Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 190: jāpakadoṣa-nirayagati Fehler der Murmelbeter und ihr Weg in die Höllen

Bhīṣma erläutert, auf welchen Wegen ein Japa-Übender (jāpaka) trotz des höchsten Zieles in Höllen gerät: durch Missachtung der Vorschrift, Hochmut, Begierde, Anhaftung, Unverstand und Zerstreutheit des Geistes.

yudhiṣṭhira uvāca; gatīnām uttamā prāptiḥ kathitā jāpakeṣv iha; ekaivaiṣā gatis teṣām uta yānty aparām api

Yudhiṣṭhira sprach: „Das höchste Erreichen unter den Wegen ist bei den Murmelbetern hier genannt worden. Dies ist ihr einziger Weg – gehen sie denn [auch] einen anderen?“

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
gatīnām uttamā prāptiḥ kathitā
das höchste Erreichen unter den Wegen ist genannt (Gen.Pl.; Nom.Sg.f.; Part.Pass.)
jāpakeṣv iha
bei den Murmelbetern hier (Lok.Pl.)
ekā eva eṣā gatiḥ teṣām
einzig ist dieser Weg von ihnen (Nom.Sg.f.; Gen.Pl.)
uta yānti aparām api
oder gehen sie auch einen anderen [Weg] (3.Pl.Präs.; Akk.Sg.f.)

bhīṣma uvāca; śṛṇuṣvāvahito rājañ jāpakānāṃ gatiṃ vibho; yathā gacchanti nirayam anekaṃ puruṣarṣabha

Bhīṣma sprach: „Höre aufmerksam, König, den Weg der Murmelbeter, Herr, wie sie in mancherlei Höllen gehen, Stier unter den Männern.“

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
śṛṇuṣva avahitaḥ rājan
höre aufmerksam, König (Imp.Med.; Nom.; Vok.)
jāpakānāṃ gatiṃ vibho
den Weg der Murmelbeter, Herr (Gen.Pl.; Akk.Sg.; Vok.)
yathā gacchanti nirayam anekam
wie sie gehen in eine Hölle, [und zwar] in mehrere (3.Pl.Präs.; Akk.Sg.)
puruṣarṣabha
Stier unter den Männern (Vok.Sg.)

yathoktam etat pūrvaṃ yo nānutiṣṭhati jāpakaḥ; ekadeśakriyaś cātra nirayaṃ sa nigacchati

Wie dies zuvor gesagt wurde: Der Murmelbeter, der [dem] nicht folgt, und der hier [nur] in einem Teil handelt, geht in die Hölle.

Wort für Wort
yathā uktam etat pūrvam
wie dies zuvor gesagt wurde (Part.Pass.)
yaḥ na anutiṣṭhati jāpakaḥ
der Murmelbeter, der nicht befolgt (Nom.Sg.; 3.Sg.Präs.)
ekadeśakriyaḥ ca atra
und der nur teilweise Handelnde hier (Nom.Sg., Bahuvrīhi)
nirayaṃ sa nigacchati
in die Hölle geht er (Akk.Sg.; 3.Sg.Präs.)

ekadeśakriyaḥ: Bahuvrīhi, wörtlich „dessen Handeln nur einen Teil betrifft“.

avajñānena kurute na tuṣyati na śocati; īdṛśo jāpako yāti nirayaṃ nātra saṃśayaḥ

Aus Geringschätzung tut er es; er ist nicht zufrieden, [und] er trauert nicht [darüber]. Ein solcher Murmelbeter geht in die Hölle; daran ist kein Zweifel.

Wort für Wort
avajñānena kurute
aus Missachtung tut er [es] (Instr.Sg.; 3.Sg.Präs.Med.)
na tuṣyati na śocati
er ist nicht zufrieden, er trauert nicht (3.Sg.Präs.)
īdṛśaḥ jāpakaḥ yāti
ein solcher Murmelbeter geht (Nom.Sg.; 3.Sg.Präs.)
nirayaṃ na atra saṃśayaḥ
in die Hölle; hierbei kein Zweifel (Akk.Sg.; Nom.Sg.)

ahaṃkārakṛtaś caiva sarve nirayagāminaḥ; parāvamānī puruṣo bhavitā nirayopagaḥ

Und alle, die aus Ichbezogenheit handeln, gehen in die Hölle. Ein Mensch, der andere verachtet, wird ein in die Hölle Gelangender sein.

