Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 342: brāhmaṇātithisaṃvāda Der Hausvater-Brahmane befragt einen weisen Gast über die vielen Wege des Dharma

Ein Brahmane, der seine Hausvaterpflichten dem Sohn übergeben hat, bittet einen weisen Gast (atithi) um Rat, welcher Weg zur höchsten Erlösung führe. Der Gast gesteht seine eigene Unsicherheit und zählt die vielfältigen, im Volk gepriesenen Wege zum Himmel und zur Erlösung auf.

brāhmaṇa uvāca; samutpannābhidhāno 'smi vāṅmādhuryeṇa te 'nagha; mitratām abhipannas tvāṃ kiṃ cid vakṣyāmi tac chṛṇu

Der Brahmane sprach: „Durch die Süße deiner Rede ist mir Vertrauen[?] erwachsen, Sündloser; da ich Freundschaft mit dir geschlossen habe, will ich dir etwas sagen – höre es.“

Wort für Wort
brāhmaṇa uvāca
der Brahmane sprach (Nom.Sg./3.Sg.Perf.)
samutpannābhidhānaḥ asmi
mir ist Vertrauen[?] entstanden, ich bin (Nom.Sg./1.Sg.Präs.)
vāṅmādhuryeṇa te
durch die Süße deiner Rede (Instr.Sg./Gen.Sg.)
anagha
o Sündloser (Vok.Sg.)
mitratām abhipannaḥ
der Freundschaft eingetreten (Akk.Sg./Nom.Sg.Part.Perf.)
tvāṃ kiṃcid vakṣyāmi
dir will ich etwas sagen (Akk.Sg./Akk.Sg./1.Sg.Fut.)
tat śṛṇu
das höre (Akk.Sg./2.Sg.Imp.)

„abhidhāna“ (wörtl. „Benennung, Aussage“) hier als „Vertrauen/Zuneigung“ gedeutet – Bedeutung unsicher.

gṛhasthadharmaṃ viprendra kṛtvā putragataṃ tv aham; dharmaṃ paramakaṃ kuryāṃ ko hi mārgo bhaved dvija

„Nachdem ich die Hausvater-Pflicht erfüllt und [sie] meinem Sohn übertragen habe, o Fürst der Brahmanen, möchte ich [nun] die höchste Pflicht erfüllen – welcher Weg wäre das wohl, o Zweifachgeborener?“

Wort für Wort
gṛhasthadharmaṃ
die Hausvater-Pflicht (Akk.Sg.)
viprendra
o Fürst der Brahmanen (Vok.Sg.)
kṛtvā
nachdem [ich sie] erfüllt habe (Absolutiv)
putragataṃ tu aham
die dem Sohn zugefallene [Pflicht], ich aber (Akk.Sg./Nom.Sg.)
dharmaṃ paramakaṃ kuryām
möchte ich die höchste Pflicht erfüllen (Akk.Sg./Akk.Sg./1.Sg.Opt.)
ko hi mārgo bhavet
welcher Weg wäre es wohl (Nom.Sg./Nom.Sg./3.Sg.Opt.)
dvija
o Zweifachgeborener (Vok.Sg.)

aham ātmānam ātmastham eka evātmani sthitaḥ; kartuṃ kāṅkṣāmi necchāmi baddhaḥ sādhāraṇair guṇaiḥ

„Ich, allein im Selbst gegründet, wünsche mein Selbst im Selbst ruhend zu machen; ich will nicht [länger] durch die gewöhnlichen [Welt-]Eigenschaften gebunden sein.“

Wort für Wort
aham
ich (Nom.Sg.)
ātmānam ātmastham
das im Selbst ruhende Selbst (Akk.Sg./Akk.Sg.)
eka eva ātmani sthitaḥ
allein im Selbst gegründet (Nom.Sg./Lok.Sg./Nom.Sg.Part.Perf.)
kartuṃ kāṅkṣāmi
zu machen wünsche ich (Inf./1.Sg.Präs.)
na icchāmi
ich will nicht (1.Sg.Präs.)
baddhaḥ
gebunden (Nom.Sg.Part.Perf.Pass.)
sādhāraṇair guṇaiḥ
durch die gewöhnlichen Eigenschaften (Instr.Pl.)

yāvad evānatītaṃ me vayaḥ putraphalāśritam; tāvad icchāmi pātheyam ādātuṃ pāralaukikam

„Solange meine an der Frucht des Sohnes hängende Lebenszeit noch nicht verstrichen ist, solange will ich die Wegzehrung für die jenseitige Welt aufnehmen.“

