Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 108: gaṇavṛtti Das Verhalten der Gaṇas: Eintracht, Geheimhaltung und Schutz vor Spaltung

Yudhiṣṭhira fragt nach dem Verhalten der Gaṇas (Genossenschaften, Stammesverbände) und wie sie ungespalten bleiben; Bhīṣma nennt Gier und Zorn als Quellen der Zwietracht und den Zusammenhalt als Grundlage des Gedeihens.

yudhiṣṭhira uvāca; brāhmaṇakṣatriyaviśāṃ śūdrāṇāṃ ca paraṃtapa; dharmo vṛttaṃ ca vṛttiś ca vṛttyupāyaphalāni ca

Yudhiṣṭhira sprach: „Über die Brāhmaṇas, Kṣatriyas, Vaiśyas und Śūdras, du Bezwinger der Feinde, [möchte ich hören:] die Pflicht, die Lebensweise, den Lebensunterhalt sowie die Mittel und Früchte des Lebensunterhalts;

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf. 3.Sg.)
brāhmaṇakṣatriyaviśāṃ śūdrāṇāṃ ca
der Brāhmaṇas, Kṣatriyas, Vaiśyas und der Śūdras (Gen.Pl., Dvandva)
paraṃtapa
du Feindebezwinger (Vok.Sg.)
dharmo vṛttaṃ ca
die Pflicht und die Lebensführung (Nom.Sg.)
vṛttiś ca
und der Lebensunterhalt (Nom.Sg.)
vṛttyupāyaphalāni ca
und die Mittel und Früchte des Lebensunterhalts (Nom.Pl., Kompositum)

rājñāṃ vṛttaṃ ca kośaś ca kośasaṃjananaṃ mahat; amātyaguṇavṛddhiś ca prakṛtīnāṃ ca vardhanam

die Lebensweise der Könige und der Schatz sowie die reiche Mehrung des Schatzes, das Wachsen der Vorzüge der Minister und das Gedeihen der Untertanen,

Wort für Wort
rājñāṃ vṛttaṃ ca
und das Verhalten der Könige (Gen.Pl./Nom.Sg.)
kośaś ca
und der Schatz (Nom.Sg.)
kośasaṃjananaṃ mahat
die große Schatzmehrung (Nom.Sg.n.)
amātyaguṇavṛddhiś ca
und das Wachsen der Vorzüge der Minister (Nom.Sg., Kompositum)
prakṛtīnāṃ ca vardhanam
und das Gedeihen der Untertanen [bzw. Staatsglieder] (Gen.Pl./Nom.Sg.)

prakṛti hier als Untertanen/Staatsglieder gefasst.

ṣāḍguṇyaguṇakalpaś ca senānītis tathaiva ca; duṣṭasya ca parijñānam aduṣṭasya ca lakṣaṇam

die Ordnung der sechs Maßnahmen [der Außenpolitik] und ebenso das Heerführertum, das Erkennen des Bösen und das Kennzeichen des Nichtbösen,

Wort für Wort
ṣāḍguṇyaguṇakalpaś ca
und die Anwendung der sechs Maßnahmen (Nom.Sg., Kompositum)
senānītis tathaiva ca
und ebenso die Heerführung (Nom.Sg.)
duṣṭasya ca parijñānam
und das Erkennen des Schlechten (Gen.Sg./Nom.Sg.)
aduṣṭasya ca lakṣaṇam
und das Merkmal des Nichtschlechten (Gen.Sg./Nom.Sg.)

samahīnādhikānāṃ ca yathāval lakṣaṇoccayaḥ; madhyamasya ca tuṣṭyarthaṃ yathā stheyaṃ vivardhatā

die vollständige Zusammenstellung der Merkmale der Gleichen, Unterlegenen und Überlegenen, und wie einer, der [selbst] wachsen will, [sich] zur Zufriedenstellung des Mittleren verhalten soll,

Wort für Wort
samahīnādhikānāṃ ca
und der Gleichen, Geringeren und Höheren (Gen.Pl.)
yathāval lakṣaṇoccayaḥ
die sachgemäße Zusammenstellung der Merkmale (Nom.Sg.)
madhyamasya ca tuṣṭyartham
und zur Zufriedenstellung des Mittleren (Gen.Sg., Adv.)
yathā stheyaṃ
wie man sich verhalten [bzw. stehen] soll (Gerundiv n.)
vivardhatā
von einem, der wächst (Part.Präs. Instr.Sg.)

