Kapitel 336: ekāntadharmaparaṃparā
Die Überlieferungskette des Ekānta-(Sātvata-)Dharma durch die Weltzeitalter
Janamejaya erfragt von Vaiśaṃpāyana Ursprung und Überlegenheit des Weges der ausschließlichen Hari-Verehrer (Ekāntin). Vaiśaṃpāyana schildert, wie Nārāyaṇa den Sātvata-Dharma in jeder der aufeinanderfolgenden Geburten Brahmās aufs Neue offenbart und wie er über eine Kette von Empfängern (u.a. Rudra, die Vālakhilya, Suparṇa, Vāyu, den Ozean, Sanatkumāra, die Manu-Linie) weitergegeben wird, bis er über Brahmā und die Barhiṣad-Weisen in die Menschenwelt gelangt.
janamejaya uvāca; aho hy ekāntinaḥ sarvān prīṇāti bhagavān hariḥ; vidhiprayuktāṃ pūjāṃ ca gṛhṇāti bhagavān svayam
Janamejaya sprach: „Ach, wie erfreut doch der erhabene Hari alle, die ihm allein ergeben sind [die Ekāntin]! Und die vorschriftsmäßig dargebrachte Verehrung nimmt der Erhabene selbst entgegen.
Wort für Wort
janamejaya uvāca
Janamejaya sprach (Nom.Sg./3.Sg.Perf.)
aho hi
ach, wahrlich (Interjektion/Partikel)
ekāntinaḥ sarvān
alle Ekāntin (Akk.Pl.)
prīṇāti bhagavān hariḥ
erfreut der erhabene Hari (3.Sg.Präs./Nom.Sg.)
vidhiprayuktāṃ pūjāṃ ca
und die vorschriftsgemäß dargebrachte Verehrung (Akk.Sg.)
ye tu dagdhendhanā loke puṇyapāpavivarjitāḥ; teṣāṃ tvayābhinirdiṣṭā pāraṃparyāgatā gatiḥ
Diejenigen aber, deren Brennstoff [an Taten] verbrannt ist, die in der Welt frei sind von Verdienst und Sünde – für sie hast du den aus der Überlieferung stammenden Weg genau bezeichnet.
Wort für Wort
ye tu dagdhendhanāḥ
die aber, deren Brennstoff verbrannt ist (Nom.Pl.)
Gewiss ist dieser Ekānta-Dharma der beste, er ist Nārāyaṇa lieb, weil sie, ohne die drei anderen Wege zu gehen, [unmittelbar] zum unveränderlichen Hari gelangen.
sahopaniṣadān vedān ye viprāḥ samyag āsthitāḥ; paṭhanti vidhim āsthāya ye cāpi yatidharmiṇaḥ
Die Brahmanen, welche die Veden samt den Upaniṣaden recht befolgen und, der Vorschrift folgend, rezitieren, und auch die, welche dem Asketenrecht [Yatidharma] anhängen –
Wort für Wort
sahopaniṣadān vedān
die Veden samt den Upaniṣaden (Akk.Pl.)
ye viprāḥ
welche Brahmanen (Nom.Pl.)
samyag āsthitāḥ
recht befolgend (Nom.Pl., PPP)
paṭhanti
rezitieren (3.Pl.Präs.)
vidhim āsthāya
der Vorschrift folgend (Absolutiv/Akk.Sg.)
ye ca api yatidharmiṇaḥ
und auch die, welche dem Asketenrecht anhängen (Nom.Pl.)
ekāntināṃ ca kā caryā kadā cotpāditā vibho; etan me saṃśayaṃ chindhi paraṃ kautūhalaṃ hi me
Und welches ist die Praxis der Ekāntin, und wann wurde sie hervorgebracht, o Gewaltiger? Zerstreue diesen meinen Zweifel, denn meine Neugier ist groß.“
Wort für Wort
ekāntināṃ ca kā caryā
und was ist die Praxis der Ekāntin (Gen.Pl./Nom.Sg.)
kadā ca utpāditā
und wann wurde sie hervorgebracht (Nom.Sg.Fem., PPP)
vibho
o Gewaltiger (Vok.)
etan me saṃśayaṃ chindhi
zerteile diesen meinen Zweifel (Akk.Sg./2.Sg.Imp.)
