāhani; vaśe tiṣṭhati sattvātmā satataṃ yogayoginām

Wie am Tag, so in der Nacht, wie in der Nacht, so am Tag: in der Gewalt [der Yogins] steht das sattva-hafte Selbst der stets im Yoga Geübten.

Wort für Wort
yathā ahani tathā rātrau
wie am Tag, so in der Nacht (Lok.Sg.)
yathā rātrau tathā ahani
wie in der Nacht, so am Tag (Lok.Sg.)
vaśe tiṣṭhati
in der Gewalt steht es (Lok.Sg.; 3.Sg.Präs.)
sattvātmā
das sattva-hafte Selbst (Nom.Sg.m.)
satataṃ yogayoginām
stets bei den im Yoga Verbundenen (Adv.; Gen.Pl.m.)

teṣāṃ nityaṃ sadānityo bhūtātmā satataṃ guṇaiḥ; saptabhis tv anvitaḥ sūkṣmaiś cariṣṇur ajarāmaraḥ

Bei ihnen ist das Elementarselbst stets [?] und immerfort unbeständig [?], beständig mit den sieben feinen Guṇas verbunden, wandernd, alterslos und unsterblich.

Wort für Wort
teṣāṃ nityaṃ sadā anityaḥ
bei ihnen beständig, immer unbeständig [?] (Gen.Pl.; Adv.; Nom.Sg.m.)
bhūtātmā satataṃ guṇaiḥ
das Elementarselbst, fortwährend, durch Guṇas (Nom.Sg.m.; Instr.Pl.)
saptabhis tu anvitaḥ sūkṣmaiḥ
mit sieben feinen verbunden (Instr.Pl.; Nom.Sg.m. Part.Perf.Pass.)
cariṣṇur ajarāmaraḥ
wandernd, alterslos-unsterblich (Nom.Sg.m.)

nityaṃ sadānityaḥ ist paradox und vermutlich verderbt; die Wiedergabe ist unsicher.

manobuddhiparābhūtaḥ svadehaparadehavit; svapneṣv api bhavaty eṣa vijñātā sukhaduḥkhayoḥ

Von Manas und Buddhi überwältigt [?], kennt er den eigenen und den fremden Körper; auch in Träumen wird dieser zum Erkenner von Glück und Leid.

Wort für Wort
manobuddhiparābhūtaḥ
von Manas und Buddhi überwältigt (Nom.Sg.m., Kompositum) [?]
svadehaparadehavit
Kenner des eigenen und fremden Körpers (Nom.Sg.m.)
svapneṣu api bhavati eṣaḥ
auch in Träumen wird dieser (Lok.Pl.; 3.Sg.Präs.; Nom.Sg.m.)
vijñātā sukhaduḥkhayoḥ
Erkenner von Glück und Leid (Nom.Sg.m.; Gen.Du.)

tatrāpi labhate duḥkhaṃ tatrāpi labhate sukham; krodhalobhau tu tatrāpi kṛtvā vyasanam archati

Auch dort erlangt er Leid, auch dort erlangt er Glück; auch dort [erfährt er] Zorn und Gier, und nachdem er Unheil angerichtet hat, gerät er ins Verderben [?].

Wort für Wort
tatra api labhate duḥkham
auch dort erlangt er Leid (Adv.; 3.Sg.Präs.Med.; Akk.Sg.n.)
tatra api labhate sukham
auch dort erlangt er Glück (Akk.Sg.n.)
krodhalobhau tu tatra api
Zorn und Gier aber auch dort (Nom.Du.m.)
kṛtvā vyasanam
nachdem er Unheil getan hat (Abs.; Akk.Sg.n.)
archati
gerät er, trifft [?] (3.Sg.Präs.)

archati ist nicht eindeutig (vermutlich ṛcchati); die Wiedergabe ist unsicher.

prīṇitaś cāpi bhavati mahato 'rthān avāpya ca; karoti puṇyaṃ tatrāpi jāgrann iva ca paśyati

Und erfreut wird er, wenn er große Güter erlangt hat; er tut auch dort Verdienstvolles und sieht [dabei] wie im Wachen.

Wort für Wort
prīṇitaḥ ca api bhavati
und erfreut wird er auch (Nom.Sg.m. Part.Perf.Pass.; 3.Sg.Präs.)
mahataḥ arthān avāpya ca
große Güter erlangt habend (Akk.Pl.m.; Abs.)
karoti puṇyaṃ tatra api
er tut Verdienst auch dort (3.Sg.Präs.; Akk.Sg.n.)
jāgran iva ca paśyati
und sieht wie ein Wachender (Part.Präs. Nom.Sg.m.; 3.Sg.Präs.)

mahoṣmāntargataś cāpi garbhatvaṃ samupeyivān; daśa māsān vasan kukṣau naiṣo 'nnam iva jīryate

Auch in große Hitze hineingelangt, den Zustand des Embryos erreicht habend, wohnt er zehn Monate im Mutterleib; er wird nicht wie Nahrung verdaut.