Wort für Wort
yāvad eva anatītaṃ
solange [noch] nicht verstrichen (Adv./Nom.Sg.)
me vayaḥ
meine Lebenszeit (Gen.Sg./Nom.Sg.)
putraphalāśritam
die an der Frucht des Sohnes hängende (Nom.Sg.)
tāvad icchāmi
solange wünsche ich (Adv./1.Sg.Präs.)
pātheyam ādātum
die Wegzehrung aufzunehmen (Akk.Sg./Inf.)
pāralaukikam
die für die jenseitige Welt [bestimmte] (Akk.Sg.)

asmin hi lokasaṃtāne paraṃ pāram abhīpsataḥ; utpannā me matir iyaṃ kuto dharmamayaḥ plavaḥ

„In diesem Weltenkreislauf ist mir, der ich das jenseitige Ufer zu erreichen wünsche, dieser Gedanke entstanden: Woher [kommt] das Floß aus Dharma?“

Wort für Wort
asmin hi lokasaṃtāne
in diesem Weltenkreislauf (Lok.Sg.)
paraṃ pāram abhīpsataḥ
der das jenseitige Ufer zu erreichen wünscht (Akk.Sg./Akk.Sg./Gen.Sg.Part.Präs.)
utpannā me matir iyam
dieser Gedanke ist mir entstanden (Nom.Sg.Part.Perf./Gen.Sg./Nom.Sg./Nom.Sg.)
kuto dharmamayaḥ plavaḥ
woher [kommt] das aus Dharma bestehende Floß (Adv./Nom.Sg./Nom.Sg.)

samuhyamānāni niśamya loke; niryātyamānāni ca sāttvikāni; dṛṣṭvā ca dharmadhvajaketumālāṃ; prakīryamāṇām upari prajānām

„Da ich vernommen habe, wie [Wesen] in der Welt hinweggetragen und wie die Guten [von ihr] fortgeschickt werden, und da ich gesehen habe, wie sich die Fahnenreihe der Dharma-Banner über den Geschöpfen ausbreitet,

Wort für Wort
samuhyamānāni niśamya
die Fortgetragenen[Wesen] vernehmend (Akk.Pl.Part.Präs.Pass./Absolutiv)
loke
in der Welt (Lok.Sg.)
niryātyamānāni ca sāttvikāni
und die Wesen von guter Wesensart, die fortgeschickt werden (Akk.Pl.Part.Präs.Pass./Akk.Pl.)
dṛṣṭvā ca
und gesehen habend (Absolutiv)
dharmadhvajaketumālāṃ
die Fahnenreihe der Dharma-Banner (Akk.Sg.)
prakīryamāṇām
die sich ausbreitende (Akk.Sg.Part.Präs.Pass.)
upari prajānām
über den Geschöpfen (Adv./Gen.Pl.)

Verse 6 und 7 bilden im Sanskrit einen einzigen Satz; die Anführung wird daher erst am Ende von Vers 7 geschlossen.

na me mano rajyati bhogakāle; dṛṣṭvā yatīn prārthayataḥ paratra; tenātithe buddhibalāśrayeṇa; dharmārthatattve viniyuṅkṣva māṃ tvam

erfreut sich mein Sinn nicht mehr an der Zeit des Genusses, seit ich Asketen gesehen habe, die nach dem Jenseits verlangen; darum, o Gast, geleite du mich kraft deiner Einsicht zur Wahrheit von Dharma und Artha.“

Wort für Wort
na me mano rajyati
mein Sinn erfreut sich nicht (Gen.Sg./Nom.Sg./3.Sg.Präs.)
bhogakāle
zur Zeit des Genusses (Lok.Sg.)
dṛṣṭvā yatīn
die Asketen gesehen habend (Absolutiv/Akk.Pl.)
prārthayataḥ paratra
die nach dem Jenseits verlangen (Akk.Pl.Part.Präs./Adv.)
tena atithe
darum, o Gast (Adv./Vok.Sg.)
buddhibalāśrayeṇa
kraft der Stärke deiner Einsicht (Instr.Sg.)
dharmārthatattve viniyuṅkṣva
leite [mich] zur Wahrheit von Dharma und Artha an (Lok.Sg./2.Sg.Imp.)
māṃ tvam
mich, du (Akk.Sg./Nom.Sg.)

Fortsetzung des mit Vers 6 begonnenen Satzes.

bhīṣma uvāca; so 'tithir vacanaṃ tasya śrutvā dharmābhilāṣiṇaḥ; provāca vacanaṃ ślakṣṇaṃ prājño madhurayā girā

Bhīṣma sprach: Jener Gast, der die Worte des nach Dharma verlangenden Brahmanen gehört hatte, sprach, weise, mit süßer Stimme, sanfte Worte.

