Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 94: rājadharmopadeśaḥ Vāmadevas Unterweisung über das rechte Verhalten des Königs

Vāmadeva belehrt einen König über gerechte Herrschaft, Umgang mit Feinden und Ministern, Wachsamkeit und Mäßigung; das Kapitel schließt mit dem Verweis auf Yayātis Königsgeheimlehre.

vāmadeva uvāca; yatrādharmaṃ praṇayate durbale balavattaraḥ; tāṃ vṛttim upajīvanti ye bhavanti tadanvayāḥ

Vāmadeva sprach: „Wo ein Stärkerer gegenüber einem Schwächeren Unrecht durchsetzt und jene, die dessen Gefolgsleute sind, von eben diesem Verhalten leben,

Wort für Wort
vāmadeva uvāca
Vāmadeva sprach (Nom.; Perf.)
yatrādharmaṃ praṇayate
wo Unrecht durchsetzt/anwendet (Akk.; 3.Sg.Med.Präs.)
durbale balavattaraḥ
der Stärkere gegenüber dem Schwachen (Nom. Komp. / Lok.)
tāṃ vṛttim upajīvanti
von diesem Verhalten leben sie (Akk.; 3.Pl.Präs.)
ye bhavanti tadanvayāḥ
die seine Gefolgsleute/Anhänger sind (Nom.Pl.; 3.Pl.Präs.)

rājānam anuvartante taṃ pāpābhipravartakam; avinītamanuṣyaṃ tat kṣipraṃ rāṣṭraṃ vinaśyati

[und] dem König folgen, der ein Antreiber des Bösen ist, so geht jenes Reich, dessen Menschen ungezügelt sind, rasch zugrunde.

Wort für Wort
rājānam anuvartante
sie folgen dem König (Akk.Sg.; 3.Pl.Präs.)
taṃ pāpābhipravartakam
ihm, dem Antreiber des Bösen (Akk.Sg.; Tatpuruṣa)
avinītamanuṣyaṃ tat
dessen Menschen ungezügelt sind, jenes (Bahuvrīhi; Nom.Sg.n.)
kṣipraṃ rāṣṭraṃ vinaśyati
rasch geht das Reich zugrunde (Adv.; Nom.; 3.Sg.Präs.)

yad vṛttim upajīvanti prakṛtisthasya mānavāḥ; tad eva viṣamasthasya svajano 'pi na mṛṣyate

Wovon die Menschen bei [einem König] leben, der in [rechter] Verfassung steht – genau das erträgt selbst der eigene Verwandte bei einem, der sich in Unordnung befindet, nicht.

Wort für Wort
yad vṛttim upajīvanti
welches Verhalten (Akk.), davon sie leben (3.Pl.Präs.)
prakṛtisthasya mānavāḥ
bei dem in seiner [rechten] Natur Stehenden, die Menschen (Gen.Sg.; Nom.Pl.)
tad eva viṣamasthasya
eben das bei dem in Unordnung/Unrecht Stehenden (Gen.Sg.)
svajano 'pi na mṛṣyate
selbst der Verwandte erträgt nicht (Nom.; 3.Sg.Pass./Med.Präs.)

Der Sinn von yad vṛttim ... tad eva ist knapp; sinngemäß aufgelöst.

sāhasaprakṛtir yatra kurute kiṃ cid ulbaṇam; aśāstralakṣaṇo rājā kṣipram eva vinaśyati

Wo einer von gewalttätiger Art irgendetwas Maßloses tut – ein König, der nicht den Kennzeichen der Lehrbücher entspricht, geht rasch zugrunde.

Wort für Wort
sāhasaprakṛtir yatra
wo einer von gewalttätiger Natur (Bahuvrīhi; Nom.Sg.)
kurute kiṃ cid ulbaṇam
tut irgendetwas Maßloses/Schreckliches (3.Sg.Med.Präs.; Akk.)
aśāstralakṣaṇo rājā
der König, der die Kennzeichen der Lehre nicht trägt (Bahuvrīhi; Nom.)
kṣipram eva vinaśyati
geht eben rasch zugrunde (Adv.; 3.Sg.Präs.)

yo 'tyantācaritāṃ vṛttiṃ kṣatriyo nānuvartate; jitānām ajitānāṃ ca kṣatradharmād apaiti saḥ

Der Kṣatriya, der das seit jeher geübte Verhalten nicht befolgt, weicht vom Kṣatriya-Dharma ab – gegenüber Besiegten wie Unbesiegten.

