Kapitel 312: śukasya mithilāgamanam
Śukas Reise nach Mithilā zu König Janaka
Bhīṣma erzählt, wie Śuka, der Sohn des Vyāsa, auf dessen Geheiß zu Fuß nach Mithilā zog, um von König Janaka über die Erlösung (mokṣa) unterwiesen zu werden. Das Kapitel schildert die weite Reise, den Empfang am Hof und die erste Nacht im königlichen Frauengemach, in der Śuka trotz aller Verlockungen unberührt in Versenkung verharrt.
bhīṣma uvāca; sa mokṣam anucintyaiva śukaḥ pitaram abhyagāt; prāhābhivādya ca guruṃ śreyorthī vinayānvitaḥ
Bhīṣma sprach: Nachdem er einzig über die Erlösung nachgedacht hatte, ging Śuka zu seinem Vater; er begrüßte den Lehrer und sprach, nach dem Heil verlangend, in Ergebenheit.
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (3.Sg.Perf.)
sa mokṣam anucintya eva śukaḥ
er, nachdem er einzig über die Erlösung nachgedacht hatte, Śuka (Abs./Nom.Sg.)
pitaram abhyagāt
ging zum Vater hin (Akk.Sg./3.Sg.Impf.)
prāha abhivādya ca gurum
und sprach, nachdem er den Lehrer gegrüßt hatte (3.Sg.Perf./Abs.)
śreyorthī vinayānvitaḥ
nach dem Heil verlangend, mit Ergebenheit ausgestattet (Nom.Sg.)
Als Vyāsa erkannte, dass sein Sohn mit brahmischer Herrlichkeit begabt, an Tatkraft dem Brahman gleich und kundig in der Wissenschaft der Erlösung war...
Wort für Wort
sa taṃ brāhmyā śriyā yuktam
ihn, ausgestattet mit brahmischer Herrlichkeit (Akk.Sg.)
uktaś ca mānuṣeṇa tvaṃ pathā gacchety avismitaḥ; na prabhāveṇa gantavyam antarikṣacareṇa vai
Und dir wurde gesagt: „Du sollst den menschlichen Weg gehen“ – ohne Erstaunen; nicht durch [übernatürliche] Macht sollst du reisen, nicht auf dem Weg durch die Luft.
Wort für Wort
uktaś ca
und [dir] wurde gesagt (Nom.Sg.Perf.Pass.Part.)
mānuṣeṇa tvaṃ pathā
du auf menschlichem Wege (Instr.Sg./Nom.Sg.)
gacchety avismitaḥ
'geh!' – ohne Verwunderung (Zitat/Nom.Sg.)
na prabhāveṇa gantavyam
nicht durch [übernatürliche] Macht ist zu gehen (Instr.Sg./Ger.)
antarikṣacareṇa vai
wahrlich auf dem durch die Luft ziehenden [Weg] (Instr.Sg.)
Rückblick auf Vyāsas frühere Reiseanweisung an Śuka.
ārjaveṇaiva gantavyaṃ na sukhānveṣiṇā pathā; nānveṣṭavyā viśeṣās tu viśeṣā hi prasaṅginaḥ
Nur mit Aufrichtigkeit sollst du gehen, nicht auf dem Weg, der Bequemlichkeit sucht; Besonderheiten sollen nicht gesucht werden, denn Besonderheiten führen zur Verhaftung.
Wort für Wort
ārjaveṇaiva gantavyam
allein mit Aufrichtigkeit ist zu gehen (Instr.Sg./Ger.)
na sukhānveṣiṇā pathā
nicht auf dem nach Bequemlichkeit suchenden Weg (Instr.Sg.)
na anveṣṭavyā viśeṣāḥ
nicht zu suchen sind Besonderheiten (Ger./Nom.Pl.)
tu viśeṣā hi prasaṅginaḥ
denn Besonderheiten [führen] wahrlich zur Anhaftung (Nom.Pl.)
ahaṃkāro na kartavyo yājye tasmin narādhipe; sthātavyaṃ ca vaśe tasya sa te chetsyati saṃśayam
Kein Ich-Stolz soll gegenüber jenem Herrscher gezeigt werden, dessen Opferpriester [du sein wirst]; du sollst dich seiner Herrschaft unterordnen – er wird deinen Zweifel zerschlagen.
Wort für Wort
ahaṃkāro na kartavyaḥ
kein Ich-Stolz ist zu machen (Nom.Sg./Ger.)
yājye tasmin narādhipe
gegenüber jenem Herrscher, dessen Opferpriester [du sein wirst] (Lok.Sg.)
sthātavyaṃ ca vaśe tasya
und du sollst in seiner Gewalt stehen (Ger./Lok.Sg.)
sa te chetsyati saṃśayam
er wird deinen Zweifel zerschneiden (3.Sg.Fut./Akk.Sg.)
