Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 64: kṣatradharmaprāśastya Vorrang der Kriegerpflicht: Māndhātṛ und Indra über Viṣṇus Wirken

Bhīṣma erklärt, dass alle Pflichten in der Kriegerpflicht enthalten sind, und erzählt das Gespräch zwischen König Māndhātṛ und Indra (Viṣṇu in Indras Gestalt), der den Vorrang des Kṣatra-Dharma begründet.

bhīṣma uvāca; cāturāśramyadharmāś ca jātidharmāś ca pāṇḍava; lokapālottarāś caiva kṣātre dharme vyavasthitāḥ

Bhīṣma sprach: „Die Pflichten der vier Lebensstufen und die Pflichten der Geburtsstände, o Pāṇḍava, und auch die, die den Weltenhütern übergeordnet sind [?], sind alle in der Kriegerpflicht begründet.“

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Nom.; 3.Sg.Perf.)
cāturāśramyadharmāḥ ca
und die Pflichten der vier Lebensstufen (Nom.Pl.)
jātidharmāḥ ca pāṇḍava
und die Standespflichten, o Pāṇḍava (Nom.Pl./Vok.)
lokapālottarāḥ ca eva
und auch die den Weltenhütern übergeordneten [?] (Nom.Pl.)
kṣātre dharme vyavasthitāḥ
in der Kriegerpflicht begründet (Lok.; Part.Perf.Pass. Nom.Pl.)

lokapālottarāḥ unsicher: „den Weltenhütern übergeordnet“ oder „auf die Weltenhüter folgend“.

sarvāṇy etāni dharmāṇi kṣātre bharatasattama; nirāśiṣo jīvaloke kṣātre dharme vyavasthitāḥ

Alle diese Pflichten, bester der Bharata, sind in der Kriegerpflicht enthalten; in der Lebenswelt sind sie, frei von [eigennützigen] Wünschen, in der Kriegerpflicht begründet.

Wort für Wort
sarvāṇi etāni dharmāṇi
alle diese Pflichten (Nom.Pl.n.)
kṣātre bharatasattama
in der Kriegerpflicht, bester der Bharata (Lok./Vok.)
nirāśiṣaḥ jīvaloke
frei von Wünschen, in der Lebenswelt (Nom.Pl.; Lok.)
kṣātre dharme vyavasthitāḥ
in der Kriegerpflicht begründet (Lok.; Part. Nom.Pl.)

nirāśiṣaḥ: auch „ohne Hoffnung/Segenswunsch“ denkbar.

apratyakṣaṃ bahudvāraṃ dharmam āśramavāsinām; prarūpayanti tadbhāvam āgamair eva śāśvatam

Die nicht unmittelbar sichtbare, vieltürige Pflicht der Einsiedler-Lebensstufen legen sie ihrem Wesen nach als ewig dar, allein durch die überlieferten Lehrtexte.

Wort für Wort
apratyakṣam bahudvāram
nicht unmittelbar sichtbar, vieltürig (Akk.Sg.m.)
dharmam āśramavāsinām
die Pflicht der Einsiedeleibewohner (Akk.; Gen.Pl.)
prarūpayanti
sie legen dar (3.Pl.Präs.)
tadbhāvam
ihr Wesen/ihrer Natur nach (Akk./Adv.)
āgamaiḥ eva
allein durch die Überlieferungen (Instr.Pl.)
śāśvatam
als ewig (Akk.Sg.m.)

apare vacanaiḥ puṇyair vādino lokaniścayam; aniścayajñā dharmāṇām adṛṣṭānte pare ratāḥ

Andere, Disputanten, [bestimmen] mit heiligen Worten die Ordnung der Welt; unkundig der sicheren Bestimmung der Pflichten, hängen wieder andere an dem, dessen Ende nicht gesehen wird [?].

