Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 231: ātmadarśanopadeśa Śukas Frage nach dem Weg zu Brahman und Vyāsas Lehre vom Selbst in allen Wesen

Śuka fragt seinen Vater Vyāsa, wie ein Brahmane das Brahman erlangt und Geist wie Sinne sammelt. Vyāsa antwortet mit der Verkörperung der Elemente, dem Zusammenwirken von Sinnen und Geist, der Schau des unsichtbaren Selbst sowie dem Gegensatz von Vergänglichem und Unvergänglichem.

bhīṣma uvāca; ity ukto 'bhipraśasyaitat paramarṣes tu śāsanam; mokṣadharmārthasaṃyuktam idaṃ praṣṭuṃ pracakrame

Bhīṣma sprach: So angeredet, billigte er diese Weisung des höchsten Sehers und begann, dies zu erfragen, was mit dem Dharma der Erlösung und dem [höchsten] Ziel verbunden ist.

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
ity ukto 'bhipraśasya etat
so angeredet, dies billigend (Part.Perf.Pass. / Gerundium)
paramarṣes tu śāsanam
die Weisung des höchsten Sehers (Gen.Sg./Akk.Sg.)
mokṣadharmārthasaṃyuktam idam
dies, verbunden mit Erlösungsdharma und Ziel (Akk.Sg.n., Kompositum)
praṣṭuṃ pracakrame
begann zu fragen (Inf. / 3.Sg.Perf.Med.)

śuka uvāca; prajāvāñ śrotriyo yajvā vṛddhaḥ prajño 'nasūyakaḥ; anāgatam anaitihyaṃ kathaṃ brahmādhigacchati

Śuka sprach: Wie erlangt Brahman ein Mann mit Nachkommen, ein Vedakundiger, Opferer, Greis, Weiser, Neidloser, [Brahman,] das Noch-nicht-Erreichte und nicht durch Überlieferung [Erkennbare]?

Wort für Wort
prajāvāñ śrotriyo yajvā
kinderreich, Vedakundiger, Opferer (Nom.Sg.m.)
vṛddhaḥ prajño 'nasūyakaḥ
Greis, weise, neidlos (Nom.Sg.m.)
anāgatam anaitihyam
das noch nicht Erreichte, nicht durch Überlieferung Erfahrbare (Akk.Sg.n.)
katham
wie (Adv.)
brahma adhigacchati
Brahman erlangt er (Akk. / 3.Sg.Präs.)

anāgatam anaitihyam: „noch nicht gekommen, nicht durch Überlieferung“; Bezug auf brahma, Deutung als Attribut des Brahman.

tapasā brahmacaryeṇa sarvatyāgena medhayā; sāṃkhye vā yadi vā yoge etat pṛṣṭo 'bhidhatsva me

Durch Askese, Keuschheit, völlige Entsagung, durch Einsicht, im Sāṃkhya oder auch im Yoga: so gefragt, sage es mir.

Wort für Wort
tapasā brahmacaryeṇa
durch Askese, durch Keuschheit (Instr.Sg.)
sarvatyāgena medhayā
durch völlige Entsagung, durch Einsicht (Instr.Sg.)
sāṃkhye vā yadi vā yoge
im Sāṃkhya oder wenn [nicht], im Yoga (Lok.Sg.)
etat pṛṣṭaḥ
hiernach gefragt (Akk. / Part.Perf.Pass. Nom.Sg.m.)
abhidhatsva me
sprich, mir (Imp.Med.2.Sg. / Dat.)

manasaś cendriyāṇāṃ cāpy aikāgryaṃ samavāpyate; yenopāyena puruṣais tac ca vyākhyātum arhasi

Durch welches Mittel bei Menschen die Sammlung auf einen Punkt von Geist und auch von Sinnen erlangt wird, das solltest du erklären.

Wort für Wort
manasaḥ ca indriyāṇāṃ ca api
des Geistes und auch der Sinne (Gen.)
aikāgryam samavāpyate
Einspitzigkeit wird erlangt (Nom.Sg.n. / 3.Sg.Präs.Pass.)
yena upāyena puruṣaiḥ
durch welches Mittel von den Menschen (Instr.)
tat ca vyākhyātum arhasi
das auch zu erklären vermagst du (Inf. / 2.Sg.Präs.)

vyāsa uvāca; nānyatra vidyātapasor nānyatrendriyanigrahāt; nānyatra sarvasaṃtyāgāt siddhiṃ vindati kaś cana

Vyāsa sprach: Nirgends außer durch Wissen und Askese, nirgends außer durch Bezähmung der Sinne, nirgends außer durch völlige Entsagung findet irgendjemand Vollendung.

