Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 293: pratibodhāpratibodhayor nidarśanam Vasiṣṭha belehrt Karāla Janaka über Erwachen, Nichterwachen und das Vergängliche und Unvergängliche

Vasiṣṭha erklärt die Wanderung des Unerwachten und das Bild der Mondphasen; Karāla Janaka wendet mit dem Beispiel von Mann und Frau ein, Prakṛti und Puruṣa seien unlösbar verbunden. Vasiṣṭha antwortet zunächst mit dem Hinweis auf den Unterschied zwischen Textbesitz und Sinnverständnis.

vasiṣṭha uvāca; evam apratibuddhatvād abuddhajanasevanāt; sargakoṭisahasrāṇi patanāntāni gacchati

Vasiṣṭha sprach: So geht er, weil er nicht erwacht ist und Umgang mit Nichterwachten pflegt, durch tausend Millionen Schöpfungen, die im Sturz enden.

Wort für Wort
vasiṣṭha uvāca
Vasiṣṭha sprach (Nom./3.Sg.Perf.)
evam apratibuddhatvād
so, wegen des Nichterwachtseins (Adv./Abl.Sg.)
abuddhajanasevanāt
wegen des Umgangs mit unerwachten Menschen (Abl.Sg., Kompositum)
sargakoṭisahasrāṇi
tausend Millionen Schöpfungen (Akk.Pl.)
patanāntāni gacchati
die im Sturz enden, geht er (Akk.Pl./3.Sg.Präs.)

dhāmnā dhāmasahasrāṇi maraṇāntāni gacchati; tiryagyonau manuṣyatve devaloke tathaiva ca

Von Wohnstätte zu Wohnstätte [?] geht er durch Tausende von Wohnstätten, die im Tod enden: im tierischen Schoß, im Menschsein und ebenso in der Götterwelt.

Wort für Wort
dhāmnā dhāmasahasrāṇi
mit/von Wohnstätte [zu Wohnstätte] [?], tausend Wohnstätten (Instr.Sg./Akk.Pl.)
maraṇāntāni gacchati
die im Tod enden, geht er (Akk.Pl./3.Sg.Präs.)
tiryagyonau manuṣyatve
im tierischen Schoß, im Menschsein (Lok.Sg.)
devaloke tathā eva ca
in der Götterwelt, ebenso auch (Lok.Sg./Adv.)

dhāmnā ist mehrdeutig (dhāman: Glanz, Stätte, Körper); Wiedergabe unsicher.

candramā iva kośānāṃ punas tatra sahasraśaḥ; līyate 'pratibuddhatvād evam eṣa hy abuddhimān

Wie der Mond [in] den Hüllen [?] wieder und wieder tausendfach dort vergeht, so vergeht dieser Unverständige, weil er nicht erwacht ist.

Wort für Wort
candramā iva kośānām
wie der Mond, der Hüllen [?] (Nom.Sg./Part./Gen.Pl.)
punas tatra sahasraśaḥ
wieder dort, tausendfach (Adv.)
līyate apratibuddhatvāt
löst sich auf, wegen des Nichterwachtseins (3.Sg.Pass./Abl.Sg.)
evam eṣa hi abuddhimān
so dieser ja unverständig (Adv./Nom.Sg./Part./Nom.Sg.)

kośānām syntaktisch unsicher; Bild der Mondphasen.

kalāḥ pañcadaśā yonis tad dhāma iti paṭhyate; nityam etad vijānīhi somaḥ ṣoḍaśamī kalā

Fünfzehn Teile sind der Schoß; das wird ‚Wohnstätte‘ genannt. Wisse dies stets: Soma ist der sechzehnte Teil.

Wort für Wort
kalāḥ pañcadaśā yoniḥ
die fünfzehn Teile [sind] der Schoß (Nom.Pl./Adj./Nom.Sg.)
tad dhāma iti paṭhyate
das wird ‚Wohnstätte‘ genannt (Nom.Sg./Part./3.Sg.Pass.)
nityam etad vijānīhi
stets dies erkenne (Adv./Akk./Imp.2.Sg.)
somaḥ ṣoḍaśamī kalā
Soma [ist] der sechzehnte Teil (Nom.Sg./Nom.Sg.f.)

kalāyāṃ jāyate 'jasraṃ punaḥ punar abuddhimān; dhāma tasyopayuñjanti bhūya eva tu jāyate

Im [einzelnen] Teil wird der Unverständige unablässig immer wieder geboren; seine Wohnstätte genießen [die Götter], und doch wird er von Neuem geboren.

Wort für Wort
kalāyāṃ jāyate ajasram
im Teil wird er geboren, unablässig (Lok.Sg./3.Sg.Pass./Adv.)
punaḥ punar abuddhimān
immer wieder, der Unverständige (Adv./Nom.Sg.)
dhāma tasya upayuñjanti
seine Wohnstätte verzehren/nutzen sie (Akk.Sg./Gen.Sg./3.Pl.Präs.)
bhūya eva tu jāyate
und doch wird er von Neuem geboren (Adv./3.Sg.Präs.Med.)

Subjekt von upayuñjanti nicht genannt; [die Götter] ergänzt.

ṣoḍaśī tu kalā sūkṣmā sa soma upadhāryatām; na tūpayujyate devair devān upayunakti sā

Der sechzehnte Teil aber ist fein; er ist als Soma aufzufassen. Er wird nicht von den Göttern genutzt; sie [selbst] verbindet die Götter [mit sich] [?].

Wort für Wort
ṣoḍaśī tu kalā sūkṣmā
der sechzehnte Teil aber [ist] fein (Nom.Sg.f.)
sa soma upadhāryatām
er ist als Soma aufzufassen (Nom.Sg./Imp.3.Sg.Pass.)
na tu upayujyate devaiḥ
er wird aber nicht genutzt von den Göttern (3.Sg.Pass./Instr.Pl.)
devān upayunakti sā
die Götter verbindet/versorgt sie [?] (Akk.Pl./3.Sg.Präs./Nom.Sg.f.)

upayunakti unsicher (verbinden, versorgen, zuwenden).

evaṃ tāṃ kṣapayitvā hi jāyate nṛpasattama; sā hy asya prakṛtir dṛṣṭā tatkṣayān mokṣa ucyate

So wird er, nachdem er sie aufgezehrt hat, geboren, bester der Könige; sie ist ja als sein Urstoff gesehen; durch deren Schwund, heißt es, [geschieht] Erlösung.

