Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 156: satyalakṣaṇa Kennzeichen und dreizehn Gestalten der Wahrheit

Auf Yudhiṣṭhiras Frage nach Wesen und Erlangung der Wahrheit zählt Bhīṣma dreizehn Gestalten der Wahrheit auf (Gleichmut, Selbstbeherrschung, Nachsicht, Scham u. a.) und preist ihren Vorrang vor allem Dharma.

yudhiṣṭhira uvāca; satyaṃ dharme praśaṃsanti viprarṣipitṛdevatāḥ; satyam icchāmy ahaṃ śrotuṃ tan me brūhi pitāmaha

Yudhiṣṭhira sprach: „Die Wahrheit preisen im Dharma die Brahmanen, die Seher, die Ahnen und die Götter. Die Wahrheit möchte ich hören; sage mir diese, Großvater.“

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf. 3.Sg.)
satyaṃ dharme praśaṃsanti
die Wahrheit preisen sie im Dharma (Akk.; Lok.; 3.Pl.Präs.)
vipra-ṛṣi-pitṛ-devatāḥ
Brahmanen, Seher, Ahnen und Götter (Dvandva, Nom.Pl.)
satyam icchāmy ahaṃ śrotum
die Wahrheit möchte ich hören (Akk.; 1.Sg.Präs.; Inf.)
tat me brūhi pitāmaha
das sage mir, Großvater (Imp. 2.Sg.; Dat./Gen.; Vok.)

satyaṃ kiṃlakṣaṇaṃ rājan kathaṃ vā tad avāpyate; satyaṃ prāpya bhavet kiṃ ca kathaṃ caiva tad ucyate

Was ist das Kennzeichen der Wahrheit, König, oder wie wird sie erlangt? Und was würde man, hat man die Wahrheit erlangt, [dadurch] werden [bzw. erreichen]? Und wie wird das ausgesprochen [gelehrt]?

Wort für Wort
satyaṃ kiṃlakṣaṇaṃ rājan
die Wahrheit, was ist ihr Kennzeichen, König (Bahuvrīhi; Vok.)
kathaṃ vā tad avāpyate
oder wie wird sie erlangt (Pass. 3.Sg.Präs.)
satyaṃ prāpya bhavet kiṃ ca
und was würde sein, nachdem man die Wahrheit erlangt hat (Abs.; Opt. 3.Sg.)
kathaṃ caiva tad ucyate
und wie wird das gesagt (Pass. 3.Sg.Präs.)

Zweiter Halbvers knapp; „bhavet kiṃ ca“ wörtlich: was würde sein / was ergäbe sich.

bhīṣma uvāca; cāturvarṇyasya dharmāṇāṃ saṃkaro na praśasyate; avikāritamaṃ satyaṃ sarvavarṇeṣu bhārata

Bhīṣma sprach: „Die Vermischung der Pflichten der vier Stände wird nicht gebilligt; unwandelbar am meisten ist die Wahrheit für alle Stände, Bhārata.“

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf. 3.Sg.)
cāturvarṇyasya dharmāṇāṃ
der vier Stände, der Pflichten (Gen.Sg.; Gen.Pl.)
saṃkaro na praśasyate
die Vermischung wird nicht gepriesen (Nom.Sg.; Pass. 3.Sg.Präs.)
avikāritamaṃ satyaṃ
am unwandelbarsten [ist] die Wahrheit (Superl., Nom.Sg.n.)
sarvavarṇeṣu bhārata
unter allen Ständen, Bhārata (Lok.Pl.; Vok.)

tasmāc chreṣṭhatamaṃ satyaṃ sarvavarṇeṣu bhārata

Darum ist die Wahrheit für alle Stände das Vortrefflichste, Bhārata.