Wort für Wort
vyāsa uvāca
Vyāsa sprach (Perf.)
na anyatra vidyātapasoḥ
nicht anderswo als bei Wissen und Askese (Lok./Abl.Du.)
na anyatra indriyanigrahāt
nicht anderswo als durch Sinnesbezähmung (Abl.Sg.)
na anyatra sarvasaṃtyāgāt
nicht anderswo als durch völlige Entsagung (Abl.Sg.)
siddhiṃ vindati kaḥ cana
Vollendung findet irgendjemand (Akk.Sg. / 3.Sg.Präs.)

mahābhūtāni sarvāṇi pūrvasṛṣṭiḥ svayaṃbhuvaḥ; bhūyiṣṭhaṃ prāṇabhṛdgrāme niviṣṭāni śarīriṣu

Die großen Elemente, alle, die Ur-Schöpfung des Selbstentstandenen, sind zumeist in der Schar der Lebewesen, in den Verkörperten, eingegangen.

Wort für Wort
mahābhūtāni sarvāṇi
die großen Elemente, alle (Nom.Pl.n.)
pūrvasṛṣṭiḥ svayaṃbhuvaḥ
Ur-Schöpfung des Selbstentstandenen (Nom.Sg.f. / Gen.Sg.)
bhūyiṣṭham
zumeist (Adv.)
prāṇabhṛdgrāme
in der Schar der Lebewesen (Lok.Sg.)
niviṣṭāni śarīriṣu
eingegangen, in den Verkörperten (Part.Perf.Pass. Nom.Pl.n. / Lok.Pl.)

bhūmer deho jalāt sāro jyotiṣaś cakṣuṣī smṛte; prāṇāpānāśrayo vāyuḥ kheṣv ākāśaṃ śarīriṇām

Von der Erde [stammt] der Körper, vom Wasser der Saft, vom Licht gelten die beiden Augen; der Wind ist Stütze von Einatem und Ausatem, in den Körperöffnungen [ist] der Raum bei den Verkörperten.

Wort für Wort
bhūmeḥ dehaḥ
von der Erde der Körper (Abl.Sg. / Nom.Sg.)
jalāt sāraḥ
vom Wasser der Saft (Abl.Sg. / Nom.Sg.)
jyotiṣaḥ cakṣuṣī smṛte
vom Licht die beiden Augen, gelten (Abl.Sg. / Nom.Du. / 3.Du.Perf.Pass.)
prāṇāpānāśrayaḥ vāyuḥ
der Wind, Stütze von Prāṇa und Apāna (Nom.Sg.m.)
kheṣu ākāśam śarīriṇām
in den Öffnungen der Raum, der Verkörperten (Lok.Pl. / Nom.Sg.n. / Gen.Pl.)

krānte viṣṇur bale śakraḥ koṣṭhe 'gnir bhuktam archati; karṇayoḥ pradiśaḥ śrotre jihvāyāṃ vāk sarasvatī

Im Schreiten [ist] Viṣṇu, in der Kraft Śakra, im Bauch Agni, der die Speise verdaut; in den beiden Ohren die Himmelsrichtungen, im Gehör; auf der Zunge die Rede, Sarasvatī.

Wort für Wort
krānte viṣṇuḥ
im Ausschreiten Viṣṇu (Lok.Sg. / Nom.Sg.)
bale śakraḥ
in der Kraft Śakra (Lok.Sg. / Nom.Sg.)
koṣṭhe agniḥ bhuktam archati
im Bauch Agni, das Gegessene verdaut/erhitzt er (Lok.Sg. / Akk.Sg.n. / 3.Sg.Präs.)
karṇayoḥ pradiśaḥ śrotre
in den beiden Ohren die Himmelsrichtungen, im Gehör (Lok.Du. / Nom.Pl.f. / Lok.Sg.)
jihvāyāṃ vāk sarasvatī
auf der Zunge die Rede Sarasvatī (Lok.Sg.f. / Nom.Sg.f.)

archati: „strahlt/verdaut“, hier als Verdauungsfeuer gedeutet.

karṇau tvak cakṣuṣī jihvā nāsikā caiva pañcamī; darśanānīndriyoktāni dvārāṇy āhārasiddhaye

Die beiden Ohren, die Haut, die beiden Augen, die Zunge und als fünfte die Nase: die Wahrnehmungsorgane, „Sinne“ genannt, [sind] Tore zur Erlangung der Nahrung [Genüsse].

