Kapitel 185: lokavarṇanā
Bhṛgu über Einsiedler, Wanderasketen und die nördliche Welt jenseits
Bhṛgu beschreibt Bharadvāja die Pflichten der Waldeinsiedler und Wanderasketen und die glückliche Welt im Norden des Himavat, dann die Bedeutung der Erde als Ort des Handelns.
Bhṛgu sprach: Die Waldeinsiedler folgen wahrlich der Pflicht der Seher und wandern, Askese übend, zu heiligen Furten und Flussquellen, in gänzlich abgelegenen Wäldern, die von Hirschen, Büffeln, Wildschweinen, Sṛmara-Tieren und Elefanten erfüllt sind. Sie haben Kleidung, Speise und Genüsse des Dorflebens aufgegeben; ihre Nahrung ist eigens geregelt und mannigfaltig, beschränkt auf Waldkräuter, Wurzeln, Früchte und Blätter. Sie stehen [aufrecht] oder sitzen [in Askese] und liegen auf dem Boden, auf Steinen, Sand, Kies, Geröll oder Asche; ihre Glieder sind mit Kāśa-Gras, Kuśa-Gras, Fell und Bastgewand bedeckt; sie tragen Haupthaar, Bart, Nägel und Körperhaar; sie vollziehen die Waschung zu festgesetzten Zeiten, verrichten das Homa und die Opfergabe an die Wesen zur rechten Zeit ohne Unterlassung und finden Ruhe erst nach dem Darbringen von Brennholz, Kuśa-Gras und Blumen, dem Homa und dem Reinigen [der Opferstätte]. Ihre gesamte Haut ist von Kälte, Hitze und Wind durchglüht und rissig; durch das Befolgen der in vielfältigen Regeln, Yoga-Übungen und Wandelweisen vorgeschriebenen Pflichten sind Fleisch und Blut geschwunden; nur noch Haut und Knochen, ganz der Standhaftigkeit ergeben, tragen sie durch die Kraft der Wesenheit [sattva] ihre Körper.
Wort für Wort
bhṛgur uvāca
Bhṛgu sprach (Perf.)
vānaprasthāḥ khalu ṛṣidharmam anusarantaḥ
die Waldeinsiedler wahrlich, der Seherpflicht folgend (Nom.Pl./Akk.Sg./Part.Präs.)
yas tv etāṃ niyataś caryāṃ brahmarṣivihitāṃ caret; sa dahed agnivad doṣāñ jayel lokāṃś ca durjayān
Wer aber diesen von Brahmanen-Sehern vorgeschriebenen Wandel gezügelt befolgt, der verbrennt [seine] Fehler wie Feuer und besiegt auch die schwer zu besiegenden Welten.
Wort für Wort
yas tv etāṃ niyataś caryāṃ
wer aber diesen Wandel gezügelt (Nom.Sg./Akk.Sg.f.)
brahmarṣivihitāṃ caret
von Brahmanen-Sehern vorgeschrieben, befolgen möge (Part.Pass./3.Sg.Opt.)
sa dahed agnivad doṣāñ
der verbrenne wie Feuer die Fehler (3.Sg.Opt./Akk.Pl.)
jayel lokāṃś ca durjayān
und besiege die schwer besiegbaren Welten (3.Sg.Opt./Akk.Pl.)
Der Wandel der Wanderasketen [parivrājaka] aber ist folgender: Sie lösen sich von den Bindungen an Feuer, Besitz, Gattin und Hausrat, schütteln die Fesseln der Zuneigung zum eigenen Selbst ab und ziehen umher; Erdscholle, Stein und Gold gelten ihnen gleich; ihr Geist haftet nicht an den auf die drei Lebensziele gerichteten Unternehmungen; gegenüber Feind, Freund und Unbeteiligtem verhalten sie sich gleich; gegenüber den Wesen, die aus Pflanzen, Mutterleib, Ei, Schweiß oder Keimen entstehen, sind sie in Wort, Gedanke und Tat ohne Feindseligkeit; sie sind ohne Behausung, wandern zu Bergen, Sandbänken, Baumwurzeln und Götterschreinen und sollen, um eine Unterkunft zu haben, eine Stadt oder ein Dorf aufsuchen: in der Stadt fünf Nächte, im Dorf eine Nacht. Und nach dem Eintreten sollen sie, nur um das Leben zu erhalten, zu den Häusern der Zweimalgeborenen gehen, deren Handlungen nicht unrein sind, [und] ungebeten Almosen in ihre Schale fallen lassen; sie meiden Begierde, Zorn, Hochmut, Verblendung, Habgier, Armseligkeit, Heuchelei, Schmähung, Dünkel und Gewalt.
