Kapitel 219: namucisaṃvāda
Namucis Gleichmut im Unglück: Gespräch mit Indra über Schicksal und Trauer
Auf Yudhiṣṭhiras Frage, was einem ins Unglück Gestürzten frommt, erzählt Bhīṣma das alte Gespräch zwischen dem entmachteten Asura Namuci und Indra (Śatakratu). Namuci begründet seine Gelassenheit mit der Lenkung durch das Schicksal und der Vergeblichkeit der Trauer.
bhīṣma uvāca; yudhiṣṭhira uvāca; vyasaneṣu nimagnasya kiṃ śreyas tad bravīhi me; bhūya eva mahābāho sthityarthaṃ taṃ bravīhi me
Bhīṣma sprach. Yudhiṣṭhira sprach: „Sag mir, was für einen in Unglück Versunkenen das Beste ist; und noch einmal, Starkarmiger, sag mir dies zur Festigung [seines Standes].“
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (3.Sg.Perf.)
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (3.Sg.Perf.)
vyasaneṣu nimagnasya
für den in Unglücksfällen Versunkenen (Lok.Pl. / Gen.Sg.)
kiṃ śreyas tad bravīhi me
was das Beste [ist], das sag mir (Imp.)
bhūya eva mahābāho
und noch einmal, Starkarmiger (Vok.)
sthityartham taṃ bravīhi me
zur Festigung/zum Bestand, dies sag mir (Akk./Imp.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; die Sprecherangabe „bhīṣma uvāca“ steht in der Vorlage vor „yudhiṣṭhira uvāca“.
namucir uvāca; anavāpyaṃ ca śokena śarīraṃ copatapyate; amitrāś ca prahṛṣyanti nāsti śoke sahāyatā
Namuci sprach: „Durch Trauer ist Unerreichbares nicht zu erlangen, und der Körper wird gequält; die Feinde jubeln; in der Trauer gibt es keinen Beistand.“
Wort für Wort
namucir uvāca
Namuci sprach (3.Sg.Perf.)
anavāpyaṃ ca śokena
und Unerlangbares [wird] durch Trauer [nicht erlangt] (Nom.Sg.n., Gerundiv / Instr.)
śarīraṃ copatapyate
und der Körper wird gequält (Nom./3.Sg.Pass.)
amitrāś ca prahṛṣyanti
und die Feinde jubeln (Nom.Pl. / 3.Pl.Präs.)
nāsti śoke sahāyatā
nicht gibt es in der Trauer Beistand (3.Sg.Präs. / Lok.Sg. / Nom.Sg.f.)
[…] durch Kummer schwindet der Glanz; durch Kummer [schwindet] das Leben […]
Wort für Wort
saṃtāpād bhraśyate śriyaḥ
durch Kummer schwindet der Glanz (Abl.Sg. / 3.Sg.Med. / Gen.Sg. [?])
saṃtāpād bhraśyate cāyur
und durch Kummer schwindet das Leben (Abl.Sg. / 3.Sg.Med. / Nom.Sg.n.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage mit Lücken im Text (....); Vers unvollständig überliefert.
Hat man jenen aus Missmut geborenen Schmerz, der gekommen ist, vertrieben, so soll man, wer das Heilsame erkennt, mit dem Geist an das Herzerfreuende, Heilvolle denken.
Wort für Wort
vinīya khalu tad duḥkham
nachdem man ja jenen Schmerz vertrieben hat (Gerundium / Akk.Sg.n.)
āgataṃ vaimanasyajam
der gekommen ist, aus Missmut geboren (Part.Akk. / Kompositum)
Einer ist der Lenker, einen zweiten Lenker gibt es nicht; den im Mutterleib liegenden Menschen lenkt der Lenker; von ihm angewiesen, [gehe ich] wie Wasser einen Abhang hinab; wie ich eingesetzt bin, so trage ich [die Last].
Wort für Wort
ekaḥ śāstā na dvitīyo ’sti śāstā
einer [ist] Lenker, nicht gibt es einen zweiten Lenker (Nom.Sg.)
garbhe śayānaṃ puruṣaṃ śāsti śāstā
den im Mutterleib Liegenden, den Menschen, lenkt der Lenker (Lok. / Part.Akk. / 3.Sg.Präs.)
tenānuśiṣṭaḥ
von ihm angewiesen (Instr. / Part.Nom.)
pravaṇād ivodakam
wie Wasser von einem Abhang [herab] (Abl. / Nom.Sg.n.)
yathā niyukto ’smi
wie ich eingesetzt bin (Part. / 1.Sg.Präs.)
tathā vahāmi
so trage/führe ich [es] (1.Sg.Präs.)
