Kapitel 269: parivrājakadharmaḥ
Die Lebensregeln des Wanderasketen nach Hārīta
Yudhiṣṭhira fragt nach Wesen und Wandel dessen, der das höchste Brahman erreicht; Bhīṣma gibt die alte Unterweisung Hārītas über das Leben des heimatlosen Bettelasketen.
Yudhiṣṭhira sprach: „Von welcher Wesensart, von welchem Wandel, von welchem Wissen, mit welchem Ziel erreicht man den Standort des Brahman, der jenseits der Urnatur [prakṛti] liegt und beständig ist?“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Nom.; 3.Sg.Perf.)
kiṃśīlaḥ kiṃsamācāraḥ
von welcher Wesensart, von welchem Verhalten (Bahuvrīhi, Nom.Sg.)
kiṃvidyaḥ kiṃparāyaṇaḥ
mit welchem Wissen, mit welchem Ziel/Zuflucht (Bahuvrīhi, Nom.Sg.)
prāpnoti brahmaṇaḥ sthānam
erreicht den Standort des Brahman (3.Sg.Präs.; Gen./Akk.)
yat paraṃ prakṛter dhruvam
der jenseits der Urnatur [liegt], beständig (Nom./Akk.n.; Abl.; Adj.)
Bhīṣma sprach: „Wer an den Lehren der Erlösung [mokṣadharma] Freude hat, mäßig isst und die Sinne bezwungen hat, erreicht den höchsten Standort, der jenseits der Urnatur liegt und beständig ist.“
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Nom.; 3.Sg.Perf.)
mokṣadharmeṣu nirataḥ
an den Erlösungslehren erfreut/hingegeben (Lok.Pl.; Part.Nom.Sg.)
laghvāhāro jitendriyaḥ
mäßig/leicht essend, die Sinne besiegt habend (Bahuvrīhi, Nom.Sg.)
prāpnoti paramaṃ sthānam
erreicht den höchsten Standort (3.Sg.Präs.; Akk.Sg.)
yat paraṃ prakṛter dhruvam
der jenseits der Urnatur [liegt], beständig (Nom./Akk.n.; Abl.; Adj.)
svagṛhād abhiniḥsṛtya lābhālābhe samo muniḥ; samupoḍheṣu kāmeṣu nirapekṣaḥ parivrajet
Aus dem eigenen Haus ausgezogen, gleichmütig bei Gewinn und Nichtgewinn, ein Schweigender [muni], sei er, ohne Verlangen nach den erlangten/dargebotenen Genüssen, ein umherziehender Wanderasket.
Wort für Wort
svagṛhād abhiniḥsṛtya
aus dem eigenen Haus ausgezogen (Abl.; Abs.)
lābhālābhe samo muniḥ
bei Gewinn und Nichtgewinn gleich, der Muni (Lok.Du.; Nom.Sg.)
samupoḍheṣu kāmeṣu
bei den herbeigebrachten/gebotenen Genüssen (Part.Lok.Pl.; Lok.Pl.)
nirapekṣaḥ parivrajet
ohne Rücksicht/Verlangen, soll umherwandern (Nom.Sg.; Opt.3.Sg.)
samupoḍha: eig. zusammen herbeigebracht, aufgehäuft; Lesart [?] leicht unsicher.
na cakṣuṣā na manasā na vācā dūṣayed api; na pratyakṣaṃ parokṣaṃ vā dūṣaṇaṃ vyāharet kva cit
Er soll weder mit dem Auge noch mit dem Geist noch mit dem Wort [jemanden] schädigen; auch soll er niemals Tadel äußern, weder vor Augen noch in Abwesenheit.
Wort für Wort
na cakṣuṣā na manasā na vācā
weder mit dem Auge, noch mit dem Geist, noch mit dem Wort (Instr.Sg.)
dūṣayed api
soll auch schädigen/verunglimpfen (Opt.3.Sg.Kaus.; api)
na pratyakṣaṃ parokṣaṃ vā
nicht offen, oder verborgen/in Abwesenheit (Adv.)
dūṣaṇaṃ vyāharet kva cit
Tadel soll er äußern, irgendwann (Akk.Sg.; Opt.3.Sg.; Adv.)
Er soll keinem Wesen Leid zufügen, den Weg der Freundschaft [maitrāyaṇa] gehen; hat man dieses Leben erlangt, soll man mit niemandem Feindschaft pflegen.