Zeile verdichtet; stheyam als „sich zu verhalten“ gefasst.

kṣīṇasaṃgrahavṛttiś ca yathāvat saṃprakīrtitā; laghunādeśarūpeṇa granthayogena bhārata

und das Verhalten zur Erhaltung der Geschwächten ist [von dir] sachgemäß dargelegt worden, in kurzer Anweisungsform und als zusammenhängende Darlegung, Bhārata.

Wort für Wort
kṣīṇasaṃgrahavṛttiś ca
und das Verhalten der Aufnahme [bzw. Stützung] der Geschwächten (Nom.Sg., Kompositum)
yathāvat saṃprakīrtitā
sachgemäß dargelegt (Part.Pass. Nom.Sg.f.)
laghunādeśarūpeṇa
in Form einer knappen Anweisung (Instr.Sg.)
granthayogena
durch [zusammenhängende] Textverbindung (Instr.Sg.)
bhārata
Bhārata (Vok.Sg.)

Bedeutung von kṣīṇasaṃgraha und granthayoga unsicher.

vijigīṣos tathāvṛttam uktaṃ caiva tathaiva te; gaṇānāṃ vṛttim icchāmi śrotuṃ matimatāṃ vara

Und ebenso ist das Verhalten des Siegeswilligen gesagt worden. Nun möchte ich das Verhalten der Gaṇas [Genossenschaften/Stammesrepubliken] hören, du Bester der Klugen.

Wort für Wort
vijigīṣos tathāvṛttam
das Verhalten des Siegeswilligen ebenso (Gen.Sg./Nom.Sg.)
uktaṃ caiva tathaiva te
ist auch gesagt worden, ebenso von dir (Part.Pass./Instr. bzw. Dat.)
gaṇānāṃ vṛttim
das Verhalten der Gaṇas (Gen.Pl./Akk.Sg.)
icchāmi śrotum
ich möchte hören (1.Sg.Präs./Inf.)
matimatāṃ vara
du Bester der Verständigen (Vok.Sg.)

te: „von dir“ oder „dir“ möglich; dem Kontext nach passivisch.

yathā gaṇāḥ pravardhante na bhidyante ca bhārata; arīn hi vijigīṣante suhṛdaḥ prāpnuvanti ca

Wie die Gaṇas wachsen und nicht gespalten werden, Bhārata, [wie] sie die Feinde besiegen wollen und Freunde gewinnen –

Wort für Wort
yathā gaṇāḥ pravardhante
wie die Gaṇas wachsen (3.Pl.Präs. Med.)
na bhidyante ca
und nicht gespalten werden (3.Pl.Präs. Pass.)
bhārata
Bhārata (Vok.Sg.)
arīn hi vijigīṣante
die Feinde nämlich wollen sie besiegen (Akk.Pl./3.Pl.Desid.)
suhṛdaḥ prāpnuvanti ca
und Freunde erlangen sie (Akk.Pl./3.Pl.Präs.)

bhedamūlo vināśo hi gaṇānām upalabhyate; mantrasaṃvaraṇaṃ duḥkhaṃ bahūnām iti me matiḥ

Denn Zwietracht als Wurzel des Untergangs der Gaṇas wird erkannt; und das Geheimhalten des Rates ist bei Vielen schwierig, so ist meine Ansicht.

Wort für Wort
bhedamūlo vināśo hi
denn der Untergang hat die Spaltung zur Wurzel (Nom.Sg.)
gaṇānām upalabhyate
bei den Gaṇas wird [er] wahrgenommen (Gen.Pl./3.Sg.Pass.)
mantrasaṃvaraṇaṃ duḥkham
das Verbergen des Rates ist schwer (Nom.Sg.n.)
bahūnām
bei Vielen (Gen.Pl.)
iti me matiḥ
so ist meine Meinung (Nom.Sg.)

etad icchāmy ahaṃ śrotuṃ nikhilena paraṃtapa; yathā ca te na bhidyeraṃs tac ca me brūhi pārthiva

Dies möchte ich vollständig hören, Bezwinger der Feinde, und wie sie nicht gespalten würden, das sage mir, Herrscher.

