Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 283: varṇavṛttir asurabhāvaś ca Parāśara über Standespflichten, den Ursprung der Gewalt und das Heil

Parāśara belehrt einen König über den Erwerb der Stände, Notberufe, den Verfall des Dharma durch asurische Gesinnung und die Pflicht zu gewaltlosem, tugendhaftem Handeln.

parāśara uvāca; pratigrahāgatā vipre kṣatriye śastranirjitāḥ; vaiśye nyāyārjitāś caiva śūdre śuśrūṣayārjitāḥ; svalpāpy arthāḥ praśasyante dharmasyārthe mahāphalāḥ

Parāśara sprach: „Beim Brahmanen sind [Güter] durch Annahme von Gaben erworben, beim Kṣatriya durch Waffen erobert, beim Vaiśya auf rechtmäßige Weise erworben, beim Śūdra durch Dienst erworben; selbst geringe Güter werden gepriesen, wenn sie dem Dharma dienen, [denn] sie tragen große Frucht.

Wort für Wort
parāśara uvāca
Parāśara sprach (3.Sg.Perf.)
pratigrahāgatā vipre
durch Gabenannahme erlangt beim Brahmanen (Nom. Pl.; Lok.)
kṣatriye śastranirjitāḥ
beim Kṣatriya durch Waffen erobert (Lok.; Nom. Pl.)
vaiśye nyāyārjitāś caiva
und beim Vaiśya rechtmäßig erworben (Lok.; Nom. Pl.)
śūdre śuśrūṣayārjitāḥ
beim Śūdra durch Dienst erworben (Lok.; Instr.; Nom. Pl.)
svalpāpy arthāḥ praśasyante
auch ganz geringe Güter werden gepriesen (Nom. Pl.; 3.Pl.Pass.)
dharmasyārthe mahāphalāḥ
um des Dharma willen, von großer Frucht (Lok.; Nom. Pl.)

nityaṃ trayāṇāṃ varṇānāṃ śūdraḥ śuśrūṣur ucyate; kṣatradharmā vaiśyadharmā nāvṛttiḥ patati dvijaḥ; śūdrakarmā yadā tu syāt tadā patati vai dvijaḥ

Der Śūdra wird stets als Diener der drei Stände bezeichnet. Ein Zweimalgeborener, der die Pflicht des Kṣatriya oder des Vaiśya übt, fällt nicht, wenn er ohne Lebensunterhalt ist; wenn er aber das Tun eines Śūdra verrichtet, dann fällt der Zweimalgeborene freilich.

Wort für Wort
nityaṃ trayāṇāṃ varṇānāṃ
stets der drei Stände (Adv.; Gen. Pl.)
śūdraḥ śuśrūṣur ucyate
der Śūdra wird Dienender genannt (Nom.; 3.Sg.Pass.)
kṣatradharmā vaiśyadharmā
Kṣatriya-Pflicht oder Vaiśya-Pflicht übend (Nom. Sg., Bahuvrīhi)
nāvṛttiḥ patati dvijaḥ
ohne Lebensunterhalt fällt der Zweimalgeborene nicht (Nom.; 3.Sg.Präs.)
śūdrakarmā yadā tu syāt
wenn er aber das Tun eines Śūdra ausübt (Bahuvrīhi; 3.Sg.Opt.)
tadā patati vai dvijaḥ
dann fällt der Zweimalgeborene wahrlich (3.Sg.Präs.)

nāvṛttiḥ = na + avṛttiḥ gefasst (avṛttiḥ als Prädikativ zu dvijaḥ: „ohne Lebensunterhalt“).

vāṇijyaṃ pāśupālyaṃ ca tathā śilpopajīvanam; śūdrasyāpi vidhīyante yadā vṛttir na jāyate

Handel, Viehhüten und ebenso der Lebensunterhalt vom Handwerk werden auch für den Śūdra vorgeschrieben, wenn ihm sonst kein Lebensunterhalt entsteht.

