Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 88: rāṣṭraguptiḥ karādānaṃ ca Reichsschutz, Dorfverwaltung und die maßvolle Erhebung von Abgaben

Bhīṣma erläutert die gestufte Beamtenschaft von Dorf bis Tausendschaft, die Besteuerung von Kaufleuten, Handwerkern und Rinderhaltern sowie das Prinzip, das Reich wie ein Kalb schonend zu melken.

yudhiṣṭhira uvāca; rāṣṭraguptiṃ ca me rājan rāṣṭrasyaiva ca saṃgraham; samyag jijñāsamānāya prabrūhi bharatarṣabha

Yudhiṣṭhira sprach: „Den Schutz des Reiches, o König, und die Verwaltung des Reiches – das erkläre mir, der ich es recht erfahren will, o Stier der Bharatas.“

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf. 3.Sg.)
rāṣṭraguptiṃ ca me rājan
und den Schutz des Reiches, mir, o König (Akk./Dat./Vok.)
rāṣṭrasya eva ca saṃgraham
und eben des Reiches Zusammenfassung/Verwaltung (Gen./Akk.)
samyag jijñāsamānāya
dem recht Erkunden-Wollenden (Part. Desid. Dat.)
prabrūhi bharatarṣabha
erkläre (Imp.), Stier der Bharatas (Vok.)

bhīṣma uvāca; rāṣṭraguptiṃ ca te samyag rāṣṭrasyaiva ca saṃgraham; hanta sarvaṃ pravakṣyāmi tattvam ekamanāḥ śṛṇu

Bhīṣma sprach: „Den Schutz des Reiches und ebenso die Verwaltung des Reiches – wohlan, alles will ich dir darlegen; höre der Wahrheit gemäß, mit gesammeltem Sinn.“

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf. 3.Sg.)
rāṣṭraguptiṃ ca te samyag
den Schutz des Reiches dir gehörig (Akk./Dat.)
rāṣṭrasya eva ca saṃgraham
und eben des Reiches Verwaltung (Gen./Akk.)
hanta sarvaṃ pravakṣyāmi
wohlan, alles werde ich darlegen (Interj.; 1.Sg.Fut.)
tattvam ekamanāḥ śṛṇu
der Wahrheit gemäß, einsinnig höre (Akk./Adv.; Nom.; Imp.)

grāmasyādhipatiḥ kāryo daśagrāmyas tathāparaḥ; dviguṇāyāḥ śatasyaivaṃ sahasrasya ca kārayet

Über ein Dorf ist ein Vorsteher einzusetzen, ebenso ein weiterer über zehn Dörfer; ebenso soll er einen einsetzen über das Doppelte [davon], über hundert und über tausend [Dörfer].

Wort für Wort
grāmasya adhipatiḥ kāryaḥ
des Dorfes ein Oberhaupt ist zu machen (Gen.; Nom.; Gerundiv)
daśagrāmī tathā aparaḥ
der [Herr] der Zehn-Dörfer, ebenso ein anderer (Nom.)
dviguṇāyāḥ śatasya eva
des Doppelten [der zehn], ebenso des Hunderts (Gen.)
evaṃ sahasrasya ca kārayet
so auch des Tausends soll er einsetzen (Gen.; Opt. Kaus.)

daśagrāmyaḥ als Herr über zehn Dörfer verstanden; „das Doppelte“ = zwanzig (vgl. Vers 6).

grāme yān grāmadoṣāṃś ca grāmikaḥ paripālayet; tān brūyād daśapāyāsau sa tu viṃśatipāya vai

Welche Dorfmängel der Dorfvorsteher im Dorf zu überwachen hat, die soll er dem Zehnerherrn melden, dieser aber dem Zwanzigerherrn.

Wort für Wort
grāme yān grāmadoṣān ca
im Dorf welche Dorffehler/-übel und (Lok.; Akk.Pl.)
grāmikaḥ paripālayet
der Dorfvorsteher überwachen/hüten soll (Nom.; Opt.)
tān brūyād daśapāya
diese soll er melden dem Zehnerherrn (Akk.; Opt.; Dat.)
asau sa tu viṃśatipāya vai
dieser aber [meldet] dem Zwanzigerherrn (Nom.; Dat.)

Vierter Pāda ohne Verb; „meldet“ ergänzt.

tān ācakṣīta daśine daśako viṃśine punaḥ

Diese soll er dem Zehnerherrn melden, der Zehnerherr wiederum dem Zwanzigerherrn.

