Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 151: śalmalyupākhyānasamāpti Nāradas Bericht an Vāyu, Śalmalis Prahlerei und Niederlage, und die Lehre daraus

Schluss der Śalmali-Erzählung: Der Wind erprobt den prahlerischen Baum, der sich selbst entlaubt; Bhīṣma zieht daraus die Lehre, dass ein Schwacher keine Feindschaft mit einem Stärkeren suchen soll, und schließt den Vortrag über Königs- und Notpflichten ab.

bhīṣma uvāca; evam uktvā tu rājendra śalmaliṃ brahmavittamaḥ; nāradaḥ pavane sarvaṃ śalmaler vākyam abravīt

Bhīṣma sprach: Nachdem er so zu Śalmali gesprochen hatte, o König der Könige, sagte Nārada, der beste Kenner des Brahman, dem Wind alles, was Śalmali gesagt hatte.

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf. 3.Sg.)
evam uktvā tu rājendra
nachdem er so gesprochen hatte, o König der Könige (Abs. Ger./Vok.)
śalmaliṃ brahmavittamaḥ nāradaḥ
zu Śalmali [gewandt], Nārada, der beste Kenner des Brahman (Akk./Nom.)
pavane sarvaṃ śalmaler vākyam abravīt
sagte dem Wind alles, Śalmalis Rede (Lok./Akk./Gen./Impf. 3.Sg.)

himavatpṛṣṭhajaḥ kaś cic chalmaliḥ parivāravān; bṛhanmūlo bṛhacchākhaḥ sa tvāṃ vāyo 'vamanyate

Ein gewisser Śalmali, auf dem Rücken des Himavat geboren, von Gefolge umgeben, mit gewaltiger Wurzel und gewaltigen Ästen, der missachtet dich, o Vāyu.

Wort für Wort
himavatpṛṣṭhajaḥ kaś cit
auf dem Rücken des Himavat geboren, irgendein (Nom. m.)
śalmaliḥ parivāravān
Śalmali(-Baum), mit Gefolge (Nom.)
bṛhanmūlo bṛhacchākhaḥ
mit großer Wurzel, mit großen Ästen (Nom., Bahuvrīhi)
sa tvāṃ vāyo 'vamanyate
er dich, o Vāyu, missachtet (Nom./Akk./Vok./3.Sg.Präs. Med.)

bahūny ākṣepayuktāni tvām āha vacanāni saḥ; na yuktāni mayā vāyo tāni vaktuṃ tvayi prabho

Viele schmähende Worte hat er zu dir gesprochen; nicht schicklich ist es, o Vāyu, o Herr, dass ich sie dir gegenüber wiederhole.

Wort für Wort
bahūny ākṣepayuktāni
viele, mit Schmähung verbunden (Akk. Pl. n.)
tvām āha vacanāni saḥ
zu dir hat gesprochen Worte er (Akk./Perf. 3.Sg./Akk. Pl./Nom.)
na yuktāni mayā vāyo
nicht schicklich von mir, o Vāyu (Nom. Pl. n./Instr./Vok.)
tāni vaktuṃ tvayi prabho
diese zu sagen dir gegenüber, o Herr (Inf./Lok./Vok.)

jānāmi tvām ahaṃ vāyo sarvaprāṇabhṛtāṃ varam; variṣṭhaṃ ca gariṣṭhaṃ ca krodhe vaivasvataṃ yathā

Ich kenne dich, o Vāyu, als den Besten aller Lebewesen, als den Vorzüglichsten und Gewichtigsten, im Zorn gleich Vaivasvata [Yama].

Wort für Wort
jānāmi tvām ahaṃ vāyo
ich kenne dich, ich, o Vāyu (1.Sg.Präs./Akk./Nom./Vok.)
sarvaprāṇabhṛtāṃ varam
als den Besten aller Lebewesen (Gen. Pl./Akk.)
variṣṭhaṃ ca gariṣṭhaṃ ca
und den Vorzüglichsten und den Gewichtigsten (Superl., Akk.)
krodhe vaivasvataṃ yathā
im Zorn wie Vaivasvata (Lok./Akk./Adv.)

evaṃ tu vacanaṃ śrutvā nāradasya samīraṇaḥ; śalmaliṃ tam upāgamya kruddho vacanam abravīt

Als Vāyu diese Rede Nāradas gehört hatte, trat er, zornig, an jenen Śalmali heran und sprach ein Wort.