Wort für Wort
parivrājakānāṃ punar ācāras tad yathā
der Wandel der Wanderasketen aber ist dieser, nämlich (Gen.Pl.)
vimucyāgnidhanakalatraparibarhasaṅgān
nachdem sie sich von den Bindungen an Feuer, Besitz, Gattin, Hausrat gelöst haben (Abs./Akk.Pl.)
ātmanaḥ snehapāśān avadhūya parivrajanti
die Fesseln der Zuneigung zum Selbst abschüttelnd, wandern sie umher (Abs./3.Pl.Präs.)
samaloṣṭāśmakāñcanāḥ
Erdscholle, Stein und Gold gleich [achtend] (Bahuvrīhi)
trivargapravṛtteṣv ārambheṣv asaktabuddhayaḥ
im Geist nicht haftend an den auf die drei Lebensziele gerichteten Unternehmungen (Lok.Pl.)
arimitrodāsīneṣu tulyavṛttayaḥ
gegen Feind, Freund, Neutrale gleich handelnd (Lok.Pl.)
abhayaṃ sarvabhūtebhyo dattvā carati yo muniḥ; bhavati cātra ślokaḥ; na tasya sarvabhūtebhyo bhayam utpadyate kva cit
Wer als Schweiger [muni] wandelt, nachdem er allen Wesen Furchtlosigkeit gegeben hat, der hat hierbei — und dazu gibt es einen Vers —: Nirgends entsteht ihm Furcht vor irgendeinem Wesen.
Wort für Wort
abhayaṃ sarvabhūtebhyo dattvā
Furchtlosigkeit allen Wesen gegeben habend (Akk./Dat.Pl./Abs.)
carati yo muniḥ
der Weise, der wandelt (3.Sg.Präs./Nom.Sg.)
bhavati cātra ślokaḥ
und hierzu gibt es einen Vers (3.Sg.Präs.)
na tasya sarvabhūtebhyo bhayam
nicht [entsteht] ihm vor allen Wesen Furcht (Gen./Abl.Pl.)
utpadyate kva cit
entsteht irgendwo (3.Sg.Präs.Med.)
Der Halbvers na tasya … kva cit ist der Beginn des angekündigten Verses.
kṛtvāgnihotraṃ svaśarīrasaṃsthaṃ; śārīram agniṃ svamukhe juhoti; yo bhaikṣacaryopagatair havirbhiś; citāgnināṃ sa vyatiyāti lokān
Wer das Agnihotra vollzogen hat, das im eigenen Körper ruht, und das körperliche Feuer im eigenen Mund opfert, mit Opfergaben, die durch Bettelwandel erlangt sind, der geht über die Welten derer hinaus, die [nur] Schichtfeuer [Opferfeuer] besitzen.
Wort für Wort
kṛtvāgnihotraṃ svaśarīrasaṃsthaṃ
das Agnihotra vollzogen habend, das im eigenen Körper steht (Abs./Akk.Sg.)
śārīram agniṃ svamukhe juhoti
das Körperfeuer im eigenen Mund opfert er (Akk.Sg./Lok.Sg./3.Sg.Präs.)
yo bhaikṣacaryopagatair havirbhiḥ
wer mit durch Bettelwandel erlangten Opfergaben (Instr.Pl.)
citāgnināṃ sa vyatiyāti lokān
der überschreitet die Welten der Schichtfeuer-Besitzer (Gen.Pl./Akk.Pl./3.Sg.Präs.)
citāgnināṃ: Lesart und Bedeutung unsicher; wörtlich „derer, die das Feuer geschichtet haben“ (Opferaltar-Errichter) [?].
Wer die Lebensstufe der Erlösung, wie sie beschrieben ist, ausübt, rein, mit wohlgefasstem Geist und Verstand, ruhig wie ein Feuer ohne Brennstoff, der zweimal Geborene gelangt zur Brahma-Welt.
Wort für Wort
mokṣāśramaṃ yaḥ kurute yathoktaṃ
wer die Erlösungsstufe wie gesagt ausübt (Akk./3.Sg.Präs.Med.)
