Kapitel 6: kuntīvākya-karṇarahasyakathanam
Kuntī tröstet Yudhiṣṭhira; sein Fluch über die Frauen und seine Weltmüdigkeit
Nach Nāradas Bericht über Karṇa spricht Kuntī, seine Mutter, tröstend zu Yudhiṣṭhira und gesteht ihre vergeblichen Bemühungen um die Versöhnung der Brüder. Yudhiṣṭhira verflucht daraufhin die Frauen, kein Geheimnis zu bewahren, und verfällt in Weltüberdruss.
vaiśaṃpāyana uvāca; etāvad uktvā devarṣir virarāma sa nāradaḥ; yudhiṣṭhiras tu rājarṣir dadhyau śokapariplutaḥ
Vaiśaṃpāyana sprach: Nachdem er nur so viel gesagt hatte, verstummte jener göttliche Seher Nārada; Yudhiṣṭhira aber, der Königsseher, versank in Sinnen, von Kummer überflutet.
Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca
Vaiśaṃpāyana sprach (Nom.Sg.; 3.Sg.Perf.)
etāvad uktvā
nachdem er so viel gesagt hatte (Adv.; Absolutiv)
devarṣir virarāma sa nāradaḥ
der Götterseher, er, Nārada, hörte auf (Nom.Sg.; 3.Sg.Perf.)
yudhiṣṭhiras tu rājarṣir
Yudhiṣṭhira aber, der Königsseher (Nom.Sg.)
dadhyau śokapariplutaḥ
sann nach (3.Sg.Perf.), von Kummer überflutet (Nom.Sg.)
yad vācyaṃ hitakāmena suhṛdā bhūtim icchatā; tathā divākareṇoktaḥ svapnānte mama cāgrataḥ
Was ein wohlmeinender Freund, der [ihm] Gedeihen wünscht, sagen muss, so wurde [es] auch vom Tagmacher [der Sonne] am Ende eines Traumes vor mir gesagt.
Wort für Wort
yad vācyaṃ
was zu sagen ist (Nom.Sg.n.; Gerundiv)
hitakāmena suhṛdā
von einem Wohlwollenden, einem Freund (Instr.Sg.)
bhūtim icchatā
der Gedeihen wünscht (Akk.Sg.; Part.Präs. Instr.Sg.)
tathā divākareṇoktaḥ
so wurde es vom Divākara gesagt (Adv.; Instr.Sg.; Part.Pass.)
svapnānte mama cāgrataḥ
am Ende des Traumes und vor mir (Lok.Sg.; Gen.Sg.; Adv.)
tataḥ kālaparītaḥ sa vairasyoddhukṣaṇe rataḥ; pratīpakārī yuṣmākam iti copekṣito mayā
Da er, von der Zeit [dem Schicksal] ergriffen, daran Freude hatte, die Feindschaft anzufachen, und [sich] als Vergelter gegen euch [verstand], wurde er von mir [schließlich] sich selbst überlassen.
Wort für Wort
tataḥ kālaparītaḥ sa
da, von der Zeit erfasst, er (Adv.; Nom.Sg.)
vairasyoddhukṣaṇe rataḥ
am Anfachen der Feindschaft sich freuend (Gen.Sg.; Lok.Sg.n.; Nom.Sg.)
pratīpakārī yuṣmākam
der Gegenhandelnde gegen euch (Nom.Sg.; Gen.Pl.)
iti ca upekṣito mayā
so, und wurde übergangen/aufgegeben von mir (Part.Pass.; Instr.Sg.)
pratīpakārī: Gegner/Widersacher (wörtl. Gegen-Handelnder); iti kann die Begründung „als solcher“ markieren.
ity ukto dharmarājas tu mātrā bāṣpākulekṣaṇaḥ; uvāca vākyaṃ dharmātmā śokavyākulacetanaḥ
So von [seiner] Mutter angesprochen, sagte der Dharmakönig, mit tränentrüben Augen, der tugendhafte, dessen Gemüt vom Kummer verwirrt war, [dieses] Wort:
Wort für Wort
ity ukto dharmarājas tu
so angeredet, der Dharma-König aber (Part.Pass. Nom.Sg.; Nom.Sg.)
mātrā
von der Mutter (Instr.Sg.)
bāṣpākulekṣaṇaḥ
mit von Tränen getrübten Augen (Nom.Sg.; Bahuvrīhi)
uvāca vākyaṃ dharmātmā
sprach ein Wort, der Tugendhafte (3.Sg.Perf.; Akk.Sg.; Nom.Sg.)
śokavyākulacetanaḥ
dessen Sinn von Kummer verwirrt war (Nom.Sg.; Bahuvrīhi)
bhavatyā gūḍhamantratvāt pīḍito 'smīty uvāca tām; śaśāpa ca mahātejāḥ sarvalokeṣu ca striyaḥ; na guhyaṃ dhārayiṣyantīty atiduḥkhasamanvitaḥ
„Durch dein Bewahren des Geheimnisses bin ich gepeinigt“, sprach er zu ihr. Und der Hochglänzende verfluchte in allen Welten die Frauen, von tiefstem Leid erfüllt: „Sie werden kein Geheimnis bewahren.“
Wort für Wort
bhavatyā gūḍhamantratvāt
durch dich [Ehrenanrede], wegen der Geheimhaltung des Rates (Instr.Sg.f.; Abl.Sg.n.)
pīḍito 'smīty uvāca tām
„gepeinigt bin ich“, sagte er zu ihr (Part.Pass.; 1.Sg.Präs.; 3.Sg.Perf.; Akk.Sg.f.)
śaśāpa ca mahātejāḥ
und er verfluchte, der Hochglänzende (3.Sg.Perf.; Nom.Sg.)
sarvalokeṣu ca striyaḥ
und in allen Welten die Frauen (Lok.Pl.; Akk.Pl.)
na guhyaṃ dhārayiṣyanti
„nicht werden sie ein Geheimnis bewahren“ (Akk.Sg.n.; 3.Pl.Fut.)
iti atiduḥkhasamanvitaḥ
so, von übergroßem Leid erfüllt (Nom.Sg.)
gūḍhamantratvāt: Abl. von gūḍhamantratva, „Geheimhaltung des Beschlusses“ (hier: dass Kuntī Karṇas Geburt verschwieg).