Kapitel 30: nāradaparvatayoḥ śāpakathā
Nārada und Parvata verfluchen einander: die Vorgeschichte um Sṛñjayas Tochter
Kṛṣṇa (Vāsudeva) beginnt auf Yudhiṣṭhiras Fragen zum „Goldspucker“, dem Sohn Sṛñjayas, die Erzählung von Nārada und Parvata, ihrer Abmachung und dem gegenseitigen Fluch. Die Geschichte wird in den folgenden Kapiteln fortgesetzt.
Vāsudeva sprach: Hierzu werde ich dir, Herr der Menschen, berichten, wie es sich zutrug: Nārada und Parvata waren einst zwei Seher, von der Welt verehrt.
Wort für Wort
vāsudeva uvāca
Vāsudeva sprach (Perf.3.Sg.)
atra te kathayiṣyāmi
hierzu dir werde ich erzählen (Lok./Dat./Fut.1.Sg.)
yathā vṛttaṃ janeśvara
wie es geschah, Herr der Menschen (Part.Pass./Vok.)
mātulo bhāgineyaś ca devalokād ihāgatau; vihartukāmau saṃprītyā mānuṣyeṣu purā prabhū
Onkel und Neffe, kamen sie beide einst aus der Götterwelt hierher, in Zuneigung [verbunden] und in der Absicht, unter den Menschen umherzustreifen, die beiden Mächtigen.
Wort für Wort
mātulo bhāgineyaś ca
Onkel mütterlicherseits und Schwestersohn (Nom.Sg.m.)
devalokād ihāgatau
aus der Götterwelt hierher gekommen (Abl./Part.Nom.Du.)
vihartukāmau saṃprītyā
umherzuwandeln begierig, in Zuneigung (Nom.Du./Instr.Sg.)
mānuṣyeṣu purā prabhū
unter den Menschen, einst, mächtig (Lok.Pl./Nom.Du.)
prītimantau mudā yuktau samayaṃ tatra cakratuḥ; yo bhaved dhṛdi saṃkalpaḥ śubho vā yadi vāśubhaḥ; anyonyasya sa ākhyeyo mṛṣā śāpo 'nyathā bhavet
Erfreut und voller Freude schlossen sie dort eine Abmachung: „Welcher Vorsatz im Herzen entsteht, sei er gut oder schlecht, der ist dem anderen mitzuteilen; wenn [es] anders [geschieht], soll der Fluch [treffen], weil [es dann] Lüge [war].“
Wort für Wort
prītimantau mudā yuktau
voller Zuneigung, mit Freude verbunden (Nom.Du.)
samayaṃ tatra cakratuḥ
dort eine Abmachung trafen sie (Akk.Sg./Perf.3.Du.)
yo bhaved dhṛdi saṃkalpaḥ
welcher im Herzen Vorsatz entstünde (Opt.3.Sg./Lok.)
śubho vā yadi vāśubhaḥ
gut oder wenn schlecht (Nom.Sg.m.)
anyonyasya sa ākhyeyaḥ
dem anderen ist er mitzuteilen (Gen./Gerundiv)
mṛṣā śāpo 'nyathā bhavet
Lüge; Fluch, anders geschähe [es] (Adv./Nom./Opt.3.Sg.)
Der Schlusssatz (mṛṣā śāpo 'nyathā bhavet) ist elliptisch; die Deutung „andernfalls gälte es als Lüge und der Fluch träte ein“ ist erschlossen [?].
tau tatheti pratijñāya maharṣī lokapūjitau; sṛñjayaṃ śvaityam abhyetya rājānam idam ūcatuḥ
Sie stimmten zu mit „So sei es“, die beiden großen Seher, von der Welt verehrt, gingen auf Sṛñjaya, den Śvaitya-Nachkommen, den König, zu und sagten dies:
Wort für Wort
tau tatheti pratijñāya
sie beide, „so [sei es]“ zugesagt habend (Nom.Du./Gerundium)
maharṣī lokapūjitau
zwei große Seher, von der Welt verehrt (Nom.Du.)
sṛñjayaṃ śvaityam abhyetya
zu Sṛñjaya, dem Śvaitya, herangetreten (Akk./Gerundium)
rājānam idam ūcatuḥ
zum König dies sprachen sie beide (Akk./Perf.3.Du.)
āvāṃ bhavati vatsyāvaḥ kaṃ cit kālaṃ hitāya te; yathāvat pṛthivīpāla āvayoḥ praguṇībhava; tatheti kṛtvā tau rājā satkṛtyopacacāra ha
„Wir beide werden bei dir, Verehrte[r], eine Zeit lang wohnen, zu deinem Wohl; sorge, Beschützer der Erde, angemessen für uns beide.“ Der König sagte „So sei es“ und bewirtete sie ehrerbietig.
Wort für Wort
āvāṃ bhavati vatsyāvaḥ
wir beide, bei dir, werden wohnen (Nom.Du./Lok.Sg./Fut.1.Du.)
kaṃ cit kālaṃ hitāya te
eine gewisse Zeit, zum Heil dir (Akk./Dat.Sg.)
yathāvat pṛthivīpāla
gebührend, Erdbeschützer (Adv./Vok.)