Wort für Wort
tān ācakṣīta daśine
diese soll er melden dem Zehnerherrn (Akk.; Opt. Med.; Dat.)
daśakaḥ viṃśine punaḥ
der Zehnerherr [meldet] dem Zwanzigerherrn wiederum (Nom.; Dat.; Adv.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).

so 'pi viṃśatyadhipatir vṛttaṃ jānapade jane; grāmāṇāṃ śatapālāya sarvam eva nivedayet

Auch dieser Herr über Zwanzig soll alles, was im Landvolk geschehen ist, dem Hüter der hundert Dörfer melden.

Wort für Wort
saḥ api viṃśatyadhipatiḥ
auch dieser Herr über Zwanzig (Nom.)
vṛttaṃ jānapade jane
das Geschehene im Landvolk (Part.Akk.; Lok.)
grāmāṇāṃ śatapālāya
dem Hüter der hundert Dörfer (Gen.Pl.; Dat.)
sarvam eva nivedayet
alles ganz soll er melden (Akk.; Opt. Kaus.)

yāni grāmīṇabhojyāni grāmikas tāny upāśnuyāt; daśapas tena bhartavyas tenāpi dviguṇādhipaḥ

Was an Dorfgenüssen [Abgaben] es gibt, das soll der Dorfvorsteher genießen; von diesem ist der Zehnerherr zu unterhalten, und von jenem wiederum der Herr über das Doppelte.

Wort für Wort
yāni grāmīṇabhojyāni
welche dorfeigenen Genüsse/Nutzungen (Nom.Pl.)
grāmikaḥ tāni upāśnuyāt
der Dorfvorsteher diese genießen soll (Nom.; Akk.; Opt.)
daśapaḥ tena bhartavyaḥ
der Zehnerherr von diesem ist zu unterhalten (Nom.; Instr.; Gerundiv)
tena api dviguṇādhipaḥ
auch von diesem der Herr des Doppelten (Instr.; Nom.)

daśinena vibhaktavyo daśinā viṃśatis tathā

Vom Zehnerherrn ist [der Anteil] zu verteilen, vom Zehnerherrn ebenso an den Zwanzigerherrn.

Wort für Wort
daśinena vibhaktavyaḥ
vom Zehnerherrn ist zu verteilen (Instr.; Gerundiv)
daśinā viṃśatiḥ tathā
vom Zehnerherrn [der Herr der] Zwanzig ebenso (Instr.; Nom.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Konstruktion knapp; Ergänzungen sinngemäß.

grāmaṃ grāmaśatādhyakṣo bhoktum arhati satkṛtaḥ; mahāntaṃ bharataśreṣṭha susphītajanasaṃkulam; tatra hy anekam āyattaṃ rājño bhavati bhārata

Ein Dorf darf der Aufseher über hundert Dörfer, geehrt, genießen, [und zwar] ein großes, o Bester der Bharatas, von dicht gedrängtem Volk erfüllt; denn davon hängt dem König vieles ab, o Bhārata.

Wort für Wort
grāmaṃ grāmaśatādhyakṣaḥ
ein Dorf, der Aufseher der hundert Dörfer (Akk.; Nom.)
bhoktum arhati satkṛtaḥ
zu genießen verdient er, geehrt (Inf.; 3.Sg.; Part.)
mahāntaṃ bharataśreṣṭha
ein großes, Bester der Bharatas (Akk.; Vok.)
susphītajanasaṃkulam
von sehr wohlhabendem Volk erfüllt (Akk. Kompositum)
tatra hi anekam āyattam
denn davon hängt Vieles ab (Adv.; Nom.n.)
rājñaḥ bhavati bhārata
dem König ist/besteht, o Bhārata (Gen./Dat.; 3.Sg.; Vok.)

śākhānagaram arhas tu sahasrapatir uttamam; dhānyahairaṇyabhogena bhoktuṃ rāṣṭriya udyataḥ

Der Herr über Tausend aber verdient es, eine vorzügliche Nebenstadt zu genießen, mit Getreide- und Goldertrag – [als] tatkräftiger Reichsbeamter.

Wort für Wort
śākhānagaram arhaḥ tu
eine Nebenstadt verdient er aber (Akk.; Nom.; Part.)
sahasrapatiḥ uttamam
der Herr der Tausend, eine vorzügliche (Nom.; Akk.)
dhānyahairaṇyabhogena
durch den Genuss von Getreide und Gold (Instr.)
bhoktuṃ rāṣṭriyaḥ udyataḥ
zu genießen, der Reichsbeamte, eifrig/bereit (Inf.; Nom.; Part.)

