Kapitel 273: brahmahatyāvibhāgaḥ
Vṛtras Tod und die Verteilung der Brahmanenmörderin
Nach Vṛtras Fall geht die personifizierte Brahmanenmörderin auf Indra über; Brahmā teilt sie auf Agni, Pflanzen, Apsaras und Wasser auf. Der Abschnitt gehört zur Erzählung von Indras Sühne.
jvalitāsyo 'bhavad ghoro vaivarṇyaṃ cāgamat param; gātrakampaś ca sumahāñ śvāsaś cāpy abhavan mahān; romaharṣaś ca tīvro 'bhūn niḥśvāsaś ca mahān nṛpa
Sein Gesicht flammte furchtbar, und höchste Blässe kam über ihn; ein sehr großes Zittern der Glieder und ein gewaltiges Keuchen entstanden, ein heftiges Sträuben der Körperhaare kam auf, und, o König, gewaltiges Schnaufen.
Wort für Wort
jvalitāsyo 'bhavad ghoraḥ
mit flammendem Gesicht wurde er, furchtbar (Bahuvrīhi/Impf./Nom.)
vaivarṇyaṃ cāgamat param
und Verfärbung [Blässe] kam, höchste (Akk./Aor./Akk.)
Eine Schakalin, gleich einem Unheil anzusehen, überaus grausam und äußerst schrecklich, fuhr aus seinem Mund hervor – das war, o Bhārata, seine [Todes-]Ahnung. Auch flammende, glühende Meteore fielen an seiner Seite nieder.
Wort für Wort
śivā cāśivasaṃkāśā
und eine Schakalin, unheilverheißend aussehend (Nom.Sg.f./Bahuvrīhi)
amānuṣam atho nādaṃ sa mumoca mahāsuraḥ; vyajṛmbhata ca rājendra tīvrajvarasamanvitaḥ; athāsya jṛmbhataḥ śakras tato vajram avāsṛjat
Da stieß der große Asura einen übermenschlichen Schrei aus und gähnte, o König der Könige, von heftigem Fieber erfüllt; und als er gähnte, schleuderte Śakra sogleich den Vajra.
Wort für Wort
amānuṣam atho nādam
unmenschlichen dann Schrei (Akk./Adv./Akk.)
sa mumoca mahāsuraḥ
der stieß aus, der große Asura (3.Sg.Perf./Nom.)
vyajṛmbhata ca rājendra
und er gähnte, o Fürst der Könige (3.Sg.Impf.Med./Vok.)
tīvrajvarasamanvitaḥ
von heftigem Fieber begleitet (Nom.Part.)
athāsya jṛmbhataḥ śakraḥ
da, als er gähnte, Śakra (Gen.Part. absolut/Nom.)
tato vajram avāsṛjat
dann den Vajra schleuderte er (Adv./Akk./3.Sg.Impf.)
Als sie aber den machtvollen Śakra aus der Lotosknolle [dem Lotosstängel] hervorkommen sah, ergriff sie den Herrn der Götter am Hals und haftete da fest an [ihm].
Wort für Wort
bisān niḥsaramāṇaṃ tu
aus dem Lotosstängel hervorkommend aber (Abl./Akk.Part.Präs.Med.)
dṛṣṭvā śakraṃ mahaujasam
gesehen habend Śakra, den Machtvollen (Abs./Akk./Akk.)
kaṇṭhe jagrāha devendram
am Hals ergriff sie den Götterfürsten (Lok./3.Sg.Perf./Akk.)
sulagnā cābhavat tadā
und fest haftend wurde sie da (Nom.f./3.Sg.Impf./Adv.)
bisān niḥsaramāṇam: Śakra hatte sich im Lotosstängel verborgen; das Motiv wird in V. 16 aufgegriffen.
sa hi tasmin samutpanne brahmahatyākṛte bhaye; nalinyāṃ bisamadhyastho babhūvābdagaṇān bahūn
Denn als diese Furcht, durch die Brahmanenmörderin verursacht, entstanden war, hielt er sich viele Scharen von Jahren mitten im Lotosstängel in einem Lotosteich auf.