Wort für Wort
etad icchāmy ahaṃ śrotum
dies möchte ich hören (1.Sg.Präs./Inf.)
nikhilena paraṃtapa
vollständig, du Feindebezwinger (Instr./Vok.)
yathā ca te na bhidyeraṃs
und wie sie nicht gespalten würden (3.Pl.Opt.Pass.)
tac ca me brūhi pārthiva
und das sage mir, Fürst (Imp.2.Sg./Vok.)

bhīṣma uvāca; gaṇānāṃ ca kulānāṃ ca rājñāṃ ca bharatarṣabha; vairasaṃdīpanāv etau lobhāmarṣau janādhipa

Bhīṣma sprach: „Von Gaṇas und Familien und Königen, du Stier der Bharatas, sind diese beiden die Entfacher der Feindschaft, Herrscher der Menschen: Habgier und Zorn.

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf. 3.Sg.)
gaṇānāṃ ca kulānāṃ ca rājñāṃ ca
der Gaṇas, der Familien und der Könige (Gen.Pl.)
bharatarṣabha
Stier der Bharatas (Vok.Sg.)
vairasaṃdīpanāv etau
diese beiden Entflammer der Feindschaft (Nom.Du.)
lobhāmarṣau
Gier und Zorn (Nom.Du.)
janādhipa
Herr der Menschen (Vok.Sg.)

lobham eko hi vṛṇute tato 'marṣam anantaram; tau kṣayavyayasaṃyuktāv anyonyajanitāśrayau

Einer nämlich ergreift die Habgier, danach den Zorn; beide sind mit Schwund und Aufwand verbunden und aus einander erzeugt und gestützt.

Wort für Wort
lobham eko hi vṛṇute
Gier nämlich wählt einer (Akk.Sg./3.Sg.Med.)
tato 'marṣam anantaram
danach unmittelbar den Zorn (Adv./Akk.Sg.)
tau kṣayavyayasaṃyuktau
diese beiden sind mit Verlust und Aufwand verbunden (Nom.Du.)
anyonyajanitāśrayau
gegenseitig erzeugt und Stütze [seiend] (Nom.Du.)

Zeile syntaktisch knapp; ekaḥ als „jemand/einer“ gefasst [?].

cāramantrabalādānaiḥ sāmadānavibhedanaiḥ; kṣayavyayabhayopāyaiḥ karśayantītaretaram

Durch Späher, Rat, Macht und Nehmen [von Gaben], durch Versöhnung, Gabe und Entzweiung, durch Schwund, Aufwand, Furcht und [andere] Mittel schwächen sie einander.

Wort für Wort
cāramantrabalādānaiḥ
durch Späher, Rat, Kraft und Nehmen (Instr.Pl.)
sāmadānavibhedanaiḥ
durch Versöhnung, Gabe und Spaltung (Instr.Pl.)
kṣayavyayabhayopāyaiḥ
durch Schwund, Aufwand, Furcht und Mittel (Instr.Pl.)
karśayanty itaretaram
sie zehren einander aus (3.Pl.Kaus.)

tatra dānena bhidyante gaṇāḥ saṃghātavṛttayaḥ; bhinnā vimanasaḥ sarve gacchanty arivaśaṃ bhayāt

Dabei werden die Gaṇas, die auf Zusammenhalt beruhen, durch Gaben gespalten; gespalten und verstört gehen alle aus Furcht in die Gewalt der Feinde.

Wort für Wort
tatra dānena bhidyante
dabei werden durch Gabe gespalten (Instr.Sg./3.Pl.Pass.)
gaṇāḥ saṃghātavṛttayaḥ
die Gaṇas, deren Lebensweise der Zusammenhalt ist (Nom.Pl.)
bhinnā vimanasaḥ sarve
gespalten, mutlos, alle (Nom.Pl.)
gacchanty arivaśaṃ bhayāt
gehen in die Gewalt der Feinde aus Furcht (3.Pl./Akk.Sg./Abl.Sg.)

bhedād gaṇā vinaśyanti bhinnāḥ sūpajapāḥ paraiḥ; tasmāt saṃghātayogeṣu prayateran gaṇāḥ sadā

Durch Spaltung gehen die Gaṇas zugrunde; gespalten werden sie von den Feinden leicht [zu Fall gebracht/umgarnt]. Darum sollen die Gaṇas stets bemüht sein, den Zusammenhalt zu bewahren.

