Kapitel 231: ātmadarśanopadeśa
Śukas Frage nach dem Weg zu Brahman und Vyāsas Lehre vom Selbst in allen Wesen
Śuka fragt seinen Vater Vyāsa, wie ein Brahmane das Brahman erlangt und Geist wie Sinne sammelt. Vyāsa antwortet mit der Verkörperung der Elemente, dem Zusammenwirken von Sinnen und Geist, der Schau des unsichtbaren Selbst sowie dem Gegensatz von Vergänglichem und Unvergänglichem.
Bhīṣma sprach: So angeredet, billigte er diese Weisung des höchsten Sehers und begann, dies zu erfragen, was mit dem Dharma der Erlösung und dem [höchsten] Ziel verbunden ist.
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
ity ukto 'bhipraśasya etat
so angeredet, dies billigend (Part.Perf.Pass. / Gerundium)
paramarṣes tu śāsanam
die Weisung des höchsten Sehers (Gen.Sg./Akk.Sg.)
mokṣadharmārthasaṃyuktam idam
dies, verbunden mit Erlösungsdharma und Ziel (Akk.Sg.n., Kompositum)
Śuka sprach: Wie erlangt Brahman ein Mann mit Nachkommen, ein Vedakundiger, Opferer, Greis, Weiser, Neidloser, [Brahman,] das Noch-nicht-Erreichte und nicht durch Überlieferung [Erkennbare]?
Wort für Wort
prajāvāñ śrotriyo yajvā
kinderreich, Vedakundiger, Opferer (Nom.Sg.m.)
vṛddhaḥ prajño 'nasūyakaḥ
Greis, weise, neidlos (Nom.Sg.m.)
anāgatam anaitihyam
das noch nicht Erreichte, nicht durch Überlieferung Erfahrbare (Akk.Sg.n.)
katham
wie (Adv.)
brahma adhigacchati
Brahman erlangt er (Akk. / 3.Sg.Präs.)
anāgatam anaitihyam: „noch nicht gekommen, nicht durch Überlieferung“; Bezug auf brahma, Deutung als Attribut des Brahman.
Vyāsa sprach: Nirgends außer durch Wissen und Askese, nirgends außer durch Bezähmung der Sinne, nirgends außer durch völlige Entsagung findet irgendjemand Vollendung.
Wort für Wort
vyāsa uvāca
Vyāsa sprach (Perf.)
na anyatra vidyātapasoḥ
nicht anderswo als bei Wissen und Askese (Lok./Abl.Du.)
na anyatra indriyanigrahāt
nicht anderswo als durch Sinnesbezähmung (Abl.Sg.)
na anyatra sarvasaṃtyāgāt
nicht anderswo als durch völlige Entsagung (Abl.Sg.)
siddhiṃ vindati kaḥ cana
Vollendung findet irgendjemand (Akk.Sg. / 3.Sg.Präs.)
Von der Erde [stammt] der Körper, vom Wasser der Saft, vom Licht gelten die beiden Augen; der Wind ist Stütze von Einatem und Ausatem, in den Körperöffnungen [ist] der Raum bei den Verkörperten.
Wort für Wort
bhūmeḥ dehaḥ
von der Erde der Körper (Abl.Sg. / Nom.Sg.)
jalāt sāraḥ
vom Wasser der Saft (Abl.Sg. / Nom.Sg.)
jyotiṣaḥ cakṣuṣī smṛte
vom Licht die beiden Augen, gelten (Abl.Sg. / Nom.Du. / 3.Du.Perf.Pass.)
prāṇāpānāśrayaḥ vāyuḥ
der Wind, Stütze von Prāṇa und Apāna (Nom.Sg.m.)
kheṣu ākāśam śarīriṇām
in den Öffnungen der Raum, der Verkörperten (Lok.Pl. / Nom.Sg.n. / Gen.Pl.)
Im Schreiten [ist] Viṣṇu, in der Kraft Śakra, im Bauch Agni, der die Speise verdaut; in den beiden Ohren die Himmelsrichtungen, im Gehör; auf der Zunge die Rede, Sarasvatī.
Wort für Wort
krānte viṣṇuḥ
im Ausschreiten Viṣṇu (Lok.Sg. / Nom.Sg.)
bale śakraḥ
in der Kraft Śakra (Lok.Sg. / Nom.Sg.)
koṣṭhe agniḥ bhuktam archati
im Bauch Agni, das Gegessene verdaut/erhitzt er (Lok.Sg. / Akk.Sg.n. / 3.Sg.Präs.)
karṇayoḥ pradiśaḥ śrotre
in den beiden Ohren die Himmelsrichtungen, im Gehör (Lok.Du. / Nom.Pl.f. / Lok.Sg.)
jihvāyāṃ vāk sarasvatī
auf der Zunge die Rede Sarasvatī (Lok.Sg.f. / Nom.Sg.f.)
archati: „strahlt/verdaut“, hier als Verdauungsfeuer gedeutet.
