Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 276: śreyaḥsādhanopadeśaḥ Nāradas Belehrung Gālavas über das Heil, rechtes Verhalten und die Wahl des Wohnortes

Bhīṣma erzählt Yudhiṣṭhira das Gespräch zwischen dem Weisen Gālava und Nārada über das höchste Heil (śreyas). Nārada nennt zunächst Tugenden und Verhaltensregeln und beschreibt dann, welche Länder und Herrscher man meiden oder aufsuchen soll.

yudhiṣṭhira uvāca; atattvajñasya śāstrāṇāṃ satataṃ saṃśayātmanaḥ; akṛtavyavasāyasya śreyo brūhi pitāmaha

Yudhiṣṭhira sprach: „Sage mir, Großvater, was das Heil ist für den, der die Wahrheit der Lehrschriften nicht kennt, beständig zweifelnden Sinnes ist und keinen festen Entschluss gefasst hat.“

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Nom./Perf.)
atattvajñasya śāstrāṇām
des die Wahrheit der Lehrschriften nicht Kennenden (Gen.Sg.; śāstrāṇām Gen.Pl.)
satataṃ saṃśayātmanaḥ
beständig, des zweifelnden Sinnes (Adv.; Gen.Sg.)
akṛtavyavasāyasya
des keinen Entschluss Gefassten (Gen.Sg.)
śreyo brūhi pitāmaha
das Heil sage, Großvater (Akk.; Imp.2.Sg.; Vok.)

bhīṣma uvāca; gurupūjā ca satataṃ vṛddhānāṃ paryupāsanam; śravaṇaṃ caiva vidyānāṃ kūṭasthaṃ śreya ucyate

Bhīṣma sprach: „Verehrung der Lehrer und beständiges Aufwarten bei den Älteren, und das Hören der Wissenschaften: das wird das feststehende Heil genannt.“

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Nom./Perf.)
gurupūjā ca satataṃ
und Verehrung der Lehrer, beständig (Nom.Sg.f.; Adv.)
vṛddhānāṃ paryupāsanam
das Aufwarten bei den Älteren (Gen.Pl.; Nom.Sg.n.)
śravaṇaṃ caiva vidyānām
und ebenso das Hören der Wissenschaften (Nom.Sg.n.; Gen.Pl.)
kūṭasthaṃ śreya ucyate
als feststehendes Heil wird bezeichnet (Nom.Sg.n.; Pass.3.Sg.)

kūṭastha: eigentlich „an der Spitze/auf dem Gipfel stehend“, hier „unverrückbar, feststehend“.

atrāpy udāharantīmam itihāsaṃ purātanam; gālavasya ca saṃvādaṃ devarṣer nāradasya ca

Hierzu erzählt man diese uralte Geschichte, das Gespräch des Gālava und des Götterweisen Nārada.

Wort für Wort
atrāpy udāharantīmam
auch hierzu führt man diese an (Adv.; 3.Pl.Präs.; Akk.Sg.m.)
itihāsaṃ purātanam
Erzählung, uralte (Akk.Sg.m.)
gālavasya ca saṃvādam
und des Gālava Gespräch (Gen.Sg.; Akk.Sg.m.)
devarṣer nāradasya ca
und des Götterweisen Nārada (Gen.Sg.)

svāśramaṃ samanuprāptaṃ nāradaṃ devavarcasam

[Zu] Nārada, dem göttergleich Strahlenden, der in seiner Einsiedelei angekommen war, [sprach Gālava].

Wort für Wort
svāśramaṃ
zur eigenen Einsiedelei (Akk.Sg.m.)
samanuprāptam
gelangt (Part.Perf.Pass., Akk.Sg.m.)
nāradaṃ devavarcasam
Nārada, den göttergleich Strahlenden (Akk.Sg.m.; Bahuvrīhi)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile der kritischen Ausgabe; der Satz wird in der folgenden Einheit fortgesetzt (nāradaṃ ... gālavo 'bravīt). [Anm.: Fortsetzung in Einheit 5]

vītamohaklamaṃ vipraṃ jñānatṛptaṃ jitendriyam; śreyaskāmaṃ jitātmānaṃ nāradaṃ gālavo 'bravīt

Zu Nārada, dem Brahmanen, dessen Verwirrung und Erschöpfung geschwunden waren, der an Wissen gesättigt war, die Sinne bezwungen hatte, das Heil erstrebte und sich selbst beherrschte, sprach Gālava:

Wort für Wort
vītamohaklamaṃ vipram
den Brahmanen, dessen Verwirrung und Ermüdung gewichen sind (Akk.Sg.m.; Bahuvrīhi)
jñānatṛptaṃ jitendriyam
an Wissen gesättigt, die Sinne besiegt habend (Akk.Sg.m.)
śreyaskāmaṃ jitātmānam
das Heil erstrebend, selbstbeherrscht (Akk.Sg.m.)
nāradaṃ gālavo 'bravīt
zu Nārada sprach Gālava (Akk.; Nom.; Impf.3.Sg.)

yaiḥ kaiś cit saṃmato loke guṇais tu puruṣo nṛṣu; bhavaty anapagān sarvāṃs tān guṇāṃl lakṣayāmy aham

„Welche Eigenschaften auch immer einen Menschen unter den Menschen in der Welt angesehen machen, alle diese Eigenschaften, die nicht [von ihm] weichen, nehme ich an Euch wahr.“

Wort für Wort
yaiḥ kaiś cit saṃmato loke
durch welche [Eigenschaften] auch immer geschätzt in der Welt (Instr.Pl.; Nom.Sg.m.; Lok.Sg.)
guṇais tu puruṣo nṛṣu
durch Eigenschaften ein Mann unter den Menschen (Instr.Pl.; Nom.Sg.; Lok.Pl.)
bhavaty anapagān sarvān
an Euch [Lok.Sg.], nicht weichende, alle (Akk.Pl.m.)
tān guṇāṃl lakṣayāmy aham
diese Eigenschaften nehme ich wahr, ich (Akk.Pl.; 1.Sg.Präs.; Nom.)

bhavati als Lok. von bhavat („an Euch“) gefasst.

bhavān evaṃvidho 'smākaṃ saṃśayaṃ chettum arhati; amūḍhaś ciramūḍhānāṃ lokatattvam ajānatām

„Ein Herr wie Ihr ist geeignet, unseren Zweifel zu zerschneiden: Ihr, der Ihr nicht verwirrt seid, [gegenüber uns], die wir lange verwirrt sind und die Wahrheit der Welt nicht kennen.“

Wort für Wort
bhavān evaṃvidho 'smākam
Ihr, von solcher Art, unser (Nom.Sg.; Gen.Pl.)
saṃśayaṃ chettum arhati
den Zweifel zu zerschneiden ist imstande/geeignet (Akk.; Inf.; 3.Sg.Präs.)
amūḍhaś ciramūḍhānām
der Unverwirrte, [gegenüber] den lange Verwirrten (Nom.Sg.m.; Gen.Pl.)
lokatattvam ajānatām
die Wahrheit der Welt nicht Kennenden (Akk.Sg.n.; Part.Präs., Gen.Pl.)