śākhānagara wörtlich „Zweigstadt“.

tathā yad grāmakṛtyaṃ syād grāmikṛtyaṃ ca te svayam; dharmajñaḥ sacivaḥ kaś cit tat prapaśyed atandritaḥ

Ebenso: was Dorfangelegenheit ist und Angelegenheit der Dorfvorsteher, auch dir selbst [Obliegendes] – das soll irgendein rechtskundiger Minister unermüdlich beaufsichtigen.

Wort für Wort
tathā yat grāmakṛtyaṃ syāt
ebenso was Dorfangelegenheit sei (Nom.; Opt.)
grāmikṛtyaṃ ca te svayam
und Angelegenheit der Dorfvorsteher, dir selbst [?] (Nom.; Gen./Dat.)
dharmajñaḥ sacivaḥ kaścit
ein rechtskundiger Minister irgendein (Nom.)
tat prapaśyet atandritaḥ
das soll beaufsichtigen, unermüdlich (Akk.; Opt.; Nom.)

te svayam syntaktisch unklar.

nagare nagare ca syād ekaḥ sarvārthacintakaḥ; uccaiḥsthāne ghorarūpo nakṣatrāṇām iva grahaḥ; bhavet sa tān parikrāmet sarvān eva sadā svayam

In jeder einzelnen Stadt soll es einen geben, der alle Angelegenheiten bedenkt, an hohem Platz, von furchtbarem Aussehen, wie der Planet unter den Sternen; er soll all diese stets selbst bereisen.

Wort für Wort
nagare nagare ca syāt ekaḥ
in Stadt um Stadt soll sein einer (Lok.; Opt.)
sarvārthacintakaḥ
der alle Angelegenheiten Bedenkende (Nom.)
uccaiḥsthāne ghorarūpaḥ
an hohem Platz, von furchtbarer Gestalt (Lok.; Nom.)
nakṣatrāṇām iva grahaḥ
wie unter den Sternen ein Planet (Gen.Pl.; Nom.)
bhavet saḥ tān parikrāmet
er sei; er soll diese bereisen (Opt.; Akk.; Opt.)
sarvān eva sadā svayam
alle ganz, stets, selbst (Akk.; Adv.)

teṣāṃ vṛttaṃ pariṇayet kaś cid rāṣṭreṣu taccaraḥ; jighāṃsavaḥ pāpakāmāḥ parasvādāyinaḥ śaṭhāḥ; rakṣābhyadhikṛtā nāma tebhyo rakṣed imāḥ prajāḥ

Ihr Verhalten soll irgendein Späher in den Reichsteilen ermitteln: Die Mordlustigen, Böses Begehrenden, fremdes Gut an sich Nehmenden, Betrüger [sind] nur dem Namen nach „Schutzbeamte“; vor ihnen soll er diese Untertanen schützen.

Wort für Wort
teṣāṃ vṛttaṃ pariṇayet
ihr Verhalten soll er ermitteln (Gen.; Akk.; Opt.)
kaścit rāṣṭreṣu taccaraḥ
irgendein in den Reichsteilen ihnen [nachspürender] Späher (Nom.; Lok.)
jighāṃsavaḥ pāpakāmāḥ
Tötungslustige, Böses Wünschende (Nom.Pl.)
parasvādāyinaḥ śaṭhāḥ
fremdes Gut Nehmende, Betrüger (Nom.Pl.)
rakṣābhyadhikṛtāḥ nāma
zum Schutz Bestellte, dem Namen nach (Nom.Pl.; Adv.)
tebhyaḥ rakṣet imāḥ prajāḥ
vor ihnen soll er schützen diese Untertanen (Abl.; Opt.; Akk.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; taccara und nāma unsicher, sinngemäß gedeutet.

vikrayaṃ krayam adhvānaṃ bhaktaṃ ca saparivyayam; yogakṣemaṃ ca saṃprekṣya vaṇijaḥ kārayet karān

Verkauf, Kauf, Weg, Verpflegung samt Ausgaben sowie Erwerb und Sicherung [des Besitzes] betrachtend, soll er den Kaufleuten Abgaben auferlegen.

Wort für Wort
vikrayaṃ krayam adhvānam
Verkauf, Kauf, Weg [Transport] (Akk.)
bhaktaṃ ca saparivyayam
und Verpflegung samt Ausgaben (Akk.)
yogakṣemaṃ ca saṃprekṣya
und Erwerb und Sicherung betrachtend (Akk.; Ger.)
vaṇijaḥ kārayet karān
den Kaufleuten soll er auferlegen Abgaben (Akk.Pl.; Opt.; Akk.)

utpattiṃ dānavṛttiṃ ca śilpaṃ saṃprekṣya cāsakṛt; śilpapratikarān eva śilpinaḥ prati kārayet

Den Ertrag, die Art der Zuwendungen und das Handwerk wiederholt prüfend, soll er den Handwerkern jeweils dem Handwerk entsprechende Abgaben auferlegen.