Wort für Wort
vāṇijyaṃ pāśupālyaṃ ca
Handel und Viehhüten (Nom. Sg. n.)
tathā śilpopajīvanam
ebenso das Leben vom Handwerk (Nom. Sg. n.)
śūdrasyāpi vidhīyante
auch für den Śūdra werden sie vorgeschrieben (Gen.; 3.Pl.Pass.)
yadā vṛttir na jāyate
wenn Lebensunterhalt nicht entsteht (Nom.; 3.Sg.Präs. Med.)

raṅgāvataraṇaṃ caiva tathā rūpopajīvanam; madyamāṃsopajīvyaṃ ca vikrayo lohacarmaṇoḥ

Das Auftreten auf der Bühne, ebenso das Leben von der [Zur-Schau-Stellung der] Gestalt, das Leben von Rauschtrank und Fleisch und der Verkauf von Eisen und Leder [gehören zu den in der Welt getadelten Tätigkeiten].

Wort für Wort
raṅgāvataraṇaṃ caiva
und das Betreten der Bühne (Nom. Sg. n.)
tathā rūpopajīvanam
ebenso das Leben von der Gestalt/Schönheit (Nom. Sg. n.)
madyamāṃsopajīvyaṃ ca
und das von Rauschtrank und Fleisch zu Lebende (Nom. Sg. n.)
vikrayo lohacarmaṇoḥ
der Verkauf von Eisen und Leder (Nom.; Gen. Du.)

Der Satz ist syntaktisch unvollständig; aus V. 5 ergänzt: getadelte Berufe. rūpopajīvana: Deutung unsicher.

apūrviṇā na kartavyaṃ karma loke vigarhitam; kṛtapūrviṇas tu tyajato mahān dharma iti śrutiḥ

Wer es zuvor nicht getan hat, soll kein in der Welt getadeltes Tun ausüben; für den aber, der es zuvor getan hat und es aufgibt, [liegt] großer Dharma [darin] – so lautet die Überlieferung.

Wort für Wort
apūrviṇā na kartavyaṃ
von einem, der es zuvor nicht getan hat, ist nicht zu tun (Instr.; Gerundiv)
karma loke vigarhitam
ein Tun, das in der Welt getadelt wird (Nom.; Lok.; Part.Pass.)
kṛtapūrviṇas tu tyajato
für den aber, der es zuvor getan hat und aufgibt (Gen.; Part.Präs.)
mahān dharma iti śrutiḥ
großer Dharma, so [lautet] die Überlieferung (Nom.; Nom.)

saṃsiddhaḥ puruṣo loke yad ācarati pāpakam; madenābhiplutamanās tac ca nagrāhyam ucyate

Was ein vollendeter Mensch in der Welt Böses tut, den Sinn vom Rausch überflutet, das gilt als nicht nachahmenswert.

Wort für Wort
saṃsiddhaḥ puruṣo loke
ein vollendeter Mensch in der Welt (Nom.; Lok.)
yad ācarati pāpakam
was er Böses tut (3.Sg.Präs.; Akk.)
madenābhiplutamanās
vom Rausch überflutet im Sinn (Instr.; Bahuvrīhi Nom.)
tac ca nagrāhyam ucyate
und das gilt als nicht zu übernehmen (Nom.; 3.Sg.Pass.)

nagrāhyam = na grāhyam; saṃsiddha mit „vollendet/erfolgreich“ wiedergegeben.

śrūyante hi purāṇe vai prajā dhigdaṇḍaśāsanāḥ; dāntā dharmapradhānāś ca nyāyadharmānuvartakāḥ

Denn man hört, in alter Zeit seien die Untertanen allein durch die Zurechtweisung mit „Pfui!“ als Strafe gelenkt worden, selbstbeherrscht, den Dharma voranstellend und Recht und Dharma folgend.

Wort für Wort
śrūyante hi purāṇe vai
denn es wird gehört, in alter Zeit wahrlich (3.Pl.Pass.; Lok.)
prajā dhigdaṇḍaśāsanāḥ
die Untertanen, durch die Pfui-Strafe gelenkt (Nom. Pl.; Bahuvrīhi)
dāntā dharmapradhānāś ca
selbstbeherrscht und den Dharma an die Spitze stellend (Nom. Pl.)
nyāyadharmānuvartakāḥ
Recht und Dharma befolgend (Nom. Pl.)

dharma eva sadā nṝṇām iha rājan praśasyate; dharmavṛddhā guṇān eva sevante hi narā bhuvi

Der Dharma allein wird unter den Menschen hier stets gepriesen, König; die im Dharma Gewachsenen pflegen auf Erden ja nur die Tugenden.

