Kapitel 293: pratibodhāpratibodhayor nidarśanam
Vasiṣṭha belehrt Karāla Janaka über Erwachen, Nichterwachen und das Vergängliche und Unvergängliche
Vasiṣṭha erklärt die Wanderung des Unerwachten und das Bild der Mondphasen; Karāla Janaka wendet mit dem Beispiel von Mann und Frau ein, Prakṛti und Puruṣa seien unlösbar verbunden. Vasiṣṭha antwortet zunächst mit dem Hinweis auf den Unterschied zwischen Textbesitz und Sinnverständnis.
dhāmnā dhāmasahasrāṇi maraṇāntāni gacchati; tiryagyonau manuṣyatve devaloke tathaiva ca
Von Wohnstätte zu Wohnstätte [?] geht er durch Tausende von Wohnstätten, die im Tod enden: im tierischen Schoß, im Menschsein und ebenso in der Götterwelt.
kalāyāṃ jāyate 'jasraṃ punaḥ punar abuddhimān; dhāma tasyopayuñjanti bhūya eva tu jāyate
Im [einzelnen] Teil wird der Unverständige unablässig immer wieder geboren; seine Wohnstätte genießen [die Götter], und doch wird er von Neuem geboren.
Wort für Wort
kalāyāṃ jāyate ajasram
im Teil wird er geboren, unablässig (Lok.Sg./3.Sg.Pass./Adv.)
punaḥ punar abuddhimān
immer wieder, der Unverständige (Adv./Nom.Sg.)
dhāma tasya upayuñjanti
seine Wohnstätte verzehren/nutzen sie (Akk.Sg./Gen.Sg./3.Pl.Präs.)
bhūya eva tu jāyate
und doch wird er von Neuem geboren (Adv./3.Sg.Präs.Med.)
Subjekt von upayuñjanti nicht genannt; [die Götter] ergänzt.
ṣoḍaśī tu kalā sūkṣmā sa soma upadhāryatām; na tūpayujyate devair devān upayunakti sā
Der sechzehnte Teil aber ist fein; er ist als Soma aufzufassen. Er wird nicht von den Göttern genutzt; sie [selbst] verbindet die Götter [mit sich] [?].
Wort für Wort
ṣoḍaśī tu kalā sūkṣmā
der sechzehnte Teil aber [ist] fein (Nom.Sg.f.)
sa soma upadhāryatām
er ist als Soma aufzufassen (Nom.Sg./Imp.3.Sg.Pass.)
na tu upayujyate devaiḥ
er wird aber nicht genutzt von den Göttern (3.Sg.Pass./Instr.Pl.)
devān upayunakti sā
die Götter verbindet/versorgt sie [?] (Akk.Pl./3.Sg.Präs./Nom.Sg.f.)
evaṃ tāṃ kṣapayitvā hi jāyate nṛpasattama; sā hy asya prakṛtir dṛṣṭā tatkṣayān mokṣa ucyate
So wird er, nachdem er sie aufgezehrt hat, geboren, bester der Könige; sie ist ja als sein Urstoff gesehen; durch deren Schwund, heißt es, [geschieht] Erlösung.
Wort für Wort
evaṃ tāṃ kṣapayitvā hi
so sie nachdem er aufgezehrt hat (Adv./Akk.Sg.f./Abs.)
jāyate nṛpasattama
wird geboren, bester der Könige (3.Sg.Präs.Med./Vok.)
sā hi asya prakṛtir dṛṣṭā
sie ist ja sein Urstoff, gesehen (Nom.Sg.f./Gen./Nom./Part.)
tatkṣayāt mokṣa ucyate
durch deren Schwund wird Erlösung genannt (Abl.Sg./Nom.Sg./3.Sg.Pass.)
Karālajanaka sprach: Diese Verbindung der beiden, des Vergänglichen und des Unvergänglichen, wird angenommen; auch die von Frau und Mann, Erhabener, wird ebenso genannt.