Die beiden Ohren, die Haut, die beiden Augen, die Zunge und als fünfte die Nase: die Wahrnehmungsorgane, „Sinne“ genannt, [sind] Tore zur Erlangung der Nahrung [Genüsse].
Wort für Wort
karṇau tvak cakṣuṣī
die beiden Ohren, Haut, die beiden Augen (Nom.Du./Sg.)
jihvā nāsikā ca eva pañcamī
Zunge und als fünfte die Nase (Nom.Sg.f.)
darśanāni indriya-uktāni
die Wahrnehmungsorgane, als „Sinne“ bezeichnet (Nom.Pl.n., Part.Perf.Pass.)
dvārāṇi āhārasiddhaye
Tore zur Erlangung von Nahrung (Nom.Pl.n. / Dat.Sg.)
indriyāṇīndriyārthāś ca svabhāvaś cetanā manaḥ; prāṇāpānau ca jīvaś ca nityaṃ deheṣu dehinām
Die Sinne und die Sinnesgegenstände, das Eigenwesen, Bewusstsein, Geist, Einatem und Ausatem und das Lebensprinzip [sind] stets in den Körpern der Verkörperten.
Wort für Wort
indriyāṇi indriyārthāḥ ca
die Sinne und die Sinnesgegenstände (Nom.Pl.)
svabhāvaḥ cetanā manaḥ
Eigenwesen, Bewusstsein, Geist (Nom.Sg.)
prāṇāpānau ca jīvaḥ ca
Prāṇa und Apāna und der Lebensgeist (Nom.Du. / Nom.Sg.)
nityaṃ deheṣu dehinām
stets in den Körpern der Verkörperten (Adv. / Lok.Pl. / Gen.Pl.)
avyaktaṃ vyaktadeheṣu martyeṣv amaram āśritam; yo 'nupaśyati sa pretya kalpate brahmabhūyase
Das Unmanifeste, in manifesten Körpern, in Sterblichen das Unsterbliche, ihnen Innewohnende: wer es erblickt, wird nach dem Tod tauglich zum Brahman-Werden.
Wort für Wort
avyaktaṃ vyaktadeheṣu
das Unmanifeste in den manifesten Körpern (Akk.Sg.n. / Lok.Pl.)
martyeṣu amaram āśritam
in Sterblichen das Unsterbliche, [ihnen] anhaftend (Lok.Pl. / Akk.Sg.n. / Part.Perf.Pass.)
yaḥ anupaśyati
wer [es] erblickt (Nom.Sg.m. / 3.Sg.Präs.)
saḥ pretya kalpate
der wird nach dem Tode tauglich (Nom.Sg.m. / Gerundium / 3.Sg.Präs.Med.)
Selbst die Götter verwirren sich auf dem Weg dessen, der das Selbst aller Wesen geworden ist und allen Wesen wohltut, [sie,] die nach einer Spur des Spurlosen suchen.
Wort für Wort
sarvabhūtātmabhūtasya
dessen, der zum Selbst aller Wesen geworden ist (Gen.Sg.m.)
sarvabhūtahitasya ca
und der allen Wesen zum Wohl ist (Gen.Sg.m.)
devāḥ api mārge muhyanti
selbst die Götter auf dem Weg werden verwirrt (Nom.Pl. / Lok.Sg. / 3.Pl.Präs.)
apadasya padaiṣiṇaḥ
des Spurlosen Spur suchend (Gen.Sg.m. / Nom.Pl.m.)
sarve 'ntaḥsthā ime lokā bāhyam eṣāṃ na kiṃ cana; yaḥ sahasraṃ samāgacched yathā bāṇo guṇacyutaḥ
Alle diese Welten sind innen befindlich, ein Äußeres gibt es von ihnen nicht; wer tausend [Strecken] zurücklegte wie ein von der Sehne gelöster Pfeil, [Anm.: Satz setzt sich im nächsten Vers fort]
Wort für Wort
sarve antaḥsthāḥ ime lokāḥ
alle diese Welten innen befindlich (Nom.Pl.m.)
bāhyam eṣām na kiṃ cana
ein Äußeres von ihnen gibt es nichts (Nom.Sg.n. / Gen.Pl.)
yaḥ sahasraṃ samāgacchet
wer tausend erreichte/durchliefe (Nom.Sg.m. / Akk.Sg.n. / 3.Sg.Opt.)
yathā bāṇaḥ guṇacyutaḥ
wie ein Pfeil, von der Sehne gelöst (Nom.Sg.m.)
sahasram ohne Bezugswort (etwa „tausend [Yojanas/Jahre]“) [?].
der käme an das Ende der Ursache nicht, selbst wenn er gedankenschnell wäre; denn Feineres als das Feine gibt es nicht, und nichts Gröberes als das darauf Folgende [?].
