Kapitel 7: yudhiṣṭhirasya śokavilāpaḥ saṃnyāsasaṃkalpaś ca
Yudhiṣṭhiras Klage über den Sieg und sein Entschluss zur Entsagung
Nach dem Krieg verfällt Yudhiṣṭhira in Kummer und erklärt Arjuna, das Königtum sei die Schuld nicht wert; er wolle die Herrschaft aufgeben und als Waldeinsiedler leben. Das Kapitel eröffnet die Reihe der Reden über Entsagung und Königspflicht im Śāntiparvan.
Vaiśaṃpāyana sprach: Yudhiṣṭhira aber, der dharmagesinnte, im Geist von Kummer verwirrt, grämte sich, von Leid verbrannt, als er des Karṇa, des großen Wagenkämpfers, gedachte.
Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca
Vaiśaṃpāyana sprach (Perf.3.Sg.)
yudhiṣṭhiraḥ tu dharmātmā
Yudhiṣṭhira aber, der dharmagesinnte (Nom.Sg.)
śokavyākulacetanaḥ
im Geist von Kummer verwirrt (Kompositum, Nom.Sg.)
śuśoca duḥkhasaṃtaptaḥ
grämte sich, von Leid verbrannt (Perf.3.Sg. / Part.Pass.)
smṛtvā karṇam mahāratham
gedenkend des Karṇa, des großen Wagenkämpfers (Abs. / Akk.Sg.)
„Wollten wir doch, was an Bettelspeise [zu haben ist], in der Stadt der Vṛṣṇi und Andhaka erwerben: Hätten wir die Verwandten nicht männerlos gemacht, so kämen wir nicht in dieses Elend.“
Wort für Wort
yad bhaikṣam ācariṣyāma
was an Bettelspeise wir betreiben/erwerben werden (Rel. / Fut.1.Pl.Med.)
vṛṣṇyandhakapure vayam
in der Stadt der Vṛṣṇi und Andhaka, wir (Lok.Sg. / Nom.Pl.)
jñātīn niṣpuruṣān kṛtvā
die Verwandten männerlos gemacht habend (Akk.Pl. / Abs.)
na imām prāpsyāma durgatim
nicht diese würden wir erlangen, das Elend (Fut.1.Pl. / Akk.Sg.)
Syntax elliptisch: die Bettelwanderung wird als die bessere Alternative gedacht.
„Unsere Feinde, die Kuru, waren, so heißt es, reich an Gütern und hatten ihr Auskommen; da wir uns selbst durch uns selbst erschlagen haben, welche Frucht des Dharma erlangen wir?“
Wort für Wort
amitrāḥ naḥ
Feinde von uns (Nom.Pl. / Gen.Pl.)
samṛddhārthāḥ vṛttārthāḥ kuravaḥ kila
an Gütern reich, mit gesichertem Auskommen, die Kuru, wie es heißt (Nom.Pl.)
ātmānam ātmanā hatvā
uns selbst durch uns selbst erschlagen habend (Akk. / Instr. / Abs.)
kiṃ dharmaphalam āpnumaḥ
welche Dharma-Frucht erlangen wir (Akk.Sg.n. / Präs.1.Pl.)
Gut sind Nachsicht, Selbstbeherrschung, Reinheit, Freisein von Feindschaft, Neidlosigkeit, Gewaltlosigkeit und Wahrhaftigkeit; [dies] sind beständige [Tugenden] der Waldbewohner.
Wort für Wort
sādhu kṣamā damaḥ śaucam
gut [sind] Nachsicht, Selbstbezähmung, Reinheit (Nom.Sg.)
avairodhyam amatsaraḥ
Nichtfeindseligkeit, Neidlosigkeit (Nom.Sg.)
ahiṃsā satyavacanam
Gewaltlosigkeit, Wahrhaftigkeit der Rede (Nom.Sg.)
nityāni vanacāriṇām
beständig für die Waldgänger (Nom.Pl.n. / Gen.Pl.)
vayaṃ tu lobhān mohāc ca stambhaṃ mānaṃ ca saṃśritāḥ; imām avasthām āpannā rājyaleśabubhukṣayā
Wir aber haben aus Gier und Verblendung Starrsinn und Dünkel angenommen und sind in diesen Zustand geraten, aus dem Verlangen, ein Stückchen Herrschaft zu genießen.