Wort für Wort
mahoṣmāntargataḥ ca api
in große Hitze eingegangen, auch (Nom.Sg.m.)
garbhatvaṃ samupeyivān
den Embryozustand erreicht habend (Akk.Sg.n.; Part.Perf.Akt. Nom.Sg.m.)
daśa māsān vasan kukṣau
zehn Monate wohnend im Leib (Akk.Pl.; Part.Präs.; Lok.Sg.)
na eṣaḥ annam iva jīryate
dieser wird nicht wie Nahrung verdaut (3.Sg.Präs.Pass.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften).

tam evam atitejoṃśaṃ bhūtātmānaṃ hṛdi sthitam; tamorajobhyām āviṣṭā nānupaśyanti mūrtiṣu

Diesen überaus glänzenden Anteil, das im Herzen weilende Elementarselbst, sehen die von Tamas und Rajas Erfüllten nicht in den Gestalten.

Wort für Wort
tam evam atitejoṃśam
diesen so überaus strahlenden Anteil (Akk.Sg.m.)
bhūtātmānaṃ hṛdi sthitam
das Elementarselbst, im Herzen befindlich (Akk.Sg.m.; Lok.Sg.; Part.)
tamorajobhyām āviṣṭāḥ
von Tamas und Rajas erfüllt (Instr.Du.; Nom.Pl.m.)
na anupaśyanti mūrtiṣu
sie sehen nicht in den Gestalten (3.Pl.Präs.; Lok.Pl.)

śāstrayogaparā bhūtvā svam ātmānaṃ parīpsavaḥ; anucchvāsāny amūrtīni yāni vajropamāny api

Dem Śāstra-Yoga zugewandt, ihr eigenes Selbst erstrebend, [erkennen sie] die atemlosen, gestaltlosen [Wesen], die dennoch diamantgleich sind [?].

Wort für Wort
śāstrayogaparāḥ bhūtvā
dem Śāstra-Yoga zugewandt geworden (Nom.Pl.m.; Abs.)
svam ātmānaṃ parīpsavaḥ
das eigene Selbst erstrebend (Akk.Sg.m.; Nom.Pl.m.)
anucchvāsāni amūrtīni
atemlose, gestaltlose (Akk.Pl.n.)
yāni vajropamāni api
die, diamantgleich auch (Nom./Akk.Pl.n.)

Der Vers ist elliptisch und vermutlich verderbt; die Bezüge sind unsicher.

pṛthagbhūteṣu sṛṣṭeṣu caturṣv āśramakarmasu; samādhau yogam evaitac chāṇḍilyaḥ śamam abravīt

Bei den getrennt geschaffenen Handlungen der vier Lebensstufen lehrte Śāṇḍilya diesen Yoga in der Sammlung [samādhi] als Befriedung [śama].

Wort für Wort
pṛthagbhūteṣu sṛṣṭeṣu
bei getrennt gewordenen, geschaffenen (Lok.Pl.n.)
caturṣu āśramakarmasu
in den vier Lebensstufen-Handlungen (Lok.Pl.)
samādhau yogam eva etat
in der Sammlung, Yoga eben dies (Lok.Sg.; Akk.Sg.m.)
śāṇḍilyaḥ śamam abravīt
Śāṇḍilya Befriedung sagte (Nom.Sg.m.; Akk.Sg.m.; 3.Sg.Impf.)

viditvā sapta sūkṣmāṇi ṣaḍaṅgaṃ ca maheśvaram; pradhānaviniyogasthaḥ paraṃ brahmādhigacchati

Wer die sieben feinen [Elemente] und den sechsgliedrigen Maheśvara erkannt hat und in der Anwendung des Pradhāna feststeht, gelangt zum höchsten Brahman.

Wort für Wort
viditvā sapta sūkṣmāṇi
erkannt habend die sieben feinen (Abs.; Akk.Pl.n.)
ṣaḍaṅgaṃ ca maheśvaram
und den sechsgliedrigen großen Herrn (Akk.Sg.m.)
pradhānaviniyogasthaḥ
in der Anwendung des Pradhāna stehend (Nom.Sg.m.)
paraṃ brahma adhigacchati
das höchste Brahman erreicht er (Akk.Sg.n.; 3.Sg.Präs.)

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