Kapitel 88: rāṣṭraguptiḥ karādānaṃ ca
Reichsschutz, Dorfverwaltung und die maßvolle Erhebung von Abgaben
Bhīṣma erläutert die gestufte Beamtenschaft von Dorf bis Tausendschaft, die Besteuerung von Kaufleuten, Handwerkern und Rinderhaltern sowie das Prinzip, das Reich wie ein Kalb schonend zu melken.
yudhiṣṭhira uvāca; rāṣṭraguptiṃ ca me rājan rāṣṭrasyaiva ca saṃgraham; samyag jijñāsamānāya prabrūhi bharatarṣabha
Yudhiṣṭhira sprach: „Den Schutz des Reiches, o König, und die Verwaltung des Reiches – das erkläre mir, der ich es recht erfahren will, o Stier der Bharatas.“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf. 3.Sg.)
rāṣṭraguptiṃ ca me rājan
und den Schutz des Reiches, mir, o König (Akk./Dat./Vok.)
rāṣṭrasya eva ca saṃgraham
und eben des Reiches Zusammenfassung/Verwaltung (Gen./Akk.)
bhīṣma uvāca; rāṣṭraguptiṃ ca te samyag rāṣṭrasyaiva ca saṃgraham; hanta sarvaṃ pravakṣyāmi tattvam ekamanāḥ śṛṇu
Bhīṣma sprach: „Den Schutz des Reiches und ebenso die Verwaltung des Reiches – wohlan, alles will ich dir darlegen; höre der Wahrheit gemäß, mit gesammeltem Sinn.“
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf. 3.Sg.)
rāṣṭraguptiṃ ca te samyag
den Schutz des Reiches dir gehörig (Akk./Dat.)
rāṣṭrasya eva ca saṃgraham
und eben des Reiches Verwaltung (Gen./Akk.)
hanta sarvaṃ pravakṣyāmi
wohlan, alles werde ich darlegen (Interj.; 1.Sg.Fut.)
tattvam ekamanāḥ śṛṇu
der Wahrheit gemäß, einsinnig höre (Akk./Adv.; Nom.; Imp.)
grāmasyādhipatiḥ kāryo daśagrāmyas tathāparaḥ; dviguṇāyāḥ śatasyaivaṃ sahasrasya ca kārayet
Über ein Dorf ist ein Vorsteher einzusetzen, ebenso ein weiterer über zehn Dörfer; ebenso soll er einen einsetzen über das Doppelte [davon], über hundert und über tausend [Dörfer].
Wort für Wort
grāmasya adhipatiḥ kāryaḥ
des Dorfes ein Oberhaupt ist zu machen (Gen.; Nom.; Gerundiv)
daśagrāmī tathā aparaḥ
der [Herr] der Zehn-Dörfer, ebenso ein anderer (Nom.)
dviguṇāyāḥ śatasya eva
des Doppelten [der zehn], ebenso des Hunderts (Gen.)
evaṃ sahasrasya ca kārayet
so auch des Tausends soll er einsetzen (Gen.; Opt. Kaus.)
daśagrāmyaḥ als Herr über zehn Dörfer verstanden; „das Doppelte“ = zwanzig (vgl. Vers 6).
yāni grāmīṇabhojyāni grāmikas tāny upāśnuyāt; daśapas tena bhartavyas tenāpi dviguṇādhipaḥ
Was an Dorfgenüssen [Abgaben] es gibt, das soll der Dorfvorsteher genießen; von diesem ist der Zehnerherr zu unterhalten, und von jenem wiederum der Herr über das Doppelte.
Wort für Wort
yāni grāmīṇabhojyāni
welche dorfeigenen Genüsse/Nutzungen (Nom.Pl.)
grāmikaḥ tāni upāśnuyāt
der Dorfvorsteher diese genießen soll (Nom.; Akk.; Opt.)
daśapaḥ tena bhartavyaḥ
der Zehnerherr von diesem ist zu unterhalten (Nom.; Instr.; Gerundiv)
tena api dviguṇādhipaḥ
auch von diesem der Herr des Doppelten (Instr.; Nom.)
grāmaṃ grāmaśatādhyakṣo bhoktum arhati satkṛtaḥ; mahāntaṃ bharataśreṣṭha susphītajanasaṃkulam; tatra hy anekam āyattaṃ rājño bhavati bhārata
Ein Dorf darf der Aufseher über hundert Dörfer, geehrt, genießen, [und zwar] ein großes, o Bester der Bharatas, von dicht gedrängtem Volk erfüllt; denn davon hängt dem König vieles ab, o Bhārata.
