Mahābhārata · Śāntiparva
Kapitel 302: pradhānaguṇagatiprabhedaḥ
Die drei Guṇas, ihre Bestimmungsorte und Janakas Fragen nach Kṣetrajña und Tod
Yājñavalkya erläutert Janaka die drei Guṇas der Urmaterie und die ihnen entsprechenden Wiedergeburtswege sowie den Ort der von Verdienst und Übel Gelösten. Janaka fragt daraufhin nach dem Unterschied von Unbewusstem und Bewusstem (Kṣetrajña) und bittet um Unterweisung über Körpergottheiten, Hinausgehen der Seele, Sāṃkhya, Yoga und Todeszeichen.
yājñavalkya uvāca; ete pradhānasya guṇās trayaḥ puruṣasattama; kṛtsnasya caiva jagatas tiṣṭhanty anapagāḥ sadā
Yājñavalkya sprach: „Dies sind, Bester der Männer, die drei Guṇas der Urmaterie [pradhāna]; und für die ganze Welt bestehen sie stets, ohne [von ihr] zu weichen.“
Wort für Wort yājñavalkya uvāca Yājñavalkya sprach (Nom./3.Sg.Perf.) ete pradhānasya guṇās trayaḥ dies sind der Urmaterie Guṇas, drei (Nom.Pl./Gen.Sg.) puruṣasattama Bester der Männer (Vok.Sg.) kṛtsnasya caiva jagataḥ und eben der ganzen Welt (Gen.Sg.) tiṣṭhanty anapagāḥ sadā bestehen, nicht weichend, stets (3.Pl.Präs./Nom.Pl.) avyaktarūpo bhagavāñ śatadhā ca sahasraśaḥ
Der gestaltlose Erhabene [erscheint] hundertfach und tausendfach [vervielfältigt].
Wort für Wort avyaktarūpaḥ dessen Gestalt unmanifest ist, gestaltlos (Nom.Sg., Bahuvrīhi) bhagavān der Erhabene (Nom.Sg.) śatadhā ca und hundertfach (Adv.) sahasraśaḥ tausendfach (Adv.) Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers; syntaktisch unvollständig, Verb ergänzt.
śatadhā sahasradhā caiva tathā śatasahasradhā; koṭiśaś ca karoty eṣa pratyagātmānam ātmanā
Hundertfach, tausendfach und ebenso hunderttausendfach, ja zehnmillionenfach macht dieser [sich] das innere Selbst durch sich selbst [vielfältig].
Wort für Wort śatadhā sahasradhā caiva hundertfach, tausendfach und eben (Adv.) tathā śatasahasradhā ebenso hunderttausendfach (Adv.) koṭiśaś ca und zu Zehnmillionen (Adv.) karoty eṣaḥ macht dieser (3.Sg.Präs./Nom.Sg.) pratyagātmānam ātmanā das innere Selbst (Akk.Sg.) durch sich selbst (Instr.Sg.) pratyagātmānam ātmanā: wörtlich „das innere Selbst durch das Selbst“; Objekt und Sinn knapp, Ergänzung sinngemäß.
sāttvikasyottamaṃ sthānaṃ rājasasyeha madhyamam; tāmasasyādhamaṃ sthānaṃ prāhur adhyātmacintakāḥ
Für das Sattvische [ist] die höchste Stätte, für das Rajasische hier die mittlere, für das Tamasische die niedrigste Stätte, sagen die auf das Selbst Sinnenden [Adhyātma-Denker].
Wort für Wort sāttvikasya uttamaṃ sthānam des Sattvischen höchste Stätte (Gen./Nom.Sg.) rājasasya iha madhyamam des Rajasischen hier die mittlere (Gen./Nom.Sg.) tāmasasya adhamaṃ sthānam des Tamasischen niedrigste Stätte (Gen./Nom.Sg.) prāhur sagen (3.Pl.Perf.) adhyātmacintakāḥ die über das Selbst Nachdenkenden (Nom.Pl.) kevaleneha puṇyena gatim ūrdhvām avāpnuyāt; puṇyapāpena mānuṣyam adharmeṇāpy adhogatim
Allein durch Verdienst würde man hier einen aufwärts [führenden] Weg erlangen; durch Verdienst und Übel das Menschsein; durch Adharma aber einen abwärts [führenden] Weg.