Wort für Wort
karālajanaka uvāca
Karāla Janaka sprach (Nom./3.Sg.Perf.)
akṣarakṣarayor eṣa
des Unvergänglichen und des Vergänglichen, diese (Gen.Du./Nom.Sg.)
dvayoḥ saṃbandha iṣyate
der beiden Verbindung wird angenommen (Gen.Du./Nom.Sg./3.Sg.Pass.)
strīpuṃsor vā api bhagavan
auch von Frau und Mann, Erhabener (Gen.Du./Vok.)
saṃbandhas tadvad ucyate
Verbindung ebenso wird genannt (Nom.Sg./Adv./3.Sg.Pass.)
ratyartham abhisaṃrodhād anyonyaguṇasaṃśrayāt; ṛtau nirvartate rūpaṃ tad vakṣyāmi nidarśanam
Zum Zweck der Lust, aus dem [engen] Umschließen [?], durch gegenseitiges Sich-Stützen auf die Eigenschaften entsteht zur fruchtbaren Zeit die Gestalt; dafür will ich ein Beispiel nennen.
Wort für Wort
ratyartham abhisaṃrodhāt
zum Zweck der Lust, aus dem Umschließen/Sich-Verschließen [?] (Akk./Abl.Sg.)
anyonyaguṇasaṃśrayāt
durch gegenseitiges Anlehnen an die Eigenschaften (Abl.Sg.)
ṛtau nirvartate rūpam
zur fruchtbaren Zeit entsteht Gestalt (Lok.Sg./3.Sg.Med./Nom.Sg.)
tad vakṣyāmi nidarśanam
dafür will ich sagen ein Beispiel (Adv./1.Sg.Fut./Akk.Sg.)
yas tu saṃsatsu kathayed granthārthaṃ sthūlabuddhimān; sa kathaṃ mandavijñāno granthaṃ vakṣyati nirṇayāt
Wer aber in Versammlungen den Sinn eines Lehrtextes darlegen wollte, obwohl er grobsinnig ist – wie soll der, von schwachem Verständnis, den Text aus [sicherer] Entscheidung heraus vortragen?
Wort für Wort
yas tu saṃsatsu kathayet
wer aber in Versammlungen darlegen wollte (Nom.Sg. / Lok.Pl. / 3.Sg.Opt.)
nirṇayaṃ cāpi chidrātmā na taṃ vakṣyati tattvataḥ; sopahāsātmatām eti yasmāc caivātmavān api
Und auch die Gewissheit wird einer, dessen Wesen durchlöchert ist, nicht der Wahrheit gemäß aussprechen; er verfällt dem Gespött, weil [er] – auch wenn er selbstbeherrscht [scheint] – [Lücken hat] [?].
Wort für Wort
nirṇayaṃ ca api
und auch die Gewissheit (Akk.Sg.)
chidrātmā
einer mit durchlöchertem Wesen (Nom.Sg., Bahuvrīhi)
na taṃ vakṣyati tattvataḥ
wird sie nicht aussprechen der Wahrheit gemäß (3.Sg.Fut. / Abl.-Adv.)
sopahāsātmatām eti
gerät in den Zustand des Verspottetseins (3.Sg.Präs. / Akk.Sg.)
yasmāc ca eva ātmavān api
und weil er auch, wenn er selbstbesitzend [ist] (Abl. / Nom.Sg.)
Der Nachsatz yasmāc caivātmavān api ist knapp und syntaktisch unklar; die Wiedergabe ist unsicher.
Die im feinen Körper befindlichen Maßteile [Elementaranteile], deren Wachstum vom Samen genährt wird.
Wort für Wort
sūkṣmadehagatā
im feinen Körper befindliche (Nom.Pl.f.)
mātrāḥ
Maßteile, Elementaranteile (Nom.Pl.f.)
bījāpyāyitavṛddhikāḥ
deren Wachstum durch den Samen genährt ist (Nom.Pl.f., Bahuvrīhi)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers; mātrā ist hier als „Elementarteil/Maßteil“ gefasst, der Satz hat kein Verb (Fragment).
guṇā guṇeṣu jāyante tatraiva niviśanti ca; evaṃ guṇāḥ prakṛtito jāyante ca na santi ca
Eigenschaften entstehen in Eigenschaften und gehen eben dort wieder ein; so entstehen die Guṇas aus der Urnatur (Prakṛti) und sind doch nicht [wirklich].
