Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 134: kośasaṃgraha-dharmaḥ Wie der König seine Schatzkammer füllt und was dabei Recht ist

Bhīṣma zitiert alte Strophen über die Beschaffung des Staatsschatzes: Besitz der Opferlosen darf genommen werden, der der Opfernden nicht.

bhīṣma uvāca; atra gāthā brahmagītāḥ kīrtayanti purāvidaḥ; yena mārgeṇa rājānaḥ kośaṃ saṃjanayanti ca

Bhīṣma sprach: Hierzu singen die Kundigen der alten Zeit Brahmā-Lieder (Strophen), [darüber,] auf welchem Weg die Könige eine Schatzkammer schaffen.

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (3.Sg.Perf.)
atra gāthāḥ brahmagītāḥ
hierzu Strophen, von Brahmā gesungen (Nom.Pl.f.)
kīrtayanti purāvidaḥ
sie besingen/verkünden die Kenner der Vorzeit (3.Pl.Präs./Nom.Pl.)
yena mārgeṇa
auf welchem Weg (Instr.Sg.)
rājānaḥ kośaṃ saṃjanayanti ca
die Könige eine Schatzkammer hervorbringen (Nom.Pl./Akk.Sg./3.Pl.Kaus.)

na dhanaṃ yajñaśīlānāṃ hāryaṃ devasvam eva tat; dasyūnāṃ niṣkriyāṇāṃ ca kṣatriyo hartum arhati

Der Besitz derer, die dem Opfer ergeben sind, darf nicht weggenommen werden; das ist Gottesgut. Den Räubern und den Untätigen [die keine Riten vollziehen] darf der Kṣatriya [ihn] wegnehmen.

Wort für Wort
na dhanaṃ yajñaśīlānāṃ
nicht der Besitz der dem Opfer Ergebenen (Nom./Gen.Pl.)
hāryaṃ devasvam eva tat
ist wegzunehmen; Götter-Eigentum fürwahr dieser (Gerundiv/Nom.Sg.n.)
dasyūnāṃ niṣkriyāṇāṃ ca
der Räuber und der Riten-Losen (Gen.Pl.)
kṣatriyo hartum arhati
der Kṣatriya darf wegnehmen (Nom.Sg./Inf./3.Sg.Präs.)

imāḥ prajāḥ kṣatriyāṇāṃ rakṣyāś cādyāś ca bhārata; dhanaṃ hi kṣatriyasyeha dvitīyasya na vidyate

Diese Geschöpfe sind von den Kṣatriyas zu beschützen und [auch] von ihnen zu nutzen, Bhārata; denn für den Kṣatriya gibt es hier in der Welt keinen zweiten Besitz [außer ihnen].

Wort für Wort
imāḥ prajāḥ
diese Geschöpfe/Untertanen (Nom.Pl.f.)
kṣatriyāṇāṃ rakṣyāḥ ca ādyāḥ ca
von den Kṣatriyas zu beschützen und zu nutzen (Gen.Pl./Gerundiv Nom.Pl.)
bhārata
Bhārata (Vok.Sg.)
dhanaṃ hi kṣatriyasya iha
denn Besitz für den Kṣatriya hier (Nom./Gen.Sg./Adv.)
dvitīyasya na vidyate
eines zweiten [Besitzes] gibt es nicht (Gen.Sg./3.Sg.Pass.)

„von ihnen zu nutzen“: ādya = zu verzehren/nutzen; Sinn: der Kṣatriya lebt von den Untertanen.

tad asya syād balārthaṃ vā dhanaṃ yajñārtham eva vā; abhogyā hy oṣadhīś chittvā bhogyā eva pacanty uta

Dieser Besitz soll ihm zur Stärkung des Heeres oder eben zum Opfer dienen; denn man schneidet die ungenießbaren Kräuter ab und kocht [nur] die genießbaren.

Wort für Wort
tad asya syāt
dieser (Besitz) soll ihm sein (Nom.Sg.n./Gen./3.Sg.Opt.)
balārthaṃ vā
zur Stärke (Kraft/Heer) oder (Adj.Nom.Sg.n.)
dhanaṃ yajñārtham eva vā
Besitz zum Opfer eben oder (Nom.Sg.n.)
abhogyāḥ hi oṣadhīḥ chittvā
denn ungenießbare Kräuter abgeschnitten habend (Akk.Pl.f./Abs.)
bhogyāḥ eva pacanti uta
nur genießbare kochen sie fürwahr (Akk.Pl./3.Pl.Präs.)

Bild: Wie man ungenießbare Pflanzen entfernt, um Genießbares zu kochen, so [entfernt der König Ungeeignetes]; Deutung der zweiten Hälfte unsicher.

yo vai na devān na pitṝn na martyān haviṣārcati; ānantikāṃ tāṃ dhanitām āhur vedavido janāḥ

Wer weder Götter noch Ahnen noch Sterbliche mit Opfergabe ehrt, dessen Besitzstand nennen die Veda-Kundigen „ānantika“ [endlos/dem Verderben verfallen [?]].

Wort für Wort
yo vai na devān na pitṝn na martyān
wer fürwahr weder Götter noch Ahnen noch Sterbliche (Nom.Sg./Akk.Pl.)
haviṣā arcati
mit Opfergabe ehrt (Instr.Sg./3.Sg.Präs.)
ānantikāṃ tāṃ dhanitām
„ānantika“ diesen Besitzstand (Akk.Sg.f.)
āhur vedavido janāḥ
nennen die Veda-Kundigen, die Leute (3.Pl.Perf./Nom.Pl.)