Wort für Wort
evaṃ tu vacanaṃ śrutvā
nachdem er so die Rede gehört hatte (Abs. Ger.)
nāradasya samīraṇaḥ
Nāradas, der Wind (Gen./Nom.)
śalmaliṃ tam upāgamya
an jenen Śalmali herangetreten (Akk./Abs. Ger.)
kruddho vacanam abravīt
zornig sprach ein Wort (Part. Pass./Akk./Impf. 3.Sg.)

śalmale nārade yat tat tvayoktaṃ madvigarhaṇam; ahaṃ vāyuḥ prabhāvaṃ te darśayāmy ātmano balam

„Śalmali, was du über Nārada zu meiner Schmähung gesagt hast: Ich, Vāyu, werde dir meine Macht zeigen, meine [eigene] Stärke.“

Wort für Wort
śalmale nārade
o Śalmali, gegenüber Nārada (Vok./Lok.)
yat tat tvayoktaṃ madvigarhaṇam
was von dir gesagt wurde, meine Schmähung [enthaltend] (Part. Pass./Instr./Nom. n.)
ahaṃ vāyuḥ prabhāvaṃ te
ich, Vāyu, [werde] dir die Macht (Nom./Nom./Akk./Dat.)
darśayāmy ātmano balam
zeigen, meine eigene Stärke (1.Sg.Präs. Kaus./Gen./Akk.)

Der Vers ist syntaktisch locker gebaut (yat tat ... madvigarhaṇam als Vorspann).

nāhaṃ tvā nābhijānāmi viditaś cāsi me druma; pitāmahaḥ prajāsarge tvayi viśrāntavān prabhuḥ

„Ich kenne dich sehr wohl, und du bist mir bekannt, o Baum: Der Großvater [Brahmā], der Herr, hat sich bei der Erschaffung der Geschöpfe an dir ausgeruht.

Wort für Wort
nāhaṃ tvā nābhijānāmi
nicht ich dich nicht kenne (doppelte Verneinung: ich kenne dich sehr wohl)
viditaś cāsi me druma
und bekannt bist du mir, o Baum (Part. Pass./2.Sg./Vok.)
pitāmahaḥ prajāsarge
der Großvater, bei der Erschaffung der Geschöpfe (Nom./Lok.)
tvayi viśrāntavān prabhuḥ
auf/an dir ruhte aus, der Herr (Lok./Part. Perf. Akt./Nom.)

tasya viśramaṇād eva prasādo yaḥ kṛtas tava; rakṣyase tena durbuddhe nātmavīryād drumādhama

Allein durch sein Ausruhen [auf dir] ist dir die Gunst erwiesen worden; deshalb wirst du beschützt, o Törichter, nicht durch eigene Kraft, du Niedrigster der Bäume.

Wort für Wort
tasya viśramaṇād eva
gerade wegen seines Ausruhens (Gen./Abl.)
prasādo yaḥ kṛtas tava
die Gunst, die getan wurde dir (Nom./Relativ/Part. Pass./Gen.)
rakṣyase tena durbuddhe
du wirst beschützt dadurch, o Dummkopf (Pass. 2.Sg./Instr./Vok.)
nātmavīryād drumādhama
nicht durch eigene Kraft, o Niedrigster der Bäume (Abl./Vok.)

yan mā tvam avajānīṣe yathānyaṃ prākṛtaṃ tathā; darśayāmy eṣa ātmānaṃ yathā mām avabhotsyase

Dass du mich verachtest wie einen anderen, gewöhnlichen [Wicht], darum zeige ich mich [dir], damit du mich erkennen wirst.“