Wort für Wort
utpattiṃ dānavṛttiṃ ca
Ertrag und Art der Leistung/Zuwendung (Akk.)
śilpaṃ saṃprekṣya ca asakṛt
und das Handwerk betrachtend, wiederholt (Akk.; Ger.; Adv.)
śilpapratikarān eva
eben dem Handwerk entsprechende Abgaben (Akk.Pl.)
śilpinaḥ prati kārayet
den Handwerkern gegenüber soll er auferlegen (Akk.Pl.; Präp.; Opt.)

dānavṛtti unsicher.

uccāvacakarā nyāyyāḥ pūrvarājñāṃ yudhiṣṭhira; yathā yathā na hīyeraṃs tathā kuryān mahīpatiḥ

Verschiedenartige Abgaben sind, Yudhiṣṭhira, von früheren Königen her rechtmäßig; wie sie nicht abnehmen, so soll der Herr der Erde verfahren.

Wort für Wort
uccāvacakarāḥ nyāyyāḥ
mannigfache Abgaben, rechtmäßig (Nom.Pl.)
pūrvarājñām yudhiṣṭhira
der früheren Könige, Yudhiṣṭhira (Gen.Pl.; Vok.)
yathā yathā na hīyeran
wie immer sie nicht abnähmen (Opt. Pass.)
tathā kuryāt mahīpatiḥ
so soll handeln der Herr der Erde (Opt.; Nom.)

phalaṃ karma ca saṃprekṣya tataḥ sarvaṃ prakalpayet; phalaṃ karma ca nirhetu na kaś cit saṃpravartayet

Ertrag und Arbeit erwägend, soll er dann alles festsetzen; Ertrag und Arbeit soll niemand ohne Grund in Gang setzen.

Wort für Wort
phalaṃ karma ca saṃprekṣya
Ertrag und Arbeit betrachtend (Akk.; Ger.)
tataḥ sarvaṃ prakalpayet
dann alles soll er festsetzen (Akk.; Opt. Kaus.)
phalaṃ karma ca nirhetu
Ertrag und Arbeit ohne Grund (Akk.; Adv.)
na kaścit saṃpravartayet
keiner soll in Gang setzen (Opt. Kaus.)

Zweiter Halbvers dunkel; sinngemäß gedeutet.

yathā rājā ca kartā ca syātāṃ karmaṇi bhāginau; samavekṣya tathā rājñā praṇeyāḥ satataṃ karāḥ

Wie der König und der Ausführende beide am Werk Anteil haben, so hat der König nach sorgfältiger Prüfung stets die Abgaben zu bemessen.

Wort für Wort
yathā rājā ca kartā ca
wie König und Ausführender (Nom.)
syātām karmaṇi bhāginau
beide seien am Werk beteiligt (Opt. Du.; Lok.; Nom.Du.)
samavekṣya tathā rājñā
nach Prüfung so vom König (Ger.; Instr.)
praṇeyāḥ satataṃ karāḥ
sind festzusetzen stets die Abgaben (Gerundiv Nom.Pl.; Adv.)

nocchindyād ātmano mūlaṃ pareṣāṃ vāpi tṛṣṇayā; īhādvārāṇi saṃrudhya rājā saṃprītidarśanaḥ

Er soll nicht die Wurzel seiner selbst abschneiden, noch die der anderen, aus Gier; der König soll die Tore des [maßlosen] Strebens versperren und freundlichen Anblick bieten.

Wort für Wort
na ucchindyāt ātmanaḥ mūlam
nicht soll er abschneiden seine eigene Wurzel (Opt.; Gen.; Akk.)
pareṣāṃ vā api tṛṣṇayā
oder auch die der anderen, aus Gier (Gen.Pl.; Instr.)
īhādvārāṇi saṃrudhya
die Tore des Strebens versperrend (Akk.Pl.; Ger.)
rājā saṃprītidarśanaḥ
der König, von freundlichem Aussehen (Nom.)

īhādvārāṇi unsicher.

pradviṣanti parikhyātaṃ rājānam atikhādinam; pradviṣṭasya kutaḥ śreyaḥ saṃpriyo labhate priyam

Man hasst den berüchtigten König, der maßlos verzehrt; wie soll einem Gehassten Heil zuteilwerden? Der Beliebte erlangt Liebes.

