Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 153: ajñānalobhanirūpaṇam Unwissenheit und Gier als eins: Wurzel des Leids, durch Aufgeben der Gier überwunden

Auf Yudhiṣṭhiras Frage nach der Unwissenheit erklärt Bhīṣma sie als mit der Gier wesensgleich und ermahnt zu deren Aufgabe.

yudhiṣṭhira uvāca; anarthānām adhiṣṭhānam ukto lobhaḥ pitāmaha; ajñānam api vai tāta śrotum icchāmi tattvataḥ

Yudhiṣṭhira sprach: „Als Grundlage der Übel wurde die Gier genannt, Großvater. Auch die Unwissenheit, Lieber, möchte ich der Wahrheit gemäß hören.“

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
anarthānām adhiṣṭhānam
der Übel Grundlage/Sitz (Gen.Pl./Akk.Sg.)
ukto lobhaḥ pitāmaha
genannt wurde die Gier, Großvater (Part.Pass./Nom.Sg./Vok.)
ajñānam api vai tāta
auch die Unwissenheit, fürwahr, Lieber (Akk.Sg./Vok.)
śrotum icchāmi tattvataḥ
hören möchte ich der Wahrheit gemäß (Inf./1.Sg.Präs./Adv.)

bhīṣma uvāca; karoti pāpaṃ yo 'jñānān nātmano vetti ca kṣamam; pradveṣṭi sādhuvṛttāṃś ca sa lokasyaiti vācyatām

Bhīṣma sprach: „Wer aus Unwissenheit Böses tut, das für sich Zuträgliche nicht kennt und die rechtschaffen Lebenden hasst, der gerät bei den Leuten in üble Nachrede.“

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
karoti pāpaṃ yo 'jñānāt
wer Böses tut aus Unwissenheit (3.Sg.Präs./Akk./Abl.)
nātmano vetti ca kṣamam
und nicht kennt das für sich Zuträgliche (3.Sg.Präs./Gen./Akk.Sg.n.)
pradveṣṭi sādhuvṛttāṃś ca
und hasst die rechtschaffen Lebenden (3.Sg.Präs./Akk.Pl.)
sa lokasyaiti vācyatām
der gerät bei der Welt in Tadel (Nom./Gen./3.Sg.Präs./Akk.Sg.)

ajñānān nirayaṃ yāti tathājñānena durgatim; ajñānāt kleśam āpnoti tathāpatsu nimajjati

Aus Unwissenheit gelangt man in die Hölle, ebenso durch Unwissenheit in ein übles Schicksal; aus Unwissenheit erlangt man Leid und versinkt so in Nöten.

Wort für Wort
ajñānān nirayaṃ yāti
aus Unwissenheit in die Hölle geht man (Abl./Akk./3.Sg.Präs.)
tathājñānena durgatim
ebenso durch Unwissenheit in schlimmes Geschick (Instr./Akk.Sg.)
ajñānāt kleśam āpnoti
aus Unwissenheit Leid erlangt man (Abl./Akk./3.Sg.Präs.)
tathāpatsu nimajjati
so in Nöten versinkt man (Lok.Pl./3.Sg.Präs.)

yudhiṣṭhira uvāca; ajñānasya pravṛttiṃ ca sthānaṃ vṛddhiṃ kṣayodayau; mūlaṃ yogaṃ gatiṃ kālaṃ kāraṇaṃ hetum eva ca

Yudhiṣṭhira sprach: „[Ich möchte hören] das Hervorgehen der Unwissenheit, ihren Sitz, ihr Wachstum, ihr Schwinden und Aufkommen, die Wurzel, die Verbindung, den Weg, die Zeit, die Ursache und den Grund.“

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
ajñānasya pravṛttiṃ ca
und der Unwissenheit Hervorgehen (Gen./Akk.Sg.)
sthānaṃ vṛddhiṃ
Sitz, Wachstum (Akk.Sg.)
kṣayodayau
Schwinden und Aufkommen (Dvandva, Akk.Du.)
mūlaṃ yogaṃ gatiṃ kālaṃ
Wurzel, Verbindung, Weg, Zeit (Akk.Sg.)
kāraṇaṃ hetum eva ca
Ursache und ebenso Grund (Akk.Sg.)

Verb aus Vers 5 zu ergänzen (śrotum icchāmi).

śrotum icchāmi tattvena yathāvad iha pārthiva; ajñānaprabhavaṃ hīdaṃ yad duḥkham upalabhyate

Ich möchte es der Wahrheit gemäß und richtig hier hören, König: dieses Leid, das erfahren wird, hat in der Unwissenheit seinen Ursprung.