Wort für Wort
na hiṃsyāt sarvabhūtāni
soll nicht verletzen alle Wesen (Opt.3.Sg.; Akk.Pl.)
maitrāyaṇagatiś caret
soll den Weg/Gang der Freundschaft wandeln (Nom.Sg.; Opt.3.Sg.)
nedaṃ jīvitam āsādya
dieses Leben erlangt habend (na + idam; Abs.)
vairaṃ kurvīta kena cit
Feindschaft soll man machen mit irgendwem (Akk.; Opt.Med.; Instr.)
pradakṣiṇaṃ prasavyaṃ ca grāmamadhye na cācaret; bhaikṣacaryām anāpanno na gacchet pūrvaketitaḥ
Inmitten des Dorfes soll er nicht rechtsherum und nicht linksherum umhergehen; ist er nicht in Not, soll er nicht zu einer Bettelrunde gehen, die von einem anderen [vorher] angezeigt/besucht wurde.
Wort für Wort
pradakṣiṇaṃ prasavyaṃ ca
rechtsherum und linksherum (Adv.)
grāmamadhye na cācaret
inmitten des Dorfes soll er nicht umhergehen (Lok.; Opt.3.Sg.)
bhaikṣacaryām anāpannaḥ
zur Bettelgang, nicht in Not geraten (Akk.Sg.; Part.Nom.)
na gacchet pūrvaketitaḥ
soll nicht gehen, von einem Früheren [dazu] bestimmt/eingeladen (Opt.3.Sg.; Part.)
pūrvaketitaḥ unsicher: „von einem zuvor Bezeichneten/Vorgeladenen“; Bedeutung des Kompositums nicht gesichert.
avakīrṇaḥ suguptaś ca na vācā hy apriyaṃ vadet; mṛduḥ syād apratikrūro visrabdhaḥ syād aroṣaṇaḥ
Auch wenn er zerstreut/verstreut und gut behütet ist, soll er mit dem Wort nichts Unangenehmes sagen; sanft soll er sein, nicht widerwillig-feindselig, vertrauensvoll, nicht zornig.
Wort für Wort
avakīrṇaḥ suguptaś ca
zerstreut/verunreinigt und wohlbehütet (Part.Nom.; Part.Nom.)
na vācā hy apriyaṃ vadet
nicht mit dem Wort Unangenehmes soll er sagen (Instr.; Akk.n.; Opt.)
mṛduḥ syād apratikrūraḥ
sanft soll er sein, nicht gegenfeindlich (Opt.3.Sg.; Adj.)
visrabdhaḥ syād aroṣaṇaḥ
vertrauensvoll soll er sein, nicht zornig (Part.; Opt.; Adj.)
avakīrṇa hier unsicher gedeutet [?]; möglich auch „von Staub bedeckt/ungepflegt“.
Wenn kein Rauch mehr ist, der Stößel [des Mörsers] weggelegt, keine Glut mehr da, die Leute gegessen haben und das Umhergehen der Schalen vorüber ist, dann soll der Muni Almosen erbitten.
Wort für Wort
vidhūme nyastamusale
bei rauchlosem [Feuer], bei weggelegtem Stößel (Lok.abs.)
vyaṅgāre bhuktavaj jane
bei glutlosem [Herd], wenn die Leute gegessen haben (Lok.abs.; Part.Perf.Akt.)
atīte pātrasaṃcāre
wenn das Umhergehen der Gefäße vorüber ist (Lok.abs.; Part.Pass.)
bhikṣāṃ lipseta vai muniḥ
Almosen soll zu erlangen wünschen der Muni (Akk.; Opt.Med.Desid.; Nom.)
anuyātrikam arthasya mātrālābheṣv anādṛtaḥ; alābhe na vihanyeta lābhaś cainaṃ na harṣayet
[Er sei] nur auf den Lebensunterhalt/Fortgang des Bedarfs [bedacht], gleichgültig gegenüber [bloßem] Maß des Erlangten; bei Nichtgewinn soll er nicht niedergeschlagen sein, und der Gewinn soll ihn nicht erfreuen.
Wort für Wort
anuyātrikam arthasya
auf das Nötige/den Lebensunterhalt bedacht (Adj.Akk.; Gen.)
mātrālābheṣv anādṛtaḥ
bei Erlangung von Maßen/Mengen nicht achtend (Lok.Pl.; Part.Nom.)
alābhe na vihanyeta
bei Nichtgewinn soll er nicht niedergeschlagen werden (Lok.; Opt.Pass.)
lābhaś cainaṃ na harṣayet
und Gewinn soll ihn nicht erfreuen (Nom.; Akk.; Opt.Kaus.)
Erste Vershälfte syntaktisch knapp und in der Deutung unsicher [?].
lābhaṃ sādhāraṇaṃ necchen na bhuñjītābhipūjitaḥ; abhipūjitalābhaṃ hi jugupsetaiva tādṛśaḥ
Einen Gewinn, der [auch] anderen gemeinsam zukommt, soll er nicht wünschen; er soll nicht essen, wenn er geehrt wird; denn einen solchen Gewinn, der mit Ehrung verbunden ist, soll ein solcher [Asket] verabscheuen.