Wort für Wort
bhedād gaṇā vinaśyanti
durch Spaltung gehen die Gaṇas zugrunde (Abl.Sg./3.Pl.)
bhinnāḥ sūpajapāḥ paraiḥ
gespalten sind sie leicht zu beeinflussen durch Feinde (Nom.Pl./Instr.Pl.)
tasmāt saṃghātayogeṣu
darum in Angelegenheiten des Zusammenhalts (Lok.Pl.)
prayateran gaṇāḥ sadā
sollen sich bemühen die Gaṇas stets (3.Pl.Opt.)

sūpajapa: „leicht zu entzweien/beeinflussen“ [?].

arthā hy evādhigamyante saṃghātabalapauruṣāt; bāhyāś ca maitrīṃ kurvanti teṣu saṃghātavṛttiṣu

Denn Güter werden durch die Kraft und Mannhaftigkeit des Zusammenhalts erlangt, und Außenstehende schließen Freundschaft mit denen, die auf Zusammenhalt bauen.

Wort für Wort
arthā hy evādhigamyante
Güter nämlich werden erlangt (Nom.Pl./3.Pl.Pass.)
saṃghātabalapauruṣāt
durch Kraft und Mannhaftigkeit des Zusammenhalts (Abl.Sg.)
bāhyāś ca maitrīṃ kurvanti
und Außenstehende schließen Freundschaft (Nom.Pl./Akk.Sg./3.Pl.)
teṣu saṃghātavṛttiṣu
mit jenen, die vom Zusammenhalt leben (Lok.Pl.)

jñānavṛddhān praśaṃsantaḥ śuśrūṣantaḥ parasparam; vinivṛttābhisaṃdhānāḥ sukham edhanti sarvaśaḥ

Sie preisen die an Wissen Reichen, dienen einander, haben ihre feindseligen Pläne aufgegeben und gedeihen in jeder Hinsicht glücklich.

Wort für Wort
jñānavṛddhān praśaṃsantaḥ
die Wissensälteren preisend (Akk.Pl./Part.Präs.)
śuśrūṣantaḥ parasparam
einander zu Diensten seiend (Part.Desid./Adv.)
vinivṛttābhisaṃdhānāḥ
von Hintergedanken [bzw. Tücke] abgelassen habend (Nom.Pl., Kompositum)
sukham edhanti sarvaśaḥ
gedeihen glücklich allseits (3.Pl.Präs./Adv.)

dharmiṣṭhān vyavahārāṃś ca sthāpayantaś ca śāstrataḥ; yathāvat saṃpravartanto vivardhante gaṇottamāḥ

Sie gründen die rechtschaffensten Rechtsverfahren nach der Lehrschrift, setzen sie sachgemäß in Gang und gedeihen als die Besten der Gaṇas.

Wort für Wort
dharmiṣṭhān vyavahārāṃś ca
und die rechtschaffensten Verfahren (Akk.Pl.)
sthāpayantaś ca śāstrataḥ
und aufstellend nach der Lehre (Part.Kaus./Adv.)
yathāvat saṃpravartantaḥ
sachgemäß verfahrend (Part.Präs.)
vivardhante gaṇottamāḥ
gedeihen als die vorzüglichsten Gaṇas (3.Pl./Nom.Pl.)

putrān bhrātṝn nigṛhṇanto vinaye ca sadā ratāḥ; vinītāṃś ca pragṛhṇanto vivardhante gaṇottamāḥ

Sie halten Söhne und Brüder im Zaum, sind stets der Zucht ergeben und fördern die Wohlerzogenen; so gedeihen sie als die vorzüglichsten Gaṇas.

