Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 33: yudhiṣṭhiraviṣāda Yudhiṣṭhiras Klage über den Verwandtenmord und seine Frage nach den Lebensstufen

Yudhiṣṭhira klagt Bhīṣma sein Leid über die Tötung von Verwandten und Freunden, sorgt sich um die Witwen und fürchtet die Hölle; er will den Körper durch Askese aufgeben und bittet um Belehrung über die Lebensstufen.

yudhiṣṭhira uvāca; hatāḥ putrāś ca pautrāś ca bhrātaraḥ pitaras tathā; śvaśurā guravaś caiva mātulāḥ sapitāmahāḥ

Yudhiṣṭhira sprach: „Gefallen sind Söhne und Enkel, Brüder und Väter, ebenso Schwiegerväter, Lehrer, Mutterbrüder samt den Großvätern,

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Nom.; 3.Sg.Perf.)
hatāḥ putrāḥ ca pautrāḥ ca
erschlagen [sind] Söhne und Enkel (Part.Pass./Nom.Pl.)
bhrātaraḥ pitaraḥ tathā
Brüder und ebenso Väter (Nom.Pl.)
śvaśurāḥ guravaḥ ca eva
Schwiegerväter und Lehrer ebenfalls (Nom.Pl.)
mātulāḥ sapitāmahāḥ
Mutterbrüder samt den Großvätern (Nom.Pl.; Kompositum)

kṣatriyāś ca mahātmānaḥ saṃbandhisuhṛdas tathā; vayasyā jñātayaś caiva bhrātaraś ca pitāmaha

und hochgesinnte Kṣatriyas, ebenso Verschwägerte und Freunde, Altersgenossen und Verwandte und Brüder, o Großvater.

Wort für Wort
kṣatriyāḥ ca mahātmānaḥ
und Kṣatriyas, hochgesinnte (Nom.Pl.)
saṃbandhisuhṛdaḥ tathā
Verschwägerte und Freunde ebenso (Nom.Pl.; Dvandva)
vayasyāḥ jñātayaḥ ca eva
Altersgenossen und Verwandte ebenfalls (Nom.Pl.)
bhrātaraḥ ca pitāmaha
und Brüder, o Großvater (Nom.Pl./Vok.Sg.)

bahavaś ca manuṣyendrā nānādeśasamāgatāḥ; ghātitā rājyalubdhena mayaikena pitāmaha

Und viele Menschenherrscher, aus verschiedenen Ländern zusammengekommen, wurden von mir allein, dem Reichsgierigen, erschlagen lassen, o Großvater.

Wort für Wort
bahavaḥ ca manuṣyendrāḥ
und viele Menschenherrscher (Nom.Pl.)
nānādeśasamāgatāḥ
aus verschiedenen Ländern zusammengekommen (Part.Pass./Nom.Pl.; Kompositum)
ghātitāḥ
getötet worden (Part.Pass.Kaus./Nom.Pl.)
rājyalubdhena mayā ekena
von mir, dem reichsgierigen, allein (Instr.Sg.)
pitāmaha
o Großvater (Vok.Sg.)

ghātitāḥ ist Kausativpartizip: „töten lassen“, „zum Tode gebracht“.

tāṃs tādṛśān ahaṃ hatvā dharmanityān mahīkṣitaḥ; asakṛt somapān vīrān kiṃ prāpsyāmi tapodhana

Was werde ich erlangen, nachdem ich solche Erdherrscher, die dem Dharma stets ergeben waren, oftmals Soma-Trinker, Helden, erschlagen habe, o Reicher an Askese?

Wort für Wort
tān tādṛśān ahaṃ hatvā
sie, solche, ich, nachdem ich erschlagen habe (Akk.Pl.; Abs.)
dharmanityān mahīkṣitaḥ
dem Dharma stets ergebene Erdherrscher (Akk.Pl.; Kompositum)
asakṛt somapān vīrān
oftmals Soma-Trinker, Helden (Adv.; Akk.Pl.)
kiṃ prāpsyāmi
was werde ich erlangen (Fut.1.Sg.)
tapodhana
o Reicher an Askese (Vok.Sg.)

dahyāmy aniśam adyāhaṃ cintayānaḥ punaḥ punaḥ; hīnāṃ pārthivasiṃhais taiḥ śrīmadbhiḥ pṛthivīm imām

Ich brenne heute unaufhörlich, immer wieder nachsinnend, [beim Gedanken an] diese Erde, beraubt jener glanzvollen Fürstenlöwen.