Wort für Wort
evaṃ tāṃ kṣapayitvā hi
so sie nachdem er aufgezehrt hat (Adv./Akk.Sg.f./Abs.)
jāyate nṛpasattama
wird geboren, bester der Könige (3.Sg.Präs.Med./Vok.)
sā hi asya prakṛtir dṛṣṭā
sie ist ja sein Urstoff, gesehen (Nom.Sg.f./Gen./Nom./Part.)
tatkṣayāt mokṣa ucyate
durch deren Schwund wird Erlösung genannt (Abl.Sg./Nom.Sg./3.Sg.Pass.)

tad evaṃ ṣoḍaśakalaṃ deham avyaktasaṃjñakam; mamāyam iti manvānas tatraiva parivartate

So hält er diesen sechzehnteiligen Körper, ‚das Unmanifeste‘ genannt, für ‚mein ist dies‘ und dreht sich eben darin im Kreis.

Wort für Wort
tad evaṃ ṣoḍaśakalaṃ deham
so den sechzehnteiligen Körper (Adv./Akk.Sg.)
avyaktasaṃjñakam
‚Unmanifestes‘ genannt (Akk.Sg., Bahuvrīhi)
mama ayam iti manvānaḥ
‚mein [ist] dieser‘, so meinend (Gen./Nom./Part.Med.)
tatra eva parivartate
eben darin dreht er sich im Kreis (Adv./3.Sg.Präs.Med.)

pañcaviṃśas tathaivātmā tasyaivā pratibodhanāt; vimalasya viśuddhasya śuddhānilaniṣevaṇāt

Ebenso [wird] der fünfundzwanzigste Ātman, eben weil jener nicht erwacht, obwohl makellos und rein, durch den Umgang mit reinem Hauch [?] …

Wort für Wort
pañcaviṃśas tathā eva ātmā
der fünfundzwanzigste Ātman ebenso (Nom.Sg./Adv.)
tasya eva apratibodhanāt
eben wegen des Nichterweckens/Nichterwachens von jenem (Gen./Abl.Sg.)
vimalasya viśuddhasya
des Makellosen, des Reinen (Gen.Sg.)
śuddhānilaniṣevaṇāt
durch den Umgang mit reinem Hauch [?] (Abl.Sg., Kompositum)

Satz setzt sich in Vers 10 fort; śuddhānila- und apratibodhanāt unsicher (Nicht-Erwecken vs. Nicht-Erwachen).

aśuddha eva śuddhātmā tādṛg bhavati pārthiva; abuddhasevanāc cāpi buddho 'py abudhatāṃ vrajet

… der Reinseelige wird so, Fürst, [gerade] unrein; und durch Umgang mit Unerwachten kann auch ein Erwachter zum Unerwachten werden.

Wort für Wort
aśuddha eva śuddhātmā
unrein eben, der Reinseelige (Nom.Sg.)
tādṛg bhavati pārthiva
ein solcher wird er, Fürst (Nom.Sg./3.Sg.Präs./Vok.)
abuddhasevanāt ca api
und auch durch Umgang mit Unerwachten (Abl.Sg.)
buddho api abudhatāṃ vrajet
auch der Erwachte in Unerwachtheit gehen kann (Nom.Sg./Akk.Sg./Opt.)

tathaivāpratibuddho 'pi jñeyo nṛpatisattama; prakṛtes triguṇāyās tu sevanāt prākṛto bhavet

Ebenso ist auch der Unerwachte zu erkennen, bester der Fürsten: durch Umgang mit der dreigunigen Prakṛti wird er zum Prakṛti-Gemäßen [Gewöhnlichen].

Wort für Wort
tathā eva apratibuddho api
ebenso auch der Unerwachte (Adv./Nom.Sg.)
jñeyo nṛpatisattama
ist zu erkennen, bester der Fürsten (Gerundiv/Vok.)
prakṛteḥ triguṇāyās tu
der Prakṛti, der dreigunigen (Gen.Sg.f.)
sevanāt prākṛto bhavet
durch Umgang, prakṛtisch wird er (Abl.Sg./Nom.Sg./Opt.)

karālajanaka uvāca; akṣarakṣarayor eṣa dvayoḥ saṃbandha iṣyate; strīpuṃsor vāpi bhagavan saṃbandhas tadvad ucyate

Karālajanaka sprach: Diese Verbindung der beiden, des Vergänglichen und des Unvergänglichen, wird angenommen; auch die von Frau und Mann, Erhabener, wird ebenso genannt.

Wort für Wort
karālajanaka uvāca
Karāla Janaka sprach (Nom./3.Sg.Perf.)
akṣarakṣarayor eṣa
des Unvergänglichen und des Vergänglichen, diese (Gen.Du./Nom.Sg.)
dvayoḥ saṃbandha iṣyate
der beiden Verbindung wird angenommen (Gen.Du./Nom.Sg./3.Sg.Pass.)
strīpuṃsor vā api bhagavan
auch von Frau und Mann, Erhabener (Gen.Du./Vok.)
saṃbandhas tadvad ucyate
Verbindung ebenso wird genannt (Nom.Sg./Adv./3.Sg.Pass.)

ṛte na puruṣeṇeha strī garbhaṃ dhārayaty uta; ṛte striyaṃ na puruṣo rūpaṃ nirvartayet tathā

Ohne den Mann trägt hier die Frau keinen Keim, wahrlich; und ohne die Frau könnte der Mann ebenso keine Gestalt hervorbringen.