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Nom.Sg./3.Sg.Perf.)
saḥ atithiḥ
jener Gast (Nom.Sg.)
vacanaṃ tasya
die Worte jenes (Akk.Sg./Gen.Sg.)
śrutvā
gehört habend (Absolutiv)
dharmābhilāṣiṇaḥ
des nach Dharma Verlangenden (Gen.Sg.)
provāca vacanaṃ ślakṣṇaṃ
sprach sanfte Worte (3.Sg.Perf./Akk.Sg./Akk.Sg.)
prājño madhurayā girā
weise, mit süßer Stimme (Nom.Sg./Instr.Sg.)

aham apy atra muhyāmi mamāpy eṣa manorathaḥ; na ca saṃniścayaṃ yāmi bahudvāre triviṣṭape

„Auch ich bin hierin ratlos, auch dies ist mein eigenes Verlangen; und zu keiner Gewissheit komme ich hinsichtlich des Himmels, der viele Tore hat.“

Wort für Wort
aham api atra muhyāmi
auch ich bin hierin ratlos (Nom.Sg./1.Sg.Präs.)
mama api eṣa manorathaḥ
auch dies ist mein Verlangen (Gen.Sg./Nom.Sg./Nom.Sg.)
na ca saṃniścayaṃ yāmi
und ich komme zu keiner Gewissheit (Akk.Sg./1.Sg.Präs.)
bahudvāre triviṣṭape
hinsichtlich des vieltorigen Himmels (Lok.Sg./Lok.Sg.)

ke cin mokṣaṃ praśaṃsanti ke cid yajñaphalaṃ dvijāḥ; vānaprasthāśramaṃ ke cid gārhasthyaṃ ke cid āśritāḥ

„Manche Brahmanen preisen die Erlösung, manche die Frucht des Opfers; manche haben sich der Waldeinsiedler-Stufe zugewandt, manche dem Hausvaterstand.“

Wort für Wort
ke cid mokṣaṃ praśaṃsanti
manche preisen die Erlösung (Nom.Pl./Akk.Sg./3.Pl.Präs.)
ke cid yajñaphalaṃ
manche die Frucht des Opfers (Nom.Pl./Akk.Sg.)
dvijāḥ
die Zweifachgeborenen (Nom.Pl.)
vānaprasthāśramaṃ ke cid
manche die Waldeinsiedler-Stufe (Akk.Sg./Nom.Pl.)
gārhasthyaṃ ke cid āśritāḥ
manche haben sich dem Hausvaterstand zugewandt (Akk.Sg./Nom.Pl./Nom.Pl.Part.Perf.)

rājadharmāśrayaṃ ke cit ke cid ātmaphalāśrayam; gurucaryāśrayaṃ ke cit ke cid vākyaṃ yam āśrayam

„Manche [nehmen] die Zuflucht zur Königspflicht, manche die Zuflucht zur Frucht des Selbst; manche die Zuflucht zum Dienst am Lehrer, manche eine [bestimmte] Lehre[?] als Zuflucht.“

Wort für Wort
rājadharmāśrayaṃ ke cit
manche [nehmen] die Zuflucht zur Königspflicht (Akk.Sg./Nom.Pl.)
ke cid ātmaphalāśrayam
manche die Zuflucht zur Frucht des Selbst (Nom.Pl./Akk.Sg.)
gurucaryāśrayaṃ ke cit
manche die Zuflucht zum Dienst am Lehrer (Akk.Sg./Nom.Pl.)
ke cid vākyaṃ yam āśrayam
manche [nehmen] die Lehre[?], die [ihre] Zuflucht [ist] (Nom.Pl./Akk.Sg./Akk.Sg.Rel./Akk.Sg.)

„yam āśrayam“ unklar; wörtl. „welches [als] Zuflucht“ – vermutlich Verweis auf eine bestimmte Lehre/Aussage.

mātaraṃ pitaraṃ ke cic chuśrūṣanto divaṃ gatāḥ; ahiṃsayā pare svargaṃ satyena ca tathā pare

„Manche sind, indem sie Mutter und Vater dienten, zum Himmel gegangen; andere [gelangten] zum Himmel durch Gewaltlosigkeit, und ebenso andere durch Wahrhaftigkeit.“

Wort für Wort
mātaraṃ pitaraṃ
Mutter [und] Vater (Akk.Sg./Akk.Sg.)
ke cid śuśrūṣantaḥ
manche, [ihnen] dienend (Nom.Pl./Nom.Pl.Part.Präs.)
divaṃ gatāḥ
sind zum Himmel gegangen (Akk.Sg./Nom.Pl.Part.Perf.)
ahiṃsayā pare svargaṃ
andere [gelangten] durch Gewaltlosigkeit zum Himmel (Instr.Sg./Nom.Pl./Akk.Sg.)
satyena ca tathā pare
und ebenso andere durch Wahrhaftigkeit (Instr.Sg./Adv./Nom.Pl.)