Wort für Wort
dahyāmi aniśam adya aham
ich brenne unaufhörlich heute (Pass.1.Sg.Präs.; Adv.)
cintayānaḥ punaḥ punaḥ
nachsinnend, immer wieder (Part.Präs.Med./Nom.Sg.)
hīnāṃ pārthivasiṃhaiḥ taiḥ
beraubt jener Fürstenlöwen (Akk.Sg.f.; Instr.Pl.)
śrīmadbhiḥ pṛthivīm imām
der glanzvollen, diese Erde (Instr.Pl.; Akk.Sg.)

dṛṣṭvā jñātivadhaṃ ghoraṃ hatāṃś ca śataśaḥ parān; koṭiśaś ca narān anyān paritapye pitāmaha

Nachdem ich das furchtbare Verwandtenmorden gesehen habe, die Feinde zu Hunderten erschlagen und andere Männer zu Millionen, quäle ich mich, o Großvater.

Wort für Wort
dṛṣṭvā jñātivadhaṃ ghoram
nachdem ich das schreckliche Verwandtenmorden gesehen habe (Abs.; Akk.Sg.)
hatān ca śataśaḥ parān
und Feinde, zu Hunderten erschlagen (Part.Pass./Akk.Pl.; Adv.)
koṭiśaḥ ca narān anyān
und zu Millionen andere Männer (Adv.; Akk.Pl.)
paritapye pitāmaha
ich quäle mich, o Großvater (Pass./Med.1.Sg.Präs.; Vok.)

kā nu tāsāṃ varastrīṇām avasthādya bhaviṣyati; vihīnānāṃ svatanayaiḥ patibhir bhrātṛbhis tathā

Welcher Zustand wird nun heute jenen edlen Frauen bevorstehen, die ihrer eigenen Söhne, Gatten und ebenso Brüder beraubt sind?

Wort für Wort
kā nu tāsām varastrīṇām
was für ein, nun, von jenen edlen Frauen (Nom.Sg.f.; Gen.Pl.)
avasthā adya bhaviṣyati
Zustand heute wird sein (Nom.Sg.; Fut.3.Sg.)
vihīnānām svatanayaiḥ
der Beraubten ihrer eigenen Söhne (Gen.Pl.; Instr.Pl.)
patibhiḥ bhrātṛbhiḥ tathā
der Gatten und ebenso der Brüder (Instr.Pl.)

asmān antakarān ghorān pāṇḍavān vṛṣṇisaṃhitān; ākrośantyaḥ kṛśā dīnā nipatantyaś ca bhūtale

Uns, die schrecklichen Vernichter, die mit den Vṛṣṇis verbündeten Pāṇḍavas, beschimpfend, abgemagert, elend und zu Boden sinkend,

Wort für Wort
asmān antakarān ghorān
uns, die Vernichter, schrecklichen (Akk.Pl.)
pāṇḍavān vṛṣṇisaṃhitān
die Pāṇḍavas, mit den Vṛṣṇis verbunden (Akk.Pl.; Kompositum)
ākrośantyaḥ
beschimpfend (Part.Präs./Nom.Pl.f.)
kṛśāḥ dīnāḥ
abgemagert, elend (Nom.Pl.f.)
nipatantyaḥ ca bhūtale
und niedersinkend auf den Boden (Part.Präs./Nom.Pl.f.; Lok.Sg.)

Der Satz setzt sich in Vers 9 fort.

apaśyantyaḥ pitṝn bhrātṝn patīn putrāṃś ca yoṣitaḥ; tyaktvā prāṇān priyān sarvā gamiṣyanti yamakṣayam

und Väter, Brüder, Gatten und Söhne nicht mehr erblickend, werden alle Frauen, das liebe Leben aufgebend, zur Wohnstatt Yamas gehen.