Wort für Wort
pradviṣanti parikhyātam
sie hassen den berüchtigten (3.Pl.; Part.Akk.)
rājānam atikhādinam
König, der übermäßig Verzehrenden (Akk.)
pradviṣṭasya kutaḥ śreyaḥ
des Gehassten woher Heil? (Gen.; Adv.; Nom.)
saṃpriyaḥ labhate priyam
der Beliebte erlangt Liebes (Nom.; 3.Sg.; Akk.)

vatsaupamyena dogdhavyaṃ rāṣṭram akṣīṇabuddhinā; bhṛto vatso jātabalaḥ pīḍāṃ sahati bhārata

Nach Art des Kalbes ist das Reich zu melken von dem, dessen Verstand unversehrt ist; ein genährtes Kalb, das Kraft bekommen hat, erträgt Bedrängnis, o Bhārata.

Wort für Wort
vatsaupamyena dogdhavyam
nach dem Vergleich mit einem Kalb ist zu melken (Instr.; Gerundiv)
rāṣṭram akṣīṇabuddhinā
das Reich, von dem mit ungemindertem Verstand (Akk.; Instr.)
bhṛtaḥ vatsaḥ jātabalaḥ
genährt das Kalb, kräftig geworden (Nom.)
pīḍāṃ sahati bhārata
Druck erträgt es, o Bhārata (Akk.; 3.Sg.; Vok.)

na karma kurute vatso bhṛśaṃ dugdho yudhiṣṭhira; rāṣṭram apy atidugdhaṃ hi na karma kurute mahat

Ein Kalb verrichtet kein Werk, wenn es zu stark gemolken wurde, Yudhiṣṭhira; auch ein zu stark gemolkenes großes Reich verrichtet kein Werk.

Wort für Wort
na karma kurute vatsaḥ
nicht Arbeit tut das Kalb (3.Sg.Med.)
bhṛśaṃ dugdhaḥ yudhiṣṭhira
stark gemolken, Yudhiṣṭhira (Part.; Vok.)
rāṣṭram api atidugdhaṃ hi
auch das Reich, übermolken (Nom.; Part.)
na karma kurute mahat
nicht Arbeit tut es, das große (3.Sg.; Nom.n.)

yo rāṣṭram anugṛhṇāti parigṛhya svayaṃ nṛpaḥ; saṃjātam upajīvan sa labhate sumahat phalam

Der König, der das Reich selbst annimmt und fördert und vom Entstandenen lebt, erlangt sehr großen Lohn.

Wort für Wort
yaḥ rāṣṭram anugṛhṇāti
der das Reich fördert (Nom.; Akk.; 3.Sg.)
parigṛhya svayaṃ nṛpaḥ
[es] annehmend, selbst, der König (Ger.; Nom.)
saṃjātam upajīvan saḥ
vom Entstandenen lebend, er (Part.Akk.; Part.)
labhate sumahat phalam
erlangt sehr großen Ertrag (3.Sg.; Akk.)

āpadarthaṃ hi nicayān rājāna iha cinvate; rāṣṭraṃ ca kośabhūtaṃ syāt kośo veśmagatas tathā

Für Notfälle häufen Könige hier Vorräte an; das Reich soll [gleichsam] Schatzkammer sein, und die Schatzkammer im Haus befindlich.

Wort für Wort
āpadartham hi nicayān
für den Notfall nämlich Vorräte (Adv.; Akk.Pl.)
rājānaḥ iha cinvate
Könige hier häufen an (Nom.Pl.; 3.Pl.Med.)
rāṣṭraṃ ca kośabhūtaṃ syāt
und das Reich als Schatz geworden sei (Nom.; Opt.)
kośaḥ veśmagataḥ tathā
die Schatzkammer im Haus befindlich ebenso (Nom.)

paurajānapadān sarvān saṃśritopāśritāṃs tathā; yathāśakty anukampeta sarvān abhyantarān api

Alle Stadt- und Landbewohner, die Angeschlossenen und die Abhängigen, soll er nach Kräften unterstützen, auch alle Innenstehenden.

Wort für Wort
paurajānapadān sarvān
alle Städter und Landbewohner (Akk.Pl.)
saṃśritopāśritān tathā
die Angeschlossenen und Abhängigen ebenso (Akk.Pl.)
yathāśakti anukampeta
nach Kräften soll er mitfühlend beistehen (Adv.; Opt. Med.)
sarvān abhyantarān api
alle Innenstehenden auch (Akk.Pl.)

bāhyaṃ janaṃ bhedayitvā bhoktavyo madhyamaḥ sukham; evaṃ na saṃprakupyante janāḥ sukhitaduḥkhitāḥ

Nachdem man das äußere Volk gespalten hat, ist der mittlere [Teil] bequem zu nutzen; so geraten die Leute, ob froh oder betrübt, nicht in Zorn.