Wort für Wort
apare vacanaiḥ puṇyaiḥ
andere mit heiligen Worten (Nom.Pl.; Instr.Pl.)
vādinaḥ lokaniścayam
Disputanten, die Bestimmung der Welt (Nom.Pl.; Akk.)
aniścayajñāḥ dharmāṇām
unkundig der Gewissheit über die Pflichten (Nom.Pl.; Gen.Pl.)
adṛṣṭānte pare ratāḥ
am Unsichtbar-Endlichen [?] hängen andere (Lok.; Nom.Pl.; Part.)

adṛṣṭānte unsicher: „an dem, dessen Ende/Ergebnis nicht gesehen wird“; der Vers ist elliptisch.

pratyakṣasukhabhūyiṣṭham ātmasākṣikam acchalam; sarvalokahitaṃ dharmaṃ kṣatriyeṣu pratiṣṭhitam

Die Pflicht, die überwiegend aus sichtbarem Glück besteht, deren Zeuge das eigene Selbst ist, die ohne Trug ist und allen Welten zum Heil dient, ist in den Kṣatriyas fest gegründet.

Wort für Wort
pratyakṣasukhabhūyiṣṭham
überwiegend aus sichtbarem Glück bestehend (Akk.Sg.m.)
ātmasākṣikam
das Selbst zum Zeugen habend (Akk.)
acchalam
ohne Trug (Akk.)
sarvalokahitam dharmam
allen Welten heilsam, die Pflicht (Akk.)
kṣatriyeṣu pratiṣṭhitam
in den Kṣatriyas gegründet (Lok.Pl.; Part.)

dharmāśramavyavasināṃ brāhmaṇānāṃ yudhiṣṭhira; yathā trayāṇāṃ varṇānāṃ saṃkhyātopaśrutiḥ purā; rājadharmeṣv anupamā lokyā sucaritair iha

Für die Brāhmaṇas, die der Pflicht und den Lebensstufen ergeben sind, Yudhiṣṭhira, wie für die drei [anderen] Stände, ist einst die Überlieferung als aufgezählt [überliefert] [?]; unter den Königspflichten ist [diese] unvergleichlich, weltförderlich durch gute Taten hier.

Wort für Wort
dharmāśramavyavasinām brāhmaṇānām yudhiṣṭhira
den auf Pflicht und Lebensstufe bedachten Brāhmaṇas, Yudhiṣṭhira (Gen./Dat.Pl.; Vok.)
yathā trayāṇām varṇānām
wie [bei] den drei Ständen (Gen.Pl.)
saṃkhyātopaśrutiḥ purā
die aufgezählte Überlieferung, einst (Nom.Sg.f.; Adv.)
rājadharmeṣu anupamā
unter den Königspflichten unvergleichlich (Lok.Pl.; Nom.Sg.f.)
lokyā sucaritaiḥ iha
der Welt nützlich durch gute Taten hier (Nom.Sg.f.; Instr.Pl.; Adv.)

Stark elliptisch und syntaktisch unklar; Wiedergabe unsicher.

udāhṛtaṃ te rājendra yathā viṣṇuṃ mahaujasam; sarvabhūteśvaraṃ devaṃ prabhuṃ nārāyaṇaṃ purā; jagmuḥ subahavaḥ śūrā rājāno daṇḍanītaye

Es wurde dir schon berichtet, Herr der Könige, wie einst sehr viele Helden, Könige, zu Viṣṇu, dem machtvollen, dem Herrn aller Wesen, dem Gott, dem Gebieter Nārāyaṇa, gingen, [um] die Regierungskunst [zu erlernen].

Wort für Wort
udāhṛtam te rājendra
berichtet wurde dir, Herr der Könige (Part.Pass.; Dat./Gen.; Vok.)
yathā viṣṇum mahaujasam
wie zu Viṣṇu, dem Machtvollen (Akk.)
sarvabhūteśvaram devam
dem Herrn aller Wesen, dem Gott (Akk.)
prabhum nārāyaṇam purā
dem Gebieter Nārāyaṇa, einst (Akk.; Adv.)
jagmuḥ subahavaḥ śūrāḥ
gingen sehr viele Helden (3.Pl.Perf.; Nom.Pl.)
rājānaḥ daṇḍanītaye
Könige, für die Regierungskunst (Nom.Pl.; Dat.Sg.)

ekaikam ātmanaḥ karma tulayitvāśrame purā; rājānaḥ paryupātiṣṭhan dṛṣṭāntavacane sthitāḥ

Jeder einzelne, sein eigenes Wirken einst in der Einsiedelei abwägend, traten die Könige heran, im Wort des Beispiels stehend [?].

