Kapitel 94: rājadharmopadeśaḥ
Vāmadevas Unterweisung über das rechte Verhalten des Königs
Vāmadeva belehrt einen König über gerechte Herrschaft, Umgang mit Feinden und Ministern, Wachsamkeit und Mäßigung; das Kapitel schließt mit dem Verweis auf Yayātis Königsgeheimlehre.
Vāmadeva sprach: „Wo ein Stärkerer gegenüber einem Schwächeren Unrecht durchsetzt und jene, die dessen Gefolgsleute sind, von eben diesem Verhalten leben,
Wort für Wort
vāmadeva uvāca
Vāmadeva sprach (Nom.; Perf.)
yatrādharmaṃ praṇayate
wo Unrecht durchsetzt/anwendet (Akk.; 3.Sg.Med.Präs.)
durbale balavattaraḥ
der Stärkere gegenüber dem Schwachen (Nom. Komp. / Lok.)
tāṃ vṛttim upajīvanti
von diesem Verhalten leben sie (Akk.; 3.Pl.Präs.)
ye bhavanti tadanvayāḥ
die seine Gefolgsleute/Anhänger sind (Nom.Pl.; 3.Pl.Präs.)
yad vṛttim upajīvanti prakṛtisthasya mānavāḥ; tad eva viṣamasthasya svajano 'pi na mṛṣyate
Wovon die Menschen bei [einem König] leben, der in [rechter] Verfassung steht – genau das erträgt selbst der eigene Verwandte bei einem, der sich in Unordnung befindet, nicht.
Wort für Wort
yad vṛttim upajīvanti
welches Verhalten (Akk.), davon sie leben (3.Pl.Präs.)
prakṛtisthasya mānavāḥ
bei dem in seiner [rechten] Natur Stehenden, die Menschen (Gen.Sg.; Nom.Pl.)
tad eva viṣamasthasya
eben das bei dem in Unordnung/Unrecht Stehenden (Gen.Sg.)
svajano 'pi na mṛṣyate
selbst der Verwandte erträgt nicht (Nom.; 3.Sg.Pass./Med.Präs.)
Der Sinn von yad vṛttim ... tad eva ist knapp; sinngemäß aufgelöst.
śreyaso lakṣaṇaṃ caitad vikramo yatra dṛśyate; kīrtipradhāno yaś ca syāt samaye yaś ca tiṣṭhati; samarthān pūjayed yaś ca na spardheta ca yaś ca taiḥ
[Dies] ist das Kennzeichen des Heilvolleren: wo Tatkraft zu sehen ist; wer auf Ruhm bedacht ist, wer an der Übereinkunft/Ordnung festhält, wer die Fähigen ehrt und nicht mit ihnen wetteifert;
Wort für Wort
śreyaso lakṣaṇaṃ caitad
und dies ist das Kennzeichen des Besseren/Heilvolleren (Gen.; Nom.n.)
vikramo yatra dṛśyate
wo Tatkraft gesehen wird (Nom.; 3.Sg.Pass.)
kīrtipradhāno yaś ca syāt
und wer auf Ruhm ausgerichtet ist (Bahuvrīhi; 3.Sg.Opt.)
samaye yaś ca tiṣṭhati
und wer in der Übereinkunft steht (Lok.; 3.Sg.Präs.)
samarthān pūjayed yaś ca
und wer die Fähigen ehrt (Akk.Pl.; 3.Sg.Opt.)
na spardheta ca yaś ca taiḥ
und wer nicht mit ihnen wetteifert (3.Sg.Opt.Med.; Instr.Pl.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; samaye: Vereinbarung, Regel, Norm [?].
amāyayaiva varteta na ca satyaṃ tyajed budhaḥ; damaṃ dharmaṃ ca śīlaṃ ca kṣatradharmaṃ prajāhitam
Ohne Trug verhalte er sich, und der Weise gebe die Wahrheit nicht auf, [ebenso] Selbstbeherrschung, Dharma, Charakter und den dem Wohl der Untertanen dienenden Kṣatriya-Dharma.