śuciḥ susaṃkalpitabuddhiyuktaḥ
rein, mit wohlgefasstem Verstand verbunden (Nom.Sg.)
anindhanaṃ jyotir iva praśāntaṃ
wie ein Feuer ohne Brennstoff erloschen (Nom.Sg.n.)
sa brahmalokaṃ śrayate dvijātiḥ
der Zweimalgeborene erreicht die Brahma-Welt (3.Sg.Präs.Med.)
bharadvāja uvāca; asmāl lokāt paro lokaḥ śrūyate nopalabhyate; tam ahaṃ jñātum icchāmi tad bhavān vaktum arhati
Bharadvāja sprach: Von jenseits dieser Welt hört man, dass es eine [andere] Welt gibt, doch sie wird nicht wahrgenommen. Diese möchte ich kennen lernen; das solltest du erklären.
Wort für Wort
bharadvāja uvāca
Bharadvāja sprach
asmāl lokāt paro lokaḥ
jenseits dieser Welt eine andere Welt (Abl./Nom.)
śrūyate nopalabhyate
wird gehört, wird nicht wahrgenommen (Pass.)
tam ahaṃ jñātum icchāmi
diese will ich erkennen (Inf.)
tad bhavān vaktum arhati
das kann/soll dein Ehrwürden sagen (Inf./3.Sg.Präs.)
bhṛgur uvāca; uttare himavatpārśve puṇye sarvaguṇānvite; puṇyaḥ kṣemyaś ca kāmyaś ca sa varo loka ucyate
Bhṛgu sprach: An der nördlichen Flanke des Himavat, der heilig und mit allen Vorzügen ausgestattet ist, [liegt] jene [Welt]; sie ist heilig, sicher und begehrenswert und wird die beste Welt genannt.
Wort für Wort
bhṛgur uvāca
Bhṛgu sprach
uttare himavatpārśve
an der nördlichen Seite des Himavat (Lok.)
puṇye sarvaguṇānvite
heilig, mit allen Vorzügen versehen (Lok.)
puṇyaḥ kṣemyaś ca kāmyaś ca
heilig, sicher und begehrenswert (Nom.Sg.)
sa varo loka ucyate
diese heißt die beste Welt (3.Sg.Pass.)
Der Vers ist syntaktisch elliptisch; „liegt“ ergänzt.
sa svargasadṛśo deśas tatra hy uktāḥ śubhā guṇāḥ; kāle mṛtyuḥ prabhavati spṛśanti vyādhayo na ca
Jenes Land gleicht dem Himmel; dort werden nämlich glückliche Eigenschaften genannt: Zur [rechten] Zeit erst herrscht der Tod, und Krankheiten berühren [sie] nicht.
Wort für Wort
sa svargasadṛśo deśaḥ
dieses Land gleicht dem Himmel (Nom.Sg.)
tatra hy uktāḥ śubhā guṇāḥ
dort werden nämlich gute Eigenschaften genannt (Part.Pass.)
kāle mṛtyuḥ prabhavati
zur [rechten] Zeit hat der Tod Macht (Lok./3.Sg.Präs.)
spṛśanti vyādhayo na ca
und Krankheiten berühren nicht (3.Pl.Präs./Nom.Pl.)
na lobhaḥ paradāreṣu svadāranirato janaḥ; na cānyonyavadhas tatra dravyeṣu na ca vismayaḥ; parokṣadharmo naivāsti saṃdeho nāpi jāyate
Dort gibt es keine Gier nach fremden Frauen; die Leute sind ihren eigenen Frauen ergeben. Es gibt dort keinen gegenseitigen Mord um Güter und keine Verwunderung; eine „unsichtbare“ Pflicht [Dharma] gibt es nicht, und auch kein Zweifel entsteht.