Wort für Wort
dharma eva sadā nṝṇām
der Dharma allein stets bei den Menschen (Nom.; Adv.; Gen. Pl.)
iha rājan praśasyate
hier, König, wird er gepriesen (Adv.; Vok.; 3.Sg.Pass.)
dharmavṛddhā guṇān eva
die im Dharma Gewachsenen nur die Tugenden (Nom. Pl.; Akk. Pl.)
sevante hi narā bhuvi
pflegen ja die Menschen auf Erden (3.Pl.Präs. Med.; Nom.; Lok.)

taṃ dharmam asurās tāta nāmṛṣyanta janādhipa; vivardhamānāḥ kramaśas tatra te 'nvāviśan prajāḥ

Diesen Dharma, mein Lieber, ertrugen die Asuras nicht, Herr der Menschen; allmählich zunehmend, drangen sie dort in die Untertanen ein.

Wort für Wort
taṃ dharmam asurās tāta
diesen Dharma die Asuras, Lieber (Akk.; Nom. Pl.; Vok.)
nāmṛṣyanta janādhipa
ertrugen [ihn] nicht, Herr der Menschen (3.Pl.Impf. Med.; Vok.)
vivardhamānāḥ kramaśaḥ
zunehmend, nach und nach (Part.Präs. Med.; Adv.)
tatra te 'nvāviśan prajāḥ
dort drangen sie in die Untertanen ein (3.Pl.Impf.; Akk. Pl.)

teṣāṃ darpaḥ samabhavat prajānāṃ dharmanāśanaḥ; darpātmanāṃ tataḥ krodhaḥ punas teṣām ajāyata

Bei ihnen, den Untertanen, entstand Hochmut, der den Dharma zerstört; bei denen, die vom Hochmut erfüllt waren, entstand daraufhin wiederum Zorn.

Wort für Wort
teṣāṃ darpaḥ samabhavat
bei ihnen entstand Hochmut (Gen.; Nom.; 3.Sg.Impf.)
prajānāṃ dharmanāśanaḥ
bei den Untertanen, Dharma-zerstörend (Gen. Pl.; Nom.)
darpātmanāṃ tataḥ krodhaḥ
bei den vom Hochmut Erfüllten dann Zorn (Gen. Pl.; Adv.; Nom.)
punas teṣām ajāyata
wiederum bei ihnen entstand [er] (Adv.; Gen.; 3.Sg.Impf. Med.)

tataḥ krodhābhibhūtānāṃ vṛttaṃ lajjāsamanvitam; hrīś caivāpy anaśad rājaṃs tato moho vyajāyata

Dann, bei den vom Zorn Überwältigten, [schwand] das mit Scham verbundene Verhalten; und auch die Scham selbst schwand, König; daraus entstand Verblendung.

Wort für Wort
tataḥ krodhābhibhūtānāṃ
dann bei den vom Zorn Überwältigten (Adv.; Gen. Pl.)
vṛttaṃ lajjāsamanvitam
das Verhalten, schambegleitet (Nom. n.; Part.)
hrīś caivāpy anaśad rājan
und auch die Scham schwand, König (Nom.; 3.Sg.Impf.; Vok.)
tato moho vyajāyata
daraus entstand Verblendung (Nom.; 3.Sg.Impf. Med.)

Prädikat zu vṛttam (etwa anaśat) aus dem Folgenden ergänzt.

tato mohaparītās te nāpaśyanta yathā purā; parasparāv amardena vartayanti yathāsukham

Dann, von Verblendung umfangen, sahen sie nicht mehr wie früher; sie leben in gegenseitiger Bedrängung, ganz nach Belieben.