Wort für Wort
sa hi tasmin samutpanne
denn er, als dies entstanden war (Nom./Lok.Part. absolut)
brahmahatyākṛte bhaye
in der von der Brahmanenmörderin bewirkten Furcht (Lok.)
nalinyāṃ bisamadhyasthaḥ
in einem Lotosteich, mitten im Stängel weilend (Lok./Nom.)
babhūvābdagaṇān bahūn
war [dort] viele Jahresscharen (3.Sg.Perf./Akk.Pl.)
Der Text ist hier stilistisch etwas holprig; der Anschluss an V. 15 (Śakra kommt aus dem Stängel hervor) ist unklar [?].
jñātvā gṛhītaṃ śakraṃ tu dvijapravarahatyayā; brahmā saṃcintayām āsa tadā bharatasattama
Als Brahmā erkannte, dass Śakra durch den Mord an einem Vorzüglichen unter den Zweimalgeborenen ergriffen war, geriet er damals ins Nachsinnen, o Bester der Bharatas.
Wort für Wort
jñātvā gṛhītaṃ śakraṃ tu
erkannt habend den ergriffenen Śakra (Abs./Akk.Part./Akk.)
dvijapravarahatyayā
durch den Mord am Vorzüglichsten der Zweimalgeborenen (Instr.Tatpuruṣa)
mucyatāṃ tridaśendro 'yaṃ matpriyaṃ kuru bhāmini; brūhi kiṃ te karomy adya kāmaṃ kaṃ tvam ihecchasi
„Dieser Herr der dreißig [Götter] möge freigelassen werden; tu mir den Gefallen, o Schöne. Sprich: Was soll ich heute für dich tun, welchen Wunsch hegst du hier?“
Wort für Wort
mucyatāṃ tridaśendro 'yam
freigelassen werde dieser Götterfürst (Imp.Pass.3.Sg./Nom./Pron.)
matpriyaṃ kuru bhāmini
tu mir zu Gefallen, o Zornige/Schöne (Akk./Imp.2.Sg./Vok.)
brūhi kiṃ te karomy adya
sprich: was für dich tue ich heute (Imp./Interr./Dat./1.Sg.Präs./Adv.)
kāmaṃ kaṃ tvam ihecchasi
welchen Wunsch willst du hier (Akk./Interr.Akk./Nom./Adv./2.Sg.)
bhāmini: als Anrede an die Frau (eig. „Zornige“, oft „Schöne“); Bedeutung hier offen.
brahmahatyovāca; trilokapūjite deve prīte trailokyakartari; kṛtam eveha manye 'haṃ nivāsaṃ tu vidhatsva me
Die Brahmanenmörderin sprach: „Da der in den drei Welten verehrte Gott, der Schöpfer der drei Welten, gnädig ist, halte ich es hier für schon getan; weise mir aber eine Wohnstätte zu.“
Wort für Wort
brahmahatyovāca
die Brahmanenmörderin sprach (Nom./3.Sg.Perf.)
trilokapūjite deve
dem in den drei Welten verehrten Gott (Lok.)
prīte trailokyakartari
gnädig gestimmt, dem Schöpfer der Dreiwelt (Lok.Part./Lok.)
kṛtam eveha manye 'ham
getan eben, hier, halte ich [es] (Part./Part./Adv./1.Sg.Präs.)
nivāsaṃ tu vidhatsva me
Wohnung aber verschaffe mir (Akk./Part./Imp.Med.2.Sg./Dat.)
brahmovāca; yas tvāṃ jvalantam āsādya svayaṃ vai mānavaḥ kva cit; bījauṣadhirasair vahne na yakṣyati tamovṛtaḥ
Brahmā sprach: „Welcher Mensch, o Agni, dich, den Lodernden, irgendwo selbst aufsucht und, von Finsternis umhüllt, dich nicht mit Samen, Kräutern und Säften beopfert …“
Wort für Wort
brahmovāca
Brahmā sprach (3.Sg.Perf.)
yas tvāṃ jvalantam āsādya
welcher dich, den Lodernden, erreichend (Rel.Nom./Akk./Part.Akk./Abs.)
svayaṃ vai mānavaḥ kva cit
selbst fürwahr ein Mensch irgendwo (Adv./Part./Nom./Adv.)
bījauṣadhirasair vahne
mit Samen, Kräutern und Säften, o Agni (Instr.Pl./Vok.)
na yakṣyati tamovṛtaḥ
nicht opfern wird, von Finsternis umhüllt (Neg./Fut./Nom.)
bhīṣma uvāca; ity uktaḥ pratijagrāha tad vaco havyakavyabhuk; pitāmahasya bhagavāṃs tathā ca tad abhūt prabho
Bhīṣma sprach: So angesprochen nahm der Opfer- und Totenspeisen-Genießer [Agni] dessen Wort an; und genauso geschah es, o Herr, mit dem verehrungswürdigen Großvater [Brahmā].