Der Refrain „yathā niyukto ’smi tathā vahāmi“ kehrt in Vers 11 wieder.
bhāvābhāvāv abhijānan garīyo; jānāmi śreyo na tu tat karomi; āśāḥ suśarmyāḥ suhṛdāṃ sukurvan; yathā niyukto 'smi tathā vahāmi
Werden und Vergehen erkennend, [weiß ich] das Gewichtigere; ich kenne das Bessere, tue es aber nicht; der Freunde Hoffnungen auf gute Zuflucht gut [erfüllend] [?]; wie ich eingesetzt bin, so trage ich [die Last].
Wort für Wort
bhāvābhāvāv abhijānan garīyaḥ
Werden und Vergehen erkennend, das Gewichtigere (Akk.Du. / Part. / Akk.Sg.n.Komp.)
jānāmi śreyo
ich kenne das Bessere (1.Sg.Präs. / Akk.Sg.n.)
na tu tat karomi
aber nicht tue ich es (1.Sg.Präs.)
āśāḥ suśarmyāḥ suhṛdāṃ sukurvan
Hoffnungen, wohlbehütete, der Freunde gut machend [?] (Akk.Pl.f. / Gen.Pl. / Part.)
yathā niyukto ’smi tathā vahāmi
wie ich eingesetzt bin, so trage ich [es] (Part. / 1.Sg.Präs.)
Die Wendung „āśāḥ suśarmyāḥ suhṛdāṃ sukurvan“ ist syntaktisch unsicher; wörtlich etwa „der Freunde gut-behütete Hoffnungen gut machend“.
ṛṣīṃś ca devāṃś ca mahāsurāṃś ca; traividyavṛddhāṃś ca vane munīṃś ca; kān nāpado nopanamanti loke; parāvarajñās tu na saṃbhramanti
Seher und Götter und große Asuras, in den drei Veden Bejahrte und Munis im Wald – welche Nöte kommen nicht über sie in der Welt? Die aber Höheres und Niederes kennen, geraten nicht ins Schwanken.
Wort für Wort
ṛṣīṃś ca devāṃś ca mahāsurāṃś ca
Seher und Götter und große Asuras (Akk.Pl.)
traividyavṛddhāṃś ca vane munīṃś ca
und die in den drei Veden Gealterten, und Munis im Wald (Akk.Pl. / Lok.)
kān nāpado nopanamanti loke
welche Nöte kommen nicht über [sie] in der Welt (Akk.Pl. / Nom.Pl. / 3.Pl.Präs. / Lok.)
parāvarajñās tu
die aber das Höhere und Niedere Kennenden (Nom.Pl.)
na paṇḍitaḥ krudhyati nāpi sajjate; na cāpi saṃsīdati na prahṛṣyati; na cārthakṛcchravyasaneṣu śocati; sthitaḥ prakṛtyā himavān ivācalaḥ
Der Weise zürnt nicht und hängt auch nicht [an etwas]; er sinkt nicht nieder und jubelt nicht; und in Bedrängnis und Unglück um Ziele trauert er nicht; er steht von Natur unbeweglich wie der Himavat [der Himālaya].
Wort für Wort
na paṇḍitaḥ krudhyati
nicht zürnt der Weise (Nom. / 3.Sg.Präs.)
nāpi sajjate
und hängt auch nicht an [etwas] (3.Sg.Med.)
na cāpi saṃsīdati na prahṛṣyati
und sinkt auch nicht nieder, jubelt nicht (3.Sg.Präs.)
na cārthakṛcchravyasaneṣu śocati
und trauert nicht bei Zielnöten und Unglück (Lok.Pl. / 3.Sg.Präs.)
sthitaḥ prakṛtyā himavān ivācalaḥ
steht von Natur wie der Himavat unbeweglich (Part. / Instr. / Nom.)
yam arthasiddhiḥ paramā na harṣayet; tathaiva kāle vyasanaṃ na mohayet; sukhaṃ ca duḥkhaṃ ca tathaiva madhyamaṃ; niṣevate yaḥ sa dhuraṃdharo naraḥ
Wen höchster Erfolg nicht erfreut, wen ebenso zur [rechten] Zeit das Unglück nicht verwirrt, wer Glück und Leid ebenso [wie] ein Mittleres [Gleichmütiges] pflegt, dieser Mann ist ein Lastträger [der die Bürde zu tragen vermag].