Wort für Wort
vayam tu lobhāt mohāt ca
wir aber aus Gier und aus Verblendung (Nom.Pl. / Abl.Sg.)
stambham mānam ca saṃśritāḥ
Starrsinn und Dünkel angenommen habend (Akk.Sg. / Part.Pass.)
imām avasthām āpannāḥ
in diesen Zustand geraten (Akk.Sg. / Part.Pass.)
rājyaleśabubhukṣayā
aus dem Verlangen nach einem Stückchen Herrschaft zu genießen (Instr.Sg.)
Selbst durch die Herrschaft über die drei Welten würde uns niemand erfreuen, die wir die Verwandten erschlagen sehen und auf Erden nach Beute trachten.
Wort für Wort
trailokyasya api rājyena
selbst durch die Herrschaft über die drei Welten (Gen.Sg. / Instr.Sg.)
na asmān kaḥ cit praharṣayet
nicht möge uns jemand erfreuen (Opt.3.Sg.Kaus.)
bāndhavān nihatān dṛṣṭvā
die Verwandten erschlagen gesehen habend (Akk.Pl. / Abs.)
pṛthivyām āmiṣaiṣiṇaḥ
auf Erden nach Beute Trachtende (Lok.Sg. / Nom.Pl.)
te vayaṃ pṛthivīhetor avadhyān pṛthivīsamān; saṃparityajya jīvāmo hīnārthā hatabāndhavāḥ
So leben wir, um der Erde willen die Unerschlagbaren, die der Erde gleich [kostbar] waren, im Stich lassend, ohne Besitz und mit erschlagenen Verwandten.
Wort für Wort
te vayam pṛthivīhetoḥ
wir eben um der Erde willen (Nom.Pl. / Abl.Sg.)
avadhyān pṛthivīsamān
die Unerschlagbaren, erdgleichen (Akk.Pl.)
saṃparityajya jīvāmaḥ
im Stich lassend, leben wir (Abs. / Präs.1.Pl.)
hīnārthāḥ hatabāndhavāḥ
des Besitzes beraubt, mit erschlagenen Verwandten (Nom.Pl.)
āmiṣe gṛdhyamānānām aśunāṃ naḥ śunām iva; āmiṣaṃ caiva no naṣṭam āmiṣasya ca bhojinaḥ
Wie Hunde nach Fleisch gierend, [wir,] die wir doch keine Hunde sind [?]; und unsere Beute ist verloren, und [ebenso] die, die die Beute genossen [hätten].
Wort für Wort
āmiṣe gṛdhyamānānām
nach Beute Gierenden (Lok.Sg. / Part.Präs.Gen.Pl.)
aśunām naḥ
uns Nicht-Hunden [?] (Gen.Pl.)
śunām iva
gleich Hunden (Gen.Pl. / Part.)
āmiṣam ca eva naḥ naṣṭam
und die Beute ist uns verloren (Nom.Sg.n. / Part.Pass.)
āmiṣasya ca bhojinaḥ
und die Genießer der Beute (Gen.Sg. / Nom.Pl.)
Text und Konstruktion unsicher (aśunām, bhojinaḥ).
[Sie denken:] Wenn sie wohlbehalten geboren werden und, geboren, leben, geehrt und zu Kräften gekommen sind, mögen sie uns Glück schenken, hier und im Jenseits – so [denken] die Armseligen, die auf Frucht aus sind.
Wort für Wort
yadi svasti prajāyante
wenn sie wohlbehalten geboren werden (Präs.3.Pl.Med.)
jātāḥ jīvanti vā yadi
oder wenn sie, geboren, leben (Part.Pass. / Präs.3.Pl.)
Mein Lieber, als deren Eltern gleichsam aus Begierde entstanden [waren], da eben wurden die Fürsten erschlagen, als sie Kraft und Gestalt gewonnen hatten.
Wort für Wort
yadā eṣām aṅga pitarau
als deren, mein Lieber, die beiden Eltern (Gen.Pl. / Interj. / Nom.Du.)
jātau kāmamayau iva
geboren/entstanden, gleichsam aus Begierde bestehend (Part.Pass.Du. / Nom.Du.)
saṃjātabalarūpeṣu
als Kraft und Gestalt entstanden waren (Lok.Pl.)
tadā eva nihatāḥ nṛpāḥ
da eben erschlagen die Fürsten (Part.Pass. / Nom.Pl.)
Wörtlich etwa: „als ihre beiden Eltern gleichsam aus Begierde bestehend geboren waren“; Sinn nicht ganz sicher.
pāñcālānāṃ kurūṇāṃ ca hatā eva hi ye 'hatāḥ; te vayaṃ tv adhamāṃl lokān prapadyema svakarmabhiḥ
Von den Pāñcālas und Kurus sind gerade die, die unerschlagen [geblieben] sind, [so gut wie] erschlagen; wir aber würden durch unsere eigenen Taten in niedrigere Welten gelangen.