Wort für Wort
grāmaṃ grāmaśatādhyakṣaḥ
ein Dorf, der Aufseher der hundert Dörfer (Akk.; Nom.)
bhoktum arhati satkṛtaḥ
zu genießen verdient er, geehrt (Inf.; 3.Sg.; Part.)
mahāntaṃ bharataśreṣṭha
ein großes, Bester der Bharatas (Akk.; Vok.)
susphītajanasaṃkulam
von sehr wohlhabendem Volk erfüllt (Akk. Kompositum)
tatra hi anekam āyattam
denn davon hängt Vieles ab (Adv.; Nom.n.)
rājñaḥ bhavati bhārata
dem König ist/besteht, o Bhārata (Gen./Dat.; 3.Sg.; Vok.)
tathā yad grāmakṛtyaṃ syād grāmikṛtyaṃ ca te svayam; dharmajñaḥ sacivaḥ kaś cit tat prapaśyed atandritaḥ
Ebenso: was Dorfangelegenheit ist und Angelegenheit der Dorfvorsteher, auch dir selbst [Obliegendes] – das soll irgendein rechtskundiger Minister unermüdlich beaufsichtigen.
Wort für Wort
tathā yat grāmakṛtyaṃ syāt
ebenso was Dorfangelegenheit sei (Nom.; Opt.)
grāmikṛtyaṃ ca te svayam
und Angelegenheit der Dorfvorsteher, dir selbst [?] (Nom.; Gen./Dat.)
dharmajñaḥ sacivaḥ kaścit
ein rechtskundiger Minister irgendein (Nom.)
tat prapaśyet atandritaḥ
das soll beaufsichtigen, unermüdlich (Akk.; Opt.; Nom.)
nagare nagare ca syād ekaḥ sarvārthacintakaḥ; uccaiḥsthāne ghorarūpo nakṣatrāṇām iva grahaḥ; bhavet sa tān parikrāmet sarvān eva sadā svayam
In jeder einzelnen Stadt soll es einen geben, der alle Angelegenheiten bedenkt, an hohem Platz, von furchtbarem Aussehen, wie der Planet unter den Sternen; er soll all diese stets selbst bereisen.
Wort für Wort
nagare nagare ca syāt ekaḥ
in Stadt um Stadt soll sein einer (Lok.; Opt.)
sarvārthacintakaḥ
der alle Angelegenheiten Bedenkende (Nom.)
uccaiḥsthāne ghorarūpaḥ
an hohem Platz, von furchtbarer Gestalt (Lok.; Nom.)
Ihr Verhalten soll irgendein Späher in den Reichsteilen ermitteln: Die Mordlustigen, Böses Begehrenden, fremdes Gut an sich Nehmenden, Betrüger [sind] nur dem Namen nach „Schutzbeamte“; vor ihnen soll er diese Untertanen schützen.
Wort für Wort
teṣāṃ vṛttaṃ pariṇayet
ihr Verhalten soll er ermitteln (Gen.; Akk.; Opt.)
kaścit rāṣṭreṣu taccaraḥ
irgendein in den Reichsteilen ihnen [nachspürender] Späher (Nom.; Lok.)
jighāṃsavaḥ pāpakāmāḥ
Tötungslustige, Böses Wünschende (Nom.Pl.)
parasvādāyinaḥ śaṭhāḥ
fremdes Gut Nehmende, Betrüger (Nom.Pl.)
rakṣābhyadhikṛtāḥ nāma
zum Schutz Bestellte, dem Namen nach (Nom.Pl.; Adv.)
tebhyaḥ rakṣet imāḥ prajāḥ
vor ihnen soll er schützen diese Untertanen (Abl.; Opt.; Akk.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; taccara und nāma unsicher, sinngemäß gedeutet.
utpattiṃ dānavṛttiṃ ca śilpaṃ saṃprekṣya cāsakṛt; śilpapratikarān eva śilpinaḥ prati kārayet
Den Ertrag, die Art der Zuwendungen und das Handwerk wiederholt prüfend, soll er den Handwerkern jeweils dem Handwerk entsprechende Abgaben auferlegen.
Wort für Wort
utpattiṃ dānavṛttiṃ ca
Ertrag und Art der Leistung/Zuwendung (Akk.)
śilpaṃ saṃprekṣya ca asakṛt
und das Handwerk betrachtend, wiederholt (Akk.; Ger.; Adv.)
śilpapratikarān eva
eben dem Handwerk entsprechende Abgaben (Akk.Pl.)