Wort für Wort
tasmāc chreṣṭhatamaṃ satyaṃ
darum ist die Wahrheit das Vortrefflichste (Abl.; Superl., Nom.Sg.n.)
sarvavarṇeṣu bhārata
unter allen Ständen, Bhārata (Lok.Pl.; Vok.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile (*0404), nur in einem Teil der Handschriften.

satyaṃ satsu sadā dharmaḥ satyaṃ dharmaḥ sanātanaḥ; satyam eva namasyeta satyaṃ hi paramā gatiḥ

Die Wahrheit ist bei den Guten stets das Dharma; die Wahrheit ist das ewige Dharma. Vor der Wahrheit allein soll man sich verneigen, denn die Wahrheit ist das höchste Ziel.

Wort für Wort
satyaṃ satsu sadā dharmaḥ
die Wahrheit ist bei den Guten stets Dharma (Lok.Pl.; Nom.Sg.)
satyaṃ dharmaḥ sanātanaḥ
die Wahrheit ist das ewige Dharma (Nom.Sg.m.)
satyam eva namasyeta
der Wahrheit allein soll man huldigen (Opt. 3.Sg.Denom.)
satyaṃ hi paramā gatiḥ
denn die Wahrheit ist das höchste Ziel (Nom.Sg.f.)

satyaṃ dharmas tapo yogaḥ satyaṃ brahma sanātanam; satyaṃ yajñaḥ paraḥ proktaḥ satye sarvaṃ pratiṣṭhitam

Wahrheit ist Dharma, Askese, Yoga; Wahrheit ist das ewige Brahman; Wahrheit gilt als das höchste Opfer; in der Wahrheit ist alles gegründet.

Wort für Wort
satyaṃ dharmas tapo yogaḥ
Wahrheit ist Dharma, Askese, Yoga (Nom.Sg.)
satyaṃ brahma sanātanam
Wahrheit ist das ewige Brahman (Nom.Sg.n.)
satyaṃ yajñaḥ paraḥ proktaḥ
Wahrheit wird als höchstes Opfer bezeichnet (PPP Nom.Sg.m.)
satye sarvaṃ pratiṣṭhitam
in der Wahrheit ist alles gegründet (Lok.Sg.; PPP Nom.Sg.n.)

ācārān iha satyasya yathāvad anupūrvaśaḥ; lakṣaṇaṃ ca pravakṣyāmi satyasyeha yathākramam

Die Bräuche der Wahrheit hier der Reihe nach, wie es sich gehört, und das Kennzeichen der Wahrheit werde ich dir hier darlegen, Schritt für Schritt.

Wort für Wort
ācārān iha satyasya
die Bräuche hier der Wahrheit (Akk.Pl.; Gen.Sg.)
yathāvad anupūrvaśaḥ
wie es sich gehört, der Reihe nach (Adv.)
lakṣaṇaṃ ca pravakṣyāmi
und das Kennzeichen werde ich darlegen (Akk.Sg.; 1.Sg.Fut.)
satyasyeha yathākramam
der Wahrheit hier, gemäß der Ordnung (Gen.Sg.; Adv.)

„ācārān“ als Objekt zu „pravakṣyāmi“ gezogen; „ācāra“ hier als Bräuche/Verhaltensweisen der Wahrheit.

prāpyate hi yathā satyaṃ tac ca śrotuṃ tvam arhasi; satyaṃ trayodaśavidhaṃ sarvalokeṣu bhārata

Und wie die Wahrheit erlangt wird, auch das sollst du hören; dreizehnfach ist die Wahrheit in allen Welten, Bhārata.

Wort für Wort
prāpyate hi yathā satyaṃ
wie die Wahrheit erlangt wird (Pass. 3.Sg.Präs.)
tac ca śrotuṃ tvam arhasi
und das solltest du hören (Inf.; 2.Sg.Präs.)
satyaṃ trayodaśavidhaṃ
die Wahrheit ist dreizehnfach (Nom.Sg.n., Bahuvrīhi)
sarvalokeṣu bhārata
in allen Welten, Bhārata (Lok.Pl.; Vok.)

satyaṃ ca samatā caiva damaś caiva na saṃśayaḥ; amātsaryaṃ kṣamā caiva hrīs titikṣānasūyatā

Wahrheit, Gleichmut, Selbstbeherrschung, ohne Zweifel, Neidlosigkeit, Nachsicht, Scham, Duldsamkeit und Missgunstlosigkeit,