āvayoḥ praguṇībhava
für uns beide sei bereit/gefällig (Gen.Du./Imp.2.Sg.)
tatheti kṛtvā tau rājā
„so“ gesagt habend, sie beide, der König (Gerundium/Akk.Du./Nom.)
satkṛtyopacacāra ha
ehrend diente er [ihnen] (Gerundium/Perf.3.Sg.)
bhavati ist hier als Lokativ eines Partizips („bei dir, Verehrter“) gedeutet, Form unsicher [?].
ekaiva mama kanyaiṣā yuvāṃ paricariṣyati; darśanīyānavadyāṅgī śīlavṛttasamanvitā; sukumārī kumārī ca padmakiñjalkasaṃnibhā
„Sie ist meine einzige Tochter, sie wird euch beide bedienen: anmutig, mit makellosen Gliedern, mit gutem Charakter und Wandel begabt, zart, ein Mädchen, gleich dem Staubfaden der Lotosblüte.“
tapasā brahmacaryeṇa satyena ca damena ca; yukto 'pi dharmanityaś ca na svargavāsam āpsyasi
„Obwohl du mit Askese, Keuschheit, Wahrheit und Selbstbeherrschung begabt und stets der Pflicht ergeben bist, wirst du den Aufenthalt im Himmel nicht erlangen.“
Wort für Wort
tapasā brahmacaryeṇa
durch Askese, Keuschheit (Instr.Sg.)
satyena ca damena ca
und Wahrheit und Selbstzucht (Instr.Sg.)
yukto 'pi dharmanityaś ca
begabt, auch, und stets der Pflicht [ergeben] (Nom.Sg.m.)
na svargavāsam āpsyasi
nicht Himmelsaufenthalt wirst erlangen (Akk./Fut.2.Sg.)
upatasthe ca bhartāraṃ na cānyaṃ manasāpy agāt; devaṃ muniṃ vā yakṣaṃ vā patitve pativatsalā
Sie diente [ihrem] Gatten und dachte auch in Gedanken nicht an einen anderen, weder Gott noch Weisen noch Yakṣa, als [ihren] Gatten, ihrem Gatten liebend zugetan.
Wort für Wort
upatasthe ca bhartāram
und diente dem Gatten (Perf.3.Sg.Med./Akk.)
na cānyaṃ manasāpy agāt
und keinen anderen auch nur im Geiste ging (Akk./Instr./Aor.3.Sg.)
devaṃ muniṃ vā yakṣaṃ vā
Gott oder Weisen oder Yakṣa (Akk.Sg.)
patitve pativatsalā
als Gatten, gattenliebend (Lok.Sg./Nom.Sg.f.)
Wörtlich: „ging nicht zu einem anderen, auch nicht im Geist“; „als Gatten“ (patitve) gedeutet.
tvayāhaṃ prathamaṃ śapto vānaras tvaṃ bhaviṣyasi; ity uktena mayā paścāc chaptas tvam api matsarāt; adyaprabhṛti vai vāsaṃ svarge nāvāpsyasīti ha
„Von dir wurde ich zuerst verflucht: ‚Du wirst ein Affe sein.‘ Nachdem ich so angesprochen war, habe ich dich danach aus Neid verflucht: ‚Von heute an wirst du keinen Wohnsitz im Himmel erlangen.‘“
Wort für Wort
tvayāhaṃ prathamaṃ śaptaḥ
von dir ich zuerst verflucht (Instr./Nom./Adv./Part.)
vānaras tvaṃ bhaviṣyasi
„Affe du wirst sein“ (Nom./Fut.2.Sg.)
ity uktena mayā paścāt
so angesprochen von mir danach (Part.Instr./Adv.)
chaptas tvam api matsarāt
verflucht wurdest du auch aus Neid (Part./Abl.)
adyaprabhṛti vai vāsaṃ
von heute an fürwahr Wohnsitz (Adv./Akk.)
svarge nāvāpsyasīti ha
im Himmel nicht wirst du erlangen (Lok./Fut.2.Sg.)
Der Text lautet ursprünglich „chaptas“ nach Sandhi (śaptas); Wortstellung der zweiten Hälfte gedrängt.
„Der Seher, in höchster Pflicht gesinnt, der ehrwürdige Herr Nārada, hat ein Herz, das dir gegenüber unerschütterlich ist; kein Zweifel soll dir hier sein.“
Wort für Wort
ṛṣiḥ paramadharmātmā
der Seher, höchster Pflicht in der Seele (Nom.Sg.)
nārado bhagavān prabhuḥ
Nārada, der Erhabene, Herr (Nom.Sg.)
tavaivābhedyahṛdayaḥ
nur dir gegenüber, unspaltbaren Herzens (Gen./Nom.Sg.)
mā te bhūd atra saṃśayaḥ
nicht sei dir hier Zweifel (Prohib./Gen./Aor.3.Sg./Nom.)
abhedyahṛdayaḥ „unspaltbaren Herzens“ im Sinne von treu/unbeirrbar [?].
Durch den hochgesinnten Parvata vielfach besänftigt und, als sie vom Makel des Fluchs ihres Gatten gehört hatte, kehrte sie zu ihrem eigenen Wesen zurück. Parvata ging in den Himmel, Nārada aber ging in sein Haus.
Wort für Wort
sānunītā bahuvidham
sie, besänftigt, auf vielerlei Weise (Nom.Sg.f./Adv.)
parvatena mahātmanā
von Parvata, dem Hochgesinnten (Instr.)
śāpadoṣaṃ ca taṃ bhartuḥ
und diesen Fluchmakel des Gatten (Akk./Gen.)
śrutvā svāṃ prakṛtiṃ gatā
gehört habend, zu ihrer eigenen Natur zurückgekehrt (Gerundium/Akk./Part.)
parvato 'tha yayau svargam
Parvata da ging in den Himmel (Perf.3.Sg./Akk.)
nārado 'tha yayau gṛhān
Nārada aber ging zu den Häusern/nach Hause (Akk.Pl.)