Kapitel 276: śreyaḥsādhanopadeśaḥ
Nāradas Belehrung Gālavas über das Heil, rechtes Verhalten und die Wahl des Wohnortes
Bhīṣma erzählt Yudhiṣṭhira das Gespräch zwischen dem Weisen Gālava und Nārada über das höchste Heil (śreyas). Nārada nennt zunächst Tugenden und Verhaltensregeln und beschreibt dann, welche Länder und Herrscher man meiden oder aufsuchen soll.
Yudhiṣṭhira sprach: „Sage mir, Großvater, was das Heil ist für den, der die Wahrheit der Lehrschriften nicht kennt, beständig zweifelnden Sinnes ist und keinen festen Entschluss gefasst hat.“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Nom./Perf.)
atattvajñasya śāstrāṇām
des die Wahrheit der Lehrschriften nicht Kennenden (Gen.Sg.; śāstrāṇām Gen.Pl.)
Bhīṣma sprach: „Verehrung der Lehrer und beständiges Aufwarten bei den Älteren, und das Hören der Wissenschaften: das wird das feststehende Heil genannt.“
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Nom./Perf.)
gurupūjā ca satataṃ
und Verehrung der Lehrer, beständig (Nom.Sg.f.; Adv.)
vṛddhānāṃ paryupāsanam
das Aufwarten bei den Älteren (Gen.Pl.; Nom.Sg.n.)
śravaṇaṃ caiva vidyānām
und ebenso das Hören der Wissenschaften (Nom.Sg.n.; Gen.Pl.)
kūṭasthaṃ śreya ucyate
als feststehendes Heil wird bezeichnet (Nom.Sg.n.; Pass.3.Sg.)
kūṭastha: eigentlich „an der Spitze/auf dem Gipfel stehend“, hier „unverrückbar, feststehend“.
[Zu] Nārada, dem göttergleich Strahlenden, der in seiner Einsiedelei angekommen war, [sprach Gālava].
Wort für Wort
svāśramaṃ
zur eigenen Einsiedelei (Akk.Sg.m.)
samanuprāptam
gelangt (Part.Perf.Pass., Akk.Sg.m.)
nāradaṃ devavarcasam
Nārada, den göttergleich Strahlenden (Akk.Sg.m.; Bahuvrīhi)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile der kritischen Ausgabe; der Satz wird in der folgenden Einheit fortgesetzt (nāradaṃ ... gālavo 'bravīt). [Anm.: Fortsetzung in Einheit 5]
Zu Nārada, dem Brahmanen, dessen Verwirrung und Erschöpfung geschwunden waren, der an Wissen gesättigt war, die Sinne bezwungen hatte, das Heil erstrebte und sich selbst beherrschte, sprach Gālava:
Wort für Wort
vītamohaklamaṃ vipram
den Brahmanen, dessen Verwirrung und Ermüdung gewichen sind (Akk.Sg.m.; Bahuvrīhi)
jñānatṛptaṃ jitendriyam
an Wissen gesättigt, die Sinne besiegt habend (Akk.Sg.m.)
„Welche Eigenschaften auch immer einen Menschen unter den Menschen in der Welt angesehen machen, alle diese Eigenschaften, die nicht [von ihm] weichen, nehme ich an Euch wahr.“
Wort für Wort
yaiḥ kaiś cit saṃmato loke
durch welche [Eigenschaften] auch immer geschätzt in der Welt (Instr.Pl.; Nom.Sg.m.; Lok.Sg.)
guṇais tu puruṣo nṛṣu
durch Eigenschaften ein Mann unter den Menschen (Instr.Pl.; Nom.Sg.; Lok.Pl.)
bhavaty anapagān sarvān
an Euch [Lok.Sg.], nicht weichende, alle (Akk.Pl.m.)
tān guṇāṃl lakṣayāmy aham
diese Eigenschaften nehme ich wahr, ich (Akk.Pl.; 1.Sg.Präs.; Nom.)
