Kapitel 283: varṇavṛttir asurabhāvaś ca
Parāśara über Standespflichten, den Ursprung der Gewalt und das Heil
Parāśara belehrt einen König über den Erwerb der Stände, Notberufe, den Verfall des Dharma durch asurische Gesinnung und die Pflicht zu gewaltlosem, tugendhaftem Handeln.
Parāśara sprach: „Beim Brahmanen sind [Güter] durch Annahme von Gaben erworben, beim Kṣatriya durch Waffen erobert, beim Vaiśya auf rechtmäßige Weise erworben, beim Śūdra durch Dienst erworben; selbst geringe Güter werden gepriesen, wenn sie dem Dharma dienen, [denn] sie tragen große Frucht.
Wort für Wort
parāśara uvāca
Parāśara sprach (3.Sg.Perf.)
pratigrahāgatā vipre
durch Gabenannahme erlangt beim Brahmanen (Nom. Pl.; Lok.)
kṣatriye śastranirjitāḥ
beim Kṣatriya durch Waffen erobert (Lok.; Nom. Pl.)
vaiśye nyāyārjitāś caiva
und beim Vaiśya rechtmäßig erworben (Lok.; Nom. Pl.)
śūdre śuśrūṣayārjitāḥ
beim Śūdra durch Dienst erworben (Lok.; Instr.; Nom. Pl.)
svalpāpy arthāḥ praśasyante
auch ganz geringe Güter werden gepriesen (Nom. Pl.; 3.Pl.Pass.)
dharmasyārthe mahāphalāḥ
um des Dharma willen, von großer Frucht (Lok.; Nom. Pl.)
nityaṃ trayāṇāṃ varṇānāṃ śūdraḥ śuśrūṣur ucyate; kṣatradharmā vaiśyadharmā nāvṛttiḥ patati dvijaḥ; śūdrakarmā yadā tu syāt tadā patati vai dvijaḥ
Der Śūdra wird stets als Diener der drei Stände bezeichnet. Ein Zweimalgeborener, der die Pflicht des Kṣatriya oder des Vaiśya übt, fällt nicht, wenn er ohne Lebensunterhalt ist; wenn er aber das Tun eines Śūdra verrichtet, dann fällt der Zweimalgeborene freilich.
Wort für Wort
nityaṃ trayāṇāṃ varṇānāṃ
stets der drei Stände (Adv.; Gen. Pl.)
śūdraḥ śuśrūṣur ucyate
der Śūdra wird Dienender genannt (Nom.; 3.Sg.Pass.)
kṣatradharmā vaiśyadharmā
Kṣatriya-Pflicht oder Vaiśya-Pflicht übend (Nom. Sg., Bahuvrīhi)
nāvṛttiḥ patati dvijaḥ
ohne Lebensunterhalt fällt der Zweimalgeborene nicht (Nom.; 3.Sg.Präs.)
śūdrakarmā yadā tu syāt
wenn er aber das Tun eines Śūdra ausübt (Bahuvrīhi; 3.Sg.Opt.)
tadā patati vai dvijaḥ
dann fällt der Zweimalgeborene wahrlich (3.Sg.Präs.)
nāvṛttiḥ = na + avṛttiḥ gefasst (avṛttiḥ als Prädikativ zu dvijaḥ: „ohne Lebensunterhalt“).
raṅgāvataraṇaṃ caiva tathā rūpopajīvanam; madyamāṃsopajīvyaṃ ca vikrayo lohacarmaṇoḥ
Das Auftreten auf der Bühne, ebenso das Leben von der [Zur-Schau-Stellung der] Gestalt, das Leben von Rauschtrank und Fleisch und der Verkauf von Eisen und Leder [gehören zu den in der Welt getadelten Tätigkeiten].
Wort für Wort
raṅgāvataraṇaṃ caiva
und das Betreten der Bühne (Nom. Sg. n.)
tathā rūpopajīvanam
ebenso das Leben von der Gestalt/Schönheit (Nom. Sg. n.)
madyamāṃsopajīvyaṃ ca
und das von Rauschtrank und Fleisch zu Lebende (Nom. Sg. n.)
vikrayo lohacarmaṇoḥ
der Verkauf von Eisen und Leder (Nom.; Gen. Du.)
Der Satz ist syntaktisch unvollständig; aus V. 5 ergänzt: getadelte Berufe. rūpopajīvana: Deutung unsicher.
apūrviṇā na kartavyaṃ karma loke vigarhitam; kṛtapūrviṇas tu tyajato mahān dharma iti śrutiḥ
Wer es zuvor nicht getan hat, soll kein in der Welt getadeltes Tun ausüben; für den aber, der es zuvor getan hat und es aufgibt, [liegt] großer Dharma [darin] – so lautet die Überlieferung.
