Kapitel 343: nāgapadmaparicayaḥ
Der Gast beginnt seine Lehre: der weise Nāga Padma bei Nāgāhvaya
Der in den vorigen Kapiteln aufgenommene Gast - selbst ein Brahmane, der von Dharma und Erlösung ratlos war - beginnt nun, wie von seinem eigenen Lehrer empfangen, seine Unterweisung: Er berichtet von der Stadt Nāgāhvaya am Ufer der Gomatī im Naimiṣa-Wald und stellt den dort ansässigen großen Nāga vor - Cakṣuḥśravas, auch Padmanābha oder schlicht Padma genannt -, der über alle Tugenden verfügt und nach dem höchsten Dharma befragt werden soll.
atithir uvāca; upadeśaṃ tu te vipra kariṣye 'haṃ yathāgamam; guruṇā me yathākhyātam arthatas tac ca me śṛṇu
Der Gast sprach: „Ich werde dir, o Brahmane, die Unterweisung gemäß der Überlieferung geben; höre mir nun das zu, was mir von meinem Lehrer sinngemäß mitgeteilt wurde.“
Wort für Wort
atithir uvāca
der Gast sprach (Nom./3.Sg.Perf.)
upadeśaṃ tu te vipra
die Unterweisung aber dir, o Brahmane (Akk./Dat./Vok.)
kariṣye 'ham yathāgamam
werde ich geben, der Überlieferung gemäß (1.Sg.Fut.Med./Adv.)
guruṇā me yathākhyātam
von meinem Lehrer mir mitgeteilt (Instr./Dat./PPP Akk.)
arthatas tac ca me śṛṇu
dem Sinn nach, und höre mir das zu (Adv./Akk./2.Sg.Imp.)
'Atithi' ('Gast') bezeichnet hier keinen Eigennamen, sondern den in den vorigen Kapiteln eingeführten brahmanischen Gast, der nun zu antworten beginnt.
„So auch [diese Lehre], wie sie ebenso vom Lehrer mitgeteilt wurde, dem Sinn nach entsprechend.“
Wort für Wort
tathā etām eva
so eben diese (Adv./Akk.Fem.Sg./Partikel)
guruṇā yathākhyātam
vom Lehrer, wie mitgeteilt (Instr./PPP Akk.)
gatārthataḥ
dem Sinn nach entsprechend (Adv.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Sehr kurzer Zusatzvers, nur als Einzel-Pāda überliefert; das Bezugswort von 'etām' (fem.) wird im Text nicht genannt und ist daher als [diese Lehre] ergänzt.
yatra pūrvābhisargeṇa dharmacakraṃ pravartitam; naimiṣe gomatītīre tatra nāgāhvayaṃ puram
„Wo durch die urzeitliche Schöpfung das Rad des Dharma in Gang gesetzt wurde, dort, in Naimiṣa am Ufer der Gomatī, liegt die Stadt, die Nāgāhvaya heißt.“
Wort für Wort
yatra pūrvābhisargeṇa
wo durch die urzeitliche Schöpfung (Adv./Instr.)
dharmacakraṃ pravartitam
das Rad des Dharma in Gang gesetzt wurde (Nom./PPP)
samagrais tridaśais tatra iṣṭam āsīd dvijarṣabha; yatrendrātikramaṃ cakre māndhātā rājasattamaḥ
„Dort wurde von allen Göttern zusammen geopfert, o Bester der Zweifachgeborenen; dort beging Māndhātā, der beste der Könige, eine Überschreitung gegen Indra.“
Wort für Wort
samagrais tridaśais tatra
von allen Göttern zusammen, dort (Instr.Pl./Adv.)
iṣṭam āsīt
wurde geopfert (Nom.n.PPP/3.Sg.Impf.)
dvijarṣabha
o Bester der Zweifachgeborenen (Vok.)
yatra indra-atikramaṃ
wo die Überschreitung gegen Indra (Adv./Akk.)
cakre
er vollzog (3.Sg.Perf.Med.)
māndhātā rājasattamaḥ
Māndhātā, der beste der Könige (Nom.)
'yatrendrātikramaṃ cakre' spielt wohl auf die Erzählung an, in der König Māndhātā sich Indra gegenüber überhob oder dessen Vorrang für sich beanspruchte; Einzelheiten werden hier nicht ausgeführt.
kṛtādhivāso dharmātmā tatra cakṣuḥśravā mahān; padmanābho mahābhāgaḥ padma ity eva viśrutaḥ
„Dort hatte sich, im Dharma gegründet, der große Cakṣuḥśravas niedergelassen – Padmanābha, der Hochgesegnete, der nur unter dem Namen Padma bekannt ist.“
Wort für Wort
kṛtādhivāsaḥ
der seine Wohnstätte genommen hatte (Nom. Bahuvrīhi)
dharmātmā tatra
von gerechter Seele, dort (Nom./Adv.)
cakṣuḥśravā mahān
der große Cakṣuḥśravas (Nom.)
padmanābho mahābhāgaḥ
Padmanābha, der Hochgesegnete (Nom.)
padma ity eva viśrutaḥ
nur unter dem Namen Padma bekannt (Nom./PPP)
Cakṣuḥśravas, Padmanābha und Padma bezeichnen ein und dasselbe Wesen - einen großen Nāga - unter verschiedenen Namen.