Wort für Wort
karṇau tvak cakṣuṣī
die beiden Ohren, Haut, die beiden Augen (Nom.Du./Sg.)
jihvā nāsikā ca eva pañcamī
Zunge und als fünfte die Nase (Nom.Sg.f.)
darśanāni indriya-uktāni
die Wahrnehmungsorgane, als „Sinne“ bezeichnet (Nom.Pl.n., Part.Perf.Pass.)
dvārāṇi āhārasiddhaye
Tore zur Erlangung von Nahrung (Nom.Pl.n. / Dat.Sg.)

śabdaṃ sparśaṃ tathā rūpaṃ rasaṃ gandhaṃ ca pañcamam; indriyāṇi pṛthak tv arthān manaso darśayanty uta

Laut, Berührung, ebenso Gestalt, Geschmack und als fünften Geruch: diese Gegenstände zeigen die Sinne einzeln dem Geist.

Wort für Wort
śabdaṃ sparśaṃ tathā rūpam
Laut, Berührung, ebenso Gestalt (Akk.Sg.m.)
rasaṃ gandhaṃ ca pañcamam
Geschmack, Geruch und als fünften (Akk.Sg.)
indriyāṇi pṛthak tu
die Sinne, einzeln aber (Nom.Pl.n. / Adv.)
arthān manasaḥ
die Gegenstände dem Geist (Akk.Pl.m. / Dat./Gen.Sg.)
darśayanti uta
zeigen sie fürwahr (3.Pl.Kaus.Präs.)

indriyāṇi mano yuṅkte vaśyān yanteva vājinaḥ; manaś cāpi sadā yuṅkte bhūtātmā hṛdayāśritaḥ

Die Sinne schirrt der Geist an, wie Wagenlenker die gehorsamen Rosse; und den Geist schirrt stets das Wesens-Selbst an, das im Herzen ruht.

Wort für Wort
indriyāṇi manaḥ yuṅkte
die Sinne schirrt der Geist an (Akk.Pl.n. / Nom.Sg. / 3.Sg.Präs.Med.)
vaśyān yantā iva vājinaḥ
gehorsame Rosse wie ein Lenker (Akk.Pl.m. / Nom.Sg.m. / Akk.Pl.m.)
manaḥ ca api sadā yuṅkte
und den Geist schirrt es stets an (Akk.Sg.n. / 3.Sg.Präs.Med.)
bhūtātmā hṛdayāśritaḥ
das Wesens-Selbst, im Herzen ruhend (Nom.Sg.m.)

indriyāṇāṃ tathaiveṣāṃ sarveṣām īśvaraṃ manaḥ; niyame ca visarge ca bhūtātmā manasas tathā

So ist der Geist der Herr aller dieser Sinne; im Zügeln und im Loslassen [ist] ebenso das Wesens-Selbst [Herr] des Geistes.

Wort für Wort
indriyāṇāṃ tathā eva eṣāṃ sarveṣām
aller dieser Sinne ebenso (Gen.Pl.n.)
īśvaram manaḥ
Herr ist der Geist (Nom.Sg.n.)
niyame ca visarge ca
im Zügeln und im Loslassen (Lok.Sg.m.)
bhūtātmā manasaḥ tathā
das Wesens-Selbst des Geistes ebenso (Nom.Sg.m. / Gen.Sg.n.)

indriyāṇīndriyārthāś ca svabhāvaś cetanā manaḥ; prāṇāpānau ca jīvaś ca nityaṃ deheṣu dehinām

Die Sinne und die Sinnesgegenstände, das Eigenwesen, Bewusstsein, Geist, Einatem und Ausatem und das Lebensprinzip [sind] stets in den Körpern der Verkörperten.