Wort für Wort
bāhyaṃ janaṃ bhedayitvā
das äußere Volk gespalten habend (Akk.; Ger. Kaus.)
bhoktavyaḥ madhyamaḥ sukham
der mittlere ist zu nutzen, bequem (Gerundiv; Nom.; Adv.)
evaṃ na saṃprakupyante
so werden sie nicht zornig (Adv.; 3.Pl.Pass.)
janāḥ sukhitaduḥkhitāḥ
die Leute, glücklich und unglücklich (Nom.Pl.)

Erster Halbvers unsicher [?].

prāg eva tu karādānam anubhāṣya punaḥ punaḥ; saṃnipatya svaviṣaye bhayaṃ rāṣṭre pradarśayet

Schon vorher aber soll er, die Abgabenerhebung immer wieder ankündigend und [das Volk] in seinem Gebiet versammelnd, im Reich Furcht vorführen.

Wort für Wort
prāk eva tu karādānam
schon vorher aber die Abgabenerhebung (Adv.; Akk.)
anubhāṣya punaḥ punaḥ
ansprechend/ankündigend, immer wieder (Ger.; Adv.)
saṃnipatya svaviṣaye
zusammengekommen [versammelnd], im eigenen Gebiet (Ger.; Lok.)
bhayaṃ rāṣṭre pradarśayet
Furcht im Reich soll er zeigen (Akk.; Lok.; Opt. Kaus.)

iyam āpat samutpannā paracakrabhayaṃ mahat; api nāntāya kalpeta veṇor iva phalāgamaḥ

„Diese Not ist entstanden, große Furcht vor dem Heer der Feinde; möge sie nicht zum Ende führen, wie das Kommen der Frucht beim Bambus [?].“

Wort für Wort
iyam āpat samutpannā
diese Not ist entstanden (Nom.; Part.)
paracakrabhayaṃ mahat
Furcht vor dem Feindesheer, groß (Nom.n.)
api na antāya kalpeta
möge sie nicht zum Ende taugen (Adv.; Dat.; Opt. Med.)
veṇoḥ iva phalāgamaḥ
wie beim Bambus das Fruchtkommen (Gen.; Nom.)

Bild: Der Bambus stirbt nach der Fruchtbildung; Sinn der Verneinung unsicher.

arayo me samutthāya bahubhir dasyubhiḥ saha; idam ātmavadhāyaiva rāṣṭram icchanti bādhitum

„Meine Feinde haben sich mit vielen Räubern erhoben; sie wollen dieses Reich bedrängen, nur zu ihrem eigenen Untergang.“

Wort für Wort
arayaḥ me samutthāya
meine Feinde, aufgestanden (Nom.Pl.; Gen./Dat.; Ger.)
bahubhiḥ dasyubhiḥ saha
mit vielen Räubern (Instr.Pl.; Präp.)
idam ātmavadhāya eva
zum eigenen Untergang nur (Akk.; Dat.)
rāṣṭram icchanti bādhitum
das Reich wollen sie bedrängen (Akk.; 3.Pl.; Inf.)

asyām āpadi ghorāyāṃ saṃprāpte dāruṇe bhaye; paritrāṇāya bhavatāṃ prārthayiṣye dhanāni vaḥ

„In dieser schrecklichen Not, da die grausame Gefahr eingetreten ist, werde ich zu eurem Schutz um eure Reichtümer bitten.“

Wort für Wort
asyām āpadi ghorāyām
in dieser Not, der furchtbaren (Lok.)
saṃprāpte dāruṇe bhaye
da eingetreten ist die grausame Gefahr (Lok. abs.)
paritrāṇāya bhavatām
zum Schutz von euch (Dat.; Gen.)
prārthayiṣye dhanāni vaḥ
werde ich erbitten Vermögen von euch (1.Sg.Fut.; Akk.Pl.; Gen.)

pratidāsye ca bhavatāṃ sarvaṃ cāhaṃ bhayakṣaye; nārayaḥ pratidāsyanti yad dhareyur balād itaḥ

„Und ich werde euch alles zurückgeben, wenn die Gefahr geschwunden ist; die Feinde werden nicht zurückgeben, was sie von hier mit Gewalt wegnehmen würden.“

Wort für Wort
pratidāsye ca bhavatām
und ich werde zurückgeben euch (1.Sg.Fut.; Dat.)
sarvaṃ ca aham bhayakṣaye
alles ich, bei Schwinden der Gefahr (Akk.; Nom.; Lok.)
na arayaḥ pratidāsyanti
nicht die Feinde werden zurückgeben (Nom.Pl.; 3.Pl.Fut.)
yat hareyuḥ balāt itaḥ
was sie wegnehmen würden mit Gewalt von hier (Opt.; Abl.; Adv.)