Wort für Wort
ekaikam ātmanaḥ karma
jeweils das eigene Wirken (Akk.; Gen.; Akk.)
tulayitvā āśrame purā
abwägend, in der Einsiedelei, einst (Abs.; Lok.)
rājānaḥ paryupātiṣṭhan
die Könige traten heran (Nom.Pl.; 3.Pl.Impf.)
dṛṣṭāntavacane sthitāḥ
im Beispielwort stehend [?] (Lok.; Part. Nom.Pl.)

dṛṣṭāntavacane sthitāḥ unsicher.

sādhyā devā vasavaś cāśvinau ca; rudrāś ca viśve marutāṃ gaṇāś ca; sṛṣṭāḥ purā ādidevena devā; kṣātre dharme vartayante ca siddhāḥ

Die Sādhyas, die Götter, die Vasus und die beiden Aśvins, die Rudras, die Viśvedevas und die Scharen der Maruts – [sie alle] wurden einst vom Urgott erschaffen; und die Götter und Siddhas wirken in der Kriegerpflicht.

Wort für Wort
sādhyāḥ devāḥ vasavaḥ ca aśvinau ca
Sādhyas, Götter, Vasus und die beiden Aśvins (Nom.)
rudrāḥ ca viśve marutām gaṇāḥ ca
Rudras, Viśvedevas und Scharen der Maruts (Nom.; Gen.Pl.)
sṛṣṭāḥ purā ādidevena
erschaffen einst vom Urgott (Part.Pass.; Instr.)
devāḥ
die Götter (Nom.Pl.)
kṣātre dharme vartayante ca siddhāḥ
und in der Kriegerpflicht wirken die Siddhas (Lok.; 3.Pl.Med.; Nom.Pl.)

atra te vartayiṣyāmi dharmam arthaviniścayam; nirmaryāde vartamāne dānavaikāyane kṛte; babhūva rājā rājendra māndhātā nāma vīryavān

Hierzu will ich dir die Pflicht darlegen, die Entscheidung über das Nützliche: Als im Kṛta-Zeitalter [alles] ohne Schranke verlief, im Dānava-Einzelgang [?], da war, Herr der Könige, ein König namens Māndhātṛ, ein Tapferer.

Wort für Wort
atra te vartayiṣyāmi
hierzu will ich dir darlegen (Adv.; Dat.; 1.Sg.Fut.Kaus.)
dharmam arthaviniścayam
die Pflicht, die Entscheidung über das Nützliche (Akk.)
nirmaryāde vartamāne
als [es] ohne Schranke verlief (Lok.abs.)
dānavaikāyane kṛte
im Dānava-Einzelgang [?], im Kṛta[-Zeitalter] (Lok.)
babhūva rājā rājendra
es war ein König, Herr der Könige (3.Sg.Perf.; Nom.; Vok.)
māndhātā nāma vīryavān
Māndhātṛ mit Namen, tapfer (Nom.)

dānavaikāyane unklar (Dānava + ekāyana); Deutung unsicher.

purā vasumatīpālo yajñaṃ cakre didṛkṣayā; anādimadhyanidhanaṃ devaṃ nārāyaṇaṃ prati

Einst vollzog der Erdenhüter ein Opfer aus dem Wunsch zu schauen, auf Nārāyaṇa hin, den Gott ohne Anfang, Mitte und Ende.

Wort für Wort
purā vasumatīpālaḥ
einst der Hüter der Erde (Adv.; Nom.)
yajñam cakre didṛkṣayā
vollzog ein Opfer aus Schauverlangen (Akk.; 3.Sg.Perf.Med.; Instr.)
anādimadhyanidhanam devam
den Gott ohne Anfang, Mitte, Ende (Akk.)
nārāyaṇam prati
auf Nārāyaṇa hin (Akk.; Postp.)

sa rājā rājaśārdūla māndhātā parameṣṭhinaḥ; jagrāha śirasā pādau yajñe viṣṇor mahātmanaḥ

Jener König, Tiger unter den Königen, Māndhātṛ, ergriff beim Opfer mit dem Haupt die Füße des Höchsten, des hochgesinnten Viṣṇu.