Wort für Wort
yam arthasiddhiḥ paramā na harṣayet
den höchster Zielerfolg nicht erfreuen soll (Akk. / Nom.Sg.f. / Opt.)
tathaiva kāle vyasanaṃ na mohayet
und ebenso zur Zeit das Unglück nicht verwirren soll (Adv. / Lok. / Nom.n. / Opt.)
In welchen Zustand auch immer der Mensch gerät, an dem soll er sich freuen, ohne sich zu grämen; so soll er den gewachsenen, geistgeborenen Kummer, der Mühsal schafft, aus dem Körper vertreiben.
Wort für Wort
yāṃ yām avasthāṃ puruṣo ’dhigacchet
in welchen Zustand auch immer der Mensch gerät (Akk.Sg.f. / Nom. / Opt.)
tasyāṃ rametāparitapyamānaḥ
in diesem soll er sich freuen, ohne sich zu grämen (Lok. / Opt.Med. / Part.)
evaṃ pravṛddhaṃ praṇuden manojam
so soll er den gewachsenen, geistgeborenen [Kummer] vertreiben (Adv. / Part. / Opt. / Akk.)
saṃtāpam āyāsakaraṃ śarīrāt
Kummer, Mühsal bewirkend, aus dem Körper (Akk.Sg. / Abl.Sg.)
tat sadaḥ sa pariṣatsabhāsadaḥ; prāpya yo na kurute sabhābhayam; dharmatattvam avagāhya buddhimān; yo 'bhyupaiti sa pumān dhuraṃdharaḥ
Jene Versammlung, den Kreis der Ratssitzenden, [und] die Gesellschaft [erreicht habend] – wer, wenn er [dorthin] gelangt ist, keine Scheu vor der Versammlung hegt; der Kluge, der in das Wesen des Dharma eingetaucht ist und [darauf] zugeht: dieser Mann ist ein Lastträger.
Wort für Wort
tat sadaḥ sa pariṣatsabhāsadaḥ
jene Versammlung, die Ratsrunde, Mitglieder von Kreis und Versammlung [?] (Akk./Nom.Sg.n. / Kompositum)
prāpya yo na kurute sabhābhayam
[sie] erreichend, wer keine Furcht vor der Versammlung hegt (Gerundium / Rel. / 3.Sg.Med. / Akk.)
dharmatattvam avagāhya buddhimān
in das Wesen des Dharma eingetaucht, der Kluge (Gerundium / Nom.)
yo ’bhyupaiti sa pumān dhuraṃdharaḥ
wer [darauf] zugeht, dieser Mann [ist] Lastträger (Rel. / 3.Sg.Präs. / Nom.)
Erste Vershälfte syntaktisch schwer; „tat sadaḥ sa pariṣatsabhāsadaḥ“ wohl verderbt oder elliptisch, die Wiedergabe ist unsicher.
prājñasya karmāṇi duranvayāni; na vai prājño muhyati mohakāle; sthānāc cyutaś cen na mumoha gautamas; tāvat kṛcchrām āpadaṃ prāpya vṛddhaḥ
Des Weisen Taten sind schwer zu verfolgen; der Weise wird zur Zeit der Verwirrung nicht verwirrt; wenn Gautama, vom Platz gestürzt, nicht verwirrt war [?], so [war] er [doch], als Alter in schwere Not geraten, [ebenso gefasst] [?].
Wort für Wort
prājñasya karmāṇi duranvayāni
des Weisen Taten [sind] schwer zu verfolgen (Gen.Sg. / Nom.Pl.n.)
na vai prājño muhyati mohakāle
nicht wird wahrlich der Weise verwirrt zur Zeit der Verwirrung (Nom. / 3.Sg.Präs. / Lok.)
sthānāc cyutaś cen na mumoha gautamaḥ
wenn Gautama, vom Platz gestürzt, nicht verwirrt war [?] (Abl. / Part. / Perf.3.Sg. / Nom.)
tāvat kṛcchrām āpadaṃ prāpya vṛddhaḥ
so weit, in schwere Not geraten, als Alter [?] (Adv. / Akk.Sg.f. / Gerundium / Nom.)
Zweite Vershälfte unsicher: Der Bezug von „gautama“ (Indra? Namuci? ein Weiser?) und der Anschluss von „tāvat … vṛddhaḥ“ sind unklar.