Kapitel 243: kāmatyāga-brāhmaṇalakṣaṇa
Wahres Brahmanentum: Freiheit vom Begehren und Eingehen in das Brahman
Vyāsa belehrt über den wahren Brahmanen: nicht Vedastudium oder Opfer, sondern Freiheit von Begehren, Furcht und Hass führen zum Brahman. Es folgen die Stufenreihe der ‚Kerne‘ (upaniṣad) von Wahrheit bis Ruhe und Aussagen über das Selbst und das Ende der Wiedergeburt.
vyāsa uvāca; gandhān rasān nānurundhyāt sukhaṃ vā; nālaṃkārāṃś cāpnuyāt tasya tasya; mānaṃ ca kīrtiṃ ca yaśaś ca necchet; sa vai pracāraḥ paśyato brāhmaṇasya
Vyāsa sprach: Nach Düften und Geschmäcken soll er nicht trachten, auch nicht nach Behagen; keinerlei Schmuck soll er erlangen; weder Ansehen noch Ruhm noch Ehre soll er wünschen. Das ist wahrlich das Verhalten eines [recht] sehenden Brahmanen.
Wort für Wort
vyāsa uvāca
Vyāsa sprach (Perf.3.Sg.)
gandhān rasān nānurundhyāt sukhaṃ vā
nach Düften, Geschmäcken soll er nicht trachten [sich nicht hingeben], oder nach Behagen (Akk.Pl./Akk.Sg.; Opt.3.Sg.)
nālaṃkārāṃś cāpnuyāt tasya tasya
und Schmuck soll er nicht erlangen, von jeglicher Art (Akk.Pl.; Opt.3.Sg.; Gen.Sg. distributiv)
mānaṃ ca kīrtiṃ ca yaśaś ca necchet
Ehre, Ruhm und Ansehen soll er nicht wünschen (Akk.Sg.; Opt.3.Sg.)
sa vai pracāraḥ paśyato brāhmaṇasya
das ist wahrlich das Verhalten des sehenden Brahmanen (Nom.Sg./Gen.Sg.)
sarvān vedān adhīyīta śuśrūṣur brahmacaryavān; ṛco yajūṃṣi sāmāni na tena na sa brāhmaṇaḥ
Alle Veden soll er studieren, dienstbeflissen, im Brahmacarya lebend – Ṛc-, Yajus- und Sāman-Verse; doch dadurch [wird er es] nicht, er ist kein Brahmane.
Wort für Wort
sarvān vedān adhīyīta
alle Veden soll er studieren (Akk.Pl.; Opt.Med.3.Sg.)
śuśrūṣur brahmacaryavān
dienstbeflissen, Keuschheit übend (Nom.Sg.)
ṛco yajūṃṣi sāmāni
Ṛc-, Yajus-, Sāman-Verse (Akk.Pl.)
na tena na sa brāhmaṇaḥ
nicht dadurch, nicht ist er ein Brahmane (Instr.Sg.; Nom.Sg.)
Die Wendung na tena na sa brāhmaṇaḥ ist knapp; sinngemäß: bloßes Vedastudium macht nicht zum Brahmanen.
kāmabandhanam evaikaṃ nānyad astīha bandhanam; kāmabandhanamukto hi brahmabhūyāya kalpate
Die Fessel des Begehrens ist die einzige; eine andere Fessel gibt es hier nicht. Wer von der Fessel des Begehrens befreit ist, wird tauglich, Brahman zu werden.
Wort für Wort
kāmabandhanam evaikam
die Fessel des Begehrens nur, die einzige (Nom.Sg.n.)
nānyad astīha bandhanam
eine andere Fessel gibt es hier nicht (Präs.3.Sg.; Nom.Sg.n.)
kāmabandhanamukto hi
denn wer von der Begehrensfessel befreit ist (Nom.Sg.; Tatpuruṣa)
brahmabhūyāya kalpate
wird tauglich zum Brahman-Sein (Dat.Sg.; Präs.Med.3.Sg.)
āpūryamāṇam acalapratiṣṭhaṃ; samudram āpaḥ praviśanti yadvat; sa kāmakānto na tu kāmakāmaḥ; sa vai lokāt svargam upaiti dehī
Wie die Wasser in den Ozean eingehen, der sich füllt und unbewegt gegründet ist – [so] jener, der [Wünsche] beendet [?], nicht aber der Wünsche Wünschende: er geht als Verkörperter aus dieser Welt zum Himmel ein.