Wort für Wort kevalena iha puṇyena durch bloßes Verdienst hier (Instr.Sg.) gatim ūrdhvām avāpnuyāt einen aufwärts führenden Weg erlangte man (Akk.Sg./3.Sg.Opt.) puṇyapāpena mānuṣyam durch Verdienst und Übel das Menschsein (Instr.Sg./Akk.Sg.) adharmeṇa api durch Unrecht aber (Instr.Sg.) adhogatim einen Abwärtsweg (Akk.Sg.) dvaṃdvam eṣāṃ trayāṇāṃ tu saṃnipātaṃ ca tattvataḥ; sattvasya rajasaś caiva tamasaś ca śṛṇuṣva me
Das Paarweise dieser drei aber und [ihr] Zusammentreffen der Wahrheit gemäß, von Sattva, Rajas und Tamas, höre von mir.
Wort für Wort dvaṃdvam eṣāṃ trayāṇāṃ tu das Paarweise dieser drei aber (Akk.Sg./Gen.Pl.) saṃnipātaṃ ca tattvataḥ und das Zusammentreffen der Wahrheit gemäß (Akk.Sg./Adv.) sattvasya rajasaḥ ca eva von Sattva und eben von Rajas (Gen.Sg.) tamasaḥ ca und von Tamas (Gen.Sg.) śṛṇuṣva me höre von mir (2.Sg.Imp.Med./Dat.-Gen.) sattvasya tu rajo dṛṣṭaṃ rajasaś ca tamas tathā; tamasaś ca tathā sattvaṃ sattvasyāvyaktam eva ca
Bei Sattva aber sieht man Rajas, bei Rajas ebenso Tamas, bei Tamas wiederum Sattva, und bei Sattva das Unmanifeste.
Wort für Wort sattvasya tu rajaḥ dṛṣṭam bei Sattva aber ist Rajas gesehen (Gen./Nom.Sg.n./PPP) rajasaḥ ca tamaḥ tathā und bei Rajas Tamas ebenso (Gen./Nom.) tamasaḥ ca tathā sattvam und bei Tamas ebenso Sattva (Gen./Nom.) sattvasya avyaktam eva ca und bei Sattva eben das Unmanifeste (Gen./Nom.) Genitive mit dṛṣṭa: „bei/als zugehörig gesehen“; Sinn: Guṇas treten paarweise verbunden auf.
sattvaṃ prapadyate sattvād avyaktād vyaktam eva ca
Sattva geht in Sattva ein, und aus dem Unmanifesten [entsteht] eben das Manifeste.
Wort für Wort sattvaṃ prapadyate Sattva geht ein / gelangt (Nom./Akk.Sg.; 3.Sg.Präs.Med.) sattvāt aus/von Sattva (Abl.Sg.) avyaktāt aus dem Unmanifesten (Abl.Sg.) vyaktam eva ca und eben das Manifeste (Nom.Sg.n.) Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers; prapadyate und Konstruktion unsicher.
avyaktasattvasaṃyukto devalokam avāpnuyāt; rajaḥsattvasamāyukto manuṣyeṣūpapadyate
Wer mit dem Unmanifesten und mit Sattva verbunden ist, gelangt in die Götterwelt; mit Rajas und Sattva verbunden, wird er unter Menschen geboren.
Wort für Wort avyaktasattvasaṃyuktaḥ mit Unmanifestem und Sattva verbunden (Nom.Sg., Kompositum) devalokam avāpnuyāt die Götterwelt erlangte er (Akk.Sg./3.Sg.Opt.) rajaḥsattvasamāyuktaḥ mit Rajas und Sattva verbunden (Nom.Sg.) manuṣyeṣu upapadyate wird unter Menschen geboren (Lok.Pl./3.Sg.Präs.Med.) rajastamobhyāṃ saṃyuktas tiryagyoniṣu jāyate; rajastāmasasattvaiś ca yukto mānuṣyam āpnuyāt
Mit Rajas und Tamas verbunden wird er in Tierschößen geboren; mit Rajas, Tamas und Sattva verbunden erlangt er das Menschsein.
Wort für Wort rajastamobhyāṃ saṃyuktaḥ mit Rajas und Tamas verbunden (Instr.Du./Nom.Sg.) tiryagyoniṣu jāyate wird in Tierschößen geboren (Lok.Pl./3.Sg.Präs.Med.) rajastāmasasattvaiḥ ca und mit Rajas, Tamas und Sattva (Instr.Pl.) yuktaḥ mānuṣyam āpnuyāt verbunden erlangte er Menschsein (Nom.Sg./Akk.Sg./3.Sg.Opt.) puṇyapāpaviyuktānāṃ sthānam āhur manīṣiṇām; śāsvataṃ cāvyayaṃ caiva akṣaraṃ cābhayaṃ ca yat
Den Ort der von Verdienst und Übel gelösten Weisen, sagen sie, [ist] ewig und unvergänglich, unzerstörbar und furchtlos.