Wort für Wort
ṛte na puruṣeṇa iha
ohne den Mann nicht hier (Präp./Instr.Sg.)
strī garbhaṃ dhārayati uta
die Frau den Keim trägt, wahrlich (Nom./Akk./3.Sg.Präs.)
ṛte striyaṃ na puruṣo
ohne die Frau nicht der Mann (Akk.Sg./Nom.Sg.)
rūpaṃ nirvartayet tathā
Gestalt könnte hervorbringen, ebenso (Akk./Opt.Kaus./Adv.)

anyonyasyābhisaṃbandhād anyonyaguṇasaṃśrayāt; rūpaṃ nirvartayaty etad evaṃ sarvāsu yoniṣu

Aus gegenseitiger Verbindung, durch gegenseitiges Sich-Stützen auf die Eigenschaften bringt sie diese Gestalt hervor, so in allen Schößen.

Wort für Wort
anyonyasya abhisaṃbandhāt
wegen gegenseitiger Verbindung (Abl.Sg.)
anyonyaguṇasaṃśrayāt
wegen des gegenseitigen Anlehnens an die Eigenschaften (Abl.Sg.)
rūpaṃ nirvartayati etat
Gestalt bringt sie hervor, dies (Akk./3.Sg.Kaus./Akk.)
evaṃ sarvāsu yoniṣu
so in allen Schößen (Adv./Lok.Pl.)

ratyartham abhisaṃrodhād anyonyaguṇasaṃśrayāt; ṛtau nirvartate rūpaṃ tad vakṣyāmi nidarśanam

Zum Zweck der Lust, aus dem [engen] Umschließen [?], durch gegenseitiges Sich-Stützen auf die Eigenschaften entsteht zur fruchtbaren Zeit die Gestalt; dafür will ich ein Beispiel nennen.

Wort für Wort
ratyartham abhisaṃrodhāt
zum Zweck der Lust, aus dem Umschließen/Sich-Verschließen [?] (Akk./Abl.Sg.)
anyonyaguṇasaṃśrayāt
durch gegenseitiges Anlehnen an die Eigenschaften (Abl.Sg.)
ṛtau nirvartate rūpam
zur fruchtbaren Zeit entsteht Gestalt (Lok.Sg./3.Sg.Med./Nom.Sg.)
tad vakṣyāmi nidarśanam
dafür will ich sagen ein Beispiel (Adv./1.Sg.Fut./Akk.Sg.)

abhisaṃrodhāt unsicher.

ye guṇāḥ puruṣasyeha ye ca mātṛguṇās tathā; asthi snāyu ca majjā ca jānīmaḥ pitṛto dvija

Die Eigenschaften, die der Mann hier hat, und ebenso die der Mutter: Knochen, Sehnen und Mark kennen wir vom Vater her, Zweigeborener.

Wort für Wort
ye guṇāḥ puruṣasya iha
welche Eigenschaften des Mannes hier (Nom.Pl./Gen.Sg.)
ye ca mātṛguṇās tathā
und welche Mutter-Eigenschaften ebenso (Nom.Pl.)
asthi snāyu ca majjā ca
Knochen, Sehnen und Mark (Nom.Sg.)
jānīmaḥ pitṛtaḥ dvija
wir kennen vom Vater her, Zweigeborener (1.Pl.Präs./Adv./Vok.)

tvaṅ māṃsaṃ śoṇitaṃ caiva mātṛjāny api śuśruma; evam etad dvijaśreṣṭha vedaśāstreṣu paṭhyate

Haut, Fleisch und Blut haben wir auch als von der Mutter stammend gehört. So, bester der Zweigeborenen, wird dies in Veda und Śāstra gelehrt.

Wort für Wort
tvaṅ māṃsaṃ śoṇitaṃ ca eva
Haut, Fleisch und Blut (Nom.Sg.)
mātṛjāni api śuśruma
als von der Mutter geboren auch haben wir gehört (Nom.Pl.n./1.Pl.Perf.)
evam etad dvijaśreṣṭha
so dies, bester der Zweigeborenen (Adv./Nom./Vok.)
vedaśāstreṣu paṭhyate
in Veda und Śāstra wird gelehrt (Lok.Pl./3.Sg.Pass.)

pramāṇaṃ yac ca vedoktaṃ śāstroktaṃ yac ca paṭhyate; vedaśāstrapramāṇaṃ ca pramāṇaṃ tat sanātanam

Was als Beweis im Veda gesagt ist und was im Śāstra gelehrt wird: der Beweis aus Veda und Śāstra, das ist ein ewiger Beweis.

Wort für Wort
pramāṇaṃ yat ca vedoktam
der Beweis, welcher im Veda gesagt ist (Nom.Sg./Nom.Sg.)
śāstroktaṃ yat ca paṭhyate
im Śāstra Gesagtes, was gelehrt wird (Nom.Sg./3.Sg.Pass.)
vedaśāstrapramāṇaṃ ca
und der Beweis aus Veda und Śāstra (Nom.Sg.)
pramāṇaṃ tat sanātanam
Beweis, dieser [ist] ewig (Nom.Sg./Adj.)

evam evābhisaṃbaddhau nityaṃ prakṛtipūruṣau; paśyāmi bhagavaṃs tasmān mokṣadharmo na vidyate

So sind Prakṛti und Puruṣa stets miteinander verbunden; ich sehe, Erhabener, daher, dass es keinen Erlösungs-Dharma gibt.

Wort für Wort
evam eva abhisaṃbaddhau
ebenso verbunden (Adv./Nom.Du.)
nityaṃ prakṛtipūruṣau
stets Prakṛti und Puruṣa (Adv./Nom.Du.)
paśyāmi bhagavan tasmāt
ich sehe, Erhabener, daher (1.Sg.Präs./Vok./Abl.)
mokṣadharmo na vidyate
ein Erlösungs-Dharma nicht existiert (Nom.Sg./3.Sg.Pass.)

atha vānantarakṛtaṃ kiṃ cid eva nidarśanam; tan mamācakṣva tattvena pratyakṣo hy asi sarvathā

Oder [nenne] ein anderes, unmittelbar anschließendes [?] Beispiel; das sage mir der Wahrheit gemäß, denn du bist in jeder Hinsicht Augenzeuge.