śilpinaḥ prati kārayet
den Handwerkern gegenüber soll er auferlegen (Akk.Pl.; Präp.; Opt.)
Er soll nicht die Wurzel seiner selbst abschneiden, noch die der anderen, aus Gier; der König soll die Tore des [maßlosen] Strebens versperren und freundlichen Anblick bieten.
Wort für Wort
na ucchindyāt ātmanaḥ mūlam
nicht soll er abschneiden seine eigene Wurzel (Opt.; Gen.; Akk.)
pareṣāṃ vā api tṛṣṇayā
oder auch die der anderen, aus Gier (Gen.Pl.; Instr.)
Nach Art des Kalbes ist das Reich zu melken von dem, dessen Verstand unversehrt ist; ein genährtes Kalb, das Kraft bekommen hat, erträgt Bedrängnis, o Bhārata.
Wort für Wort
vatsaupamyena dogdhavyam
nach dem Vergleich mit einem Kalb ist zu melken (Instr.; Gerundiv)
rāṣṭram akṣīṇabuddhinā
das Reich, von dem mit ungemindertem Verstand (Akk.; Instr.)
pratidāsye ca bhavatāṃ sarvaṃ cāhaṃ bhayakṣaye; nārayaḥ pratidāsyanti yad dhareyur balād itaḥ
„Und ich werde euch alles zurückgeben, wenn die Gefahr geschwunden ist; die Feinde werden nicht zurückgeben, was sie von hier mit Gewalt wegnehmen würden.“
Wort für Wort
pratidāsye ca bhavatām
und ich werde zurückgeben euch (1.Sg.Fut.; Dat.)
sarvaṃ ca aham bhayakṣaye
alles ich, bei Schwinden der Gefahr (Akk.; Nom.; Lok.)
na arayaḥ pratidāsyanti
nicht die Feinde werden zurückgeben (Nom.Pl.; 3.Pl.Fut.)
yat hareyuḥ balāt itaḥ
was sie wegnehmen würden mit Gewalt von hier (Opt.; Abl.; Adv.)
kalatram āditaḥ kṛtvā naśyet svaṃ svayam eva hi; api cet putradārārtham arthasaṃcaya iṣyate
„Wer zuerst die Frau [die Familie] voranstellt, dessen Besitz geht von selbst zugrunde [?], auch wenn man Vermögensanhäufung um der Söhne und Frauen willen wünscht.“
Wort für Wort
kalatram āditaḥ kṛtvā
die Gattin voranstellend/zuerst machend (Akk.; Adv.; Ger.)
naśyet svaṃ svayam eva hi
würde vergehen das Eigene von selbst (Opt.; Nom.n.; Adv.)
api cet putradārārtham
auch wenn um der Söhne und Frauen willen (Part.; Adv.)
arthasaṃcayaḥ iṣyate
Vermögensanhäufung gewünscht wird (Nom.; 3.Sg.Pass.)
Sinn unsicher [?]; Deutung: wer aus Familienrücksicht hortet, verliert es an den Feind.
āpatsv eva ca voḍhavyaṃ bhavadbhiḥ sadgavair iva; na vaḥ priyataraṃ kāryaṃ dhanaṃ kasyāṃ cid āpadi
„In Notlagen aber ist [die Last] von euch zu tragen wie von guten Stieren; euch soll in keiner Notlage das Vermögen lieber sein [als der Beistand] [?].“
Wort für Wort
āpatsu eva ca voḍhavyam
und in Nöten eben ist zu tragen (Lok.Pl.; Gerundiv)
bhavadbhiḥ sadgavaiḥ iva
von euch wie von guten Stieren (Instr.Pl.)
na vaḥ priyataram kāryam
nicht euch lieber zu machen (Gen./Dat.; Komp.; Gerundiv)
Weidegang, Unterhalt der Diener, Ausgaben, Gefahr von den Rinderdörfern und Erwerb und Sicherung betrachtend, soll er den Rinderbesitzern Abgaben auferlegen.
Wort für Wort
pracāraṃ bhṛtyabharaṇam
Weidegang, Unterhalt der Diener (Akk.)
vyayaṃ gogrāmataḥ bhayam
Ausgaben, Gefahr vom Rinderdorf her (Akk.; Abl.)
yogakṣemaṃ ca saṃprekṣya
und Erwerb und Sicherung betrachtend (Akk.; Ger.)
gominaḥ kārayet karān
den Rinderbesitzern soll er auferlegen Abgaben (Akk.Pl.; Opt.; Akk.)