Wort für Wort
yo 'tyantācaritāṃ vṛttiṃ
wer das seit jeher/durchgängig geübte Verhalten (Akk.)
kṣatriyo nānuvartate
der Kṣatriya nicht befolgt (Nom.; 3.Sg.Med.Präs.)
jitānām ajitānāṃ ca
bei Besiegten und Unbesiegten (Gen.Pl.)
kṣatradharmād apaiti saḥ
er weicht vom Kṣatriya-Dharma ab (Abl.; 3.Sg.Präs.)

dviṣantaṃ kṛtakarmāṇaṃ gṛhītvā nṛpatī raṇe; yo na mānayate dveṣāt kṣatradharmād apaiti saḥ

Wer einen feindlichen König, der [tapfere] Taten vollbracht hat, im Kampf gefangen hat und ihn aus Hass nicht ehrt, weicht vom Kṣatriya-Dharma ab.

Wort für Wort
dviṣantaṃ kṛtakarmāṇaṃ
den Feindlichen, der Taten vollbracht hat (Part.Präs.Akk.; Bahuvrīhi)
gṛhītvā nṛpatī raṇe
nachdem er ihn gefangen hat, der König, im Kampf (Abs.; Nom. [nṛpatiḥ]; Lok.)
yo na mānayate dveṣāt
wer nicht ehrt aus Hass (3.Sg.Kaus.; Abl.)
kṣatradharmād apaiti saḥ
der weicht vom Kṣatriya-Dharma ab (Abl.; 3.Sg.Präs.)

nṛpatī wohl metrisch für nṛpatiḥ; kṛtakarmāṇam: einer, der seine Sache/Tat (tapfer) getan hat, gedeutet [?].

śaktaḥ syāt sumukho rājā kuryāt kāruṇyam āpadi; priyo bhavati bhūtānāṃ na ca vibhraśyate śriyaḥ

Ein König sei fähig und freundlichen Antlitzes, er übe in Not Mitleid; so wird er bei den Wesen beliebt und fällt nicht vom Glück ab.

Wort für Wort
śaktaḥ syāt sumukho rājā
fähig sei ein König mit freundlichem Antlitz (Nom.; 3.Sg.Opt.)
kuryāt kāruṇyam āpadi
er übe Mitleid in der Not (3.Sg.Opt.; Akk.; Lok.)
priyo bhavati bhūtānāṃ
er wird beliebt bei den Wesen (Nom.; 3.Sg.Präs.; Gen.Pl.)
na ca vibhraśyate śriyaḥ
und er fällt nicht ab vom Glück/Wohlstand (3.Sg.Med.; Abl.)

apriyaṃ yasya kurvīta bhūyas tasya priyaṃ caret; nacireṇa priyaḥ sa syād yo 'priyaḥ priyam ācaret

Wem einer Unliebes zufügt, dem erweise er umso mehr Liebes; bald wird derjenige beliebt sein, der, obwohl unbeliebt, Liebes erweist.

Wort für Wort
apriyaṃ yasya kurvīta
Unliebes, wem er es zufügt (Akk.; 3.Sg.Opt.Med.)
bhūyas tasya priyaṃ caret
noch mehr Liebes erweise er ihm (Adv.; 3.Sg.Opt.)
nacireṇa priyaḥ sa syād
in Kürze wird er beliebt sein (Instr.; 3.Sg.Opt.)
yo 'priyaḥ priyam ācaret
wer, unbeliebt, Liebes erweist (Nom.; 3.Sg.Opt.)

mṛṣāvādaṃ pariharet kuryāt priyam ayācitaḥ

Die Lüge meide er, Liebes tue er, ohne darum gebeten zu sein,

Wort für Wort
mṛṣāvādaṃ pariharet
die Lüge meide er (Akk.; 3.Sg.Opt.)
kuryāt priyam ayācitaḥ
Liebes tue er, ungebeten (3.Sg.Opt.; Akk.; Part.Pass.Nom.)

śreyaso lakṣaṇaṃ caitad vikramo yatra dṛśyate; kīrtipradhāno yaś ca syāt samaye yaś ca tiṣṭhati; samarthān pūjayed yaś ca na spardheta ca yaś ca taiḥ

[Dies] ist das Kennzeichen des Heilvolleren: wo Tatkraft zu sehen ist; wer auf Ruhm bedacht ist, wer an der Übereinkunft/Ordnung festhält, wer die Fähigen ehrt und nicht mit ihnen wetteifert;

Wort für Wort
śreyaso lakṣaṇaṃ caitad
und dies ist das Kennzeichen des Besseren/Heilvolleren (Gen.; Nom.n.)
vikramo yatra dṛśyate
wo Tatkraft gesehen wird (Nom.; 3.Sg.Pass.)
kīrtipradhāno yaś ca syāt
und wer auf Ruhm ausgerichtet ist (Bahuvrīhi; 3.Sg.Opt.)
samaye yaś ca tiṣṭhati
und wer in der Übereinkunft steht (Lok.; 3.Sg.Präs.)
samarthān pūjayed yaś ca
und wer die Fähigen ehrt (Akk.Pl.; 3.Sg.Opt.)
na spardheta ca yaś ca taiḥ
und wer nicht mit ihnen wetteifert (3.Sg.Opt.Med.; Instr.Pl.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; samaye: Vereinbarung, Regel, Norm [?].

na ca kāmān na saṃrambhān na dveṣād dharmam utsṛjet

und nicht aus Begierden, nicht aus Aufbrausen, nicht aus Hass gebe er den Dharma preis.