Wort für Wort
putrān bhrātṝn nigṛhṇantaḥ
Söhne und Brüder zügelnd (Akk.Pl./Part.Präs.)
vinaye ca sadā ratāḥ
und stets an Zucht Freude habend (Lok.Sg./Nom.Pl.)
vinītāṃś ca pragṛhṇantaḥ
und die Wohlerzogenen fördernd (Akk.Pl./Part.)
vivardhante gaṇottamāḥ
gedeihen als die vorzüglichsten Gaṇas (3.Pl./Nom.Pl.)

cāramantravidhāneṣu kośasaṃnicayeṣu ca; nityayuktā mahābāho vardhante sarvato gaṇāḥ

In den Vorkehrungen mit Spähern und Rat und im Anhäufen des Schatzes stets eifrig, Starkarmiger, gedeihen die Gaṇas allseits.

Wort für Wort
cāramantravidhāneṣu
in den Einrichtungen von Spähern und Rat (Lok.Pl.)
kośasaṃnicayeṣu ca
und in den Schatzansammlungen (Lok.Pl.)
nityayuktā mahābāho
stets eifrig, Großarmiger (Nom.Pl./Vok.Sg.)
vardhante sarvato gaṇāḥ
gedeihen allseits die Gaṇas (3.Pl./Adv./Nom.Pl.)

prājñāñ śūrān maheṣvāsān karmasu sthirapauruṣān; mānayantaḥ sadā yuktā vivardhante gaṇā nṛpa

Weise, Helden, große Bogenschützen, in Taten standhaft Mannhafte ehrend, stets tüchtig, gedeihen die Gaṇas, König.

Wort für Wort
prājñāñ śūrān maheṣvāsān
Weise, Helden, große Bogenschützen (Akk.Pl.)
karmasu sthirapauruṣān
in Taten von festem Mannesmut (Lok.Pl./Akk.Pl.)
mānayantaḥ sadā yuktāḥ
ehrend, stets bereit (Part.Kaus./Nom.Pl.)
vivardhante gaṇā nṛpa
gedeihen die Gaṇas, König (3.Pl./Nom.Pl./Vok.Sg.)

dravyavantaś ca śūrāś ca śastrajñāḥ śāstrapāragāḥ; kṛcchrāsv āpatsu saṃmūḍhān gaṇān uttārayanti te

Die Vermögenden, Helden, Waffenkundigen und in den Lehrschriften Bewanderten führen die Gaṇas, die in schweren Nöten verwirrt sind, hinüber.

Wort für Wort
dravyavantaś ca śūrāś ca
die Wohlhabenden und die Helden (Nom.Pl.)
śastrajñāḥ śāstrapāragāḥ
Waffenkundige, in den Lehren Bewanderte (Nom.Pl.)
kṛcchrāsv āpatsu saṃmūḍhān
in schweren Nöten Verwirrte (Lok.Pl./Akk.Pl.)
gaṇān uttārayanti te
die Gaṇas führen sie hinüber (Akk.Pl./3.Pl.Kaus.)

krodho bhedo bhayo daṇḍaḥ karśanaṃ nigraho vadhaḥ; nayanty arivaśaṃ sadyo gaṇān bharatasattama

Zorn, Spaltung, Schrecken, Strafe, Auszehrung, Fesselung und Tötung bringen die Gaṇas sogleich in die Gewalt der Feinde, bester der Bharatas.

Wort für Wort
krodho bhedo bhayo daṇḍaḥ
Zorn, Spaltung, Furcht, Strafe (Nom.Sg.)
karśanaṃ nigraho vadhaḥ
Auszehrung, Bändigung, Tötung (Nom.Sg.)
nayanty arivaśaṃ sadyaḥ
führen in die Gewalt der Feinde sogleich (3.Pl./Akk.Sg./Adv.)
gaṇān bharatasattama
die Gaṇas, du Bester der Bharatas (Akk.Pl./Vok.Sg.)

bhayo (m.) für bhayam; Lesart [?].

tasmān mānayitavyās te gaṇamukhyāḥ pradhānataḥ; lokayātrā samāyattā bhūyasī teṣu pārthiva

Darum sind jene Vorsteher der Gaṇas vor allem zu ehren, Fürst; denn der Ablauf des Weltlebens hängt in hohem Maße von ihnen ab.

