Kapitel 151: śalmalyupākhyānasamāpti
Nāradas Bericht an Vāyu, Śalmalis Prahlerei und Niederlage, und die Lehre daraus
Schluss der Śalmali-Erzählung: Der Wind erprobt den prahlerischen Baum, der sich selbst entlaubt; Bhīṣma zieht daraus die Lehre, dass ein Schwacher keine Feindschaft mit einem Stärkeren suchen soll, und schließt den Vortrag über Königs- und Notpflichten ab.
Bhīṣma sprach: Nachdem er so zu Śalmali gesprochen hatte, o König der Könige, sagte Nārada, der beste Kenner des Brahman, dem Wind alles, was Śalmali gesagt hatte.
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf. 3.Sg.)
evam uktvā tu rājendra
nachdem er so gesprochen hatte, o König der Könige (Abs. Ger./Vok.)
śalmaliṃ brahmavittamaḥ nāradaḥ
zu Śalmali [gewandt], Nārada, der beste Kenner des Brahman (Akk./Nom.)
pavane sarvaṃ śalmaler vākyam abravīt
sagte dem Wind alles, Śalmalis Rede (Lok./Akk./Gen./Impf. 3.Sg.)
Ein gewisser Śalmali, auf dem Rücken des Himavat geboren, von Gefolge umgeben, mit gewaltiger Wurzel und gewaltigen Ästen, der missachtet dich, o Vāyu.
Wort für Wort
himavatpṛṣṭhajaḥ kaś cit
auf dem Rücken des Himavat geboren, irgendein (Nom. m.)
śalmaliḥ parivāravān
Śalmali(-Baum), mit Gefolge (Nom.)
bṛhanmūlo bṛhacchākhaḥ
mit großer Wurzel, mit großen Ästen (Nom., Bahuvrīhi)
sa tvāṃ vāyo 'vamanyate
er dich, o Vāyu, missachtet (Nom./Akk./Vok./3.Sg.Präs. Med.)
„Ich kenne dich sehr wohl, und du bist mir bekannt, o Baum: Der Großvater [Brahmā], der Herr, hat sich bei der Erschaffung der Geschöpfe an dir ausgeruht.
Wort für Wort
nāhaṃ tvā nābhijānāmi
nicht ich dich nicht kenne (doppelte Verneinung: ich kenne dich sehr wohl)
viditaś cāsi me druma
und bekannt bist du mir, o Baum (Part. Pass./2.Sg./Vok.)
pitāmahaḥ prajāsarge
der Großvater, bei der Erschaffung der Geschöpfe (Nom./Lok.)
tvayi viśrāntavān prabhuḥ
auf/an dir ruhte aus, der Herr (Lok./Part. Perf. Akt./Nom.)
tasya viśramaṇād eva prasādo yaḥ kṛtas tava; rakṣyase tena durbuddhe nātmavīryād drumādhama
Allein durch sein Ausruhen [auf dir] ist dir die Gunst erwiesen worden; deshalb wirst du beschützt, o Törichter, nicht durch eigene Kraft, du Niedrigster der Bäume.
Wort für Wort
tasya viśramaṇād eva
gerade wegen seines Ausruhens (Gen./Abl.)
prasādo yaḥ kṛtas tava
die Gunst, die getan wurde dir (Nom./Relativ/Part. Pass./Gen.)
rakṣyase tena durbuddhe
du wirst beschützt dadurch, o Dummkopf (Pass. 2.Sg./Instr./Vok.)
nātmavīryād drumādhama
nicht durch eigene Kraft, o Niedrigster der Bäume (Abl./Vok.)
balādhiko 'haṃ tvattaś ca na bhīḥ kāryā mayā tava; ye tu buddhyā hi balinas te bhavanti balīyasaḥ; prāṇamātrabalā ye vai naiva te balino matāḥ
„Ich bin stärker als du, und keine Furcht ist von mir vor dir zu hegen. Denn die, die durch Verstand stark sind, die sind die Stärkeren; diejenigen aber, deren Stärke bloß im Lebenshauch besteht, gelten keineswegs als stark.“
Wort für Wort
balādhiko 'haṃ tvattaś ca
stärker bin ich als du (Nom./Abl.)
na bhīḥ kāryā mayā tava
keine Furcht ist zu hegen von mir vor dir (Nom. f./Gerundiv/Instr./Gen.)
ye tu buddhyā hi balinas
die aber durch Verstand Starken (Nom. Pl.)
te bhavanti balīyasaḥ
die sind stärker (3.Pl.Präs./Komp.)
prāṇamātrabalā ye vai
die, deren Stärke nur im Lebenshauch [besteht] (Bahuvrīhi)
naiva te balino matāḥ
keineswegs gelten diese als stark (Part. Pass.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers (Sternstelle). Verständnis von tava in „na bhīḥ kāryā mayā tava“ (Gen. der Objekt-Furcht) unsicher.