Wort für Wort
na ca kāmān
und nicht aus Begierden (Abl.Pl. [kāmāt/Akk. – Sandhi-Form])
na saṃrambhān
nicht aus Aufbrausen (Abl.)
na dveṣād
nicht aus Hass (Abl.)
dharmam utsṛjet
den Dharma gebe er auf (Akk.; 3.Sg.Opt.)

amāyayaiva varteta na ca satyaṃ tyajed budhaḥ; damaṃ dharmaṃ ca śīlaṃ ca kṣatradharmaṃ prajāhitam

Ohne Trug verhalte er sich, und der Weise gebe die Wahrheit nicht auf, [ebenso] Selbstbeherrschung, Dharma, Charakter und den dem Wohl der Untertanen dienenden Kṣatriya-Dharma.

Wort für Wort
amāyayaiva varteta
eben ohne Trug verhalte er sich (Instr.; 3.Sg.Opt.Med.)
na ca satyaṃ tyajed budhaḥ
und die Wahrheit gebe der Weise nicht auf (Akk.; 3.Sg.Opt.; Nom.)
damaṃ dharmaṃ ca śīlaṃ ca
Selbstbezwingung, Dharma und Charakter (Akk.)
kṣatradharmaṃ prajāhitam
den Kṣatriya-Dharma, das Wohl der Untertanen (Akk.; Tatpuruṣa)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; die Konstruktion der Akkusative als Objekte von tyajet ist erschlossen.

nāpatrapeta praśneṣu nābhibhavyāṃ giraṃ sṛjet; na tvareta na cāsūyet tathā saṃgṛhyate paraḥ

Er schäme sich nicht bei [Rück-]Fragen, gebe kein überwältigendes Wort von sich, sei weder hastig noch missgünstig; so wird der andere [für sich] gewonnen.

Wort für Wort
nāpatrapeta praśneṣu
er schäme sich nicht bei Fragen (3.Sg.Opt.Med.; Lok.Pl.)
nābhibhavyāṃ giraṃ sṛjet
kein kränkendes/überwältigendes Wort lasse er los (Akk.; 3.Sg.Opt.)
na tvareta na cāsūyet
er eile nicht und sei nicht missgünstig (3.Sg.Opt.Med.; Opt.)
tathā saṃgṛhyate paraḥ
so wird der andere gewonnen (Adv.; 3.Sg.Pass.; Nom.)

priye nātibhṛśaṃ hṛṣyed apriye na ca saṃjvaret; na muhyed arthakṛcchreṣu prajāhitam anusmaran

Über Liebes freue er sich nicht übermäßig, bei Unliebem entbrenne er nicht; in Geldnöten verwirre er sich nicht, das Wohl der Untertanen im Sinn behaltend.

Wort für Wort
priye nātibhṛśaṃ hṛṣyet
über Liebes freue er sich nicht allzu sehr (Lok.; Adv.; 3.Sg.Opt.)
apriye na ca saṃjvaret
und bei Unliebem entbrenne er nicht (Lok.; 3.Sg.Opt.)
na muhyed arthakṛcchreṣu
er verwirre sich nicht in Bedrängnissen um Vermögen/Anliegen (3.Sg.Opt.; Lok.Pl.)
prajāhitam anusmaran
das Wohl der Untertanen bedenkend (Akk.; Part.Präs.)

yaḥ priyaṃ kurute nityaṃ guṇato vasudhādhipaḥ; tasya karmāṇi sidhyanti na ca saṃtyajyate śriyā

Ein Herr der Erde, der stets nach Verdienst Liebes erweist – dessen Werke gelingen, und er wird vom Glück nicht verlassen.

Wort für Wort
yaḥ priyaṃ kurute nityaṃ
der Liebes tut, stets (Nom.; 3.Sg.Med.; Adv.)
guṇato vasudhādhipaḥ
nach Verdienst, der Herr der Erde (Abl.-Adv.; Nom.)
tasya karmāṇi sidhyanti
dessen Werke gelingen (Gen.; Nom.Pl.; 3.Pl.Präs.)
na ca saṃtyajyate śriyā
und er wird nicht verlassen vom Glück (3.Sg.Pass.; Instr.)

nivṛttaṃ pratikūlebhyo vartamānam anupriye; bhaktaṃ bhajeta nṛpatis tad vai vṛttaṃ satām iha

Wer sich von Feindseligem abgewandt hat und dem Angenehmen/Wohlgesinnten zugewandt ist, einen ergebenen [Mann] soll der König annehmen; das ist hier das Verhalten der Guten.