Wort für Wort
satyaṃ ca samatā caiva
Wahrheit und Gleichmut (Nom.Sg.f.)
damaś caiva na saṃśayaḥ
und Selbstbeherrschung, ohne Zweifel (Nom.Sg.m.; Nom.Sg.m.)
amātsaryaṃ kṣamā caiva
Neidlosigkeit und Nachsicht (Nom.Sg.n.; Nom.Sg.f.)
hrīs titikṣānasūyatā
Scham, Duldsamkeit, Missgunstlosigkeit (Nom.Sg.f.)

Die Aufzählung wird in Vers 10 fortgesetzt.

tyāgo dhyānam athāryatvaṃ dhṛtiś ca satataṃ sthirā; ahiṃsā caiva rājendra satyākārās trayodaśa

Verzicht, Meditation, Edelmut, beständige Festigkeit und Gewaltlosigkeit, König der Könige: das sind die dreizehn Gestalten der Wahrheit.

Wort für Wort
tyāgo dhyānam athāryatvaṃ
Verzicht, Meditation, dann Edelmut (Nom.Sg.)
dhṛtiś ca satataṃ sthirā
und Festigkeit, stets beständig (Nom.Sg.f.; Adv.; Nom.Sg.f.)
ahiṃsā caiva rājendra
und Gewaltlosigkeit, König der Könige (Nom.Sg.f.; Vok.)
satyākārās trayodaśa
die dreizehn Gestalten der Wahrheit (Nom.Pl.m.; Kompositum)

satyaṃ nāmāvyayaṃ nityam avikāri tathaiva ca; sarvadharmāviruddhaṃ ca yogenaitad avāpyate

Wahrheit ist dem Namen nach unvergänglich, ewig und ebenso unwandelbar und allen Dharmas nicht widersprechend; durch Yoga wird dies erlangt.

Wort für Wort
satyaṃ nāmāvyayaṃ nityam
Wahrheit ist dem Namen nach unvergänglich, ewig (Nom.Sg.n.; Adv.)
avikāri tathaiva ca
und ebenso unwandelbar (Nom.Sg.n.)
sarvadharmāviruddhaṃ ca
und allen Dharmas nicht widersprechend (Nom.Sg.n., Tatpuruṣa)
yogenaitad avāpyate
durch Yoga wird dies erlangt (Instr.Sg.; Pass. 3.Sg.Präs.)

ātmanīṣṭe tathāniṣṭe ripau ca samatā tathā; icchādveṣakṣayaṃ prāpya kāmakrodhakṣayaṃ tathā

Gleichmut gegenüber dem Selbst, dem Erwünschten, dem Unerwünschten und dem Feind: [erlangt man] nach Erreichen des Schwindens von Wunsch und Abneigung und ebenso des Schwindens von Begierde und Zorn.

Wort für Wort
ātmanīṣṭe tathāniṣṭe ripau ca
beim Selbst, beim Erwünschten, beim Unerwünschten und beim Feind (Lok.Sg.)
samatā tathā
Gleichmut ebenso (Nom.Sg.f.)
icchādveṣakṣayaṃ prāpya
nachdem man das Schwinden von Wunsch und Abneigung erreicht hat (Akk.Sg.; Abs.)
kāmakrodhakṣayaṃ tathā
ebenso das Schwinden von Begierde und Zorn (Akk.Sg.)

Der Satz ist elliptisch; „samatā“ ist das Ergebnis, das durch das Schwinden von Wunsch und Abneigung erlangt wird.

damo nānyaspṛhā nityaṃ dhairyaṃ gāmbhīryam eva ca; abhayaṃ krodhaśamanaṃ jñānenaitad avāpyate

Selbstbeherrschung, kein Verlangen nach Fremdem, ständige Standhaftigkeit und Tiefe, Furchtlosigkeit und Zorn-Beruhigung: dies wird durch Erkenntnis erlangt.