Wort für Wort
yan mā tvam avajānīṣe
weil mich du verachtest (Konj./Akk./Nom./2.Sg.Präs. Med.)
yathānyaṃ prākṛtaṃ tathā
wie einen anderen, gewöhnlichen, so (Akk./Akk./Adv.)
darśayāmy eṣa ātmānam
ich zeige, hier, mich selbst (1.Sg.Präs. Kaus./Akk.)
yathā mām avabhotsyase
damit du mich erkennen wirst (Konj./Akk./2.Sg.Fut. Med.)

yan mā ... tathā: Verbindung „weil ... deshalb“ frei aufgefasst.

evam uktas tataḥ prāha śalmaliḥ prahasann iva; pavana tvaṃ vane kruddho darśayātmānam ātmanā

So angesprochen, sagte darauf Śalmali, gleichsam lachend: „Wind, du [bist] im Wald zornig; zeige dich [mir] nach eigener Kraft!

Wort für Wort
evam uktas tataḥ prāha
so angesprochen, da sprach (Part. Pass./Adv./Perf. 3.Sg.)
śalmaliḥ prahasann iva
Śalmali, gleichsam lachend (Nom./Part. Präs.)
pavana tvaṃ vane kruddho
o Wind, du im Wald zornig (Vok./Nom./Lok./Part. Pass.)
darśayātmānam ātmanā
zeige dich selbst durch dich selbst (Imp. Kaus./Akk./Instr.)

mayi vai tyajyatāṃ krodhaḥ kiṃ me kruddhaḥ kariṣyasi; na te bibhemi pavana yady api tvaṃ svayaṃprabhuḥ

In mir werde der Zorn aufgegeben! Was wirst du mir, zornig, tun? Ich fürchte dich nicht, o Wind, auch wenn du selbst der Herr aus eigener Macht bist.

Wort für Wort
mayi vai tyajyatāṃ krodhaḥ
in/bei mir gewiss werde aufgegeben der Zorn (Lok./Part./Imp. Pass./Nom.)
kiṃ me kruddhaḥ kariṣyasi
was mir, zornig, wirst du tun (Akk./Dat./Part./2.Sg.Fut.)
na te bibhemi pavana
nicht vor dir fürchte ich mich, o Wind (Abl.-Gen./1.Sg.Perf.-Präs./Vok.)
yady api tvaṃ svayaṃprabhuḥ
auch wenn du selbst-mächtig bist (Nom.)

balādhiko 'haṃ tvattaś ca na bhīḥ kāryā mayā tava; ye tu buddhyā hi balinas te bhavanti balīyasaḥ; prāṇamātrabalā ye vai naiva te balino matāḥ

„Ich bin stärker als du, und keine Furcht ist von mir vor dir zu hegen. Denn die, die durch Verstand stark sind, die sind die Stärkeren; diejenigen aber, deren Stärke bloß im Lebenshauch besteht, gelten keineswegs als stark.“

Wort für Wort
balādhiko 'haṃ tvattaś ca
stärker bin ich als du (Nom./Abl.)
na bhīḥ kāryā mayā tava
keine Furcht ist zu hegen von mir vor dir (Nom. f./Gerundiv/Instr./Gen.)
ye tu buddhyā hi balinas
die aber durch Verstand Starken (Nom. Pl.)
te bhavanti balīyasaḥ
die sind stärker (3.Pl.Präs./Komp.)
prāṇamātrabalā ye vai
die, deren Stärke nur im Lebenshauch [besteht] (Bahuvrīhi)
naiva te balino matāḥ
keineswegs gelten diese als stark (Part. Pass.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers (Sternstelle). Verständnis von tava in „na bhīḥ kāryā mayā tava“ (Gen. der Objekt-Furcht) unsicher.

ity evam uktaḥ pavanaḥ śva ity evābravīd vacaḥ; darśayiṣyāmi te tejas tato rātrir upāgamat

So angesprochen, sagte der Wind das Wort: „Morgen!“ – „Ich werde dir meine Kraft zeigen.“ Dann kam die Nacht heran.