jñāne hy evaṃ pravṛttiḥ syāt kāryākārye vijānataḥ; yat kāryaṃ na vyavasyāmas tad bhavān vaktum arhati

„Denn im Wissen kann ein solches Handeln entstehen für den, der Zu-Tuendes und Nicht-zu-Tuendes unterscheidet; was wir als zu tun nicht bestimmen können, das solltet Ihr sagen.“

Wort für Wort
jñāne hy evaṃ pravṛttiḥ syāt
im Wissen nämlich möge so ein Handeln sein (Lok.; Nom.Sg.f.; Opt.3.Sg.)
kāryākārye vijānataḥ
für den Zu-Tuendes und Nicht-zu-Tuendes Unterscheidenden (Akk.Du.n.; Gen.Sg.m.)
yat kāryaṃ na vyavasyāmaḥ
was als zu tun wir nicht entschließen (Nom./Akk.Sg.n.; 1.Pl.Präs.)
tad bhavān vaktum arhati
das sollte Ihr sagen (Akk.; Nom.; Inf.; 3.Sg.Präs.)

bhagavann āśramāḥ sarve pṛthagācāradarśinaḥ; idaṃ śreya idaṃ śreya iti nānāpradhāvitāḥ

„Ehrwürdiger, alle Lebensstadien laufen, jedes einen gesonderten Brauch vor Augen, [mit den Worten] ‚Dies ist das Heil, dies ist das Heil‘ in verschiedene Richtungen auseinander.“

Wort für Wort
bhagavann āśramāḥ sarve
Ehrwürdiger, die Lebensstadien alle (Vok.; Nom.Pl.m.)
pṛthagācāradarśinaḥ
gesonderten Brauch sehend/aufweisend [?] (Nom.Pl.m.; Kompositum)
idaṃ śreya idaṃ śreya iti
dies [ist] das Heil, dies das Heil, so (Nom.Sg.n.; iti)
nānāpradhāvitāḥ
nach verschiedenen Seiten auseinandergelaufen (Part.Perf.Pass., Nom.Pl.m.)

Wiedergabe von pṛthagācāradarśinaḥ unsicher: „gesonderte Bräuche sehend/aufweisend“. [?]

tāṃs tu viprasthitān dṛṣṭvā śāstraiḥ śāstrābhinandinaḥ; svaśāstraiḥ parituṣṭāṃś ca śreyo nopalabhāmahe

„Wenn wir sie aber durch [ihre] Lehrschriften auseinanderstehen sehen, jeder den Lehrschriften Beifall spendend und mit den eigenen Lehrschriften zufrieden, so finden wir das Heil nicht.“

Wort für Wort
tāṃs tu viprasthitān dṛṣṭvā
diese aber, auseinanderstehend, gesehen habend (Akk.Pl.m.; Abs.)
śāstraiḥ śāstrābhinandinaḥ
durch Lehrschriften, den Lehrschriften Beifall spendend (Instr.Pl.; Akk.Pl.m.)
svaśāstraiḥ parituṣṭāṃś ca
und mit den eigenen Lehrschriften zufrieden (Instr.Pl.; Akk.Pl.m.)
śreyo nopalabhāmahe
das Heil nicht erlangen wir (Akk.; 1.Pl.Med.Präs.)

śāstraṃ yadi bhaved ekaṃ vyaktaṃ śreyo bhavet tadā; śāstraiś ca bahubhir bhūyaḥ śreyo guhyaṃ praveśitam

„Wäre die Lehre eine, dann wäre das Heil offenkundig; durch viele Lehrschriften aber ist das Heil noch mehr in das Verborgene hineingeführt worden.“

Wort für Wort
śāstraṃ yadi bhaved ekam
wenn die Lehre eine wäre (Nom.Sg.n.; Opt.3.Sg.)
vyaktaṃ śreyo bhavet tadā
offenkundig das Heil wäre dann (Nom.Sg.n.; Opt.3.Sg.)
śāstraiś ca bahubhir bhūyaḥ
durch viele Lehrschriften aber mehr noch (Instr.Pl.; Adv.)
śreyo guhyaṃ praveśitam
das Heil ins Verborgene hineingeführt (Nom.Sg.n.; Part.Kaus.Pass.)

etasmāt kāraṇāc chreyaḥ kalilaṃ pratibhāti mām; bravītu bhagavāṃs tan me upasanno 'smy adhīhi bhoḥ

„Aus diesem Grund erscheint mir das Heil verworren; der Ehrwürdige möge es mir sagen. Ich bin [als Schüler] herangetreten; belehre [mich], Herr.“

Wort für Wort
etasmāt kāraṇāc chreyaḥ
aus diesem Grund das Heil (Abl.Sg.; Nom.Sg.n.)
kalilaṃ pratibhāti mām
verworren erscheint mir (Nom.Sg.n.; 3.Sg.Präs.; Akk.)
bravītu bhagavāṃs tan me
es möge sagen der Ehrwürdige das mir (Imp.3.Sg.; Nom.; Akk.; Dat.)
upasanno 'smy adhīhi bhoḥ
herangetreten bin ich, belehre [?], Herr (Part.Perf.; 1.Sg.; Imp.2.Sg.; Vok.)

adhīhi (Imp. zu adhi + i) hier sinngemäß „belehre“; Lesart unsicher.

nārada uvāca; āśramās tāta catvāro yathāsaṃkalpitāḥ pṛthak; tān sarvān anupaśya tvaṃ samāśrityaiva gālava

Nārada sprach: „Es gibt, Lieber, vier Lebensstadien, jedes für sich nach [eigener] Vorstellung festgelegt; betrachte sie alle, Gālava, und halte dich [dann] daran.“

Wort für Wort
nārada uvāca
Nārada sprach (Nom./Perf.)
āśramās tāta catvāro
Lebensstadien, Lieber, vier (Nom.Pl.m.; Vok.)
yathāsaṃkalpitāḥ pṛthak
je nach Vorstellung festgesetzt, gesondert (Part.Perf.Pass.; Adv.)
tān sarvān anupaśya tvam
diese alle betrachte du (Akk.Pl.; Imp.2.Sg.; Nom.)
samāśrityaiva gālava
und halte dich daran, Gālava (Abs. „Zuflucht genommen habend“; Vok.)

teṣāṃ teṣāṃ tathā hi tvam āśramāṇāṃ tatas tataḥ; nānārūpaguṇoddeśaṃ paśya viprasthitaṃ pṛthak; nayanti caiva te samyag abhipretam asaṃśayam

„Sieh bei jenen einzelnen Lebensstadien hier und dort die Darlegung ihrer mannigfachen Gestalt und Eigenschaften, gesondert auseinanderstehend; und doch führen sie recht zum Erstrebten, ohne Zweifel.“

Wort für Wort
teṣāṃ teṣāṃ tathā hi tvam
bei jenen jeweiligen, ja du (Gen.Pl.; Nom.)
āśramāṇāṃ tatas tataḥ
der Lebensstadien, von da und da (Gen.Pl.; Adv.)
nānārūpaguṇoddeśaṃ paśya
die Darlegung mannigfacher Gestalt und Eigenschaften sieh (Akk.Sg.m.; Imp.2.Sg.)
viprasthitaṃ pṛthak
auseinanderstehend, gesondert (Akk.Sg.m.; Adv.)
nayanti caiva te samyag
und sie führen recht (3.Pl.Präs.; Nom.Pl.m.)
abhipretam asaṃśayam
zum Erstrebten, zweifelsfrei (Akk.Sg.n.; Adv.)