Wort für Wort
damo nānyaspṛhā nityaṃ
Selbstbeherrschung, kein Verlangen nach anderem, stets (Nom.Sg.; Nom.Sg.f.; Adv.)
dhairyaṃ gāmbhīryam eva ca
Standhaftigkeit und Tiefe (Nom.Sg.n.)
abhayaṃ krodhaśamanaṃ
Furchtlosigkeit, Beruhigung des Zorns (Nom.Sg.n.)
jñānenaitad avāpyate
durch Erkenntnis wird dies erlangt (Instr.Sg.; Pass. 3.Sg.Präs.)

amātsaryaṃ budhāḥ prāhur dānaṃ dharme ca saṃyamam; avasthitena nityaṃ ca satyenāmatsarī bhavet

Neidlosigkeit, sagen die Weisen, ist Geben und Zügelung im Dharma; wer in der Wahrheit beständig verharrt, möge stets neidlos sein.

Wort für Wort
amātsaryaṃ budhāḥ prāhur
Neidlosigkeit, sagen die Weisen (Akk.Sg.n.; Nom.Pl.; Perf. 3.Pl.)
dānaṃ dharme ca saṃyamam
Geben und Zügelung im Dharma (Akk.Sg.; Lok.Sg.; Akk.Sg.)
avasthitena nityaṃ ca satyena
und durch die stets feststehende Wahrheit (PPP Instr.Sg.; Adv.; Instr.Sg.)
amatsarī bhavet
möge neidlos werden (Nom.Sg.m.; Opt. 3.Sg.)

Zweiter Halbvers syntaktisch knapp; „avasthitena satyena“ als Instrumental der Ursache/des Mittels gefasst.

akṣamāyāḥ kṣamāyāś ca priyāṇīhāpriyāṇi ca; kṣamate sarvataḥ sādhuḥ sādhv āpnoti ca satyavān

Angenehmes und Unangenehmes, dem Nachsichtslosen wie dem Nachsichtigen: der Gute erträgt es allseits, und wer die Wahrheit hat, erlangt das Gute.

Wort für Wort
akṣamāyāḥ kṣamāyāś ca
dem Nachsichtslosen und der Nachsicht (Gen./Abl.Sg.f.) [?]
priyāṇīhāpriyāṇi ca
Angenehmes und Unangenehmes (Nom./Akk.Pl.n.)
kṣamate sarvataḥ sādhuḥ
der Gute erträgt es allseits (3.Sg.Präs.; Adv.; Nom.Sg.m.)
sādhv āpnoti ca satyavān
und das Gute erlangt der Wahrhaftige (Akk.Sg.n.; 3.Sg.Präs.; Nom.Sg.m.)

Der erste Halbvers ist syntaktisch schwierig; „akṣamāyāḥ kṣamāyāś ca“ (fem. Gen./Abl.) ist wohl als Bezug auf Nachsichtslosigkeit und Nachsicht als Ursprung des Angenehmen/Unangenehmen gemeint. Wiedergabe unsicher.

kalyāṇaṃ kurute gāḍhaṃ hrīmān na ślāghate kva cit; praśāntavāṅmanā nityaṃ hrīs tu dharmād avāpyate

Wer Gutes fest tut, schamhaft ist und sich nirgends rühmt, mit stets beruhigter Rede und Sinn: Scham wird aber aus dem Dharma erlangt.

Wort für Wort
kalyāṇaṃ kurute gāḍhaṃ
Gutes tut er fest (Akk.Sg.n.; 3.Sg.Präs.; Adv.)
hrīmān na ślāghate kva cit
der Schamhafte rühmt sich nirgends (Nom.Sg.m.; 3.Sg.Präs.)
praśāntavāṅmanā nityaṃ
mit beruhigter Rede und Sinn, stets (Bahuvrīhi Nom.Sg.m.; Adv.)
hrīs tu dharmād avāpyate
Scham aber wird aus dem Dharma erlangt (Nom.Sg.f.; Abl.Sg.; Pass. 3.Sg.)

dharmārthahetoḥ kṣamate titikṣā kṣāntir ucyate; lokasaṃgrahaṇārthaṃ tu sā tu dhairyeṇa labhyate

Wer um des Dharma und des Nutzens willen erträgt, dessen Duldsamkeit heißt Nachsicht; sie aber [besteht] zum Zusammenhalt der Welt und wird durch Standhaftigkeit erlangt.