Wort für Wort
āpūryamāṇam acalapratiṣṭhaṃ
sich füllend, unbewegt gegründet (Part.Pass.Präs.; Akk.Sg.)
samudram āpaḥ praviśanti yadvat
in den Ozean die Wasser eingehen, wie (Akk.Sg.; Nom.Pl.; Präs.3.Pl.)
sa kāmakānto na tu kāmakāmaḥ
er, der Wünsche-Beender [?], nicht aber Wunsch-Wünschender (Nom.Sg.)
sa vai lokāt svargam upaiti dehī
er geht wahrlich aus der Welt zum Himmel, als Verkörperter (Abl.Sg.; Akk.Sg.; Präs.3.Sg.; Nom.Sg.)
kāmakāntaḥ unsicher: evtl. kāma-anta 'dessen Wünsche zu Ende sind' oder 'den Wünsche (als Geliebte) erreichen'; nach dem Parallelvers gewählt: der, in dem die Wünsche münden und enden.
Das Durchnässen von Kummer und Geist [?], die Glut samt dem Durst: das Wesen [Sattva] wünschst du aus Zufriedenheit, das höchste, das Merkmal des Friedens hat [?].
Wort für Wort
kledanaṃ śokamanasoḥ
Durchnässung, von Kummer und Geist (Nom./Akk.Sg.n.; Gen./Lok.Du.)
saṃtāpaṃ tṛṣṇayā saha
Glut zusammen mit Durst (Akk.Sg.; Instr.Sg.)
sattvam icchasi saṃtoṣāt
Sattva wünschst du aus Zufriedenheit (Akk.Sg.; Präs.2.Sg.; Abl.Sg.)
śāntilakṣaṇam uttamam
das friedensmerkmalige, höchste (Akk.Sg.n.)
Text vermutlich verderbt oder elliptisch (icchasi 2.Sg. passt schlecht in den Zusammenhang; śokamanasoḥ evtl. śoka-manasoḥ 'von Kummer und Geist' als Dual); Wiedergabe unsicher.
Ohne Kummer, ohne Ich-Bezug, friedvoll, klaren Selbstes, der beste Selbstkenner: mit diesen sechs Merkmalen begabt, vollständig, wird er wieder [dahin] gehen [?].
mit diesen sechs Merkmalen begabt (Instr.Pl.; Nom.Sg.)
samagraḥ punar eṣyati
vollständig, wird er wieder gehen/kommen (Nom.Sg.; Fut.3.Sg.)
punar eṣyati (Ziel unbestimmt, evtl. 'wird wieder zu sich/zum Brahman kommen') unsicher; die Zählung der sechs Merkmale ist im Vers selbst nicht ausdrücklich.
Mit sechs, die mit Sattva-Eigenschaften versehen, weise und überlegene Ratgeber sind [?]: die das Selbst kennen nach dem Tod, jene kennen sie ebenso als hier Verweilende [?].
Wort für Wort
ṣaḍbhiḥ sattvaguṇopetaiḥ
mit sechsen, mit Sattva-Eigenschaften versehen (Instr.Pl.)
prājñair adhikamantribhiḥ
mit weisen, überlegene Ratgeber habenden (Instr.Pl.)
ye viduḥ pretya cātmānam
die, nachdem sie gestorben sind, das Selbst kennen (Perf.3.Pl.; Abs.; Akk.Sg.)
ihasthāṃs tāṃs tathā viduḥ
jene als hier Weilende ebenso kennen sie (Akk.Pl.; Perf.3.Pl.)
Verderbter/dunkler Vers; Bezug der sechs (Sinne? Merkmale?) und Konstruktion unsicher, Wiedergabe tastend.
yena tṛpyaty abhuñjāno yena tuṣyaty avittavān; yenāsneho balaṃ dhatte yas taṃ veda sa vedavit
Wodurch er satt wird, ohne zu essen, wodurch er zufrieden ist, ohne Besitz, wodurch er ohne Anhänglichkeit Kraft trägt: wer dies kennt, der ist ein Veda-Kenner.