kalatram āditaḥ kṛtvā naśyet svaṃ svayam eva hi; api cet putradārārtham arthasaṃcaya iṣyate

„Wer zuerst die Frau [die Familie] voranstellt, dessen Besitz geht von selbst zugrunde [?], auch wenn man Vermögensanhäufung um der Söhne und Frauen willen wünscht.“

Wort für Wort
kalatram āditaḥ kṛtvā
die Gattin voranstellend/zuerst machend (Akk.; Adv.; Ger.)
naśyet svaṃ svayam eva hi
würde vergehen das Eigene von selbst (Opt.; Nom.n.; Adv.)
api cet putradārārtham
auch wenn um der Söhne und Frauen willen (Part.; Adv.)
arthasaṃcayaḥ iṣyate
Vermögensanhäufung gewünscht wird (Nom.; 3.Sg.Pass.)

Sinn unsicher [?]; Deutung: wer aus Familienrücksicht hortet, verliert es an den Feind.

nandāmi vaḥ prabhāvena putrāṇām iva codaye; yathāśakty anugṛhṇāmi rāṣṭrasyāpīḍayā ca vaḥ

„Ich freue mich an eurer Macht und ermuntere [euch] wie Söhne; nach Kräften begünstige ich euch, ohne das Reich zu bedrücken.“

Wort für Wort
nandāmi vaḥ prabhāvena
ich freue mich, an eurer Macht (1.Sg.; Gen.; Instr.)
putrāṇām iva codaye
wie ich Söhne [ermuntere] ; ich treibe an (Gen.Pl.; Adv.; 1.Sg.Med.)
yathāśakti anugṛhṇāmi
nach Kräften begünstige ich (Adv.; 1.Sg.)
rāṣṭrasya apīḍayā ca vaḥ
und ohne Bedrückung des Reiches, euch (Gen.; Instr.; Akk./Gen.)

codaye/udaye: Lesart und Konstruktion unsicher.

āpatsv eva ca voḍhavyaṃ bhavadbhiḥ sadgavair iva; na vaḥ priyataraṃ kāryaṃ dhanaṃ kasyāṃ cid āpadi

„In Notlagen aber ist [die Last] von euch zu tragen wie von guten Stieren; euch soll in keiner Notlage das Vermögen lieber sein [als der Beistand] [?].“

Wort für Wort
āpatsu eva ca voḍhavyam
und in Nöten eben ist zu tragen (Lok.Pl.; Gerundiv)
bhavadbhiḥ sadgavaiḥ iva
von euch wie von guten Stieren (Instr.Pl.)
na vaḥ priyataram kāryam
nicht euch lieber zu machen (Gen./Dat.; Komp.; Gerundiv)
dhanaṃ kasyāṃ cit āpadi
Vermögen in irgendeiner Not (Nom./Akk.; Lok.)

Zweiter Halbvers unsicher.

iti vācā madhurayā ślakṣṇayā sopacārayā; svaraśmīn abhyavasṛjed yugam ādāya kālavit

So soll der zeitkundige [König] mit süßem, sanftem, rücksichtsvollem Wort, das Joch [auf sich] nehmend, seine eigenen Zügel lockern [?].

Wort für Wort
iti vācā madhurayā
so mit süßer Rede (Adv.; Instr.)
ślakṣṇayā sopacārayā
mit sanfter, höflicher (Instr.)
svaraśmīn abhyavasṛjet
die eigenen Zügel soll er loslassen (Akk.Pl.; Opt.)
yugam ādāya kālavit
das Joch aufnehmend, der Zeitkundige (Akk.; Ger.; Nom.)

Bild vom Wagenlenker; Deutung unsicher.

pracāraṃ bhṛtyabharaṇaṃ vyayaṃ gogrāmato bhayam; yogakṣemaṃ ca saṃprekṣya gominaḥ kārayet karān

Weidegang, Unterhalt der Diener, Ausgaben, Gefahr von den Rinderdörfern und Erwerb und Sicherung betrachtend, soll er den Rinderbesitzern Abgaben auferlegen.