Wort für Wort
śrotum icchāmi
hören möchte ich (Inf./1.Sg.Präs.)
tattvena yathāvad iha
der Wahrheit nach, richtig, hier (Instr./Adv./Adv.)
pārthiva
König (Vok.Sg.)
ajñānaprabhavaṃ hīdaṃ
aus Unwissenheit entstanden, denn dies (Bahuvrīhi, Nom.Sg.n./Pron.)
yad duḥkham upalabhyate
welches Leid wahrgenommen/erfahren wird (Nom.Sg./3.Sg.Pass.)

bhīṣma uvāca; rāgo dveṣas tathā moho harṣaḥ śoko 'bhimānitā; kāmaḥ krodhaś ca darpaś ca tandrīr ālasyam eva ca

Bhīṣma sprach: „Anhänglichkeit, Hass, Verblendung, Freude, Kummer, Dünkel, Begierde, Zorn, Übermut, Schläfrigkeit und Trägheit,

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
rāgo dveṣas tathā moho
Anhänglichkeit, Hass, ebenso Verblendung (Nom.Sg.)
harṣaḥ śoko 'bhimānitā
Freude, Kummer, Dünkel (Nom.Sg.)
kāmaḥ krodhaś ca darpaś ca
Begierde, Zorn und Übermut (Nom.Sg.)
tandrīr ālasyam eva ca
Schläfrigkeit und Trägheit (Nom.Sg.)

rāga kann auch „Leidenschaft“ bedeuten.

icchā dveṣas tathā tāpaḥ paravṛddhyupatāpitā; ajñānam etan nirdiṣṭaṃ pāpānāṃ caiva yāḥ kriyāḥ

Wunsch, Abneigung, Glut [der Reue/Qual], das Sich-Quälen am Wohlergehen anderer: das wird als Unwissenheit bezeichnet, und [auch] die Handlungen, die zu den Übeln gehören.

Wort für Wort
icchā dveṣas tathā tāpaḥ
Wunsch, Abneigung, ebenso Qual (Nom.Sg.)
paravṛddhyupatāpitā
das Sich-Quälen über das Gedeihen anderer (Nom.Sg.f.)
ajñānam etan nirdiṣṭaṃ
Unwissenheit: dies ist bezeichnet (Nom.Sg.n./Part.Pass.)
pāpānāṃ caiva yāḥ kriyāḥ
und der Übel [Handlungen], welche (Gen.Pl./Nom.Pl.f.)

Zweiter Teil des Verses syntaktisch knapp; „pāpānāṃ kriyāḥ“ als „Taten des Bösen“ gefasst.

etayā yā pravṛttiś ca vṛddhyādīn yāṃś ca pṛcchasi; vistareṇa mahābāho śṛṇu tac ca viśāṃ pate

Was durch diese [Unwissenheit] an Entwicklung entsteht, und was du an Wachstum und so weiter erfragst, das höre ausführlich, Starkarmiger, Herr der Menschen.

Wort für Wort
etayā yā pravṛttiś ca
und welches Hervorgehen durch diese (Instr.Sg.f./Nom.Sg.f.)
vṛddhyādīn yāṃś ca pṛcchasi
und was du an Wachstum usw. fragst (Akk.Pl./2.Sg.Präs.)
vistareṇa mahābāho
ausführlich, Starkarmiger (Instr./Vok.Sg.)
śṛṇu tac ca viśāṃ pate
höre das, Herr der Menschen (Imp./Akk./Vok.Sg.)

ubhāv etau samaphalau samadoṣau ca bhārata; ajñānaṃ cātilobhaś cāpy ekaṃ jānīhi pārthiva

Diese beiden haben die gleiche Frucht und die gleichen Fehler, Bhārata: Unwissenheit und übergroße Gier – betrachte sie als eins, König.

Wort für Wort
ubhāv etau samaphalau
diese beiden von gleicher Frucht (Nom.Du.)
samadoṣau ca bhārata
und von gleichen Fehlern, Bhārata (Nom.Du./Vok.Sg.)
ajñānaṃ cātilobhaś ca
Unwissenheit und Übergier (Nom.Sg.)
ekaṃ jānīhi pārthiva
als eins erkenne, König (Akk.Sg.n./Imp./Vok.Sg.)

lobhaprabhavam ajñānaṃ vṛddhaṃ bhūyaḥ pravardhate; sthāne sthānaṃ kṣaye kṣaiṇyam upaiti vividhāṃ gatim

Die aus Gier entstandene Unwissenheit wächst, einmal groß geworden, immer weiter: im Bestehen [der Gier] besteht sie, im Schwinden schwindet sie, und sie nimmt vielfältigen Gang an.