Wort für Wort
apūrviṇā na kartavyaṃ
von einem, der es zuvor nicht getan hat, ist nicht zu tun (Instr.; Gerundiv)
karma loke vigarhitam
ein Tun, das in der Welt getadelt wird (Nom.; Lok.; Part.Pass.)
kṛtapūrviṇas tu tyajato
für den aber, der es zuvor getan hat und aufgibt (Gen.; Part.Präs.)
mahān dharma iti śrutiḥ
großer Dharma, so [lautet] die Überlieferung (Nom.; Nom.)
śrūyante hi purāṇe vai prajā dhigdaṇḍaśāsanāḥ; dāntā dharmapradhānāś ca nyāyadharmānuvartakāḥ
Denn man hört, in alter Zeit seien die Untertanen allein durch die Zurechtweisung mit „Pfui!“ als Strafe gelenkt worden, selbstbeherrscht, den Dharma voranstellend und Recht und Dharma folgend.
Wort für Wort
śrūyante hi purāṇe vai
denn es wird gehört, in alter Zeit wahrlich (3.Pl.Pass.; Lok.)
prajā dhigdaṇḍaśāsanāḥ
die Untertanen, durch die Pfui-Strafe gelenkt (Nom. Pl.; Bahuvrīhi)
dāntā dharmapradhānāś ca
selbstbeherrscht und den Dharma an die Spitze stellend (Nom. Pl.)
Dann, bei den vom Zorn Überwältigten, [schwand] das mit Scham verbundene Verhalten; und auch die Scham selbst schwand, König; daraus entstand Verblendung.
Wort für Wort
tataḥ krodhābhibhūtānāṃ
dann bei den vom Zorn Überwältigten (Adv.; Gen. Pl.)
vṛttaṃ lajjāsamanvitam
das Verhalten, schambegleitet (Nom. n.; Part.)
hrīś caivāpy anaśad rājan
und auch die Scham schwand, König (Nom.; 3.Sg.Impf.; Vok.)
tato moho vyajāyata
daraus entstand Verblendung (Nom.; 3.Sg.Impf. Med.)
Prädikat zu vṛttam (etwa anaśat) aus dem Folgenden ergänzt.
tān prāpya tu sa dhig daṇḍo nakāraṇam ato 'bhavat; tato 'bhyagacchan devāṃś ca brāhmaṇāṃś cāvamanya ha
Als [die Strafe des „Pfui!“] sie erreichte, blieb sie daraufhin ohne Wirkung; da gingen sie gegen [die Götter] vor und missachteten die Götter und die Brahmanen.
Wort für Wort
tān prāpya tu sa dhig daṇḍo
als jene „Pfui“-Strafe sie erreichte (Abs.; Nom.)
nakāraṇam ato 'bhavat
wurde daraufhin ohne Ursache/Wirkung (Nom.; 3.Sg.Impf.)
tato 'bhyagacchan
da gingen sie heran/vor (3.Pl.Impf.)
devāṃś ca brāhmaṇāṃś ca
die Götter und die Brahmanen (Akk. Pl.)
avamanya ha
missachtend, fürwahr (Abs.; Partikel)
nakāraṇam = na kāraṇam („nicht Ursache“, d. h. wirkungslos) gedeutet; abhyagacchan ohne klares Objekt.
tena sma te gaganagāḥ sapurāḥ pātitāḥ kṣitau; tisro 'py ekena bāṇena devāpyāyitatejasā
Von ihm wurden jene am Himmel fahrenden [Asuras] samt ihren Städten zur Erde gestürzt – auch die drei [Städte] – mit einem einzigen Pfeil, dessen Glanz von den Göttern genährt war.
Wort für Wort
tena sma te gaganagāḥ
von ihm wurden jene Himmelsfahrer (Instr.; Nom. Pl.)
sapurāḥ pātitāḥ kṣitau
samt Städten gestürzt zur Erde (Nom. Pl.; Part.Kaus.; Lok.)
tisro 'py ekena bāṇena
auch die drei mit einem Pfeil (Nom. f.; Instr.)
devāpyāyitatejasā
mit von den Göttern genährtem Glanz (Instr.; Bahuvrīhi)
tisro 'pi (die drei Städte) im Satz lose angeschlossen.
tato 'bhyaṣiñcan rājyena devānāṃ divi vāsavam; saptarṣayaś cānvayuñjan narāṇāṃ daṇḍadhāraṇe
Dann weihten sie Vāsava im Himmel zur Herrschaft über die Götter, und die Sieben Seher betrauten [ihn/einen Fürsten] mit dem Führen der Strafgewalt über die Menschen.
Wort für Wort
tato 'bhyaṣiñcan rājyena
da weihten sie zur Königsherrschaft (3.Pl.Impf.; Instr.)
devānāṃ divi vāsavam
über die Götter im Himmel den Vāsava (Gen. Pl.; Lok.; Akk.)
saptarṣayaś cānvayuñjan
und die Sieben Seher beauftragten (Nom. Pl.; 3.Pl.Impf.)
narāṇāṃ daṇḍadhāraṇe
der Menschen im Tragen des Strafstabs (Gen. Pl.; Lok.)