Wort für Wort
tasmān mānayitavyās te
darum sind jene zu ehren (Gerundiv Nom.Pl.)
gaṇamukhyāḥ pradhānataḥ
die Häupter der Gaṇas, vorrangig (Nom.Pl./Adv.)
lokayātrā samāyattā
der Weltlauf ist abhängig (Nom.Sg.f.)
bhūyasī teṣu pārthiva
in hohem Maß von ihnen, Fürst (Nom.Sg.f./Lok.Pl./Vok.)

mantraguptiḥ pradhāneṣu cāraś cāmitrakarśana; na gaṇāḥ kṛtsnaśo mantraṃ śrotum arhanti bhārata

Die Geheimhaltung des Rates liegt bei den Führenden, und [auch] die Späherei, Bezwinger der Feinde; nicht dürfen die Gaṇas den Rat vollständig hören, Bhārata.

Wort für Wort
mantraguptiḥ pradhāneṣu
die Wahrung des Rates liegt bei den Führenden (Nom.Sg./Lok.Pl.)
cāraś cāmitrakarśana
und der Späher, Feindebezwinger (Nom.Sg./Vok.Sg.)
na gaṇāḥ kṛtsnaśo mantram
nicht die Gaṇas den Rat vollständig (Nom.Pl./Adv./Akk.Sg.)
śrotum arhanti bhārata
dürfen hören, Bhārata (Inf./3.Pl./Vok.)

gaṇamukhyais tu saṃbhūya kāryaṃ gaṇahitaṃ mithaḥ; pṛthag gaṇasya bhinnasya vimatasya tato 'nyathā; arthāḥ pratyavasīdanti tathānarthā bhavanti ca

Was aber dem Wohl des Gaṇa dient, ist gemeinsam von den Häuptern der Gaṇas zu tun; bei einem Gaṇa, der einzeln, gespalten und uneins ist, gehen dagegen die Angelegenheiten zugrunde, und Unheil entsteht.

Wort für Wort
gaṇamukhyais tu saṃbhūya
aber von den Häuptern der Gaṇas, vereint (Instr.Pl./Abs.)
kāryaṃ gaṇahitaṃ mithaḥ
das dem Gaṇa Nützliche ist zu tun, gemeinsam (Gerundiv/Adv.)
pṛthag gaṇasya bhinnasya
bei einem einzeln [handelnden], gespaltenen Gaṇa (Gen.Sg.)
vimatasya tato 'nyathā
der uneins ist, dann anders (Gen.Sg./Adv.)
arthāḥ pratyavasīdanti
die Angelegenheiten sinken dahin (Nom.Pl./3.Pl.)
tathānarthā bhavanti ca
und so entstehen Unheile (Nom.Pl./3.Pl.)

Der Ausdruck pṛthag ... tato 'nyathā ist knapp und in der Konstruktion unsicher [?].

teṣām anyonyabhinnānāṃ svaśaktim anutiṣṭhatām; nigrahaḥ paṇḍitaiḥ kāryaḥ kṣipram eva pradhānataḥ

Diejenigen von ihnen, die untereinander gespalten sind und [nur] ihre eigene Macht verfolgen, sollen die Weisen, vor allem die Führenden, rasch bändigen.

Wort für Wort
teṣām anyonyabhinnānām
von ihnen, die gegenseitig gespalten sind (Gen.Pl.)
svaśaktim anutiṣṭhatām
die die eigene Macht verfolgen (Part. Gen.Pl.)
nigrahaḥ paṇḍitaiḥ kāryaḥ
Bändigung ist von Weisen zu vollziehen (Nom.Sg./Instr.Pl./Gerundiv)
kṣipram eva pradhānataḥ
rasch, und zwar vorrangig (Adv.)

kuleṣu kalahā jātāḥ kulavṛddhair upekṣitāḥ; gotrasya rājan kurvanti gaṇasaṃbhedakārikām

Streitigkeiten, die in Familien entstanden sind und von den Familienältesten übersehen wurden, bewirken, König, die Spaltung des Gaṇa der Sippe.