Wort für Wort
pracāraṃ bhṛtyabharaṇam
Weidegang, Unterhalt der Diener (Akk.)
vyayaṃ gogrāmataḥ bhayam
Ausgaben, Gefahr vom Rinderdorf her (Akk.; Abl.)
yogakṣemaṃ ca saṃprekṣya
und Erwerb und Sicherung betrachtend (Akk.; Ger.)
gominaḥ kārayet karān
den Rinderbesitzern soll er auferlegen Abgaben (Akk.Pl.; Opt.; Akk.)

upekṣitā hi naśyeyur gomino 'raṇyavāsinaḥ; tasmāt teṣu viśeṣeṇa mṛdupūrvaṃ samācaret

Vernachlässigt würden die Rinderhalter, die im Wald wohnen, zugrunde gehen; darum soll er bei ihnen besonders mit Milde verfahren.

Wort für Wort
upekṣitāḥ hi naśyeyuḥ
vernachlässigt würden sie vergehen (Part.; Opt.)
gominaḥ araṇyavāsinaḥ
die Rinderhalter, waldbewohnend (Nom.Pl.)
tasmāt teṣu viśeṣeṇa
daher bei ihnen besonders (Abl.; Lok.; Instr.)
mṛdupūrvaṃ samācaret
mit Milde voran soll er verfahren (Adv.; Opt.)

sāntvanaṃ rakṣaṇaṃ dānam avasthā cāpy abhīkṣṇaśaḥ; gomināṃ pārtha kartavyaṃ saṃvibhāgāḥ priyāṇi ca

Zuspruch, Schutz, Gabe und stetiger Beistand sind, Pārtha, den Rinderhaltern zu erweisen, ebenso Anteile und Liebes.

Wort für Wort
sāntvanaṃ rakṣaṇaṃ dānam
Zuspruch, Schutz, Gabe (Nom.n.)
avasthā ca api abhīkṣṇaśaḥ
und Beistand/Unterkunft auch, beständig (Nom.; Adv.)
gomināṃ pārtha kartavyam
den Rinderhaltern, Pārtha, ist zu tun (Gen.Pl.; Vok.; Gerundiv)
saṃvibhāgāḥ priyāṇi ca
Anteile und Liebes (Nom.Pl.)

avasthā unsicher.

ajasram upayoktavyaṃ phalaṃ gomiṣu sarvataḥ; prabhāvayati rāṣṭraṃ ca vyavahāraṃ kṛṣiṃ tathā

Unablässig ist der Ertrag von den Rinderhaltern von allen Seiten zu nutzen; er fördert das Reich, ebenso den Handel und den Ackerbau.

Wort für Wort
ajasram upayoktavyam
unablässig ist zu nutzen (Adv.; Gerundiv)
phalaṃ gomiṣu sarvataḥ
der Ertrag bei den Rinderhaltern überall (Nom.; Lok.; Adv.)
prabhāvayati rāṣṭraṃ ca
und er fördert das Reich (3.Sg.Kaus.; Akk.)
vyavahāraṃ kṛṣiṃ tathā
Handel, Ackerbau ebenso (Akk.)

tasmād gomiṣu yatnena prītiṃ kuryād vicakṣaṇaḥ; dayāvān apramattaś ca karān saṃpraṇayan mṛdūn

Darum soll der Kluge sich bei den Rinderhaltern mit Eifer Zuneigung erwerben; mitfühlend und achtsam, milde Abgaben erhebend.

Wort für Wort
tasmāt gomiṣu yatnena
darum bei den Rinderhaltern mit Eifer (Abl.; Lok.; Instr.)
prītiṃ kuryāt vicakṣaṇaḥ
Zuneigung soll erweisen der Kluge (Akk.; Opt.; Nom.)
dayāvān apramattaḥ ca
mitleidig und nicht nachlässig [= achtsam] (Nom.)
karān saṃpraṇayan mṛdūn
milde Abgaben erhebend (Akk.Pl.; Part.)

sarvatra kṣemacaraṇaṃ sulabhaṃ tāta gomibhiḥ; na hy ataḥ sadṛśaṃ kiṃ cid dhanam asti yudhiṣṭhira

„Überall ist Wohlfahrtsübung durch Rinderhalter leicht, mein Lieber; denn es gibt nichts, was hier an Reichtum gleichwertig wäre, o Yudhiṣṭhira.“

Wort für Wort
sarvatra kṣemacaraṇam
überall Wohlfahrtsübung (Adv.; Nom.)
sulabhaṃ tāta gomibhiḥ
leicht zu erlangen, Lieber, durch Rinderhalter (Nom.; Vok.; Instr.)
na hi ataḥ sadṛśam
denn nicht ist hiervon/dem gleich (Abl.; Nom.)
kiṃ cit dhanam asti yudhiṣṭhira
irgendein Reichtum, es gibt, Yudhiṣṭhira (Nom.; 3.Sg.; Vok.)

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