Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 347: nāgabhāryāsaṃvāda Die Schlangengattin über die Pflichten der Stände und den wartenden Brahmanen

Bhīṣma erzählt, wie eine Schlange (Nāga) nach vollbrachtem Dienst bei Vivasvat heimkehrt und seine Gattin nach ihrer Pflichttreue fragt; diese legt die dharma der vier Stände und des Hausvaters dar und berichtet, dass seit Tagen ein Brahmane am Ufer der Gomatī auf eine Audienz bei ihm wartet.

bhīṣma uvāca; atha kāle bahutithe pūrṇe prāpto bhujaṃgamaḥ; dattābhyanujñaḥ svaṃ veśma kṛtakarmā vivasvataḥ

Bhīṣma sprach: „Als dann, nachdem viel Zeit vergangen war, die Frist erfüllt war, kam die Schlange zu ihrem eigenen Haus, nachdem sie ihr [Dienst-]Werk vollbracht hatte und ihr von Vivasvat die Erlaubnis [zur Heimkehr] gegeben worden war.

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf., Redeeinleitung)
atha kāle bahutithe pūrṇe
als dann eine lange Zeit erfüllt/vergangen war (Lok.absol.)
prāpto bhujaṃgamaḥ
kam die Schlange an (Nom.Sg., Perf.Ptz.)
dattābhyanujñaḥ
nachdem [ihm] die Erlaubnis gegeben worden war (Nom., Bahuvrihi)
svaṃ veśma
zu seinem eigenen Haus (Akk.)
kṛtakarmā
nachdem er sein [Dienst-]Werk vollbracht hatte (Nom., Bahuvrihi)
vivasvataḥ
des Vivasvat [Sonnengottes] (Gen.)

taṃ bhāryā samabhikrāmat pādaśaucādibhir guṇaiḥ; upapannāṃ ca tāṃ sādhvīṃ pannagaḥ paryapṛcchata

Die Gattin trat ihm entgegen mit Diensten wie dem Waschen der Füße und anderen; und die Schlange befragte diese tugendhafte, [damit] versehene Frau.

Wort für Wort
taṃ bhāryā samabhikrāmat
ihm trat die Gattin entgegen (3.Sg.Impf.)
pādaśaucādibhir guṇaiḥ
mit Diensten wie der Fußwaschung u.a. (Instr.Pl.)
upapannāṃ ca tāṃ sādhvīṃ
und diese damit ausgestattete tugendhafte [Frau] (Akk.Sg.f.)
pannagaḥ paryapṛcchata
die Schlange befragte (Nom./3.Sg.Impf.)

api tvam asi kalyāṇi devatātithipūjane; pūrvam uktena vidhinā yuktā yuktena matsamam

„Bist du wohl, o Holde, bei der Verehrung von Göttern und Gästen gemäß der früher genannten Vorschrift beschäftigt geblieben, in gebührender Weise, mir gleichkommend [in der Sorgfalt]?

Wort für Wort
api tvam asi kalyāṇi
bist du wohl, o Holde (Frage; 2.Sg.Präs./Vok.)
devatātithipūjane
bei der Verehrung von Göttern und Gästen (Lok.)
pūrvam uktena vidhinā
gemäß der früher genannten Vorschrift (Instr.)
yuktā
beschäftigt/verbunden [geblieben] (Nom.Sg.f., Ptz.)
yuktena matsamam
in gebührender Weise, mir gleichkommend [?] (Instr./Adv.)

„yuktena matsamam“ ist doppeldeutig; als adverbiale Bestimmung zu „yuktā“ verstanden ("in geeigneter Weise, mir gleichkommend").

na khalv asy akṛtārthena strībuddhyā mārdavīkṛtā; madviyogena suśroṇi viyuktā dharmasetunā

Bist du nicht etwa durch einen unvollkommenen weiblichen Verstand nachlässig geworden und, o Schönhüftige, durch die Trennung von mir vom Damm der Pflicht abgekommen?“

