Kapitel 255: tulādhārajājalisaṃvādaḥ (yajñatattvam)
Tulādhāra belehrt Jājali über wahres Opfer, Gewaltlosigkeit und das Selbst als Heiligtum
Fortsetzung des Gesprächs zwischen dem Händler Tulādhāra und dem stolzen Asketen Jājali: Jājali tadelt Tulādhāras Lehre als Opferleugnung, Tulādhāra erwidert mit der Unterscheidung zwischen gieriger, berechnender Opferpraxis und dem wahren, innerlichen Opfer der Gewaltlosen. Bhīṣma schließt mit einer Bestätigung.
jājalir uvāca; yathā pravartito dharmas tulāṃ dhārayatā tvayā; svargadvāraṃ ca vṛttiṃ ca bhūtānām avarotsyate
Jājali sprach: „Wie das Dharma von dir, der du die Waage hältst, in Gang gesetzt wurde, so wird es das Tor zum Himmel und den Lebensunterhalt der Wesen versperren.“
Wort für Wort
jājalir uvāca
Jājali sprach (Perf. 3.Sg.)
yathā pravartito dharmas
wie in Gang gesetzt das Dharma (Part.Pass./Nom.)
tulāṃ dhārayatā tvayā
von dir, der du die Waage hältst (Instr.)
svargadvāraṃ ca vṛttiṃ ca
und das Tor zum Himmel und den Lebensunterhalt (Akk.)
bhūtānām avarotsyate
der Wesen wird es versperren (Gen.Pl.; Fut. 3.Sg. Med.)
tulādhāra uvāca; vakṣyāmi jājale vṛttiṃ nāsmi brāhmaṇa nāstikaḥ; na ca yajñaṃ vinindāmi yajñavit tu sudurlabhaḥ
Tulādhāra sprach: „Ich will dir, Jājali, die Lebensweise darlegen. Ich bin kein Leugner, Brahmane, und ich schmähe das Opfer nicht; doch ein wahrer Kenner des Opfers ist überaus schwer zu finden.“
Wort für Wort
tulādhāra uvāca
Tulādhāra sprach
vakṣyāmi jājale vṛttiṃ
ich werde darlegen, Jājali, die Lebensweise (1.Sg.Fut.; Vok.; Akk.)
nāsmi brāhmaṇa nāstikaḥ
nicht bin ich, Brahmane, ein Leugner (1.Sg.Präs.; Vok.)
na ca yajñaṃ vinindāmi
und nicht schmähe ich das Opfer (1.Sg.Präs.)
yajñavit tu sudurlabhaḥ
ein Opferkenner aber ist sehr schwer zu erlangen (Nom.)
namo brāhmaṇayajñāya ye ca yajñavido janāḥ; svayajñaṃ brāhmaṇā hitvā kṣātraṃ yajñam ihāsthitāḥ
Verehrung dem Opfer der Brahmanen und den Menschen, die das Opfer kennen! Die Brahmanen haben ihr eigenes Opfer verlassen und sich hier auf das Opfer der Kṣatriya verlegt.
Wort für Wort
namo brāhmaṇayajñāya
Verehrung dem Brahmanenopfer (Dat.)
ye ca yajñavido janāḥ
und den Menschen, die Opfer kennen (Nom./Dat.-Sinn)
svayajñaṃ brāhmaṇā hitvā
das eigene Opfer verlassend, die Brahmanen (Abs.; Nom.Pl.)
kṣātraṃ yajñam ihāsthitāḥ
das Kṣatriya-Opfer hier ergriffen habend (Part.Perf.Pass., Nom.Pl.)
Von Gierigen, auf Besitz Bedachten, Brahmane, von Leugnern wurde es eingeführt, ohne die Lehren des Veda zu kennen: Unwahres, das gleichsam den Anschein von Wahrheit hat.