Wort für Wort
sa rājā rājaśārdūla
jener König, Tiger unter den Königen (Nom.; Vok.)
māndhātā parameṣṭhinaḥ
Māndhātṛ, des Höchsten (Nom.; Gen.)
jagrāha śirasā pādau
ergriff mit dem Haupt die beiden Füße (3.Sg.Perf.; Instr.; Akk.Du.)
yajñe viṣṇoḥ mahātmanaḥ
beim Opfer, des Viṣṇu, des Hochgesinnten (Lok.; Gen.)

darśayām āsa taṃ viṣṇū rūpam āsthāya vāsavam; sa pārthivair vṛtaḥ sadbhir arcayām āsa taṃ prabhum

Viṣṇu zeigte sich ihm, indem er die Gestalt Indras (Vāsava) annahm; und von guten Königen umgeben, verehrte er jenen Herrn.

Wort für Wort
darśayām āsa tam viṣṇuḥ
es zeigte sich ihm/ließ sich sehen: Viṣṇu (3.Sg.Perf.Kaus.; Akk.; Nom.)
rūpam āsthāya vāsavam
die Gestalt Vāsavas annehmend (Akk.; Abs.; Akk.)
sa pārthivaiḥ vṛtaḥ sadbhiḥ
er, von Königen umgeben, guten (Nom.; Instr.; Part.; Instr.)
arcayām āsa tam prabhum
verehrte jenen Herrn (3.Sg.Perf.; Akk.)

Der Satzbau ist knapp: darśayām āsa tam ist wörtlich „er ließ ihn [sich] sehen“.

tasya pārthivasaṃghasya tasya caiva mahātmanaḥ; saṃvādo 'yaṃ mahān āsīd viṣṇuṃ prati mahādyute

Zwischen jener Königsschar und jenem Hochgesinnten entstand dieses große Gespräch, das sich auf Viṣṇu bezog, o Hochglänzender.

Wort für Wort
tasya pārthivasaṃghasya
dieser Königsschar (Gen.)
tasya ca eva mahātmanaḥ
und eben jenes Hochgesinnten (Gen.)
saṃvādaḥ ayam mahān āsīt
dieses große Gespräch entstand (Nom.; 3.Sg.Impf.)
viṣṇum prati mahādyute
mit Bezug auf Viṣṇu, o Hochglänzender (Akk.; Vok.)

indra uvāca; kim iṣyate dharmabhṛtāṃ variṣṭha; yad draṣṭukāmo 'si tam aprameyam; anantamāyāmitasattvavīryaṃ; nārāyaṇaṃ hy ādidevaṃ purāṇam

Indra sprach: „Was wird gewünscht, Bester der Pflichttragenden, dass du jenen Unermesslichen zu sehen begehrst, den mit unendlicher Māyā und unermesslicher Wesenskraft und Stärke, Nārāyaṇa, den Urgott, den uralten?“

Wort für Wort
indraḥ uvāca
Indra sprach (Nom.; 3.Sg.Perf.)
kim iṣyate dharmabhṛtām variṣṭha
was wird gewünscht, Bester der Pflichttragenden (3.Sg.Pass.; Gen.Pl.; Vok.)
yat draṣṭukāmaḥ asi tam aprameyam
dass du ihn, den Unermesslichen, zu sehen begehrst (2.Sg.; Akk.)
anantamāyāmitasattvavīryam
mit unendlicher Māyā, unermesslicher Kraft und Stärke (Akk.)
nārāyaṇam hi ādidevam purāṇam
Nārāyaṇa, den Urgott, den uralten (Akk.)

nāsau devo viśvarūpo mayāpi; śakyo draṣṭuṃ brahmaṇā vāpi sākṣāt; ye 'nye kāmās tava rājan hṛdisthā; dāsyāmi tāṃs tvaṃ hi martyeṣu rājā

„Dieser Gott von allen Gestalten kann weder von mir noch von Brahmā selbst unmittelbar gesehen werden. Die anderen Wünsche aber, die dir im Herzen wohnen, König, will ich dir gewähren; denn du bist König unter den Sterblichen –

