Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 179: jīvanirarthakatvapakṣaḥ Bharadvājas Einwände gegen das Dasein einer eigenen Seele

Bharadvāja legt in einer Reihe von Argumenten dar, Leben und Bewusstsein seien nur Wirkungen der Elemente (Wind, Wärme) und ein von ihnen getrenntes Selbst nicht nachweisbar; auch Totenspenden und Wiedergeburt stellt er infrage.

bharadvāja uvāca; yadi prāṇāyate vāyur vāyur eva viceṣṭate; śvasity ābhāṣate caiva tasmāj jīvo nirarthakaḥ

Bharadvāja sprach: „Wenn der Wind atmet, wenn allein der Wind sich regt, wenn er schnaubt und spricht – dann ist die Seele ohne Zweck.“

Wort für Wort
bharadvāja uvāca
Bharadvāja sprach (Perf.)
yadi prāṇāyate vāyuḥ
wenn der Wind atmet (3.Sg.Präs. Denominativ; Nom.)
vāyur eva viceṣṭate
allein der Wind sich regt (3.Sg.Präs.Med.)
śvasity ābhāṣate ca eva
er schnaubt und spricht (3.Sg.Präs.) ebenso
tasmāt jīvo nirarthakaḥ
deshalb [ist] die Seele zwecklos (Abl./Nom.)

yady ūṣmabhāva āgneyo vahninā pacyate yadi; agnir jarayate caiva tasmāj jīvo nirarthakaḥ

Wenn das Wesen der Wärme feurig ist und vom Feuer gekocht [verdaut] wird, und wenn das Feuer verdaut – dann ist die Seele ohne Zweck.

Wort für Wort
yady ūṣmabhāva āgneyaḥ
wenn das Wärmewesen feurig ist (Nom.Sg.m.)
vahninā pacyate yadi
wenn es durch das Feuer gekocht wird (3.Sg.Pass.; Instr.)
agnir jarayate ca eva
und das Feuer verdaut (3.Sg.Kaus./Präs.)
tasmāj jīvo nirarthakaḥ
deshalb [ist] die Seele zwecklos

jantoḥ pramīyamāṇasya jīvo naivopalabhyate; vāyur eva jahāty enam ūṣmabhāvaś ca naśyati

Beim Sterbenden wird die Seele gar nicht wahrgenommen: Allein der Wind verlässt ihn, und das Wärmewesen schwindet.

Wort für Wort
jantoḥ pramīyamāṇasya
beim Lebewesen, das stirbt (Gen.Sg.; Part.Präs.Pass./Med.)
jīvo na eva upalabhyate
die Seele wird gar nicht wahrgenommen (3.Sg.Pass.)
vāyur eva jahāti enam
allein der Wind verlässt ihn (3.Sg.Präs.; Akk.)
ūṣmabhāvaś ca naśyati
und das Wärmewesen schwindet (3.Sg.Präs.)

yadi vātopamo jīvaḥ saṃśleṣo yadi vāyunā; vāyumaṇḍalavad dṛśyo gacchet saha marudgaṇaiḥ

Wenn die Seele dem Wind gleicht, wenn sie mit dem Wind verbunden ist, so müsste sie – wie ein Windkreis sichtbar – mit den Scharen der Marut gehen.

Wort für Wort
yadi vātopamo jīvaḥ
wenn die Seele windgleich ist (Nom.Sg.m.)
saṃśleṣo yadi vāyunā
wenn Verbindung mit dem Wind [besteht] (Nom./Instr.)
vāyumaṇḍalavad dṛśyaḥ
gleich einem Windkreis sichtbar (Adv.; Gerundiv)
gacchet saha marudgaṇaiḥ
müsste gehen mit den Marut-Scharen (3.Sg.Opt.; Instr.Pl.)

śleṣo yadi ca vātena yadi tasmāt praṇaśyati; mahārṇavavimuktatvād anyat salilabhājanam

Wenn die Verbindung durch den Wind besteht und sie deshalb vergeht – wegen der Ablösung vom großen Ozean wäre ein Wassergefäß [doch] etwas anderes [?].

Wort für Wort
śleṣo yadi ca vātena
und wenn die Verbindung durch den Wind [besteht] (Nom./Instr.)
yadi tasmāt praṇaśyati
wenn sie deshalb vergeht (3.Sg.Präs.)
mahārṇavavimuktatvāt
wegen des Abgelöstseins vom großen Ozean (Abl.; Kompositum)
anyat salilabhājanam
ein Wassergefäß ist etwas anderes (Nom.Sg.n.)