Wort für Wort
lubdhair vittaparair brahman
von Gierigen, auf Besitz Gerichteten, Brahmane (Instr.Pl.; Vok.)
nāstikaiḥ saṃpravartitam
von Leugnern eingeführt (Instr.Pl.; Part.Pass.)
vedavādān avijñāya
die Veda-Lehren nicht erkannt habend (Abs.)
satyābhāsam ivānṛtam
den Schein des Wahren tragend gleichsam, Unwahres (Akk./Nom.n.)
Aus dem Opfer- und Stiftungswerk der Unguten wird ungleichmäßige Nachkommenschaft geboren: von Gierigen wird ein Gieriger geboren, von Gleichmütigen ein Gleichmütiger.
Wort für Wort
iṣṭāpūrtād asādhūnāṃ
aus Opfer- und Stiftungswerk der Unguten (Abl.; Gen.Pl.)
viṣamā jāyate prajā
ungleiche Nachkommenschaft wird geboren (3.Sg.Präs.Med.)
Wie der Opferherr sich selbst [verhält], so [verhalten sich] die Priester, so die Geschöpfe. Aus dem Opfer entsteht die Nachkommenschaft wie klares Wasser aus dem Himmel.
tasmāt svanuṣṭhitāt pūrve sarvān kāmāṃś ca lebhire; akṛṣṭapacyā pṛthivī āśīrbhir vīrudho 'bhavan; na te yajñeṣv ātmasu vā phalaṃ paśyanti kiṃ cana
Durch wohlvollzogenes [Opfer] erlangten die Früheren alle Wünsche; die Erde brachte ungepflügt Reife, durch Segenssprüche entstanden die Pflanzen. Sie sahen weder in den Opfern noch bei sich selbst irgendeine Frucht [als Ziel].
Wort für Wort
tasmāt svanuṣṭhitāt pūrve
daher, durch gut Vollzogenes, die Früheren (Abl.; Nom.Pl.)
sarvān kāmāṃś ca lebhire
und alle Wünsche erlangten (Perf. 3.Pl.Med.)
akṛṣṭapacyā pṛthivī
ungepflügt reifend die Erde (Nom.f.)
āśīrbhir vīrudho 'bhavan
durch Segenssprüche die Gewächse wurden (Instr.Pl.; Impf. 3.Pl.)
sa sma pāpakṛtāṃ lokān gacched aśubhakarmaṇā; pramāṇam apramāṇena yaḥ kuryād aśubhaṃ naraḥ; pāpātmā so 'kṛtaprajñaḥ sadaiveha dvijottama
Der käme durch üble Tat in die Welten der Übeltäter. Wer als Mensch Übles tut, indem er das Maßgebliche durch Nichtmaßgebliches [ersetzt] [?], der ist ein böser Geist, unverständig, hier stets, bester der Zweifachgeborenen.
Wort für Wort
sa sma pāpakṛtāṃ lokān
der käme in die Welten der Übeltäter (Akk.Pl.; Gen.Pl.)
gacched aśubhakarmaṇā
er ginge durch üble Tat (Opt. 3.Sg.; Instr.)
pramāṇam apramāṇena
das Maß durch Nicht-Maß (Akk.; Instr.)
yaḥ kuryād aśubhaṃ naraḥ
wer tut Übles, der Mensch (Opt.)
pāpātmā so 'kṛtaprajñaḥ
böse gesinnt, der Unverständige
sadaiveha dvijottama
stets eben hier, bester der Zweifachgeborenen (Vok.)
Zweite Vershälfte („pramāṇam apramāṇena“) unklar; Wiedergabe unsicher.
Wer als Brahmane beides kennt – „es ist zu tun“ und das Zu-Tuende – [?], der lebt in der Welt als Brahman selbst und kehrt nicht wieder zur Verpflichtung zurück.
Wort für Wort
kartavyam iti kartavyaṃ
„es ist zu tun“, das Zu-Tuende (Gerundiv)
vetti yo brāhmaṇobhayam
kennt wer als Brahmane beides (3.Sg.Präs.)
brahmaiva vartate loke
als Brahman selbst lebt er in der Welt
naiti kartavyatāṃ punaḥ
nicht kehrt er zur Verpflichtung zurück (3.Sg.Präs.)