Wort für Wort
apaśyantyaḥ pitṝn bhrātṝn
nicht sehend Väter, Brüder (Part.Präs./Nom.Pl.f.; Akk.Pl.)
patīn putrān ca yoṣitaḥ
Gatten und Söhne, die Frauen (Akk.Pl.; Nom.Pl.)
tyaktvā prāṇān priyān
nachdem sie die lieben Lebenshauche aufgegeben haben (Abs.; Akk.Pl.)
sarvāḥ gamiṣyanti
alle werden gehen (Nom.Pl.f.; Fut.3.Pl.)
yamakṣayam
zur Wohnstatt Yamas (Akk.Sg.; Kompositum)

vatsalatvād dvijaśreṣṭha tatra me nāsti saṃśayaḥ; vyaktaṃ saukṣmyāc ca dharmasya prāpsyāmaḥ strīvadhaṃ vayam

Aus [ihrer] Anhänglichkeit, bester der Zweimalgeborenen – daran habe ich keinen Zweifel; und offenkundig werden wir wegen der Feinheit des Dharma den Mord an Frauen auf uns laden.

Wort für Wort
vatsalatvāt
aus Anhänglichkeit/Zuneigung (Abl.Sg.)
dvijaśreṣṭha
bester der Zweimalgeborenen (Vok.Sg.)
tatra me na asti saṃśayaḥ
darüber habe ich keinen Zweifel (Lok.; Gen./Dat.Sg.; 3.Sg.Präs.)
vyaktaṃ saukṣmyāt ca dharmasya
offenkundig, und wegen der Feinheit des Dharma (Adv.; Abl.Sg.; Gen.Sg.)
prāpsyāmaḥ strīvadham vayam
werden wir erlangen den Frauenmord, wir (Fut.1.Pl.; Akk.Sg.; Nom.Pl.)

Die Beziehung von vatsalatvāt ist knapp: gemeint ist wohl, dass die Frauen aus Liebe zu ihren Angehörigen in den Tod gehen.

te vayaṃ suhṛdo hatvā kṛtvā pāpam anantakam; narake nipatiṣyāmo hy adhaḥśirasa eva ca

So werden wir, die wir die Freunde erschlagen und endlose Sünde getan haben, in die Hölle stürzen, und zwar mit dem Kopf nach unten.

Wort für Wort
te vayaṃ suhṛdaḥ hatvā
wir, die Freunde erschlagen habend (Nom.Pl.; Akk.Pl.; Abs.)
kṛtvā pāpam anantakam
nachdem wir endlose Sünde begangen haben (Abs.; Akk.Sg.)
narake nipatiṣyāmaḥ hi
in die Hölle werden wir stürzen ja (Lok.Sg.; Fut.1.Pl.)
adhaḥśirasaḥ eva ca
und zwar kopfüber (Nom.Pl.)

śarīrāṇi vimokṣyāmas tapasogreṇa sattama; āśramāṃś ca viśeṣāṃs tvaṃ mamācakṣva pitāmaha

Wir wollen [unsere] Körper durch furchtbare Askese ablegen, o Vortrefflichster; und die Lebensstufen, insbesondere [sie], erkläre du mir, o Großvater.

Wort für Wort
śarīrāṇi vimokṣyāmaḥ
die Körper werden/wollen wir ablegen (Akk.Pl.; Fut./Konj.1.Pl.)
tapasā ugreṇa
durch furchtbare Askese (Instr.Sg.)
sattama
o Vortrefflichster (Vok.Sg.)
āśramān ca viśeṣāt tvam
und die Lebensstufen, im Besonderen, du (Akk.Pl.; Abl.Sg./Adv.; Nom.Sg.)
mama ācakṣva pitāmaha
mir erkläre, o Großvater (Dat./Gen.Sg.; Imper.Med.2.Sg.; Vok.)

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