Wort für Wort
pāñcālānām kurūṇām ca
der Pāñcālas und der Kurus (Gen.Pl.)
hatāḥ eva hi ye ahatāḥ
erschlagen sind eben die, die unerschlagen [sind] (Part.Pass. / Nom.Pl.)
te vayam tu adhamān lokān
wir aber in die niedrigeren Welten (Nom.Pl. / Akk.Pl.)
prapadyema svakarmabhiḥ
würden gelangen durch eigene Taten (Opt.1.Pl.Med. / Instr.Pl.)
aṃśakāmā vayaṃ te ca na cāsmābhir na tair jitam; na tair bhukteyam avanir na nāryo gītavāditam
Wir und sie wollten [nur] den Anteil; und doch ist weder von uns noch von ihnen etwas gewonnen: weder haben sie diese Erde genossen noch Frauen, Gesang und Musik.
Wort für Wort
aṃśakāmāḥ vayam te ca
anteilwünschend wir und sie (Nom.Pl.)
na ca asmābhiḥ na taiḥ jitam
und weder von uns noch von ihnen ist gewonnen (Instr.Pl. / Part.Pass.)
na taiḥ bhuktā iyam avaniḥ
nicht von ihnen ist genossen diese Erde (Part.Pass.f. / Nom.Sg.)
na nāryaḥ gītavāditam
nicht Frauen, Gesang und Instrumentalmusik (Nom.Pl. / Nom.Sg.n.)
nāmātyasamitau kathyaṃ na ca śrutavatāṃ śrutam; na ratnāni parārdhyāni na bhūr na draviṇāgamaḥ
[Er hatte nichts,] was in der Ratsversammlung der Minister zu erzählen wäre, und nicht das Wissen der Gelehrten; weder erlesenste Juwelen noch Land noch Zufluss von Reichtum [brachten ihm Freude].
Wort für Wort
na amātyasamitau kathyam
nicht in der Versammlung der Minister Erzählbares (Lok.Sg. / Gerundiv)
na ca śrutavatām śrutam
und nicht das Gelernte der Gelehrten (Gen.Pl. / Nom.Sg.n.)
na ratnāni parārdhyāni
nicht kostbarste Juwelen (Nom.Pl.n.)
na bhūḥ na draviṇāgamaḥ
nicht Land, nicht Zufluss von Reichtum (Nom.Sg.)
Konstruktion unsicher; vgl. die folgende Zusatzzeile („kein Glück“).
Ihn, der im Unrecht stand, billigte der Vater aus Gier nach dem Sohn, ohne auch nur auf den Vater, auf Gāṅgeya und Vidura zu achten; zweifellos ist Dhṛtarāṣṭra so [ins Unheil] geraten wie ich.
Wort für Wort
tam pitā putragṛddhitvāt
ihn der Vater aus Sohnesgier (Akk.Sg. / Nom.Sg. / Abl.Sg.)
anumene anaye sthitam
billigte, im Unrecht stehend (Perf.3.Sg.Med. / Lok.Sg. / Part.Pass.)
Er, der den unlauteren, gierigen, dem Willen der Begierde folgenden Sohn nicht zügelte, ist vom leuchtenden Ruhm gefallen, nachdem er die Brüder [des Sohnes] hat erschlagen lassen.
Wort für Wort
aniyamya aśucim lubdham
nicht gezügelt habend den Unreinen, Gierigen (Abs. / Akk.Sg.)
putram kāmavaśānugam
den Sohn, der dem Willen der Begierde folgt (Akk.Sg.)
patitaḥ yaśasaḥ dīptāt
gefallen vom leuchtenden Ruhm (Part.Pass. / Abl.Sg.)
ghātayitvā sahodarān
erschlagen lassen habend die Brüder (Abs.Kaus. / Akk.Pl.)
Subjekt (Dhṛtarāṣṭra oder Duryodhana) und Bezug von sahodarān unsicher [?].
so 'smākaṃ vairapuruṣo durmantripragrahaṃ gataḥ; duryodhanakṛte hy etat kulaṃ no vinipātitam; avadhyānāṃ vadhaṃ kṛtvā loke prāptāḥ sma vācyatām
Er, unser Feind [in Person], geriet unter die Zügel schlechter Berater; um Duryodhanas willen wurde dieses unser Geschlecht zu Fall gebracht; die Unerschlagbaren erschlagen habend, sind wir in der Welt dem Tadel verfallen.