Wort für Wort
nivṛttaṃ pratikūlebhyaḥ
abgewandt von Widrigem (Part.Akk.; Abl.Pl.)
vartamānam anupriye
dem Wohlgesinnten/Angenehmen zugewandt (Part.Präs.; Lok.)
bhaktaṃ bhajeta nṛpatiḥ
einen Ergebenen soll der König sich zuwenden (Akk.; 3.Sg.Opt.Med.; Nom.)
tad vai vṛttaṃ satām iha
das ist wahrlich das Verhalten der Guten hier (Nom.; Gen.Pl.)

anupriye: als Lok. von anupriya gedeutet [?].

aprakīrṇendriyaṃ prājñam atyantānugataṃ śucim; śaktaṃ caivānuraktaṃ ca yuñjyān mahati karmaṇi

Einen mit gezügelten Sinnen, Klugen, völlig Ergebenen, Reinen, Fähigen und Anhänglichen setze er bei einer großen Aufgabe ein.

Wort für Wort
aprakīrṇendriyaṃ prājñam
mit ungestreuten/gesammelten Sinnen, klug (Bahuvrīhi; Akk.)
atyantānugataṃ śucim
völlig ergeben, rein (Akk.)
śaktaṃ caivānuraktaṃ ca
fähig und anhänglich (Akk.)
yuñjyān mahati karmaṇi
er setze ein in großem Amt/Werk (3.Sg.Opt.; Lok.)

evam eva guṇair yukto yo na rajyati bhūmipam; bhartur artheṣv asūyantaṃ na taṃ yuñjīta karmaṇi

Ebenso: Wer, mit Vorzügen ausgestattet, dem Herrscher nicht zugetan ist und den Belangen des Herrn gegenüber missgünstig ist, den setze er nicht im Amt ein.

Wort für Wort
evam eva guṇair yukto
ebenso, mit Vorzügen ausgestattet (Instr.Pl.; Part.)
yo na rajyati bhūmipam
wer dem Erdenherrscher nicht zugetan ist (3.Sg.Präs.; Akk. [Objekt/Lok.-Sinn])
bhartur artheṣv asūyantam
gegenüber den Angelegenheiten des Herrn Missgunst hegend (Gen.; Lok.Pl.; Part.Akk.)
na taṃ yuñjīta karmaṇi
den setze er nicht ein im Amt (3.Sg.Opt.Med.; Lok.)

mūḍham aindriyakaṃ lubdham anāryacaritaṃ śaṭham; anatītopadhaṃ hiṃsraṃ durbuddhim abahuśrutam

Einen Törichten, Sinnengetriebenen, Gierigen, unedel Handelnden, Verschlagenen, dessen Arglist nicht abgelegt ist, Gewalttätigen, Schlechtverständigen, wenig Gelehrten,

Wort für Wort
mūḍham aindriyakaṃ lubdham
den Törichten, Sinnlichen, Gierigen (Akk.)
anāryacaritaṃ śaṭham
unedel im Wandel, den Verschlagenen (Akk.)
anatītopadhaṃ hiṃsraṃ
dessen Arglist nicht vergangen ist, den Gewalttätigen (Bahuvrīhi; Akk.)
durbuddhim abahuśrutam
den Schlechtverständigen, wenig Gelehrten (Akk.)

Satz setzt sich in Vers 20 fort.

tyaktopāttaṃ madyarataṃ dyūtastrīmṛgayāparam; kārye mahati yo yuñjyād dhīyate sa nṛpaḥ śriyaḥ

einen von anderen Verstoßenen und [dann] Aufgenommenen, dem Trunk Ergebenen, auf Würfelspiel, Frauen und Jagd Erpichten – wer einen solchen bei einer großen Aufgabe einsetzt, dieser König büßt das Glück ein.

Wort für Wort
tyaktopāttaṃ madyarataṃ
einen Verstoßenen und [wieder] Aufgenommenen, dem Trunk zugetan (Akk.)
dyūtastrīmṛgayāparam
auf Würfelspiel, Frauen, Jagd erpicht (Akk.; Bahuvrīhi)
kārye mahati yo yuñjyād
wer bei großer Aufgabe einsetzen sollte (Lok.; 3.Sg.Opt.)
dhīyate sa nṛpaḥ śriyaḥ
dieser König wird des Glücks beraubt (3.Sg.Pass.; Nom.; Abl.)

tyaktopātta: Deutung unsicher [?] (alternativ: von sich aus Verlassenes und wieder Ergriffenes).

rakṣitātmā tu yo rājā rakṣyān yaś cānurakṣati; prajāś ca tasya vardhante dhruvaṃ ca mahad aśnute

Der König aber, der selbst geschützt ist und die zu Schützenden schützt – dessen Untertanen gedeihen, und er erlangt gewiss Großes.

