Kapitel 207: brahmacaryopāyaḥ dehatattvaṃ ca
Brahmacarya, Zügelung des Geistes und die Natur des Körpers
Der Lehrer erläutert Brahmacarya als Weg zum höchsten Ziel und Mittel gegen aufkommende Begierde; er schildert die Unreinheit des Körpers, das Adersystem und die Entstehung des Samens aus der Vorstellung und lehrt die Befreiung durch Gleichmaß der Guṇas.
gurur uvāca; atropāyaṃ pravakṣyāmi yathāvac chāstracakṣuṣā; tad vijñānāc caran prājñaḥ prāpnuyāt paramāṃ gatim
Der Lehrer sprach: Hierin will ich das Mittel verkünden, wie es der Wahrheit entspricht, mit dem Auge der Lehrschrift; im Wissen darum wandelnd, möge der Weise das höchste Ziel erreichen.
Wort für Wort
gurur uvāca
der Lehrer sprach (Nom.Sg., Perf.)
atropāyaṃ pravakṣyāmi
hierin das Mittel werde ich verkünden (Akk.Sg./1.Sg.Fut.)
yathāvac chāstracakṣuṣā
der Wahrheit gemäß, mit dem Auge der Lehrschrift (Adv./Instr.Sg.)
tad vijñānāc caran prājñaḥ
aus dem Wissen darum wandelnd, der Weise (Abl.Sg./Part.Präs./Nom.Sg.)
prāpnuyāt paramāṃ gatim
möge er erlangen das höchste Ziel (3.Sg.Opt./Akk.Sg.)
Unter allen Wesen wird der Mensch als der Beste bezeichnet; höher als die Menschen, sagt man, seien die Zweimalgeborenen, höher als die Zweimalgeborenen die Mantra-Redenden.
Wort für Wort
sarveṣām eva bhūtānām
unter allen Wesen (Gen.Pl.)
puruṣaḥ śreṣṭha ucyate
der Mensch als der Beste wird bezeichnet (Nom.Sg./Pass.3.Sg.)
puruṣebhyo dvijān āhur
höher als die Menschen die Zweimalgeborenen, sagen sie (Abl.Pl./Akk.Pl./3.Pl.Perf.)
dvijebhyo mantravādinaḥ
höher als die Zweimalgeborenen die Mantra-Sprecher (Abl.Pl./Nom.Pl.)
tāṃs tān upāsate dharmān dharmakāmā yathāgamam; na tv eṣām arthasāmānyam antareṇa guṇān imān
Diese und jene Pflichten pflegen die, die nach Pflicht verlangen, gemäß der Überlieferung; nicht aber [pflegen sie sie] ohne diese Eigenschaften, [bei] Gemeinsamkeit des Zwecks [?].
Wort für Wort
tāṃs tān upāsate dharmān
diese und jene Pflichten pflegen sie (Akk.Pl./3.Pl.Med.)
dharmakāmā yathāgamam
die Pflichtbegehrenden, der Überlieferung gemäß (Nom.Pl./Adv.)
na tv eṣām arthasāmānyam
nicht aber Gemeinsamkeit des Zwecks bei diesen (Akk.Sg./Gen.Pl.)
Reinheit von Rede, Körper und Geist, Nachsicht, Wahrhaftigkeit, Standhaftigkeit, Erinnerung: diese Eigenschaften lassen die Pflichtkundigen in allen Pflichten erkennen.
Wort für Wort
vāgdehamanasāṃ śaucaṃ
Reinheit von Rede, Körper und Geist (Gen.Pl./Nom.Sg.)
Wer richtig wandelt, erlangt die Welt des Brahman; der Mittlere [erlangt] die Götter; der Wissende wird als Bester der Zweimalgeborenen geboren, wenn er die geringste Lebensweise angenommen hat [?].
Wort für Wort
samyagvṛttir brahmalokaṃ
wer rechten Wandel hat, die Brahma-Welt (Nom.Sg./Akk.Sg.)
prāpnuyān madhyamaḥ surān
möge erlangen; der Mittlere die Götter (Opt./Nom.Sg./Akk.Pl.)
dvijāgryo jāyate vidvān
als Bester der Zweimalgeborenen wird geboren der Wissende (Nom.Sg./3.Sg.Pass./Nom.Sg.)
kanyasīṃ vṛttim āsthitaḥ
die geringste Lebensweise angenommen habend (Akk.Sg.f./Part.Perf.)
yoṣitāṃ na kathāḥ śrāvyā na nirīkṣyā nirambarāḥ; kadā cid darśanād āsāṃ durbalān āviśed rajaḥ
Von Frauen dürfen keine Erzählungen gehört werden, Nackte dürfen nicht angesehen werden; bisweilen dringt vom Anblick dieser Leidenschaft in Schwache ein.