Wort für Wort
amāyayaiva varteta
eben ohne Trug verhalte er sich (Instr.; 3.Sg.Opt.Med.)
na ca satyaṃ tyajed budhaḥ
und die Wahrheit gebe der Weise nicht auf (Akk.; 3.Sg.Opt.; Nom.)
damaṃ dharmaṃ ca śīlaṃ ca
Selbstbezwingung, Dharma und Charakter (Akk.)
kṣatradharmaṃ prajāhitam
den Kṣatriya-Dharma, das Wohl der Untertanen (Akk.; Tatpuruṣa)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; die Konstruktion der Akkusative als Objekte von tyajet ist erschlossen.
nāpatrapeta praśneṣu nābhibhavyāṃ giraṃ sṛjet; na tvareta na cāsūyet tathā saṃgṛhyate paraḥ
Er schäme sich nicht bei [Rück-]Fragen, gebe kein überwältigendes Wort von sich, sei weder hastig noch missgünstig; so wird der andere [für sich] gewonnen.
Wort für Wort
nāpatrapeta praśneṣu
er schäme sich nicht bei Fragen (3.Sg.Opt.Med.; Lok.Pl.)
nābhibhavyāṃ giraṃ sṛjet
kein kränkendes/überwältigendes Wort lasse er los (Akk.; 3.Sg.Opt.)
na tvareta na cāsūyet
er eile nicht und sei nicht missgünstig (3.Sg.Opt.Med.; Opt.)
tathā saṃgṛhyate paraḥ
so wird der andere gewonnen (Adv.; 3.Sg.Pass.; Nom.)
priye nātibhṛśaṃ hṛṣyed apriye na ca saṃjvaret; na muhyed arthakṛcchreṣu prajāhitam anusmaran
Über Liebes freue er sich nicht übermäßig, bei Unliebem entbrenne er nicht; in Geldnöten verwirre er sich nicht, das Wohl der Untertanen im Sinn behaltend.
Wort für Wort
priye nātibhṛśaṃ hṛṣyet
über Liebes freue er sich nicht allzu sehr (Lok.; Adv.; 3.Sg.Opt.)
apriye na ca saṃjvaret
und bei Unliebem entbrenne er nicht (Lok.; 3.Sg.Opt.)
na muhyed arthakṛcchreṣu
er verwirre sich nicht in Bedrängnissen um Vermögen/Anliegen (3.Sg.Opt.; Lok.Pl.)
prajāhitam anusmaran
das Wohl der Untertanen bedenkend (Akk.; Part.Präs.)
nivṛttaṃ pratikūlebhyo vartamānam anupriye; bhaktaṃ bhajeta nṛpatis tad vai vṛttaṃ satām iha
Wer sich von Feindseligem abgewandt hat und dem Angenehmen/Wohlgesinnten zugewandt ist, einen ergebenen [Mann] soll der König annehmen; das ist hier das Verhalten der Guten.
Wort für Wort
nivṛttaṃ pratikūlebhyaḥ
abgewandt von Widrigem (Part.Akk.; Abl.Pl.)
vartamānam anupriye
dem Wohlgesinnten/Angenehmen zugewandt (Part.Präs.; Lok.)
bhaktaṃ bhajeta nṛpatiḥ
einen Ergebenen soll der König sich zuwenden (Akk.; 3.Sg.Opt.Med.; Nom.)
tad vai vṛttaṃ satām iha
das ist wahrlich das Verhalten der Guten hier (Nom.; Gen.Pl.)
evam eva guṇair yukto yo na rajyati bhūmipam; bhartur artheṣv asūyantaṃ na taṃ yuñjīta karmaṇi
Ebenso: Wer, mit Vorzügen ausgestattet, dem Herrscher nicht zugetan ist und den Belangen des Herrn gegenüber missgünstig ist, den setze er nicht im Amt ein.