Wort für Wort
indriyāṇi indriyārthāḥ ca
die Sinne und die Sinnesgegenstände (Nom.Pl.)
svabhāvaḥ cetanā manaḥ
Eigenwesen, Bewusstsein, Geist (Nom.Sg.)
prāṇāpānau ca jīvaḥ ca
Prāṇa und Apāna und der Lebensgeist (Nom.Du. / Nom.Sg.)
nityaṃ deheṣu dehinām
stets in den Körpern der Verkörperten (Adv. / Lok.Pl. / Gen.Pl.)

āśrayo nāsti sattvasya guṇaśabdo na cetanā; sattvaṃ hi tejaḥ sṛjati na guṇān vai kadā cana

Für das Sattva gibt es keine Stütze; „Guṇa“ ist [nur] ein Wort, nicht das Bewusstsein; das Sattva erzeugt Glanz, doch niemals die Guṇas. [?]

Wort für Wort
āśrayaḥ na asti sattvasya
eine Stütze gibt es nicht für das Sattva (Nom.Sg.m. / 3.Sg.Präs. / Gen.Sg.)
guṇaśabdaḥ na cetanā
das Wort „Guṇa“, nicht Bewusstsein (Nom.Sg.m. / Nom.Sg.f.)
sattvaṃ hi tejaḥ sṛjati
denn das Sattva erzeugt Glanz (Nom.Sg.n. / Akk.Sg.n. / 3.Sg.Präs.)
na guṇān vai kadā cana
nicht die Guṇas gewiss jemals (Akk.Pl.m.)

Stark gedrängte, philosophisch schwierige Halbzeilen; Wiedergabe unsicher.

evaṃ saptadaśaṃ dehe vṛtaṃ ṣoḍaśabhir guṇaiḥ; manīṣī manasā vipraḥ paśyaty ātmānam ātmani

So [ist] das Siebzehnte im Körper, umhüllt von sechzehn Guṇas; der weise Brahmane erblickt mit dem Geist das Selbst im Selbst.

Wort für Wort
evaṃ saptadaśaṃ dehe
so das Siebzehnte im Körper (Nom.Sg.n. / Lok.Sg.)
vṛtaṃ ṣoḍaśabhiḥ guṇaiḥ
umhüllt von sechzehn Guṇas (Part.Perf.Pass. / Instr.Pl.)
manīṣī manasā vipraḥ
der Weise mit dem Geist, der Brahmane (Nom.Sg.m. / Instr.Sg.)
paśyati ātmānam ātmani
erblickt das Selbst im Selbst (3.Sg.Präs. / Akk.Sg. / Lok.Sg.)

na hy ayaṃ cakṣuṣā dṛśyo na ca sarvair apīndriyaiḥ; manasā saṃpradīptena mahān ātmā prakāśate

Denn dieses [Selbst] ist weder mit dem Auge zu sehen noch mit allen Sinnen; durch den hell entflammten Geist leuchtet das große Selbst auf.

Wort für Wort
na hi ayaṃ cakṣuṣā dṛśyaḥ
denn dieser ist nicht mit dem Auge sichtbar (Instr.Sg. / Gerundiv Nom.Sg.m.)
na ca sarvaiḥ api indriyaiḥ
und nicht mit allen Sinnen (Instr.Pl.)
manasā saṃpradīptena
durch den hell entflammten Geist (Instr.Sg.n., Part.Perf.Pass.)
mahān ātmā prakāśate
das große Selbst leuchtet auf (Nom.Sg.m. / 3.Sg.Präs.Med.)

aśabdasparśarūpaṃ tad arasāgandham avyayam; aśarīraṃ śarīre sve nirīkṣeta nirindriyam

Ohne Laut, Berührung und Gestalt, ohne Geschmack und Geruch, unvergänglich, körperlos, sinnenlos: das soll man in seinem eigenen Körper erblicken.