Wort für Wort
tato mohaparītās te
dann von Verblendung umfangen, sie (Nom. Pl.)
nāpaśyanta yathā purā
sahen nicht [mehr], wie früher (3.Pl.Impf. Med.)
parasparāv amardena
in gegenseitiger Bedrängung (Instr.; Form verderbt?)
vartayanti yathāsukham
leben/verfahren nach Belieben (3.Pl.Präs.; Adv.)

parasparāv unklar (wohl parasparam / parasparāmardena).

tān prāpya tu sa dhig daṇḍo nakāraṇam ato 'bhavat; tato 'bhyagacchan devāṃś ca brāhmaṇāṃś cāvamanya ha

Als [die Strafe des „Pfui!“] sie erreichte, blieb sie daraufhin ohne Wirkung; da gingen sie gegen [die Götter] vor und missachteten die Götter und die Brahmanen.

Wort für Wort
tān prāpya tu sa dhig daṇḍo
als jene „Pfui“-Strafe sie erreichte (Abs.; Nom.)
nakāraṇam ato 'bhavat
wurde daraufhin ohne Ursache/Wirkung (Nom.; 3.Sg.Impf.)
tato 'bhyagacchan
da gingen sie heran/vor (3.Pl.Impf.)
devāṃś ca brāhmaṇāṃś ca
die Götter und die Brahmanen (Akk. Pl.)
avamanya ha
missachtend, fürwahr (Abs.; Partikel)

nakāraṇam = na kāraṇam („nicht Ursache“, d. h. wirkungslos) gedeutet; abhyagacchan ohne klares Objekt.

etasminn eva kāle tu devā devavaraṃ śivam; agacchañ śaraṇaṃ vīraṃ bahurūpaṃ gaṇādhipam

Genau zu dieser Zeit gingen die Götter zu Śiva, dem besten der Götter, dem Helden mit vielen Gestalten, dem Herrn der Gaṇas, als Zuflucht.

Wort für Wort
etasminn eva kāle tu
gerade zu dieser Zeit aber (Lok.)
devā devavaraṃ śivam
die Götter zu Śiva, dem besten der Götter (Nom. Pl.; Akk.)
agacchañ śaraṇaṃ vīram
gingen als Zuflucht zum Helden (3.Pl.Impf.; Akk.)
bahurūpaṃ gaṇādhipam
dem Vielgestaltigen, Herrn der Gaṇas (Akk.)

tena sma te gaganagāḥ sapurāḥ pātitāḥ kṣitau; tisro 'py ekena bāṇena devāpyāyitatejasā

Von ihm wurden jene am Himmel fahrenden [Asuras] samt ihren Städten zur Erde gestürzt – auch die drei [Städte] – mit einem einzigen Pfeil, dessen Glanz von den Göttern genährt war.

Wort für Wort
tena sma te gaganagāḥ
von ihm wurden jene Himmelsfahrer (Instr.; Nom. Pl.)
sapurāḥ pātitāḥ kṣitau
samt Städten gestürzt zur Erde (Nom. Pl.; Part.Kaus.; Lok.)
tisro 'py ekena bāṇena
auch die drei mit einem Pfeil (Nom. f.; Instr.)
devāpyāyitatejasā
mit von den Göttern genährtem Glanz (Instr.; Bahuvrīhi)

tisro 'pi (die drei Städte) im Satz lose angeschlossen.

teṣām adhipatis tv āsīd bhīmo bhīmaparākramaḥ; devatānāṃ bhayakaraḥ sa hataḥ śūlapāṇinā

Ihr Herrscher aber war ein Furchtbarer, von furchtbarer Tapferkeit, ein Schrecken der Götter; er wurde vom Speerträger erschlagen.

Wort für Wort
teṣām adhipatis tv āsīd
ihr Herr aber war (Gen.; Nom.; 3.Sg.Impf.)
bhīmo bhīmaparākramaḥ
ein Furchtbarer, von furchtbarer Kraft (Nom.)
devatānāṃ bhayakaraḥ
der Götter Furcht bewirkend (Gen. Pl.; Nom.)
sa hataḥ śūlapāṇinā
er wurde erschlagen vom Speerträger (Nom.; Part.Pass.; Instr.)

tasmin hate 'tha svaṃ bhāvaṃ pratyapadyanta mānavāḥ; prāvartanta ca vedā vai śāstrāṇi ca yathā purā

Als er erschlagen war, kehrten die Menschen zu ihrem eigenen Wesen zurück; und die Veden und die Lehrschriften nahmen wieder ihren Lauf wie früher.