Vaiśaṃpāyana sprach: „Als die Heere aufgestellt waren zum Kampf zwischen Kuru und Pāṇḍava und Arjuna mutlos war, wurde [die Lehre] vom Erhabenen selbst verkündet.
āgatiś ca gatiś caiva pūrvaṃ te kathitā mayā; gahano hy eṣa dharmo vai durvijñeyo 'kṛtātmabhiḥ
Das Kommen und das Gehen wurden dir bereits zuvor von mir dargelegt; denn schwierig ist dieser Dharma, schwer erkennbar für jene, die ihr Selbst nicht geläutert haben.
Wort für Wort
āgatiś ca gatiś ca eva
das Kommen und das Gehen (Nom.Sg. je)
pūrvaṃ te kathitā mayā
wurden dir zuvor von mir erzählt (Dat.Sg./Nom.Sg.Fem.PPP/Instr.Sg.)
Nachdem Nārada, der Hochgesegnete, über diese Sache, o Großkönig, von dem Pārtha befragt worden war, inmitten der Weisen, während Kṛṣṇa und Bhīṣma zuhörten –
Wort für Wort
etam arthaṃ mahārāja
über diese Sache, o Großkönig (Akk.Sg./Vok.)
pṛṣṭaḥ pārthena
gefragt vom Pārtha (Nom.Sg.PPP/Instr.Sg.)
nāradaḥ
Nārada (Nom.Sg.)
ṛṣimadhye mahābhāgaḥ
inmitten der Weisen, der Hochgesegnete (Lok.Sg./Nom.Sg.)
yadāsīn mānasaṃ janma nārāyaṇamukhodgatam; brahmaṇaḥ pṛthivīpāla tadā nārāyaṇaḥ svayam; tena dharmeṇa kṛtavān daivaṃ pitryaṃ ca bhārata
Als die geistgeborene Geburt Brahmās war, hervorgegangen aus dem Mund Nārāyaṇas, o Herrscher der Erde, da vollzog Nārāyaṇa selbst mit diesem Dharma die Riten für Götter und Ahnen, o Bhārata.
Wort für Wort
yadā āsīn mānasaṃ janma
als die geistgeborene Geburt war (Nom.Sg.)
nārāyaṇamukhodgatam brahmaṇaḥ
aus dem Mund Nārāyaṇas hervorgegangen, Brahmās (Nom.Sg./Gen.Sg.)
pṛthivīpāla
o Herrscher der Erde (Vok.)
tadā nārāyaṇaḥ svayam
da Nārāyaṇa selbst (Nom.Sg.)
tena dharmeṇa kṛtavān
vollzog mit diesem Dharma (Instr.Sg./Nom.Sg.PPA)
daivaṃ pitryaṃ ca bhārata
das Göttliche und das Väterliche, o Bhārata (Akk.Sg. je/Vok.)
phenapā ṛṣayaś caiva taṃ dharmaṃ pratipedire; vaikhānasāḥ phenapebhyo dharmam etaṃ prapedire; vaikhānasebhyaḥ somas tu tataḥ so 'ntardadhe punaḥ
Die Phenapa-Weisen [wörtl. die Schaumtrinker] nahmen diesen Dharma an; die Vaikhānasa empfingen diesen Dharma von den Phenapa; von den Vaikhānasa [empfing ihn] Soma – dann verschwand er wieder.
Als die zweite Geburt Brahmās, die cākṣuṣa[-Geburt], eintrat, o König, da erfuhr [der neue Brahmā] diesen Dharma vom Großvater [Brahmā] und von Soma[?]; und er übergab den auf Nārāyaṇa gegründeten Dharma dem Rudra, o König.
Wort für Wort
yadā āsīc cākṣuṣaṃ janma
als die cākṣuṣa-Geburt war (Nom.Sg.)
dvitīyaṃ brahmaṇo nṛpa
die zweite Brahmās, o König (Nom.Sg./Gen.Sg./Vok.)
tadā pitāmahāt somād
da vom Großvater und von Soma (Abl.Sg. je)
etaṃ dharmam ajānata
erfuhr [er] diesen Dharma (Akk.Sg./3.Sg.Impf.Med.)
nārāyaṇātmakaṃ rājan
den auf Nārāyaṇa gegründeten, o König (Akk.Sg./Vok.)
rudrāya pradadau ca saḥ
und er übergab dem Rudra (Dat.Sg./3.Sg.Perf.)