Erste Vershälfte schwer verständlich; Wiedergabe unsicher.
viguṇaṃ ca punaḥ karma jyāya ity anuśuśruma; sarvabhūtopaghātaś ca phalabhāve ca saṃyamaḥ
Und ein mangelhaftes Werk ist besser – so haben wir überliefert gehört –; [ebenso] das Unterlassen der Schädigung aller Wesen und die Zügelung beim Streben nach Frucht [?].
Sie haben Wahrheit und Selbstzügelung zum Opfer, sind ungierig und in sich zufrieden, geben das Entstandene auf; alle Menschen sind [bei ihnen] dem Neid nahe [?].
kṣetrakṣetrajñatattvajñāḥ svayajñapariniṣṭhitāḥ; brāhmaṃ vedam adhīyantas toṣayanty amarān api
Sie kennen die Wahrheit von Feld und Feldkenner, sind fest im eigenen Opfer gegründet, studieren den brahmischen Veda und stellen sogar die Unsterblichen zufrieden.
Wort für Wort
kṣetrakṣetrajñatattvajñāḥ
Kenner der Wahrheit von Feld und Feldkenner (Nom.Pl.)
svayajñapariniṣṭhitāḥ
im eigenen Opfer fest gegründet
brāhmaṃ vedam adhīyantas
den brahmischen Veda studierend (Part.Präs.)
toṣayanty amarān api
sie befriedigen sogar Unsterbliche (3.Pl.Kaus.; Akk.Pl.)
Alles Göttliche, das ganze Brahman, ruht im Brahmanen. Es werden die Götter gesättigt, wenn er sich sättigt; gesättigt sind sie für den Gesättigten, Jājali.
Wort für Wort
akhilaṃ daivataṃ sarvaṃ
das ganze Göttliche, alles
brahma brāhmaṇasaṃśritam
Brahman, im Brahmanen beheimatet (Part.)
tṛpyanti tṛpyato devās
gesättigt werden, wenn er sich sättigt, die Götter (3.Pl.; Part.Gen.)
tṛptās tṛptasya jājale
gesättigt für den Gesättigten, Jājali (Nom.; Gen.; Vok.)
Wie einer, der von allen Geschmäckern gesättigt ist, sich über nichts mehr freut, so ist dem von Erkenntnis Gesättigten stets Sättigung eigen, die Glück hervorbringt.
Wort für Wort
yathā sarvarasais tṛpto
wie mit allen Geschmäckern gesättigt (Instr.Pl.; Nom.)
dharmārāmā dharmasukhāḥ kṛtsnavyavasitās tathā; asti nas tattvato bhūya iti prajñāgaveṣiṇaḥ
Am Dharma sich ergötzend, im Dharma glücklich, alles [entschlossen] betreibend, [denkend:] „Es gibt für uns der Wahrheit nach noch mehr“ – so suchen sie Einsicht.
Wort für Wort
dharmārāmā dharmasukhāḥ
im Dharma sich ergötzend, im Dharma glücklich
kṛtsnavyavasitās tathā
und alles entschlossen [betreibend] [?]
asti nas tattvato bhūya
es gibt für uns der Wahrheit nach mehr (Präs.; Gen.Pl.; Abl.)
jñānavijñāninaḥ ke cit paraṃ pāraṃ titīrṣavaḥ; atīva tat sadā puṇyaṃ puṇyābhijanasaṃhitam
Manche, die Wissen und Erkenntnis besitzen, wollen zum jenseitigen Ufer übersetzen; das ist stets überaus verdienstvoll, verbunden mit [dem Kreis] verdienstvoller Herkunft [?].
svam eva cārthaṃ kurvāṇā yajñaṃ cakruḥ punar dvijāḥ; pariniṣṭhitakarmāṇaḥ prajānugrahakāmyayā
Nur ihr eigenes Ziel verfolgend, vollzogen die Zweifachgeborenen wiederum das Opfer, mit vollendeten Werken, aus dem Wunsch, den Geschöpfen Gnade zu erweisen.