Der Vers ist mit drei Pādas überliefert; die Syntax der zweiten Hälfte ist locker.

ṛju paśyaṃs tathā samyag āśramāṇāṃ parāṃ gatim; yat tu niḥśreyasaṃ samyak tac caivāsaṃśayātmakam

„Wer aufrichtig die höchste Bahn der Lebensstadien recht sieht, [dem gilt]: Was aber das höchste Heil ist, das ist recht und von zweifelsfreier Natur.“

Wort für Wort
ṛju paśyaṃs tathā samyag
geradeaus sehend, so recht (Adv.; Part.Präs., Nom.Sg.m.; Adv.)
āśramāṇāṃ parāṃ gatim
der Lebensstadien höchsten Weg/Ziel (Gen.Pl.; Akk.Sg.f.)
yat tu niḥśreyasaṃ samyak
was aber das höchste Heil ist, recht (Nom.Sg.n.; Adv.)
tac caivāsaṃśayātmakam
das ist auch von zweifelsfreier Natur (Nom.Sg.n.)

Syntax und Sinn der Halbverse locker gefügt; Wiedergabe unsicher. [?]

anugrahaṃ ca mitrāṇām amitrāṇāṃ ca nigraham; saṃgrahaṃ ca trivargasya śreya āhur manīṣiṇaḥ

„Wohlwollen gegenüber Freunden und Bestrafung der Feinde und das Zusammenhalten des Dreiklangs [von Pflicht, Nutzen und Lust]: das nennen die Weisen das Heil.“

Wort für Wort
anugrahaṃ ca mitrāṇām
und Gunst gegenüber Freunden (Akk.Sg.m.; Gen.Pl.)
amitrāṇāṃ ca nigraham
und gegenüber Feinden Bestrafung (Gen.Pl.; Akk.Sg.m.)
saṃgrahaṃ ca trivargasya
und das Zusammenhalten des Dreiklangs (Akk.Sg.m.; Gen.Sg.)
śreya āhur manīṣiṇaḥ
als Heil bezeichnen die Weisen (Akk.; 3.Pl.Perf.; Nom.Pl.)

nivṛttiḥ karmaṇaḥ pāpāt satataṃ puṇyaśīlatā; sadbhiś ca samudācāraḥ śreya etad asaṃśayam

„Abkehr von sündiger Tat, beständige Frömmigkeit und ein Verhalten im Einklang mit den Guten: das ist zweifelsfrei das Heil.“

Wort für Wort
nivṛttiḥ karmaṇaḥ pāpāt
Abkehr von der Tat, der sündigen (Nom.Sg.f.; Abl.Sg.n.)
satataṃ puṇyaśīlatā
beständig Frömmigkeit (Adv.; Nom.Sg.f.)
sadbhiś ca samudācāraḥ
und mit den Guten gemeinsames Verhalten (Instr.Pl.; Nom.Sg.m.)
śreya etad asaṃśayam
das ist Heil, ohne Zweifel (Nom.Sg.n.; Adv.)

mārdavaṃ sarvabhūteṣu vyavahāreṣu cārjavam; vāk caiva madhurā proktā śreya etad asaṃśayam

„Sanftmut gegenüber allen Wesen, Geradheit im Umgang und freundliche Rede, [so] wird gesagt: das ist zweifelsfrei das Heil.“

Wort für Wort
mārdavaṃ sarvabhūteṣu
Sanftmut gegenüber allen Wesen (Nom.Sg.n.; Lok.Pl.)
vyavahāreṣu cārjavam
und im Umgang Geradheit (Lok.Pl.; Nom.Sg.n.)
vāk caiva madhurā proktā
und Rede, süße, ist genannt (Nom.Sg.f.; Part.Perf.Pass.)
śreya etad asaṃśayam
das ist Heil, ohne Zweifel (Nom.Sg.n.; Adv.)

devatābhyaḥ pitṛbhyaś ca saṃvibhāgo 'tithiṣv api; asaṃtyāgaś ca bhṛtyānāṃ śreya etad asaṃśayam

„Das Teilen mit den Göttern und den Ahnen, auch mit den Gästen, und das Nichtverlassen der Diener: das ist zweifelsfrei das Heil.“

Wort für Wort
devatābhyaḥ pitṛbhyaś ca
den Göttern und den Ahnen (Dat.Pl.)
saṃvibhāgo 'tithiṣv api
Teilen, auch mit den Gästen (Nom.Sg.m.; Lok.Pl.)
asaṃtyāgaś ca bhṛtyānām
und das Nichtaufgeben der Diener (Nom.Sg.m.; Gen.Pl.)
śreya etad asaṃśayam
das ist Heil, ohne Zweifel (Nom.Sg.n.; Adv.)

satyasya vacanaṃ śreyaḥ satyajñānaṃ tu duṣkaram; yad bhūtahitam atyantam etat satyaṃ bravīmy aham

„Wahrhaftes Reden ist Heil, doch die Wahrheit zu erkennen ist schwer. Was den Wesen im höchsten Maß zuträglich ist, das nenne ich Wahrheit.“

Wort für Wort
satyasya vacanaṃ śreyaḥ
das Aussprechen der Wahrheit [ist] Heil (Gen.Sg.; Nom.Sg.n.)
satyajñānaṃ tu duṣkaram
das Erkennen der Wahrheit aber [ist] schwer (Nom.Sg.n.)
yad bhūtahitam atyantam
was den Wesen zuträglich [ist], im höchsten Maß (Nom.Sg.n.; Adv.)
etat satyaṃ bravīmy aham
das [als] Wahrheit sage ich (Akk.; 1.Sg.Präs.; Nom.)

ahaṃkārasya ca tyāgaḥ praṇayasya ca nigrahaḥ; saṃtoṣaś caikacaryā ca kūṭasthaṃ śreya ucyate

„Das Aufgeben des Ichbewusstseins, die Bezwingung der Anhänglichkeit, Zufriedenheit und einsames Wandeln: das wird das feststehende Heil genannt.“

Wort für Wort
ahaṃkārasya ca tyāgaḥ
und Aufgabe des Ichbewusstseins (Gen.Sg.; Nom.Sg.m.)
praṇayasya ca nigrahaḥ
und Bezwingung der Zuneigung/Anhänglichkeit (Gen.Sg.; Nom.Sg.m.)
saṃtoṣaś caikacaryā ca
und Zufriedenheit und Alleinwandeln (Nom.Sg.m.; Nom.Sg.f.)
kūṭasthaṃ śreya ucyate
als feststehendes Heil wird bezeichnet (Nom.Sg.n.; Pass.3.Sg.)

dharmeṇa vedādhyayanaṃ vedāṅgānāṃ tathaiva ca; vidyārthānāṃ ca jijñāsā śreya etad asaṃśayam

„Das Vedastudium gemäß dem Dharma, ebenso [das der] Vedāṅgas, und der Wissensdrang nach den Zielen der Wissenschaften: das ist zweifelsfrei das Heil.“

Wort für Wort
dharmeṇa vedādhyayanam
dem Dharma gemäß das Studium des Veda (Instr.Sg.; Nom.Sg.n.)
vedāṅgānāṃ tathaiva ca
und ebenso der Vedāṅgas (Gen.Pl.)
vidyārthānāṃ ca jijñāsā
und nach den Zielen der Wissenschaften Wissbegier (Gen.Pl.; Nom.Sg.f.)
śreya etad asaṃśayam
das ist Heil, ohne Zweifel (Nom.Sg.n.; Adv.)