Die Doppel-Ablativ-Konstruktion ‚pitāmahāt somād' ist uneindeutig; hier als unverbundene Aufzählung zweier Quellen (Großvater Brahmā und Soma) gedeutet.
tato yogasthito rudraḥ purā kṛtayuge nṛpa; vālakhilyān ṛṣīn sarvān dharmam etam apāṭhayat; antardadhe tato bhūyas tasya devasya māyayā
Darauf lehrte Rudra, im Yoga verweilend, einst im Kṛtayuga, o König, allen Vālakhilya-Weisen diesen Dharma; danach verschwand er wieder, durch die Māyā jenes Gottes [Nārāyaṇas].
suparṇo nāma tam ṛṣiḥ prāptavān puruṣottamāt; tapasā vai sutaptena damena niyamena ca
Der Weise namens Suparṇa erlangte ihn [diesen Dharma] von dem höchsten Manne [Puruṣottama], durch wohlgeübte Askese, durch Selbstbeherrschung und durch Regeltreue.
Wort für Wort
suparṇo nāma tam ṛṣiḥ
der Weise mit Namen Suparṇa, ihn (Nom.Sg./Akk.Sg.)
prāptavān puruṣottamāt
erlangte vom höchsten Manne (Nom.Sg.PPA/Abl.Sg.)
tapasā vai sutaptena
durch wohlgeübte Askese (Instr.Sg.)
damena niyamena ca
durch Selbstbeherrschung und Regeltreue (Instr.Sg. je)
Durch Vāyu, den Lebenshauch der Welt, wurde er verbreitet, o Bester der Zweifüßler; und von Vāyu erlangten ihn die Weisen, die von den Opferresten leben.
Wort für Wort
vāyunā dvipadāṃ śreṣṭha
durch Vāyu, o Bester der Zweifüßler (Instr.Sg./Vok.)
prathito jagadāyuṣā
verbreitet durch den Lebenshauch der Welt (Nom.Sg.PPP/Instr.Sg.)
sṛja prajāḥ putra sarvā mukhataḥ pādatas tathā; śreyas tava vidhāsyāmi balaṃ tejaś ca suvrata
‚Erschaffe, mein Sohn, alle Geschöpfe, aus dem Mund und ebenso aus den Füßen; ich werde dir Wohlergehen, Kraft und Glanz verleihen, o du von gutem Gelübde.
Wort für Wort
sṛja prajāḥ putra sarvā
erschaffe alle Geschöpfe, mein Sohn (2.Sg.Imp./Akk.Pl./Vok.)
tato brahmā namaścakre devāya harimedhase; dharmaṃ cāgryaṃ sa jagrāha sarahasyaṃ sasaṃgraham; āraṇyakena sahitaṃ nārāyaṇamukhodgatam
Darauf erwies Brahmā dem Gott Harimedhas Verehrung und empfing den vortrefflichen Dharma, mit seinem Geheimnis und seiner Zusammenfassung, verbunden mit dem Āraṇyaka, hervorgegangen aus dem Munde Nārāyaṇas.
Wort für Wort
tato brahmā namaścakre
darauf erwies Brahmā Verehrung (Nom.Sg./3.Sg.Perf.)
devāya harimedhase
dem Gott Harimedhas (Dat.Sg.)
dharmaṃ ca agryaṃ sa jagrāha
und er empfing den vortrefflichen Dharma (Akk.Sg./3.Sg.Perf.)
sarahasyaṃ sasaṃgraham
mit seinem Geheimnis und seiner Zusammenfassung (Akk.Sg.)
Nachdem er dem Brahmā von unermesslichem Glanz diesen Dharma gelehrt hatte – den für das Kṛtayuga bestimmten, [das] Handeln ohne Verlangen[-nach-Frucht] genannten –, ging [Nārāyaṇa] hin an das jenseitige Ufer der Finsternis, wo das Unentfaltete weilt.