Wort für Wort
atha vā anantarakṛtam
oder unmittelbar Anschließendes/Gemachtes [?] (Part.Akk.Sg.)
kiṃ cid eva nidarśanam
irgendein Beispiel (Pron./Akk.Sg.)
tan mama ācakṣva tattvena
das mir sage der Wahrheit nach (Imp.Med./Instr.Sg.)
pratyakṣo hi asi sarvathā
denn ein Augenzeuge bist du in jeder Weise (Nom.Sg./2.Sg.Präs./Adv.)

anantarakṛtam unsicher.

mokṣakāmā vayaṃ cāpi kāṅkṣāmo yad anāmayam; adeham ajaraṃ divyam atīndriyam anīśvaram

Auch wir, nach Erlösung verlangend, begehren das Leidlose: körperlos, unalternd, göttlich, jenseits der Sinne, ohne Herrn.

Wort für Wort
mokṣakāmā vayaṃ ca api
auch wir, nach Erlösung verlangend (Nom.Pl./Pron.)
kāṅkṣāmo yad anāmayam
wir begehren, was leidlos/heil ist (1.Pl.Präs./Akk.Sg.)
adeham ajaraṃ divyam
körperlos, unalternd, göttlich (Akk.Sg.)
atīndriyam anīśvaram
sinnenjenseitig, ohne Herrn (Akk.Sg.)

vasiṣṭha uvāca; yad etad uktaṃ bhavatā vedaśāstranidarśanam; evam etad yathā caitan na gṛhṇāti tathā bhavān

Vasiṣṭha sprach: Was du da gesagt hast, das Beispiel aus Veda und Śāstra, so verhält es sich; doch erfasst Ihr es nicht so, wie es sich verhält.

Wort für Wort
vasiṣṭha uvāca
Vasiṣṭha sprach (Nom./3.Sg.Perf.)
yad etad uktaṃ bhavatā
was dies von dir gesagt wurde (Nom./Part./Instr.Sg.)
vedaśāstranidarśanam
das Beispiel aus Veda und Śāstra (Nom.Sg.)
evam etad yathā ca etat
so dies, und wie dies [ist] (Adv./Nom./Adv.)
na gṛhṇāti tathā bhavān
nicht erfasst so Ihr (3.Sg.Präs./Adv./Nom.Sg.)

Die Konstruktion ist knapp; Sinn: die Aussage ist richtig, ihr Verständnis nicht.

dhāryate hi tvayā grantha ubhayor vedaśāstrayoḥ; na tu granthasya tattvajño yathāvat tvaṃ nareśvara

Denn von dir wird der Text beider, Veda und Śāstra, getragen [behalten]; doch kennst du, Herr der Menschen, die Wahrheit des Textes nicht recht.

Wort für Wort
dhāryate hi tvayā granthaḥ
denn wird getragen von dir der Text (3.Sg.Pass./Instr./Nom.Sg.)
ubhayor vedaśāstrayoḥ
der beiden, Veda und Śāstra (Gen.Du.)
na tu granthasya tattvajñaḥ
nicht aber des Textes wahrheitskundig (Gen.Sg./Nom.Sg.)
yathāvat tvaṃ nareśvara
der Richtigkeit nach du, Herr der Menschen (Adv./Nom./Vok.)

yo hi vede ca śāstre ca granthadhāraṇatatparaḥ; na ca granthārthatattvajñas tasya tad dhāraṇaṃ vṛthā

Denn wer im Veda und im Śāstra auf das Behalten des Textes bedacht ist, aber den wahren Sinn des Textes nicht kennt, dessen Behalten ist vergeblich.

Wort für Wort
yo hi vede ca śāstre ca
wer nämlich im Veda und im Śāstra (Nom.Sg./Lok.Sg.)
granthadhāraṇatatparaḥ
auf das Behalten des Textes ganz bedacht (Nom.Sg., Kompositum)
na ca granthārthatattvajñaḥ
und nicht den wahren Sinn des Textes kennend (Nom.Sg.)
tasya tad dhāraṇaṃ vṛthā
dessen dieses Behalten [ist] vergeblich (Gen./Nom.Sg./Adv.)

bhāraṃ sa vahate tasya granthasyārthaṃ na vetti yaḥ; yas tu granthārthatattvajño nāsya granthāgamo vṛthā

Eine Last trägt der, der den Sinn des Textes nicht kennt; wer aber den wahren Sinn des Textes kennt, dessen Textstudium ist nicht vergeblich.

Wort für Wort
bhāraṃ sa vahate tasya
eine Last trägt er, dessen (Akk./3.Sg.Präs.Med./Gen.)
granthasya arthaṃ na vetti yaḥ
des Textes Sinn nicht kennt, der (Gen./Akk./3.Sg.Präs./Nom.)
yas tu granthārthatattvajñaḥ
wer aber den wahren Sinn des Textes kennt (Nom.Sg.)
na asya granthāgamo vṛthā
nicht ist dessen Textstudium vergeblich (Gen./Nom.Sg./Adv.)

granthasyārthaṃ ca pṛṣṭaḥ saṃs tādṛśo vaktum arhati; yathā tattvābhigamanād arthaṃ tasya sa vindati

Auch nach dem Sinn des Textes gefragt, kann nur ein solcher [darüber] sprechen, der dessen Sinn durch Annäherung an die Wahrheit findet.

Wort für Wort
granthasya artham ca pṛṣṭaḥ san
und nach dem Sinn des Textes gefragt seiend (Gen./Akk./Part.Pass./Part.Präs.)
tādṛśo vaktum arhati
ein solcher zu sprechen vermag (Nom.Sg./Inf./3.Sg.Präs.)
yathā tattvābhigamanāt
wie durch Annäherung an die Wahrheit (Adv./Abl.Sg.)
artham tasya sa vindati
den Sinn von jenem er findet (Akk./Gen./Nom./3.Sg.Präs.)

yathā hier als „insofern/der, wie“ gefasst; Bezug etwas locker.

yas tu saṃsatsu kathayed granthārthaṃ sthūlabuddhimān; sa kathaṃ mandavijñāno granthaṃ vakṣyati nirṇayāt

Wer aber in Versammlungen den Sinn eines Lehrtextes darlegen wollte, obwohl er grobsinnig ist – wie soll der, von schwachem Verständnis, den Text aus [sicherer] Entscheidung heraus vortragen?