Wort für Wort
ity evam uktaḥ pavanaḥ
so angesprochen der Wind (Part. Pass./Nom.)
śva ity evābravīd vacaḥ
„Morgen“, so sprach er das Wort (Adv./Impf. 3.Sg./Akk.)
darśayiṣyāmi te tejas
ich werde dir zeigen deine Kraft/Glut (Fut. Kaus./Dat.-Gen./Akk.)
tato rātrir upāgamat
darauf kam die Nacht herbei (Adv./Nom./Aor. 3.Sg.)

tejas: eigentlich „Glut, Kraft“; te wohl als „dir“ (Dat.) [?] gelesen.

atha niścitya manasā śalmalir vātakāritam; paśyamānas tadātmānam asamaṃ mātariśvanaḥ

Da überlegte Śalmali im Geist, was der Wind bewirken könnte, und sah sich als ungleich [stark] gegenüber Mātariśvan.

Wort für Wort
atha niścitya manasā
dann nachdem er überlegt/entschieden hatte im Geist (Abs. Ger./Instr.)
śalmalir vātakāritam
Śalmali, das vom Wind Bewirkte (Nom./Akk.)
paśyamānas tadātmānam
sehend da sich selbst (Part. Präs. Med./Akk.)
asamaṃ mātariśvanaḥ
ungleich gegenüber Mātariśvan [dem Wind] (Akk./Gen.)

Die Konstruktion ist knapp; „vātakāritam“ als „vom Wind Bewirktes“ gedeutet [?].

nārade yan mayā proktaṃ pavanaṃ prati tan mṛṣā; asamartho hy ahaṃ vāyor balena balavān hi saḥ

„Was ich über Nārada zum Wind hin gesagt habe, das war falsch. Denn ich bin dem Vāyu an Kraft nicht gewachsen, er aber ist stark an Kraft.

Wort für Wort
nārade yan mayā proktaṃ
was von mir über Nārada gesagt wurde (Lok./Relativ/Instr./Part. Pass.)
pavanaṃ prati tan mṛṣā
zum Wind hin, das [ist] falsch (Präp./Nom./Adv.)
asamartho hy ahaṃ vāyor
nicht gewachsen ja ich dem Vāyu (Nom./Nom./Abl.-Gen.)
balena balavān hi saḥ
an Kraft stark ja er (Instr./Nom./Nom.)

māruto balavān nityaṃ yathainaṃ nārado 'bravīt; ahaṃ hi durbalo 'nyebhyo vṛkṣebhyo nātra saṃśayaḥ

Der Wind ist stets stark, wie Nārada ihm [es] zugeschrieben hat; ich hingegen bin schwächer als die anderen Bäume – daran ist kein Zweifel.

Wort für Wort
māruto balavān nityaṃ
der Wind ist stark, immer (Nom./Nom./Adv.)
yathainaṃ nārado 'bravīt
wie ihn Nārada sagte (Adv./Akk./Nom./Impf. 3.Sg.)
ahaṃ hi durbalo 'nyebhyo
ich aber schwach gegenüber anderen (Nom./Abl.)
vṛkṣebhyo nātra saṃśayaḥ
gegenüber den Bäumen; hier kein Zweifel (Abl./Nom.)

kiṃ tu buddhyā samo nāsti mama kaś cid vanaspatiḥ; tad ahaṃ buddhim āsthāya bhayaṃ mokṣye samīraṇāt

Doch an Verstand ist mir kein Baum gleich. Deshalb werde ich, mich auf [meinen] Verstand stützend, die Furcht vor dem Wind loswerden.

Wort für Wort
kiṃ tu buddhyā samo nāsti
doch an Verstand gleich ist nicht (Instr./Nom.)
mama kaś cid vanaspatiḥ
mir irgendein Baum (Gen./Nom.)
tad ahaṃ buddhim āsthāya
daher ich, den Verstand einsetzend (Abs. Ger.)
bhayaṃ mokṣye samīraṇāt
die Furcht werde ich ablegen vor dem Wind (Fut. Med./Abl.)

yadi tāṃ buddhim āsthāya careyuḥ parṇino vane; ariṣṭāḥ syuḥ sadā kruddhāt pavanān nātra saṃśayaḥ

Wenn die Bäume im Wald sich auf jenen Verstand stützend lebten, wären sie stets unversehrt vor dem zornigen Wind – daran ist kein Zweifel.