Zweiter Halbvers syntaktisch knapp und unsicher; der Vergleich mit dem Wassergefäß ist wörtlich wiedergegeben.

kūpe vā salilaṃ dadyāt pradīpaṃ vā hutāśane; prakṣiptaṃ naśyati kṣipraṃ yathā naśyaty asau tathā

Oder man gieße Wasser in einen Brunnen oder [werfe] eine Lampe ins Feuer: Hineingeworfen vergeht es schnell – wie dies vergeht, so [die Seele].

Wort für Wort
kūpe vā salilaṃ dadyāt
oder man gieße Wasser in den Brunnen (3.Sg.Opt.; Lok./Akk.)
pradīpaṃ vā hutāśane
oder eine Lampe ins Feuer (Akk./Lok.)
prakṣiptaṃ naśyati kṣipram
hineingeworfen vergeht es schnell (Part.Pass.; 3.Sg.Präs.)
yathā naśyaty asau tathā
wie dies vergeht, so [auch die Seele] (Korrelativa)

tan naśyaty ubhayaṃ tadvaj jīvo vātānalātmakaḥ

So vergeht beides; ebenso die Seele, deren Wesen Wind und Feuer ist.

Wort für Wort
tan naśyaty ubhayam
daher vergeht beides (3.Sg.Präs.; Nom.Sg.n.)
tadvat jīvo
ebenso die Seele (Adv.; Nom.)
vātānalātmakaḥ
aus Wind und Feuer bestehend (Nom.Sg.m.; Kompositum)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).

pañcasādhāraṇe hy asmiñ śarīre jīvitaṃ kutaḥ; yeṣām anyataratyāgāc caturṇāṃ nāsti saṃgrahaḥ

In diesem Körper, der aus fünf [Elementen] gemeinsam besteht, woher [käme] Leben? Wenn eines von vier [Elementen] aufgegeben wird, gibt es keinen Zusammenhalt.

Wort für Wort
pañcasādhāraṇe hi asmin śarīre
denn in diesem, den fünf gemeinsamen Körper (Lok.Sg.)
jīvitaṃ kutaḥ
woher Leben? (Nom.Sg.n.; Adv.)
yeṣām anyataratyāgāt
bei Aufgabe irgendeines von denen (Abl.Sg.; Gen.Pl.)
caturṇāṃ nāsti saṃgrahaḥ
von den vieren gibt es keinen Zusammenhalt (Gen.Pl.; 3.Sg.Präs.)

naśyanty āpo hy anāhārād vāyur ucchvāsanigrahāt; naśyate koṣṭhabhedāt kham agnir naśyaty abhojanāt

Das Wasser schwindet durch Nahrungsmangel, der Wind durch das Anhalten des Atems, der Raum schwindet durch das Aufbrechen der Körperhöhle, das Feuer schwindet durch Nichtessen.

Wort für Wort
naśyanty āpo hy anāhārāt
denn die Wasser schwinden durch Nichtnahrung (3.Pl.Präs.; Nom.Pl.f.; Abl.)
vāyur ucchvāsanigrahāt
der Wind durch das Anhalten des Atems (Abl.)
naśyate koṣṭhabhedāt kham
der Raum schwindet durch Aufbrechen der Körperhöhle (3.Sg.Med.; Abl.; Nom.Sg.n.)
agnir naśyaty abhojanāt
das Feuer schwindet durch Nichtessen (Abl.)

vyādhivraṇaparikleśair medinī caiva śīryate; pīḍite 'nyatare hy eṣāṃ saṃghāto yāti pañcadhā

Auch die Erde zerfällt durch Krankheiten, Wunden und Leiden; wird eines von diesen bedrängt, so geht die Verbindung in die Fünfheit über [wörtlich: in fünf Teile].

Wort für Wort
vyādhivraṇaparikleśaiḥ
durch Krankheiten, Wunden, Leiden (Instr.Pl.; Kompositum)
medinī caiva śīryate
und die Erde zerfällt (Nom.Sg.f.; 3.Sg.Pass./Med.)
pīḍite 'nyatare hy eṣām
wenn eines von diesen bedrängt ist (Lok. abs.; Gen.Pl.)
saṃghāto yāti pañcadhā
geht die Verbindung fünffach auseinander (Nom.Sg.m.; 3.Sg.Präs.; Adv.)

„pañcadhā“ wörtlich „fünffach“, hier als Auflösung in die fünf Elemente verstanden.

tasmin pañcatvam āpanne jīvaḥ kim anudhāvati; kiṃ vedayati vā jīvaḥ kiṃ śṛṇoti bravīti vā

Wenn dieser [Körper] zur Fünfheit gelangt ist, was läuft die Seele dann hinterher? Oder was empfindet die Seele, was hört sie oder sagt sie?