Wort für Wort
yas tu saṃsatsu kathayet
wer aber in Versammlungen darlegen wollte (Nom.Sg. / Lok.Pl. / 3.Sg.Opt.)
granthārtham
den Sinn des Textes (Akk.Sg., Tatpuruṣa)
sthūlabuddhimān
grobsinnig, von grobem Verstand (Nom.Sg.)
sa katham
der – wie? (Nom.Sg. / Adv.)
mandavijñānaḥ
von schwachem Verständnis (Nom.Sg., Bahuvrīhi)
grantham vakṣyati
wird den Text vortragen (Akk.Sg. / 3.Sg.Fut.)
nirṇayāt
aus Entscheidung/Gewissheit (Abl.Sg.)

nirṇayaṃ cāpi chidrātmā na taṃ vakṣyati tattvataḥ; sopahāsātmatām eti yasmāc caivātmavān api

Und auch die Gewissheit wird einer, dessen Wesen durchlöchert ist, nicht der Wahrheit gemäß aussprechen; er verfällt dem Gespött, weil [er] – auch wenn er selbstbeherrscht [scheint] – [Lücken hat] [?].

Wort für Wort
nirṇayaṃ ca api
und auch die Gewissheit (Akk.Sg.)
chidrātmā
einer mit durchlöchertem Wesen (Nom.Sg., Bahuvrīhi)
na taṃ vakṣyati tattvataḥ
wird sie nicht aussprechen der Wahrheit gemäß (3.Sg.Fut. / Abl.-Adv.)
sopahāsātmatām eti
gerät in den Zustand des Verspottetseins (3.Sg.Präs. / Akk.Sg.)
yasmāc ca eva ātmavān api
und weil er auch, wenn er selbstbesitzend [ist] (Abl. / Nom.Sg.)

Der Nachsatz yasmāc caivātmavān api ist knapp und syntaktisch unklar; die Wiedergabe ist unsicher.

tasmāt tvaṃ śṛṇu rājendra yathaitad anudṛśyate; yāthātathyena sāṃkhyeṣu yogeṣu ca mahātmasu

Darum höre du, Herr der Könige, wie dies bei den Sāṃkhyas und bei den Yogas, den Hochgesinnten, der Wirklichkeit gemäß gesehen wird.

Wort für Wort
tasmāt tvaṃ śṛṇu
darum höre du (Abl.-Adv. / Nom.Sg. / Imp.2.Sg.)
rājendra
Herr der Könige (Vok.Sg.)
yathā etad anudṛśyate
wie dies gesehen wird (Pass.3.Sg.)
yāthātathyena
der Wirklichkeit gemäß (Instr.Sg.)
sāṃkhyeṣu yogeṣu ca
bei den Sāṃkhyas und Yogas (Lok.Pl.)
mahātmasu
bei den Hochgesinnten (Lok.Pl.)

yad eva yogāḥ paśyanti sāṃkhyais tad anugamyate; ekaṃ sāṃkhyaṃ ca yogaṃ ca yaḥ paśyati sa buddhimān

Was die Yogas erblicken, das wird auch durch die Sāṃkhyas erreicht; wer Sāṃkhya und Yoga als eines sieht, der ist einsichtig.

Wort für Wort
yad eva yogāḥ paśyanti
was eben die Yogas sehen (Akk.Sg.n. / Nom.Pl. / 3.Pl.Präs.)
sāṃkhyaiḥ tad anugamyate
das wird durch die Sāṃkhyas erreicht (Instr.Pl. / Pass.3.Sg.)
ekaṃ sāṃkhyaṃ ca yogaṃ ca
Sāṃkhya und Yoga als eines (Akk.Sg.)
yaḥ paśyati
wer sieht (3.Sg.Präs.)
sa buddhimān
der ist einsichtig (Nom.Sg.)

tvaṅ māṃsaṃ rudhiraṃ medaḥ pittaṃ majjāsthi snāyu ca; etad aindriyakaṃ tāta yad bhavān idam āha vai

Haut, Fleisch, Blut, Fett, Galle, Mark, Knochen und Sehnen – dies, mein Lieber, ist [nur] sinnlich-körperlich (aindriyaka), was du da gesagt hast.

Wort für Wort
tvaṅ māṃsaṃ rudhiraṃ medaḥ
Haut, Fleisch, Blut, Fett (Nom.Sg.)
pittaṃ majjāsthi snāyu ca
Galle, Mark, Knochen und Sehne (Nom.Sg.)
etad aindriyakam
dies ist zu den Sinnesorganen/zum Körperlichen gehörig (Nom.Sg.n.)
tāta
Lieber (Vok.Sg.)
yad bhavān idam āha vai
was du (Herr) da gesagt hast (Nom.Sg. / Perf.3.Sg.)

dravyād dravyasya niṣpattir indriyād indriyaṃ tathā; dehād deham avāpnoti bījād bījaṃ tathaiva ca

Aus Stoff entsteht Stoff, ebenso aus Sinnesorgan Sinnesorgan; vom Körper erlangt man einen Körper, und ebenso aus Samen Samen.

Wort für Wort
dravyād dravyasya niṣpattiḥ
aus Stoff das Entstehen von Stoff (Abl.Sg. / Gen.Sg. / Nom.Sg.)
indriyād indriyaṃ tathā
aus Sinnesorgan Sinnesorgan ebenso (Abl.Sg. / Nom.Sg.)
dehād deham avāpnoti
vom Körper einen Körper erlangt man (Abl.Sg. / Akk.Sg. / 3.Sg.Präs.)
bījād bījaṃ tathā eva ca
und ebenso aus Samen Samen (Abl.Sg. / Nom.Sg.)

sūkṣmadehagatā mātrā bījāpyāyitavṛddhikāḥ

Die im feinen Körper befindlichen Maßteile [Elementaranteile], deren Wachstum vom Samen genährt wird.