Wort für Wort
aśabdasparśarūpam tat
ohne Laut, Berührung, Gestalt, jenes (Nom.Sg.n., Kompositum)
arasāgandham avyayam
ohne Geschmack und Geruch, unvergänglich (Nom.Sg.n.)
aśarīraṃ śarīre sve
körperlos im eigenen Körper (Nom.Sg.n. / Lok.Sg.)
nirīkṣeta nirindriyam
man soll erblicken, sinnenlos (3.Sg.Opt.Med. / Akk.Sg.n.)

avyaktaṃ vyaktadeheṣu martyeṣv amaram āśritam; yo 'nupaśyati sa pretya kalpate brahmabhūyase

Das Unmanifeste, in manifesten Körpern, in Sterblichen das Unsterbliche, ihnen Innewohnende: wer es erblickt, wird nach dem Tod tauglich zum Brahman-Werden.

Wort für Wort
avyaktaṃ vyaktadeheṣu
das Unmanifeste in den manifesten Körpern (Akk.Sg.n. / Lok.Pl.)
martyeṣu amaram āśritam
in Sterblichen das Unsterbliche, [ihnen] anhaftend (Lok.Pl. / Akk.Sg.n. / Part.Perf.Pass.)
yaḥ anupaśyati
wer [es] erblickt (Nom.Sg.m. / 3.Sg.Präs.)
saḥ pretya kalpate
der wird nach dem Tode tauglich (Nom.Sg.m. / Gerundium / 3.Sg.Präs.Med.)
brahmabhūyase
zum Brahman-Werden (Dat.Sg.n.)

vidyābhijanasaṃpanne brāhmaṇe gavi hastini; śuni caiva śvapāke ca paṇḍitāḥ samadarśinaḥ

Bei einem Brahmanen, der reich an Wissen und edler Herkunft ist, bei Kuh, Elefant, Hund und Hundeköcher sind die Gelehrten Gleichschauende.

Wort für Wort
vidyābhijanasaṃpanne brāhmaṇe
bei einem Brahmanen, ausgestattet mit Wissen und Herkunft (Lok.Sg.m.)
gavi hastini
bei Kuh, bei Elefant (Lok.Sg.)
śuni ca eva śvapāke ca
bei Hund und bei Hundeköcher (Lok.Sg.)
paṇḍitāḥ samadarśinaḥ
die Gelehrten sind Gleichschauende (Nom.Pl.m.)

sa hi sarveṣu bhūteṣu jaṅgameṣu dhruveṣu ca; vasaty eko mahān ātmā yena sarvam idaṃ tatam

Denn dieses eine große Selbst wohnt in allen Wesen, den beweglichen und den festen, [dasjenige,] von dem dieses ganze All durchzogen ist.

Wort für Wort
saḥ hi sarveṣu bhūteṣu
denn er in allen Wesen (Nom.Sg.m. / Lok.Pl.)
jaṅgameṣu dhruveṣu ca
in den beweglichen und festen (Lok.Pl.)
vasati ekaḥ mahān ātmā
wohnt, einer, das große Selbst (3.Sg.Präs. / Nom.Sg.m.)
yena sarvam idaṃ tatam
durch den dies All durchzogen ist (Instr.Sg.m. / Part.Perf.Pass. Nom.Sg.n.)

sarvabhūteṣu cātmānaṃ sarvabhūtāni cātmani; yadā paśyati bhūtātmā brahma saṃpadyate tadā

Wenn das Wesens-Selbst das Selbst in allen Wesen und alle Wesen im Selbst erblickt, dann gelangt es zu Brahman.

Wort für Wort
sarvabhūteṣu ca ātmānam
und das Selbst in allen Wesen (Lok.Pl. / Akk.Sg.)
sarvabhūtāni ca ātmani
und alle Wesen im Selbst (Akk.Pl.n. / Lok.Sg.)
yadā paśyati bhūtātmā
wenn erblickt das Wesens-Selbst (3.Sg.Präs. / Nom.Sg.m.)
brahma saṃpadyate tadā
Brahman erlangt er dann (Akk.Sg.n. / 3.Sg.Präs.Med.)

yāvān ātmani vedātmā tāvān ātmā parātmani; ya evaṃ satataṃ veda so 'mṛtatvāya kalpate

So groß das Veda-Selbst im Selbst ist, so groß ist das Selbst im höchsten Selbst; wer dies so beständig weiß, wird tauglich zur Unsterblichkeit.