śabdarūparasasparśān saha gandhena kevalān; nātyartham upaseveta śreyaso 'rthī paraṃtapa

„Klang, Gestalt, Geschmack und Berührung, zusammen mit dem Geruch, [als] bloße [Sinnesobjekte] soll man nicht übermäßig genießen, wer das Heil erstrebt, Bezwinger der Feinde.“

Wort für Wort
śabdarūparasasparśān
Klang, Gestalt, Geschmack, Berührung (Akk.Pl.m.; Dvandva)
saha gandhena kevalān
samt Geruch, bloße (Instr.Sg.; Akk.Pl.m.)
nātyartham upaseveta
nicht übermäßig soll man pflegen (Adv.; Opt.Med.3.Sg.)
śreyaso 'rthī paraṃtapa
wer nach Heil strebt, Feindebezwinger (Nom.Sg.m.; Vok.)

naktaṃcaryā divāsvapnam ālasyaṃ paiśunaṃ madam; atiyogam ayogaṃ ca śreyaso 'rthī parityajet

„Nächtliches Umherziehen, Schlaf am Tage, Trägheit, Verleumdung, Rausch, Übermaß und Mangel [an Anstrengung] soll aufgeben, wer das Heil erstrebt.“

Wort für Wort
naktaṃcaryā divāsvapnam
nächtliches Umherziehen, Tagschlaf (Nom.Sg.f.; Akk.Sg.m.)
ālasyaṃ paiśunaṃ madam
Trägheit, Verleumdung, Rausch (Akk.Sg.n.; Akk.Sg.m.)
atiyogam ayogaṃ ca
Übermaß und Mangel [?] (Akk.Sg.m.)
śreyaso 'rthī parityajet
wer Heil erstrebt, soll aufgeben (Nom.Sg.m.; Opt.3.Sg.)

atiyoga/ayoga: „übermäßiger bzw. mangelnder Einsatz/Gebrauch“; Bezug ungenau. [?]

karmotkarṣaṃ na mārgeta pareṣāṃ parinindayā; svaguṇair eva mārgeta viprakarṣaṃ pṛthagjanāt

„Hervorragen im Handeln soll man nicht durch Tadel anderer suchen; durch eigene Vorzüge allein soll man Abstand zum gewöhnlichen Menschen suchen.“

Wort für Wort
karmotkarṣaṃ na mārgeta
Vorrang im Handeln soll man nicht suchen (Akk.Sg.m.; Opt.Med.3.Sg.)
pareṣāṃ parinindayā
durch Tadel anderer (Gen.Pl.; Instr.Sg.f.)
svaguṇair eva mārgeta
durch eigene Vorzüge allein soll man suchen (Instr.Pl.; Opt.)
viprakarṣaṃ pṛthagjanāt
Abstand vom gewöhnlichen Menschen (Akk.Sg.m.; Abl.Sg.m.)

nirguṇās tv eva bhūyiṣṭham ātmasaṃbhāvino narāḥ; doṣair anyān guṇavataḥ kṣipanty ātmaguṇakṣayāt

„Meist aber [sind es] tugendlose Menschen, die sich selbst hochschätzen und anderen, tugendhaften, Fehler vorwerfen, weil ihre eigenen Vorzüge geschwunden sind.“

Wort für Wort
nirguṇās tv eva bhūyiṣṭham
Tugendlose aber gerade zumeist (Nom.Pl.m.; Adv.)
ātmasaṃbhāvino narāḥ
sich selbst hochschätzende Menschen (Nom.Pl.m.)
doṣair anyān guṇavataḥ
mit Fehlern andere, tugendhafte (Instr.Pl.; Akk.Pl.m.)
kṣipanty ātmaguṇakṣayāt
bewerfen, wegen Schwundes eigener Vorzüge (3.Pl.Präs.; Abl.Sg.m.)

anucyamānāś ca punas te manyante mahājanāt; guṇavattaram ātmānaṃ svena mānena darpitāḥ

„Und wenn ihnen nichts gesagt wird, halten sie, von der eigenen Einbildung berauscht, sich selbst wieder für tugendhafter als die große Menge.“

Wort für Wort
anucyamānāś ca punaḥ
und wenn sie angesprochen/entgegnet wird [?], wiederum (Part.Pass.Präs., Nom.Pl.m.; Adv.)
te manyante mahājanāt
sie halten [sich], als die große Menge (3.Pl.Med.Präs.; Abl.Sg.m.)
guṇavattaram ātmānam
tugendhafter, sich selbst (Akk.Sg.m.; Komp.)
svena mānena darpitāḥ
durch eigene Einbildung berauscht (Instr.Sg.m.; Nom.Pl.m.)

anucyamānāḥ mehrdeutig (Sinn „wenn man ihnen [nichts] entgegnet/sie nicht zurechtweist“); Wiedergabe unsicher. [?]

abruvan kasya cin nindām ātmapūjām avarṇayan; vipaścid guṇasaṃpannaḥ prāpnoty eva mahad yaśaḥ

„Ohne über irgendjemanden Tadel zu sprechen, ohne Selbstlob auszubreiten, erlangt der Weise, der reich an Vorzügen ist, gewiss großen Ruhm.“

Wort für Wort
abruvan kasya cin nindām
nicht sprechend, über irgendwen Tadel (Part.Präs., Nom.Sg.m.; Gen.; Akk.Sg.f.)
ātmapūjām avarṇayan
Selbstlob nicht ausbreitend (Akk.Sg.f.; Part.Präs. mit a-)
vipaścid guṇasaṃpannaḥ
der Weise, mit Vorzügen ausgestattet (Nom.Sg.m.)
prāpnoty eva mahad yaśaḥ
erlangt gewiss großen Ruhm (3.Sg.Präs.; Akk.Sg.n.)

abruvan vāti surabhir gandhaḥ sumanasāṃ śuciḥ; tathaivāvyāharan bhāti vimalo bhānur ambare

„Ohne zu sprechen verströmt sich der wohlriechende, reine Duft der Blumen; ebenso leuchtet, ohne zu reden, die makellose Sonne am Himmel.“