Wort für Wort
sūkṣmadehagatā
im feinen Körper befindliche (Nom.Pl.f.)
mātrāḥ
Maßteile, Elementaranteile (Nom.Pl.f.)
bījāpyāyitavṛddhikāḥ
deren Wachstum durch den Samen genährt ist (Nom.Pl.f., Bahuvrīhi)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers; mātrā ist hier als „Elementarteil/Maßteil“ gefasst, der Satz hat kein Verb (Fragment).

nirindriyasyābījasya nirdravyasyāsya dehinaḥ; kathaṃ guṇā bhaviṣyanti nirguṇatvān mahātmanaḥ

Wie sollen diesem Verkörperten, der ohne Sinnesorgan, ohne Samen, ohne Stoff ist, Eigenschaften zukommen, da der Hochgesinnte eigenschaftslos ist?

Wort für Wort
nirindriyasya abījasya nirdravyasya
des Sinnesorganlosen, Samenlosen, Stofflosen (Gen.Sg.)
asya dehinaḥ
dieses Verkörperten (Gen.Sg.)
katham guṇāḥ bhaviṣyanti
wie sollen Eigenschaften sein (Nom.Pl. / 3.Pl.Fut.)
nirguṇatvāt
wegen der Eigenschaftslosigkeit (Abl.Sg.)
mahātmanaḥ
des Hochgesinnten (Gen.Sg.)

guṇā guṇeṣu jāyante tatraiva niviśanti ca; evaṃ guṇāḥ prakṛtito jāyante ca na santi ca

Eigenschaften entstehen in Eigenschaften und gehen eben dort wieder ein; so entstehen die Guṇas aus der Urnatur (Prakṛti) und sind doch nicht [wirklich].

Wort für Wort
guṇā guṇeṣu jāyante
Eigenschaften entstehen in Eigenschaften (Nom.Pl. / Lok.Pl. / 3.Pl.Präs.Med.)
tatra eva niviśanti ca
und gehen eben dort ein (3.Pl.Präs.)
evaṃ guṇāḥ
so die Guṇas (Nom.Pl.)
prakṛtito jāyante
entstehen aus der Prakṛti (Abl.-Adv. / 3.Pl.Präs.)
ca na santi ca
und sind [auch] nicht (3.Pl.Präs.)

tvaṅ māṃsaṃ rudhiraṃ medaḥ pittaṃ majjāsthi snāyu ca; aṣṭau tāny atha śukreṇa jānīhi prākṛtāni vai

Haut, Fleisch, Blut, Fett, Galle, Mark, Knochen und Sehnen: diese acht, dazu [gerechnet] mit dem Samen – wisse, sie sind der Urnatur zugehörig.

Wort für Wort
tvaṅ māṃsaṃ rudhiraṃ medaḥ
Haut, Fleisch, Blut, Fett (Nom.Sg.)
pittaṃ majjāsthi snāyu ca
Galle, Mark, Knochen und Sehne (Nom.Sg.)
aṣṭau tāni
diese acht (Nom.Pl.n.)
atha śukreṇa
sodann mit dem Samen (Instr.Sg.)
jānīhi prākṛtāni vai
wisse [sie als] prākṛtisch (Imp.2.Sg. / Akk.Pl.n.)

Die Aufzählung nennt acht Glieder; „dazu mit dem Samen“ ergäbe neun. Der Text ist hier wörtlich wiedergegeben.

pumāṃś caivāpumāṃś caiva trailiṅgyaṃ prākṛtaṃ smṛtam; naiva pumān pumāṃś caiva sa liṅgīty abhidhīyate

Mann und Nicht-Mann: die Dreiheit der Geschlechter gilt als der Urnatur zugehörig. Weder ist er ein Mann, noch [auch nur] ein Mann – er wird „Träger von Merkmalen“ genannt [?].

Wort für Wort
pumān ca eva apumān ca eva
sowohl Mann als auch Nicht-Mann (Nom.Sg.)
trailiṅgyaṃ prākṛtaṃ smṛtam
die Dreigeschlechtlichkeit gilt als prākṛtisch (Nom.Sg.n. / Part.Pass.)
na eva pumān pumān ca eva
weder Mann noch [nur] Mann (Nom.Sg.)
sa liṅgī iti abhidhīyate
der wird „Merkmalträger“ genannt (Nom.Sg. / Pass.3.Sg.)

Zweite Vershälfte in der Deutung unsicher (naiva pumān pumāṃś caiva).

aliṅgā prakṛtir liṅgair upalabhyati sātmajaiḥ; yathā puṣpaphalair nityam ṛtavo mūrtayas tathā

Die Merkmallose, die Urnatur, wird an Merkmalen erkannt, die aus ihr selbst stammen; wie stets an Blüten und Früchten die Jahreszeiten [erkannt werden], so [auch] an den Gestalten.

Wort für Wort
aliṅgā prakṛtiḥ
die merkmallose Urnatur (Nom.Sg.f.)
liṅgaiḥ upalabhyate
wird an Merkmalen erfasst (Instr.Pl. / Pass.3.Sg.)
sātmajaiḥ
mit den aus ihr selbst geborenen (Instr.Pl.)
yathā puṣpaphalaiḥ nityam
wie stets an Blüten und Früchten (Instr.Pl. / Adv.)
ṛtavaḥ
die Jahreszeiten (Nom.Pl.)
mūrtayaḥ tathā
ebenso die Gestalten (Nom.Pl.f. / Adv.)

evam apy anumānena hy aliṅgam upalabhyate; pañcaviṃśatimas tāta liṅgeṣv aniyatātmakaḥ

So wird auch durch Schlussfolgerung das Merkmallose erfasst; der Fünfundzwanzigste, mein Lieber, ist unter den Merkmalen von nicht festgelegtem Wesen.