Wort für Wort
upadiśya tato dharmaṃ
nachdem er darauf den Dharma gelehrt hatte (Absolutiv/Akk.Sg.)
brahmaṇe 'mitatejase
dem Brahmā von unermesslichem Glanz (Dat.Sg.)
taṃ kārtayugadharmāṇaṃ
diesen für das Kṛtayuga bestimmten (Akk.Sg.)
nirāśīḥkarmasaṃjñitam
‚Handeln ohne Verlangen' genannten (Akk.Sg.)
jagāma tamasaḥ pāraṃ
ging ans jenseitige Ufer der Finsternis (3.Sg.Perf./Akk.Sg.)
Darauf lehrte auch Śaṅkhapada seinen eigenen, leiblichen Sohn – den Weltenhüter Sudharman unterrichtete er, o Bhārata. Darauf verschwand er wieder, als das Tretāyuga erneut eintrat.
Bei der aus der Nase geborenen Geburt Brahmās, einst, o Bester der Erdenherrscher, brachte der Gott Hari Nārāyaṇa selbst, der Herr, diesen Dharma – der Lotusäugige spie ihn hervor, während Brahmā zusah.
Wort für Wort
nāsikyajanmani purā brahmaṇaḥ
bei der aus der Nase geborenen Geburt Brahmās, einst (Lok.Sg./Gen.Sg.)
sanatkumāro bhagavāṃs tataḥ prādhītavān nṛpa; sanatkumārād api ca vīraṇo vai prajāpatiḥ; kṛtādau kuruśārdūla dharmam etam adhītavān
Der erhabene Sanatkumāra erlernte ihn darauf gründlich, o König; und von Sanatkumāra erlernte auch Vīraṇa, der Prajāpati, diesen Dharma am Beginn des Kṛta[yuga], o Tiger der Kuru.
Wort für Wort
sanatkumāro bhagavāṃs tataḥ
der erhabene Sanatkumāra darauf (Nom.Sg.)
prādhītavān nṛpa
erlernte gründlich, o König (Nom.Sg.PPA/Vok.)
sanatkumārād api ca
und auch von Sanatkumāra (Abl.Sg.)
vīraṇo vai prajāpatiḥ
Vīraṇa, der Prajāpati (Nom.Sg.)
kṛtādau kuruśārdūla
am Anfang des Kṛta[yuga], o Tiger der Kuru (Lok.Sg./Vok.)
Dem mit Namen Kukṣi, dem Hüter der Weltrichtungen, dem Dharmatreuen, übergab er ihn dann. Darauf verschwand er wieder, [dieser Dharma,] der aus dem Munde Nārāyaṇas hervorgegangen war.
Wort für Wort
kukṣināmne atha pradadau
dann übergab er dem mit Namen Kukṣi (Dat.Sg./3.Sg.Perf.)
diśāṃ pālāya dharmiṇe
dem dharmatreuen Hüter der Weltrichtungen (Dat.Sg.)
barhiṣadbhyaś ca saṃkrāntaḥ sāmavedāntagaṃ dvijam; jyeṣṭhaṃ nāmnābhivikhyātaṃ jyeṣṭhasāmavrato hariḥ
Und von den Barhiṣad ging er über auf den Zweifachgeborenen, der ans Ende des Sāmaveda gelangt war, den unter dem Namen Jyeṣṭha wohlbekannten [?] – so wurde er zu Hari, dessen Gelübde das Jyeṣṭhasāma ist.
Wort für Wort
barhiṣadbhyaś ca saṃkrāntaḥ
und von den Barhiṣad übergegangen (Abl.Pl./Nom.Sg.PPP)
sāmavedāntagaṃ dvijam
auf den Zweifachgeborenen, der ans Ende des Sāmaveda gelangt war (Akk.Sg.)
jyeṣṭhaṃ nāmnā abhivikhyātaṃ
unter dem Namen Jyeṣṭha wohlbekannten (Akk.Sg.)
jyeṣṭhasāmavrato hariḥ
Hari, dessen Gelübde das Jyeṣṭhasāma ist (Nom.Sg.)
Die Konstruktion ‚jyeṣṭhasāmavrato hariḥ' ist syntaktisch unklar; hier als Apposition zum weitergereichten, personifizierten Dharma gedeutet.
vratināṃ cāpi yo dharmaḥ sa te pūrvaṃ nṛpottama; kathito harigītāsu samāsavidhikalpitaḥ
„Und auch der Dharma der Ordensleute [der Gelübdehaltenden], den habe ich dir zuvor, bester der Könige, in den Liedern Haris verkündet, in knapper Form dargelegt.“
Wort für Wort
vratināṃ cāpi yo dharmaḥ
und auch der Dharma der Gelübdehaltenden (Gen./Nom.)