Wort für Wort
abruvan vāti surabhir
ohne zu sprechen weht/duftet wohlriechend (Part.Präs.; 3.Sg.Präs.; Nom.Sg.m.)
gandhaḥ sumanasāṃ śuciḥ
der Duft der Blumen, rein (Nom.Sg.m.; Gen.Pl.; Nom.Sg.m.)
tathaivāvyāharan bhāti
ebenso ohne zu reden scheint (Adv.; Part.Präs.; 3.Sg.Präs.)
vimalo bhānur ambare
die makellose Sonne am Himmel (Nom.Sg.m.; Lok.Sg.n.)

evamādīni cānyāni parityaktāni medhayā; jvalanti yaśasā loke yāni na vyāharanti ca

„Auch andere [Dinge] von dieser Art, die von der Einsicht [der Weisen] aufgegeben sind: sie glänzen in der Welt durch Ruhm, [Menschen,] die nicht [von sich] reden.“

Wort für Wort
evamādīni cānyāni
und andere dergleichen (Nom.Pl.n.)
parityaktāni medhayā
aufgegeben durch Einsicht [?] (Part.Perf.Pass., Nom.Pl.n.; Instr.Sg.f.)
jvalanti yaśasā loke
glänzen durch Ruhm in der Welt (3.Pl.Präs.; Instr.Sg.n.; Lok.Sg.m.)
yāni na vyāharanti ca
und die nicht reden (Nom.Pl.n.; 3.Pl.Präs.)

Bezug von parityaktāni medhayā und yāni na vyāharanti unsicher; Wiedergabe vermutend. [?]

na loke dīpyate mūrkhaḥ kevalātmapraśaṃsayā; api cāpihitaḥ śvabhre kṛtavidyaḥ prakāśate

Nicht durch bloßes Selbstlob leuchtet ein Tor in der Welt; ein Gelehrter aber strahlt, selbst wenn er in einer Grube verborgen ist.

Wort für Wort
na loke dīpyate mūrkhaḥ
nicht leuchtet in der Welt der Tor (3.Sg.Präs.Med./Nom.)
kevalātmapraśaṃsayā
durch bloßes Selbstlob (Instr.)
api ca apihitaḥ śvabhre
und selbst verdeckt in einer Grube (Part.Perf.Pass./Lok.)
kṛtavidyaḥ prakāśate
der Gelehrte (wörtl. der, dessen Wissen bereitet ist) erstrahlt (3.Sg.Präs.Med.)

asann uccair api proktaḥ śabdaḥ samupaśāmyati; dīpyate tv eva lokeṣu śanair api subhāṣitam

Ein nichtiges Wort, selbst wenn es laut ausgesprochen wird, verhallt völlig; ein gut Gesprochenes aber leuchtet gewiss in den Welten, sei es auch leise [gesprochen].

Wort für Wort
asan uccair api proktaḥ śabdaḥ
ein nichtiges Wort, auch laut gesprochen (Nom./Part.Perf.Pass.)
samupaśāmyati
verhallt, erlischt (3.Sg.Präs.)
dīpyate tv eva lokeṣu
leuchtet aber gewiss in den Welten (3.Sg.Präs.Med./Lok.Pl.)
śanair api subhāṣitam
auch leise ein gutes Wort (Adv./Nom.Sg.n.)

mūḍhānām avaliptānām asāraṃ bhāṣitaṃ bahu; darśayaty antarātmānaṃ divā rūpam ivāṃśumān

Das viele gehaltlose Gerede der Betörten und Aufgeblasenen zeigt ihr innerstes Selbst, wie die Sonne bei Tag die Gestalt [der Dinge].

Wort für Wort
mūḍhānām avaliptānām
der Betörten, der Aufgeblasenen (Gen.Pl.)
asāraṃ bhāṣitaṃ bahu
gehaltloses, vieles Gerede (Nom.Sg.n.)
darśayati antarātmānam
zeigt das innere Selbst (3.Sg.Kaus./Akk.)
divā rūpam iva aṃśumān
wie bei Tag die Gestalt der Strahlende, die Sonne (Adv./Akk./Nom.)

etasmāt kāraṇāt prajñāṃ mṛgayante pṛthagvidhām; prajñālābho hi bhūtānām uttamaḥ pratibhāti mām

Aus diesem Grund sucht man Einsicht verschiedener Art; der Gewinn von Einsicht erscheint mir unter den Wesen als der höchste.

Wort für Wort
etasmāt kāraṇāt
aus diesem Grund (Abl.)
prajñāṃ mṛgayante pṛthagvidhām
Einsicht suchen sie, von verschiedener Art (3.Pl.Präs.Med./Akk.)
prajñālābhaḥ hi bhūtānām
der Gewinn von Einsicht ja unter den Wesen (Nom./Gen.Pl.)
uttamaḥ pratibhāti mām
als der höchste erscheint er mir (Nom./3.Sg.Präs./Akk.)

nāpṛṣṭaḥ kasya cid brūyān na cānyāyena pṛcchataḥ; jñānavān api medhāvī jaḍaval lokam ācaret

Ungefragt soll man zu niemandem sprechen, auch nicht zu dem, der auf unrechte Weise fragt; selbst wenn einer wissend und klug ist, soll er sich in der Welt wie ein Stumpfer verhalten.

Wort für Wort
na apṛṣṭaḥ kasya cid brūyāt
nicht ungefragt zu irgendjemandem spreche man (Part.Perf.Pass./Opt.)
na ca anyāyena pṛcchataḥ
und nicht zu dem, der unrechtmäßig fragt (Instr./Gen.Sg.Part.)
jñānavān api medhāvī
auch wenn wissend und klug (Nom.)
jaḍavat lokam ācaret
wie ein Stumpfer soll er sich gegenüber der Welt verhalten (Adv./Akk./Opt.)

tato vāsaṃ parīkṣeta dharmanityeṣu sādhuṣu; manuṣyeṣu vadānyeṣu svadharmanirateṣu ca

Danach soll man den Wohnort prüfen: unter Guten, die dem Dharma beständig ergeben sind, unter freigebigen Menschen, die ihrem eigenen Dharma zugetan sind.

Wort für Wort
tataḥ vāsaṃ parīkṣeta
danach den Wohnsitz prüfe man (Adv./Akk./Opt.Med.)
dharmanityeṣu sādhuṣu
unter den dem Dharma beständig Ergebenen, Guten (Lok.Pl.)
manuṣyeṣu vadānyeṣu
unter freigebigen Menschen (Lok.Pl.)
svadharmanirateṣu ca
und unter denen, die ihrem eigenen Dharma zugetan sind (Lok.Pl.)

caturṇāṃ yatra varṇānāṃ dharmavyatikaro bhavet; na tatra vāsaṃ kurvīta śreyorthī vai kathaṃ cana

Wo unter den vier Ständen eine Vermischung der Pflichten eintritt, dort soll ein nach dem Heil Strebender niemals wohnen.