Wort für Wort
evam api anumānena
so auch durch Schluss (Instr.Sg.)
hi aliṅgam upalabhyate
wird ja das Merkmallose erfasst (Nom.Sg.n. / Pass.3.Sg.)
pañcaviṃśatimaḥ tāta
der Fünfundzwanzigste, Lieber (Nom.Sg. / Vok.Sg.)
liṅgeṣu
unter den Merkmalen (Lok.Pl.)
aniyatātmakaḥ
von nicht festgelegtem Wesen (Nom.Sg.)

anādinidhano 'nantaḥ sarvadarśī nirāmayaḥ; kevalaṃ tv abhimānitvād guṇeṣv aguṇa ucyate

Ohne Anfang und Ende, unendlich, allsehend, makellos: nur aus Ichbezogenheit wird er unter den Eigenschaften „eigenschaftslos“ genannt.

Wort für Wort
anādinidhanaḥ anantaḥ
ohne Anfang und Ende, unendlich (Nom.Sg.)
sarvadarśī nirāmayaḥ
allsehend, makellos (Nom.Sg.)
kevalaṃ tu abhimānitvāt
nur aber wegen der Ichbezogenheit (Adv. / Abl.Sg.)
guṇeṣu aguṇaḥ ucyate
unter den Eigenschaften eigenschaftslos wird er genannt (Lok.Pl. / Nom.Sg. / Pass.3.Sg.)

guṇā guṇavataḥ santi nirguṇasya kuto guṇāḥ; tasmād evaṃ vijānanti ye janā guṇadarśinaḥ

Eigenschaften gehören dem Eigenschaftsbesitzer; woher [sollten] dem Eigenschaftslosen Eigenschaften [kommen]? Darum erkennen es so jene Menschen, die auf Eigenschaften blicken.

Wort für Wort
guṇā guṇavataḥ santi
Eigenschaften sind beim Eigenschaftsbesitzer (Nom.Pl. / Gen.Sg. / 3.Pl.Präs.)
nirguṇasya kutaḥ guṇāḥ
beim Eigenschaftslosen woher Eigenschaften? (Gen.Sg. / Nom.Pl.)
tasmāt evaṃ vijānanti
darum erkennen sie so (3.Pl.Präs.)
ye janāḥ guṇadarśinaḥ
jene Menschen, die Eigenschaften sehen (Nom.Pl.)

yadā tv eṣa guṇān sarvān prākṛtān abhimanyate; tadā sa guṇavān eva parameṇānupaśyati

Wenn dieser aber alle urnatürlichen Eigenschaften [als seine] ansieht, dann erblickt er sich, eigenschaftsbehaftet eben, mit dem Höchsten [?].

Wort für Wort
yadā tu eṣaḥ
wenn aber dieser (Nom.Sg.)
guṇān sarvān prākṛtān
alle prākṛtischen Eigenschaften (Akk.Pl.)
abhimanyate
beansprucht/hält für sein (3.Sg.Präs.Med.)
tadā sa guṇavān eva
dann er als eigenschaftsbehaftet eben (Nom.Sg.)
parameṇa anupaśyati
mit/durch das Höchste sieht er [?] (Instr.Sg. / 3.Sg.Präs.)

Zweite Vershälfte (parameṇānupaśyati) syntaktisch unklar; Wiedergabe unsicher.

yat tad buddheḥ paraṃ prāhuḥ sāṃkhyā yogāś ca sarvaśaḥ; budhyamānaṃ mahāprājñam abuddhaparivarjanāt

Das, was die Sāṃkhyas und die Yogas allseits als jenseits der Buddhi bezeichnen: das Erkennende, den großen Weisen, durch Meidung des Nicht-Erwachten [?].

Wort für Wort
yat tad buddheḥ param
was jenes jenseits der Buddhi (Nom.Sg.n. / Abl.Sg.)
prāhuḥ sāṃkhyāḥ yogāḥ ca
sagen die Sāṃkhyas und Yogas (Perf.3.Pl. / Nom.Pl.)
sarvaśaḥ
allseits (Adv.)
budhyamānaṃ mahāprājñam
das Erkennende, den großen Weisen (Akk.Sg.)
abuddhaparivarjanāt
durch Meiden des Nicht-Erwachten (Abl.Sg.)

Der Satz hat kein finites Verb; die Fortsetzung steht im folgenden Vers.

aprabuddham athāvyaktaṃ saguṇaṃ prāhur īśvaram; nirguṇaṃ ceśvaraṃ nityam adhiṣṭhātāram eva ca

Das Nicht-Erwachte, aber [auch] das Unentfaltete nennen sie den Herrn mit Eigenschaften; den eigenschaftslosen Herrn dagegen [nennen sie] den ewigen und eben den Lenker.

Wort für Wort
aprabuddham atha avyaktam
das Nicht-Erwachte und das Unentfaltete (Akk.Sg.n.)
saguṇaṃ prāhuḥ īśvaram
sagen sie, den Herrn mit Eigenschaften (Akk.Sg. / Perf.3.Pl.)
nirguṇaṃ ca īśvaram
und den eigenschaftslosen Herrn (Akk.Sg.)
nityam
den ewigen (Akk.Sg.)
adhiṣṭhātāram eva ca
und eben den Lenker (Akk.Sg.)

prakṛteś ca guṇānāṃ ca pañcaviṃśatikaṃ budhāḥ; sāṃkhyayoge ca kuśalā budhyante paramaiṣiṇaḥ

Die Fünfundzwanzigheit aus Urnatur und Eigenschaften erkennen die Weisen; die in Sāṃkhya und Yoga Bewanderten, die das Höchste erstreben, erwachen [dazu].