Wort für Wort
tasmin hate 'tha
als dieser dann erschlagen war (Lok. abs.)
svaṃ bhāvaṃ pratyapadyanta
gelangten zu ihrem eigenen Wesen zurück (Akk.; 3.Pl.Impf. Med.)
mānavāḥ
die Menschen (Nom. Pl.)
prāvartanta ca vedā vai
und die Veden nahmen ihren Lauf (3.Pl.Impf. Med.; Nom. Pl.)
śāstrāṇi ca yathā purā
und die Lehrschriften wie früher (Nom. Pl.)

tato 'bhyaṣiñcan rājyena devānāṃ divi vāsavam; saptarṣayaś cānvayuñjan narāṇāṃ daṇḍadhāraṇe

Dann weihten sie Vāsava im Himmel zur Herrschaft über die Götter, und die Sieben Seher betrauten [ihn/einen Fürsten] mit dem Führen der Strafgewalt über die Menschen.

Wort für Wort
tato 'bhyaṣiñcan rājyena
da weihten sie zur Königsherrschaft (3.Pl.Impf.; Instr.)
devānāṃ divi vāsavam
über die Götter im Himmel den Vāsava (Gen. Pl.; Lok.; Akk.)
saptarṣayaś cānvayuñjan
und die Sieben Seher beauftragten (Nom. Pl.; 3.Pl.Impf.)
narāṇāṃ daṇḍadhāraṇe
der Menschen im Tragen des Strafstabs (Gen. Pl.; Lok.)

Objekt zu anvayuñjan fehlt im Text.

saptarṣīṇām athordhvaṃ ca vipṛthur nāma pārthivaḥ; rājānaḥ kṣatriyāś caiva maṇḍaleṣu pṛthak pṛthak

Danach, nach den Sieben Sehern, [erschien] ein Fürst namens Vipṛthu [?]; [auch] Könige und Kṣatriyas [wurden] in den Gebieten, jeweils einzeln, [eingesetzt].

Wort für Wort
saptarṣīṇām athordhvaṃ ca
und danach, oberhalb/nach den Sieben Sehern (Gen. Pl.; Adv.)
vipṛthur nāma pārthivaḥ
ein Fürst namens Vipṛthu (Nom.; Nom.)
rājānaḥ kṣatriyāś caiva
und Könige und Kṣatriyas (Nom. Pl.)
maṇḍaleṣu pṛthak pṛthak
in den Bezirken, je gesondert (Lok. Pl.; Adv.)

Text elliptisch; ūrdhvam zeitlich („danach“) gedeutet, unsicher.

mahākuleṣu ye jātā vṛttāḥ pūrvatarāś ca ye; teṣām athāsuro bhāvo hṛdayān nāpasarpati

Bei denen, die in großen Geschlechtern geboren wurden und die früher [dort] gelebt haben, weicht die asurische Gesinnung nicht aus dem Herzen.

Wort für Wort
mahākuleṣu ye jātā
die in großen Geschlechtern geboren sind (Lok. Pl.; Nom. Pl.)
vṛttāḥ pūrvatarāś ca ye
und die früher bestanden/gelebt haben (Part.; Nom. Pl.)
teṣām athāsuro bhāvo
bei ihnen [ist] die asurische Gesinnung (Gen.; Nom.)
hṛdayān nāpasarpati
weicht nicht aus dem Herzen (Abl.; 3.Sg.Präs.)

tasmāt tenaiva bhāvena sānuṣaṅgena pārthivāḥ; āsurāṇy eva karmāṇi nyaṣevan bhīmavikramāḥ

Darum übten die Fürsten von furchtbarer Tapferkeit, eben mit dieser Gesinnung, die [Folgen] nach sich zieht, asurische Werke aus.