Wort für Wort
ahaṃkārakṛtaḥ ca eva sarve
und ebenso alle aus Ichbezogenheit Handelnden (Nom.Pl., Tatpuruṣa)
nirayagāminaḥ
in die Hölle Gehende (Nom.Pl.)
parāvamānī puruṣaḥ
ein andere verachtender Mensch (Nom.Sg.)
bhavitā nirayopagaḥ
wird sein ein zur Hölle Gelangender (Periphr.Fut.; Nom.Sg.)

abhidhyāpūrvakaṃ japyaṃ kurute yaś ca mohitaḥ; yatrābhidhyāṃ sa kurute taṃ vai nirayam ṛcchati

Und wer, verblendet, das Murmelgebet mit [vorangehender] Gier nach etwas verrichtet: In eben jene Hölle gelangt er, worauf er seine Gier richtet.

Wort für Wort
abhidhyāpūrvakaṃ japyaṃ kurute
mit Begehren als Voraussetzung das Murmelgebet verrichtet er (Akk.Sg.n.; 3.Sg.Präs.Med.)
yaḥ ca mohitaḥ
und wer verblendet ist (Nom.Sg.; Part.Pass.)
yatra abhidhyāṃ sa kurute
wohin er die Gier richtet (Akk.Sg.; 3.Sg.Präs.Med.)
taṃ vai nirayam ṛcchati
eben diese Hölle erreicht er (Akk.Sg.; 3.Sg.Präs.)

abhidhyā: Begehren, Sinnen auf fremdes Gut; der zweite Halbvers ist wörtlich „auf welches er die Gier richtet, dorthin gelangt er als Hölle“.

athaiśvaryapravṛttaḥ sañ jāpakas tatra rajyate; sa eva nirayas tasya nāsau tasmāt pramucyate

Oder wenn der Murmelbeter, auf Herrschermacht aus, daran Gefallen findet – eben das ist seine Hölle; er wird nicht davon befreit.

Wort für Wort
atha aiśvaryapravṛttaḥ san
oder auf Herrschermacht gerichtet seiend (Part.Präs.)
jāpakaḥ tatra rajyate
der Murmelbeter hängt daran (Nom.Sg.; 3.Sg.Pass.)
sa eva nirayaḥ tasya
eben das ist seine Hölle (Nom.Sg.; Gen.Sg.)
na asau tasmāt pramucyate
er wird davon nicht befreit (3.Sg.Pass.; Abl.)

rāgeṇa jāpako japyaṃ kurute tatra mohitaḥ; yatrāsya rāgaḥ patati tatra tatropajāyate

Aus Leidenschaft verrichtet der Murmelbeter dabei, verblendet, das Murmelgebet; wohin seine Leidenschaft fällt, dort und dort wird er geboren.

Wort für Wort
rāgeṇa jāpakaḥ japyaṃ kurute
aus Leidenschaft verrichtet der Murmelbeter das Murmelgebet (Instr.Sg.; 3.Sg.Präs.Med.)
tatra mohitaḥ
dabei verblendet (Nom.Sg.; Part.Pass.)
yatra asya rāgaḥ patati
wohin seine Leidenschaft fällt (Gen.Sg.; 3.Sg.Präs.)
tatra tatra upajāyate
dort und dort wird er geboren (3.Sg.Präs.Med.)

durbuddhir akṛtaprajñaś cale manasi tiṣṭhati; calām eva gatiṃ yāti nirayaṃ vādhigacchati

Wer schlechten Verstandes und ohne geschulte Einsicht bei unstetem Geist verharrt, geht [nur] einen unsteten Weg oder gelangt in die Hölle.

Wort für Wort
durbuddhiḥ akṛtaprajñaḥ
schlechten Verstandes, ohne geschulte Einsicht (Nom.Sg.)
cale manasi tiṣṭhati
bei unstetem Geist verharrt er (Lok.Sg.; 3.Sg.Präs.)
calām eva gatiṃ yāti
einen ebenso unsteten Weg geht er (Akk.Sg.f.; 3.Sg.Präs.)
nirayaṃ vā adhigacchati
oder in die Hölle gelangt er (Akk.Sg.; 3.Sg.Präs.)

akṛtaprajñako bālo mohaṃ gacchati jāpakaḥ; sa mohān nirayaṃ yāti tatra gatvānuśocati

Der Murmelbeter, kindisch und ohne geschulte Einsicht, verfällt der Verblendung; aus Verblendung geht er in die Hölle und trauert dort, [dort] angekommen.