Wort für Wort
na asau devaḥ viśvarūpaḥ
nicht dieser Gott, der Allgestaltige (Nom.)
mayā api śakyaḥ draṣṭum
auch von mir kann [er] gesehen werden (Instr.; Nom.; Inf.)
brahmaṇā vā api sākṣāt
oder von Brahmā selbst unmittelbar (Instr.; Adv.)
ye anye kāmāḥ tava rājan hṛdisthāḥ
die anderen Wünsche, die dir, König, im Herzen sind (Nom.Pl.; Vok.)
dāsyāmi tān tvam hi martyeṣu rājā
ich werde sie gewähren; denn du bist König unter Sterblichen (1.Sg.Fut.; Akk.; Lok.)

satye sthito dharmaparo jitendriyaḥ; śūro dṛḍhaṃ prītirataḥ surāṇām; buddhyā bhaktyā cottamaśraddhayā ca; tatas te 'haṃ dadmi varaṃ yatheṣṭam

der du in der Wahrheit stehst, der Pflicht ergeben, die Sinne bezwungen, tapfer, fest, den Göttern in Liebe zugetan, durch Verstand, Hingabe und höchsten Glauben; darum gebe ich dir eine Gabe nach Wunsch.“

Wort für Wort
satye sthitaḥ dharmaparaḥ jitendriyaḥ
in der Wahrheit stehend, der Pflicht ergeben, die Sinne bezwungen (Nom.)
śūraḥ dṛḍham prītirataḥ surāṇām
tapfer, fest, in Liebe den Göttern zugetan (Nom.; Adv.; Gen.Pl.)
buddhyā bhaktyā ca uttamaśraddhayā ca
durch Verstand, Hingabe und höchsten Glauben (Instr.)
tataḥ te aham dadmi varam yatheṣṭam
darum gebe ich dir eine Gabe nach Wunsch (1.Sg.Präs.; Akk.)

māndhātovāca; asaṃśayaṃ bhagavann ādidevaṃ; drakṣyāmy ahaṃ śirasāhaṃ prasādya; tyaktvā bhogān dharmakāmo hy araṇyam; icche gantuṃ satpathaṃ lokajuṣṭam

Māndhātṛ sprach: „Ohne Zweifel, Erhabener, werde ich den Urgott sehen, indem ich ihn mit [gesenktem] Haupt besänftige; die Genüsse aufgebend, wünsche ich, pflichtbegierig, in den Wald zu gehen, auf den guten, von der Welt geübten Pfad.“

Wort für Wort
māndhātā uvāca
Māndhātṛ sprach (Nom.; 3.Sg.Perf.)
asaṃśayam bhagavan ādidevam
ohne Zweifel, Erhabener, den Urgott (Adv.; Vok.; Akk.)
drakṣyāmi aham śirasā aham prasādya
ich werde sehen, mit dem Haupt ihn besänftigend (1.Sg.Fut.; Instr.; Abs.)
tyaktvā bhogān dharmakāmaḥ hi araṇyam
Genüsse aufgebend, pflichtbegierig, in den Wald (Abs.; Akk.Pl.; Nom.; Akk.)
icche gantum satpatham lokajuṣṭam
ich wünsche zu gehen [auf] den guten, von der Welt geübten Pfad (1.Sg.Med.; Inf.; Akk.)

aham in śirasāhaṃ ist schwer zu fassen; wohl „ihn“ (ahaṃ = Sandhi-Rest); Wiedergabe sinngemäß.

kṣātrād dharmād vipulād aprameyāl; lokāḥ prāptāḥ sthāpitaṃ svaṃ yaśaś ca; dharmo yo 'sāv ādidevāt pravṛtto; lokajyeṣṭhas taṃ na jānāmi kartum

„Aus der weiten, unermesslichen Kriegerpflicht wurden Welten erlangt und der eigene Ruhm gefestigt; jene Pflicht aber, die vom Urgott ausging und die vornehmste der Welt ist, weiß ich nicht auszuüben.“