Wort für Wort puṇyapāpaviyuktānām der von Verdienst und Übel Gelösten (Gen.Pl.) sthānam āhuḥ die Stätte nennen sie (Akk.Sg./3.Pl.Perf.) manīṣiṇām der Weisen (Gen.Pl.) śāśvatam ca avyayam ca eva ewig und unvergänglich (Akk.Sg.n.) akṣaram ca abhayam ca yat und unzerstörbar und furchtlos, was [so ist] (Akk.Sg.n./Rel.) jñānināṃ saṃbhavaṃ śreṣṭhaṃ sthānam avraṇam acyutam; atīndriyam abījaṃ ca janmamṛtyutamonudam
Der beste Ursprungsort der Wissenden, eine Stätte ohne Wunde, nicht fallend, jenseits der Sinne, ohne Samen, Geburt, Tod und Finsternis vertreibend.
Wort für Wort jñānināṃ saṃbhavaṃ śreṣṭham der Wissenden bester Ursprung (Gen.Pl./Akk.Sg.) sthānam avraṇam Stätte ohne Wunde (Akk.Sg.n.) acyutam nicht fallend (Akk.Sg.n.) atīndriyam abījaṃ ca jenseits der Sinne und ohne Samen (Akk.Sg.n.) janmamṛtyutamonudam Geburt, Tod und Finsternis vertreibend (Akk.Sg.n., Kompositum) avyaktasthaṃ paraṃ yat tat pṛṣṭas te 'haṃ narādhipa; sa eṣa prakṛtiṣṭho hi tasthur ity abhidhīyate
Was höher [ist], im Unmanifesten stehend, danach wurde ich von dir gefragt, Herrscher der Menschen; dieser hier nun, in der Prakṛti stehend, wird „der Stehende“ genannt.
Wort für Wort avyaktastham param yat tat was im Unmanifesten stehend, höher ist, jenes (Akk.Sg.n./Rel.-Dem.) pṛṣṭaḥ te aham narādhipa ich wurde von dir gefragt, Herrscher der Menschen (PPP Nom.Sg./Instr.-Gen./Vok.) saḥ eṣaḥ prakṛtiṣṭhaḥ hi dieser hier ist ja in der Prakṛti stehend (Nom.Sg.) tasthuḥ iti abhidhīyate „Tasthu“ [Stehender] [?] wird er genannt (Nom.Sg./3.Sg.Pass.) tasthuḥ hier wohl als Nomen „Feststehender/Bleibender“ gedeutet, unsicher.
acetanaś caiṣa mataḥ prakṛtisthaś ca pārthiva; etenādhiṣṭhitaś caiva sṛjate saṃharaty api
Und unbewusst gilt dieser und in der Prakṛti stehend, Herrscher der Erde; von diesem [aber] beherrscht, erschafft er und löst er auch wieder auf.
Wort für Wort acetanaḥ ca eṣaḥ mataḥ und unbewusst dieser gilt als (Nom.Sg./PPP) prakṛtisthaḥ ca pārthiva und in der Prakṛti stehend, Herrscher der Erde (Nom.Sg./Vok.Sg.) etena adhiṣṭhitaḥ ca eva und eben von diesem beherrscht (Instr.Sg./Nom.Sg.PPP) sṛjate saṃharati api erschafft [und] zieht auch zusammen (3.Sg.Präs.Med./Akt.) Subjekt des zweiten Halbverses ist die Prakṛti bzw. der Unmanifeste; Bezug knapp.