Wort für Wort
yāvān ātmani vedātmā
so groß im Selbst das Veda-Selbst (Nom.Sg.m. / Lok.Sg.)
tāvān ātmā parātmani
so groß das Selbst im höchsten Selbst (Nom.Sg.m. / Lok.Sg.)
yaḥ evaṃ satataṃ veda
wer so beständig weiß (Nom.Sg.m. / 3.Sg.Perf./Präs.)
saḥ amṛtatvāya kalpate
der wird tauglich zur Unsterblichkeit (Nom.Sg.m. / Dat.Sg.n. / 3.Sg.Präs.Med.)

vedātmā: Deutung „Veda-Selbst“ unsicher [?].

sarvabhūtātmabhūtasya sarvabhūtahitasya ca; devāpi mārge muhyanti apadasya padaiṣiṇaḥ

Selbst die Götter verwirren sich auf dem Weg dessen, der das Selbst aller Wesen geworden ist und allen Wesen wohltut, [sie,] die nach einer Spur des Spurlosen suchen.

Wort für Wort
sarvabhūtātmabhūtasya
dessen, der zum Selbst aller Wesen geworden ist (Gen.Sg.m.)
sarvabhūtahitasya ca
und der allen Wesen zum Wohl ist (Gen.Sg.m.)
devāḥ api mārge muhyanti
selbst die Götter auf dem Weg werden verwirrt (Nom.Pl. / Lok.Sg. / 3.Pl.Präs.)
apadasya padaiṣiṇaḥ
des Spurlosen Spur suchend (Gen.Sg.m. / Nom.Pl.m.)

śakunīnām ivākāśe jale vāricarasya vā; yathā gatir na dṛśyeta tathaiva sumahātmanaḥ

Wie der Flug der Vögel am Himmel oder der Weg des Wassertiers im Wasser nicht zu sehen ist, so eben auch [der Weg] des überaus Hochgesinnten.

Wort für Wort
śakunīnām iva ākāśe
wie der Vögel am Himmel (Gen.Pl. / Lok.Sg.)
jale vāricarasya vā
oder im Wasser des Wasserbewohners (Lok.Sg. / Gen.Sg.)
yathā gatiḥ na dṛśyeta
wie der Gang nicht gesehen würde (Nom.Sg.f. / 3.Sg.Opt.Pass.)
tathā eva sumahātmanaḥ
so eben des Hochgesinnten (Gen.Sg.m.)

kālaḥ pacati bhūtāni sarvāṇy evātmanātmani; yasmiṃs tu pacyate kālas taṃ na vedeha kaś cana

Die Zeit gart alle Wesen, im Selbst durch das Selbst; worin aber die Zeit gegart wird, das kennt hier niemand.

Wort für Wort
kālaḥ pacati bhūtāni
die Zeit gart die Wesen (Nom.Sg. / 3.Sg.Präs. / Akk.Pl.)
sarvāṇi eva ātmanā ātmani
alle eben durch das Selbst im Selbst (Akk.Pl.n. / Instr.Sg. / Lok.Sg.)
yasmin tu pacyate kālaḥ
worin aber die Zeit gegart wird (Lok.Sg.m. / 3.Sg.Präs.Pass.)
tam na veda iha kaḥ cana
das kennt hier niemand (Akk.Sg.m. / 3.Sg.Perf.)

na tad ūrdhvaṃ na tiryak ca nādho na ca tiraḥ punaḥ

Nicht oben, nicht quer, nicht unten und auch nicht seitwärts [ist es zu fassen];

Wort für Wort
na tat ūrdhvam
nicht jenes oben (Adv.)
na tiryak ca
und nicht quer (Adv.)
na adhaḥ
nicht unten (Adv.)
na ca tiraḥ punaḥ
und nicht seitwärts, wiederum (Adv.)

Halbvers; Satz setzt sich in den folgenden Einheiten fort.

indriyair api buddhyā vā gṛhyate na kadā cana

auch durch die Sinne oder durch den Verstand wird es niemals erfasst;

Wort für Wort
indriyaiḥ api
auch durch die Sinne (Instr.Pl.n.)
buddhyā vā
oder durch den Verstand (Instr.Sg.f.)
gṛhyate na kadā cana
wird ergriffen, niemals (3.Sg.Präs.Pass.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).

na madhye pratigṛhṇīte naiva kaś cit kutaś cana

in der Mitte nimmt es niemand auf, und auch niemand von irgendwoher. [?]