Wort für Wort
svam eva cārthaṃ kurvāṇā
und nur das eigene Ziel verfolgend (Part.Med.)
yajñaṃ cakruḥ punar dvijāḥ
das Opfer vollzogen wiederum die Zweifachgeborenen (Perf. 3.Pl.)
pariniṣṭhitakarmāṇaḥ
mit vollendeten Werken
prajānugrahakāmyayā
aus dem Wunsch, den Geschöpfen Gnade zu erweisen (Instr.)
oṣadhībhis tathā brahman yajeraṃs te natādṛśāḥ; buddhityāgaṃ puraskṛtya tādṛśaṃ prabravīmi te
Mit Kräutern, Brahmane, würden auch sie opfern, doch nicht [so wie] jene [Gierigen] [?]. Unter Voranstellung des Aufgebens der [berechnenden] Absicht sage ich dir solches.
nāśrāvayan na ca yajan na dadad brāhmaṇeṣu ca; grāmyāṃ vṛttiṃ lipsamānaḥ kāṃ gatiṃ yāti jājale; idaṃ tu daivataṃ kṛtvā yathā yajñam avāpnuyāt
Wer weder den Ruf [āśrāvaya] ausruft noch opfert noch den Brahmanen gibt und nur die weltliche Lebensweise begehrt – welchen Weg geht der, Jājali? Dies aber zur Gottheit machend, könnte er das Opfer erlangen [?].
Wort für Wort
nāśrāvayan na ca yajan
nicht ausrufend den āśrāvaya-Ruf, nicht opfernd (Part.Präs.)
jājalir uvāca; na vai munīnāṃ śṛṇumaḥ sma tattvaṃ; pṛcchāmi tvā vāṇija kaṣṭam etat; pūrve pūrve cāsya nāvekṣamāṇā; nātaḥ paraṃ tam ṛṣayaḥ sthāpayanti
Jājali sprach: „Die Wahrheit der Weisen hören wir nicht; ich frage dich, Händler, diese schwierige Sache. Die Früheren und Früheren, die darauf nicht achten [?] – darüber hinaus setzen die Ṛṣis ihn nicht fest [?].“
Wort für Wort
jājalir uvāca
Jājali sprach
na vai munīnāṃ śṛṇumaḥ sma tattvaṃ
nicht fürwahr der Weisen Wahrheit hören wir (1.Pl.Präs.; Gen.Pl.)
pṛcchāmi tvā vāṇija kaṣṭam etat
ich frage dich, Händler, diese schwierige [Sache] (Vok.)
pūrve pūrve cāsya nāvekṣamāṇā
die Früheren und Früheren, dies nicht beachtend [?]
asminn evātmatīrthe na paśavaḥ prāpnuyuḥ sukham; atha svakarmaṇā kena vāṇija prāpnuyāt sukham; śaṃsa me tan mahāprājña bhṛśaṃ vai śraddadhāmi te
„Bei diesem Selbst-Heiligtum fänden die Tiere kein Glück. Wodurch aber, Händler, gelangt man durch eigenes Tun zum Glück? Sag mir das, sehr Weiser; ich glaube dir gewiss.“
tulādhāra uvāca; uta yajñā utāyajñā makhaṃ nārhanti te kva cit; ājyena payasā dadhnā pūrṇāhutyā viśeṣataḥ; vālaiḥ śṛṅgeṇa pādena saṃbhavaty eva gaurmakham
Tulādhāra sprach: „Es gibt Opfernde und Nicht-Opfernde; sie taugen nirgends zum Opfer [?]. Mit Ghee, Milch, Sauermilch, besonders mit der Vollopfergabe, mit Haaren, Horn und Fuß wird die Kuh selbst zum Opfer [?].“