Wort für Wort
dharmārthahetoḥ kṣamate
um des Dharma und Nutzens willen erträgt er (Abl.Sg.; 3.Sg.Präs.)
titikṣā kṣāntir ucyate
Duldsamkeit wird Nachsicht genannt (Nom.Sg.f.; Pass. 3.Sg.)
lokasaṃgrahaṇārthaṃ tu
zum Zweck des Zusammenhalts der Welt aber (Adv./Akk.Sg.n.)
sā tu dhairyeṇa labhyate
sie aber wird durch Standhaftigkeit erlangt (Nom.Sg.f.; Instr.Sg.; Pass. 3.Sg.)

Der Halbvers-Aufbau ist elliptisch; die Zuordnung von „kṣamate“ und „titikṣā“ ist verkürzt.

anasūyā tu gāmbhīryaṃ dānenaitad avāpyate

Missgunstlosigkeit aber, [und] Tiefe: dies wird durch Geben erlangt.

Wort für Wort
anasūyā tu gāmbhīryaṃ
Missgunstlosigkeit aber, Tiefe (Nom.Sg.f.; Nom.Sg.n.)
dānenaitad avāpyate
durch Geben wird dies erlangt (Instr.Sg.; Pass. 3.Sg.Präs.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile (*0405), nur in einem Teil der Handschriften.

tyāgaḥ snehasya yas tyāgo viṣayāṇāṃ tathaiva ca; rāgadveṣaprahīṇasya tyāgo bhavati nānyathā

Verzicht ist, was Verzicht auf Anhänglichkeit ist und ebenso auf die Sinnesobjekte; für den, der frei von Leidenschaft und Abneigung ist, entsteht Verzicht, nicht anders.

Wort für Wort
tyāgaḥ snehasya yas tyāgo
Verzicht [ist] der Verzicht auf Anhänglichkeit (Nom.Sg.m.; Gen.Sg.)
viṣayāṇāṃ tathaiva ca
und ebenso auf die Sinnesobjekte (Gen.Pl.)
rāgadveṣaprahīṇasya
für den von Leidenschaft und Abneigung Befreiten (Gen./Dat.Sg.m.)
tyāgo bhavati nānyathā
entsteht Verzicht, nicht anders (3.Sg.Präs.; Adv.)

dhyānaṃ cāśāṭhyam ity uktaṃ maunenaitad avāpyate

Meditation aber heißt Aufrichtigkeit [ohne Arglist]; sie wird durch Schweigen erlangt.

Wort für Wort
dhyānaṃ cāśāṭhyam ity uktaṃ
Meditation und Arglosigkeit, so ist gesagt (Nom.Sg.n.; PPP Nom.Sg.n.)
maunenaitad avāpyate
durch Schweigen wird dies erlangt (Instr.Sg.; Pass. 3.Sg.Präs.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile (*0406); Bezug von „dhyānam“ auf „aśāṭhyam“ knapp, wörtlich: Meditation und Arglosigkeit, so ist gesagt.

āryatā nāma bhūtānāṃ yaḥ karoti prayatnataḥ; śubhaṃ karma nirākāro vītarāgatvam eva ca

Edelmut nennt man das, wenn jemand gegenüber den Wesen mit Eifer gute Tat vollbringt, ohne Selbstüberhebung, und ebenso Leidenschaftslosigkeit.

Wort für Wort
āryatā nāma bhūtānāṃ
Edelmut heißt es gegenüber den Wesen (Nom.Sg.f.; Gen.Pl.)
yaḥ karoti prayatnataḥ
wer eifrig tut (Nom.Sg.m.; 3.Sg.Präs.; Adv.)
śubhaṃ karma nirākāraḥ
gute Tat, ohne Abweisung/Selbstüberhebung (Akk.Sg.n.; Nom.Sg.m.) [?]
vītarāgatvam eva ca
und Leidenschaftslosigkeit (Nom./Akk.Sg.n.)