Wort für Wort
na madhye pratigṛhṇīte
nicht in der Mitte nimmt [es] auf (Lok.Sg.n. / 3.Sg.Präs.Med.)
na eva kaḥ cit
auch niemand (Nom.Sg.m.)
kutaḥ cana
von irgendwoher (Adv.)

Sinn des Halbverses unsicher; pratigṛhṇīte („nimmt an/auf“) ohne klares Objekt.

sarve 'ntaḥsthā ime lokā bāhyam eṣāṃ na kiṃ cana; yaḥ sahasraṃ samāgacched yathā bāṇo guṇacyutaḥ

Alle diese Welten sind innen befindlich, ein Äußeres gibt es von ihnen nicht; wer tausend [Strecken] zurücklegte wie ein von der Sehne gelöster Pfeil, [Anm.: Satz setzt sich im nächsten Vers fort]

Wort für Wort
sarve antaḥsthāḥ ime lokāḥ
alle diese Welten innen befindlich (Nom.Pl.m.)
bāhyam eṣām na kiṃ cana
ein Äußeres von ihnen gibt es nichts (Nom.Sg.n. / Gen.Pl.)
yaḥ sahasraṃ samāgacchet
wer tausend erreichte/durchliefe (Nom.Sg.m. / Akk.Sg.n. / 3.Sg.Opt.)
yathā bāṇaḥ guṇacyutaḥ
wie ein Pfeil, von der Sehne gelöst (Nom.Sg.m.)

sahasram ohne Bezugswort (etwa „tausend [Yojanas/Jahre]“) [?].

naivāntaṃ kāraṇasyeyād yady api syān manojavaḥ; tasmāt sūkṣmāt sūkṣmataraṃ nāsti sthūlataraṃ tataḥ

der käme an das Ende der Ursache nicht, selbst wenn er gedankenschnell wäre; denn Feineres als das Feine gibt es nicht, und nichts Gröberes als das darauf Folgende [?].

Wort für Wort
na eva antam kāraṇasya iyāt
nicht käme er an das Ende der Ursache (Akk.Sg.m. / Gen.Sg.n. / 3.Sg.Opt.)
yadi api syāt manojavaḥ
selbst wenn er wäre gedankenschnell (3.Sg.Opt. / Nom.Sg.m.)
tasmāt sūkṣmāt
deshalb als das Feine (Abl.Sg.n.)
sūkṣmataram na asti
Feineres gibt es nicht (Nom.Sg.n. / 3.Sg.Präs.)
sthūlataram tataḥ
Gröberes als das (Nom.Sg.n. / Abl.)

tataḥ sthūlataram: Bezug unsicher.

sarvataḥpāṇipādāntaṃ sarvatokṣiśiromukham; sarvataḥśrutimal loke sarvam āvṛtya tiṣṭhati

Überall Hände und Füße als Enden, überall Augen, Köpfe, Münder, überall Gehör besitzend in der Welt, steht es da und umhüllt alles.

Wort für Wort
sarvataḥpāṇipādāntam
überall Hand und Fuß als Enden habend (Nom.Sg.n.)
sarvatokṣiśiromukham
überall Auge, Kopf, Mund (Nom.Sg.n.)
sarvataḥśrutimat loke
überall Gehör besitzend in der Welt (Nom.Sg.n. / Lok.Sg.)
sarvam āvṛtya tiṣṭhati
alles umhüllend steht es (Akk.Sg.n. / Gerundium / 3.Sg.Präs.)

tad evāṇor aṇutaraṃ tan mahadbhyo mahattaram; tad antaḥ sarvabhūtānāṃ dhruvaṃ tiṣṭhan na dṛśyate

Dasselbe ist feiner als das Feinste, größer als die Größten; als das Innere aller Wesen steht es fest und wird nicht gesehen.