Wort für Wort
rakṣitātmā tu yo rājā
der König, der selbst geschützt ist (Bahuvrīhi; Nom.)
rakṣyān yaś cānurakṣati
und wer die Schutzbedürftigen beschützt (Akk.Pl.; 3.Sg.Präs.)
prajāś ca tasya vardhante
und seine Untertanen gedeihen (Nom.Pl.; 3.Pl.Med.)
dhruvaṃ ca mahad aśnute
und gewiss erlangt er Großes (Adv.; Akk.; 3.Sg.Med.)

ye ke cid bhūmipatayas tān sarvān anvavekṣayet; suhṛdbhir anabhikhyātais tena rājā na riṣyate

Alle Landesherren, welche es auch seien, lasse er durch unbekannte Freunde beobachten; dadurch kommt der König nicht zu Schaden.

Wort für Wort
ye ke cid bhūmipatayas
welche Landesherren auch immer (Nom.Pl.)
tān sarvān anvavekṣayet
diese alle lasse er beobachten (Akk.Pl.; 3.Sg.Kaus.Opt.)
suhṛdbhir anabhikhyātaiḥ
durch nicht bekannt gewordene Freunde (Instr.Pl.)
tena rājā na riṣyate
dadurch nimmt der König keinen Schaden (Instr.; Nom.; 3.Sg.Pass.)

apakṛtya balasthasya dūrastho 'smīti nāśvaset; śyenānucaritair hy ete nipatanti pramādyataḥ

Wer einem Mächtigen Unrecht getan hat, vertraue nicht: „Ich bin weit weg.“ Denn diese stürzen sich [wie] mit den Bewegungen von Falken auf den Nachlässigen.

Wort für Wort
apakṛtya balasthasya
nachdem er einem Mächtigen Übles getan hat (Abs.; Gen.)
dūrastho 'smīti nāśvaset
„ich bin fern“, so vertraue er nicht (Nom. + asmi; 3.Sg.Opt.)
śyenānucaritair hy ete
denn diese, mit falkenhaftem Vorgehen (Instr.Pl.; Nom.Pl.)
nipatanti pramādyataḥ
fallen herab auf den Nachlässigen (3.Pl.Präs.; Akk./Abl.Sg.Part.)

śyenānucaritaiḥ: wörtlich „mit Falken-Nachgängen“; sinngemäß [?]. pramādyataḥ als Gen./Abl. des Part. gefasst.

dṛḍhamūlas tv aduṣṭātmā viditvā balam ātmanaḥ; abalān abhiyuñjīta na tu ye balavattarāḥ

Wer festgewurzelt und unverdorbenen Sinnes ist und die eigene Kraft kennt, greife Schwächere an, nicht aber Stärkere.

Wort für Wort
dṛḍhamūlas tv aduṣṭātmā
festgewurzelt, unverdorbenen Selbst (Bahuvrīhi; Nom.)
viditvā balam ātmanaḥ
nachdem er die eigene Kraft erkannt hat (Abs.; Akk.; Gen.)
abalān abhiyuñjīta
Schwächere greife er an (Akk.Pl.; 3.Sg.Opt.Med.)
na tu ye balavattarāḥ
nicht aber die, welche stärker sind (Nom.Pl.)

vikrameṇa mahīṃ labdhvā prajā dharmeṇa pālayan; āhave nidhanaṃ kuryād rājā dharmaparāyaṇaḥ

Nachdem er die Erde durch Tapferkeit gewonnen hat und die Untertanen gemäß dem Dharma schützt, finde der dem Dharma ergebene König im Kampf den Tod.

Wort für Wort
vikrameṇa mahīṃ labdhvā
nachdem er die Erde durch Tapferkeit gewonnen hat (Instr.; Akk.; Abs.)
prajā dharmeṇa pālayan
die Untertanen nach dem Dharma schützend (Akk.Pl.; Instr.; Part.Präs.)
āhave nidhanaṃ kuryād
im Kampf den Tod finden möge er (Lok.; Akk.; 3.Sg.Opt.)
rājā dharmaparāyaṇaḥ
der König, dem Dharma ergeben (Nom.; Bahuvrīhi)

maraṇāntam idaṃ sarvaṃ neha kiṃ cid anāmayam; tasmād dharme sthito rājā prajā dharmeṇa pālayet

Mit dem Tod endet dies alles; hier ist nichts ohne Leid. Daher soll der König, im Dharma stehend, die Untertanen gemäß dem Dharma schützen.