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
ity uktaḥ pratijagrāha
so angesprochen nahm er an (Part.Pf.Pass. Nom.Sg.; Perf. 3.Sg.)
tad vaco havyakavyabhuk
dessen Wort, der Genießer der Götter- und Ahnenopfer (Akk.Sg.; Nom.Sg.)
pitāmahasya bhagavān
des Großvaters, der Verehrungswürdige (Gen.Sg.; Nom.Sg.)
tathā ca tad abhūt prabho
und so geschah jenes, o Herr (Impf. 3.Sg.; Vok.Sg.)
Der Halbvers ist syntaktisch knapp; die Zuordnung von bhagavān und pitāmahasya ist nicht ganz eindeutig [?].
„Diese furchtbare Brahmanentötung, die von Vṛtra her [auf Indra] gekommen ist – ein Viertel von ihr sollt ihr von Puruhūta [Indra] übernehmen.“
Wort für Wort
iyaṃ vṛtrād anuprāptā
diese von Vṛtra her gekommene (Nom.Sg.f.; Abl.Sg.; Part.Pf.Pass.)
brahmahatyā mahābhayā
Brahmanentötung, sehr furchtbare (Nom.Sg.f.)
puruhūtaṃ caturthāṃśam
Puruhūta [Indra]; ein Viertel (Akk.Sg.; Akk.Sg.)
asyā yūyaṃ pratīcchata
von dieser, ihr, nehmt an (Gen./Abl.Sg.f.; Nom.Pl.; Imp. 2.Pl.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile; die Konstruktion von puruhūtaṃ ist unklar (vgl. 273.049, dort ebenfalls Akk.), vermutlich verderbt [?].
asmākaṃ brahmahatyāto ko 'nto lokapitāmaha; svabhāvanihatān asmān na punar hantum arhasi
„Welches Ende gibt es für uns von der Brahmanentötung her, o Großvater der Welten? Uns, die wir schon von Natur aus geschlagen sind, darfst du nicht nochmals erschlagen.“
Wort für Wort
asmākaṃ brahmahatyāto
unser, von der Brahmanentötung her (Gen.Pl.; Abl.Sg.)
ko 'nto lokapitāmaha
welches Ende, o Großvater der Welten (Nom.Sg.m.; Vok.Sg.)
svabhāvanihatān asmān
von Natur aus Geschlagene, uns (Akk.Pl.m.; Akk.Pl.)
na punar hantum arhasi
nicht wieder zu erschlagen darfst du (Inf.; Präs. 2.Sg.)
brahmovāca; parvakāle tu saṃprāpte yo vai chedanabhedanam; kariṣyati naro mohāt tam eṣānugamiṣyati
Brahmā sprach: „Wenn aber die Parvan-Zeit [Mondwechsel] gekommen ist, wird der Mensch, der aus Verblendung Abhauen und Zerspalten vornimmt, von dieser [Brahmanentötung] verfolgt werden.“
Wort für Wort
brahmovāca
Brahmā sprach (Perf.)
parvakāle tu saṃprāpte
wenn aber die Parvan-Zeit gekommen ist (Lok.abs.)
yo vai chedanabhedanam
welcher wahrlich Abhauen und Zerspalten (Nom.Sg.; Akk.Sg.)
kariṣyati naro mohāt
wird tun der Mensch aus Verblendung (Fut. 3.Sg.; Nom.Sg.; Abl.Sg.)
tam eṣānugamiṣyati
ihn wird diese verfolgen (Akk.Sg.; Nom.Sg.f.; Fut. 3.Sg.)
Bhīṣma sprach: Nachdem so vom Hochgesinnten [Brahmā] gesprochen worden war, verehrte das Kraut-, Baum- und Gräservolk Brahmā und ging rasch dorthin zurück, woher es gekommen war.
