Kapitel 303: sāṃkhyadarśana-nirūpaṇam
Yājñavalkya erläutert die Sāṃkhya-Lehre vom Unentfalteten und vom Puruṣa
Yājñavalkya erklärt Janaka das Verhältnis von Eigenschaftslosem und Eigenschaftsbehaftetem, von Unentfaltetem (avyakta) und Puruṣa, und veranschaulicht deren Verschiedenheit an Bildern (Munja und Rohr, Fisch und Wasser, Lotus und Wasser). Am Ende leitet er zur Yoga-Lehre über.
yājñavalkya uvāca; na śakyo nirguṇas tāta guṇīkartuṃ viśāṃ pate; guṇavāṃś cāpy aguṇavān yathātattvaṃ nibodha me
Yājñavalkya sprach: „Nicht kann man, mein Lieber, den Eigenschaftslosen zum Eigenschaftsbehafteten machen, o Herr der Menschen; [was] eigenschaftsbehaftet und [was] eigenschaftslos ist, das vernimm der Wahrheit gemäß von mir.“
Wort für Wort
yājñavalkya uvāca
Yājñavalkya sprach (Perf. 3.Sg.)
na śakyo nirguṇas tāta
nicht kann der Eigenschaftslose, mein Lieber (Nom.Sg./Vok.)
guṇīkartuṃ viśāṃ pate
zum Eigenschaftsbehafteten gemacht werden, Herr der Menschen (Inf./Vok.)
guṇavāṃś cāpy aguṇavān
und der Eigenschaftsbehaftete und der Eigenschaftslose (Nom.Sg.)
yathātattvaṃ nibodha me
der Wahrheit gemäß vernimm von mir (Imp. 2.Sg./Gen.-Dat.)
guṇair hi guṇavān eva nirguṇaś cāguṇas tathā; prāhur evaṃ mahātmāno munayas tattvadarśinaḥ
Denn durch die Eigenschaften ist [einer] nur eigenschaftsbehaftet, und ebenso ist [einer] eigenschaftslos, ohne Eigenschaften; so sprechen die hochgesinnten Weisen, die die Wahrheit schauen.
Wort für Wort
guṇair hi guṇavān eva
denn durch die Eigenschaften nur eigenschaftsbehaftet (Instr.Pl./Nom.Sg.)
nirguṇaś cāguṇas tathā
und eigenschaftslos, ebenso ohne Eigenschaften (Nom.Sg.)
prāhur evaṃ mahātmānaḥ
so sprechen die Hochgesinnten (Perf. 3.Pl./Nom.Pl.)
guṇasvabhāvas tv avyakto guṇān evābhivartate; upayuṅkte ca tān eva sa caivājñaḥ svabhāvataḥ
Das seinem Wesen nach durch Eigenschaften bestimmte Unentfaltete wendet sich nur den Eigenschaften zu und gebraucht eben diese; und eben dieses ist von Natur unwissend.
Wort für Wort
guṇasvabhāvas tv avyaktaḥ
das Unentfaltete aber, dessen Wesen die Eigenschaften sind (Nom.Sg.)
guṇān evābhivartate
wendet sich nur den Eigenschaften zu (Akk.Pl./3.Sg.Med.)
upayuṅkte ca tān eva
und gebraucht eben diese (3.Sg.Med./Akk.Pl.)
sa caivājñaḥ svabhāvataḥ
und eben dieses ist unwissend von Natur (Nom.Sg./Abl.-Adv.)
Bezug von „sa … ajñaḥ“ (Unentfaltetes oder Puruṣa) nicht eindeutig.
Aus diesem Grund dürfte dieses Unentfaltete unbewusst sein; wegen [seiner] Ewigkeit und Unvergänglichkeit ist es der Wahrheit nach anders als die Vergänglichen.