„Dieser Dharma aber wurde von Nārada, samt seinem Geheimnis und seiner Zusammenfassung, unmittelbar vom Weltenherrn Nārāyaṇa selbst empfangen, o König.“
„Durch dieses Wissen um den Dharma und durch wohlvollzogenes Handeln, das mit dem Dharma der Gewaltlosigkeit verbunden ist, wird der Herr Hari erfreut.“
Wort für Wort
dharmajñānena ca etena
und durch dieses Wissen um den Dharma (Instr.)
suprayuktena karmaṇā
durch wohlvollzogenes Handeln (Instr.)
ahiṃsādharmayuktena
das mit dem Dharma der Gewaltlosigkeit verbunden ist (Instr.)
ekavyūhavibhāgo vā kva cid dvivyūhasaṃjñitaḥ; trivyūhaś cāpi saṃkhyātaś caturvyūhaś ca dṛśyate
„Bald zeigt er sich als Gliederung in eine einzige Erscheinungsform, bald wird er als zweifache Erscheinungsform bezeichnet; auch als dreifache Erscheinungsform wird er gezählt, und als vierfache Erscheinungsform ist er zu sehen.“
Wort für Wort
ekavyūhavibhāgo vā
oder als Gliederung in eine Erscheinungsform (Nom.)
kva cid dvivyūhasaṃjñitaḥ
irgendwo als zweifache Erscheinungsform bezeichnet (Nom.)
trivyūhaś cāpi saṃkhyātaḥ
und auch als dreifache gezählt (Nom.PPP)
caturvyūhaś ca dṛśyate
und als vierfache wird [er] gesehen (3.Sg.Pass.)
Anspielung auf die Pāñcarātra-Lehre der Vyūhas (Erscheinungsformen: Vāsudeva, Saṃkarṣaṇa, Pradyumna, Aniruddha).
harir eva hi kṣetrajño nirmamo niṣkalas tathā; jīvaś ca sarvabhūteṣu pañcabhūtaguṇātigaḥ
„Hari ist es, der der Kenner des Feldes [der Körper] ist, frei von Ich-Bezogenheit und ebenso ohne Teile; und er ist das Lebensprinzip in allen Wesen, das die Eigenschaften der fünf Elemente übersteigt.“
Wort für Wort
harir eva hi kṣetrajño
Hari ist wahrlich der Feldkenner (Nom.)
nirmamo niṣkalas tathā
frei von Ich-Bezogenheit und ebenso ohne Teile (Nom.)
jīvaś ca sarvabhūteṣu
und das Lebensprinzip in allen Wesen (Nom./Lok.)
pañcabhūtaguṇātigaḥ
die Eigenschaften der fünf Elemente übersteigend (Nom.)
manaś ca prathitaṃ rājan pañcendriyasamīraṇam; eṣa lokanidhir dhīmān eṣa lokavisargakṛt
„Und er ist, wie bekannt ist, o König, der Geist, der Beweger der fünf Sinne; er, der Weise, ist der Schatzgrund der Welten, er ist der Schöpfer der Weltenentstehung.“
eṣa ekāntidharmas te kīrtito nṛpasattama; mayā guruprasādena durvijñeyo 'kṛtātmabhiḥ; ekāntino hi puruṣā durlabhā bahavo nṛpa
„Dieser Dharma der Ekāntin wurde dir von mir, o bester der Könige, durch die Gnade meines Lehrers verkündet – schwer erkennbar für die, deren Selbst nicht vollendet ist; denn Männer, die Ekāntin sind, sind selten, o König, nicht viele [gibt es].“
Wort für Wort
eṣa ekāntidharmas te kīrtito
dieser Dharma der Ekāntin wurde dir verkündet (Nom./Dat./PPP)
nṛpasattama
o bester der Könige (Vok.)
mayā guruprasādena
von mir, durch die Gnade des Lehrers (Instr.)
durvijñeyo 'kṛtātmabhiḥ
schwer erkennbar für die Unvollendeten (Instr.Pl.)