Wort für Wort
kṣātrāt dharmāt vipulāt aprameyāt
aus der Kriegerpflicht, der weiten, unermesslichen (Abl.)
lokāḥ prāptāḥ
Welten wurden erlangt (Nom.Pl.; Part.Pass.)
sthāpitam svam yaśaḥ ca
und der eigene Ruhm ist gefestigt (Part.Kaus.; Nom./Akk.)
dharmaḥ yaḥ asau ādidevāt pravṛttaḥ
die Pflicht, die vom Urgott ausging (Nom.; Abl.; Part.)
lokajyeṣṭhaḥ tam na jānāmi kartum
die vornehmste der Welt: sie weiß ich nicht zu üben (Nom.; Akk.; 1.Sg.; Inf.)

indra uvāca; asainiko 'dharmaparaś carethāḥ; parāṃ gatiṃ lapsyase cāpramattaḥ; kṣātro dharmo hy ādidevāt pravṛttaḥ; paścād anye śeṣabhūtāś ca dharmāḥ

Indra sprach: „Ohne Heer, der Nicht-Pflicht ergeben [?], sollst du umherziehen; und wenn du unbeirrt bist, wirst du das höchste Ziel erlangen. Denn die Kriegerpflicht ging vom Urgott aus; danach [kamen] die anderen Pflichten als das, was davon übrig geblieben ist.“

Wort für Wort
indraḥ uvāca
Indra sprach
asainikaḥ adharmaparaḥ caretāḥ
ohne Heer, der Nicht-Pflicht ergeben [?], sollst du wandeln (Nom.; 2.Sg.Opt.)
parām gatim lapsyase ca apramattaḥ
das höchste Ziel wirst du erlangen, und unbeirrt (Akk.; 2.Sg.Fut.Med.; Nom.)
kṣātraḥ dharmaḥ hi ādidevāt pravṛttaḥ
denn die Kriegerpflicht ging vom Urgott aus (Nom.; Abl.; Part.)
paścāt anye śeṣabhūtāḥ ca dharmāḥ
danach die anderen Pflichten als Rest-Gewordene (Adv.; Nom.Pl.)

asainiko 'dharmaparaḥ ist unklar; möglicherweise verderbt (a-dharma nach dem Kontext auffällig).

śeṣāḥ sṛṣṭā hy antavanto hy anantāḥ; suprasthānāḥ kṣatradharmāviśiṣṭāḥ; asmin dharme sarvadharmāḥ praviṣṭās; tasmād dharmaṃ śreṣṭham imaṃ vadanti

„Die übrigen wurden erschaffen, endlich [und doch] zahllos; gut gegründet, doch der Kriegerpflicht nicht überlegen [?]. In diese Pflicht sind alle Pflichten eingegangen; darum nennt man diese Pflicht die höchste.“

Wort für Wort
śeṣāḥ sṛṣṭāḥ hi antavantaḥ hi anantāḥ
die übrigen sind erschaffen, endlich und doch unendlich [viele] (Nom.Pl.)
suprasthānāḥ
gut gegründet (Nom.Pl.)
kṣatradharmāviśiṣṭāḥ
der Kriegerpflicht nicht überlegen [?] (Nom.Pl.)
asmin dharme sarvadharmāḥ praviṣṭāḥ
in dieser Pflicht sind alle Pflichten eingegangen (Lok.; Nom.Pl.; Part.)
tasmāt dharmam śreṣṭham imam vadanti
darum nennt man diese Pflicht die höchste (Abl.; Akk.; 3.Pl.)

kṣatradharmāviśiṣṭāḥ unsicher: „nicht verschieden von“ oder „nicht hervorragender als“ die Kriegerpflicht.

karmaṇā vai purā devā ṛṣayaś cāmitaujasaḥ; trātāḥ sarve pramathyārīn kṣatradharmeṇa viṣṇunā

Durch das [Kriegs]werk wurden einst die Götter und die Ṛṣis von unermesslicher Kraft alle gerettet, nachdem die Feinde zermalmt waren, durch die Kriegerpflicht, durch Viṣṇu.

