Kapitel 108: gaṇavṛtti
Das Verhalten der Gaṇas: Eintracht, Geheimhaltung und Schutz vor Spaltung
Yudhiṣṭhira fragt nach dem Verhalten der Gaṇas (Genossenschaften, Stammesverbände) und wie sie ungespalten bleiben; Bhīṣma nennt Gier und Zorn als Quellen der Zwietracht und den Zusammenhalt als Grundlage des Gedeihens.
yudhiṣṭhira uvāca; brāhmaṇakṣatriyaviśāṃ śūdrāṇāṃ ca paraṃtapa; dharmo vṛttaṃ ca vṛttiś ca vṛttyupāyaphalāni ca
Yudhiṣṭhira sprach: „Über die Brāhmaṇas, Kṣatriyas, Vaiśyas und Śūdras, du Bezwinger der Feinde, [möchte ich hören:] die Pflicht, die Lebensweise, den Lebensunterhalt sowie die Mittel und Früchte des Lebensunterhalts;
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf. 3.Sg.)
brāhmaṇakṣatriyaviśāṃ śūdrāṇāṃ ca
der Brāhmaṇas, Kṣatriyas, Vaiśyas und der Śūdras (Gen.Pl., Dvandva)
paraṃtapa
du Feindebezwinger (Vok.Sg.)
dharmo vṛttaṃ ca
die Pflicht und die Lebensführung (Nom.Sg.)
vṛttiś ca
und der Lebensunterhalt (Nom.Sg.)
vṛttyupāyaphalāni ca
und die Mittel und Früchte des Lebensunterhalts (Nom.Pl., Kompositum)
samahīnādhikānāṃ ca yathāval lakṣaṇoccayaḥ; madhyamasya ca tuṣṭyarthaṃ yathā stheyaṃ vivardhatā
die vollständige Zusammenstellung der Merkmale der Gleichen, Unterlegenen und Überlegenen, und wie einer, der [selbst] wachsen will, [sich] zur Zufriedenstellung des Mittleren verhalten soll,
Wort für Wort
samahīnādhikānāṃ ca
und der Gleichen, Geringeren und Höheren (Gen.Pl.)
yathāval lakṣaṇoccayaḥ
die sachgemäße Zusammenstellung der Merkmale (Nom.Sg.)
madhyamasya ca tuṣṭyartham
und zur Zufriedenstellung des Mittleren (Gen.Sg., Adv.)
yathā stheyaṃ
wie man sich verhalten [bzw. stehen] soll (Gerundiv n.)
vivardhatā
von einem, der wächst (Part.Präs. Instr.Sg.)
Zeile verdichtet; stheyam als „sich zu verhalten“ gefasst.
kṣīṇasaṃgrahavṛttiś ca yathāvat saṃprakīrtitā; laghunādeśarūpeṇa granthayogena bhārata
und das Verhalten zur Erhaltung der Geschwächten ist [von dir] sachgemäß dargelegt worden, in kurzer Anweisungsform und als zusammenhängende Darlegung, Bhārata.
Wort für Wort
kṣīṇasaṃgrahavṛttiś ca
und das Verhalten der Aufnahme [bzw. Stützung] der Geschwächten (Nom.Sg., Kompositum)
yathāvat saṃprakīrtitā
sachgemäß dargelegt (Part.Pass. Nom.Sg.f.)
laghunādeśarūpeṇa
in Form einer knappen Anweisung (Instr.Sg.)
granthayogena
durch [zusammenhängende] Textverbindung (Instr.Sg.)
bhārata
Bhārata (Vok.Sg.)
Bedeutung von kṣīṇasaṃgraha und granthayoga unsicher.
Und ebenso ist das Verhalten des Siegeswilligen gesagt worden. Nun möchte ich das Verhalten der Gaṇas [Genossenschaften/Stammesrepubliken] hören, du Bester der Klugen.
Wort für Wort
vijigīṣos tathāvṛttam
das Verhalten des Siegeswilligen ebenso (Gen.Sg./Nom.Sg.)
uktaṃ caiva tathaiva te
ist auch gesagt worden, ebenso von dir (Part.Pass./Instr. bzw. Dat.)
gaṇānāṃ vṛttim
das Verhalten der Gaṇas (Gen.Pl./Akk.Sg.)
icchāmi śrotum
ich möchte hören (1.Sg.Präs./Inf.)
matimatāṃ vara
du Bester der Verständigen (Vok.Sg.)
te: „von dir“ oder „dir“ möglich; dem Kontext nach passivisch.
bhīṣma uvāca; gaṇānāṃ ca kulānāṃ ca rājñāṃ ca bharatarṣabha; vairasaṃdīpanāv etau lobhāmarṣau janādhipa
Bhīṣma sprach: „Von Gaṇas und Familien und Königen, du Stier der Bharatas, sind diese beiden die Entfacher der Feindschaft, Herrscher der Menschen: Habgier und Zorn.
Durch Späher, Rat, Macht und Nehmen [von Gaben], durch Versöhnung, Gabe und Entzweiung, durch Schwund, Aufwand, Furcht und [andere] Mittel schwächen sie einander.
Wort für Wort
cāramantrabalādānaiḥ
durch Späher, Rat, Kraft und Nehmen (Instr.Pl.)
sāmadānavibhedanaiḥ
durch Versöhnung, Gabe und Spaltung (Instr.Pl.)
kṣayavyayabhayopāyaiḥ
durch Schwund, Aufwand, Furcht und Mittel (Instr.Pl.)