„Ein Herr wie Ihr ist geeignet, unseren Zweifel zu zerschneiden: Ihr, der Ihr nicht verwirrt seid, [gegenüber uns], die wir lange verwirrt sind und die Wahrheit der Welt nicht kennen.“
Wort für Wort
bhavān evaṃvidho 'smākam
Ihr, von solcher Art, unser (Nom.Sg.; Gen.Pl.)
saṃśayaṃ chettum arhati
den Zweifel zu zerschneiden ist imstande/geeignet (Akk.; Inf.; 3.Sg.Präs.)
amūḍhaś ciramūḍhānām
der Unverwirrte, [gegenüber] den lange Verwirrten (Nom.Sg.m.; Gen.Pl.)
lokatattvam ajānatām
die Wahrheit der Welt nicht Kennenden (Akk.Sg.n.; Part.Präs., Gen.Pl.)
jñāne hy evaṃ pravṛttiḥ syāt kāryākārye vijānataḥ; yat kāryaṃ na vyavasyāmas tad bhavān vaktum arhati
„Denn im Wissen kann ein solches Handeln entstehen für den, der Zu-Tuendes und Nicht-zu-Tuendes unterscheidet; was wir als zu tun nicht bestimmen können, das solltet Ihr sagen.“
Wort für Wort
jñāne hy evaṃ pravṛttiḥ syāt
im Wissen nämlich möge so ein Handeln sein (Lok.; Nom.Sg.f.; Opt.3.Sg.)
kāryākārye vijānataḥ
für den Zu-Tuendes und Nicht-zu-Tuendes Unterscheidenden (Akk.Du.n.; Gen.Sg.m.)
yat kāryaṃ na vyavasyāmaḥ
was als zu tun wir nicht entschließen (Nom./Akk.Sg.n.; 1.Pl.Präs.)
tad bhavān vaktum arhati
das sollte Ihr sagen (Akk.; Nom.; Inf.; 3.Sg.Präs.)
„Ehrwürdiger, alle Lebensstadien laufen, jedes einen gesonderten Brauch vor Augen, [mit den Worten] ‚Dies ist das Heil, dies ist das Heil‘ in verschiedene Richtungen auseinander.“
Wort für Wort
bhagavann āśramāḥ sarve
Ehrwürdiger, die Lebensstadien alle (Vok.; Nom.Pl.m.)
tāṃs tu viprasthitān dṛṣṭvā śāstraiḥ śāstrābhinandinaḥ; svaśāstraiḥ parituṣṭāṃś ca śreyo nopalabhāmahe
„Wenn wir sie aber durch [ihre] Lehrschriften auseinanderstehen sehen, jeder den Lehrschriften Beifall spendend und mit den eigenen Lehrschriften zufrieden, so finden wir das Heil nicht.“
Wort für Wort
tāṃs tu viprasthitān dṛṣṭvā
diese aber, auseinanderstehend, gesehen habend (Akk.Pl.m.; Abs.)
śāstraiḥ śāstrābhinandinaḥ
durch Lehrschriften, den Lehrschriften Beifall spendend (Instr.Pl.; Akk.Pl.m.)
svaśāstraiḥ parituṣṭāṃś ca
und mit den eigenen Lehrschriften zufrieden (Instr.Pl.; Akk.Pl.m.)
śreyo nopalabhāmahe
das Heil nicht erlangen wir (Akk.; 1.Pl.Med.Präs.)
Nārada sprach: „Es gibt, Lieber, vier Lebensstadien, jedes für sich nach [eigener] Vorstellung festgelegt; betrachte sie alle, Gālava, und halte dich [dann] daran.“
Wort für Wort
nārada uvāca
Nārada sprach (Nom./Perf.)
āśramās tāta catvāro
Lebensstadien, Lieber, vier (Nom.Pl.m.; Vok.)
yathāsaṃkalpitāḥ pṛthak
je nach Vorstellung festgesetzt, gesondert (Part.Perf.Pass.; Adv.)
tān sarvān anupaśya tvam
diese alle betrachte du (Akk.Pl.; Imp.2.Sg.; Nom.)
samāśrityaiva gālava
und halte dich daran, Gālava (Abs. „Zuflucht genommen habend“; Vok.)
teṣāṃ teṣāṃ tathā hi tvam āśramāṇāṃ tatas tataḥ; nānārūpaguṇoddeśaṃ paśya viprasthitaṃ pṛthak; nayanti caiva te samyag abhipretam asaṃśayam
„Sieh bei jenen einzelnen Lebensstadien hier und dort die Darlegung ihrer mannigfachen Gestalt und Eigenschaften, gesondert auseinanderstehend; und doch führen sie recht zum Erstrebten, ohne Zweifel.“
Wort für Wort
teṣāṃ teṣāṃ tathā hi tvam
bei jenen jeweiligen, ja du (Gen.Pl.; Nom.)