janaka uvāca; anādinidhanāv etāv ubhāv eva mahāmune; amūrtimantāv acalāv aprakampyau ca nirvraṇau
Janaka sprach: „Beide [sind] ohne Anfang und Ende, großer Weiser, gestaltlos, unbeweglich, unerschütterlich und makellos.“
Wort für Wort janaka uvāca Janaka sprach (Nom./3.Sg.Perf.) anādinidhanau etau ubhau eva ohne Anfang und Ende diese beiden eben (Nom.Du.) mahāmune großer Weiser (Vok.Sg.) amūrtimantau acalau ohne Gestalt, unbeweglich (Nom.Du.) aprakampyau ca nirvraṇau und unerschütterlich, makellos (Nom.Du.) agrāhyāv ṛṣiśārdūla katham eko hy acetanaḥ; cetanāvāṃs tathā caikaḥ kṣetrajña iti bhāṣitaḥ
„Unfassbar [sind sie], Tiger unter den Sehern; wie [kann] dann der eine unbewusst [sein], der andere aber bewusst, der „Kṣetrajña“ genannt wird?“
Wort für Wort agrāhyau unfassbar (Nom.Du.) ṛṣiśārdūla Tiger unter den Sehern (Vok.Sg.) katham ekaḥ hi acetanaḥ wie [ist] der eine denn unbewusst (Nom.Sg.) cetanāvān tathā ca ekaḥ und ebenso der eine bewusstseinsbegabt (Nom.Sg.) kṣetrajñaḥ iti bhāṣitaḥ „Kṣetrajña“ so genannt (Nom.Sg./PPP) tvaṃ hi viprendra kārtsnyena mokṣadharmam upāsase; sākalyaṃ mokṣadharmasya śrotum icchāmi tattvataḥ
„Denn du, Fürst der Brahmanen, übst den Mokṣadharma vollständig aus; die Vollständigkeit des Mokṣadharma möchte ich der Wahrheit gemäß hören.“
Wort für Wort tvaṃ hi viprendra denn du, Fürst der Brahmanen (Nom./Vok.Sg.) kārtsnyena mokṣadharmam upāsase in Vollständigkeit übst du den Mokṣadharma aus (Instr.Sg./Akk.Sg./2.Sg.Präs.Med.) sākalyaṃ mokṣadharmasya die Gesamtheit des Mokṣadharma (Akk.Sg./Gen.Sg.) śrotum icchāmi tattvataḥ möchte ich hören der Wahrheit gemäß (Inf./1.Sg.Präs./Adv.) astitvaṃ kevalatvaṃ ca vinābhāvaṃ tathaiva ca
„Das Dasein und das Alleinsein, ebenso das Nicht-getrennt-Sein [nenne mir] …“
Wort für Wort astitvam das Dasein (Akk.Sg.n.) kevalatvaṃ ca und das Alleinsein (Akk.Sg.n.) vinābhāvaṃ tathā eva ca und ebenso das Nicht-getrennt-Sein (Akk.Sg.m.) Satz setzt sich in den folgenden Versen fort (Verb „nenne“ in 302.016*0771 ergänzt).
daivatāni ca me brūhi dehaṃ yāny āśritāni vai
„Und nenne mir die Gottheiten, die im Körper Wohnung genommen haben.“
Wort für Wort daivatāni ca me brūhi und die Gottheiten nenne mir (Akk.Pl.n./Dat.-Gen.Sg./2.Sg.Imp.) deham yāni āśritāni vai den Körper, welche bezogen haben (Akk.Sg./Nom.Pl.n. PPP) Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers.
tathaivotkramaṇasthānaṃ dehino 'pi viyujyataḥ
„Ebenso den Ort des Hinausgehens des Verkörperten, [wenn er sich vom Körper] löst.“
Wort für Wort tathā eva und ebenso (Adv.) utkramaṇasthānam den Ort des Hinausgehens (Akk.Sg.n.) dehinaḥ api des Verkörperten auch (Gen.Sg.) viyujyataḥ der sich löst / getrennt wird [?] (Gen.Sg. Part.Präs.) viyujyataḥ: Form als Gen.Sg. des Partizips „sich lösend/getrennt werdend“ gedeutet, Bezug auf dehinaḥ; unsicher [?].
kālena yad dhi prāpnoti sthānaṃ tad brūhi me dvija; sāṃkhyajñānaṃ ca tattvena pṛthag yogaṃ tathaiva ca
„Und welchen Ort er mit der Zeit erlangt, das nenne mir, Zweimalgeborener; und das Sāṃkhya-Wissen der Wahrheit gemäß und ebenso das Yoga gesondert.“
Wort für Wort kālena yat hi prāpnoti und was er mit der Zeit erlangt (Instr.Sg./Rel./3.Sg.Präs.) sthānaṃ tat brūhi me dvija die Stätte, diese nenne mir, Zweimalgeborener (Akk.Sg./2.Sg.Imp./Vok.) sāṃkhyajñānaṃ ca tattvena und das Sāṃkhya-Wissen der Wahrheit gemäß (Akk.Sg./Instr.Sg.) pṛthag yogaṃ tathā eva ca gesondert das Yoga ebenso (Adv./Akk.Sg.) ariṣṭāni ca tattvena vaktum arhasi sattama; viditaṃ sarvam etat te pāṇāv āmalakaṃ yathā
„Und die Todeszeichen musst du der Wahrheit gemäß nennen, Bester; dies alles ist dir bekannt wie eine Āmalaka-Frucht auf der Handfläche.“
Wort für Wort ariṣṭāni ca tattvena und die Todeszeichen der Wahrheit gemäß (Akk.Pl.n./Instr.Sg.) vaktum arhasi sattama sagen sollst du, Bester (Inf./2.Sg.Präs./Vok.) viditaṃ sarvam etat te bekannt ist alles dies dir (PPP Nom.Sg.n./Dat.-Gen.) pāṇau āmalakaṃ yathā wie eine Āmalaka-Frucht auf der Hand (Lok.Sg./Nom.Sg.)
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