Wort für Wort
tasmāt tenaiva bhāvena
darum eben mit dieser Gesinnung (Abl.; Instr.)
sānuṣaṅgena pārthivāḥ
mit ihrem Anhang [an Folgen], die Fürsten (Instr.; Nom. Pl.)
āsurāṇy eva karmāṇi
nur asurische Werke (Akk. Pl.)
nyaṣevan bhīmavikramāḥ
übten aus, von furchtbarer Tapferkeit (3.Pl.Impf.; Nom. Pl.)

pratyatiṣṭhaṃś ca teṣv eva tāny eva sthāpayanti ca; bhajante tāni cādyāpi ye bāliśatamā narāḥ

Sie fassten in eben diesen [Werken] Fuß und begründen gerade diese; und bis heute pflegen sie jene Menschen, die die größten Toren sind.

Wort für Wort
pratyatiṣṭhaṃś ca teṣv eva
und sie fassten Fuß in eben diesen (3.Pl.Impf.; Lok. Pl.)
tāny eva sthāpayanti ca
und gerade diese stellen sie auf (3.Pl.Kaus.)
bhajante tāni cādyāpi
und diese pflegen sie bis heute (3.Pl.Präs. Med.; Adv.)
ye bāliśatamā narāḥ
[nämlich] die Menschen, die größten Toren (Nom. Pl.; Superl.)

Subjekt der letzten Zeile (ye … narāḥ) syntaktisch locker.

tasmād ahaṃ bravīmi tvāṃ rājan saṃcintya śāstrataḥ; saṃsiddhādhigamaṃ kuryāt karma hiṃsātmakaṃ tyajet

Darum sage ich dir, König, nach Überlegung gemäß der Lehrschrift: Man soll das Erlangen der Vollendung [erstreben] und das auf Gewalt gerichtete Tun aufgeben.

Wort für Wort
tasmād ahaṃ bravīmi tvāṃ
darum sage ich dir (Abl.; 1.Sg.Präs.; Akk.)
rājan saṃcintya śāstrataḥ
König, nach Überlegung gemäß der Lehrschrift (Vok.; Abs.; Adv.)
saṃsiddhādhigamaṃ kuryāt
man soll das Erlangen der Vollendung tun (Akk.; 3.Sg.Opt.)
karma hiṃsātmakaṃ tyajet
das gewaltförmige Tun soll man aufgeben (Akk.; 3.Sg.Opt.)

saṃsiddhādhigama unsicher (Erlangen von Vollendung/Erfolg).

na saṃkareṇa draviṇaṃ vicinvīta vicakṣaṇaḥ; dharmārthaṃ nyāyam utsṛjya na tat kalyāṇam ucyate

Ein Kluger soll Besitz nicht durch Vermischung [der Ordnungen] zusammentragen; wer um des Dharma willen das Recht verlässt, dessen Tun gilt nicht als heilsam.

Wort für Wort
na saṃkareṇa draviṇaṃ
nicht durch Vermischung/Unordnung Besitz (Instr.; Akk.)
vicinvīta vicakṣaṇaḥ
soll sammeln der Kluge (3.Sg.Opt. Med.; Nom.)
dharmārthaṃ nyāyam utsṛjya
um des Dharma willen das Recht preisgebend (Adv.; Akk.; Abs.)
na tat kalyāṇam ucyate
das gilt nicht als heilsam (Nom.; 3.Sg.Pass.)

sa tvam evaṃvidho dāntaḥ kṣatriyaḥ priyabāndhavaḥ; prajā bhṛtyāṃś ca putrāṃś ca svadharmeṇānupālaya

Du nun, als ein solcher, selbstbeherrscht, ein Kṣatriya, den Verwandten lieb, schütze die Untertanen, die Diener und die Söhne gemäß deinem eigenen Dharma.

Wort für Wort
sa tvam evaṃvidho dāntaḥ
du, ein solcher, Selbstbeherrschter (Nom.)
kṣatriyaḥ priyabāndhavaḥ
ein Kṣatriya, den Verwandten lieb (Nom.; Bahuvrīhi)
prajā bhṛtyāṃś ca putrāṃś ca
die Untertanen, Diener und Söhne (Akk. Pl.)
svadharmeṇānupālaya
schütze durch den eigenen Dharma (Instr.; Imp.2.Sg.)

iṣṭāniṣṭasamāyogo vairaṃ sauhārdam eva ca; atha jātisahasrāṇi bahūni parivartate

Das Zusammentreffen mit Erwünschtem und Unerwünschtem, Feindschaft und ebenso Freundschaft – so durchläuft man viele Tausende von Geburten.

