Kapitel 156: satyalakṣaṇa
Kennzeichen und dreizehn Gestalten der Wahrheit
Auf Yudhiṣṭhiras Frage nach Wesen und Erlangung der Wahrheit zählt Bhīṣma dreizehn Gestalten der Wahrheit auf (Gleichmut, Selbstbeherrschung, Nachsicht, Scham u. a.) und preist ihren Vorrang vor allem Dharma.
yudhiṣṭhira uvāca; satyaṃ dharme praśaṃsanti viprarṣipitṛdevatāḥ; satyam icchāmy ahaṃ śrotuṃ tan me brūhi pitāmaha
Yudhiṣṭhira sprach: „Die Wahrheit preisen im Dharma die Brahmanen, die Seher, die Ahnen und die Götter. Die Wahrheit möchte ich hören; sage mir diese, Großvater.“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf. 3.Sg.)
satyaṃ dharme praśaṃsanti
die Wahrheit preisen sie im Dharma (Akk.; Lok.; 3.Pl.Präs.)
vipra-ṛṣi-pitṛ-devatāḥ
Brahmanen, Seher, Ahnen und Götter (Dvandva, Nom.Pl.)
satyam icchāmy ahaṃ śrotum
die Wahrheit möchte ich hören (Akk.; 1.Sg.Präs.; Inf.)
tat me brūhi pitāmaha
das sage mir, Großvater (Imp. 2.Sg.; Dat./Gen.; Vok.)
satyaṃ kiṃlakṣaṇaṃ rājan kathaṃ vā tad avāpyate; satyaṃ prāpya bhavet kiṃ ca kathaṃ caiva tad ucyate
Was ist das Kennzeichen der Wahrheit, König, oder wie wird sie erlangt? Und was würde man, hat man die Wahrheit erlangt, [dadurch] werden [bzw. erreichen]? Und wie wird das ausgesprochen [gelehrt]?
Wort für Wort
satyaṃ kiṃlakṣaṇaṃ rājan
die Wahrheit, was ist ihr Kennzeichen, König (Bahuvrīhi; Vok.)
kathaṃ vā tad avāpyate
oder wie wird sie erlangt (Pass. 3.Sg.Präs.)
satyaṃ prāpya bhavet kiṃ ca
und was würde sein, nachdem man die Wahrheit erlangt hat (Abs.; Opt. 3.Sg.)
kathaṃ caiva tad ucyate
und wie wird das gesagt (Pass. 3.Sg.Präs.)
Zweiter Halbvers knapp; „bhavet kiṃ ca“ wörtlich: was würde sein / was ergäbe sich.
satyaṃ satsu sadā dharmaḥ satyaṃ dharmaḥ sanātanaḥ; satyam eva namasyeta satyaṃ hi paramā gatiḥ
Die Wahrheit ist bei den Guten stets das Dharma; die Wahrheit ist das ewige Dharma. Vor der Wahrheit allein soll man sich verneigen, denn die Wahrheit ist das höchste Ziel.
Wort für Wort
satyaṃ satsu sadā dharmaḥ
die Wahrheit ist bei den Guten stets Dharma (Lok.Pl.; Nom.Sg.)
satyaṃ dharmaḥ sanātanaḥ
die Wahrheit ist das ewige Dharma (Nom.Sg.m.)
satyam eva namasyeta
der Wahrheit allein soll man huldigen (Opt. 3.Sg.Denom.)
satyaṃ hi paramā gatiḥ
denn die Wahrheit ist das höchste Ziel (Nom.Sg.f.)
ātmanīṣṭe tathāniṣṭe ripau ca samatā tathā; icchādveṣakṣayaṃ prāpya kāmakrodhakṣayaṃ tathā
Gleichmut gegenüber dem Selbst, dem Erwünschten, dem Unerwünschten und dem Feind: [erlangt man] nach Erreichen des Schwindens von Wunsch und Abneigung und ebenso des Schwindens von Begierde und Zorn.
Wort für Wort
ātmanīṣṭe tathāniṣṭe ripau ca
beim Selbst, beim Erwünschten, beim Unerwünschten und beim Feind (Lok.Sg.)
samatā tathā
Gleichmut ebenso (Nom.Sg.f.)
icchādveṣakṣayaṃ prāpya
nachdem man das Schwinden von Wunsch und Abneigung erreicht hat (Akk.Sg.; Abs.)
kāmakrodhakṣayaṃ tathā
ebenso das Schwinden von Begierde und Zorn (Akk.Sg.)
Der Satz ist elliptisch; „samatā“ ist das Ergebnis, das durch das Schwinden von Wunsch und Abneigung erlangt wird.
Selbstbeherrschung, kein Verlangen nach Fremdem, ständige Standhaftigkeit und Tiefe, Furchtlosigkeit und Zorn-Beruhigung: dies wird durch Erkenntnis erlangt.