āśramāṇāṃ tatas tataḥ
der Lebensstadien, von da und da (Gen.Pl.; Adv.)
nānārūpaguṇoddeśaṃ paśya
die Darlegung mannigfacher Gestalt und Eigenschaften sieh (Akk.Sg.m.; Imp.2.Sg.)
viprasthitaṃ pṛthak
auseinanderstehend, gesondert (Akk.Sg.m.; Adv.)
nayanti caiva te samyag
und sie führen recht (3.Pl.Präs.; Nom.Pl.m.)
abhipretam asaṃśayam
zum Erstrebten, zweifelsfrei (Akk.Sg.n.; Adv.)
Der Vers ist mit drei Pādas überliefert; die Syntax der zweiten Hälfte ist locker.
„Wer aufrichtig die höchste Bahn der Lebensstadien recht sieht, [dem gilt]: Was aber das höchste Heil ist, das ist recht und von zweifelsfreier Natur.“
Wort für Wort
ṛju paśyaṃs tathā samyag
geradeaus sehend, so recht (Adv.; Part.Präs., Nom.Sg.m.; Adv.)
āśramāṇāṃ parāṃ gatim
der Lebensstadien höchsten Weg/Ziel (Gen.Pl.; Akk.Sg.f.)
yat tu niḥśreyasaṃ samyak
was aber das höchste Heil ist, recht (Nom.Sg.n.; Adv.)
tac caivāsaṃśayātmakam
das ist auch von zweifelsfreier Natur (Nom.Sg.n.)
Syntax und Sinn der Halbverse locker gefügt; Wiedergabe unsicher. [?]
anugrahaṃ ca mitrāṇām amitrāṇāṃ ca nigraham; saṃgrahaṃ ca trivargasya śreya āhur manīṣiṇaḥ
„Wohlwollen gegenüber Freunden und Bestrafung der Feinde und das Zusammenhalten des Dreiklangs [von Pflicht, Nutzen und Lust]: das nennen die Weisen das Heil.“
Wort für Wort
anugrahaṃ ca mitrāṇām
und Gunst gegenüber Freunden (Akk.Sg.m.; Gen.Pl.)
amitrāṇāṃ ca nigraham
und gegenüber Feinden Bestrafung (Gen.Pl.; Akk.Sg.m.)
saṃgrahaṃ ca trivargasya
und das Zusammenhalten des Dreiklangs (Akk.Sg.m.; Gen.Sg.)
śreya āhur manīṣiṇaḥ
als Heil bezeichnen die Weisen (Akk.; 3.Pl.Perf.; Nom.Pl.)
śabdarūparasasparśān saha gandhena kevalān; nātyartham upaseveta śreyaso 'rthī paraṃtapa
„Klang, Gestalt, Geschmack und Berührung, zusammen mit dem Geruch, [als] bloße [Sinnesobjekte] soll man nicht übermäßig genießen, wer das Heil erstrebt, Bezwinger der Feinde.“
nirguṇās tv eva bhūyiṣṭham ātmasaṃbhāvino narāḥ; doṣair anyān guṇavataḥ kṣipanty ātmaguṇakṣayāt
„Meist aber [sind es] tugendlose Menschen, die sich selbst hochschätzen und anderen, tugendhaften, Fehler vorwerfen, weil ihre eigenen Vorzüge geschwunden sind.“
Wort für Wort
nirguṇās tv eva bhūyiṣṭham
Tugendlose aber gerade zumeist (Nom.Pl.m.; Adv.)
ātmasaṃbhāvino narāḥ
sich selbst hochschätzende Menschen (Nom.Pl.m.)
doṣair anyān guṇavataḥ
mit Fehlern andere, tugendhafte (Instr.Pl.; Akk.Pl.m.)
kṣipanty ātmaguṇakṣayāt
bewerfen, wegen Schwundes eigener Vorzüge (3.Pl.Präs.; Abl.Sg.m.)
evamādīni cānyāni parityaktāni medhayā; jvalanti yaśasā loke yāni na vyāharanti ca
„Auch andere [Dinge] von dieser Art, die von der Einsicht [der Weisen] aufgegeben sind: sie glänzen in der Welt durch Ruhm, [Menschen,] die nicht [von sich] reden.“
Wort für Wort
evamādīni cānyāni
und andere dergleichen (Nom.Pl.n.)
parityaktāni medhayā
aufgegeben durch Einsicht [?] (Part.Perf.Pass., Nom.Pl.n.; Instr.Sg.f.)
jvalanti yaśasā loke
glänzen durch Ruhm in der Welt (3.Pl.Präs.; Instr.Sg.n.; Lok.Sg.m.)
yāni na vyāharanti ca
und die nicht reden (Nom.Pl.n.; 3.Pl.Präs.)
