Kapitel 123: trivargamūlaṃ kāmandāṅgāriṣṭhasaṃvādaś ca
Wurzeln der Dreiheit Dharma, Artha, Kāma; Kāmandas Rat an Aṅgāriṣṭha über Sühne
Yudhiṣṭhira fragt nach Ursprung und Wechselwirkung von Dharma, Artha und Kāma; Bhīṣma antwortet zunächst allgemein und erzählt dann das Gespräch zwischen dem Seher Kāmanda und König Aṅgāriṣṭha über die Tilgung der Sünde eines Königs. Der Text von Vers 8 samt Zusatzzeilen ist schwierig.
dharmamūlas tu deho 'rthaḥ kāmo 'rthaphalam ucyate; saṃkalpamūlās te sarve saṃkalpo viṣayātmakaḥ
Der Körper aber hat den Dharma zur Wurzel; Artha [Besitz] und Kāma gelten als dessen Frucht; sie alle wurzeln im Entschluss, und der Entschluss hat die Sinnesobjekte zum Wesen.
Wort für Wort
dharmamūlas tu dehaḥ
aber (der) Körper (Nom.) hat den Dharma zur Wurzel (Bahuvrīhi)
arthaḥ kāmo 'rthaphalam ucyate
Artha (Nom.), Kāma (Nom.) wird Frucht des Artha (Akk.) genannt (3.Sg.Präs.Pass.)
saṃkalpamūlās te sarve
im Entschluss wurzelnd (Nom.Pl.) diese alle (Nom.Pl.)
saṃkalpo viṣayātmakaḥ
der Entschluss (Nom.) hat die Sinnesobjekte zum Wesen (Bahuvrīhi)
„arthaḥ kāmo 'rthaphalam“: Kāma gilt als Frucht des Artha; „deho 'rthaḥ“ mit Bezug auf den Körper ist möglich (Anm.: Lesart unsicher).
Und die Sinnesobjekte dienen insgesamt alle dem Zustandekommen der Nahrung; dies ist die Wurzel der Dreiheit; das Ablassen [vom Handeln] heißt Befreiung.
Wort für Wort
viṣayāś caiva kārtsnyena
und die Sinnesobjekte (Nom.Pl.) insgesamt (Adv.)
sarva āhārasiddhaye
alle (Nom.Pl.) zur Erlangung der Nahrung (Dat.Sg.)
mūlam etat trivargasya
dies (Nom.) (ist) die Wurzel der Dreiheit (Gen.Sg.)
nivṛttir mokṣa ucyate
das Ablassen (Nom.) wird Befreiung (Nom.) genannt (3.Sg.Präs.Pass.)
Dharma ist der Schutz des Körpers, und Artha wird um des Dharma willen erstrebt; Kāma hat Lust zur Frucht; und alle diese sind von Leidenschaft [rajas] erfüllt.
Wort für Wort
dharmaḥ śarīrasaṃguptiḥ
Dharma (Nom.) (ist) Schutz des Körpers (Nom.)
dharmārthaṃ ca artha iṣyate
und Artha (Nom.) wird um des Dharma willen (Adv.) erstrebt (3.Sg.Präs.Pass.)
kāmo ratiphalaḥ ca atra
und Kāma (Nom.) hat Lust zur Frucht (Bahuvrīhi) hierbei
sarve ca ete rajasvalāḥ
und alle (Nom.Pl.) diese (Nom.Pl.) leidenschaftserfüllt (Nom.Pl.)
Man soll sie, wenn sie nahe kommen, ausüben und sie nicht im Geist aufgeben; von tamas befreit [übe man] sie alle, Dharma und die übrigen, die in Kāma gipfeln [?].
Wort für Wort
saṃnikṛṣṭān caret enān
als nahe gekommene (Akk.Pl.) soll man ausüben (3.Sg.Opt.) diese (Akk.Pl.)
na ca enān manasā tyajet
und nicht diese (Akk.Pl.) im Geist (Instr.) aufgeben (3.Sg.Opt.)
vimuktas tamasā
befreit (Nom.Sg.) von Dunkelheit (Instr.)
sarvān dharmādīn
alle (Akk.Pl.) Dharma und die übrigen (Akk.Pl.)
kāmanaiṣṭhikān
in Kāma gipfelnde (Akk.Pl.) [?]
Der zweite Halbvers ist syntaktisch knapp; Ergänzung von „übe man“ ist erschlossen.
śreṣṭhabuddhis trivargasya yad ayaṃ prāpnuyāt kṣaṇāt
[Wer] beste Einsicht in die Dreiheit [hat], was dieser im Augenblick erlangen möge [?] …
Wort für Wort
śreṣṭhabuddhiḥ
mit bester Einsicht (Bahuvrīhi, Nom.Sg.)
trivargasya
der Dreiheit (Gen.Sg.)
yad ayaṃ prāpnuyāt kṣaṇāt
was dieser (Nom.) erlangen möge (3.Sg.Opt.) im Augenblick (Abl.Sg.) [?]
Vers 8 ist im Wortlaut verderbt bzw. der Halbvers ist ohne erkennbaren Satzabschluss; er setzt sich in den Zusatzzeilen und im folgenden Halbvers fort.
Durch zielbewusstes Handeln [entsteht] Artha, oder wiederum auch nicht.
Wort für Wort
karmaṇā buddhipūrveṇa
durch Handeln (Instr.) mit vorausgehender Überlegung (Instr.)
bhavaty arthaḥ
entsteht (3.Sg.Präs.) Artha (Nom.)
na vā punaḥ
oder wiederum nicht
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile; Text lückenhaft, Konstruktion (Ergänzung von „entsteht“) erschlossen.