Wort für Wort
karmaṇā vai purā
durch das Werk, fürwahr, einst (Instr.)
devāḥ ṛṣayaḥ ca amitaujasaḥ
die Götter und die Ṛṣis von unermesslicher Kraft (Nom.Pl.)
trātāḥ sarve
gerettet, alle (Part.Pass. Nom.Pl.)
pramathya arīn
die Feinde zermalmt habend (Abs.; Akk.Pl.)
kṣatradharmeṇa viṣṇunā
durch die Kriegerpflicht, durch Viṣṇu (Instr.)

yadi hy asau bhagavān nāhaniṣyad; ripūn sarvān vasumān aprameyaḥ; na brāhmaṇā na ca lokādikartā; na saddharmā nādidharmā bhaveyuḥ

„Wenn jener Erhabene, der Reiche, Unermessliche, nicht alle Feinde erschlagen hätte, so gäbe es weder Brāhmaṇas noch einen Schöpfer am Anfang der Welten, weder gute Pflichten noch Ur-Pflichten.“

Wort für Wort
yadi hi asau bhagavān na ahaniṣyat
wenn jener Erhabene nicht erschlagen hätte (Kondit.)
ripūn sarvān vasumān aprameyaḥ
alle Feinde, der Reiche, Unermessliche (Akk.Pl.; Nom.)
na brāhmaṇāḥ na ca lokādikartā
weder Brāhmaṇas noch der Urschöpfer der Welten (Nom.)
na saddharmāḥ na ādidharmāḥ
weder gute Pflichten noch Ur-Pflichten (Nom.Pl.)
bhaveyuḥ
es gäbe [sie] (3.Pl.Opt.)

imām urvīṃ na jayed vikrameṇa; devaśreṣṭho 'sau purā ced ameyaḥ; cāturvarṇyaṃ cāturāśramyadharmāḥ; sarve na syur brahmaṇo vai vināśāt

„Wenn jener Beste der Götter, der Unermessliche, einst diese Erde nicht durch Tapferkeit erobert hätte, so gäbe es alle die Ordnung der vier Stände und die Pflichten der vier Lebensstufen nicht, wegen des Untergangs des Brahman [?].“

Wort für Wort
imām urvīm na jayet vikrameṇa
diese Erde würde er nicht erobern durch Tapferkeit (Akk.; 3.Sg.Opt.; Instr.)
devaśreṣṭhaḥ asau purā ced ameyaḥ
jener Beste der Götter, wenn einst der Unermessliche (Nom.)
cāturvarṇyam cāturāśramyadharmāḥ
Vierständeordnung und die Pflichten der vier Lebensstufen (Nom.)
sarve na syuḥ
alle gäbe es nicht (3.Pl.Opt.)
brahmaṇaḥ vai vināśāt
wegen des Untergangs des Brahman [?] (Gen.; Abl.)

Konditionalsatz stark verkürzt; brahmaṇaḥ (Veda/Brahmā/Brahman) unsicher.

dṛṣṭā dharmāḥ śatadhā śāśvatena; kṣātreṇa dharmeṇa punaḥ pravṛttāḥ; yuge yuge hy ādidharmāḥ pravṛttā; lokajyeṣṭhaṃ kṣatradharmaṃ vadanti

„Die Pflichten wurden hundertfach gesehen, durch die ewige Kriegerpflicht wieder hervorgebracht; Zeitalter um Zeitalter sind die Ur-Pflichten hervorgetreten; die Kriegerpflicht nennt man die vornehmste der Welt.“

Wort für Wort
dṛṣṭāḥ dharmāḥ śatadhā
gesehen wurden die Pflichten hundertfach (Part.Pass.; Nom.Pl.; Adv.)
śāśvatena kṣātreṇa dharmeṇa
durch die ewige Kriegerpflicht (Instr.)
punaḥ pravṛttāḥ
wieder hervorgegangen (Adv.; Part.)
yuge yuge hi ādidharmāḥ pravṛttāḥ
in jedem Zeitalter sind die Ur-Pflichten hervorgetreten (Lok.; Nom.Pl.)
lokajyeṣṭham kṣatradharmam vadanti
die Kriegerpflicht nennt man die vornehmste der Welt (Akk.; 3.Pl.)