Durch Spaltung gehen die Gaṇas zugrunde; gespalten werden sie von den Feinden leicht [zu Fall gebracht/umgarnt]. Darum sollen die Gaṇas stets bemüht sein, den Zusammenhalt zu bewahren.
Wort für Wort
bhedād gaṇā vinaśyanti
durch Spaltung gehen die Gaṇas zugrunde (Abl.Sg./3.Pl.)
bhinnāḥ sūpajapāḥ paraiḥ
gespalten sind sie leicht zu beeinflussen durch Feinde (Nom.Pl./Instr.Pl.)
tasmāt saṃghātayogeṣu
darum in Angelegenheiten des Zusammenhalts (Lok.Pl.)
arthā hy evādhigamyante saṃghātabalapauruṣāt; bāhyāś ca maitrīṃ kurvanti teṣu saṃghātavṛttiṣu
Denn Güter werden durch die Kraft und Mannhaftigkeit des Zusammenhalts erlangt, und Außenstehende schließen Freundschaft mit denen, die auf Zusammenhalt bauen.
Wort für Wort
arthā hy evādhigamyante
Güter nämlich werden erlangt (Nom.Pl./3.Pl.Pass.)
saṃghātabalapauruṣāt
durch Kraft und Mannhaftigkeit des Zusammenhalts (Abl.Sg.)
bāhyāś ca maitrīṃ kurvanti
und Außenstehende schließen Freundschaft (Nom.Pl./Akk.Sg./3.Pl.)
Die Geheimhaltung des Rates liegt bei den Führenden, und [auch] die Späherei, Bezwinger der Feinde; nicht dürfen die Gaṇas den Rat vollständig hören, Bhārata.
Wort für Wort
mantraguptiḥ pradhāneṣu
die Wahrung des Rates liegt bei den Führenden (Nom.Sg./Lok.Pl.)
cāraś cāmitrakarśana
und der Späher, Feindebezwinger (Nom.Sg./Vok.Sg.)
na gaṇāḥ kṛtsnaśo mantram
nicht die Gaṇas den Rat vollständig (Nom.Pl./Adv./Akk.Sg.)
gaṇamukhyais tu saṃbhūya kāryaṃ gaṇahitaṃ mithaḥ; pṛthag gaṇasya bhinnasya vimatasya tato 'nyathā; arthāḥ pratyavasīdanti tathānarthā bhavanti ca
Was aber dem Wohl des Gaṇa dient, ist gemeinsam von den Häuptern der Gaṇas zu tun; bei einem Gaṇa, der einzeln, gespalten und uneins ist, gehen dagegen die Angelegenheiten zugrunde, und Unheil entsteht.
Wort für Wort
gaṇamukhyais tu saṃbhūya
aber von den Häuptern der Gaṇas, vereint (Instr.Pl./Abs.)
kāryaṃ gaṇahitaṃ mithaḥ
das dem Gaṇa Nützliche ist zu tun, gemeinsam (Gerundiv/Adv.)
pṛthag gaṇasya bhinnasya
bei einem einzeln [handelnden], gespaltenen Gaṇa (Gen.Sg.)
vimatasya tato 'nyathā
der uneins ist, dann anders (Gen.Sg./Adv.)
arthāḥ pratyavasīdanti
die Angelegenheiten sinken dahin (Nom.Pl./3.Pl.)
tathānarthā bhavanti ca
und so entstehen Unheile (Nom.Pl./3.Pl.)
Der Ausdruck pṛthag ... tato 'nyathā ist knapp und in der Konstruktion unsicher [?].
teṣām anyonyabhinnānāṃ svaśaktim anutiṣṭhatām; nigrahaḥ paṇḍitaiḥ kāryaḥ kṣipram eva pradhānataḥ
Diejenigen von ihnen, die untereinander gespalten sind und [nur] ihre eigene Macht verfolgen, sollen die Weisen, vor allem die Führenden, rasch bändigen.
Wort für Wort
teṣām anyonyabhinnānām
von ihnen, die gegenseitig gespalten sind (Gen.Pl.)
svaśaktim anutiṣṭhatām
die die eigene Macht verfolgen (Part. Gen.Pl.)
nigrahaḥ paṇḍitaiḥ kāryaḥ
Bändigung ist von Weisen zu vollziehen (Nom.Sg./Instr.Pl./Gerundiv)
akasmāt krodhalobhād vā mohād vāpi svabhāvajāt; anyonyaṃ nābhibhāṣante tat parābhavalakṣaṇam
Wenn sie plötzlich, aus Zorn oder Gier oder aus Verblendung oder angeborener Art, nicht miteinander sprechen, so ist das ein Kennzeichen des Untergangs.
Wort für Wort
akasmāt krodhalobhād vā
plötzlich, aus Zorn oder Gier (Abl.)
mohād vāpi svabhāvajāt
oder auch aus Verblendung, aus Naturanlage entstanden (Abl.Sg.)
anyonyaṃ nābhibhāṣante
sprechen einander nicht an (Adv./3.Pl.Med.)
tat parābhavalakṣaṇam
das ist ein Kennzeichen des Untergangs (Nom.Sg.n.)