Wort für Wort
damo nānyaspṛhā nityaṃ
Selbstbeherrschung, kein Verlangen nach anderem, stets (Nom.Sg.; Nom.Sg.f.; Adv.)
dhairyaṃ gāmbhīryam eva ca
Standhaftigkeit und Tiefe (Nom.Sg.n.)
abhayaṃ krodhaśamanaṃ
Furchtlosigkeit, Beruhigung des Zorns (Nom.Sg.n.)
jñānenaitad avāpyate
durch Erkenntnis wird dies erlangt (Instr.Sg.; Pass. 3.Sg.Präs.)
akṣamāyāḥ kṣamāyāś ca priyāṇīhāpriyāṇi ca; kṣamate sarvataḥ sādhuḥ sādhv āpnoti ca satyavān
Angenehmes und Unangenehmes, dem Nachsichtslosen wie dem Nachsichtigen: der Gute erträgt es allseits, und wer die Wahrheit hat, erlangt das Gute.
Wort für Wort
akṣamāyāḥ kṣamāyāś ca
dem Nachsichtslosen und der Nachsicht (Gen./Abl.Sg.f.) [?]
priyāṇīhāpriyāṇi ca
Angenehmes und Unangenehmes (Nom./Akk.Pl.n.)
kṣamate sarvataḥ sādhuḥ
der Gute erträgt es allseits (3.Sg.Präs.; Adv.; Nom.Sg.m.)
sādhv āpnoti ca satyavān
und das Gute erlangt der Wahrhaftige (Akk.Sg.n.; 3.Sg.Präs.; Nom.Sg.m.)
Der erste Halbvers ist syntaktisch schwierig; „akṣamāyāḥ kṣamāyāś ca“ (fem. Gen./Abl.) ist wohl als Bezug auf Nachsichtslosigkeit und Nachsicht als Ursprung des Angenehmen/Unangenehmen gemeint. Wiedergabe unsicher.
dharmārthahetoḥ kṣamate titikṣā kṣāntir ucyate; lokasaṃgrahaṇārthaṃ tu sā tu dhairyeṇa labhyate
Wer um des Dharma und des Nutzens willen erträgt, dessen Duldsamkeit heißt Nachsicht; sie aber [besteht] zum Zusammenhalt der Welt und wird durch Standhaftigkeit erlangt.
Wort für Wort
dharmārthahetoḥ kṣamate
um des Dharma und Nutzens willen erträgt er (Abl.Sg.; 3.Sg.Präs.)
titikṣā kṣāntir ucyate
Duldsamkeit wird Nachsicht genannt (Nom.Sg.f.; Pass. 3.Sg.)
lokasaṃgrahaṇārthaṃ tu
zum Zweck des Zusammenhalts der Welt aber (Adv./Akk.Sg.n.)
sā tu dhairyeṇa labhyate
sie aber wird durch Standhaftigkeit erlangt (Nom.Sg.f.; Instr.Sg.; Pass. 3.Sg.)
Der Halbvers-Aufbau ist elliptisch; die Zuordnung von „kṣamate“ und „titikṣā“ ist verkürzt.
Verzicht ist, was Verzicht auf Anhänglichkeit ist und ebenso auf die Sinnesobjekte; für den, der frei von Leidenschaft und Abneigung ist, entsteht Verzicht, nicht anders.
Wort für Wort
tyāgaḥ snehasya yas tyāgo
Verzicht [ist] der Verzicht auf Anhänglichkeit (Nom.Sg.m.; Gen.Sg.)
viṣayāṇāṃ tathaiva ca
und ebenso auf die Sinnesobjekte (Gen.Pl.)
rāgadveṣaprahīṇasya
für den von Leidenschaft und Abneigung Befreiten (Gen./Dat.Sg.m.)
tyāgo bhavati nānyathā
entsteht Verzicht, nicht anders (3.Sg.Präs.; Adv.)
Meditation aber heißt Aufrichtigkeit [ohne Arglist]; sie wird durch Schweigen erlangt.
Wort für Wort
dhyānaṃ cāśāṭhyam ity uktaṃ
Meditation und Arglosigkeit, so ist gesagt (Nom.Sg.n.; PPP Nom.Sg.n.)
maunenaitad avāpyate
durch Schweigen wird dies erlangt (Instr.Sg.; Pass. 3.Sg.Präs.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile (*0406); Bezug von „dhyānam“ auf „aśāṭhyam“ knapp, wörtlich: Meditation und Arglosigkeit, so ist gesagt.
nāsti satyāt paro dharmo nānṛtāt pātakaṃ param; sthitir hi satyaṃ dharmasya tasmāt satyaṃ na lopayet
Es gibt kein höheres Dharma als die Wahrheit und keine größere Sünde als die Unwahrheit; die Wahrheit ist ja die Grundlage des Dharma, darum soll man die Wahrheit nicht schwinden lassen.
Wort für Wort
nāsti satyāt paro dharmo
es gibt kein höheres Dharma als die Wahrheit (3.Sg.Präs.; Abl.Sg.; Nom.Sg.m.)
nānṛtāt pātakaṃ param
keine größere Sünde als die Unwahrheit (Abl.Sg.; Nom.Sg.n.)
sthitir hi satyaṃ dharmasya
denn die Wahrheit ist die Grundlage des Dharma (Nom.Sg.f.; Gen.Sg.)
tasmāt satyaṃ na lopayet
darum soll man die Wahrheit nicht zerstören (Abl.; Opt. 3.Sg.Kaus.)