Wort für Wort
caturṇāṃ yatra varṇānām
der vier Stände, wo (Gen.Pl./Adv.)
dharmavyatikaraḥ bhavet
eine Vermischung der Pflichten eintreten möge (Nom./Opt.)
na tatra vāsaṃ kurvīta
nicht dort Wohnung nehme man (Opt.Med.)
śreyorthī vai kathaṃ cana
der nach dem Heil Strebende, wahrlich, auf keine Weise (Nom./Adv.)

nirārambho 'py ayam iha yathālabdhopajīvanaḥ; puṇyaṃ puṇyeṣu vimalaṃ pāpaṃ pāpeṣu cāpnuyāt

Auch wer ohne Unternehmungen ist und hier von dem lebt, was er gerade erhält, wird unter den Guten reines Verdienst, unter den Bösen Böses erlangen. [?]

Wort für Wort
nirārambhaḥ api ayam iha
auch dieser, ohne Unternehmung, hier (Nom./Adv.)
yathālabdhopajīvanaḥ
von dem lebend, wie es erlangt wurde (Nom.)
puṇyaṃ puṇyeṣu vimalam
Verdienst unter den Guten, makellos (Akk./Lok.Pl./Akk.)
pāpaṃ pāpeṣu ca āpnuyāt
und Böses unter den Bösen möge er erlangen (Akk./Lok.Pl./Opt.)

Sinn der Halbverse knapp und nicht ganz sicher: wohl, dass der Mensch die Wirkung (Verdienst oder Übel) der Umgebung mitnimmt, in der er lebt.

apām agnes tathendoś ca sparśaṃ vedayate yathā; tathā paśyāmahe sparśam ubhayoḥ pāpapuṇyayoḥ

Wie man die Berührung von Wasser, Feuer und ebenso des Mondes empfindet, so nehmen wir die Berührung beider wahr, des Bösen und des Guten.

Wort für Wort
apām agneḥ tathā indoḥ ca
des Wassers, des Feuers und ebenso des Mondes (Gen.)
sparśaṃ vedayate yathā
die Berührung man empfindet, wie (Akk./3.Sg.Kaus.Med.)
tathā paśyāmahe sparśam
so sehen wir die Berührung (1.Pl.Präs.Med./Akk.)
ubhayoḥ pāpapuṇyayoḥ
beider, des Bösen und des Guten (Gen.Du.)

apaśyanto 'nnaviṣayaṃ bhuñjate vighasāśinaḥ; bhuñjānaṃ cānnaviṣayān viṣayaṃ viddhi karmaṇām

Ohne den Ursprungsbereich der Speise zu sehen, verzehren die Reste-Esser [sie]; wisse aber, dass der, der die Speisebereiche genießt, der Bereich der Taten ist. [?]

Wort für Wort
apaśyantaḥ annaviṣayam
nicht sehend den Bereich der Speise (Part.Präs./Akk.)
bhuñjate vighasāśinaḥ
essen die Reste-Esser (3.Pl.Präs.Med./Nom.Pl.)
bhuñjānaṃ ca annaviṣayān
und den, der genießt, die Bereiche der Speise (Part.Präs.Med./Akk.Pl.)
viṣayaṃ viddhi karmaṇām
als Bereich wisse (Imp.) der Taten (Akk./Gen.Pl.)

Stelle dunkel; Wiedergabe unsicher.

yatrāgamayamānānām asatkāreṇa pṛcchatām; prabrūyād brahmaṇo dharmaṃ tyajet taṃ deśam ātmavān

Wo man denen, die [sich] nähern [?] und ohne Ehrerweisung fragen, das Dharma des Brahman verkünden müsste, diesen Ort möge der Selbstbeherrschte verlassen.

Wort für Wort
yatra āgamayamānānām
wo von denen, die herbeikommen/warten [?] (Adv./Gen.Pl.Part.)
asatkāreṇa pṛcchatām
ohne Ehrerweisung Fragender (Instr./Gen.Pl.Part.)
prabrūyāt brahmaṇaḥ dharmam
man verkünden müsste das Dharma des Brahman (Opt./Gen./Akk.)
tyajet tam deśam ātmavān
verlassen möge diesen Ort der Selbstbeherrschte (Opt./Akk./Nom.)

āgamayamānānām unsicher (Kausativ-Partizip von ā-gam); Konstruktion des Halbverses knapp.

durvṛtto 'pi varo vipro na ca śūdro jitendriyaḥ; kaḥ parityajya gāṃ duṣṭāṃ duhyec chīlavatīṃ kharīm; paṇḍitasyāpi śūdrasya sarvaśāstraratasya ca; vacanaṃ tasya na grāhyaṃ śunocchiṣṭaṃ havir yathā

Ein Brahmane, auch wenn er schlecht wandelt, ist besser, nicht ein Śūdra, selbst wenn er die Sinne bezwungen hat. Wer würde eine schlechte Kuh verlassen und eine wohlgesittete Eselin melken? Auch das Wort eines gelehrten Śūdra, der allen Lehrschriften ergeben ist, ist nicht anzunehmen, wie eine vom Hund angeleckte Opfergabe.

Wort für Wort
durvṛttaḥ api varaḥ vipraḥ
schlecht wandelnd, auch, besser [ist] ein Brahmane (Nom.)
na ca śūdraḥ jitendriyaḥ
nicht ein Śūdra, der Sinnenbezwinger (Nom.)
kaḥ parityajya gāṃ duṣṭām
wer, nachdem er die schlechte Kuh verlassen (Nom./Abs./Akk.)
duhyet śīlavatīṃ kharīm
würde melken die tugendhafte Eselin (Opt./Akk.)
paṇḍitasya api śūdrasya sarvaśāstraratasya ca
auch des gelehrten Śūdra, der allen Lehrschriften ergeben ist (Gen.)
vacanaṃ tasya na grāhyam
sein Wort ist nicht anzunehmen (Nom./Gen./Gerundiv)
śunocchiṣṭaṃ havir yathā
wie vom Hund angeleckte Opfergabe (Nom.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage (nur in einem Teil der Handschriften).

śiṣyopādhyāyikā vṛttir yatra syāt susamāhitā; yathāvac chāstrasaṃpannā kas taṃ deśaṃ parityajet

Wo die Lebensweise von Schüler und Lehrer wohlgeordnet ist und der Vorschrift gemäß in der Lehre vollkommen, wer würde diesen Ort verlassen?

Wort für Wort
śiṣyopādhyāyikā vṛttiḥ
das Verhältnis von Schüler und Lehrer (Nom.)
yatra syāt susamāhitā
wo es sei, wohlgeordnet (Opt./Part.)
yathāvat śāstrasaṃpannā
der Vorschrift gemäß, mit der Lehre ausgestattet (Adv./Nom.f.)
kaḥ tam deśaṃ parityajet
wer würde diesen Ort verlassen (Nom./Akk./Opt.)

ākāśasthā dhruvaṃ yatra doṣaṃ brūyur vipaścitām; ātmapūjābhikāmā vai ko vaset tatra paṇḍitaḥ

Wo Hochfahrende, nach Selbstverehrung begierig, gewiss den Weisen Fehler nachreden, welcher Gelehrte würde dort wohnen?