So angesprochen, ging jener von gerechter Gesinnung erfüllte Weise zu Fuß nach Mithilā, obwohl er fähig war, durch die Luft die Erde mit ihren Meeren zu durchschreiten.
Wort für Wort
evam uktaḥ sa dharmātmā
so angesprochen, jener von gerechter Gesinnung (Nom.Sg.)
pitur vacanam ājñāya tam evārthaṃ vicintayan; adhvānaṃ so 'ticakrāma khe 'caraḥ khe carann iva
Eingedenk des Wortes des Vaters, nur über diesen Zweck nachdenkend, durchschritt er den Weg, [obwohl] nicht durch die Luft ziehend, wie einer, der durch die Luft zieht.
Wort für Wort
pitur vacanam ājñāya
das Wort des Vaters kennend/befolgend (Akk.Sg./Abs.)
tam evārthaṃ vicintayan
nur über diesen Zweck nachdenkend (Akk.Sg./Part.Präs.)
adhvānaṃ so 'ticakrāma
er durchschritt den Weg (Akk.Sg./3.Sg.Perf.)
khe 'caraḥ
nicht im Himmel wandelnd (Nom.Sg.)
khe carann iva
wie einer, der im Himmel wandelt (Part.Präs.+Vergleichspartikel)
hastyaśvarathasaṃkīrṇaṃ naranārīsamākulam; paśyann apaśyann iva tat samatikrāmad acyutaḥ
[Die Stadt,] durchmengt von Elefanten, Pferden und Wagen, gedrängt voll von Männern und Frauen, sehend und doch wie nicht sehend, durchschritt der Unfehlbare all dies.
Wort für Wort
hastyaśvarathasaṃkīrṇaṃ
durchmengt von Elefanten, Pferden, Wagen (Akk.Sg.)
naranārīsamākulam
gedrängt voll von Männern und Frauen (Akk.Sg.)
paśyann apaśyann iva
sehend und doch wie nicht sehend (Part.Präs.)
tat samatikrāmad acyutaḥ
durchschritt der Unfehlbare dies (Akk.Sg./3.Sg.Impf./Nom.Sg.)
Nachdem er das Tor der Stadt erreicht hatte, von den Torwächtern zurückgehalten, blieb er stehen, der Versenkung zugewandt; als man ihn als Befreiten erkannte, trat er ein.
Wort für Wort
tasyā dvāraṃ samāsādya
nachdem er das Tor dieser [Stadt] erreicht hatte (Abs./Akk.Sg.)
dvārapālair nivāritaḥ
von den Torwächtern zurückgehalten (Instr.Pl./Nom.Sg.)
sthito dhyānaparaḥ
stehend, der Versenkung zugewandt (Nom.Sg.)
mukto viditaḥ praviveśa ha
als Befreiter erkannt, trat er ein (Nom.Sg./3.Sg.Perf.)
na cātapādhvasaṃtaptaḥ kṣutpipāsāśramānvitaḥ; pratāmyati glāyati vā nāpaiti ca tathātapāt
Und obwohl von Sonnenhitze und Weg gequält, von Hunger, Durst und Ermüdung befallen, ermattete er nicht und wurde nicht schwach, und er wich auch nicht von jener Sonnenhitze.
Wort für Wort
na cātapādhvasaṃtaptaḥ
und nicht von Sonnenhitze und Weg gequält [wenn auch] (Nom.Sg.)
kṣutpipāsāśramānvitaḥ
von Hunger, Durst und Ermüdung befallen (Nom.Sg.)
pratāmyati glāyati vā
ermattet er, oder wird schwach (3.Sg.Präs.)
nāpaiti ca tathātapāt
und er weicht nicht von jener Sonnenhitze (3.Sg.Präs./Abl.Sg.)
Nachdem der Minister des Königs nach kurzer Zeit zu ihm gekommen war, mit gefalteten Händen, ließ er ihn dann in den dritten Hof des Königspalastes eintreten.
Wort für Wort
taṃ muhūrtād ivāgamya
nachdem er nach kurzer Zeit zu ihm gekommen war (Abs./Abl.Sg.Adv.)
rājño mantrī kṛtāñjaliḥ
der Minister des Königs, mit gefalteten Händen (Gen.Sg./Nom.Sg.)
prāveśayat tataḥ
ließ er dann eintreten (3.Sg.Impf.Kaus.)
kakṣyāṃ tṛtīyāṃ rājaveśmanaḥ
in den dritten Hof des Königspalastes (Akk.Sg./Gen.Sg.)
Dort war ein mit dem Frauengemach verbundener, großer, dem Caitraratha-Park gleichender [Garten], mit wohlgeordneten Wasserspielplätzen, reizend, mit blühenden Bäumen.