Wort für Wort
tasmin pañcatvam āpanne
wenn dieser in die Fünfheit gelangt ist (Lok. abs.; Part.Perf.Pass.)
jīvaḥ kim anudhāvati
was verfolgt die Seele? (3.Sg.Präs.)
kiṃ vedayati vā jīvaḥ
oder was empfindet die Seele (3.Sg.Kaus./Präs.)
kiṃ śṛṇoti bravīti vā
was hört sie oder spricht sie (3.Sg.Präs.)

eṣā gauḥ paralokasthaṃ tārayiṣyati mām iti; yo dattvā mriyate jantuḥ sā gauḥ kaṃ tārayiṣyati

„Diese Kuh wird mich, der ich in der jenseitigen Welt weile, hinüberführen“ – wenn ein Wesen nach dem Schenken stirbt, wen wird diese Kuh hinüberführen?

Wort für Wort
eṣā gauḥ paralokasthaṃ
diese Kuh, mich, der in der jenseitigen Welt weilt (Nom.Sg.f.; Akk.Sg.m.)
tārayiṣyati mām iti
wird mich hinüberführen, [so sagt man] (3.Sg.Fut.Kaus.; Zitat-iti)
yo dattvā mriyate jantuḥ
das Wesen, das nach dem Geben stirbt (Abs.; 3.Sg.Präs.)
sā gauḥ kaṃ tārayiṣyati
diese Kuh, wen wird sie hinüberführen? (3.Sg.Fut.)

gauś ca pratigrahītā ca dātā caiva samaṃ yadā; ihaiva vilayaṃ yānti kutas teṣāṃ samāgamaḥ

Wenn Kuh, Empfänger und Geber gleichermaßen [gleicher Art] hier ihre Auflösung finden, woher [käme] ihr Zusammentreffen?

Wort für Wort
gauś ca pratigrahītā ca
die Kuh und der Empfänger (Nom.Sg.; Nom.Sg.m.)
dātā caiva samaṃ yadā
und der Geber, wenn [sie] gleichermaßen (Nom.; Adv.)
ihaiva vilayaṃ yānti
gerade hier Auflösung erlangen (3.Pl.Präs.)
kutas teṣāṃ samāgamaḥ
woher ihr Zusammentreffen? (Gen.Pl.; Nom.Sg.m.)

vihagair upayuktasya śailāgrāt patitasya vā; agninā copayuktasya kutaḥ saṃjīvanaṃ punaḥ

Von Vögeln verzehrt oder von einer Felsspitze gestürzt oder vom Feuer verzehrt – woher [käme] da wieder ein Zum-Leben-Erwachen?

Wort für Wort
vihagair upayuktasya
von Vögeln verzehrt (Instr.Pl.; Gen.Sg. Part.Pass.)
śailāgrāt patitasya vā
oder vom Felsgipfel gestürzt (Abl.; Gen.Sg.)
agninā copayuktasya
und vom Feuer verzehrt (Instr.; Gen.Sg.)
kutaḥ saṃjīvanaṃ punaḥ
woher wieder Wiederbelebung? (Nom.Sg.n.)

chinnasya yadi vṛkṣasya na mūlaṃ pratirohati; bījāny asya pravartante mṛtaḥ kva punar eṣyati

Wenn bei einem gefällten Baum die Wurzel nicht wieder sprosst, seine Samen aber [doch] austreiben – der Gestorbene, wohin wird er wiederkommen?

Wort für Wort
chinnasya yadi vṛkṣasya
wenn bei einem gefällten Baum (Gen.Sg.; Part.Pass.)
na mūlaṃ pratirohati
die Wurzel nicht wieder wächst (3.Sg.Präs.)
bījāny asya pravartante
seine Samen treiben aus (3.Pl.Med.; Nom.Pl.n.)
mṛtaḥ kva punar eṣyati
der Tote, wohin wird er wiederkommen? (Nom.; 3.Sg.Fut.)

bījamātraṃ purā sṛṣṭaṃ yad etat parivartate; mṛtā mṛtāḥ praṇaśyanti bījād bījaṃ pravartate

Nur als Same wurde einst [alles] geschaffen, was sich hier wandelt; die Gestorbenen vergehen jeweils, aus Same geht [wieder] Same hervor.

Wort für Wort
bījamātraṃ purā sṛṣṭam
nur Samen wurde vormals geschaffen (Nom.Sg.n.; Part.Pass.)
yad etat parivartate
was dies [alles] sich wandelt (3.Sg.Präs.Med.)
mṛtā mṛtāḥ praṇaśyanti
die Gestorbenen vergehen jeweils (Nom.Pl.; 3.Pl.Präs.)
bījād bījaṃ pravartate
aus Same entsteht Same (Abl.; Nom.; 3.Sg.Präs.)

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