Bezug von parityaktāni medhayā und yāni na vyāharanti unsicher; Wiedergabe vermutend. [?]
asann uccair api proktaḥ śabdaḥ samupaśāmyati; dīpyate tv eva lokeṣu śanair api subhāṣitam
Ein nichtiges Wort, selbst wenn es laut ausgesprochen wird, verhallt völlig; ein gut Gesprochenes aber leuchtet gewiss in den Welten, sei es auch leise [gesprochen].
Wort für Wort
asan uccair api proktaḥ śabdaḥ
ein nichtiges Wort, auch laut gesprochen (Nom./Part.Perf.Pass.)
samupaśāmyati
verhallt, erlischt (3.Sg.Präs.)
dīpyate tv eva lokeṣu
leuchtet aber gewiss in den Welten (3.Sg.Präs.Med./Lok.Pl.)
nāpṛṣṭaḥ kasya cid brūyān na cānyāyena pṛcchataḥ; jñānavān api medhāvī jaḍaval lokam ācaret
Ungefragt soll man zu niemandem sprechen, auch nicht zu dem, der auf unrechte Weise fragt; selbst wenn einer wissend und klug ist, soll er sich in der Welt wie ein Stumpfer verhalten.
Wort für Wort
na apṛṣṭaḥ kasya cid brūyāt
nicht ungefragt zu irgendjemandem spreche man (Part.Perf.Pass./Opt.)
na ca anyāyena pṛcchataḥ
und nicht zu dem, der unrechtmäßig fragt (Instr./Gen.Sg.Part.)
jñānavān api medhāvī
auch wenn wissend und klug (Nom.)
jaḍavat lokam ācaret
wie ein Stumpfer soll er sich gegenüber der Welt verhalten (Adv./Akk./Opt.)
tato vāsaṃ parīkṣeta dharmanityeṣu sādhuṣu; manuṣyeṣu vadānyeṣu svadharmanirateṣu ca
Danach soll man den Wohnort prüfen: unter Guten, die dem Dharma beständig ergeben sind, unter freigebigen Menschen, die ihrem eigenen Dharma zugetan sind.
Wort für Wort
tataḥ vāsaṃ parīkṣeta
danach den Wohnsitz prüfe man (Adv./Akk./Opt.Med.)
dharmanityeṣu sādhuṣu
unter den dem Dharma beständig Ergebenen, Guten (Lok.Pl.)
manuṣyeṣu vadānyeṣu
unter freigebigen Menschen (Lok.Pl.)
svadharmanirateṣu ca
und unter denen, die ihrem eigenen Dharma zugetan sind (Lok.Pl.)
Auch wer ohne Unternehmungen ist und hier von dem lebt, was er gerade erhält, wird unter den Guten reines Verdienst, unter den Bösen Böses erlangen. [?]
Wort für Wort
nirārambhaḥ api ayam iha
auch dieser, ohne Unternehmung, hier (Nom./Adv.)
yathālabdhopajīvanaḥ
von dem lebend, wie es erlangt wurde (Nom.)
puṇyaṃ puṇyeṣu vimalam
Verdienst unter den Guten, makellos (Akk./Lok.Pl./Akk.)
pāpaṃ pāpeṣu ca āpnuyāt
und Böses unter den Bösen möge er erlangen (Akk./Lok.Pl./Opt.)
Sinn der Halbverse knapp und nicht ganz sicher: wohl, dass der Mensch die Wirkung (Verdienst oder Übel) der Umgebung mitnimmt, in der er lebt.
Ohne den Ursprungsbereich der Speise zu sehen, verzehren die Reste-Esser [sie]; wisse aber, dass der, der die Speisebereiche genießt, der Bereich der Taten ist. [?]