Ein anderes geschieht um des Nutzens willen, ein Gegenteil, und wieder ein anderes; [eines] zum Zweck des Nutzlosen, [eines] nachdem der Nutzen erlangt ist, anderswo zuerst [als] Förderer [?].
Wort für Wort
arthārtham anyad bhavati
um des Nutzens willen (Adv.) ein anderes (Nom.) geschieht (3.Sg.Präs.)
viparītam athāparam
ein Gegenteil (Nom.) und dann ein weiteres (Nom.)
anarthārtham avāpyārtham
zum Zweck des Nutzlosen (Adv.), zum Zweck des Erlangten (Adv.) [?]
apadhyānamalo dharmo malo 'rthasya nigūhanam; saṃpramodamalaḥ kāmo bhūyaḥ svaguṇavartitaḥ
Der Schmutz des Dharma ist böses Sinnen, der Schmutz des Artha das Verbergen; der Schmutz des Kāma ist Ausgelassenheit und noch mehr das Verharren in den eigenen Vorzügen [?].
Wort für Wort
apadhyānamalo dharmaḥ
Dharma (Nom.) hat böses Sinnen als Schmutz (Bahuvrīhi)
malo 'rthasya nigūhanam
der Schmutz (Nom.) des Artha (Gen.) (ist) das Verbergen (Nom.)
saṃpramodamalaḥ kāmaḥ
Kāma (Nom.) hat Ausgelassenheit als Schmutz (Bahuvrīhi)
bhūyaḥ svaguṇavartitaḥ
noch mehr (Adv.), das Verharren in den eigenen Eigenschaften (Abl./Nom.) [?]
Dem sitzenden Seher Kāmanda gegenüber, den er begrüßt hatte, fragte da der Fürst Aṅgāriṣṭha, nachdem er die Ordnung der Abmachung eingehalten hatte [?].
Wort für Wort
kāmandam ṛṣim āsīnam
den Kāmanda (Akk.), den Seher (Akk.), den sitzenden (Akk.)
abhivādya narādhipaḥ
nachdem er begrüßt hatte (Abs.), der Fürst (Nom.)
aṅgāriṣṭho 'tha papraccha
Aṅgāriṣṭha (Nom.) dann (Adv.) fragte (3.Sg.Perf.)
kṛtvā samayaparyayam
nachdem er die Abfolge der Abmachung vollzogen hatte (Abs.) [?]
„samayaparyayam“ unsicher (etwa: Abfolge der Höflichkeitsregeln).
„Ein König, der von Begierde, Verblendung und Zwang getrieben Böses tut – was wäre für ihn, dem [das Verderben] nahe ist, o Seher, die Tilgung der Sünde?“
Wort für Wort
yaḥ pāpaṃ kurute rājā
der (Nom.) Böses (Akk.) tut (3.Sg.Präs.Med.), (der) König (Nom.)
kāmamohabalātkṛtaḥ
von Begierde, Verblendung und Gewalt getrieben (Nom.)
pratyāsannasya tasya
für den (Gen.), dem [das Verderben] nahe ist (Gen.)
ṛṣe kiṃ syāt
o Seher (Vok.), was (Nom.) wäre (3.Sg.Opt.)
pāpapraṇāśanam
Tilgung der Sünde (Nom.)
„pratyāsannasya“: sinngemäß „dem [Unheil/Vergeltung] nahe ist“ (Ergänzung).
kāmanda uvāca; yo dharmārthau samutsṛjya kāmam evānuvartate; sa dharmārthaparityāgāt prajñānāśam ihārchati
Kāmanda sprach: „Wer Dharma und Artha aufgibt und nur dem Kāma folgt, der erlangt hier durch das Aufgeben von Dharma und Artha den Verlust der Einsicht.“
Wort für Wort
kāmanda uvāca
Kāmanda sprach (Nom.; 3.Sg.Perf.)
yo dharmārthau samutsṛjya
wer (Nom.) Dharma und Artha (Akk.Du.) aufgegeben habend (Abs.)
kāmam eva anuvartate
nur (Partikel) dem Kāma (Akk.) folgt (3.Sg.Präs.Med.)
sa dharmārthaparityāgāt
der (Nom.) infolge des Aufgebens von Dharma und Artha (Abl.)
prajñānāśam ihārchati
Verlust der Einsicht (Akk.) hier (Adv.) erlangt (3.Sg.Präs.)
Er murmle Gebete [japa], sei den Waschungen ergeben, freundlichen Antlitzes, an nichts anderem hängend; er verkehre mit den dem Dharma Ergebenen, die Übeltäter aber halte er draußen.
Wort für Wort
japet
er murmle [Gebete] (3.Sg.Opt.)
udakaśīlaḥ syāt sumukhaḥ
dem Wasser ergeben (Nom.) sei er (3.Sg.Opt.), freundlichen Antlitzes (Nom.)
na anyad āsthitaḥ
nichts anderes (Akk.) betreibend (Part.Perf.)
dharmānvitān saṃpraviśet
zu den dem Dharma Zugewandten (Akk.Pl.) trete er ein (3.Sg.Opt.)
bahiḥ kṛtvā eva duṣkṛtīn
draußen (Adv.) gelassen habend (Abs.) gewiss die Übeltäter (Akk.Pl.)
„udakaśīlaḥ“: dem Wasser (rituelles Baden) zugetan; „nānyad āsthitaḥ“ wörtlich: nichts anderes betreibend.