Wort für Wort
yadi tāṃ buddhim āsthāya
wenn jenen Verstand einsetzend (Abs. Ger.)
careyuḥ parṇino vane
sie lebten/verhielten sich, die Belaubten, im Wald (Opt. 3.Pl./Nom./Lok.)
ariṣṭāḥ syuḥ sadā kruddhāt
unversehrt wären sie stets vor dem Zornigen (Opt./Abl.)
pavanān nātra saṃśayaḥ
vor dem Wind; hier kein Zweifel (Abl./Nom.)

te 'tra bālā na jānanti yathā nainān samīraṇaḥ; samīrayeta saṃkruddho yathā jānāmy ahaṃ tathā

Diese aber, hier unreif, wissen nicht, wie der Wind sie, zornerfüllt, aufwühlen würde – wie ich es weiß.“

Wort für Wort
te 'tra bālā na jānanti
diese hier, unreif, wissen nicht (Nom. Pl./3.Pl.Präs.)
yathā nainān samīraṇaḥ
wie nicht diese der Wind (Adv./Akk. Pl./Nom.)
samīrayeta saṃkruddho
aufwühlen würde, sehr zornig (Opt. Med./Part.)
yathā jānāmy ahaṃ tathā
wie ich weiß, so (Adv./1.Sg.Präs./Nom.)

Lesart „nainān“ = na enān; der Satz „wie er sie aufwühlen würde“ ist wörtlich schwierig [?].

tato niścitya manasā śalmaliḥ kṣubhitas tadā; śākhāḥ skandhān praśākhāś ca svayam eva vyaśātayat

Dann, nachdem er im Geist entschieden hatte, warf Śalmali, aufgewühlt, aus eigenem Antrieb Äste, Stämme und Zweige ab.

Wort für Wort
tato niścitya manasā
darauf entschieden im Geist (Abs. Ger./Instr.)
śalmaliḥ kṣubhitas tadā
Śalmali, aufgewühlt, da (Nom./Part. Pass./Adv.)
śākhāḥ skandhān praśākhāś ca
Äste, Stämme und Zweige (Akk. Pl.)
svayam eva vyaśātayat
selbst eben ließ abfallen (Impf. Kaus. 3.Sg.)

sa parityajya śākhāś ca patrāṇi kusumāni ca; prabhāte vāyum āyāntaṃ pratyaikṣata vanaspatiḥ

Nachdem er die Äste, die Blätter und die Blüten abgelegt hatte, erwartete der Baum am Morgen den herankommenden Wind.

Wort für Wort
sa parityajya śākhāś ca
er, nachdem er verlassen/abgelegt hatte, die Äste (Abs. Ger./Akk.)
patrāṇi kusumāni ca
und Blätter und Blüten (Akk. Pl.)
prabhāte vāyum āyāntaṃ
am Morgen den Wind herankommend (Lok./Akk./Part. Präs.)
pratyaikṣata vanaspatiḥ
sah entgegen, der Baum (Impf. Med. 3.Sg./Nom.)

tataḥ kruddhaḥ śvasan vāyuḥ pātayan vai mahādrumān; ājagāmātha taṃ deśaṃ sthito yatra sa śalmaliḥ

Dann kam der zornige Wind, schnaubend und mächtige Bäume fällend, an jenen Ort, wo Śalmali stand.