Als Vāyu ihn erblickte – ohne Blätter, mit gefallenen Wipfelästen, mit zerstreuten Blüten, mit zerschundenen Zweigen, doch von Freude erfüllt, den Śalmali –, sprach er lächelnd zu ihm.
Wort für Wort
taṃ hīnaparṇaṃ patitāgraśākhaṃ
ihn, ohne Blätter, mit gefallenen Wipfelästen (Akk., Bahuvrīhi)
viśīrṇapuṣpaṃ prasamīkṣya vāyuḥ
mit zerstreuten Blüten; nachdem er ihn angesehen hatte, Vāyu (Bahuvrīhi/Abs. Ger./Nom.)
uvāca vākyaṃ smayamāna enaṃ
sprach ein Wort, lächelnd, zu ihm (Perf. 3.Sg./Akk./Part. Med./Akk.)
mudā yutaṃ śalmaliṃ rugṇaśākham
mit Freude verbunden, Śalmali, mit gebrochenen Ästen (Instr./Part./Akk./Bahuvrīhi)
Ohne Blüten, mit Wipfelästen [beraubt], mit zerfallenen Sprösslingen und Blättern bist du hier durch deinen eigenen schlechten Rat unter die Gewalt meiner Kraft geraten.“
Wort für Wort
hīnapuṣpāgraśākhas tvaṃ
du, ohne Blüten und Wipfeläste (Nom., Bahuvrīhi)
śīrṇāṅkurapalāśavān
mit zerfallenen Sprossen und Blättern (Nom.)
ātmadurmantritenehā
durch eigenen schlechten Rat hier (Instr./Adv.)
madvīryavaśago 'bhavaḥ
in die Gewalt meiner Kraft gegangen bist du (Nom./Impf. 2.Sg.)
Ein Mensch von schlechtem Verstand soll keine Feindschaft mit einem anfangen, der vom Verstand lebt; der Verstand des Verständigen dringt [vor] wie Feuer in Baumwollflocken.
Wort für Wort
vairaṃ na kurvīta naro
Feindschaft soll nicht machen ein Mensch (Akk./Opt. Med./Nom.)
durbuddhir buddhijīvinā
von schlechtem Verstand, mit einem, der vom Verstand lebt (Nom./Instr.)
buddhir buddhimato yāti
der Verstand des Verständigen geht (Nom./Gen./3.Sg.Präs.)
na hi buddhyā samaṃ kiṃ cid vidyate puruṣe nṛpa; tathā balena rājendra na samo 'stīti cintayet
Denn nichts gleicht dem Verstand im Menschen, o König; ebenso soll man hinsichtlich der Stärke bedenken: „Keiner ist [ihm] gleich“, o König der Könige.
Wort für Wort
na hi buddhyā samaṃ kiṃ cid
denn nicht dem Verstand gleich etwas (Instr./Nom.)
vidyate puruṣe nṛpa
findet sich im Menschen, o König (Pass. 3.Sg./Lok./Vok.)
tathā balena rājendra
ebenso durch/hinsichtlich der Stärke, o König der Könige (Instr./Vok.)
na samo 'stīti cintayet
„nicht gleich ist“ so soll man denken (Opt.)
Der zweite Halbvers ist mehrdeutig; Lesart „man soll bedenken, dass keiner der Stärke [des Stärkeren] gleich ist“ [?].
Darum soll man einem Unreifen, einem Dummen, einem Tauben und einem an Stärke Überlegenen nachsehen, o König der Könige; das ist an dir gesehen worden, o Feindevernichter.
Wort für Wort
tasmāt kṣameta bālāya
deshalb soll man nachsehen einem Unreifen (Abl./Opt. Med./Dat.)
jaḍāya badhirāya ca
einem Dummen und einem Tauben (Dat.)
balādhikāya rājendra
einem an Stärke Überlegenen, o König der Könige (Dat./Vok.)
tad dṛṣṭaṃ tvayi śatruhan
das ist gesehen an dir, o Feindetöter (Part. Pass./Lok./Vok.)
tad dṛṣṭaṃ tvayi: „das ist an dir gesehen worden“, wohl Bezug auf Yudhiṣṭhiras Nachsicht [?].