„nirākāraḥ“ hier unsicher: ohne Gestalt/ohne Abweisung; als „ohne Anzeichen von Hochmut“ gefasst. Syntax des Verses insgesamt locker.

dhṛtir nāma sukhe duḥkhe yathā nāpnoti vikriyām; tāṃ bhajeta sadā prājño ya icched bhūtim ātmanaḥ

Festigkeit heißt, dass man in Glück und Leid keine Veränderung erfährt; sie soll stets pflegen, wer weise ist und das eigene Gedeihen wünscht.

Wort für Wort
dhṛtir nāma sukhe duḥkhe
Festigkeit heißt es, in Glück und Leid (Nom.Sg.f.; Lok.Sg.)
yathā nāpnoti vikriyām
wie man keine Veränderung erlangt (3.Sg.Präs.; Akk.Sg.f.)
tāṃ bhajeta sadā prājño
diese soll der Weise stets pflegen (Akk.Sg.f.; Opt. 3.Sg.; Nom.Sg.m.)
ya icched bhūtim ātmanaḥ
der das Gedeihen seiner selbst wünscht (Opt. 3.Sg.; Akk.Sg.f.; Gen.Sg.)

sarvathā kṣamiṇā bhāvyaṃ tathā satyapareṇa ca; vītaharṣabhayakrodho dhṛtim āpnoti paṇḍitaḥ

In jeder Hinsicht soll man nachsichtig sein und ebenso der Wahrheit ergeben; frei von Freude, Furcht und Zorn erlangt der Gelehrte Festigkeit.

Wort für Wort
sarvathā kṣamiṇā bhāvyaṃ
in jeder Weise muss man nachsichtig sein (Instr.Sg.m.; Gerundiv)
tathā satyapareṇa ca
und ebenso der Wahrheit zugewandt (Instr.Sg.m.)
vīta-harṣa-bhaya-krodhaḥ
frei von Freude, Furcht und Zorn (Bahuvrīhi Nom.Sg.m.)
dhṛtim āpnoti paṇḍitaḥ
Festigkeit erlangt der Gelehrte (Akk.Sg.f.; 3.Sg.Präs.; Nom.Sg.m.)

adrohaḥ sarvabhūteṣu karmaṇā manasā girā; anugrahaś ca dānaṃ ca satāṃ dharmaḥ sanātanaḥ

Nicht-Verletzen gegenüber allen Wesen in Tat, Gedanke und Wort, dazu Wohlwollen und Geben: das ist das ewige Dharma der Guten.

Wort für Wort
adrohaḥ sarvabhūteṣu
Nicht-Schaden gegenüber allen Wesen (Nom.Sg.m.; Lok.Pl.)
karmaṇā manasā girā
durch Tat, Gedanken, Wort (Instr.Sg.)
anugrahaś ca dānaṃ ca
und Wohlwollen und Geben (Nom.Sg.m.; Nom.Sg.n.)
satāṃ dharmaḥ sanātanaḥ
der Guten ewiges Dharma (Gen.Pl.; Nom.Sg.m.)

ete trayodaśākārāḥ pṛthak satyaikalakṣaṇāḥ; bhajante satyam eveha bṛṃhayanti ca bhārata

Diese dreizehn Gestalten, jede für sich die Wahrheit zum einzigen Kennzeichen habend, dienen der Wahrheit hier und mehren sie, Bhārata.

Wort für Wort
ete trayodaśākārāḥ
diese dreizehn Gestalten (Nom.Pl.m.)
pṛthak satyaikalakṣaṇāḥ
je für sich, die Wahrheit als einziges Kennzeichen habend (Adv.; Bahuvrīhi Nom.Pl.m.)
bhajante satyam eveha
sie pflegen/dienen nur der Wahrheit hier (3.Pl.Präs.Med.; Akk.Sg.n.)
bṛṃhayanti ca bhārata
und sie mehren [sie], Bhārata (3.Pl.Präs.Kaus.; Vok.)

nāntaḥ śakyo guṇānāṃ hi vaktuṃ satyasya bhārata; ataḥ satyaṃ praśaṃsanti viprāḥ sapitṛdevatāḥ

Kein Ende der Vorzüge der Wahrheit lässt sich aussprechen, Bhārata; darum preisen die Brahmanen samt Ahnen und Göttern die Wahrheit.