Danach, nach den Sieben Sehern, [erschien] ein Fürst namens Vipṛthu [?]; [auch] Könige und Kṣatriyas [wurden] in den Gebieten, jeweils einzeln, [eingesetzt].
Wort für Wort
saptarṣīṇām athordhvaṃ ca
und danach, oberhalb/nach den Sieben Sehern (Gen. Pl.; Adv.)
vipṛthur nāma pārthivaḥ
ein Fürst namens Vipṛthu (Nom.; Nom.)
rājānaḥ kṣatriyāś caiva
und Könige und Kṣatriyas (Nom. Pl.)
maṇḍaleṣu pṛthak pṛthak
in den Bezirken, je gesondert (Lok. Pl.; Adv.)
Text elliptisch; ūrdhvam zeitlich („danach“) gedeutet, unsicher.
Darum sage ich dir, König, nach Überlegung gemäß der Lehrschrift: Man soll das Erlangen der Vollendung [erstreben] und das auf Gewalt gerichtete Tun aufgeben.
Wort für Wort
tasmād ahaṃ bravīmi tvāṃ
darum sage ich dir (Abl.; 1.Sg.Präs.; Akk.)
rājan saṃcintya śāstrataḥ
König, nach Überlegung gemäß der Lehrschrift (Vok.; Abs.; Adv.)
saṃsiddhādhigamaṃ kuryāt
man soll das Erlangen der Vollendung tun (Akk.; 3.Sg.Opt.)
karma hiṃsātmakaṃ tyajet
das gewaltförmige Tun soll man aufgeben (Akk.; 3.Sg.Opt.)
saṃsiddhādhigama unsicher (Erlangen von Vollendung/Erfolg).
na saṃkareṇa draviṇaṃ vicinvīta vicakṣaṇaḥ; dharmārthaṃ nyāyam utsṛjya na tat kalyāṇam ucyate
Ein Kluger soll Besitz nicht durch Vermischung [der Ordnungen] zusammentragen; wer um des Dharma willen das Recht verlässt, dessen Tun gilt nicht als heilsam.
Wort für Wort
na saṃkareṇa draviṇaṃ
nicht durch Vermischung/Unordnung Besitz (Instr.; Akk.)
vicinvīta vicakṣaṇaḥ
soll sammeln der Kluge (3.Sg.Opt. Med.; Nom.)
dharmārthaṃ nyāyam utsṛjya
um des Dharma willen das Recht preisgebend (Adv.; Akk.; Abs.)
sa tvam evaṃvidho dāntaḥ kṣatriyaḥ priyabāndhavaḥ; prajā bhṛtyāṃś ca putrāṃś ca svadharmeṇānupālaya
Du nun, als ein solcher, selbstbeherrscht, ein Kṣatriya, den Verwandten lieb, schütze die Untertanen, die Diener und die Söhne gemäß deinem eigenen Dharma.
Wort für Wort
sa tvam evaṃvidho dāntaḥ
du, ein solcher, Selbstbeherrschter (Nom.)
kṣatriyaḥ priyabāndhavaḥ
ein Kṣatriya, den Verwandten lieb (Nom.; Bahuvrīhi)
prajā bhṛtyāṃś ca putrāṃś ca
die Untertanen, Diener und Söhne (Akk. Pl.)
svadharmeṇānupālaya
schütze durch den eigenen Dharma (Instr.; Imp.2.Sg.)
tasmād guṇeṣu rajyethā mā doṣeṣu kadā cana; nirguṇo yo hi durbuddhir ātmanaḥ so 'rir ucyate
Darum sollst du an Tugenden Gefallen finden, niemals an Fehlern; denn wer tugendlos und von schlechtem Verstand ist, von dem heißt es, er sei sein eigener Feind.
Wort für Wort
tasmād guṇeṣu rajyethā
darum sollst du an Tugenden Gefallen finden (Lok. Pl.; 2.Sg.Opt. Med.)
mā doṣeṣu kadā cana
nie an Fehlern (Verbot; Lok. Pl.)
nirguṇo yo hi durbuddhir
denn wer tugendlos ist, schlechten Verstandes (Nom.)
ātmanaḥ so 'rir ucyate
der wird des Selbst Feind genannt (Gen.; Nom.; 3.Sg.Pass.)
Ein dharmagesinnter, kundiger Mensch, ob er strebend oder nicht strebend ist, soll stets in der Welt als eins mit den Wesen wandeln und den Wesen keine Gewalt antun.
Wort für Wort
dharmaśīlo naro vidvān
ein dharmagesinnter, kundiger Mensch (Nom.)
īhako 'nīhako 'pi vā
ob strebend oder nicht strebend (Nom.)
ātmabhūtaḥ sadā loke
sich den Wesen gleichsetzend/ihr Selbst geworden, stets in der Welt (Nom.; Adv.; Lok.)
cared bhūtāny ahiṃsayan
soll wandeln, den Wesen keine Gewalt antuend (3.Sg.Opt.; Akk. Pl.; Part.Präs.)
ātmabhūta: „selbstgleich / als Selbst der Wesen“, Deutung unsicher.