Wort für Wort
apaśyantaḥ annaviṣayam
nicht sehend den Bereich der Speise (Part.Präs./Akk.)
bhuñjate vighasāśinaḥ
essen die Reste-Esser (3.Pl.Präs.Med./Nom.Pl.)
bhuñjānaṃ ca annaviṣayān
und den, der genießt, die Bereiche der Speise (Part.Präs.Med./Akk.Pl.)
Wo man denen, die [sich] nähern [?] und ohne Ehrerweisung fragen, das Dharma des Brahman verkünden müsste, diesen Ort möge der Selbstbeherrschte verlassen.
Wort für Wort
yatra āgamayamānānām
wo von denen, die herbeikommen/warten [?] (Adv./Gen.Pl.Part.)
asatkāreṇa pṛcchatām
ohne Ehrerweisung Fragender (Instr./Gen.Pl.Part.)
prabrūyāt brahmaṇaḥ dharmam
man verkünden müsste das Dharma des Brahman (Opt./Gen./Akk.)
tyajet tam deśam ātmavān
verlassen möge diesen Ort der Selbstbeherrschte (Opt./Akk./Nom.)
āgamayamānānām unsicher (Kausativ-Partizip von ā-gam); Konstruktion des Halbverses knapp.
durvṛtto 'pi varo vipro na ca śūdro jitendriyaḥ; kaḥ parityajya gāṃ duṣṭāṃ duhyec chīlavatīṃ kharīm; paṇḍitasyāpi śūdrasya sarvaśāstraratasya ca; vacanaṃ tasya na grāhyaṃ śunocchiṣṭaṃ havir yathā
Ein Brahmane, auch wenn er schlecht wandelt, ist besser, nicht ein Śūdra, selbst wenn er die Sinne bezwungen hat. Wer würde eine schlechte Kuh verlassen und eine wohlgesittete Eselin melken? Auch das Wort eines gelehrten Śūdra, der allen Lehrschriften ergeben ist, ist nicht anzunehmen, wie eine vom Hund angeleckte Opfergabe.
Wort für Wort
durvṛttaḥ api varaḥ vipraḥ
schlecht wandelnd, auch, besser [ist] ein Brahmane (Nom.)
na ca śūdraḥ jitendriyaḥ
nicht ein Śūdra, der Sinnenbezwinger (Nom.)
kaḥ parityajya gāṃ duṣṭām
wer, nachdem er die schlechte Kuh verlassen (Nom./Abs./Akk.)
duhyet śīlavatīṃ kharīm
würde melken die tugendhafte Eselin (Opt./Akk.)
paṇḍitasya api śūdrasya sarvaśāstraratasya ca
auch des gelehrten Śūdra, der allen Lehrschriften ergeben ist (Gen.)
vacanaṃ tasya na grāhyam
sein Wort ist nicht anzunehmen (Nom./Gen./Gerundiv)
śunocchiṣṭaṃ havir yathā
wie vom Hund angeleckte Opfergabe (Nom.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage (nur in einem Teil der Handschriften).
yena khaṭvāṃ samārūḍhaḥ karmaṇānuśayī bhavet; āditas tan na kartavyam icchatā bhavam ātmanaḥ
Durch welche Tat man auf das Lager gestiegen [d. h. sterbend] Reue empfinden würde, das soll von Anfang an nicht getan werden von dem, der sein eigenes Gedeihen wünscht.
Wort für Wort
yena khaṭvāṃ samārūḍhaḥ
durch welche, das Lager bestiegen habend (Instr./Akk./Part.)
karmaṇā anuśayī bhavet
durch die Tat reuevoll sein würde (Instr./Opt.)
āditaḥ tat na kartavyam
von Anfang an ist dies nicht zu tun (Adv./Gerundiv)
icchatā bhavam ātmanaḥ
von dem, der wünscht, das Gedeihen seiner selbst (Instr.Part./Akk./Gen.)
yatra rājā ca rājñaś ca puruṣāḥ pratyanantarāḥ; kuṭumbinām agrabhujas tyajet tad rāṣṭram ātmavān
Wo der König und die Männer des Königs, die ihm unmittelbar folgen, als Erste vor den Haushältern speisen [?], dieses Reich soll der Selbstbeherrschte verlassen.