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
tato vṛkṣauṣadhitṛṇam
darauf Bäume, Kräuter, Gräser (Adv.; Nom.Sg.n.)
evam uktaṃ mahātmanā
so angesprochen vom Hochgesinnten (Part.Pass.; Instr.Sg.)
brahmāṇam abhisaṃpūjya
Brahmā verehrt habend (Akk.Sg.; Abs.)
jagāmāśu yathāgatam
ging rasch, wie gekommen (Perf. 3.Sg.; Adv.; Part.Pass. Adv.)
Die Apsaras sprachen: „Herr der Götter, auf deinen Befehl hin, [da wir] zur Übernahme entschlossen sind – bedenke, Großvater, unsere Erlösung unter einer Bedingung.“
Wort für Wort
apsarasa ūcuḥ
die Apsaras sprachen (Perf. 3.Pl.)
grahaṇe kṛtabuddhīnāṃ
zur Übernahme, [für uns] Entschlossene (Lok.Sg.; Gen.Pl.f. Bahuv.)
deveśa tava śāsanāt
o Herr der Götter, auf deinen Befehl (Vok.Sg.; Gen.Sg.; Abl.Sg.)
mokṣaṃ samayato 'smākaṃ
Erlösung, durch Vereinbarung/Bedingung, unsere (Akk.Sg.; Abl.Sg. adv.; Gen.Pl.)
brahmovāca; rajasvalāsu nārīṣu yo vai maithunam ācaret; tam eṣā yāsyati kṣipraṃ vyetu vo mānaso jvaraḥ
Brahmā sprach: „Welcher Mann auch immer mit Frauen, die ihre Regel haben, Beischlaf vollzieht – zu dem wird diese rasch gehen; euer seelisches Fieber möge weichen.“
Bhīṣma sprach: Mit den Worten „So sei es!“ kehrten die Scharen der Apsaras, freudigen Herzens, an ihre Wohnstätten zurück und vergnügten sich, o Stier der Bharatas.
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
tatheti hṛṣṭamanasa
„so sei es“, freudigen Herzens (Ausruf; Nom.Pl.f. Bahuv.)
uktvāthāpsarasāṃ gaṇāḥ
gesagt habend, die Scharen der Apsaras (Abs.; Gen.Pl.; Nom.Pl.)
svāni sthānāni saṃprāpya
die eigenen Orte erreicht habend (Akk.Pl.n.; Akk.Pl.n.; Abs.)
remire bharatarṣabha
vergnügten sich, o Stier der Bharatas (Perf. 3.Pl.Med.; Vok.Sg.)
Bhīṣma sprach: Darauf ging die Brahmanentötung, o Yudhiṣṭhira, vom Götterfürsten ablassend, auf Befehl der Götter an den Ort, wie er ihr zugewiesen worden war.
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
tato vimucya devendraṃ
darauf abgelassen habend vom Götterfürsten (Adv.; Abs.; Akk.Sg.)
brahmahatyā yudhiṣṭhira
die Brahmanentötung, o Yudhiṣṭhira (Nom.Sg.f.; Vok.Sg.)
yathānisṛṣṭaṃ taṃ deśam
wie zugewiesen, zu jenem Ort (Part.Pass. Adv.; Akk.Sg.)
agacchad devaśāsanāt
ging sie, auf Befehl der Götter (Impf. 3.Sg.; Abl.Sg.)
evaṃ śakreṇa saṃprāptā brahmahatyā janādhipa; pitāmaham anujñāpya so 'śvamedham akalpayat
So, o Herrscher der Menschen, war die Brahmanentötung von Śakra [Indra] getragen worden; nachdem er den Großvater um Erlaubnis gebeten hatte, veranstaltete er das Rossopfer.
Wort für Wort
evaṃ śakreṇa saṃprāptā
so von Śakra erlangt (Adv.; Instr.Sg.; Part.Pass. Nom.Sg.f.)
brahmahatyā janādhipa
die Brahmanentötung, o Herrscher der Menschen (Nom.Sg.f.; Vok.Sg.)
pitāmaham anujñāpya
den Großvater um Erlaubnis gebeten habend (Akk.Sg.; Abs.)
so 'śvamedham akalpayat
er das Rossopfer bereitete (Nom.Sg.; Akk.Sg.; Impf. 3.Sg.)