Wort für Wort
nāntaḥ śakyo guṇānāṃ hi
ein Ende der Vorzüge ist nicht möglich (Nom.Sg.m.; Adj. Nom.Sg.m.; Gen.Pl.)
vaktuṃ satyasya bhārata
auszusprechen, der Wahrheit, Bhārata (Inf.; Gen.Sg.; Vok.)
ataḥ satyaṃ praśaṃsanti
darum preisen sie die Wahrheit (Adv.; 3.Pl.Präs.)
viprāḥ sapitṛdevatāḥ
die Brahmanen samt Ahnen und Göttern (Nom.Pl.; Bahuvrīhi Nom.Pl.m.)

nāsti satyāt paro dharmo nānṛtāt pātakaṃ param; sthitir hi satyaṃ dharmasya tasmāt satyaṃ na lopayet

Es gibt kein höheres Dharma als die Wahrheit und keine größere Sünde als die Unwahrheit; die Wahrheit ist ja die Grundlage des Dharma, darum soll man die Wahrheit nicht schwinden lassen.

Wort für Wort
nāsti satyāt paro dharmo
es gibt kein höheres Dharma als die Wahrheit (3.Sg.Präs.; Abl.Sg.; Nom.Sg.m.)
nānṛtāt pātakaṃ param
keine größere Sünde als die Unwahrheit (Abl.Sg.; Nom.Sg.n.)
sthitir hi satyaṃ dharmasya
denn die Wahrheit ist die Grundlage des Dharma (Nom.Sg.f.; Gen.Sg.)
tasmāt satyaṃ na lopayet
darum soll man die Wahrheit nicht zerstören (Abl.; Opt. 3.Sg.Kaus.)

upaiti satyād dānaṃ hi tathā yajñāḥ sadakṣiṇāḥ; vratāgnihotraṃ vedāś ca ye cānye dharmaniścayāḥ

Aus der Wahrheit erwächst das Geben, ebenso Opfer mit Opfergaben, Gelübde, Agnihotra und die Veden und was sonst an Dharma-Entscheidungen [besteht].

Wort für Wort
upaiti satyād dānaṃ hi
aus der Wahrheit kommt das Geben (3.Sg.Präs.; Abl.Sg.; Akk./Nom.Sg.n.)
tathā yajñāḥ sadakṣiṇāḥ
ebenso Opfer mit Opfergaben (Nom.Pl.m.; Bahuvrīhi)
vratāgnihotraṃ vedāś ca
Gelübde, Agnihotra und die Veden (Dvandva; Nom.Pl.m.)
ye cānye dharmaniścayāḥ
und welche anderen Dharma-Entscheidungen [es gibt] (Rel.Nom.Pl.m.; Nom.Pl.m.)

„upaiti“ (Sg.) mit pluralischem Subjekt: Verb wohl auf das erste Glied bezogen; Konstruktion locker.

aśvamedhasahasraṃ ca satyaṃ ca tulayā dhṛtam; aśvamedhasahasrād dhi satyam evātiricyate

Tausend Rossopfer und die Wahrheit wurden auf der Waage aufgewogen; die Wahrheit allein übertrifft die tausend Rossopfer.

Wort für Wort
aśvamedhasahasraṃ ca
und tausend Rossopfer (Nom.Sg.n.)
satyaṃ ca tulayā dhṛtam
und Wahrheit wurden auf der Waage gehalten (Instr.Sg.f.; PPP Nom.Sg.n.)
aśvamedhasahasrād dhi
denn gegenüber tausend Rossopfern (Abl.Sg.n.)
satyam evātiricyate
die Wahrheit allein übertrifft [sie] (Pass. 3.Sg.Präs.)

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