Wort für Wort
evam eva guṇair yukto
ebenso, mit Vorzügen ausgestattet (Instr.Pl.; Part.)
yo na rajyati bhūmipam
wer dem Erdenherrscher nicht zugetan ist (3.Sg.Präs.; Akk. [Objekt/Lok.-Sinn])
bhartur artheṣv asūyantam
gegenüber den Angelegenheiten des Herrn Missgunst hegend (Gen.; Lok.Pl.; Part.Akk.)
na taṃ yuñjīta karmaṇi
den setze er nicht ein im Amt (3.Sg.Opt.Med.; Lok.)
Einen Törichten, Sinnengetriebenen, Gierigen, unedel Handelnden, Verschlagenen, dessen Arglist nicht abgelegt ist, Gewalttätigen, Schlechtverständigen, wenig Gelehrten,
Wort für Wort
mūḍham aindriyakaṃ lubdham
den Törichten, Sinnlichen, Gierigen (Akk.)
anāryacaritaṃ śaṭham
unedel im Wandel, den Verschlagenen (Akk.)
anatītopadhaṃ hiṃsraṃ
dessen Arglist nicht vergangen ist, den Gewalttätigen (Bahuvrīhi; Akk.)
tyaktopāttaṃ madyarataṃ dyūtastrīmṛgayāparam; kārye mahati yo yuñjyād dhīyate sa nṛpaḥ śriyaḥ
einen von anderen Verstoßenen und [dann] Aufgenommenen, dem Trunk Ergebenen, auf Würfelspiel, Frauen und Jagd Erpichten – wer einen solchen bei einer großen Aufgabe einsetzt, dieser König büßt das Glück ein.
Wort für Wort
tyaktopāttaṃ madyarataṃ
einen Verstoßenen und [wieder] Aufgenommenen, dem Trunk zugetan (Akk.)
dyūtastrīmṛgayāparam
auf Würfelspiel, Frauen, Jagd erpicht (Akk.; Bahuvrīhi)
kārye mahati yo yuñjyād
wer bei großer Aufgabe einsetzen sollte (Lok.; 3.Sg.Opt.)
dhīyate sa nṛpaḥ śriyaḥ
dieser König wird des Glücks beraubt (3.Sg.Pass.; Nom.; Abl.)
tyaktopātta: Deutung unsicher [?] (alternativ: von sich aus Verlassenes und wieder Ergriffenes).
apakṛtya balasthasya dūrastho 'smīti nāśvaset; śyenānucaritair hy ete nipatanti pramādyataḥ
Wer einem Mächtigen Unrecht getan hat, vertraue nicht: „Ich bin weit weg.“ Denn diese stürzen sich [wie] mit den Bewegungen von Falken auf den Nachlässigen.
Wort für Wort
apakṛtya balasthasya
nachdem er einem Mächtigen Übles getan hat (Abs.; Gen.)
dūrastho 'smīti nāśvaset
„ich bin fern“, so vertraue er nicht (Nom. + asmi; 3.Sg.Opt.)
śyenānucaritair hy ete
denn diese, mit falkenhaftem Vorgehen (Instr.Pl.; Nom.Pl.)
nipatanti pramādyataḥ
fallen herab auf den Nachlässigen (3.Pl.Präs.; Akk./Abl.Sg.Part.)
śyenānucaritaiḥ: wörtlich „mit Falken-Nachgängen“; sinngemäß [?]. pramādyataḥ als Gen./Abl. des Part. gefasst.
Schutz [und Verwaltung], Krieg, ebenso die Unterweisung im Dharma, das Erwägen von Beratungen und die Freude zur rechten Zeit – durch diese fünf gedeiht die Erde.