Wort für Wort
yoṣitāṃ na kathāḥ śrāvyā
von Frauen nicht Erzählungen zu hören (Gen.Pl./Nom.Pl./Gerundiv)
na nirīkṣyā nirambarāḥ
nicht anzusehen Nackte (Gerundiv/Nom.Pl.)
kadā cid darśanād āsām
irgendwann vom Anblick dieser (Abl.Sg./Gen.Pl.f.)
durbalān āviśed rajaḥ
in Schwache dringt ein Leidenschaft (Akk.Pl./Opt.3.Sg./Nom.Sg.)
Ein Gefäß, mit Unreinem gefüllt und von Schleim, Gedärm und Gemengsel bedeckt, will man nicht ansehen; wie sollte man daran gehen, es zu berühren? Das Körpergefäß, voll von Unreinheiten, außen von Schweißwasser bedeckt, abscheulich bei Männern und Frauen, gilt den Wissenden als Hölle. Wie ein löchriger Krug das darin Befindliche stark aussickern lässt, so tritt innen befindliches Wasser in den Körpern der Verkörperten aus. Schleim, Tränen, Harn-Gemisch, Kot und Samen, Absonderung aus dem Schleimgeflecht, mit Saft: [o] Geist, lass los [?].
Wort für Wort
amedhyapūrṇaṃ yad bhāṇḍaṃ
ein Gefäß voll Unreinem (Nom.Sg.n.)
śleṣmāntakalilāvṛtam
von Schleim, Gedärm, Gemengsel bedeckt (Nom.Sg.n.)
necchate vīkṣituṃ kutaḥ spraṣṭuṃ pravartate
man will nicht ansehen; wie sollte man ans Berühren gehen (3.Sg./Inf./Inf./3.Sg.)
dehabhāṇḍaṃ malaiḥ pūrṇaṃ bahiḥ svedajalāvṛtam
das Körpergefäß voll Unreinheiten, außen von Schweißwasser bedeckt (Nom.Sg.n./Instr.Pl.)
bībhatsaṃ naranārīṇāṃ jñānināṃ narakaṃ matam
abscheulich bei Männern und Frauen, den Wissenden als Hölle geltend (Nom.Sg.n./Gen.Pl./Part.Perf.)
chidrakumbho yathā srāvaṃ sṛjate tadgataṃ dṛḍham
wie ein löchriger Krug den darin befindlichen Ausfluss stark entlässt (Nom.Sg.m./Akk.Sg./3.Sg.Med.)
antaḥsthaṃ sraṃsate tadvaj jalaṃ deheṣu dehinām
innen befindlich tritt aus so Wasser in den Körpern der Verkörperten (Nom.Sg./3.Sg./Lok.Pl./Gen.Pl.)
śleṣmāśrumūtrakalilaṃ purīṣaṃ śuklam eva ca
Schleim-, Tränen-, Harn-Gemisch, Kot und Samen (Nom.Sg.n.)
kaphajālaviniryāsaḥ sarasaś citta muñcaya
Absonderung aus dem Schleimgeflecht, mit Saft; o Geist, lass los [?] (Nom.Sg./Vok.Sg./Imp.Kaus.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; der Schluss (sarasaś citta muñcaya) ist wohl verderbt.
madhye ca hṛdayasyaikā sirā tv atra manovahā; śukraṃ saṃkalpajaṃ nṝṇāṃ sarvagātrair vimuñcati
Und in der Mitte des Herzens ist eine einzige Ader, die den Geist trägt; den aus Vorstellung entstandenen Samen der Menschen entlässt sie durch alle Glieder.
Wort für Wort
madhye ca hṛdayasyaikā
und in der Mitte des Herzens eine (Lok.Sg./Gen.Sg./Nom.Sg.f.)
sirā tv atra manovahā
Ader hier, den Geist tragend (Nom.Sg./Adv./Nom.Sg.f.)
śukraṃ saṃkalpajaṃ nṝṇām
Samen, aus Vorstellung entstanden, der Menschen (Akk.Sg./Gen.Pl.)
Auch im Traum kommt so das aus der Vorstellung des Geistes entstandene Rajas heran; den nicht durch Berührung entstandenen Samen lassen die Geistträger [Adern] aus dem Körper dieses [Menschen] ausströmen.
Wort für Wort
svapne 'py evaṃ yathābhyeti
auch im Traum, so wie es herankommt (Lok.Sg./3.Sg.)
manaḥsaṃkalpajaṃ rajaḥ
das aus Vorstellung des Geistes geborene Rajas (Nom.Sg.n.)