Wort für Wort
iṣṭāniṣṭasamāyogo
Zusammentreffen mit Erwünschtem und Unerwünschtem (Nom.)
vairaṃ sauhārdam eva ca
Feindschaft und Freundschaft (Nom. n.)
atha jātisahasrāṇi
sodann Tausende von Geburten (Adv.; Akk. Pl.)
bahūni parivartate
viele durchwandert [man] (Akk. Pl.; 3.Sg.Präs. Med.)

Subjekt von parivartate fehlt (man / das Lebewesen).

tasmād guṇeṣu rajyethā mā doṣeṣu kadā cana; nirguṇo yo hi durbuddhir ātmanaḥ so 'rir ucyate

Darum sollst du an Tugenden Gefallen finden, niemals an Fehlern; denn wer tugendlos und von schlechtem Verstand ist, von dem heißt es, er sei sein eigener Feind.

Wort für Wort
tasmād guṇeṣu rajyethā
darum sollst du an Tugenden Gefallen finden (Lok. Pl.; 2.Sg.Opt. Med.)
mā doṣeṣu kadā cana
nie an Fehlern (Verbot; Lok. Pl.)
nirguṇo yo hi durbuddhir
denn wer tugendlos ist, schlechten Verstandes (Nom.)
ātmanaḥ so 'rir ucyate
der wird des Selbst Feind genannt (Gen.; Nom.; 3.Sg.Pass.)

mānuṣeṣu mahārāja dharmādharmau pravartataḥ; na tathānyeṣu bhūteṣu manuṣyarahiteṣv iha

Bei den Menschen, großer König, kommen Dharma und Adharma zur Geltung; nicht so bei den anderen Wesen hier, die ohne Menschen sind.

Wort für Wort
mānuṣeṣu mahārāja
bei den Menschen, großer König (Lok. Pl.; Vok.)
dharmādharmau pravartataḥ
Dharma und Adharma treten in Wirkung (Nom. Du.; 3.Du.Präs. Med.)
na tathānyeṣu bhūteṣu
nicht so bei anderen Wesen (Lok. Pl.)
manuṣyarahiteṣv iha
die von Menschen frei sind, hier (Lok. Pl.; Adv.)

dharmaśīlo naro vidvān īhako 'nīhako 'pi vā; ātmabhūtaḥ sadā loke cared bhūtāny ahiṃsayan

Ein dharmagesinnter, kundiger Mensch, ob er strebend oder nicht strebend ist, soll stets in der Welt als eins mit den Wesen wandeln und den Wesen keine Gewalt antun.

Wort für Wort
dharmaśīlo naro vidvān
ein dharmagesinnter, kundiger Mensch (Nom.)
īhako 'nīhako 'pi vā
ob strebend oder nicht strebend (Nom.)
ātmabhūtaḥ sadā loke
sich den Wesen gleichsetzend/ihr Selbst geworden, stets in der Welt (Nom.; Adv.; Lok.)
cared bhūtāny ahiṃsayan
soll wandeln, den Wesen keine Gewalt antuend (3.Sg.Opt.; Akk. Pl.; Part.Präs.)

ātmabhūta: „selbstgleich / als Selbst der Wesen“, Deutung unsicher.

yadā vyapetahṛllekhaṃ mano bhavati tasya vai; nānṛtaṃ caiva bhavati tadā kalyāṇam ṛcchati

Wenn sein Sinn frei von Herzensqual geworden ist und bei ihm keine Unwahrheit mehr ist, dann erlangt er Heil.

Wort für Wort
yadā vyapetahṛllekhaṃ
wenn frei von Herzensqual (Nom. n., Bahuvrīhi)
mano bhavati tasya vai
der Sinn wird bei ihm wahrlich (Nom.; 3.Sg.Präs.; Gen.)
nānṛtaṃ caiva bhavati
und keine Unwahrheit ist [bei ihm] (Nom.; 3.Sg.Präs.)
tadā kalyāṇam ṛcchati
dann erlangt er Heil (Adv.; Akk.; 3.Sg.Präs.)

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