Wort für Wort
maraṇāntam idaṃ sarvaṃ
dies alles hat den Tod zum Ende (Bahuvrīhi; Nom.n.)
neha kiṃ cid anāmayam
hier ist nichts frei von Leid/Krankheit (Nom.n.)
tasmād dharme sthito rājā
deshalb, im Dharma stehend, der König (Abl.; Lok.; Part.; Nom.)
prajā dharmeṇa pālayet
die Untertanen schütze er nach dem Dharma (Akk.Pl.; Instr.; 3.Sg.Opt.)

rakṣādhikaraṇaṃ yuddhaṃ tathā dharmānuśāsanam; mantracintyaṃ sukhaṃ kāle pañcabhir vardhate mahī

Schutz [und Verwaltung], Krieg, ebenso die Unterweisung im Dharma, das Erwägen von Beratungen und die Freude zur rechten Zeit – durch diese fünf gedeiht die Erde.

Wort für Wort
rakṣādhikaraṇaṃ yuddhaṃ
Schutz und Verwaltung, Krieg (Nom.n.)
tathā dharmānuśāsanam
ebenso Unterweisung im Dharma (Nom.n.)
mantracintyaṃ sukhaṃ kāle
das zu Erwägende der Beratung, Freude zur [rechten] Zeit (Nom.n.; Lok.)
pañcabhir vardhate mahī
durch fünf gedeiht die Erde (Instr.; 3.Sg.Med.; Nom.f.)

rakṣādhikaraṇa und mantracintya sind knapp gefasst [?].

etāni yasya guptāni sa rājā rājasattama; satataṃ vartamāno 'tra rājā bhuṅkte mahīm imām

Wessen [Fünf] wohlbehütet sind – dieser König, du Bester der Könige, genießt, stets hierin verfahrend, diese Erde.

Wort für Wort
etāni yasya guptāni
diese, wessen sie behütet sind (Nom.Pl.n.; Gen.; Part.)
sa rājā rājasattama
der König, du Bester der Könige (Nom.; Vok.)
satataṃ vartamāno 'tra
stets hierin verfahrend (Adv.; Part.Präs.Med.; Adv.)
rājā bhuṅkte mahīm imām
der König genießt diese Erde (Nom.; 3.Sg.Med.; Akk.)

naitāny ekena śakyāni sātatyenānvavekṣitum; eteṣv āptān pratiṣṭhāpya rājā bhuṅkte mahīṃ ciram

Diese können nicht von einem allein beständig überwacht werden; hat der König Zuverlässige darin eingesetzt, genießt er die Erde lange.

Wort für Wort
naitāny ekena śakyāni
diese sind nicht durch einen einzelnen möglich (Nom.Pl.n.; Instr.)
sātatyenānvavekṣitum
ständig zu überwachen (Instr.; Inf.)
eteṣv āptān pratiṣṭhāpya
in diesen Zuverlässige eingesetzt habend (Lok.Pl.; Akk.Pl.; Abs.)
rājā bhuṅkte mahīṃ ciram
der König genießt die Erde lange (Nom.; 3.Sg.Med.; Akk.; Adv.)

dātāraṃ saṃvibhaktāraṃ mārdavopagataṃ śucim; asaṃtyaktamanuṣyaṃ ca taṃ janāḥ kurvate priyam

Den Freigebigen, den Teilenden, der Sanftmut besitzt, den Reinen, der seine Leute nicht im Stich lässt – ihn machen die Menschen sich zum Lieben.

Wort für Wort
dātāraṃ saṃvibhaktāraṃ
den Geber, den Verteiler (Akk.)
mārdavopagataṃ śucim
mit Milde begabt, den Reinen (Akk.)
asaṃtyaktamanuṣyaṃ ca
und der seine Leute nicht verlässt (Bahuvrīhi; Akk.)
taṃ janāḥ kurvate priyam
ihn machen die Menschen zum Lieben (Nom.Pl.; 3.Pl.Med.; Akk.)

yas tu niḥśreyasaṃ jñātvā jñānaṃ tat pratipadyate; ātmano matam utsṛjya taṃ loko 'nuvidhīyate

Wer aber das höchste Heil erkannt hat und dieses Wissen annimmt, seine eigene Meinung aufgebend – dem folgt die Welt.