Wort für Wort
tataḥ kruddhaḥ śvasan vāyuḥ
dann zornig, schnaubend, der Wind (Nom./Part. Präs.)
pātayan vai mahādrumān
zu Fall bringend gewiss große Bäume (Part. Kaus./Akk. Pl.)
ājagāmātha taṃ deśaṃ
kam dann zu jenem Ort (Perf. 3.Sg./Akk.)
sthito yatra sa śalmaliḥ
stehend, wo er, Śalmali (Part./Adv./Nom.)

taṃ hīnaparṇaṃ patitāgraśākhaṃ; viśīrṇapuṣpaṃ prasamīkṣya vāyuḥ; uvāca vākyaṃ smayamāna enaṃ; mudā yutaṃ śalmaliṃ rugṇaśākham

Als Vāyu ihn erblickte – ohne Blätter, mit gefallenen Wipfelästen, mit zerstreuten Blüten, mit zerschundenen Zweigen, doch von Freude erfüllt, den Śalmali –, sprach er lächelnd zu ihm.

Wort für Wort
taṃ hīnaparṇaṃ patitāgraśākhaṃ
ihn, ohne Blätter, mit gefallenen Wipfelästen (Akk., Bahuvrīhi)
viśīrṇapuṣpaṃ prasamīkṣya vāyuḥ
mit zerstreuten Blüten; nachdem er ihn angesehen hatte, Vāyu (Bahuvrīhi/Abs. Ger./Nom.)
uvāca vākyaṃ smayamāna enaṃ
sprach ein Wort, lächelnd, zu ihm (Perf. 3.Sg./Akk./Part. Med./Akk.)
mudā yutaṃ śalmaliṃ rugṇaśākham
mit Freude verbunden, Śalmali, mit gebrochenen Ästen (Instr./Part./Akk./Bahuvrīhi)

aham apy evam eva tvāṃ kurvāṇaḥ śalmale ruṣā; ātmanā yat kṛtaṃ kṛtsnaṃ śākhānām apakarṣaṇam

„Auch ich hätte dich, Śalmali, im Zorn ebenso zugerichtet; was du selbst getan hast, ist das vollständige Wegreißen der Äste.

Wort für Wort
aham apy evam eva tvāṃ
auch ich ebenso dich (Nom./Adv./Akk.)
kurvāṇaḥ śalmale ruṣā
[so] machend, o Śalmali, im Zorn (Part. Med./Vok./Instr.)
ātmanā yat kṛtaṃ kṛtsnaṃ
durch dich selbst was getan wurde, vollständig (Instr./Part. Pass./Adv.)
śākhānām apakarṣaṇam
der Äste das Wegreißen (Gen. Pl./Nom.)

Syntax knapp; „kurvāṇaḥ“ hier als konativ-irreal wiedergegeben [?].

hīnapuṣpāgraśākhas tvaṃ śīrṇāṅkurapalāśavān; ātmadurmantriteneha madvīryavaśago 'bhavaḥ

Ohne Blüten, mit Wipfelästen [beraubt], mit zerfallenen Sprösslingen und Blättern bist du hier durch deinen eigenen schlechten Rat unter die Gewalt meiner Kraft geraten.“

Wort für Wort
hīnapuṣpāgraśākhas tvaṃ
du, ohne Blüten und Wipfeläste (Nom., Bahuvrīhi)
śīrṇāṅkurapalāśavān
mit zerfallenen Sprossen und Blättern (Nom.)
ātmadurmantritenehā
durch eigenen schlechten Rat hier (Instr./Adv.)
madvīryavaśago 'bhavaḥ
in die Gewalt meiner Kraft gegangen bist du (Nom./Impf. 2.Sg.)

etac chrutvā vaco vāyoḥ śalmalir vrīḍitas tadā; atapyata vacaḥ smṛtvā nārado yat tadābravīt

Als Śalmali dieses Wort des Vāyu gehört hatte, schämte er sich damals; er bereute, indem er sich an die Worte erinnerte, die Nārada gesprochen hatte.