Wort für Wort
yatra rājā ca rājñaḥ ca
wo der König und des Königs (Nom./Gen.)
puruṣāḥ pratyanantarāḥ
Männer, unmittelbar folgende (Nom.Pl.)
kuṭumbinām agrabhujaḥ
vor den Haushältern als Erste Essende [?] (Gen.Pl./Nom.Pl.)
tyajet tat rāṣṭram ātmavān
verlassen soll dieses Reich der Selbstbeherrschte (Opt./Akk./Nom.)
agrabhuj: Sinn (vorwegessend / den ersten Anteil nehmend) nicht ganz sicher.
śrotriyās tv agrabhoktāro dharmanityāḥ sanātanāḥ; yājanādhyāpane yuktā yatra tad rāṣṭram āvaset
Wo aber Vedakundige, als Erste Speisende, dem Dharma beständig ergeben, altehrwürdig, mit Opferleitung und Unterricht befasst sind, in diesem Reich möge man wohnen.
Wort für Wort
śrotriyāḥ tu agrabhoktāraḥ
Vedakundige aber, als Erste Speisende (Nom.Pl.)
dharmanityāḥ sanātanāḥ
dem Dharma beständig ergeben, altehrwürdig (Nom.Pl.)
yājanādhyāpane yuktāḥ
mit Opferleitung und Unterricht betraut (Lok./Nom.Pl.)
yatra tat rāṣṭram āvaset
wo, in diesem Reich möge man wohnen (Adv./Akk./Opt.)
Sieht man hier Unreines, nämlich Brahmanen, die durch [Mangel an] Unterhalt abgemagert sind, so verlasse man dieses nahe Reich wie verunreinigte Fleischspeise. [?]
Wort für Wort
aśucīni atra paśyeta
Unreines sähe man hier (Akk.Pl.n./Adv./Opt.Med.)
brāhmaṇān vṛttikarśitān
Brahmanen, durch den Lebensunterhalt abgezehrt (Akk.Pl./Part.)
tyajet tat rāṣṭram āsannam
verlassen möge man dieses Reich, das nahe [?] (Opt./Akk./Part.)
upasṛṣṭam iva āmiṣam
wie verunreinigtes Fleisch/Speise (Akk.)
āsannam und der Zusammenhang von Halbvers a und b nicht ganz sicher.
daṇḍo yatrāvinīteṣu satkāraś ca kṛtātmasu; caret tatra vasec caiva puṇyaśīleṣu sādhuṣu
Wo Zucht gegenüber den Ungezogenen und Ehrung gegenüber den Geläuterten herrscht, dort möge man wandeln und wohnen, unter den Guten von tugendhaftem Wesen.
Wort für Wort
daṇḍaḥ yatra avinīteṣu
Bestrafung, wo, gegenüber Ungezogenen (Nom./Lok.Pl.)
Wo der König dem Dharma beständig ergeben ist und das Königtum [pflichtgemäß] betreut, dort möge man ohne Zögern wohnen, nachdem man die Begierden abgelegt hat, als Herr der Wünsche [?].
Wort für Wort
yatra rājā dharmanityaḥ
wo der König, dem Dharma beständig ergeben (Nom.)
rājyaṃ vai paryupāsitā
das Königtum wahrlich betreuend (Akk./Nom.Agens)
apāsya kāmān kāmeśaḥ
nachdem man die Begierden abgelegt, Herr der Wünsche [?] (Abs./Akk.Pl./Nom.)
pṛcchatas te mayā tāta śreya etad udāhṛtam; na hi śakyaṃ pradhānena śreyaḥ saṃkhyātum ātmanaḥ
Auf deine Frage, mein Lieber, ist dir von mir dies als Heil dargelegt worden; denn nicht ist es möglich, das eigene Heil der Hauptsache nach vollständig aufzuzählen. [?]
Wort für Wort
pṛcchataḥ te mayā tāta
dir, der du fragst, von mir, Lieber (Gen.Part./Instr./Vok.)
śreyaḥ etat udāhṛtam
als Heil ist dies dargelegt (Nom./Part.Perf.Pass.)
na hi śakyam pradhānena
denn nicht ist möglich, der Hauptsache nach (Nom.n./Instr.)
śreyaḥ saṃkhyātum ātmanaḥ
das Heil aufzuzählen, eigenes (Akk./Inf./Gen.)
pradhānena unsicher (etwa: in Hauptpunkten/in Vollständigkeit).