Kapitel 333: piṇḍotpattikathā
Vom Ursprung der Ahnenopfer und der drei Opferkuchen (piṇḍa)
Nārada erklärt Yudhiṣṭhira Sinn und Herkunft des Götter- und Ahnenopfers und erzählt, wie die Erdklumpen, die Viṣṇu in Eberform (Varāha/Vṛṣākapi) von seinen Hauern abschüttelte, zu den drei Opferkuchen (piṇḍa) wurden, die als Vater, Großvater und Urgroßvater verehrt werden. Zugleich wird betont, dass der so Verehrte in Wahrheit Nārāyaṇa/Viṣṇu selbst ist.
tatas taṃ vacanaṃ prāha jyeṣṭho dharmātmajaḥ prabhuḥ; ka ijyate dvijaśreṣṭha daive pitrye ca kalpite
Da richtete Yudhiṣṭhira, der älteste Sohn des Dharma, der Herr, folgende Worte an ihn: „Wer wird verehrt, bester der Zweimalgeborenen, wenn das Götteropfer und das Ahnenopfer vollzogen werden?
Wort für Wort
tatas
da, darauf (Adv.)
taṃ vacanaṃ prāha
richtete diese Worte (3.Sg.Perf./Akk.)
jyeṣṭho dharmātmajaḥ prabhuḥ
der älteste Sohn des Dharma, der Herr [Yudhiṣṭhira] (Nom.)
ka ijyate
wer wird verehrt (3.Sg.Präs.Pass.)
dvijaśreṣṭha
o Bester der Zweimalgeborenen (Vok.)
daive pitrye ca kalpite
wenn Götter- und Ahnenopfer festgesetzt sind (Lok.abs.)
tvayā matimatāṃ śreṣṭha tan me śaṃsa yathāgamam; kim etat kriyate karma phalaṃ cāsya kim iṣyate
Sage mir dies, du Bester der Weisen, wie es der Überlieferung entspricht: Was ist diese Handlung, die vollzogen wird, und welche Frucht wird ihr zugeschrieben?“
Wort für Wort
tvayā
von dir (Instr.)
matimatāṃ śreṣṭha
o Bester der Weisen (Vok.)
tan me śaṃsa
sage mir das (2.Sg.Imp./Dat.)
yathāgamam
der Überlieferung entsprechend (Adv.)
kim etat kriyate karma
was ist diese Handlung, die vollzogen wird (3.Sg.Präs.Pass.)
Nārada sprach: „Du hast schon zuvor gesagt: ‚Das Götteropfer ist zu vollziehen‘; und die Gottheit [darin] ist das höchste Opfer, der ewige, höchste Geist selbst.
Wort für Wort
nārada uvāca
Nārada sprach (3.Sg.Perf.)
tvayā etat kathitaṃ pūrvam
von dir wurde dies zuvor gesagt (Instr./Nom.Part.Pass.)
mama vai pitaraṃ prītaḥ parameṣṭhy apy ajījanat; ahaṃ saṃkalpajas tasya putraḥ prathamakalpitaḥ
Meinen Vater hat Parameṣṭhin, erfreut, gezeugt; ich, der aus [seinem] Willen Geborene, bin dessen zuerst erschaffener Sohn.
Wort für Wort
mama pitaram
meinen Vater (Gen./Akk.)
prītaḥ
erfreut (Nom.Part.)
parameṣṭhī apy ajījanat
Parameṣṭhin zeugte (Nom./3.Sg.Perf.Kaus.)
ahaṃ saṃkalpajaḥ
ich, der Willens-Geborene (Nom.)
tasya putraḥ
sein/dessen Sohn (Gen./Nom.)
prathamakalpitaḥ
der zuerst Geschaffene (Nom.)
Der Sanskrittext stellt Parameṣṭhin hier als Erzeuger von Nāradas Vater dar, nicht unmittelbar als Nāradas eigenen Vater (vgl. v.1 „parameṣṭhijaḥ“); wörtliche Wiedergabe des Textes.
yajāmy ahaṃ pitṝn sādho nārāyaṇavidhau kṛte; evaṃ sa eva bhagavān pitā mātā pitāmahaḥ; ijyate pitṛyajñeṣu mayā nityaṃ jagatpatiḥ
Ich opfere den Ahnen, o Guter, wenn das Nārāyaṇa-Ritual vollzogen ist; so wird er selbst, der Erhabene – Vater, Mutter, Großvater –, von mir in den Ahnenopfern stets verehrt, der Herr der Welt.