ānantikā unsicher: „unendlich/endlos“ oder „auf das Ende zielend (Verderben)“.

haret tad draviṇaṃ rājan dhārmikaḥ pṛthivīpatiḥ; na hi tat prīṇayel lokān na kośaṃ tadvidhaṃ nṛpaḥ

Diesen Reichtum, König, möge der pflichtgetreue Herr der Erde nehmen; denn er würde damit weder die Welten [Menschen] erfreuen, noch [nützte] eine derartige Schatzkammer dem König [?].

Wort für Wort
haret tad draviṇaṃ rājan
er möge nehmen diesen Reichtum, König (3.Sg.Opt./Akk./Vok.)
dhārmikaḥ pṛthivīpatiḥ
der gerechte Herr der Erde (Nom.Sg.)
na hi tat prīṇayet lokān
denn nicht würde dies die Welten erfreuen (3.Sg.Opt.Kaus./Akk.Pl.)
na kośaṃ tadvidhaṃ nṛpaḥ
nicht [erfreuen/füllen] eine solche Schatzkammer, der König (Akk.Sg./Nom.Sg.) [?]

Zweite Hälfte syntaktisch unsicher (tadvidhaṃ auf kośaṃ oder dravinaṃ bezogen).

asādhubhyo nirādāya sādhubhyo yaḥ prayacchati; ātmānaṃ saṃkramaṃ kṛtvā manye dharmavid eva saḥ

Wer den Schlechten [ihr Gut] wegnimmt und es den Guten gibt und sich selbst zur Brücke macht, den halte ich fürwahr für einen, der das Recht kennt.

Wort für Wort
asādhubhyaḥ nirādāya
von den Schlechten genommen habend (Abl.Pl./Abs.)
sādhubhyaḥ yaḥ prayacchati
den Guten wer gibt (Dat.Pl./3.Sg.Präs.)
ātmānaṃ saṃkramaṃ kṛtvā
sich selbst zur Brücke gemacht habend (Akk.Sg./Abs.)
manye dharmavid eva saḥ
ich halte für einen Recht-Kenner eben ihn (1.Sg.Präs./Nom.Sg.)

tathā tathā jayel lokāñ śaktyā caiva yathā tathā

So und so möge er die Welten gewinnen, und zwar nach Kraft, wie es eben geht.

Wort für Wort
tathā tathā
so und so (Adv.)
jayet lokān
er möge gewinnen die Welten (3.Sg.Opt./Akk.Pl.)
śaktyā ca eva
und zwar durch Kraft (Instr.Sg.)
yathā tathā
wie es eben [geht] (Adv.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile, nur in einem Teil der Handschriften.

audbhijjā jantavaḥ ke cid yuktavāco yathā tathā; aniṣṭataḥ saṃbhavanti tathāyajñaḥ pratāyate

Manche Wesen entstehen aus Keimen [sprossen], „passend redend“, wie es gerade kommt [?]; sie entstehen aus dem Unerwünschten, [und] so breitet sich das Nicht-Opfer aus.

Wort für Wort
audbhijjāḥ jantavaḥ ke cit
aus Keimen entstandene Wesen, einige (Nom.Pl.)
yuktavācaḥ yathā tathā
passend redend, wie es eben [kommt] (Nom.Pl./Adv.) [?]
aniṣṭataḥ saṃbhavanti
aus dem Unerwünschten entstehen sie (Abl.-Adv./3.Pl.Präs.)
tathā ayajñaḥ pratāyate
so das Nicht-Opfer breitet sich aus (Nom.Sg./3.Sg.Pass.)

Zeile verderbt/unklar (yuktavācaḥ yathā tathā).

yathaiva daṃśamaśakaṃ yathā cāṇḍapipīlikam; saiva vṛttir ayajñeṣu tathā dharmo vidhīyate

Wie [es bei] Bremse und Mücke, [und] wie bei Ei[-geborener] Ameise [ist]: Eben diese Lebensweise gilt für die Opferlosen, so wird [ihr] Recht festgesetzt.

Wort für Wort
yathā eva daṃśamaśakam
wie eben Bremse und Mücke (Nom.Sg.n. Dvandva)
yathā ca aṇḍapipīlikam
und wie Eier-Ameise (Nom.Sg.n.)
sā eva vṛttiḥ ayajñeṣu
eben diese Lebensweise bei den Opferlosen (Nom.Sg.f./Lok.Pl.)
tathā dharmaḥ vidhīyate
so wird das Recht festgesetzt (Nom.Sg./3.Sg.Pass.)

„daṃśamaśaka“: Bremse und Mücke; Sinn der Analogie unsicher.

yathā hy akasmād bhavati bhūmau pāṃsutṛṇolapam; tathaiveha bhaved dharmaḥ sūkṣmaḥ sūkṣmataro 'pi ca

Wie auf der Erde plötzlich Staub, Gras und weicher Bewuchs entsteht, so mag hier das Recht [beschaffen] sein: fein, ja noch feiner.

Wort für Wort
yathā hi akasmāt bhavati
wie denn plötzlich entsteht (Adv./3.Sg.Präs.)
bhūmau pāṃsutṛṇolapam
auf dem Boden Staub, Gras und Halme (Lok.Sg./Nom.Sg.n.)
tathā eva iha bhavet dharmaḥ
so eben hier möge sein das Recht (3.Sg.Opt./Nom.Sg.)
sūkṣmaḥ sūkṣmatarah api ca
fein, auch noch feiner (Nom.Sg.m./Komp.)

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