Wort für Wort
saḥ asmākam vairapuruṣaḥ
er, unser Feind-Mann (Nom.Sg. / Gen.Pl.)
durmantripragraham gataḥ
unter die Zügel schlechter Berater geraten (Akk.Sg. / Part.Pass.)
duryodhanakṛte hi etat
um Duryodhanas willen ja dieses (Adv. / Nom.Sg.n.)
kulam naḥ vinipātitam
Geschlecht unser zu Fall gebracht (Nom.Sg.n. / Part.Pass.Kaus.)
avadhyānām vadham kṛtvā
der Unerschlagbaren Erschlagen getan habend (Gen.Pl. / Abs.)
loke prāptāḥ sma vācyatām
in der Welt sind wir dem Tadel verfallen (Lok.Sg. / Part.Pass. / Akk.Sg.)
hatāḥ śūrāḥ kṛtaṃ pāpaṃ viṣayaḥ svo vināśitaḥ; hatvā no vigato manyuḥ śoko māṃ rundhayaty ayam
Die Helden sind erschlagen, die Sünde ist getan, das eigene Land ist vernichtet; nachdem wir [sie] erschlagen, ist der Zorn gewichen, doch dieser Kummer bedrängt mich.
Wort für Wort
hatāḥ śūrāḥ kṛtam pāpam
erschlagen die Helden, getan die Sünde (Part.Pass.)
viṣayaḥ svaḥ vināśitaḥ
das eigene Land vernichtet (Nom.Sg. / Part.Pass.Kaus.)
hatvā naḥ vigataḥ manyuḥ
nach dem Erschlagen ist uns der Zorn gewichen (Abs. / Part.Pass. / Nom.Sg.)
śokaḥ mām rundhayati ayam
dieser Kummer bedrängt mich (Nom.Sg. / Akk.Sg. / Präs.3.Sg.Kaus.)
Wenn die Überlieferung [besagt], dass der Verzichtende Geburt und Tod nicht erlangt, dann wird der, der den Weg erreicht hat und dessen Sinn gefestigt ist, zu Brahman.
Wort für Wort
tyāgavān janmamaraṇe
der Verzichtende [erlangt] Geburt und Tod (Nom.Sg. / Akk.Du.)
na āpnoti iti śrutiḥ yadā
nicht, so [lautet] die Überlieferung, wenn (Präs.3.Sg.)
prāptavartmā kṛtamatiḥ
der den Weg erreicht hat, entschlossenen Sinnes (Nom.Sg.)
brahma saṃpadyate tadā
zu Brahman wird er dann (Akk.Sg.n. / Präs.3.Sg.Med.)
So werde ich, Dhanaṃjaya, frei von Gegensätzen, als Weiser, mit Erkenntnis begabt, von euch allen Abschied nehmend, in den Wald gehen, Bezwinger der Feinde.
Wort für Wort
sa dhanaṃjaya nirdvaṃdvaḥ
so, Dhanaṃjaya, frei von Gegensätzen (Vok. / Nom.Sg.)
muniḥ jñānasamanvitaḥ
ein Weiser, mit Erkenntnis begabt (Nom.Sg.)
vanam āmantrya vaḥ sarvān
in den Wald, Abschied genommen habend von euch allen (Akk.Sg. / Abs. / Akk.Pl.)
gamiṣyāmi paraṃtapa
werde ich gehen, Feindebezwinger (Fut.1.Sg. / Vok.Sg.)
mayā nisṛṣṭaṃ pāpaṃ hi parigraham abhīpsatā; janmakṣayanimittaṃ ca śakyaṃ prāptum iti śrutiḥ
Von mir, der ich Besitz erstrebte, ist ja Sünde [in die Welt] gesetzt worden; und das Mittel zum Ende der Geburt ist erreichbar – so die Überlieferung.
Wort für Wort
mayā nisṛṣṭam pāpam hi
von mir ist Sünde freigesetzt/verübt worden [?] (Instr.Sg. / Part.Pass.)
parigraham abhīpsatā
von mir, der ich Besitz erstrebte (Akk.Sg. / Part.Präs.Instr.)
janmakṣayanimittam ca
und der Anlass/das Mittel zum Ende der Geburt (Nom.Sg.n.)
śakyam prāptum iti śrutiḥ
ist erlangbar, so die Überlieferung (Nom.Sg.n. / Inf.)
nisṛṣṭam pāpam unsicher: „ist verübt / ist [von mir] aufgegeben“; hier als „verübt“ gedeutet [?].