„Wäre die Welt erfüllt von Ekāntin, o Freude der Kurus – von Gewaltlosen, Selbstkundigen, dem Wohl aller Wesen Zugewandten, die frei sind von auf Verheißung [Lohn] gerichtetem Handeln –, so würde das Kṛta-Zeitalter [wieder] erreicht werden.“
Wort für Wort
yady ekāntibhir ākīrṇaṃ
wenn von Ekāntin erfüllt (Instr./PPP)
jagat syāt kurunandana
die Welt wäre, o Freude der Kurus (Nom./Vok.)
ahiṃsakair ātmavidbhiḥ
von Gewaltlosen, Selbstkundigen (Instr.Pl.)
sarvabhūtahite rataiḥ
dem Wohl aller Wesen Zugewandten (Instr.Pl.)
bhavet kṛtayugaprāptir
es wäre die Erlangung des Kṛta-Zeitalters (Opt./Nom.)
āśīḥkarmavivarjitaiḥ
von denen, die frei von lohnorientiertem Handeln sind (Instr.Pl.)
„[Er erzählte] von dem Gott, dem höchsten Brahman, dem weißen, mondgleich strahlenden, dem Unvergänglichen, zu dem die Ekāntin gelangen, die Nārāyaṇa als höchstes Ziel haben.“
Wort für Wort
devaṃ paramakaṃ brahma
den Gott, das höchste Brahman (Akk.)
śvetaṃ candrābham acyutam
den weißen, mondgleich strahlenden, unvergänglichen (Akk.)
Janamejaya sprach: „Warum befolgen andere Brahmanen, die in verschiedenen Gelübden stehen, nicht diesen so mannigfaltigen Dharma, der von den Erwachten geübt wird?“
Vaiśampāyana sprach: „Drei Grundnaturen, o König, sind in den Körperbindungen [Verkörperungen] angelegt: die sattvische, die rajasische und die tamasische, o Bhārata.“
Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca
Vaiśampāyana sprach
tisraḥ prakṛtayo rājan
drei Naturen, o König (Nom.Pl./Vok.)
dehabandheṣu nirmitāḥ
in den Körperbindungen angelegt (Lok.Pl./Nom.Pl.PPP)
„Unter den in Körperbindung Befindlichen ist der beste Mann, o Stütze des Kurugeschlechts, der sattvische, o Tiger unter den Männern; er ist auf das Ziel der Erlösung fest entschlossen.“
Wort für Wort
dehabandheṣu puruṣaḥ śreṣṭhaḥ
unter den Körpergebundenen der beste Mann (Lok./Nom.)
kurukulodvaha
o Stütze des Kurugeschlechts (Vok.)
sāttvikaḥ puruṣavyāghra
der Sattvische, o Tiger unter den Männern (Nom./Vok.)
bhaven mokṣārthaniścitaḥ
er sei entschlossen auf das Ziel der Erlösung (Opt./Nom.)
atrāpi sa vijānāti puruṣaṃ brahmavartinam; nārāyaṇaparo mokṣas tato vai sāttvikaḥ smṛtaḥ
„Auch hierbei erkennt er [der Sattvische] den im Brahman wandelnden Puruṣa; da seine Erlösung Nārāyaṇa zum Höchsten hat, gilt er deshalb wahrlich als sattvisch.“
Wort für Wort
atrāpi sa vijānāti
auch hierbei erkennt er (3.Sg.Präs.)
puruṣaṃ brahmavartinam
den im Brahman wandelnden Puruṣa (Akk.)
nārāyaṇaparo mokṣas
die Erlösung, die Nārāyaṇa zum Höchsten hat (Nom.)
tato vai sāttvikaḥ smṛtaḥ
deshalb gilt er wahrlich als sattvisch (Nom./PPP)
„sa“ bezieht sich auf den sattvischen Menschen aus dem vorigen Vers.
manīṣitaṃ ca prāpnoti cintayan puruṣottamam; ekāntabhaktiḥ satataṃ nārāyaṇaparāyaṇaḥ
„Und wer stets in ausschließlicher Hingabe verharrt, mit Nārāyaṇa als höchstem Ziel, und beständig über den höchsten Puruṣa nachsinnt, erlangt das Erstrebte.“
manīṣiṇo hi ye ke cid yatayo mokṣakāṅkṣiṇaḥ; teṣāṃ vai chinnatṛṣṇānāṃ yogakṣemavaho hariḥ
„Denn welche verständigen Asketen auch immer nach Erlösung streben – für jene, deren Begehren durchtrennt ist, sorgt Hari für Erwerb und Bewahrung [ihres Wohls].“
Wort für Wort
manīṣiṇo hi ye ke cid
denn welche verständigen [Asketen] auch immer (Nom.Pl.)