Wort für Wort
rakṣādhikaraṇaṃ yuddhaṃ
Schutz und Verwaltung, Krieg (Nom.n.)
tathā dharmānuśāsanam
ebenso Unterweisung im Dharma (Nom.n.)
mantracintyaṃ sukhaṃ kāle
das zu Erwägende der Beratung, Freude zur [rechten] Zeit (Nom.n.; Lok.)
pañcabhir vardhate mahī
durch fünf gedeiht die Erde (Instr.; 3.Sg.Med.; Nom.f.)
rakṣādhikaraṇa und mantracintya sind knapp gefasst [?].
yo 'rthakāmasya vacanaṃ prātikūlyān na mṛṣyate; śṛṇoti pratikūlāni vimanā nacirād iva
Wer das Wort eines auf Nutzen Bedachten aus Widerspenstigkeit nicht erträgt und Widriges [nur] missmutig anhört, [dem geht es] bald gleichsam [schlecht] [?].
Wort für Wort
yo 'rthakāmasya vacanaṃ
wer das Wort dessen, der Nutzen wünscht (Gen.; Akk.)
prātikūlyān na mṛṣyate
aus Widerspenstigkeit nicht erträgt (Abl.; 3.Sg.Pass./Med.)
śṛṇoti pratikūlāni
hört Widriges an (3.Sg.Präs.; Akk.Pl.n.)
vimanā nacirād iva
missmutig, in Kürze gleichsam (Nom.; Abl.-Adv.; Part.)
Der Nachsatz fehlt; der Vers ist offenbar unvollständig oder verderbt [?].
Nicht zur Unzeit bringe er Anliegen vor, über Unliebes entbrenne er nie, über Liebes freue er sich nicht übermäßig; er befasse sich mit einem [dem Wohl/der Gesundheit] zuträglichen Werk.
Wort für Wort
nākāle praṇayed arthān
nicht zur Unzeit bringe er Anliegen vor (Lok.; 3.Sg.Opt.; Akk.Pl.)
nāpriye jātu saṃjvaret
bei Unliebem entbrenne er niemals (Lok.; Adv.; 3.Sg.Opt.)
priye nātibhṛśaṃ hṛṣyed
über Liebes freue er sich nicht allzu sehr (Lok.; 3.Sg.Opt.)
yujyetārogyakarmaṇi
er sei befasst mit einem Werk des Wohlergehens (3.Sg.Opt.Pass.; Lok.)
ke mānuraktā rājānaḥ ke bhayāt samupāśritāḥ; madhyasthadoṣāḥ ke caiṣām iti nityaṃ vicintayet
„Welche Könige sind mir zugetan, welche sind aus Furcht [mir] beigetreten, und bei welchen von ihnen liegen Mängel der Neutralität?“ – so möge er beständig überlegen.
Wort für Wort
ke mānuraktā rājānaḥ
welche Könige sind mir zugetan (Nom.Pl.)
ke bhayāt samupāśritāḥ
welche haben sich aus Furcht angeschlossen (Abl.; Part.Pass.)
madhyasthadoṣāḥ ke caiṣām
und bei welchen von diesen sind es Mängel der Neutralen (Bahuvrīhi; Gen.Pl.)
Selbst gegen einen Herrn, der mit allen Vorzügen ausgestattet ist und freundlich spricht, verrät ein Übelgesinnter [Böses]; deshalb möge man sich vor den Leuten fürchten.
Wort für Wort
api sarvair guṇair yuktaṃ
selbst mit allen Vorzügen ausgestattet (Instr.Pl.; Akk.)
bhartāraṃ priyavādinam
einen Herrn, der freundlich spricht (Akk.)
abhidruhyati pāpātmā
tut Böses/verrät der Übelgesinnte (3.Sg.Präs.; Nom.)
tasmād dhi vibhiṣej janāt
deshalb fürchte man sich vor den Leuten (Abl.; 3.Sg.Opt.; Abl.)