Wort für Wort
kuleṣu kalahā jātāḥ
in den Familien entstandene Streitigkeiten (Lok.Pl./Nom.Pl.)
kulavṛddhair upekṣitāḥ
von den Familienältesten außer Acht gelassen (Instr.Pl./Part.Pass.)
gotrasya rājan
der Sippe, König (Gen.Sg./Vok.Sg.)
kurvanti gaṇasaṃbhedakārikām
bewirken die Spaltung des Gaṇa (3.Pl./Akk.Sg.f.)

gotrasya wohl zu gaṇa gezogen; Konstruktion [?].

ābhyantaraṃ bhayaṃ rakṣyaṃ surakṣyaṃ bāhyato bhayam; abhyantarād bhayaṃ jātaṃ sadyo mūlaṃ nikṛntati

Die innere Furcht ist zu hüten; die Furcht von außen ist leicht zu hüten. Die aus dem Innern entstandene Furcht schneidet sogleich die Wurzel ab.

Wort für Wort
ābhyantaraṃ bhayaṃ rakṣyam
die innere Furcht ist zu bewachen (Nom.Sg.n./Gerundiv)
surakṣyaṃ bāhyato bhayam
leicht zu bewachen ist die Furcht von außen (Nom.Sg.n./Adv.)
abhyantarād bhayaṃ jātam
aus dem Innern entstandene Furcht (Abl.Sg./Nom.Sg.)
sadyo mūlaṃ nikṛntati
schneidet sogleich die Wurzel ab (Adv./Akk.Sg./3.Sg.Präs.)

akasmāt krodhalobhād vā mohād vāpi svabhāvajāt; anyonyaṃ nābhibhāṣante tat parābhavalakṣaṇam

Wenn sie plötzlich, aus Zorn oder Gier oder aus Verblendung oder angeborener Art, nicht miteinander sprechen, so ist das ein Kennzeichen des Untergangs.

Wort für Wort
akasmāt krodhalobhād vā
plötzlich, aus Zorn oder Gier (Abl.)
mohād vāpi svabhāvajāt
oder auch aus Verblendung, aus Naturanlage entstanden (Abl.Sg.)
anyonyaṃ nābhibhāṣante
sprechen einander nicht an (Adv./3.Pl.Med.)
tat parābhavalakṣaṇam
das ist ein Kennzeichen des Untergangs (Nom.Sg.n.)

jātyā ca sadṛśāḥ sarve kulena sadṛśās tathā; na tu śauryeṇa buddhyā vā rūpadravyeṇa vā punaḥ

Nach Herkunft sind alle gleich, ebenso nach Familie; nicht aber an Tapferkeit oder Einsicht oder wiederum an Aussehen und Besitz.

Wort für Wort
jātyā ca sadṛśāḥ sarve
und nach Geburt sind alle gleich (Instr.Sg./Nom.Pl.)
kulena sadṛśās tathā
ebenso nach Familie gleich (Instr.Sg./Nom.Pl.)
na tu śauryeṇa buddhyā vā
nicht aber an Tapferkeit oder Einsicht (Instr.Sg.)
rūpadravyeṇa vā punaḥ
oder wiederum an Gestalt und Besitz (Instr.Sg./Adv.)

Die Aussage ist elliptisch: sadṛśāḥ ist in der zweiten Zeile zu ergänzen bzw. zu verneinen.

bhedāc caiva pramādāc ca nāmyante ripubhir gaṇāḥ; tasmāt saṃghātam evāhur gaṇānāṃ śaraṇaṃ mahat

Durch Spaltung und durch Nachlässigkeit werden die Gaṇas von Feinden niedergebeugt; darum nennt man den Zusammenhalt den großen Schutz der Gaṇas.

Wort für Wort
bhedāc caiva pramādāc ca
durch Spaltung und durch Nachlässigkeit (Abl.Sg.)
nāmyante ripubhir gaṇāḥ
werden von Feinden gebeugt, die Gaṇas (3.Pl.Pass./Instr.Pl./Nom.Pl.)
tasmāt saṃghātam evāhuḥ
darum nennen sie den Zusammenhalt (Abl./Akk.Sg./3.Pl.Perf.)
gaṇānāṃ śaraṇaṃ mahat
der Gaṇas großen Schutz (Gen.Pl./Akk.Sg.n.)

nāmyante: als Passiv von nam (Kaus.) gefasst („gebeugt/unterworfen werden“) [?].

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