Wort für Wort
lābhaṃ sādhāraṇaṃ necchet
einen allgemeinen Gewinn soll er nicht wünschen (Akk.; Opt.3.Sg.)
na bhuñjītābhipūjitaḥ
soll nicht essen, wenn geehrt (Opt.Med.; Part.Nom.)
abhipūjitalābhaṃ hi
denn den Gewinn, der mit Ehrung [verbunden] ist (Kompositum, Akk.)
jugupsetaiva tādṛśaḥ
soll gewiss verabscheuen ein solcher (Opt.Desid.; Nom.)
na cānnadoṣān nindeta na guṇān abhipūjayet; śayyāsane vivikte ca nityam evābhipūjayet
Auch soll er Speisen nicht wegen Mängeln tadeln und nicht ihre Vorzüge preisen; Lager und Sitz an einsamem Ort soll er stets [gleichermaßen] hochschätzen.
Wort für Wort
na cānnadoṣān nindeta
und wegen der Mängel der Speise soll er nicht tadeln (Abl./Akk.Pl.; Opt.Med.)
na guṇān abhipūjayet
nicht die Vorzüge soll er preisen (Akk.Pl.; Opt.Kaus.)
śayyāsane vivikte ca
Lager und Sitz an einsamem [Ort] (Akk.Du.; Lok./Adj.)
Bei Zuneigung und Abneigung soll er gleichmütig, unerschütterlich, fest sein; bei Gutem wie Schlechtem, beidem, soll er im Handeln keiner Neigung folgen.
Wort für Wort
anurodhavirodhābhyām
durch Gunst und Feindschaft (Instr.Du.)
samaḥ syād acalo dhruvaḥ
gleich soll er sein, unbeweglich, fest (Opt.3.Sg.; Adj.)
[Zusatz:] Stets zufrieden, wohlzufrieden, mit heiterem Antlitz und [beherrschten] Sinnen, der Meditation und dem Murmeln [von Gebeten] hingegeben, schweigsam, zur Leidenschaftslosigkeit Zuflucht genommen; die aus Elementen bestehende Schöpfung als endlich betrachtend, den Weg als aus Wesenselementen bestehend; ohne Begehren, gleich sehend, sich von Reifem und Unreifem [Speise] ernährend; sich im Selbst erfreuend, mit befriedetem Selbst, mäßig essend, frei von Krankheit.
Wort für Wort
nityatṛptaḥ susaṃtuṣṭaḥ
stets gesättigt, wohlzufrieden (Nom.Sg.)
prasannavadanendriyaḥ
mit heiterem Gesicht und [klaren] Sinnen (Bahuvrīhi)
dhyānajapyaparo maunī
der Meditation und dem Gebet zugewandt, schweigsam (Nom.)
vairāgyaṃ samupāśritaḥ
zur Leidenschaftslosigkeit Zuflucht genommen habend (Akk.; Part.)
asvantaṃ bhautikaṃ sargam
die elementhafte Schöpfung als endlich (Akk.)
paśyan bhūtātmikāṃ gatim
betrachtend, den aus Elementen bestehenden Weg (Part.; Akk.)
niḥspṛhaḥ samadarśī ca
ohne Begehren und gleich sehend (Nom.)
pakvāpakvena vartayan
mit Reifem und Unreifem sich unterhaltend (Instr.; Part.)
ātmārāmaḥ praśāntātmā
am Selbst sich erfreuend, mit befriedetem Selbst (Nom.)
laghvāhāro nirāmayaḥ
mäßig essend, gesund/frei von Krankheit (Nom.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; asvanta (wohl asu-anta?) unsicher gedeutet [?].
Den Drang des Wortes, den Drang des Geistes [und] des Zorns, den Drang des Wissenwollens [oder Neugier], den Drang von Bauch und Genitalien: diese Drangkräfte soll der Asket bezähmen; und Tadel soll sein Herz nicht verletzen.
Wort für Wort
vāco vegaṃ manasaḥ krodhavegam
den Drang der Rede, des Geistes, des Zorns (Akk.; Gen.)
vivitsāvegam
den Drang der Wissbegier/Erlangenwollens (Akk.)
udaropasthavegam
den Drang von Bauch und Genitalien (Akk.)
etān vegān vinayed vai tapasvī
diese Drangkräfte soll bezähmen der Asket (Akk.Pl.; Opt.; Nom.)
nindā cāsya hṛdayam
und Tadel, sein Herz (Nom.; Gen.; Akk.)
nopahanyāt
soll nicht verletzen (Opt.3.Sg.)
vivitsā: von vid (wissen wollen) oder vic; Deutung unsicher [?].