Wort für Wort
yena tṛpyaty abhuñjāno
wodurch er satt wird, nicht essend (Instr.Sg.; Präs.3.Sg.; Part.Präs.)
yena tuṣyaty avittavān
wodurch er zufrieden ist, ohne Besitz (Präs.3.Sg.; Nom.Sg.)
yenāsneho balaṃ dhatte
wodurch er ohne Anhänglichkeit Kraft trägt (Nom.Sg.; Akk.Sg.; Präs.Med.3.Sg.)
yas taṃ veda sa vedavit
wer dies kennt, der ist Veda-Kenner (Perf.3.Sg.; Nom.Sg.)
saṃgopya hy ātmano dvārāṇy apidhāya vicintayan; yo hy āste brāhmaṇaḥ śiṣṭaḥ sa ātmaratir ucyate
Die Tore des Selbst hütend und verschließend, nachsinnend: der Brahmane, der so verharrt, der Gebildete, der wird ‚am Selbst sich Erfreuender‘ genannt.
Wort für Wort
saṃgopya hy ātmano dvārāṇi
denn die Tore des Selbst hütend (Abs.; Gen.Sg.; Akk.Pl.)
apidhāya vicintayan
verschließend, nachsinnend (Abs.; Part.Präs.)
yo hy āste brāhmaṇaḥ śiṣṭaḥ
der Brahmane, der verweilt, der Gebildete (Präs.Med.3.Sg.; Nom.Sg.)
sa ātmaratir ucyate
der wird ‚am Selbst sich Erfreuender‘ genannt (Nom.Sg.; Präs.Pass.3.Sg.)
saviśeṣāṇi bhūtāni guṇāṃś cābhajato muneḥ; sukhenāpohyate duḥkhaṃ bhāskareṇa tamo yathā
Bei dem Weisen, der die Wesen mit ihren Besonderheiten und die Eigenschaften nicht [mehr] aufsucht, wird durch Glück das Leid vertrieben, wie durch die Sonne die Finsternis.
Wort für Wort
saviśeṣāṇi bhūtāni
die Wesen mit Besonderheiten (Akk.Pl.n.)
guṇāṃś cābhajato muneḥ
und die Eigenschaften nicht aufsuchend, des Weisen (Akk.Pl.; Gen.Sg.; Part.Präs.)
sukhenāpohyate duḥkham
durch Glück wird Leid vertrieben (Instr.Sg.; Präs.Pass.3.Sg.; Nom.Sg.)
bhāskareṇa tamo yathā
wie durch die Sonne Finsternis (Instr.Sg.; Nom.Sg.)
cābhajataḥ: als ca + abhajataḥ (nicht aufsuchend) gelesen; die Lesart ābhajataḥ ('zugewandt') wäre grammatisch möglich, passt aber schlechter.
tam atikrāntakarmāṇam atikrāntaguṇakṣayam; brāhmaṇaṃ viṣayāśliṣṭaṃ jarāmṛtyū na vindataḥ
Ihn, dessen Werke überschritten sind, dessen Schwinden der Eigenschaften überschritten ist, den Brahmanen, den von den Sinnesobjekten Unberührten, erreichen Alter und Tod nicht.
Wort für Wort
tam atikrāntakarmāṇam
ihn, dessen Werke überschritten sind (Akk.Sg.; Bahuvrīhi)
atikrāntaguṇakṣayam
dessen Schwund der Eigenschaften überschritten ist (Akk.Sg.; Bahuvrīhi)
brāhmaṇaṃ viṣayāśliṣṭam
den Brahmanen, den von Sinnesobjekten Unberührten (Akk.Sg.)
jarāmṛtyū na vindataḥ
Alter und Tod erreichen [ihn] nicht (Nom.Du.; Präs.3.Du.)
atikrāntaguṇakṣayam nicht eindeutig; alternativ 'der das Enden (Kṣaya) der Guṇas überschritten hat'.
Hat er die höchste Ursache erlangt, [ist] für den, dessen Gewirktsein überschritten ist, der das Höhere als das Höchste erreicht hat, keine Wiederkehr.
Wort für Wort
kāraṇaṃ paramaṃ prāpya
die höchste Ursache erlangt habend (Akk.Sg.; Abs.)
atikrāntasya kāryatām
für den, der die Bewirktheit überschritten hat (Gen.Sg.; Akk.Sg.f.)
punarāvartanaṃ nāsti
Wiederkehr gibt es nicht (Nom.Sg.; Präs.3.Sg.)
saṃprāptasya parāt param
für den, der das Höhere als das Höchste erreicht hat (Gen.Sg.; Abl.Sg.; Akk.Sg.)
Syntax locker (Absolutiv prāpya ohne klares Subjekt); atikrāntasya kāryatām ist knapp, sinngemäß 'für den, der das Wirkungsein hinter sich gelassen hat'.