Wort für Wort
yas tu niḥśreyasaṃ jñātvā
wer aber das höchste Heil erkannt hat (Akk.; Abs.)
jñānaṃ tat pratipadyate
dieses Wissen nimmt er an (Akk.; 3.Sg.Med.)
ātmano matam utsṛjya
die eigene Meinung aufgebend (Gen.; Akk.; Abs.)
taṃ loko 'nuvidhīyate
ihm folgt die Welt (Akk.; Nom.; 3.Sg.Pass.)

anuvidhīyate mit Akk.: „wird nach ihm gerichtet“, d. h. man folgt ihm.

yo 'rthakāmasya vacanaṃ prātikūlyān na mṛṣyate; śṛṇoti pratikūlāni vimanā nacirād iva

Wer das Wort eines auf Nutzen Bedachten aus Widerspenstigkeit nicht erträgt und Widriges [nur] missmutig anhört, [dem geht es] bald gleichsam [schlecht] [?].

Wort für Wort
yo 'rthakāmasya vacanaṃ
wer das Wort dessen, der Nutzen wünscht (Gen.; Akk.)
prātikūlyān na mṛṣyate
aus Widerspenstigkeit nicht erträgt (Abl.; 3.Sg.Pass./Med.)
śṛṇoti pratikūlāni
hört Widriges an (3.Sg.Präs.; Akk.Pl.n.)
vimanā nacirād iva
missmutig, in Kürze gleichsam (Nom.; Abl.-Adv.; Part.)

Der Nachsatz fehlt; der Vers ist offenbar unvollständig oder verderbt [?].

agrāmyacaritāṃ buddhim atyantaṃ yo na budhyate; jitānām ajitānāṃ ca kṣatradharmād apaiti saḥ

Wer die Einsicht, die nicht dörflich [gemein] wandelt, gänzlich nicht begreift, weicht vom Kṣatriya-Dharma ab – gegenüber Besiegten wie Unbesiegten.

Wort für Wort
agrāmyacaritāṃ buddhim
die nicht gemein/dörflich wandelnde Einsicht (Akk.)
atyantaṃ yo na budhyate
wer sie gänzlich nicht begreift (Adv.; 3.Sg.Med.)
jitānām ajitānāṃ ca
bei Besiegten und Unbesiegten (Gen.Pl.)
kṣatradharmād apaiti saḥ
er weicht vom Kṣatriya-Dharma ab (Abl.; 3.Sg.Präs.)

mukhyān amātyān yo hitvā nihīnān kurute priyān; sa vai vyasanam āsādya gādham ārto na vindati

Wer die vornehmen Minister beiseitelässt und Niedrige zu Lieblingen macht, der findet, wenn er in Unglück gerät, in der Not keinen Grund [zum Stehen].

Wort für Wort
mukhyān amātyān yo hitvā
wer die führenden Minister verlassen hat (Akk.Pl.; Abs.)
nihīnān kurute priyān
Niedrige macht er zu Lieben (Akk.Pl.; 3.Sg.Med.)
sa vai vyasanam āsādya
er, nachdem er ins Unglück gelangt ist (Akk.; Abs.)
gādham ārto na vindati
als Bedrängter findet er keinen Grund/Halt (Akk.; Nom.; 3.Sg.Präs.)

yaḥ kalyāṇaguṇāñ jñātīn dveṣān naivābhimanyate; adṛḍhātmā dṛḍhakrodho nāsyārtho ramate 'ntike

Wer tugendhafte Verwandte aus Hass nicht wertschätzt – schwachen Selbst und fest im Zorn –, dessen Reichtum weilt nicht gern in seiner Nähe.

Wort für Wort
yaḥ kalyāṇaguṇāñ jñātīn
wer Verwandte mit guten Eigenschaften (Akk.Pl.)
dveṣān naivābhimanyate
aus Hass nicht schätzt (Abl.; 3.Sg.Med.)
adṛḍhātmā dṛḍhakrodho
von unfestem Selbst, fest im Zorn (Bahuvrīhi; Nom.)
nāsyārtho ramate 'ntike
bei ihm freut sich der Besitz nicht in der Nähe (Gen.; Nom.; 3.Sg.Med.; Lok.)

atha yo guṇasaṃpannān hṛdayasyāpriyān api; priyeṇa kurute vaśyāṃś ciraṃ yaśasi tiṣṭhati

Wer aber Tugendbegabte, selbst wenn sie seinem Herzen unlieb sind, durch Liebes sich gefügig macht, steht lange im Ruhm.