śukram asparśajaṃ dehāt
den nicht berührungsgeborenen Samen aus dem Körper (Akk.Sg./Abl.Sg.)
sṛjanty asya manovahā
entlassen dessen die geisttragenden [Adern] (3.Pl./Gen.Sg./Nom.Pl.f.)
ye vai śukragatiṃ vidyur bhūtasaṃkarakārikām; virāgā dagdhadoṣās te nāpnuyur dehasaṃbhavam
Die, die den Weg des Samens kennen, der die Vermischung der Wesen bewirkt, werden, leidenschaftslos und mit verbrannten Fehlern, nicht zur Entstehung eines Körpers gelangen.
Wort für Wort
ye vai śukragatiṃ vidyur
die, die den Weg des Samens kennen (Nom.Pl./Akk.Sg./Opt.3.Pl.)
bhūtasaṃkarakārikām
die Wesen-Vermischung bewirkend (Akk.Sg.f.)
virāgā dagdhadoṣās te
leidenschaftslos, mit verbrannten Fehlern, sie (Nom.Pl.)
nāpnuyur dehasaṃbhavam
nicht mögen erlangen Körperentstehung (Opt.3.Pl./Akk.Sg.)
Zum Gleichmaß der Guṇas gelangt, den Geist-Träger allein durch den Geist [lenkend], die Körperhandlung und die Lebenshauche verdrängend, wird er zur Todeszeit erlöst.
Wort für Wort
guṇānāṃ sāmyam āgamya
zum Gleichmaß der Guṇas gelangt (Gen.Pl./Akk.Sg./Abs.)
manasaiva manovaham
allein durch den Geist den Geist-Träger (Instr.Sg./Akk.Sg.)
dehakarma nudan prāṇān
Körperhandlung, die Lebenshauche verdrängend (Akk.Sg./Part.Präs./Akk.Pl.)
bhavitā manaso jñānaṃ mana eva pratāyate; jyotiṣmad virajo divyam atra siddhaṃ mahātmanām
Des Geistes Erkenntnis wird entstehen, der Geist selbst breitet sich aus: lichtvoll, staubfrei, göttlich; hierin ist es bei den Hochgesinnten vollendet.
Wort für Wort
bhavitā manaso jñānaṃ
wird sein des Geistes Erkenntnis (Fut.3.Sg./Gen.Sg./Nom.Sg.)
mana eva pratāyate
der Geist selbst breitet sich aus (Nom.Sg./3.Sg.Pass.)
jyotiṣmad virajo divyam
lichtvoll, staubfrei, göttlich (Nom.Sg.n.)
atra siddhaṃ mahātmanām
hierin vollendet bei Hochgesinnten (Adv./Part.Perf./Gen.Pl.)
So [haftet er] an Söhnen, Frauen, Verwandten, Verschwägerten und Angehörigen; er fasst im Herzen Begierde, von Krankheiten [oder Sorgen] und dergleichen überflutet; hierhin und dorthin stürzend, nicht das kleinste Glück findend, in viel Leid geraten, gelangt er danach zum Überdruss; zum Wissensbaum Zuflucht genommen habend, genießt er danach Frieden.
Wort für Wort
evaṃ putrakalatreṣu jñātisaṃbandhibandhuṣu
so an Söhnen, Frauen, Sippe, Verschwägerten, Verwandten (Lok.Pl.)
ādatte hṛdaye kāmaṃ
fasst im Herzen Begierde (3.Sg.Med./Lok.Sg./Akk.Sg.)
vyādhā[dhyā]dibhir abhiplutaḥ
von Krankheiten [oder Sorgen] usw. überflutet (Instr.Pl./Part.Perf.)
yatas tataḥ paripatann avindan sukham aṇv api
hierhin und dorthin stürzend, nicht findend auch nur ein wenig Glück (Part.Präs./Part.Präs./Akk.Sg.)
bahuduḥkhasamāpannaḥ paścān nirvedam āsthitaḥ
in viel Leid geraten, danach Überdruss angenommen habend (Nom.Sg./Adv./Akk.Sg./Part.Perf.)
jñānavṛkṣaṃ samāśritya paścān nirvṛtim aśnute
zum Wissensbaum Zuflucht nehmend, danach erlangt er Frieden (Abs./3.Sg.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; Lesart vyādhā[dhyā]dibhir im Text mit Variante.
Wie einen sehr unwegsamen Pfad, [so] hat er die Fessel der Guṇas überwunden; wenn er [dies] einsieht, dann, die Fehler überschreitend, genießt er das Unsterbliche.
Wort für Wort
sudurgam iva panthānam
wie einen sehr unwegsamen Pfad (Akk.Sg.)
atītya guṇabandhanam
überschritten habend die Guṇa-Fessel (Abs./Akk.Sg.)
yadā paśyet tadā doṣān
wenn er sieht, dann die Fehler (Opt./Akk.Pl.)
atītyāmṛtam aśnute
überschritten, das Unsterbliche genießt er (Abs./Akk.Sg./3.Sg.)