Wort für Wort
na khalv asi
du bist doch nicht (2.Sg.Präs., Neg.)
akṛtārthena strībuddhyā
durch unvollkommenen weiblichen Verstand (Instr.)
mārdavīkṛtā
weich/nachlässig geworden (Nom.Sg.f., Ptz.)
madviyogena suśroṇi
durch die Trennung von mir, o Schönhüftige (Instr./Vok.)
viyuktā dharmasetunā
abgekommen vom Damm der Pflicht (Nom./Instr.)

nāgabhāryovāca; śiṣyāṇāṃ guruśuśrūṣā viprāṇāṃ vedapāraṇam; bhṛtyānāṃ svāmivacanaṃ rājñāṃ lokānupālanam

Die Gattin des Nāga sprach: „Der Schüler Pflicht ist der Dienst am Lehrer, der Brahmanen Pflicht die Vollendung des Veda[-Studiums], der Diener Pflicht das Wort des Herrn [zu befolgen], der Könige Pflicht der Schutz der Welt[en].

Wort für Wort
nāgabhāryā uvāca
die Gattin des Nāga sprach (Nom./Perf.)
śiṣyāṇāṃ guruśuśrūṣā
der Schüler [Pflicht ist] der Dienst am Lehrer (Gen.Pl./Nom.)
viprāṇāṃ vedapāraṇam
der Brahmanen [Pflicht ist] die Vollendung des Veda-Studiums (Gen.Pl./Nom.)
bhṛtyānāṃ svāmivacanaṃ
der Diener [Pflicht ist] das Wort des Herrn (Gen.Pl./Nom.)
rājñāṃ lokānupālanam
der Könige [Pflicht ist] der Schutz der Welt/Untertanen (Gen.Pl./Nom.)

sarvabhūtaparitrāṇaṃ kṣatradharma ihocyate; vaiśyānāṃ yajñasaṃvṛttir ātitheyasamanvitā

Der Schutz aller Geschöpfe wird hier die Pflicht der Kṣatriyas genannt; der Vaiśyas [Pflicht] ist die Vollziehung des Opfers, verbunden mit Gastfreundschaft.

Wort für Wort
sarvabhūtaparitrāṇaṃ
der Schutz aller Geschöpfe (Nom.)
kṣatradharma ihocyate
wird hier die Pflicht der Kṣatriyas genannt (Nom./3.Sg.Präs.Pass.)
vaiśyānāṃ yajñasaṃvṛttir
der Vaiśyas [Pflicht ist] die Vollziehung des Opfers (Gen.Pl./Nom.)
ātitheyasamanvitā
verbunden mit Gastfreundschaft (Nom.Sg.f.)

viprakṣatriyavaiśyānāṃ śuśrūṣā śūdrakarma tat; gṛhasthadharmo nāgendra sarvabhūtahitaiṣitā

Der Dienst an Brahmanen, Kṣatriyas und Vaiśyas ist die Pflicht der Śūdras; die Pflicht des Hausvaters aber, o Schlangenfürst, ist das Streben nach dem Wohl aller Geschöpfe.

Wort für Wort
viprakṣatriyavaiśyānāṃ śuśrūṣā
der Dienst an Brahmanen, Kṣatriyas und Vaiśyas (Gen.Pl./Nom.)
śūdrakarma tat
das ist die Pflicht der Śūdras (Nom.)
gṛhasthadharmo nāgendra
die Pflicht des Hausvaters, o Schlangenfürst (Nom./Vok.)
sarvabhūtahitaiṣitā
das Streben nach dem Wohl aller Geschöpfe (Nom.Sg.f.)

niyatāhāratā nityaṃ vratacaryā yathākramam; dharmo hi dharmasaṃbandhād indriyāṇāṃ viśeṣaṇam

Stete Mäßigung in der Nahrung und das ordnungsgemäße Befolgen der Gelübde [gehören ebenso dazu]; denn Pflichterfüllung besteht, da sie mit der Pflicht [selbst] verbunden ist, in der [besonderen] Beherrschung der Sinne.

Wort für Wort
niyatāhāratā nityaṃ
beständig geregelte Nahrungsweise (Nom.)
vratacaryā yathākramam
das ordnungsgemäße Befolgen der Gelübde (Nom./Adv.)
dharmo hi
denn Pflicht[erfüllung] (Nom.)
dharmasaṃbandhād
durch die Verbindung mit der Pflicht (Abl.)
indriyāṇāṃ viśeṣaṇam
[ist] die Zügelung/besondere Beherrschung der Sinne [?] (Gen.Pl./Nom.)