yatayo mokṣakāṅkṣiṇaḥ
Asketen, die nach Erlösung streben (Nom.Pl.)
teṣāṃ vai chinnatṛṣṇānāṃ
für jene, deren Begehren durchtrennt ist (Gen.Pl.)
yogakṣemavaho hariḥ
Hari ist der Bringer von Erwerb und Bewahrung (Nom.)
sāṃkhyayogena tulyo hi dharma ekāntasevitaḥ; nārāyaṇātmake mokṣe tato yānti parāṃ gatim
„Der von den Ekāntin geübte Dharma ist wahrlich dem Sāṃkhya und dem Yoga gleichwertig; da die Erlösung ihr Wesen in Nārāyaṇa hat, gelangen sie von dort zum höchsten Ziel.“
Wort für Wort
sāṃkhyayogena tulyo hi
denn gleichwertig mit Sāṃkhya-Yoga (Instr./Nom.)
dharma ekāntasevitaḥ
der von den Ekāntin geübte Dharma (Nom.)
nārāyaṇātmake mokṣe
in der Erlösung, deren Wesen Nārāyaṇa ist (Lok.)
tato yānti parāṃ gatim
von dort gelangen sie zum höchsten Ziel (3.Pl.Präs./Akk.)
„Die rajasische und die tamasische [Natur] gelten als die gemischten Naturen; den Menschen, der aus ihnen besteht, o Herr der Völker, der bei seiner Geburt mit den Merkmalen weltlichen Strebens ausgestattet ist, den blickt Hari selbst nicht an.“
Wort für Wort
rājasī tāmasī caiva
die rajasische und die tamasische (Nom.)
vyāmiśre prakṛtī smṛte
gelten als die gemischten Naturen (Nom.Dual/PPP)
tadātmakaṃ hi puruṣaṃ
den Menschen, dessen Wesen das ist (Akk.)
jāyamānaṃ viśāṃ pate
bei seiner Geburt, o Herr der Völker (Akk./Vok.)
pravṛttilakṣaṇair yuktaṃ
mit den Merkmalen weltlichen Strebens versehen (Instr./Akk.)
kāmaṃ devāś ca ṛṣayaḥ sattvasthā nṛpasattama; hīnāḥ sattvena sūkṣmeṇa tato vaikārikāḥ smṛtāḥ
„Gewiss stehen die Götter und Seher in Sattva, o bester der Könige; doch da es ihnen am feinstofflichen Sattva mangelt, werden sie deshalb als Vaikārika [den abgeleiteten Wesen] gerechnet.“
Wort für Wort
kāmaṃ devāś ca ṛṣayaḥ
gewiss die Götter und die Seher (Nom.Pl.)
sattvasthā nṛpasattama
in Sattva stehend, o bester der Könige (Nom.Pl./Vok.)
hīnāḥ sattvena sūkṣmeṇa
arm am feinstofflichen Sattva (Nom.Pl./Instr.)
tato vaikārikāḥ smṛtāḥ
deshalb werden sie als Vaikārika angesehen (Nom.Pl.PPP)
„Sage alles, wie es [dir] bekannt ist, und den Vorgang der Reihe nach!“
Wort für Wort
vada sarvaṃ
sage alles (2.Sg.Imp.)
yathādṛṣṭaṃ
wie [es] gesehen/erkannt wurde
pravṛttiṃ ca
und den Vorgang/Ablauf (Akk.)
yathākramam
der Reihe nach
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers, nur in einem Teil der Handschriften überliefert; Fortsetzung der Frage aus dem vorigen Vers.
Vaiśampāyana sprach: „Verbunden mit dem überaus feinen Sattva, verbunden mit den drei unvergänglichen Silben, kann der [individuelle] Puruṣa zum [höchsten], untätigen, fünfundzwanzigsten Puruṣa gelangen.“
Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca
Vaiśampāyana sprach
susūkṣmasattvasaṃyuktaṃ
verbunden mit überaus feinem Sattva (Akk.)
saṃyuktaṃ tribhir akṣaraiḥ
verbunden mit den drei [heiligen] Silben (Akk./Instr.)
puruṣaḥ puruṣaṃ gacchen
kann der [einzelne] Puruṣa zum [höchsten] Puruṣa gelangen (Nom./Akk./Opt.)
niṣkriyaḥ pañcaviṃśakam
dem untätigen Fünfundzwanzigsten (Akk.)