„Durch Besänftigung, durch Gabe, durch Entzweiung und durch Strafe – auf diese vierfache Weise beschützt er mit dem Auge der Meditation sein eigenes Volk, wenn es in Bedrängnis ist.“
Wort für Wort
sāmnā dānena
durch Besänftigung, durch Gabe (Instr./Instr.)
bhedena daṇḍena iti caturvidham
durch Entzweiung, durch Strafe - so vierfach (Instr./Instr./Adv.)
viṣamasthaṃ janaṃ svaṃ ca
sein eigenes, in Bedrängnis befindliches Volk (Akk.)
cakṣurdhyānena rakṣati
beschützt er mit dem Auge der Meditation (Instr./3.Sg.Präs.)
sa hi sarvātithir nāgo buddhiśāstraviśāradaḥ; guṇair anavamair yuktaḥ samastair ābhikāmikaiḥ
„Denn er, der Nāga, der für alle ein Gastgeber ist, ist kundig in den Wissenschaften der Weisheit, ausgestattet mit unübertrefflichen, mit sämtlichen erwünschten Eigenschaften.“
Wort für Wort
sa hi sarvātithir nāgaḥ
denn er, der Nāga, der für alle ein Gastgeber ist (Nom. Bahuvrīhi)
buddhiśāstraviśāradaḥ
kundig in den Wissenschaften der Weisheit (Nom.)
guṇair anavamair yuktaḥ
ausgestattet mit unübertrefflichen Eigenschaften (Instr.Pl./Nom.PPP)
samastair ābhikāmikaiḥ
mit sämtlichen erwünschten [Eigenschaften] (Instr.Pl.)
prakṛtyā nityasalilo nityam adhyayane rataḥ; tapodamābhyāṃ saṃyukto vṛttenānavareṇa ca
„Von Natur aus beständig im Wasser lebend, stets dem Studium ergeben, mit Askese und Selbstbeherrschung ausgestattet und von untadeligem Lebenswandel.“
Wort für Wort
prakṛtyā nityasalilaḥ
von Natur aus beständig im Wasser [lebend] (Instr./Nom.)
nityam adhyayane rataḥ
stets dem Studium hingegeben (Adv./Lok./Nom.PPP)
tapodamābhyāṃ saṃyuktaḥ
mit Askese und Selbstbeherrschung verbunden (Instr.Dual/Nom.PPP)
yajvā dānaruciḥ kṣānto vṛtte ca parame sthitaḥ; satyavāg anasūyuś ca śīlavān abhisaṃśritaḥ
„Ein Opferer, an Freigebigkeit Gefallen findend, geduldig und im höchsten Wandel verharrend, wahrredend und ohne Missgunst, von gutem Charakter, [dem Guten] zugewandt[?].“
Wort für Wort
yajvā dānaruciḥ
ein Opferer, an Freigebigkeit Gefallen findend (Nom./Nom.)
kṣāntaḥ vṛtte ca parame sthitaḥ
geduldig und im höchsten Wandel verharrend (Nom./Lok./Nom.PPP)
satyavāg anasūyuś ca
wahrredend und ohne Missgunst (Nom./Nom.)
śīlavān abhisaṃśritaḥ
von gutem Charakter, zugewandt (Nom./Nom.PPP)
'abhisaṃśritaḥ' steht ohne genanntes Bezugsobjekt; hier sinngemäß als 'dem Guten zugewandt' wiedergegeben, daher als unsicher markiert.
„Er isst die übriggebliebene Speise, ist den Worten [anderer] zugetan, kundig in dem, was heilsam, aufrichtig, vortrefflich, zu tun und zu unterlassen ist; er übt keine Feindschaft, ist dem Wohl der Geschöpfe verpflichtet, rein wie das Wasser eines Gaṅgā-Teichs, und von edler Abstammung.“
Wort für Wort
śeṣānnabhoktā
der die übriggebliebene Speise isst (Nom.)
vacanānukūlaḥ
den Worten [anderer] zugetan (Nom.)
hitārjavotkṛṣṭakṛtākṛtajñaḥ
kundig in dem Heilsamen, Aufrichtigen, Vortrefflichen sowie im zu Tuenden und Unterlassenden (Nom. Bahuvrīhi)
avairakṛt
keine Feindschaft übend (Nom.)
bhūtahite niyuktaḥ
dem Wohl der Geschöpfe verpflichtet (Lok./Nom.PPP)
gaṅgāhradāmbhaḥ
dessen Wasser das eines Gaṅgā-Teichs ist (Nom. Bahuvrīhi)
abhijanopapannaḥ
von edler Abstammung versehen (Nom.PPP)
Das Kompositum 'hitārjavotkṛṣṭakṛtākṛtajñaḥ' fasst mehrere Eigenschaften (kundig in dem Heilsamen, der Aufrichtigkeit, dem Vortrefflichen sowie in dem, was zu tun und zu unterlassen ist) in einem Bahuvrīhi zusammen; die genaue Aufteilung der Glieder ist nicht in jedem Detail zwingend. 'gaṅgāhradāmbhaḥ' ('dessen Wasser das eines Gaṅgā-Teichs ist') wird hier bildlich auf die Reinheit des Nāga bezogen.