„dharmo hi dharmasaṃbandhād indriyāṇāṃ viśeṣaṇam“ ist textkritisch/syntaktisch schwierig; sinngemäß wiedergegeben als: Pflichterfüllung erweist sich in der Zügelung der Sinne.

ahaṃ kasya kuto vāhaṃ kaḥ ko me ha bhaved iti; prayojanamatir nityam evaṃ mokṣāśramī bhavet

'Wem gehöre ich, woher bin ich, wer bin ich, wer könnte wohl mein sein?' - so, den Sinn stets auf das [wahre] Ziel gerichtet, werde man zu einem nach Erlösung Strebenden.

Wort für Wort
ahaṃ kasya
wem [gehöre] ich (Nom./Gen.)
kuto vāham
oder woher [bin] ich (Adv./Nom.)
kaḥ ko me ha bhaved iti
wer [bin ich], wer könnte wohl mein sein - [so denkend] (Nom./3.Sg.Opt.)
prayojanamatir nityam
mit stets auf das [wahre] Ziel gerichtetem Sinn (Nom./Adv.)
evaṃ mokṣāśramī bhavet
so werde man ein nach Erlösung Strebender (Adv./Nom./3.Sg.Opt.)

pativratātvaṃ bhāryāyāḥ paramo dharma ucyate; tavopadeśān nāgendra tac ca tattvena vedmi vai

Die Gattentreue der Ehefrau wird die höchste Pflicht genannt; durch deine Unterweisung, o Schlangenfürst, kenne ich das auch wahrlich in seinem wahren Wesen.

Wort für Wort
pativratātvaṃ bhāryāyāḥ
die Gattentreue der Ehefrau (Nom./Gen.)
paramo dharma ucyate
wird die höchste Pflicht genannt (Nom./3.Sg.Präs.Pass.)
tavopadeśān nāgendra
durch deine Unterweisung, o Schlangenfürst (Abl.Pl./Vok.)
tac ca tattvena vedmi vai
und das kenne ich wahrlich in seinem wahren Wesen (Akk./Instr./1.Sg.Präs.)

sāhaṃ dharmaṃ vijānantī dharmanitye tvayi sthite; satpathaṃ katham utsṛjya yāsyāmi viṣame pathi

Wie könnte ich, die ich die Pflicht kenne, während du, der stets in der Pflicht feststeht, [bei mir] bist, den rechten Weg verlassend auf einen unebenen Weg gehen?

Wort für Wort
sāhaṃ dharmaṃ vijānantī
ich, die die Pflicht kenne (Nom./Akk./Ptz.)
dharmanitye tvayi sthite
während du, der stets in der Pflicht feststeht, [da bist] (Lok.absol.)
satpathaṃ katham utsṛjya
wie könnte ich, den rechten Weg verlassend (Akk./Adv./Gerund.)
yāsyāmi viṣame pathi
auf einen unebenen Weg gehen (1.Sg.Fut./Lok.)

devatānāṃ mahābhāga dharmacaryā na hīyate; atithīnāṃ ca satkāre nityayuktāsmy atandritā

Gegenüber den Göttern, o Hochbeglückter, lässt mein pflichtgemäßes Handeln nicht nach; und bei der Bewirtung der Gäste bin ich stets unermüdlich hingegeben.

Wort für Wort
devatānāṃ mahābhāga
gegenüber den Göttern, o Hochbeglückter (Gen.Pl./Vok.)
dharmacaryā na hīyate
das pflichtgemäße Handeln lässt nicht nach (Nom./3.Sg.Präs.Pass.)
atithīnāṃ ca satkāre
und bei der Bewirtung der Gäste (Gen.Pl./Lok.)
nityayuktāsmy atandritā
ich bin stets unermüdlich hingegeben (Nom./1.Sg.Präs./Nom.)

saptāṣṭadivasās tv adya viprasyehāgatasya vai; sa ca kāryaṃ na me khyāti darśanaṃ tava kāṅkṣati

Sieben bis acht Tage sind es nun, dass ein Brahmane hierher gekommen ist; und er teilt mir sein Anliegen nicht mit, [nur] deinen Anblick verlangt er.