Wort für Wort
yajāmy ahaṃ pitṝn
ich opfere den Ahnen (1.Sg.Präs./Akk.Pl.)
sādho
o Guter (Vok.)
nārāyaṇavidhau kṛte
wenn das Nārāyaṇa-Ritual vollzogen ist (Lok.abs.)
evaṃ sa eva bhagavān
so er selbst, der Erhabene (Adv./Nom.)
pitā mātā pitāmahaḥ
Vater, Mutter, Großvater (Nom.)
ijyate pitṛyajñeṣu
wird verehrt in den Ahnenopfern (3.Sg.Präs.Pass./Lok.Pl.)
mayā nityaṃ jagatpatiḥ
von mir, stets, der Herr der Welt (Instr./Adv./Nom.)
śrutiś cāpy aparā deva putrān hi pitaro 'yajan; vedaśrutiḥ praṇaṣṭā ca punar adhyāpitā sutaiḥ; tatas te mantradāḥ putrāḥ pitṛtvam upapedire
Und es gibt noch eine andere Überlieferung, o Erhabener: Die Väter verehrten [ihre] Söhne, denn die Veda-Überlieferung war verloren gegangen und wurde von den Söhnen erneut gelehrt; daher erlangten jene Söhne, die Geber der Mantras, den Rang von Vätern.
Wort für Wort
śrutiś cāpy aparā
und es gibt noch eine andere Überlieferung (Nom.)
deva
o Erhabener (Vok.)
putrān hi pitaro 'yajan
die Väter verehrten nämlich die Söhne (Akk.Pl./Nom.Pl./3.Pl.Impf.)
vedaśrutiḥ praṇaṣṭā ca
und die Veda-Überlieferung war verloren gegangen (Nom.Part.)
punar adhyāpitā sutaiḥ
wurde von den Söhnen wieder gelehrt (Adv./Nom.Part.Kaus.Pass./Instr.Pl.)
tatas te mantradāḥ putrāḥ
daher jene mantra-gebenden Söhne (Adv./Nom.Pl.)
pitṛtvam upapedire
erlangten den Rang von Vätern (Akk./3.Pl.Perf.Med.)
sthāpayitvā tu dharaṇīṃ sve sthāne puruṣottamaḥ; jalakardamaliptāṅgo lokakāryārtham udyataḥ
Nachdem Puruṣottama die Erde wieder an ihrem Ort aufgestellt hatte, mit vom Wasser und Schlamm bedeckten Gliedern, bereit, das Werk für die Welt zu vollbringen,
Wort für Wort
sthāpayitvā tu dharaṇīm
nachdem er die Erde aufgestellt hatte (Absolutiv/Akk.)
sve sthāne
an ihrem [angestammten] Ort (Lok.)
puruṣottamaḥ
der Höchste der Wesen [Viṣṇu] (Nom.)
jalakardamaliptāṅgaḥ
mit von Wasser und Schlamm bedeckten Gliedern (Nom., Kompositum)
prāpte cāhnikakāle sa madhyaṃdinagate ravau; daṃṣṭrāvilagnān mṛtpiṇḍān vidhūya sahasā prabhuḥ; sthāpayām āsa vai pṛthvyāṃ kuśān āstīrya nārada
und als die Zeit der Tagesriten gekommen war, als die Sonne den Mittag erreicht hatte, schüttelte der Herr plötzlich die an seinen Hauern haftenden Erdklumpen ab und legte sie, o Nārada, nieder, nachdem er Kuśagras auf der Erde ausgebreitet hatte.
Wort für Wort
prāpte ca āhnikakāle
und als die Zeit der Tagesriten gekommen war (Lok.abs.)
sa madhyaṃdinagate ravau
als die Sonne zur Mittagszeit gelangt war (Nom./Lok.abs.)
daṃṣṭrāvilagnān mṛtpiṇḍān
die an den Hauern haftenden Erdklumpen (Akk.Pl., Kompositum)
vidhūya sahasā prabhuḥ
plötzlich abschüttelnd, der Herr (Absolutiv/Adv./Nom.)
sthāpayām āsa vai pṛthvyām
legte wahrlich auf der Erde nieder (3.Sg.Perf.Periphr./Lok.)
kuśān āstīrya
nachdem er Kuśagras ausgebreitet hatte (Akk.Pl./Absolutiv)
Er vollzog dort, im Hinblick auf sich selbst, vorschriftsgemäß das Ahnenopfer, nachdem der Herr nach seiner eigenen Ordnung drei Opferkuchen bestimmt hatte.