Wort für Wort
na eva antam kāraṇasya iyāt
nicht käme er an das Ende der Ursache (Akk.Sg.m. / Gen.Sg.n. / 3.Sg.Opt.)
yadi api syāt manojavaḥ
selbst wenn er wäre gedankenschnell (3.Sg.Opt. / Nom.Sg.m.)
akṣaraṃ ca kṣaraṃ caiva dvaidhībhāvo 'yam ātmanaḥ; kṣaraḥ sarveṣu bhūteṣu divyaṃ hy amṛtam akṣaram
Das Unvergängliche und das Vergängliche: diese Zweiheit gehört dem Selbst; das Vergängliche ist in allen Wesen, das Göttliche, Unsterbliche aber ist das Unvergängliche.
Wort für Wort
akṣaram ca kṣaram ca eva
unvergänglich und vergänglich (Nom.Sg.n.)
dvaidhībhāvaḥ ayam ātmanaḥ
diese Zweiteilung des Selbst (Nom.Sg.m. / Gen.Sg.)
kṣaraḥ sarveṣu bhūteṣu
das Vergängliche in allen Wesen (Nom.Sg.m. / Lok.Pl.)
divyaṃ hi amṛtam akṣaram
das Göttliche denn, Unsterbliche, Unvergängliche (Nom.Sg.n.)
navadvāraṃ puraṃ gatvā haṃso hi niyato vaśī; īśaḥ sarvasya bhūtasya sthāvarasya carasya ca
Nachdem der Haṃsa in die Stadt mit neun Toren eingegangen ist, [ist er] gezügelt und beherrscht, Herr über jedes Wesen, das Unbewegliche und das Bewegliche.
Wort für Wort
navadvāraṃ puraṃ gatvā
in die Stadt mit neun Toren gegangen (Akk.Sg.n. / Gerundium)
haṃsaḥ hi niyataḥ vaśī
der Haṃsa, gezügelt, Herr seiner selbst (Nom.Sg.m.)
Wegen Verlust, Zerbrechen und Wandel und wegen der Zuflucht in den neuen [oder: neun?] Körpern sprechen die, die das jenseitige Ufer sehen, dem Ungeborenen das Haṃsa-Sein zu.
Wort für Wort
hānibhaṅgavikalpānām
der Verluste, des Zerbrechens, der Wandlungen (Gen.Pl., Kompositum)
navānāṃ saṃśrayeṇa ca
der neuen [?] und durch die Zuflucht (Gen.Pl.m. / Instr.Sg.)
śarīrāṇām ajasya
der Körper, des Ungeborenen (Gen.Pl.n. / Gen.Sg.m.)
āhuḥ haṃsatvam
sagen sie Haṃsa-Sein (3.Pl.Perf. / Akk.Sg.n.)
pāradarśinaḥ
die das andere Ufer Schauenden (Nom.Pl.m.)
navānām: „neu“ oder „neun“ unsicher; Konstruktion gedrängt.
haṃsoktaṃ cākṣaraṃ caiva kūṭasthaṃ yat tad akṣaram; tad vidvān akṣaraṃ prāpya jahāti prāṇajanmanī
Das als Haṃsa Bezeichnete und das Unvergängliche, das, was der Kūṭastha [Unveränderliche] ist, jenes Unvergängliche: wer es weiß und erlangt, der lässt Lebensodem und Geburt hinter sich.
Wort für Wort
haṃsoktam ca akṣaram ca eva
das als Haṃsa Bezeichnete und das Unvergängliche (Nom.Sg.n.)
kūṭastham yat tat akṣaram
das Unveränderliche, was jenes Unvergängliche ist (Nom.Sg.n.)
tat vidvān akṣaraṃ prāpya
das wissend, das Unvergängliche erlangt habend (Nom.Sg.m. / Akk.Sg.n. / Gerundium)
jahāti prāṇajanmanī
verlässt er Lebensodem und Geburt (3.Sg.Präs. / Akk.Du.n.)