Wort für Wort
tatrāntaḥpurasaṃbaddhaṃ
dort mit dem Frauengemach verbunden (Akk.Sg.)
mahac caitrarathopamam
groß, dem [Götterpark] Caitraratha gleich (Akk.Sg.)
...kundig in den Diensten der Liebe, die Gemütsregungen kennend, in allem erfahren – mehr als fünfzig Frauen, die vornehmsten Kurtisanen, eilten herbei.
Wort für Wort
kāmopacārakuśalā
kundig in den Diensten der Liebe (Nom.Pl.)
bhāvajñāḥ sarvakovidāḥ
die Gemütsregungen kennend, in allem erfahren (Nom.Pl.)
paraṃ pañcāśato nāryo
mehr als fünfzig Frauen (Adv./Abl.Sg./Nom.Pl.)
vāramukhyāḥ samādravan
die vornehmsten Kurtisanen liefen herbei (Nom.Pl./3.Pl.Impf.)
Nachdem sie das Fußwaschwasser und anderes [an Ehrengaben] entgegengenommen und ihn mit höchster Verehrung geehrt hatten, sättigten sie ihn auch mit guter, ort- und zeitgemäßer Speise.
Wort für Wort
pādyādīni pratigrāhya
nachdem sie das Fußwasser und anderes entgegengenommen hatten (Akk.Pl./Abs.)
pūjayā parayārcya ca
und mit höchster Verehrung ehrend (Instr.Sg./Abs.)
deśakālopapannena
mit ort- und zeitgemäßer (Instr.Sg.)
sādhvannenāpy atarpayan
auch mit guter Speise sättigten sie [ihn] (Instr.Sg./3.Pl.Impf.Kaus.)
āraṇeyas tu śuddhātmā trisaṃdehas trikarmakṛt; vaśyendriyo jitakrodho na hṛṣyati na kupyati
Der Araṇi-Sohn [Śuka] aber, von reiner Seele, mit den drei Leibern [ausgestattet] [?], die drei [vorgeschriebenen] Werke vollziehend [?], mit gebändigten Sinnen, den Zorn überwunden habend, freute sich nicht und ergrimmte nicht.
Wort für Wort
āraṇeyas tu śuddhātmā
der Araṇi-Sohn [Śuka] aber, von reiner Seele (Nom.Sg.)
trisaṃdehas trikarmakṛt
mit den drei Leibern [?], die drei Werke vollziehend [?] (Nom.Sg.)
vaśyendriyo jitakrodho
mit gebändigten Sinnen, den Zorn überwunden habend (Nom.Sg.)
na hṛṣyati na kupyati
freut sich nicht, ergrimmt nicht (3.Sg.Präs.)
'āraṇeyaḥ' (Araṇi-Sohn) spielt auf die Legende von Śukas wunderbarer Geburt aus den Feuerreibehölzern (araṇi) des Vyāsa an; 'trisaṃdehaḥ' (wörtl. etwa 'die drei Leiber [grob/fein/kausal] besitzend') und 'trikarmakṛt' (die drei [Brahmanen-]Pflichten vollziehend) bleiben in der Deutung unsicher.
pādaśaucaṃ tu kṛtvaiva śukaḥ saṃdhyām upāsya ca; niṣasādāsane puṇye tam evārthaṃ vicintayan
Nachdem Śuka sich die Füße gewaschen und die Dämmerungsandacht verrichtet hatte, setzte er sich auf den geweihten Sitz, einzig über diesen Zweck nachdenkend.
Wort für Wort
pādaśaucaṃ tu kṛtvaiva
nachdem er die Fußwaschung vollzogen hatte (Akk.Sg./Abs.)
śukaḥ saṃdhyām upāsya ca
und Śuka, die Dämmerungsandacht verehrt habend (Nom.Sg./Akk.Sg./Abs.)
niṣasādāsane puṇye
setzte sich auf den geweihten Sitz (3.Sg.Perf./Lok.Sg.)
tam evārthaṃ vicintayan
nur über diesen Zweck nachdenkend (Akk.Sg./Part.Präs.)
Dann, nach kurzer Zeit aufgestanden, nachdem er sogleich die Reinigung vollzogen hatte, wandte sich der weise [Śuka], von den Frauen umgeben, wiederum einzig der Versenkung zu.
Wort für Wort
tato muhūrtād utthāya
dann, nach kurzer Zeit aufgestanden (Adv./Abl.Sg.Adv./Abs.)
kṛtvā śaucam anantaram
nachdem er sogleich die Reinigung vollzogen hatte (Abs./Akk.Sg./Adv.)
strībhiḥ parivṛto dhīmān
von den Frauen umgeben, der Weise (Instr.Pl./Nom.Sg.)
dhyānam evānvapadyata
wandte sich einzig der Versenkung zu (Akk.Sg./3.Sg.Impf.)