Wort für Wort
etac chrutvā vaco vāyoḥ
dies gehört habend, das Wort des Vāyu (Abs. Ger./Akk./Gen.)
śalmalir vrīḍitas tadā
Śalmali beschämt damals (Nom./Part. Pass./Adv.)
atapyata vacaḥ smṛtvā
er bereute, das Wort erinnernd (Impf. Pass./Med. 3.Sg./Abs. Ger.)
nārado yat tadābravīt
was Nārada damals gesagt hatte (Nom./Relativ/Impf.)

evaṃ yo rājaśārdūla durbalaḥ san balīyasā; vairam āsajjate bālas tapyate śalmalir yathā

So, o Tiger unter den Königen, bereut der Unreife, der als Schwacher mit einem Stärkeren Feindschaft anknüpft, wie es Śalmali tat.

Wort für Wort
evaṃ yo rājaśārdūla
so wer, o Tiger unter den Königen (Adv./Rel./Vok.)
durbalaḥ san balīyasā
schwach seiend, mit einem Stärkeren (Nom./Part./Instr.)
vairam āsajjate bālas
Feindschaft anknüpft, der Unreife (Akk./3.Sg.Präs. Med./Nom.)
tapyate śalmalir yathā
bereut, wie Śalmali (3.Sg.Präs. Pass./Nom./Adv.)

tasmād vairaṃ na kurvīta durbalo balavattaraiḥ; śoced dhi vairaṃ kurvāṇo yathā vai śalmalis tathā

Deshalb soll ein Schwacher keine Feindschaft gegen Stärkere hegen; wer Feindschaft übt, wird trauern, wie Śalmali [es tat].

Wort für Wort
tasmād vairaṃ na kurvīta
deshalb Feindschaft nicht soll er machen (Abl./Akk./Opt. Med.)
durbalo balavattaraiḥ
ein Schwacher gegenüber Stärkeren (Nom./Instr. Pl., Komp.)
śoced dhi vairaṃ kurvāṇo
er wird trauern, wenn er Feindschaft übt (Opt. 3.Sg./Part.)
yathā vai śalmalis tathā
wie Śalmali so [er] (Adv./Nom./Adv.)

na hi vairaṃ mahātmāno vivṛṇvanty apakāriṣu; śanaiḥ śanair mahārāja darśayanti sma te balam

Denn die Hochgesinnten offenbaren gegenüber Übeltätern keine Feindschaft; allmählich, nach und nach, o Großkönig, lassen sie ihre Kraft sehen.

Wort für Wort
na hi vairaṃ mahātmāno
denn nicht Feindschaft die Hochgesinnten (Akk./Nom. Pl.)
vivṛṇvanty apakāriṣu
sie enthüllen gegenüber Übeltätern (3.Pl.Präs./Lok. Pl.)
śanaiḥ śanair mahārāja
langsam, ganz langsam, o Großkönig (Adv./Vok.)
darśayanti sma te balam
zeigen sie ihre Kraft (Präs. Kaus. + sma, Vergangenheit/gewohnheitsmäßig; Akk.)

„sma“ hinter dem Präsens gibt eigentlich Vergangenheit/Gewohnheit an; hier gewohnheitsmäßig gedeutet.

vairaṃ na kurvīta naro durbuddhir buddhijīvinā; buddhir buddhimato yāti tūleṣv iva hutāśanaḥ

Ein Mensch von schlechtem Verstand soll keine Feindschaft mit einem anfangen, der vom Verstand lebt; der Verstand des Verständigen dringt [vor] wie Feuer in Baumwollflocken.

Wort für Wort
vairaṃ na kurvīta naro
Feindschaft soll nicht machen ein Mensch (Akk./Opt. Med./Nom.)
durbuddhir buddhijīvinā
von schlechtem Verstand, mit einem, der vom Verstand lebt (Nom./Instr.)
buddhir buddhimato yāti
der Verstand des Verständigen geht (Nom./Gen./3.Sg.Präs.)
tūleṣv iva hutāśanaḥ
wie Feuer in Baumwollflocken (Lok. Pl./Nom.)

na hi buddhyā samaṃ kiṃ cid vidyate puruṣe nṛpa; tathā balena rājendra na samo 'stīti cintayet

Denn nichts gleicht dem Verstand im Menschen, o König; ebenso soll man hinsichtlich der Stärke bedenken: „Keiner ist [ihm] gleich“, o König der Könige.