Wort für Wort
ākāśasthāḥ dhruvaṃ yatra
in der Luft Stehende (Hochfahrende), gewiss, wo (Nom.Pl./Adv.)
doṣaṃ brūyuḥ vipaścitām
einen Fehler nachsagen würden den Weisen (Akk./Opt.Pl./Gen.Pl.)
ātmapūjābhikāmāḥ vai
nach Selbstverehrung begierig, wahrlich (Nom.Pl.)
kaḥ vaset tatra paṇḍitaḥ
wer würde dort wohnen als Gelehrter (Opt./Nom.)

yatra saṃloḍitā lubdhaiḥ prāyaśo dharmasetavaḥ; pradīptam iva śailāntaṃ kas taṃ deśaṃ na saṃtyajet

Wo die Dämme des Dharma meist von Habgierigen aufgewühlt sind, wer würde diesen Ort nicht verlassen wie einen brennenden Bergsaum?

Wort für Wort
yatra saṃloḍitāḥ lubdhaiḥ
wo aufgewühlt von Habgierigen (Part.Perf.Pass./Instr.Pl.)
prāyaśaḥ dharmasetavaḥ
meistens die Dämme des Dharma (Adv./Nom.Pl.)
pradīptam iva śailāntam
wie einen entflammten Bergsaum (Akk.)
kaḥ tam deśaṃ na saṃtyajet
wer würde diesen Ort nicht verlassen (Opt.)

yatra dharmam anāśaṅkāś careyur vītamatsarāḥ; caret tatra vasec caiva puṇyaśīleṣu sādhuṣu

Wo man ohne Argwohn und frei von Missgunst den Dharma üben würde, dort möge man wandeln und auch wohnen, unter den Guten von tugendhaftem Wesen.

Wort für Wort
yatra dharmam anāśaṅkāḥ
wo den Dharma ohne Argwohn (Adv./Akk./Nom.Pl.)
careyuḥ vītamatsarāḥ
üben würden, frei von Missgunst (Opt.Pl./Nom.Pl.)
caret tatra vaset ca eva
dort möge man wandeln und wohnen (Opt./Opt.)
puṇyaśīleṣu sādhuṣu
unter Guten von verdienstvollem Wesen (Lok.Pl.)

dharmam arthanimittaṃ tu careyur yatra mānavāḥ; na tān anuvasej jātu te hi pāpakṛto janāḥ

Wo Menschen den Dharma um des Vorteils willen üben, bei denen soll man niemals wohnen, denn diese Leute sind Übeltäter.

Wort für Wort
dharmam arthanimittaṃ tu
den Dharma aber um des Vorteils willen (Akk./Adv.)
careyuḥ yatra mānavāḥ
üben würden, wo, Menschen (Opt.Pl./Nom.Pl.)
na tān anuvaset jātu
nicht bei diesen soll man wohnen, je (Akk.Pl./Opt./Adv.)
te hi pāpakṛtaḥ janāḥ
denn diese sind Übeltäter, Leute (Nom.Pl.)

karmaṇā yatra pāpena vartante jīvitespavaḥ; vyavadhāvet tatas tūrṇaṃ sasarpāc charaṇād iva

Wo Lebenswillige mit böser Tat ihr Dasein bestreiten, von dort fliehe man rasch weg, wie aus einem Haus mit einer Schlange.

Wort für Wort
karmaṇā yatra pāpena
durch Tat, wo, böse (Instr./Adv.)
vartante jīvitepsavaḥ
leben, nach Leben Begierige (3.Pl.Präs.Med./Nom.Pl.)
vyavadhāvet tataḥ tūrṇam
fliehen möge man von dort rasch (Opt./Adv.)
sasarpāt śaraṇāt iva
wie aus einer Behausung mit Schlange (Abl.)

Text: jīvitespavaḥ (Druckfehler), zu jīvitepsavaḥ gelesen.

yena khaṭvāṃ samārūḍhaḥ karmaṇānuśayī bhavet; āditas tan na kartavyam icchatā bhavam ātmanaḥ

Durch welche Tat man auf das Lager gestiegen [d. h. sterbend] Reue empfinden würde, das soll von Anfang an nicht getan werden von dem, der sein eigenes Gedeihen wünscht.

Wort für Wort
yena khaṭvāṃ samārūḍhaḥ
durch welche, das Lager bestiegen habend (Instr./Akk./Part.)
karmaṇā anuśayī bhavet
durch die Tat reuevoll sein würde (Instr./Opt.)
āditaḥ tat na kartavyam
von Anfang an ist dies nicht zu tun (Adv./Gerundiv)
icchatā bhavam ātmanaḥ
von dem, der wünscht, das Gedeihen seiner selbst (Instr.Part./Akk./Gen.)

yatra rājā ca rājñaś ca puruṣāḥ pratyanantarāḥ; kuṭumbinām agrabhujas tyajet tad rāṣṭram ātmavān

Wo der König und die Männer des Königs, die ihm unmittelbar folgen, als Erste vor den Haushältern speisen [?], dieses Reich soll der Selbstbeherrschte verlassen.

Wort für Wort
yatra rājā ca rājñaḥ ca
wo der König und des Königs (Nom./Gen.)
puruṣāḥ pratyanantarāḥ
Männer, unmittelbar folgende (Nom.Pl.)
kuṭumbinām agrabhujaḥ
vor den Haushältern als Erste Essende [?] (Gen.Pl./Nom.Pl.)
tyajet tat rāṣṭram ātmavān
verlassen soll dieses Reich der Selbstbeherrschte (Opt./Akk./Nom.)

agrabhuj: Sinn (vorwegessend / den ersten Anteil nehmend) nicht ganz sicher.

śrotriyās tv agrabhoktāro dharmanityāḥ sanātanāḥ; yājanādhyāpane yuktā yatra tad rāṣṭram āvaset

Wo aber Vedakundige, als Erste Speisende, dem Dharma beständig ergeben, altehrwürdig, mit Opferleitung und Unterricht befasst sind, in diesem Reich möge man wohnen.

Wort für Wort
śrotriyāḥ tu agrabhoktāraḥ
Vedakundige aber, als Erste Speisende (Nom.Pl.)
dharmanityāḥ sanātanāḥ
dem Dharma beständig ergeben, altehrwürdig (Nom.Pl.)
yājanādhyāpane yuktāḥ
mit Opferleitung und Unterricht betraut (Lok./Nom.Pl.)
yatra tat rāṣṭram āvaset
wo, in diesem Reich möge man wohnen (Adv./Akk./Opt.)

svāhāsvadhāvaṣaṭkārā yatra samyag anuṣṭhitāḥ; ajasraṃ caiva vartante vaset tatrāvicārayan

Wo die Rufe svāhā, svadhā und vaṣaṭ recht vollzogen werden und ununterbrochen fortbestehen, dort möge man ohne Zögern wohnen.