Wort für Wort
prakṛteḥ ca guṇānāṃ ca
von der Urnatur und den Eigenschaften (Gen.Sg. / Gen.Pl.)
pañcaviṃśatikaṃ budhāḥ
die Fünfundzwanzigheit [erkennen] die Weisen (Akk.Sg.n. / Nom.Pl.)
sāṃkhyayoge ca kuśalāḥ
und in Sāṃkhya und Yoga Bewanderte (Lok.Sg. / Nom.Pl.)
budhyante
erwachen/erkennen (3.Pl.Präs.Med.)
paramaiṣiṇaḥ
das Höchste Erstrebende (Nom.Pl.)

yadā prabuddhās tv avyaktam avasthājanmabhīravaḥ; budhyamānaṃ prabudhyanti gamayanti samaṃ tadā

Wenn aber die Erwachten das Unentfaltete – [sie sind] furchtsam vor Daseinszustand und Geburt – zum Erkennenden hin erwecken, dann führen sie [es] zur Gleichheit.

Wort für Wort
yadā prabuddhāḥ tu
wenn aber die Erwachten (Nom.Pl.)
avyaktam
das Unentfaltete (Akk.Sg.)
avasthājanmabhīravaḥ
furchtsam vor Zustand und Geburt (Nom.Pl.)
budhyamānaṃ prabudhyanti
erwachen zum Erkennenden (Akk.Sg. / 3.Pl.Präs.)
gamayanti samaṃ tadā
dann führen sie zur Gleichheit (3.Pl.Kaus. / Akk.Sg.n.)

Der Vers ist knapp; der Bezug von avyaktam und budhyamānam ist nicht ganz eindeutig.

etan nidarśanaṃ samyag asamyag anudarśanam; budhyamānāprabuddhābhyāṃ pṛthak pṛthag ariṃdama

Dies ist die Darlegung: das richtige Sehen und das unrichtige Nachsehen, jeweils getrennt durch den Erkennenden und den Nicht-Erwachten, Bezwinger der Feinde.

Wort für Wort
etat nidarśanam
dies ist die Darlegung (Nom.Sg.n.)
samyak asamyak anudarśanam
richtig, unrichtig das Nachsehen/Betrachten (Adv. / Nom.Sg.n.)
budhyamānāprabuddhābhyām
durch den Erkennenden und den Nicht-Erwachten (Instr.Du.)
pṛthak pṛthak
jeweils getrennt (Adv.)
ariṃdama
Bezwinger der Feinde (Vok.Sg.)

paraspareṇaitad uktaṃ kṣarākṣaranidarśanam; ekatvam akṣaraṃ prāhur nānātvaṃ kṣaram ucyate

Wechselseitig wurde dies als Darlegung von Vergänglichem und Unvergänglichem gesagt: Einheit nennen sie das Unvergängliche, Vielheit heißt das Vergängliche.

Wort für Wort
paraspareṇa etat uktam
wechselseitig ist dies gesagt worden (Instr.Sg. / Part.Pass.)
kṣarākṣaranidarśanam
Darlegung des Vergänglichen und Unvergänglichen (Nom.Sg.n.)
ekatvam akṣaraṃ prāhuḥ
Einheit nennen sie das Unvergängliche (Akk.Sg. / Perf.3.Pl.)
nānātvaṃ kṣaram ucyate
Vielheit heißt das Vergängliche (Nom.Sg. / Pass.3.Sg.)

pañcaviṃśatiniṣṭho 'yaṃ yadāsamyak pravartate; ekatvaṃ darśanaṃ cāsya nānātvaṃ cāpy adarśanam

Wenn dieser, der in den Fünfundzwanzig verharrt, nicht recht verfährt: Einheit ist sein Sehen, und Vielheit ist sein Nicht-Sehen.

Wort für Wort
pañcaviṃśatiniṣṭhaḥ ayam
dieser in den Fünfundzwanzig Verharrende (Nom.Sg.)
yadā asamyak pravartate
wenn er unrichtig verfährt (Adv. / 3.Sg.Präs.Med.)
ekatvaṃ darśanaṃ ca asya
und Einheit ist sein Sehen (Nom.Sg.n. / Gen.Sg.)
nānātvaṃ ca api adarśanam
und auch Vielheit [ist] Nicht-Sehen (Nom.Sg.n.)

Der Vers ist elliptisch; der Bezug der zweiten Hälfte zur ersten ist unsicher.

tattvanistattvayor etat pṛthag eva nidarśanam; pañcaviṃśatisargaṃ tu tattvam āhur manīṣiṇaḥ

Dies ist für das Wesenhafte und das Wesenlose je eine gesonderte Darlegung; die Schöpfung der Fünfundzwanzig nennen die Weisen das Wesenhafte.

Wort für Wort
tattvanistattvayoḥ etat
für das Wesenhafte und das Wesenlose dies (Lok./Gen.Du. / Nom.Sg.n.)
pṛthak eva nidarśanam
eine gesonderte Darlegung eben (Adv. / Nom.Sg.n.)
pañcaviṃśasargaṃ tu tattvam
die Schöpfung der Fünfundzwanzig aber das Wesenhafte (Akk.Sg. / Akk.Sg.n.)
āhuḥ manīṣiṇaḥ
sagen die Weisen (Perf.3.Pl. / Nom.Pl.)

nistattvaṃ pañcaviṃśasya param āhur nidarśanam; vargasya vargam ācāraṃ tattvaṃ tattvāt sanātanam

Das Wesenlose, jenseits des Fünfundzwanzigsten, nennen sie die höchste Darlegung; [dazu] die Gruppe der Gruppe, das Verhalten, das Wesenhafte, vom Wesenhaften her ewig [?].

Wort für Wort
nistattvaṃ pañcaviṃśasya param
das Wesenlose jenseits des Fünfundzwanzigsten (Akk.Sg.n. / Gen.Sg. / Akk.Sg.n.)
āhuḥ nidarśanam
nennen sie die Darlegung (Perf.3.Pl. / Akk.Sg.n.)
vargasya vargam
der Gruppe die Gruppe (Gen.Sg. / Akk.Sg.) [?]
ācāraṃ tattvam
das Verhalten, das Wesenhafte (Akk.Sg.)
tattvāt sanātanam
vom Wesenhaften her ewig (Abl.Sg. / Akk.Sg.n.)

Zweite Vershälfte (vargasya vargam ācāraṃ tattvaṃ tattvāt sanātanam) vermutlich verderbt oder elliptisch; nur wörtlich wiedergegeben.

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