Wort für Wort
guṇā guṇeṣu jāyante
Eigenschaften entstehen in Eigenschaften (Nom.Pl. / Lok.Pl. / 3.Pl.Präs.Med.)
tatra eva niviśanti ca
und gehen eben dort ein (3.Pl.Präs.)
evaṃ guṇāḥ
so die Guṇas (Nom.Pl.)
prakṛtito jāyante
entstehen aus der Prakṛti (Abl.-Adv. / 3.Pl.Präs.)
Mann und Nicht-Mann: die Dreiheit der Geschlechter gilt als der Urnatur zugehörig. Weder ist er ein Mann, noch [auch nur] ein Mann – er wird „Träger von Merkmalen“ genannt [?].
Wort für Wort
pumān ca eva apumān ca eva
sowohl Mann als auch Nicht-Mann (Nom.Sg.)
trailiṅgyaṃ prākṛtaṃ smṛtam
die Dreigeschlechtlichkeit gilt als prākṛtisch (Nom.Sg.n. / Part.Pass.)
na eva pumān pumān ca eva
weder Mann noch [nur] Mann (Nom.Sg.)
sa liṅgī iti abhidhīyate
der wird „Merkmalträger“ genannt (Nom.Sg. / Pass.3.Sg.)
Zweite Vershälfte in der Deutung unsicher (naiva pumān pumāṃś caiva).
Die Merkmallose, die Urnatur, wird an Merkmalen erkannt, die aus ihr selbst stammen; wie stets an Blüten und Früchten die Jahreszeiten [erkannt werden], so [auch] an den Gestalten.
Wort für Wort
aliṅgā prakṛtiḥ
die merkmallose Urnatur (Nom.Sg.f.)
liṅgaiḥ upalabhyate
wird an Merkmalen erfasst (Instr.Pl. / Pass.3.Sg.)
sātmajaiḥ
mit den aus ihr selbst geborenen (Instr.Pl.)
yathā puṣpaphalaiḥ nityam
wie stets an Blüten und Früchten (Instr.Pl. / Adv.)
Eigenschaften gehören dem Eigenschaftsbesitzer; woher [sollten] dem Eigenschaftslosen Eigenschaften [kommen]? Darum erkennen es so jene Menschen, die auf Eigenschaften blicken.
Wort für Wort
guṇā guṇavataḥ santi
Eigenschaften sind beim Eigenschaftsbesitzer (Nom.Pl. / Gen.Sg. / 3.Pl.Präs.)
nirguṇasya kutaḥ guṇāḥ
beim Eigenschaftslosen woher Eigenschaften? (Gen.Sg. / Nom.Pl.)
yat tad buddheḥ paraṃ prāhuḥ sāṃkhyā yogāś ca sarvaśaḥ; budhyamānaṃ mahāprājñam abuddhaparivarjanāt
Das, was die Sāṃkhyas und die Yogas allseits als jenseits der Buddhi bezeichnen: das Erkennende, den großen Weisen, durch Meidung des Nicht-Erwachten [?].
Wort für Wort
yat tad buddheḥ param
was jenes jenseits der Buddhi (Nom.Sg.n. / Abl.Sg.)
prāhuḥ sāṃkhyāḥ yogāḥ ca
sagen die Sāṃkhyas und Yogas (Perf.3.Pl. / Nom.Pl.)
sarvaśaḥ
allseits (Adv.)
budhyamānaṃ mahāprājñam
das Erkennende, den großen Weisen (Akk.Sg.)
abuddhaparivarjanāt
durch Meiden des Nicht-Erwachten (Abl.Sg.)
Der Satz hat kein finites Verb; die Fortsetzung steht im folgenden Vers.
aprabuddham athāvyaktaṃ saguṇaṃ prāhur īśvaram; nirguṇaṃ ceśvaraṃ nityam adhiṣṭhātāram eva ca
Das Nicht-Erwachte, aber [auch] das Unentfaltete nennen sie den Herrn mit Eigenschaften; den eigenschaftslosen Herrn dagegen [nennen sie] den ewigen und eben den Lenker.