Wort für Wort
lobhaprabhavam ajñānam
aus Gier entstandene Unwissenheit (Bahuvrīhi, Nom.Sg.n.)
vṛddhaṃ bhūyaḥ pravardhate
gewachsen wächst sie weiter (Part.Pass./Adv./3.Sg.Präs.)
sthāne sthānaṃ
im Bestehen Bestehen (Lok./Nom.Sg.)
kṣaye kṣaiṇyam
im Schwinden Schwund (Lok./Nom.Sg.)
upaiti vividhāṃ gatim
sie erlangt vielfältigen Gang (3.Sg.Präs./Akk.Sg.f.)

Der zweite Halbvers ist knapp und die Bezüge sind unsicher.

mūlaṃ lobhasya mahataḥ kālātmagatir eva ca; chinne 'cchinne tathā lobhe kāraṇaṃ kāla eva hi

Die Wurzel der großen Gier und ihr Gang, dessen Wesen die Zeit ist [?] – ob die Gier abgeschnitten ist oder nicht abgeschnitten: die Ursache ist allein die Zeit.

Wort für Wort
mūlaṃ lobhasya mahataḥ
Wurzel der großen Gier (Nom.Sg./Gen.Sg.)
kālātmagatir eva ca
und ein Weg, dessen Wesen Zeit ist [?] (Bahuvrīhi, Nom.Sg.f.)
chinne 'cchinne tathā lobhe
ob abgeschnitten oder nicht abgeschnitten, so bei der Gier (Lok.abs.)
kāraṇaṃ kāla eva hi
Ursache ist die Zeit allein (Nom.Sg.)

kālātmagati unsicher; alternativ „und der Gang [der Gier] hat die Zeit zum Wesen“.

tasyājñānāt tu lobho hi lobhād ajñānam eva ca; sarve doṣās tathā lobhāt tasmāl lobhaṃ vivarjayet

Aus deren Unwissenheit [entsteht] Gier, und aus Gier wiederum Unwissenheit; alle Fehler [entstehen] ebenso aus Gier; darum soll man die Gier meiden.

Wort für Wort
tasyājñānāt tu lobho hi
aus deren Unwissenheit aber Gier fürwahr (Gen./Abl./Nom.)
lobhād ajñānam eva ca
und aus Gier Unwissenheit (Abl./Nom.)
sarve doṣās tathā lobhāt
alle Fehler ebenso aus Gier (Nom.Pl./Abl.)
tasmāl lobhaṃ vivarjayet
darum die Gier meide man (Abl./Akk./3.Sg.Opt.)

janako yuvanāśvaś ca vṛṣādarbhiḥ prasenajit; lobhakṣayād divaṃ prāptās tathaivānye janādhipāḥ

Janaka, Yuvanāśva, Vṛṣādarbhi und Prasenajit gelangten durch das Schwinden der Gier in den Himmel, ebenso andere Herrscher der Menschen.

Wort für Wort
janako yuvanāśvaś ca
Janaka und Yuvanāśva (Nom.Sg.)
vṛṣādarbhiḥ prasenajit
Vṛṣādarbhi, Prasenajit (Nom.Sg.)
lobhakṣayād divaṃ prāptāḥ
durch Schwinden der Gier den Himmel erreicht (Abl./Akk./Part.Pass.Nom.Pl.)
tathaivānye janādhipāḥ
ebenso andere Menschenherrscher (Nom.Pl.)

pratyakṣaṃ tu kuruśreṣṭha tyaja lobham ihātmanā; tyaktvā lobhaṃ sukhaṃ loke pretya cānucariṣyasi

Es ist offenkundig, bester der Kuru: Lass die Gier hier durch dich selbst fahren. Hast du die Gier aufgegeben, wirst du in der Welt und nach dem Tod Glück erfahren.

Wort für Wort
pratyakṣaṃ tu kuruśreṣṭha
offenkundig aber, Bester der Kuru (Adj./Vok.Sg.)
tyaja lobham ihātmanā
lass die Gier hier durch dich selbst (Imp./Akk./Instr.)
tyaktvā lobhaṃ sukhaṃ loke
nach Aufgabe der Gier Glück in der Welt (Abs./Akk./Akk.Sg./Lok.)
pretya cānucariṣyasi
und nach dem Tod wirst du erfahren (Abs./2.Sg.Fut.)

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