Wort für Wort
svāhāsvadhāvaṣaṭkārāḥ
die Rufe svāhā, svadhā und vaṣaṭ (Nom.Pl.)
yatra samyak anuṣṭhitāḥ
wo recht vollzogen (Adv./Part.Perf.Pass.)
ajasraṃ ca eva vartante
und ununterbrochen bestehen sie fort (Adv./3.Pl.Präs.Med.)
vaset tatra avicārayan
wohnen möge man dort, nicht zögernd (Opt./Part.Präs.)

aśucīny atra paśyeta brāhmaṇān vṛttikarśitān; tyajet tad rāṣṭram āsannam upasṛṣṭam ivāmiṣam

Sieht man hier Unreines, nämlich Brahmanen, die durch [Mangel an] Unterhalt abgemagert sind, so verlasse man dieses nahe Reich wie verunreinigte Fleischspeise. [?]

Wort für Wort
aśucīni atra paśyeta
Unreines sähe man hier (Akk.Pl.n./Adv./Opt.Med.)
brāhmaṇān vṛttikarśitān
Brahmanen, durch den Lebensunterhalt abgezehrt (Akk.Pl./Part.)
tyajet tat rāṣṭram āsannam
verlassen möge man dieses Reich, das nahe [?] (Opt./Akk./Part.)
upasṛṣṭam iva āmiṣam
wie verunreinigtes Fleisch/Speise (Akk.)

āsannam und der Zusammenhang von Halbvers a und b nicht ganz sicher.

prīyamāṇā narā yatra prayaccheyur ayācitāḥ; svasthacitto vaset tatra kṛtakṛtya ivātmavān

Wo Menschen erfreut ungebeten geben würden, dort möge der Selbstbeherrschte mit ruhigem Gemüt wohnen, wie einer, der sein Ziel erreicht hat.

Wort für Wort
prīyamāṇāḥ narāḥ yatra
erfreut, Menschen, wo (Part.Pass./Nom.Pl.)
prayaccheyuḥ ayācitāḥ
geben würden, ungebeten (Opt.Pl./Nom.Pl.)
svasthacittaḥ vaset tatra
mit ruhigem Gemüt möge er dort wohnen (Nom./Opt.)
kṛtakṛtyaḥ iva ātmavān
wie einer, der sein Werk vollendet hat, der Selbstbeherrschte (Nom.)

daṇḍo yatrāvinīteṣu satkāraś ca kṛtātmasu; caret tatra vasec caiva puṇyaśīleṣu sādhuṣu

Wo Zucht gegenüber den Ungezogenen und Ehrung gegenüber den Geläuterten herrscht, dort möge man wandeln und wohnen, unter den Guten von tugendhaftem Wesen.

Wort für Wort
daṇḍaḥ yatra avinīteṣu
Bestrafung, wo, gegenüber Ungezogenen (Nom./Lok.Pl.)
satkāraḥ ca kṛtātmasu
und Ehrung gegenüber Geläuterten (Nom./Lok.Pl.)
caret tatra vaset ca eva
dort möge man wandeln und wohnen (Opt.)
puṇyaśīleṣu sādhuṣu
unter Guten von tugendhaftem Wesen (Lok.Pl.)

upasṛṣṭeṣv adānteṣu durācāreṣv asādhuṣu; avinīteṣu lubdheṣu sumahad daṇḍadhāraṇam

Bei Heimgesuchten, Ungebändigten, Übeltätern, Schlechten, Ungezogenen und Habgierigen ist das Führen des Stabes [der Strafe] sehr groß.

Wort für Wort
upasṛṣṭeṣu adānteṣu
bei Heimgesuchten [?], Ungezähmten (Lok.Pl.)
durācāreṣu asādhuṣu
bei Übeltätern, Schlechten (Lok.Pl.)
avinīteṣu lubdheṣu
bei Ungezogenen, Habgierigen (Lok.Pl.)
sumahat daṇḍadhāraṇam
sehr groß das Handhaben des Stabes/der Strafe (Nom.Sg.n.)

upasṛṣṭa hier unsicher (befallen/verdorben); Sinn: gegenüber solchen ist strenge Strafe nötig.

yatra rājā dharmanityo rājyaṃ vai paryupāsitā; apāsya kāmān kāmeśo vaset tatrāvicārayan

Wo der König dem Dharma beständig ergeben ist und das Königtum [pflichtgemäß] betreut, dort möge man ohne Zögern wohnen, nachdem man die Begierden abgelegt hat, als Herr der Wünsche [?].

Wort für Wort
yatra rājā dharmanityaḥ
wo der König, dem Dharma beständig ergeben (Nom.)
rājyaṃ vai paryupāsitā
das Königtum wahrlich betreuend (Akk./Nom.Agens)
apāsya kāmān kāmeśaḥ
nachdem man die Begierden abgelegt, Herr der Wünsche [?] (Abs./Akk.Pl./Nom.)
vaset tatra avicārayan
wohnen möge man dort, nicht zögernd (Opt./Part.)

kāmeśaḥ Bezug (Bewohner oder König) unsicher.

tathāśīlā hi rājānaḥ sarvān viṣayavāsinaḥ; śreyasā yojayanty āśu śreyasi pratyupasthite

Denn Könige von solcher Art führen alle Landesbewohner rasch zum Heil, wenn das Heil bereitsteht.

Wort für Wort
tathāśīlāḥ hi rājānaḥ
von solchem Wesen nämlich Könige (Nom.Pl.)
sarvān viṣayavāsinaḥ
alle Landesbewohner (Akk.Pl.)
śreyasā yojayanti āśu
durch/zum Heil verbinden sie rasch (Instr./3.Pl.Kaus./Adv.)
śreyasi pratyupasthite
wenn das Heil bereitsteht (Lok.abs.)

pṛcchatas te mayā tāta śreya etad udāhṛtam; na hi śakyaṃ pradhānena śreyaḥ saṃkhyātum ātmanaḥ

Auf deine Frage, mein Lieber, ist dir von mir dies als Heil dargelegt worden; denn nicht ist es möglich, das eigene Heil der Hauptsache nach vollständig aufzuzählen. [?]

Wort für Wort
pṛcchataḥ te mayā tāta
dir, der du fragst, von mir, Lieber (Gen.Part./Instr./Vok.)
śreyaḥ etat udāhṛtam
als Heil ist dies dargelegt (Nom./Part.Perf.Pass.)
na hi śakyam pradhānena
denn nicht ist möglich, der Hauptsache nach (Nom.n./Instr.)
śreyaḥ saṃkhyātum ātmanaḥ
das Heil aufzuzählen, eigenes (Akk./Inf./Gen.)

pradhānena unsicher (etwa: in Hauptpunkten/in Vollständigkeit).

evaṃ pravartamānasya vṛttiṃ praṇihitātmanaḥ; tapasaiveha bahulaṃ śreyo vyaktaṃ bhaviṣyati

Wenn einer so handelt und seinen Lebenswandel mit gesammeltem Selbst führt, dem wird hier durch Askese allein das Heil reichlich offenbar werden.

Wort für Wort
evaṃ pravartamānasya
für den so Handelnden (Gen.Part.Med.)
vṛttiṃ praṇihitātmanaḥ
die Lebensführung, des mit gesammeltem Selbst (Akk./Gen.)
tapasā eva iha bahulam
durch Askese allein hier reichlich (Instr./Adv.)
śreyaḥ vyaktaṃ bhaviṣyati
das Heil offenbar wird sein (Nom./Adj./3.Sg.Fut.)

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