Wort für Wort
akṛtaprajñakaḥ bālaḥ
ohne geschulte Einsicht, kindisch (Nom.Sg.)
mohaṃ gacchati jāpakaḥ
verfällt der Verblendung, der Murmelbeter (Akk.Sg.; 3.Sg.Präs.)
sa mohāt nirayaṃ yāti
er geht aus Verblendung in die Hölle (Abl.Sg.; Akk.Sg.; 3.Sg.Präs.)
tatra gatvā anuśocati
dorthin gelangt, trauert er (Abs.; 3.Sg.Präs.)

dṛḍhagrāhī karomīti japyaṃ japati jāpakaḥ; na saṃpūrṇo na vā yukto nirayaṃ so 'dhigacchati

Der Murmelbeter murmelt das Murmelgebet [mit dem Gedanken]: „Ich werde es fest anpacken“; er ist nicht vollkommen und nicht [wahrhaft] gesammelt; er gelangt in die Hölle.

Wort für Wort
dṛḍhagrāhī karomi iti
„ich tue es festgreifend“, so [denkend] (Nom.Sg.; 1.Sg.Präs.Med.)
japyaṃ japati jāpakaḥ
murmelt das Murmelgebet der Murmelbeter (Akk.Sg.; 3.Sg.Präs.)
na saṃpūrṇaḥ na vā yuktaḥ
weder vollkommen noch gesammelt (Nom.Sg.; Part.Pass.)
nirayaṃ saḥ adhigacchati
in die Hölle gelangt er (Akk.Sg.; 3.Sg.Präs.)

dṛḍhagrāhī: „fest greifend“, hier im Sinne von Verbissenheit, Starrsinn [?].

yudhiṣṭhira uvāca; animittaṃ paraṃ yat tad avyaktaṃ brahmaṇi sthitam; sadbhūto jāpakaḥ kasmāt sa śarīram athāviśet

Yudhiṣṭhira sprach: „Was das Höchste ist, ohne Anlass, das Unoffenbare, im Brahman Gegründete – warum sollte der Murmelbeter, der ein Seiender geworden ist, dann in einen Körper eintreten?“

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
animittaṃ paraṃ yat tat
was ohne Anlass, das Höchste, das (Nom.Sg.n.)
avyaktaṃ brahmaṇi sthitam
das Unoffenbare, im Brahman gegründet (Nom.Sg.n.; Lok.Sg.; Part.Pass.)
sadbhūtaḥ jāpakaḥ kasmāt
ein Seiender gewordener Murmelbeter, warum (Nom.Sg.; Abl.Interr.)
sa śarīram atha āviśet
würde er dann in einen Körper eintreten (Akk.Sg.; Opt.)

sadbhūto ist unsicher: „zum Seienden geworden“ oder „rechtschaffen geworden“ [?]. Der Vers ist knapp und syntaktisch offen.

bhīṣma uvāca; duṣprajñānena nirayā bahavaḥ samudāhṛtāḥ; praśastaṃ jāpakatvaṃ ca doṣāś caite tadātmakāḥ

Bhīṣma sprach: „Durch schlechte Einsicht sind viele Höllen aufgezählt worden; das Murmelbeter-Sein aber ist gepriesen, und diese Fehler haben eben jenes [Murmelbeter-Sein] zum Wesen.“

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
duṣprajñānena nirayāḥ bahavaḥ
durch schlechte Einsicht [gibt es] viele Höllen (Instr.Sg.; Nom.Pl.)
samudāhṛtāḥ
sind aufgezählt worden (Part.Pass., Nom.Pl.)
praśastaṃ jāpakatvaṃ ca
und gepriesen ist das Murmelbeter-Sein (Nom.Sg.n.)
doṣāḥ ca ete tadātmakāḥ
und diese Fehler haben jenes zum Wesen (Nom.Pl.)

tadātmakāḥ ist schwierig: „von jenem Wesen“, d. h. Fehler, die dem Murmelbeter-Sein anhaften [?].

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