Wort für Wort
sa teṣu ātmānam uddiśya
er, im Hinblick auf sich selbst darin (Nom./Lok.Pl./Akk./Absolutiv)
pitryaṃ cakre
vollzog das Ahnenopfer (Akk./3.Sg.Perf.)
yathāvidhi
vorschriftsgemäß (Adv.)
saṃkalpayitvā trīn piṇḍān
nachdem er drei Opferkuchen bestimmt hatte (Absolutiv/Akk.Pl.)
svena eva vidhinā prabhuḥ
nach seiner eigenen Ordnung, der Herr (Instr./Nom.)
Mit Sesamkörnern, die aus der Wärme seines eigenen Körpers entstanden und ölhaltig waren, besprengte der Herr der Götter [die Opferkuchen] und vollzog, nach Osten gewandt, selbst den Abschluss [des Ritus].
Wort für Wort
ātmagātroṣmasaṃbhūtaiḥ
die aus der Wärme des eigenen Körpers entstanden waren (Instr.Pl., Kompositum)
tasya cintayataḥ sadyaḥ pitṛkāryavidhiṃ param; daṃṣṭrābhyāṃ pravinirdhūtā mamaite dakṣiṇāṃ diśam; āśritā dharaṇīṃ piṇḍās tasmāt pitara eva te
Während er sogleich über die höchste Vorschrift des Ahnenrituals nachdachte, [wurden] diese, von meinen beiden Hauern abgeschüttelt, in Richtung Süden fallend, an der Erde haftend – Opferkuchen; daher sind sie eben die Ahnen.
Wort für Wort
tasya cintayataḥ sadyaḥ
während er sogleich nachdachte (Gen.Part./Adv.)
pitṛkāryavidhiṃ param
über die höchste Vorschrift des Ahnenrituals (Akk., Kompositum)
daṃṣṭrābhyāṃ pravinirdhūtā
von den beiden Hauern abgeschüttelt (Instr.Dual/Nom.Pl.Part.)
mamaite
diese meinen (Gen./Nom.Pl.)
dakṣiṇāṃ diśam āśritā
die südliche Richtung eingeschlagen habend (Akk./Nom.Pl.Part.)
Aus diesem Grund, du von reiner Gesinnung, erhalten die Ahnen, die den Namen ‚Piṇḍa‘ tragen, stets Verehrung, so wie es das Wort des Vṛṣākapi bestimmt hat.‘
Wort für Wort
etadarthaṃ śubhamate
aus diesem Grund, o du von reiner Gesinnung (Akk./Vok.)
ye yajanti pitṝn devān gurūṃś caivātithīṃs tathā; gāś caiva dvijamukhyāṃś ca pṛthivīṃ mātaraṃ tathā; karmaṇā manasā vācā viṣṇum eva yajanti te
Die, welche die Ahnen, die Götter, die Lehrer, ebenso die Gäste, die Kühe, die vornehmsten Brahmanen und die Erde, die Mutter, verehren, die verehren mit Tat, Gedanke und Wort in Wahrheit [niemand anderen als] Viṣṇu.
Wort für Wort
ye yajanti pitṝn devān
die, welche die Ahnen und Götter verehren (Nom.Pl./3.Pl.Präs./Akk.Pl.)
gurūṃś caivātithīṃs tathā
und die Lehrer und ebenso die Gäste (Akk.Pl.)
gāś caiva dvijamukhyāṃś ca
und die Kühe und die vornehmsten Brahmanen (Akk.Pl.)
pṛthivīṃ mātaraṃ tathā
und ebenso die Erde, die Mutter (Akk.)
karmaṇā manasā vācā
mit Tat, Gedanke und Wort (Instr.)
viṣṇum eva yajanti te
verehren eben Viṣṇu, sie (Akk./3.Pl.Präs./Nom.Pl.)
Er, der Erhabene, weilt in den Körpern aller Wesen, gleichmütig gegenüber allen Geschöpfen, der Herr über Glück und Leid – der Große, der Hochherzige, die Seele von allem, bekannt unter dem Namen Nārāyaṇa.“
Wort für Wort
antargataḥ sa bhagavān
er, der Erhabene, ist eingegangen (Nom.Part./Nom.)
sarvasattvaśarīragaḥ
in den Körpern aller Wesen weilend (Nom., Kompositum)
samaḥ sarveṣu bhūteṣu
gleich[mütig] gegenüber allen Wesen (Nom./Lok.Pl.)
īśvaraḥ sukhaduḥkhayoḥ
der Herr über Glück und Leid (Nom./Gen.Dual)
mahān mahātmā sarvātmā
der Große, der Hochherzige, die Seele von allem (Nom.)