āhave 'bhimukhāḥ ke cin nihatāḥ svid divaṃ gatāḥ; ke cid uñchavrataiḥ siddhāḥ svargamārgasamāśritāḥ

„Manche, die im Kampf dem Feind entgegentraten, sind, erschlagen, wohl zum Himmel gegangen; manche sind durch das Gelöbnis des Ährenlesens vollkommen geworden und haben den Weg zum Himmel eingeschlagen.“

Wort für Wort
āhave abhimukhāḥ
dem Kampf zugewandt (Lok.Sg./Nom.Pl.)
ke cid nihatāḥ svid
manche, erschlagen, wohl (Nom.Pl./Nom.Pl.Part.Perf./Partikel)
divaṃ gatāḥ
sind zum Himmel gegangen (Akk.Sg./Nom.Pl.Part.Perf.)
ke cid uñchavrataiḥ
manche durch das Gelöbnis des Ährenlesens (Nom.Pl./Instr.Pl.)
siddhāḥ svargamārgasamāśritāḥ
vollkommen geworden, haben den Weg zum Himmel eingeschlagen (Nom.Pl.Part.Perf./Nom.Pl.)

Die Partikel „svid“ wurde bekräftigend als „wohl“ wiedergegeben.

ke cid adhyayane yuktā vedavrataparāḥ śubhāḥ; buddhimanto gatāḥ svargaṃ tuṣṭātmāno jitendriyāḥ

„Manche, dem Studium hingegeben, den Veda-Gelübden zugewandt, lauter, klug, mit zufriedenem Gemüt und gemeisterten Sinnen, sind zum Himmel gegangen.“

Wort für Wort
ke cid adhyayane yuktāḥ
manche, dem Studium hingegeben (Nom.Pl./Lok.Sg./Nom.Pl.Part.Perf.Pass.)
vedavrataparāḥ śubhāḥ
den Veda-Gelübden zugewandt, lauter (Nom.Pl./Nom.Pl.)
buddhimantaḥ gatāḥ svargaṃ
klug, sind zum Himmel gegangen (Nom.Pl./Nom.Pl.Part.Perf./Akk.Sg.)
tuṣṭātmānaḥ jitendriyāḥ
zufriedenen Gemüts, mit gemeisterten Sinnen (Nom.Pl./Nom.Pl.)

ārjavenāpare yuktā nihatānārjavair janaiḥ; ṛjavo nākapṛṣṭhe vai śuddhātmānaḥ pratiṣṭhitāḥ

„Andere, die mit Aufrichtigkeit ausgestattet waren, wurden von unaufrichtigen Menschen erschlagen; [doch] die Aufrichtigen sind es, die, reinen Herzens, gewiss auf der Höhe des Himmelsgewölbes gegründet sind.“

Wort für Wort
ārjavena apare yuktāḥ
andere, mit Aufrichtigkeit ausgestattet (Instr.Sg./Nom.Pl./Nom.Pl.Part.Perf.Pass.)
nihatāḥ anārjavaiḥ janaiḥ
wurden von unaufrichtigen Menschen erschlagen (Nom.Pl.Part.Perf./Instr.Pl./Instr.Pl.)
ṛjavaḥ nākapṛṣṭhe vai
die Aufrichtigen [sind] gewiss auf der Höhe des Himmelsgewölbes (Nom.Pl./Lok.Sg./Partikel)
śuddhātmānaḥ pratiṣṭhitāḥ
reinen Herzens, gegründet (Nom.Pl./Nom.Pl.Part.Perf.)

evaṃ bahuvidhair loke dharmadvārair anāvṛtaiḥ; mamāpi matir āvignā meghalekheva vāyunā

„So gibt es in der Welt vielerlei unverschlossene Tore des Dharma; auch mein Sinn ist dadurch aufgewühlt wie ein Wolkenstreifen vom Wind.“

Wort für Wort
evaṃ bahuvidhair
so [gibt es] vielerlei (Adv./Instr.Pl.)
loke dharmadvārair
in der Welt Tore des Dharma (Lok.Sg./Instr.Pl.)
anāvṛtaiḥ
unverschlossene (Instr.Pl.)
mama api matir āvignā
auch mein Sinn ist aufgewühlt (Gen.Sg./Nom.Sg./Nom.Sg.Part.Perf.Pass.)
meghalekhā iva vāyunā
wie ein Wolkenstreifen vom Wind (Nom.Sg./Partikel/Instr.Sg.)

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