Wort für Wort
aprabuddham atha avyaktam
das Nicht-Erwachte und das Unentfaltete (Akk.Sg.n.)
saguṇaṃ prāhuḥ īśvaram
sagen sie, den Herrn mit Eigenschaften (Akk.Sg. / Perf.3.Pl.)
prakṛteś ca guṇānāṃ ca pañcaviṃśatikaṃ budhāḥ; sāṃkhyayoge ca kuśalā budhyante paramaiṣiṇaḥ
Die Fünfundzwanzigheit aus Urnatur und Eigenschaften erkennen die Weisen; die in Sāṃkhya und Yoga Bewanderten, die das Höchste erstreben, erwachen [dazu].
Wort für Wort
prakṛteḥ ca guṇānāṃ ca
von der Urnatur und den Eigenschaften (Gen.Sg. / Gen.Pl.)
pañcaviṃśatikaṃ budhāḥ
die Fünfundzwanzigheit [erkennen] die Weisen (Akk.Sg.n. / Nom.Pl.)
sāṃkhyayoge ca kuśalāḥ
und in Sāṃkhya und Yoga Bewanderte (Lok.Sg. / Nom.Pl.)
yadā prabuddhās tv avyaktam avasthājanmabhīravaḥ; budhyamānaṃ prabudhyanti gamayanti samaṃ tadā
Wenn aber die Erwachten das Unentfaltete – [sie sind] furchtsam vor Daseinszustand und Geburt – zum Erkennenden hin erwecken, dann führen sie [es] zur Gleichheit.
Wort für Wort
yadā prabuddhāḥ tu
wenn aber die Erwachten (Nom.Pl.)
avyaktam
das Unentfaltete (Akk.Sg.)
avasthājanmabhīravaḥ
furchtsam vor Zustand und Geburt (Nom.Pl.)
budhyamānaṃ prabudhyanti
erwachen zum Erkennenden (Akk.Sg. / 3.Pl.Präs.)
gamayanti samaṃ tadā
dann führen sie zur Gleichheit (3.Pl.Kaus. / Akk.Sg.n.)
Der Vers ist knapp; der Bezug von avyaktam und budhyamānam ist nicht ganz eindeutig.
Dies ist die Darlegung: das richtige Sehen und das unrichtige Nachsehen, jeweils getrennt durch den Erkennenden und den Nicht-Erwachten, Bezwinger der Feinde.
Wort für Wort
etat nidarśanam
dies ist die Darlegung (Nom.Sg.n.)
samyak asamyak anudarśanam
richtig, unrichtig das Nachsehen/Betrachten (Adv. / Nom.Sg.n.)
budhyamānāprabuddhābhyām
durch den Erkennenden und den Nicht-Erwachten (Instr.Du.)
Wechselseitig wurde dies als Darlegung von Vergänglichem und Unvergänglichem gesagt: Einheit nennen sie das Unvergängliche, Vielheit heißt das Vergängliche.
Wort für Wort
paraspareṇa etat uktam
wechselseitig ist dies gesagt worden (Instr.Sg. / Part.Pass.)
kṣarākṣaranidarśanam
Darlegung des Vergänglichen und Unvergänglichen (Nom.Sg.n.)
ekatvam akṣaraṃ prāhuḥ
Einheit nennen sie das Unvergängliche (Akk.Sg. / Perf.3.Pl.)
nānātvaṃ kṣaram ucyate
Vielheit heißt das Vergängliche (Nom.Sg. / Pass.3.Sg.)
Das Wesenlose, jenseits des Fünfundzwanzigsten, nennen sie die höchste Darlegung; [dazu] die Gruppe der Gruppe, das Verhalten, das Wesenhafte, vom Wesenhaften her ewig [?].
Wort für Wort
nistattvaṃ pañcaviṃśasya param
das Wesenlose jenseits des Fünfundzwanzigsten (Akk.Sg.n. / Gen.Sg. / Akk.Sg.n.)
āhuḥ nidarśanam
nennen sie die Darlegung (Perf.3.Pl. / Akk.Sg.n.)
vargasya vargam
der Gruppe die Gruppe (Gen.Sg. / Akk.Sg.) [?]
ācāraṃ tattvam
das Verhalten, das Wesenhafte (Akk.Sg.)
tattvāt sanātanam
vom Wesenhaften her ewig (Abl.Sg. / Akk.Sg.n.)
Zweite Vershälfte (vargasya vargam ācāraṃ tattvaṃ tattvāt sanātanam) vermutlich verderbt oder elliptisch; nur wörtlich wiedergegeben.