Wort für Wort
saptāṣṭadivasās tv adya
sieben bis acht Tage sind es nun (Nom.Pl./Adv.)
viprasyehāgatasya vai
seit ein Brahmane hierher gekommen ist (Gen., Ptz.)
sa ca kāryaṃ na me khyāti
und er teilt mir sein Anliegen nicht mit (Nom./Akk./3.Sg.Präs.)
darśanaṃ tava kāṅkṣati
er verlangt, dich zu sehen (Akk./Gen./3.Sg.Präs.)

gomatyās tv eṣa puline tvaddarśanasamutsukaḥ; āsīno ''vartayan brahma brāhmaṇaḥ saṃśitavrataḥ

Am Sandufer der Gomatī [sitzt] dieser, begierig, dich zu sehen, sitzend, den heiligen Vers [den Veda] rezitierend, ein Brahmane von strengem Gelübde,

Wort für Wort
gomatyās tv eṣa puline
dieser [sitzt] am Sandufer der Gomatī (Gen./Lok.)
tvaddarśanasamutsukaḥ
eifrig begierig, dich zu sehen (Nom.)
āsīno 'vartayan brahma
sitzend, das heilige Wort [den Veda] rezitierend (Nom.Ptz./Ptz./Akk.)
brāhmaṇaḥ saṃśitavrataḥ
ein Brahmane von strengem Gelübde (Nom.)

tapodhyānaparo nityaṃ satyasaṃdho jitendriyaḥ

stets der Askese und Meditation zugewandt, wahrheitstreu, mit bezwungenen Sinnen.

Wort für Wort
tapodhyānaparo nityaṃ
stets der Askese und Meditation zugewandt (Nom./Adv.)
satyasaṃdho
wahrheitstreu/von wahrem Gelöbnis (Nom.)
jitendriyaḥ
mit bezwungenen Sinnen (Nom.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers (star), führt die Beschreibung des Brahmanen aus dem vorigen Vers fort.

ahaṃ tv anena nāgendra sāmapūrvaṃ samāhitā; prasthāpyo matsakāśaṃ sa saṃprāpto bhujagottamaḥ

Ich aber, o Schlangenfürst, wurde von ihm mit freundlicher Rede zuvor ersucht: 'Er, der beste der Schlangen, möge, sobald er zurückgekehrt ist, zu meiner Gegenwart entsandt werden.'

Wort für Wort
ahaṃ tv anena nāgendra
ich aber wurde von diesem, o Schlangenfürst (Nom./Instr./Vok.)
sāmapūrvaṃ samāhitā
mit freundlicher Rede zuvor ersucht (Adv./Nom.Ptz.)
prasthāpyo matsakāśaṃ
er solle zu meiner Gegenwart entsandt werden (Nom.Gerundiv/Akk.)
sa saṃprāpto bhujagottamaḥ
er, der beste der Schlangen, wenn er zurückgekehrt ist (Nom./Ptz./Nom.)

etac chrutvā mahāprājña tatra gantuṃ tvam arhasi; dātum arhasi vā tasya darśanaṃ darśanaśravaḥ

Nachdem du dies gehört hast, o Hochweiser, solltest du dorthin gehen, oder ihm eine Audienz gewähren, [du], dessen Anblick [schon] Ruhm verleiht.“

Wort für Wort
etac chrutvā mahāprājña
nachdem du dies gehört hast, o Hochweiser (Gerund./Vok.)
tatra gantuṃ tvam arhasi
du solltest dorthin gehen (Adv./Inf./2.Sg.Präs.)
dātum arhasi vā
oder du solltest gewähren (Inf./2.Sg.Präs.)
tasya darśanaṃ
ihm eine Audienz/einen Anblick (Gen./Akk.)
darśanaśravaḥ
[du], dessen Anblick [schon] Ruhm verleiht [?] (Vok./Nom.)

„darśanaśravaḥ“ (wörtl. "dessen Ruhm der Anblick ist") ist als lobendes Epitheton des Nāga gedeutet.

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