Wort für Wort
na hi buddhyā samaṃ kiṃ cid
denn nicht dem Verstand gleich etwas (Instr./Nom.)
vidyate puruṣe nṛpa
findet sich im Menschen, o König (Pass. 3.Sg./Lok./Vok.)
tathā balena rājendra
ebenso durch/hinsichtlich der Stärke, o König der Könige (Instr./Vok.)
na samo 'stīti cintayet
„nicht gleich ist“ so soll man denken (Opt.)

Der zweite Halbvers ist mehrdeutig; Lesart „man soll bedenken, dass keiner der Stärke [des Stärkeren] gleich ist“ [?].

tasmāt kṣameta bālāya jaḍāya badhirāya ca; balādhikāya rājendra tad dṛṣṭaṃ tvayi śatruhan

Darum soll man einem Unreifen, einem Dummen, einem Tauben und einem an Stärke Überlegenen nachsehen, o König der Könige; das ist an dir gesehen worden, o Feindevernichter.

Wort für Wort
tasmāt kṣameta bālāya
deshalb soll man nachsehen einem Unreifen (Abl./Opt. Med./Dat.)
jaḍāya badhirāya ca
einem Dummen und einem Tauben (Dat.)
balādhikāya rājendra
einem an Stärke Überlegenen, o König der Könige (Dat./Vok.)
tad dṛṣṭaṃ tvayi śatruhan
das ist gesehen an dir, o Feindetöter (Part. Pass./Lok./Vok.)

tad dṛṣṭaṃ tvayi: „das ist an dir gesehen worden“, wohl Bezug auf Yudhiṣṭhiras Nachsicht [?].

akṣauhiṇyo daśaikā ca sapta caiva mahādyute; balena na samā rājann arjunasya mahātmanaḥ

Achtzehn Akṣauhiṇīs – elf und sieben, o Strahlender –, sie kamen an Stärke dem hochgesinnten Arjuna nicht gleich, o König.

Wort für Wort
akṣauhiṇyo daśaikā ca
Akṣauhiṇīs, zehn und eins (Nom. Pl.)
sapta caiva mahādyute
und sieben, o Strahlender (Vok.)
balena na samā rājann
an Kraft nicht gleich, o König (Instr./Nom. Pl. f./Vok.)
arjunasya mahātmanaḥ
dem Arjuna, dem Hochgesinnten (Gen.)

hatās tāś caiva bhagnāś ca pāṇḍavena yaśasvinā; caratā balam āsthāya pākaśāsaninā mṛdhe

Sie wurden erschlagen und zerschlagen von dem ruhmreichen Pāṇḍava, dem Sohn des Pākaśāsana [Indra], der sich, auf Kraft gestützt, im Kampf bewegte.

Wort für Wort
hatās tāś caiva bhagnāś ca
erschlagen jene und zerbrochen (Part. Pass.)
pāṇḍavena yaśasvinā
vom Pāṇḍava, dem Ruhmreichen (Instr.)
caratā balam āsthāya
der sich bewegte, Kraft einsetzend (Part. Präs./Abs. Ger.)
pākaśāsaninā mṛdhe
vom Sohn des Pākaśāsana, im Kampf (Instr./Lok.)

uktās te rājadharmāś ca āpaddharmāś ca bhārata; vistareṇa mahārāja kiṃ bhūyaḥ prabravīmi te

Die Pflichten eines Königs und die Pflichten in der Not wurden dir dargelegt, o Bhārata, ausführlich, o Großkönig. Was soll ich dir noch mehr sagen?

Wort für Wort
uktās te rājadharmāś ca
gesagt wurden dir die Königspflichten (Part. Pass./Dat./Nom. Pl.)
āpaddharmāś ca bhārata
und die Pflichten in der Not, o Bhārata (Nom. Pl./Vok.)
vistareṇa mahārāja
ausführlich, o Großkönig (Instr./Vok.)
kiṃ bhūyaḥ prabravīmi te
was noch mehr soll ich sagen dir (Akk./Adv./1.Sg.Konj./Dat.)

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