„die drei Silben“ dürfte sich auf die drei Laute a-u-m der heiligen Silbe Oṃ beziehen; „der Fünfundzwanzigste“ ist in der Sāṃkhya-Terminologie der Puruṣa jenseits der 24 Prinzipien der Prakṛti.
evam ekaṃ sāṃkhyayogaṃ vedāraṇyakam eva ca; parasparāṅgāny etāni pañcarātraṃ ca kathyate; eṣa ekāntināṃ dharmo nārāyaṇaparātmakaḥ
„So sind Sāṃkhya-Yoga und ebenso die vedische Āraṇyaka-Lehre eins; diese [Lehren] sind wechselseitig Glieder voneinander, und auch das Pañcarātra wird [dazu] gerechnet. Dies ist der Dharma der Ekāntin, dessen Wesen Nārāyaṇa als das Höchste ist.“
Wort für Wort
evam ekaṃ sāṃkhyayogaṃ
so sind Sāṃkhya-Yoga eins (Akk.)
vedāraṇyakam eva ca
und ebenso die vedische Āraṇyaka-Lehre (Akk.)
parasparāṅgāny etāni
diese [sind] wechselseitige Glieder (Nom.Pl.)
pañcarātraṃ ca kathyate
und das Pañcarātra wird [dazu] gerechnet (Nom./3.Sg.Pass.)
yathā samudrāt prasṛtā jalaughās; tam eva rājan punar āviśanti; ime tathā jñānamahājalaughā; nārāyaṇaṃ vai punar āviśanti
„Wie die Wasserflut, die dem Ozean entströmt ist, o König, wieder in ihn selbst einmündet, so münden auch diese großen Erkenntnisströme wieder in Nārāyaṇa.“
Wort für Wort
yathā samudrāt prasṛtā
wie die vom Ozean ausgeströmten (Nom.Pl.)
jalaughās
Wasserfluten (Nom.Pl.)
tam eva rājan punar āviśanti
in ihn selbst wieder einmünden, o König (Akk./3.Pl./Vok.)
ime tathā jñānamahājalaughā
so [münden] diese großen Erkenntnisflutwasser (Nom.Pl.)
„Dieser Dharma der Sātvata wurde dir verkündet, o Verwandter der Yadus; befolge ihn, wie es sich gehört, wenn du dazu imstande bist, o Bhārata.“
Wort für Wort
eṣa te kathito dharmaḥ
dieser Dharma wurde dir verkündet (Nom./Dat./PPP)
sātvato yadubāndhava
der Sātvata-[Dharma], o Verwandter der Yadus (Nom./Vok.)
kuruṣvainaṃ yathānyāyaṃ
befolge ihn, wie es sich gehört (2.Sg.Imp./Akk.)
yadi śaknoṣi bhārata
wenn du imstande bist, o Bhārata (2.Sg.Präs./Vok.)
Die Anrede wechselt hier innerhalb der wiedergegebenen Rede zwischen „Verwandter der Yadus“ und „Bhārata“; vermutlich Reste der ursprünglich an Kṛṣṇa gerichteten Belehrung, die hier in die Rahmenerzählung übernommen sind.
itthaṃ hi duścaro dharma eṣa pārthivasattama; yathaiva tvaṃ tathaivānye na bhajanti vimohitāḥ
„So ist dieser Dharma also schwer zu vollziehen, o bester der Herrscher der Erde; wie du [ihm folgst], so [könnten] auch andere [ihm folgen] – doch die Verblendeten befolgen ihn nicht.“
kṛṣṇa eva hi lokānāṃ bhāvano mohanas tathā; saṃhārakārakaś caiva kāraṇaṃ ca viśāṃ pate
„Denn Kṛṣṇa allein ist der Hervorbringer der Welten und ebenso ihr Verblender, zugleich der Bewirker ihrer Vernichtung und [ihre] Ursache, o Herr der Völker.“