Wort für Wort
atha yo guṇasaṃpannān
wer aber mit Tugenden Begabte (Akk.Pl.)
hṛdayasyāpriyān api
auch wenn dem Herzen unlieb (Gen.; Akk.Pl.)
priyeṇa kurute vaśyān
durch Liebes macht er gefügig (Instr.; 3.Sg.Med.; Akk.Pl.)
ciraṃ yaśasi tiṣṭhati
lange steht er im Ruhm (Adv.; Lok.; 3.Sg.Präs.)

nākāle praṇayed arthān nāpriye jātu saṃjvaret; priye nātibhṛśaṃ hṛṣyed yujyetārogyakarmaṇi

Nicht zur Unzeit bringe er Anliegen vor, über Unliebes entbrenne er nie, über Liebes freue er sich nicht übermäßig; er befasse sich mit einem [dem Wohl/der Gesundheit] zuträglichen Werk.

Wort für Wort
nākāle praṇayed arthān
nicht zur Unzeit bringe er Anliegen vor (Lok.; 3.Sg.Opt.; Akk.Pl.)
nāpriye jātu saṃjvaret
bei Unliebem entbrenne er niemals (Lok.; Adv.; 3.Sg.Opt.)
priye nātibhṛśaṃ hṛṣyed
über Liebes freue er sich nicht allzu sehr (Lok.; 3.Sg.Opt.)
yujyetārogyakarmaṇi
er sei befasst mit einem Werk des Wohlergehens (3.Sg.Opt.Pass.; Lok.)

ārogyakarmaṇi: „bei heilsamem/unschädlichem Werk“ [?].

ke mānuraktā rājānaḥ ke bhayāt samupāśritāḥ; madhyasthadoṣāḥ ke caiṣām iti nityaṃ vicintayet

„Welche Könige sind mir zugetan, welche sind aus Furcht [mir] beigetreten, und bei welchen von ihnen liegen Mängel der Neutralität?“ – so möge er beständig überlegen.

Wort für Wort
ke mānuraktā rājānaḥ
welche Könige sind mir zugetan (Nom.Pl.)
ke bhayāt samupāśritāḥ
welche haben sich aus Furcht angeschlossen (Abl.; Part.Pass.)
madhyasthadoṣāḥ ke caiṣām
und bei welchen von diesen sind es Mängel der Neutralen (Bahuvrīhi; Gen.Pl.)
iti nityaṃ vicintayet
so überlege er stets (Adv.; 3.Sg.Opt.)

madhyasthadoṣāḥ: unsichere Auflösung [?].

na jātu balavān bhūtvā durbale viśvaset kva cit; bhāruṇḍasadṛśā hy ete nipatanti pramādyataḥ

Niemals soll man, wenn man stark geworden ist, einem Schwachen irgendwo trauen; denn diese stürzen sich wie Bhāruṇḍa-Vögel auf den Nachlässigen.

Wort für Wort
na jātu balavān bhūtvā
niemals, stark geworden (Nom.; Abs.)
durbale viśvaset kva cit
einem Schwachen traue er irgendwo (Lok.; 3.Sg.Opt.)
bhāruṇḍasadṛśā hy ete
denn diese, den Bhāruṇḍas gleich (Nom.Pl.)
nipatanti pramādyataḥ
fallen herab auf den Nachlässigen (3.Pl.Präs.; Part.)

api sarvair guṇair yuktaṃ bhartāraṃ priyavādinam; abhidruhyati pāpātmā tasmād dhi vibhiṣej janāt

Selbst gegen einen Herrn, der mit allen Vorzügen ausgestattet ist und freundlich spricht, verrät ein Übelgesinnter [Böses]; deshalb möge man sich vor den Leuten fürchten.

Wort für Wort
api sarvair guṇair yuktaṃ
selbst mit allen Vorzügen ausgestattet (Instr.Pl.; Akk.)
bhartāraṃ priyavādinam
einen Herrn, der freundlich spricht (Akk.)
abhidruhyati pāpātmā
tut Böses/verrät der Übelgesinnte (3.Sg.Präs.; Nom.)
tasmād dhi vibhiṣej janāt
deshalb fürchte man sich vor den Leuten (Abl.; 3.Sg.Opt.; Abl.)

etāṃ rājopaniṣadaṃ yayātiḥ smāha nāhuṣaḥ; manuṣyavijaye yukto hanti śatrūn anuttamān

Diese Geheimlehre der Könige hat Yayāti, der Nahuṣa-Sohn, verkündet; wer sich im Sieg über Menschen bemüht, erschlägt die unübertrefflichen Feinde.

Wort für Wort
etāṃ rājopaniṣadaṃ
diese Geheimlehre der Könige (Akk.)
yayātiḥ smāha nāhuṣaḥ
Yayāti, der Nahuṣide, sprach (Nom.; Perf.-Präs. sma āha)
manuṣyavijaye yukto
im Sieg über Menschen bemüht (Lok.; Part.Nom.)
hanti śatrūn anuttamān
erschlägt die unübertrefflichen Feinde (3.Sg.Präs.; Akk.Pl.)

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