ātmatyāgaḥ sarvabhūtānukampā; lokajñānaṃ mokṣaṇaṃ pālanaṃ ca; viṣaṇṇānāṃ mokṣaṇaṃ pīḍitānāṃ; kṣātre dharme vidyate pārthivānām

„Selbsthingabe, Mitgefühl mit allen Wesen, Weltkenntnis, Befreien und Schützen, das Befreien der Niedergeschlagenen und Bedrängten – das findet sich in der Kriegerpflicht der Könige.“

Wort für Wort
ātmatyāgaḥ sarvabhūtānukampā
Selbsthingabe, Mitleid mit allen Wesen (Nom.)
lokajñānam mokṣaṇam pālanam ca
Weltkenntnis, Befreien und Schützen (Nom.)
viṣaṇṇānām mokṣaṇam pīḍitānām
das Befreien der Niedergeschlagenen, der Bedrängten (Gen.Pl.)
kṣātre dharme vidyate pārthivānām
in der Kriegerpflicht findet sich, der Könige (Lok.; 3.Sg.Pass.; Gen.Pl.)

nirmaryādāḥ kāmamanyupravṛttā; bhītā rājño nādhigacchanti pāpam; śiṣṭāś cānye sarvadharmopapannāḥ; sādhvācārāḥ sādhu dharmaṃ caranti

„Manche sind ohne Schranken, von Begierde und Zorn getrieben; aus Furcht vor dem König begehen sie kein Unrecht. Andere aber, Gebildete, mit allen Tugenden ausgestattet, von gutem Wandel, üben die Pflicht recht aus.“

Wort für Wort
nirmaryādāḥ kāmamanyupravṛttāḥ
ohne Schranken, von Begierde und Zorn getrieben (Nom.Pl.)
bhītāḥ rājñaḥ na adhigacchanti pāpam
aus Furcht vor dem König erlangen [sie] kein Unrecht (Part.; Abl./Gen.; 3.Pl.; Akk.)
śiṣṭāḥ ca anye sarvadharmopapannāḥ
und andere, Gebildete, mit allen Tugenden versehen (Nom.Pl.)
sādhvācārāḥ sādhu dharmam caranti
von gutem Wandel, üben recht die Pflicht (Nom.Pl.; Adv.; Akk.; 3.Pl.)

Bezug im ersten Halbvers ist verkürzt; nirmaryādāḥ könnte auch auf die Furcht der Getriebenen bezogen sein.

putravat paripālyāni liṅgadharmeṇa pārthivaiḥ; loke bhūtāni sarvāṇi vicaranti na saṃśayaḥ

Wie Söhne müssen alle Wesen von den Königen behütet werden, gemäß der Pflicht des [Herrscher]zeichens [?]; ohne Zweifel bewegen sich alle Wesen in der Welt [unter diesem Schutz].

Wort für Wort
putravat paripālyāni
wie Söhne zu behüten (Adv.; Gerundiv Nom.Pl.n.)
liṅgadharmeṇa pārthivaiḥ
nach der Zeichenpflicht [?], von den Königen (Instr.; Instr.Pl.)
loke bhūtāni sarvāṇi
in der Welt alle Wesen (Lok.; Nom.Pl.)
vicaranti na saṃśayaḥ
bewegen sich umher, kein Zweifel (3.Pl.; Nom.)

liṅgadharma unsicher: Pflicht gemäß dem Status/Abzeichen (des Königs).

sarvadharmaparaṃ kṣatraṃ lokajyeṣṭhaṃ sanātanam; śaśvad akṣaraparyantam akṣaraṃ sarvatomukham

Das Kriegertum ist die höchste aller Pflichten, das Vornehmste der Welt, ewig; stets bis zum Unvergänglichen reichend, unvergänglich, nach allen Seiten gewandt.

Wort für Wort
sarvadharmaparam kṣatram
das höchste aller Pflichten, das Kriegertum (Nom.Sg.n.)
lokajyeṣṭham sanātanam
das Vornehmste der Welt, ewig (Nom.)
śaśvat akṣaraparyantam
stets bis zum Unvergänglichen reichend [?] (Adv.; Nom.)
akṣaram sarvatomukham
unvergänglich, nach allen Seiten gewandt (Nom.)

akṣaraparyantam unsicher.

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