Wort für Wort
na lobhaḥ paradāreṣu
keine Gier nach fremden Frauen (Lok.Pl.)
svadāranirato janaḥ
die Leute an eigener Frau erfreut (Nom.Sg.)
na cānyonyavadhas tatra dravyeṣu
und dort kein gegenseitiger Mord um Güter (Lok.Pl.)
na ca vismayaḥ
und keine Verwunderung
parokṣadharmo naivāsti
eine nicht offenkundige Pflicht gibt es nicht (3.Sg.Präs.)
saṃdeho nāpi jāyate
auch Zweifel entsteht nicht (3.Sg.Präs.Med.)
parokṣadharmaḥ: „Pflicht, deren Frucht unsichtbar ist“ oder „Dharma im Verborgenen“ [?].
kṛtasya tu phalaṃ tatra pratyakṣam upalabhyate; śayyāyānāsanopetāḥ prāsādabhavanāśrayāḥ; sarvakāmair vṛtāḥ ke cid dhemābharaṇabhūṣitāḥ
Dort erlangt man die Frucht des Getanen sichtbar. Manche verfügen über Lager, Gefährt und Sitz, haben Paläste und Häuser als Zuflucht, sind mit allen Wünschen umgeben und mit Gold und Schmuck geziert.
Wort für Wort
kṛtasya tu phalaṃ tatra pratyakṣam upalabhyate
der Lohn des Getanen aber wird dort sichtbar erlangt (Gen./3.Sg.Pass.)
śayyāyānāsanopetāḥ
mit Lager, Gefährt, Sitz versehen (Nom.Pl.)
prāsādabhavanāśrayāḥ
Palast und Haus als Zuflucht habend
sarvakāmair vṛtāḥ ke cit
von allen Wünschen umgeben, manche (Instr.Pl./Part.)
hemābharaṇabhūṣitāḥ
mit Goldschmuck geschmückt (Nom.Pl.)
Der Vers 12 beschreibt nach Lesart die Verhältnisse in der Welt der Menschen (iha) und nicht im Norden; die Zuordnung ist unsicher.
Hier entstehen Mühsal, Furcht, Verblendung und heftiger Hunger sowie bei den Menschen die um Reichtum geschaffene Gier, durch die sogar die Gelehrten verwirrt werden.
Wort für Wort
iha śramo bhayaṃ mohaḥ
hier Mühsal, Furcht, Verblendung (Nom.Sg.)
kṣudhā tīvrā ca jāyate
und heftiger Hunger entsteht (Nom.Sg.f./3.Sg.Präs.Med.)
lobhaś cārthakṛto nṝṇām
und die um Gewinn verursachte Gier der Menschen (Gen.Pl.)
yena muhyanti paṇḍitāḥ
durch die die Gelehrten verwirrt werden (Instr./3.Pl.Präs.)
Hier haben einst Prajāpati, die Götter samt den Seher-Scharen gewünschte Opfer dargebracht und Askese geübt, wurden gereinigt und sind zur Brahma-Welt gelangt.
Wort für Wort
iha prajāpatiḥ pūrvaṃ
hier Prajāpati früher
devāḥ sarṣigaṇās tathā
die Götter samt Seher-Scharen ebenso (Nom.Pl.)
iṣṭveṣṭatapasaḥ pūtāḥ
nach Opfern, mit erwünschter Askese, gereinigt (Abs./Nom.Pl.)
Andere, die üble Taten begehen, [werden] in tierische Mutterschöße [geboren]; wieder andere, deren Lebenszeit erschöpft ist, gehen auf der Erde zugrunde.
Wort für Wort
asatkarmāṇi kurvantas
üble Taten tuend (Akk.Pl./Part.)
tiryagyoniṣu cāpare
und andere in Tierschößen (Lok.Pl.)
kṣīṇāyuṣas tathaivānye
ebenso andere mit erschöpfter Lebensdauer (Nom.Pl.)
naśyanti pṛthivītale
gehen zugrunde auf der Erdoberfläche (3.Pl.Präs./Lok.)
„werden … geboren“ ergänzt; das Verb fehlt in Pāda b.
anyonyabhakṣaṇe saktā lobhamohasamanvitāḥ; ihaiva parivartante na te yānty uttarāṃ diśam
Die an gegenseitigem Verzehr haften und von Gier und Verblendung erfüllt sind, drehen sich [im Kreislauf] nur hier; sie gelangen nicht in die nördliche Himmelsrichtung.
Wort für Wort
anyonyabhakṣaṇe saktāḥ
am gegenseitigen Verzehr haftend (Lok./Nom.Pl.)
lobhamohasamanvitāḥ
mit Gier und Verblendung behaftet
ihaiva parivartante
nur hier kreisen sie (3.Pl.Präs.Med.)
na te yānty uttarāṃ diśam
sie gehen nicht in die nördliche Richtung (3.Pl.Präs./Akk.)