Wort für Wort
anena kāraṇenaitad avyaktam
aus diesem Grund dieses Unentfaltete (Instr.Sg./Nom.Sg.n.)
syād acetanam
dürfte sein unbewusst (Optativ 3.Sg./Nom.Sg.n.)
nityatvād akṣaratvāc ca
wegen Ewigkeit und Unvergänglichkeit (Abl.Sg.)
kṣarāṇāṃ tattvato 'nyathā
von den Vergänglichen der Wahrheit nach verschieden (Gen.Pl./Abl.-Adv./Adv.)
yadājñānena kurvīta guṇasargaṃ punaḥ punaḥ; yadātmānaṃ na jānīte tadāvyaktam ihocyate
Wenn [er] aus Unwissenheit immer wieder die Schöpfung der Eigenschaften vollzieht, wenn [er] sich selbst nicht erkennt, dann wird [er] hier „unentfaltet“ genannt.
Wort für Wort
yadājñānena kurvīta
wenn aus Unwissenheit er vollzieht (Instr.Sg./Opt.Med. 3.Sg.)
guṇasargaṃ punaḥ punaḥ
die Schöpfung der Eigenschaften immer wieder (Akk.Sg./Adv.)
yadātmānaṃ na jānīte
wenn er sich selbst nicht erkennt (Akk.Sg./3.Sg.Präs.Med.)
tadāvyaktam ihocyate
dann [als] unentfaltet hier wird [er] genannt (Nom.-Akk.Sg.n./Pass. 3.Sg.)
Und wegen [seines] Wirkens an den Prinzipien wird [er] ebenso „Träger der Natur der Prinzipien“ genannt; und wegen [seines] Wirkens an den Schößen wird [er] ebenso „Träger der Natur der Schöße“ genannt.
Wort für Wort
kartṛtvāc cāpi tattvānām
und wegen des Wirkens an den Prinzipien (Abl.Sg./Gen.Pl.)
tattvadharmī tathocyate
„Prinzipien-Eigenschaftsträger“ wird ebenso genannt (Nom.Sg./Pass.)
kartṛtvāc caiva yonīnām
und wegen des Wirkens an den Schößen (Abl.Sg./Gen.Pl.)
yonidharmā tathocyate
„Schoß-Eigenschaftsträger“ wird ebenso genannt (Nom.Sg./Pass.)
kartṛtvāt prakṛtīnāṃ tu tathā prakṛtidharmitā; kartṛtvāc cāpi bījānāṃ bījadharmī tathocyate
Wegen [seines] Wirkens an den Urstoffen hat [er] ebenso die Eigenart der Urstoffe; und wegen [seines] Wirkens an den Samen wird [er] ebenso „Träger der Natur der Samen“ genannt.
Wort für Wort
kartṛtvāt prakṛtīnāṃ tu
wegen des Wirkens an den Urstoffen aber (Abl.Sg./Gen.Pl.)
tathā prakṛtidharmitā
ebenso Urstoff-Eigenart (Nom.Sg.f.)
kartṛtvāc cāpi bījānām
und wegen des Wirkens an den Samen (Abl.Sg./Gen.Pl.)
bījadharmī tathocyate
„Samen-Eigenschaftsträger“ wird ebenso genannt (Nom.Sg./Pass.)
guṇānāṃ prasavatvāc ca tathā prasavadharmavān; kartṛtvāt pralayānāṃ ca tathā pralayadharmitā
Und wegen des Hervorbringens der Eigenschaften hat [er] ebenso die Natur des Hervorbringens; und wegen [seines] Wirkens an den Auflösungen [hat er] ebenso die Eigenart der Auflösung.
Wort für Wort
guṇānāṃ prasavatvāc ca
und wegen des Hervorbringens der Eigenschaften (Gen.Pl./Abl.Sg.)
tathā prasavadharmavān
ebenso Träger der Natur des Hervorbringens (Nom.Sg.)
kartṛtvāt pralayānāṃ ca
und wegen des Wirkens an den Auflösungen (Abl.Sg./Gen.Pl.)
Und wegen [seines] Wirkens an den Hervorbringungen [hat er] ebenso die Eigenart des Entstehens.
Wort für Wort
kartṛtvāt prasavānāṃ ca
und wegen des Wirkens an den Hervorbringungen (Abl.Sg./Gen.Pl.)
tathā prabhavadharmitā
ebenso die Eigenart des Entstehens (Nom.Sg.f.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften).