Wort für Wort
tat eva aṇoḥ aṇutaram
dasselbe feiner als das Feinste (Nom.Sg.n. / Abl.Sg.m. / Komp.)
tat mahadbhyaḥ mahattaram
jenes größer als die Großen (Abl.Pl. / Komp.)
tat antaḥ sarvabhūtānām
jenes im Innern aller Wesen (Adv. / Gen.Pl.)
dhruvaṃ tiṣṭhan na dṛśyate
fest stehend wird nicht gesehen (Adv./Adj. / Part.Präs. / 3.Sg.Präs.Pass.)

akṣaraṃ ca kṣaraṃ caiva dvaidhībhāvo 'yam ātmanaḥ; kṣaraḥ sarveṣu bhūteṣu divyaṃ hy amṛtam akṣaram

Das Unvergängliche und das Vergängliche: diese Zweiheit gehört dem Selbst; das Vergängliche ist in allen Wesen, das Göttliche, Unsterbliche aber ist das Unvergängliche.

Wort für Wort
akṣaram ca kṣaram ca eva
unvergänglich und vergänglich (Nom.Sg.n.)
dvaidhībhāvaḥ ayam ātmanaḥ
diese Zweiteilung des Selbst (Nom.Sg.m. / Gen.Sg.)
kṣaraḥ sarveṣu bhūteṣu
das Vergängliche in allen Wesen (Nom.Sg.m. / Lok.Pl.)
divyaṃ hi amṛtam akṣaram
das Göttliche denn, Unsterbliche, Unvergängliche (Nom.Sg.n.)

navadvāraṃ puraṃ gatvā haṃso hi niyato vaśī; īśaḥ sarvasya bhūtasya sthāvarasya carasya ca

Nachdem der Haṃsa in die Stadt mit neun Toren eingegangen ist, [ist er] gezügelt und beherrscht, Herr über jedes Wesen, das Unbewegliche und das Bewegliche.

Wort für Wort
navadvāraṃ puraṃ gatvā
in die Stadt mit neun Toren gegangen (Akk.Sg.n. / Gerundium)
haṃsaḥ hi niyataḥ vaśī
der Haṃsa, gezügelt, Herr seiner selbst (Nom.Sg.m.)
īśaḥ sarvasya bhūtasya
Herr über jedes Wesen (Nom.Sg.m. / Gen.Sg.n.)
sthāvarasya carasya ca
des Unbeweglichen und Beweglichen (Gen.Sg.)

hānibhaṅgavikalpānāṃ navānāṃ saṃśrayeṇa ca; śarīrāṇām ajasyāhur haṃsatvaṃ pāradarśinaḥ

Wegen Verlust, Zerbrechen und Wandel und wegen der Zuflucht in den neuen [oder: neun?] Körpern sprechen die, die das jenseitige Ufer sehen, dem Ungeborenen das Haṃsa-Sein zu.

Wort für Wort
hānibhaṅgavikalpānām
der Verluste, des Zerbrechens, der Wandlungen (Gen.Pl., Kompositum)
navānāṃ saṃśrayeṇa ca
der neuen [?] und durch die Zuflucht (Gen.Pl.m. / Instr.Sg.)
śarīrāṇām ajasya
der Körper, des Ungeborenen (Gen.Pl.n. / Gen.Sg.m.)
āhuḥ haṃsatvam
sagen sie Haṃsa-Sein (3.Pl.Perf. / Akk.Sg.n.)
pāradarśinaḥ
die das andere Ufer Schauenden (Nom.Pl.m.)

navānām: „neu“ oder „neun“ unsicher; Konstruktion gedrängt.

haṃsoktaṃ cākṣaraṃ caiva kūṭasthaṃ yat tad akṣaram; tad vidvān akṣaraṃ prāpya jahāti prāṇajanmanī

Das als Haṃsa Bezeichnete und das Unvergängliche, das, was der Kūṭastha [Unveränderliche] ist, jenes Unvergängliche: wer es weiß und erlangt, der lässt Lebensodem und Geburt hinter sich.

Wort für Wort
haṃsoktam ca akṣaram ca eva
das als Haṃsa Bezeichnete und das Unvergängliche (Nom.Sg.n.)
kūṭastham yat tat akṣaram
das Unveränderliche, was jenes Unvergängliche ist (Nom.Sg.n.)
tat vidvān akṣaraṃ prāpya
das wissend, das Unvergängliche erlangt habend (Nom.Sg.m. / Akk.Sg.n. / Gerundium)
jahāti prāṇajanmanī
verlässt er Lebensodem und Geburt (3.Sg.Präs. / Akk.Du.n.)

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