– so meinen die reinen Asketen, deren Fieber [des Leids] im Bezug auf das Selbst gewichen ist: „Das Unentfaltete ist unewig und ewig“; so haben wir es ja gehört.
Wort für Wort
manyante yatayaḥ śuddhāḥ
es meinen die Asketen, die reinen (3.Pl.Präs.Med./Nom.Pl.)
adhyātmavigatajvarāḥ
deren Fieber im Selbstbezug gewichen ist (Nom.Pl., Kompositum)
anityaṃ nityam avyaktam
[als] unewig, [als] ewig das Unentfaltete (Akk.Sg.n./Nom.-Akk.)
Die Einheit des Unentfalteten, sagen sie, [gilt]; ebenso [gilt] Vielheit beim Puruṣa; [sie sind] mitfühlend gegen alle Wesen und auf das reine Wissen gegründet.
Wort für Wort
avyaktaikatvam ity āhuḥ
Einheit des Unentfalteten, so sagen sie (Akk.Sg.n./Perf. 3.Pl.)
nānātvaṃ puruṣas tathā
Vielheit, der Puruṣa ebenso (Akk.Sg.n./Nom.Sg.)
sarvabhūtadayāvantaḥ
mitfühlend gegenüber allen Wesen (Nom.Pl.)
kevalaṃ jñānam āsthitāḥ
auf das reine Wissen sich stützend (Akk.Sg.n./Part.Perf.Pass. Nom.Pl.)
Elliptischer Satz; „ity āhuḥ“ mit Ergänzung [gilt] wiedergegeben.
anyaḥ sa puruṣo 'vyaktas tv adhruvo dhruvasaṃjñakaḥ; yathā muñja iṣīkāyās tathaivaitad dhi jāyate
Verschieden ist jener Puruṣa; das Unentfaltete aber ist unbeständig, [doch] „das Beständige“ genannt [?]. Wie die Munja-Binse vom Rohr [verschieden ist], so verhält sich eben dies.
Wort für Wort
anyaḥ sa puruṣo 'vyaktaḥ
verschieden ist jener Puruṣa vom Unentfalteten (Nom.Sg./Nom.Sg.)
tv adhruvo dhruvasaṃjñakaḥ
aber unbeständig, „beständig“ genannt (Nom.Sg.)
yathā muñja iṣīkāyāḥ
wie die Munja-Binse vom Rohr (Nom.Sg./Abl.-Gen.Sg.)
tathaivaitad dhi jāyate
so eben dies fürwahr verhält sich/entsteht (3.Sg.Präs.Med.)
Bezug von adhruva/dhruvasaṃjñaka unsicher (Lesart könnte auch den Puruṣa betreffen).
Und keineswegs wird durch die Verbindung mit der Munja-Binse das Rohr als Wirkendes gewahr [?].
Wort für Wort
na caiva muñjasaṃyogāt
und keineswegs durch Verbindung mit der Munja-Binse (Abl.Sg.)
iṣīkā kartṛ budhyate
das Rohr als Wirkendes wird gewahr (Nom.Sg.f./Nom.Sg.n./3.Sg.Med.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers; Text und Konstruktion („kartṛ“ Neutrum bei „iṣīkā“) unsicher.
anyaṃ ca maśakaṃ vidyād anyac codumbaraṃ tathā; na codumbarasaṃyogair maśakas tatra lipyate
Man erkenne die Mücke als eine andere und ebenso die Feige (Udumbara) als eine andere; durch die Verbindungen mit der Feige wird die Mücke dort nicht befleckt.
Wort für Wort
anyaṃ ca maśakaṃ vidyāt
und als anders die Mücke man erkenne (Akk.Sg./Opt. 3.Sg.)
anyac codumbaraṃ tathā
und als anderes die Feige ebenso (Akk.Sg.n.)
na codumbarasaṃyogaiḥ
und nicht durch Verbindungen mit der Feige (Instr.Pl.)
maśakas tatra lipyate
die Mücke dort wird befleckt (Nom.Sg./Pass. 3.Sg.)